Georg August Ignaz Appunn
Überblick
Georg August Ignaz Appunn ist eine besondere Gestalt der deutschen Musik- und Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Er steht nicht im Zentrum der Kompositionsgeschichte, sondern an der Schnittstelle von praktischer Musik, Unterricht, Instrumentenbau, physiologischer Akustik, Stimmungssystemen und experimenteller Hörforschung. Sein Lebensweg führt von der Tätigkeit als vielseitiger Musiker und Lehrer in Hanau und Frankfurt am Main zu einer spezialisierten Arbeit an akustischen Apparaten, Tonmessern, Orgelpfeifen und Harmonien, mit denen Tonhöhen, Schwebungen, Intervalle, Obertöne und reine Stimmung untersucht werden konnten.
Appunn gehört zu jener Generation, in der Musiktheorie, Naturwissenschaft und Instrumentenpraxis neu aufeinandertrafen. Das 19. Jahrhundert war von einer starken Verwissenschaftlichung des Hörens geprägt. Hermann von Helmholtz veröffentlichte 1863 seine Lehre von den Tonempfindungen, die zu einem Grundlagenwerk der musikalischen Akustik wurde. Appunn reagierte auf diese Forschungen nicht nur als Leser, sondern als praktischer Apparatebauer. Er konstruierte Instrumente, an denen Schwebungen, Intervallreinheit, Tonhöhenmessung und spektrale Eigenschaften unmittelbar erfahrbar wurden.
Seine Werkstatt in Hanau war deshalb mehr als eine lokale Instrumentenbauwerkstatt. Sie wurde zu einem Ort, an dem Musiktheorie, experimentelle Physik und Hörpsychologie materielle Gestalt erhielten. Die heute in Museumssammlungen erhaltenen Appunnschen Tonometer zeigen, dass seine Apparate nicht nur für den Unterricht, sondern auch für wissenschaftliche Forschung und internationale Sammlungen bestimmt waren. Der Name Appunn begegnet daher in musikwissenschaftlichen, akustikhistorischen, physikalischen und sammlungsgeschichtlichen Kontexten.
Kurzdaten
| Name | Georg August Ignaz Appunn. |
|---|---|
| Namensformen | Georg August Ignaz Appunn, Georg August Ignaz Appun, Georg August Appunn, Georg August Appun, Georg August Ignatz Appunn, Georg Appunn, Georg Appun, George Appunn. |
| Geboren | 27. August 1816 in Hanau; mehrere Fachquellen nennen abweichend den 1. September 1816. |
| Gestorben | 14. Januar 1885 in Hanau. |
| Beruf | Musiker, Lehrer, Instrumentenbauer, Akustiker, Orgel- und Harmoniumpraktiker, Konstrukteur akustischer Apparate und Vermittler zwischen Musiktheorie und experimenteller Physik. |
| Konfession | Evangelisch. |
| Herkunft | Hanauer Musiker- und Handwerkerumfeld; Sohn des Chirurgen Friedrich Appun und der Susanne Marie Koch. |
| Ausbildung | Studien in Harmonielehre und Komposition bei Johann Anton André in Offenbach und bei Franz Xaver Schnyder von Wartensee in Frankfurt am Main. |
| Frühe Tätigkeit | Bis etwa 1860 Lehrer für Musiktheorie, Instrumentalspiel und Gesang in Hanau und Frankfurt am Main. |
| Spätere Tätigkeit | Akustische Untersuchungen, Konstruktion von Tonmessern, Tonometer-Apparaten, Orgelpfeifen, Harmonien und Instrumenten für reine Stimmung. |
| Wichtige Bezugspersonen | Hermann von Helmholtz, Arthur von Oettingen, Gustav Engel, Alexander J. Ellis und Anton Appunn. |
| Wichtige Instrumente | Tonmesser, Tonometer, Tenor-Tonometer, Treble-Tonometer, Orgelpfeifen, Obertöne-Apparate, Harmonien mit 36- und 53stufiger Skala reiner Stimmung. |
| Hauptschrift | Ueber die Helmholtz’sche Lehre von den Tonempfindungen als Grundlage für die Theorie der Musik, nebst Beschreibung einiger, zum Theil ganz neuer Apparate. |
| Familienbezug | Vater von Anton Appunn, der als Musiker, Akustiker und Hersteller akustischer Apparate die Hanauer Werkstatttradition fortführte. |
Name, Datierung und Familie
Die Quellen überliefern den Familiennamen sowohl als Appun als auch als Appunn. Die Deutsche Biographie führt die Formen Appun, Georg August Ignaz, Appunn, Georg, Appun, Georg, Appunn, Georg August und Appunn, Georg August Ignatz. Für diese Kulturlexikon-Seite wird die vom Lemma vorgegebene Form Georg August Ignaz Appunn verwendet; die Form Appun bleibt jedoch als wichtige Such- und Quellenform erhalten. In englischen Museumskatalogen erscheint außerdem George Appunn, besonders bei Instrumenten, die als George Appunn and Sons verzeichnet sind.
Auch beim Geburtsdatum besteht eine Differenz. Die hier übernommene Lemmaangabe lautet 27. August 1816. Die Deutsche Biographie nennt dagegen 1. September 1816. Für die praktische Seitenfassung ist es sinnvoll, im Kopf die Lemmaangabe zu verwenden und die abweichende lexikalische Angabe im Text zu dokumentieren. Das Sterbedatum ist einheitlicher überliefert: Appunn starb am 14. Januar 1885 in Hanau.
Appunns Familie gehört in ein Hanauer bürgerlich-handwerkliches Milieu. Sein Vater Friedrich Appun war Chirurg, seine Mutter hieß Susanne Marie Koch. Georg August Ignaz Appunn war mehrfach verheiratet; unter seinen Kindern ist besonders Anton Appunn wichtig, der als Akustiker und Instrumentenbauer die Arbeit an Tonmessern und akustischen Apparaten fortsetzte. Dadurch wird die Appunn-Werkstatt nicht nur als individuelles, sondern als familiengeschichtliches Kapitel der deutschen Akustikgeschichte greifbar.
Biographische Grundlinien
Georg August Ignaz Appunn wurde 1816 in Hanau geboren. Seine musikalische Ausbildung führte ihn zu zwei wichtigen Lehrern des mittleren Rhein-Main-Raums: zu Johann Anton André in Offenbach und zu Franz Xaver Schnyder von Wartensee in Frankfurt am Main. Diese Ausbildung verband kompositorisches Handwerk, Harmonielehre, praktisches Musizieren und theoretische Musikkultur. Appunn war nach zeitgenössischen und späteren biographischen Angaben ein außerordentlich vielseitiger Musiker, der fast alle Instrumente spielte und als Orgelspieler geschätzt wurde.
Bis etwa 1860 wirkte Appunn als Lehrer für Musiktheorie, Instrumentalspiel und Gesang in Hanau und Frankfurt am Main. Diese pädagogische Phase ist für seine spätere Akustik nicht nebensächlich. Wer Tonhöhen, Intervalle, Stimmung, Stimme und Instrumente unterrichtet, begegnet täglich den praktischen Problemen, die im 19. Jahrhundert zunehmend wissenschaftlich formuliert wurden: Warum klingen Intervalle rein oder unrein? Wie entstehen Schwebungen? Warum weicht gleichschwebende Temperatur von reiner Stimmung ab? Wie lässt sich ein Ton genau messen? Wie kann das Ohr lernen, kleinste Differenzen zu unterscheiden?
Um 1860 verschob sich Appunns Arbeitsschwerpunkt. Er widmete sich nun fast ausschließlich akustischen Untersuchungen und der Konstruktion akustischer Apparate. In Hanau entstanden Tonmesser, Tonometer, Orgelpfeifen, Apparate zur Erzeugung und Demonstration von Obertönen sowie Harmonien mit ungewöhnlichen Tonsystemen. Seine Apparate dienten nicht primär der Konzertpraxis, sondern der Messung, Demonstration und Erforschung musikalischer Phänomene. Dadurch unterscheidet sich Appunn von einem gewöhnlichen Instrumentenbauer: Er baute Instrumente als Erkenntnismittel.
Besonders wichtig wurde der Zusammenhang mit Hermann von Helmholtz. Helmholtz’ Lehre von den Tonempfindungen rückte das Verhältnis von Physik, Physiologie, Musiktheorie und Ästhetik in ein neues Licht. Appunn griff diese Forschungen auf und stellte Apparate her, mit denen sich Helmholtzsche Beobachtungen erläutern, überprüfen und didaktisch vermitteln ließen. Zugleich stand er mit Arthur von Oettingen und Gustav Engel in Beziehung, also mit Forschern und Musiktheoretikern, die ebenfalls über Stimmung, Harmonie und Tonwahrnehmung nachdachten.
Appunn starb am 14. Januar 1885 in Hanau. Seine Bedeutung verschwand danach nicht, sondern setzte sich in der Werkstatt- und Sammlungsgeschichte fort. Appunnsche Apparate wurden in Museen, Laboratorien und psychologischen Instituten verwendet; sein Sohn Anton Appunn führte die Herstellung akustischer Geräte weiter. Heute ist Georg August Ignaz Appunn vor allem für die Geschichte der musikalischen Akustik, der Hörpsychologie, der Stimmungssysteme und der wissenschaftlichen Instrumente des 19. Jahrhunderts relevant.
Ausführlicher Kulturüberblick
Appunns Lebenswerk gehört in die Zeit, in der Musiktheorie, Naturwissenschaft und technische Apparatekultur eng zusammenrückten. Seit Ernst Chladni war die Akustik nicht mehr nur ein mathematisch-abstraktes Gebiet, sondern eine experimentelle Wissenschaft sichtbarer und hörbarer Phänomene. Schwingungen, Klangfiguren, Stimmgabeln, Resonatoren, Sirenen, Monochorde, Orgelpfeifen und Tonmesser machten den Ton zu einem Gegenstand, der gemessen, gezählt, verglichen und demonstriert werden konnte.
Das 19. Jahrhundert veränderte damit auch das musikalische Denken. Intervalle wurden nicht mehr nur aus Tradition, Kompositionslehre oder praktischer Stimmung erklärt, sondern aus Frequenzverhältnissen, Schwebungen, Obertönen und physiologischer Wahrnehmung. Die Frage, warum eine Quinte, eine Terz oder ein Dreiklang konsonant oder dissonant wirkt, wurde zu einer Frage der Psychoakustik, der Physiologie und der experimentellen Physik. Appunn steht genau an dieser Schnittstelle.
Seine Instrumente sind deshalb kulturgeschichtlich aufschlussreich. Ein Tonmesser oder Tonometer ist nicht einfach ein Hilfsmittel zum Stimmen. Er macht eine neue Auffassung von Musik sichtbar: Musik erscheint als messbarer Klang, als Frequenz, als kontrollierbares Intervall und als Gegenstand wissenschaftlicher Demonstration. Gleichzeitig bleibt Appunn Musiker. Seine Apparate entstehen nicht aus einem rein physikalischen Labor, sondern aus der Praxis des Unterrichts, der Orgel, der Harmonielehre und des Instrumentalspiels.
Besonders stark ist Appunn mit der Debatte um reine Stimmung verbunden. Die gleichschwebende Temperatur hatte sich für Tasteninstrumente als praktikable Lösung durchgesetzt, weil sie das Spiel in allen Tonarten ermöglichte. Doch sie verwischt die exakten, aus einfachen Zahlenverhältnissen abgeleiteten Intervalle der reinen Stimmung. Appunns Harmonien mit 36- und 53stufiger Skala zeigen den Versuch, diese Differenz technisch zu bearbeiten. Sie sollten die Genauigkeit reiner oder annähernd reiner Intervalle hörbar machen und zugleich auf einem Tasten- beziehungsweise Zungeninstrument verfügbar halten.
Damit gehört Appunn auch in die Vorgeschichte mikrotonaler und enharmonischer Instrumentenexperimente. Seine Arbeit war nicht avantgardistisch im Sinn des 20. Jahrhunderts, aber sie stellte die scheinbare Selbstverständlichkeit des zwölftönig temperierten Systems infrage. Sie öffnete einen Raum, in dem Klang, Intervall und Stimmung als historisch, technisch und wahrnehmungsphysiologisch bedingte Größen verstanden werden konnten.
Musikalische Akustik, Tonempfindung und Experiment
Die musikalische Akustik des 19. Jahrhunderts war eine Wissenschaft zwischen Ohr, Instrument und Rechnung. Appunns Arbeit zeigt diese Dreistellung besonders klar. Ein Ton lässt sich mathematisch als Schwingungszahl beschreiben, physiologisch als Empfindung hören und instrumentell durch Pfeifen, Zungen oder Stimmgabeln erzeugen. Der Akustiker muss daher nicht nur rechnen, sondern auch bauen und hören können. Appunn verband diese Fähigkeiten.
Seine Apparate dienten vor allem der Demonstration von Schwebungen, Intervallen und Tonhöhen. Schwebungen entstehen, wenn zwei sehr nahe beieinanderliegende Frequenzen gleichzeitig erklingen. Sie sind für die praktische Stimmung von Instrumenten unentbehrlich, weil sie Abweichungen hörbar machen. Appunns Tonmesser nutzten genau dieses Prinzip: Durch Vergleich mit genau abgestimmten Zungen oder Pfeifen konnte die Tonhöhe eines Klanges bestimmt werden.
Für den Unterricht war dies besonders wertvoll. Abstrakte Zahlenverhältnisse werden erst dann wirklich musikalisch verständlich, wenn sie hörbar werden. Appunns Apparate machten aus der Theorie der Tonempfindungen eine praktische Hörschule. Sie konnten zeigen, wie ein Intervall sich verändert, wenn eine Frequenz geringfügig abweicht; wie Obertöne die Klangfarbe bestimmen; wie reine und temperierte Intervalle voneinander abweichen; und wie empfindlich das Ohr auf bestimmte Schwebungen reagiert.
Tonmesser, Tonometer und Messinstrumente
Der Tonmesser ist das zentrale Instrument in Appunns Nachruhm. Seine Tonometer bestanden aus Reihen von Zungen oder Pfeifen, deren Tonhöhen in genau bestimmten Abständen aufeinanderfolgten. Das Prinzip ist einfach, aber wirkungsvoll: Wenn ein unbekannter Ton mit einer benachbarten Messzunge verglichen wird, entstehen Schwebungen. Aus deren Zahl und Art lässt sich ableiten, wie hoch oder tief der unbekannte Ton liegt.
Das im Science-Museum-Umfeld überlieferte Tenor-Tonometer von 1870 umfasst einen Bereich von c’ 256 bis c’’ 512 und arbeitet mit eng abgestuften Intervallen. Das Treble-Tonometer enthält 33 Zungen und deckt einen höheren Bereich ab. Solche Instrumente zeigen, dass Appunn nicht nur für lokale Musiker baute, sondern Apparate schuf, die in wissenschaftlichen Sammlungen und internationalen Forschungskontexten Bedeutung hatten.
Die Tonometer verbinden Musik und Messtechnik. Sie sind zugleich Hörinstrumente, Laborgeräte und pädagogische Apparate. Ihr Klang ist nicht für ästhetische Aufführung bestimmt, sondern für Vergleich, Kontrolle und Erkenntnis. Gerade darin liegt ihre Bedeutung für die Kulturgeschichte der Musik: Sie verschieben die Aufmerksamkeit vom Werk und vom Ausdruck hin zur materiellen, messbaren und wahrnehmungsphysiologischen Grundlage des Tons.
Reine Stimmung, Harmonien und mikrointervallische Skalen
Appunns Harmonien mit 36- und 53stufiger Skala gehören zu den bemerkenswertesten Instrumentenexperimenten des 19. Jahrhunderts. Sie sollten die Differenz zwischen gleichschwebender Temperatur und reiner Stimmung praktisch erfahrbar machen. Während das gewöhnliche Klavier die Oktave in zwölf gleiche Halbtöne teilt, sucht die reine Stimmung nach Intervallen, die aus einfachen Zahlenverhältnissen hervorgehen. Das erzeugt besonders reine Terzen, Quinten und Dreiklänge, erschwert aber die freie Modulation in entfernte Tonarten.
Eine 53stufige Unterteilung der Oktave bietet eine wesentlich feinere Annäherung an bestimmte reine Intervalle. Appunns Interesse daran zeigt, dass er die musikalische Praxis nicht als endgültig festgelegt ansah. Instrumentenbau konnte für ihn eine theoretische Frage beantworten: Wie muss ein Tasten- oder Zungeninstrument beschaffen sein, damit es differenziertere Tonhöhenverhältnisse hörbar macht?
Solche Instrumente stehen in einer Linie mit enharmonischen Harmonien, reingestimmten Harmoniums, experimentellen Tastaturen und späteren mikrotonalen Instrumenten. Appunn ist deshalb nicht nur als Akustiker, sondern auch als Vorläufer einer erweiterten Stimmungspraxis wichtig. Seine Arbeit zeigt, dass die Mikrotonalität des 20. Jahrhunderts eine längere Vorgeschichte in der akustischen und musiktheoretischen Forschung des 19. Jahrhunderts besitzt.
Helmholtz, Oettingen, Engel und wissenschaftliche Netzwerke
Appunn stand mit mehreren wichtigen Gestalten der akustischen und musiktheoretischen Forschung in Beziehung. Hermann von Helmholtz war für ihn der wichtigste Bezugspunkt, weil dessen Lehre von den Tonempfindungen eine neue Grundlage für die Theorie der Musik bot. Appunns eigene Schrift über die Helmholtzsche Lehre zeigt, dass er diese Theorie nicht nur rezipierte, sondern durch Apparate erläutern und ergänzen wollte.
Arthur von Oettingen gehört in denselben Problemkreis. Oettingen beschäftigte sich mit Harmonie, reiner Stimmung und dualistischer Musiktheorie; seine Experimente und Instrumenteninteressen berühren Appunns Arbeit unmittelbar. Gustav Engel, der über Stimme, Vokale und musikalische Akustik arbeitete, steht ebenfalls in diesem Netzwerk. Appunn war damit Teil einer wissenschaftlich-musikalischen Kommunikationsgemeinschaft, in der Musiker, Physiker, Physiologen, Musiktheoretiker und Instrumentenbauer zusammenwirkten.
Alexander J. Ellis ist für die internationale Rezeption wichtig. Er interessierte sich für Tonhöhenmessung, Stimmungsfragen und die Geschichte des musikalischen Pitches und dokumentierte Appunnsche Apparate im englischen Sammlungskontext. Dadurch gelangten Appunns Instrumente in einen internationalen Rahmen, der über Hanau und Deutschland hinausweist.
Rezeption und heutige Einordnung
Appunns Name ist heute vor allem in Spezialgebieten präsent: in der Geschichte der musikalischen Akustik, der Sammlung wissenschaftlicher Instrumente, der Geschichte der Stimmungssysteme, der Hörpsychologie und der Helmholtz-Rezeption. In allgemeinen Musikgeschichten erscheint er nur selten, weil er kein kanonischer Komponist war. Für ein Kulturlexikon ist gerade diese Randstellung aufschlussreich. Sie zeigt, dass Musikgeschichte nicht nur aus Werken, Stilen und Komponisten besteht, sondern auch aus Apparaten, Messverfahren, Unterrichtspraktiken und Instrumentenwerkstätten.
Seine Instrumente besitzen heute musealen und wissenschaftshistorischen Wert. Sie dokumentieren eine Phase, in der das Hören selbst zum Gegenstand technischer und experimenteller Forschung wurde. Tonmesser, Tonometer und Obertöne-Apparate sind materielle Zeugnisse einer Kultur, die die Musik nicht entzaubern wollte, sondern ihre akustischen Bedingungen genauer verstehen wollte.
Appunn ist daher am besten als Vermittler zu verstehen: zwischen Musiker und Physiker, Lehrer und Apparatebauer, Orgelspieler und Akustiker, lokaler Hanauer Werkstatt und internationaler Wissenschaft. Seine Bedeutung liegt in dieser vermittelnden Funktion. Er machte die Theorie hörbar.
Werkverzeichnis
Das Werkverzeichnis Georg August Ignaz Appunns muss anders angelegt werden als das eines Komponisten. Seine wichtigsten Leistungen liegen nicht in einem großen musikalischen Œuvre, sondern in Schriften, Apparaten, Instrumenten, Reparaturen, akustischen Demonstrationsmitteln, Stimmungsinstrumenten und einzelnen musikalischen Bearbeitungen. Die folgende Übersicht trennt daher Veröffentlichungen, Apparate, Harmonien, Werkstattprodukte, nachweisbare praktische Arbeiten und quellenkritisch zu behandelnde Werkgruppen.
| Ueber die Helmholtz’sche Lehre von den Tonempfindungen als Grundlage für die Theorie der Musik | 1863; Hauptschrift Appunns zur Helmholtz-Rezeption, verbunden mit der Beschreibung einiger, zum Teil neuer Apparate, die zur Erläuterung und zum Beweis der Theorie geeignet waren. Die Schrift gehört in den unmittelbaren Umkreis der physiologischen Akustik und der musiktheoretischen Neuordnung des 19. Jahrhunderts. |
|---|---|
| Beschreibung akustischer Apparate zur Tonempfindungslehre | Werk- und Schriftenkomplex im Zusammenhang der Helmholtzschen Lehre; nicht als isolierte Komposition, sondern als apparatekundlicher Beitrag zu verstehen. Dazu gehören Beschreibungen von Vorrichtungen, mit denen Schwebungen, Obertöne, Tonhöhen und Intervallreinheit demonstriert werden konnten. |
| Tonmesser | Akustischer Apparat zur Bestimmung von Tonhöhen durch Vergleich und Schwebungen. Appunnsche Tonmesser wurden in Forschung, Unterricht und Sammlungspraxis verwendet und später von Anton Appunn beziehungsweise der Werkstatt Appunn & Söhne weitergeführt. |
| Tonometer | Reihen von Zungen oder Pfeifen in genau bestimmten Abstufungen; dienten der Messung und Demonstration von Tonhöhen, Intervallen und Schwebungen. Die Tonometer gehören zu Appunns wichtigsten instrumentenkundlichen Leistungen. |
| Tenor-Tonometer | Um 1870; im englischen Sammlungskontext als von George Appunn and Sons in Hanau gefertigtes Tonometer überliefert. Das Instrument deckt den Bereich c’ 256 bis c’’ 512 ab und arbeitet mit eng gestuften Zungen zur Tonhöhenbestimmung. |
| Treble-Tonometer | Um 1870; im Science Museum Group Collection Online als Appunnsches Treble-Tonometer mit 33 Zungen nachgewiesen. Es ist ein wichtiges erhaltenes Objekt der Appunnschen Messinstrumente. |
| Tonmesser mit durchschlagenden Zungen | Instrumententyp, bei dem Metallzungen durch Luftstrom zum Schwingen gebracht werden. Solche Apparate dienten der genauen Erzeugung und Vergleichung von Tonhöhen und bilden eine Verbindung zwischen Harmoniumtechnik und akustischer Messtechnik. |
| Ton-Differenz-Apparat | Apparat beziehungsweise Werkstattprodukt zur Demonstration sehr kleiner Tonabstände und Schwebungsdifferenzen. In der psychologischen und akustischen Laborliteratur begegnen solche Geräte als Hilfsmittel zur Untersuchung der Tonunterscheidung. |
| Obertöne-Apparat | Apparat zur Demonstration von Obertönen, Teiltönen und Klangzusammensetzung. Solche Geräte stehen in unmittelbarer Beziehung zur Helmholtzschen Klangfarbenlehre. |
| Orgelpfeifen für akustische Untersuchungen | Um 1865 bis 1870; Appunnsche Orgelpfeifen wurden in der Forschung zu Schwingungen, Tonhöhen, Teiltönen und Klangfarbe verwendet. Sie belegen seine Werkstatt als Lieferantin wissenschaftlich brauchbarer Klangquellen. |
| Harmonien mit 36stufiger Skala reiner Stimmung | Experimentelle Zungen- beziehungsweise Tasteninstrumente zur Demonstration und praktischen Erprobung reiner Stimmung. Sie zeigen Appunns Interesse an alternativen Tonsystemen jenseits der gewöhnlichen zwölfstufigen Temperatur. |
| Harmonien mit 53stufiger Skala reiner Stimmung | Experimentelle Harmonien mit feiner Unterteilung der Oktave; besonders wichtig für Appunns Stellung in der Geschichte mikrointervallischer und reingestimmter Instrumente. Sie dienten nicht primär der allgemeinen Konzertpraxis, sondern der akustischen und theoretischen Forschung. |
| Mathematisch-harmonische Harmonium- und Stimmungsexperimente | Werkgruppe aus Instrumenten, Entwürfen und praktischen Versuchen zur reinen Stimmung, zur enharmonischen Differenzierung und zur Darstellung fein abgestufter Tonsysteme. Die genaue Einzelüberlieferung ist quellenkundlich über Museumskataloge, Briefe und Spezialliteratur zu prüfen. |
| Apparate für Vokal- und Klangfarbenuntersuchungen | Apparate zur Demonstration der Zusammensetzung von Klangfarben, Obertönen und möglicherweise Vokalklängen. Diese Werkgruppe gehört in die Nähe der Helmholtzschen und Engel’schen Forschungen über Stimme, Sprache und Ohr. |
| Akustische Lehr- und Demonstrationsapparate | Sammelbezeichnung für Instrumente, die Appunn für Unterricht, Labor, Vorlesung und Demonstration baute. Sie umfassten Tonmesser, Pfeifen, Zungenapparate, Oberton- und Intervallapparate sowie Hilfsmittel für die physiologische Akustik. |
| Orgelreparaturen und praktische Instrumentenarbeiten | Appunn ist auch als praktischer Instrumentenarbeiter greifbar, etwa in Orgelreparaturzusammenhängen im Hanauer Raum. Diese Arbeiten gehören nicht zum wissenschaftlichen Hauptwerk, zeigen aber seine handwerkliche und musikalische Grundlage. |
| Klavierübertragungen und musikalische Bearbeitungen | Einzelne Hofmeister- und Verlagsnachweise nennen musikalische Übertragungen beziehungsweise Bearbeitungen durch Georg Appunn, etwa für Klavier. Dieser Bereich ist gegenüber den akustischen Arbeiten sekundär und quellenkritisch gesondert zu erfassen. |
| Unterrichtswerk und mündliche Lehrpraxis | Appunns jahrzehntelange Tätigkeit als Lehrer für Theorie, Gesang und Instrumentalspiel ist als Werk im weiteren kulturgeschichtlichen Sinn zu verstehen. Sie bildet die Voraussetzung seiner späteren akustischen Apparate, auch wenn keine umfassende gedruckte Lehrschule nachweisbar ist. |
| Werkstatt Appunn und Söhne | Nach Appunns eigener Tätigkeit wurde die Werkstatttradition durch seinen Sohn Anton Appunn und die Firma Appunn & Söhne fortgeführt. Spätere Apparate aus dieser Werkstatt sind nicht immer eindeutig Georg August Ignaz Appunn selbst zuzuschreiben, gehören aber zur Wirkungsgeschichte seines instrumentenakustischen Ansatzes. |
Sekundärliteratur
- Benedict, Carl: Appun, Georg August Ignaz. In: Neue Deutsche Biographie, Band 1. Berlin 1953. Grundlegender biographischer Artikel zu Leben, Beruf, Familie, Lehrtätigkeit, akustischen Untersuchungen und Helmholtz-Bezug.
- Ellis, Alexander J.: Description of Appunn’s Tonometers. Manuskript beziehungsweise Sammlungskontext des South Kensington Museum, um 1880. Wichtig für die technische Beschreibung der Appunnschen Tonometer und ihre englische Sammlungsgeschichte.
- Helmholtz, Hermann von: Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik. Braunschweig 1863. Grundlagenwerk der physiologischen Akustik, auf das Appunn mit Apparaten und einer eigenen Schrift reagierte.
- Hoffmann, Christoph u. a.: Studien zur Geschichte akustischer Apparate und Sinnesinstrumente des 19. Jahrhunderts. Kontextliteratur zur Materialgeschichte der Akustik, in der Appunn als Hersteller und Experimentator einzuordnen ist.
- Kidd, Joseph H.: On Appunn’s Tonometer. In: Journal of the Society of Arts, 1877. Englischer zeitgenössischer Kontext zur Tonhöhenmessung und zur internationalen Diskussion von Appunns Tonometer.
- Oettingen, Arthur von: Schriften zur Harmonie, reinen Stimmung und zum Orthotonophonium. Wichtiger theoretischer Vergleichskontext für Appunns Instrumente und seine Beziehung zu Stimmungsexperimenten.
- Pantalony, David: Altered Sensations. Rudolph Koenig’s Acoustical Workshop in Nineteenth-Century Paris. Dordrecht 2009. Kontextwerk zur Geschichte akustischer Instrumente und Apparate, das die Rolle von Werkstätten, Sammlungen und Forschern sichtbar macht.
- Preller, Katharina: Akustik-Wissen im Klavierbau des 19. Jahrhunderts. Dissertation, München 2021. Neuere Studie zur Wissens- und Instrumentengeschichte der musikalischen Akustik, mit Appunn als wichtigem Hersteller akustischer Apparate.
- Riemann, Hugo: Appunn. In: Musik-Lexikon, spätere Ausgaben. Älterer lexikalischer Nachweis, wichtig für die musikgeschichtliche Rezeption des Namens Appunn.
- Steege, Benjamin: Arbeiten zu Helmholtz, Musiktheorie und öffentlicher Wissenschaft im 19. Jahrhundert. Kontext für die Verbindung von Tonempfindungslehre, Öffentlichkeit, Musiktheorie und Apparatekultur.
- Stumpf, Carl: Schriften zur Tonpsychologie und zu akustischen Apparaten. Wichtig für die spätere psychologische Verwendung von Appunnschen Tonmessern und verwandten Apparaten.
- Wundt, Wilhelm: Grundzüge der physiologischen Psychologie. Leipzig. Psychologische Standardliteratur, in der Appunnsche Tonmesser und akustische Apparate im Labor- und Wahrnehmungskontext wichtig wurden.
Ausgewählte Onlinequellen
- Bayerisches Musiker-Lexikon Online: Georg August Ignaz Appunn Musikwissenschaftlicher Personendatensatz mit Normdaten, Lebensdaten, Varianten und vernetzten Nachweisen.
- Deutsche Biographie: Appun, Georg August Ignaz Zentrale deutschsprachige Fachquelle zu Lebensdaten, Familie, Beruf, Lehrtätigkeit, akustischen Untersuchungen, Apparaten und Helmholtz-Bezug.
- Deutsches Museum Studies 16: Akustische Apparate und ihre Erbauer Neuere Studie zur Geschichte akustischer Instrumente des 19. Jahrhunderts mit einem Abschnitt zu Georg Appunn, Hanau, und Orgelpfeifen.
- Edinburgh University Collection of Historic Musical Instruments: Brief List K Sammlungsliste mit Appunn-&-Söhne-Nachweisen zu Tonmesser, Orgelpfeifen und weiteren akustischen Apparaten.
- MGG Online: Appunn Fachlexikalischer Artikel beziehungsweise Vorschauseite zur Familie Appunn und zu Georg August Ignaz Appunns Ausbildung, Akustik und Werkstattbeziehungen.
- Science Museum Group Collection: Appunn’s Treble Tonometer Musealer Objektdatensatz zu einem um 1870 in Hanau hergestellten Appunnschen Treble-Tonometer mit 33 Zungen.
- Sound and Science: Appunn’s Tenor Tonometer Ausführlicher Objekteintrag zum Appunnschen Tenor-Tonometer von 1870 mit technischen Angaben, Sammlungsbezug und Beschreibung der Schwebungsmessung.
- Universität Tartu: Arthur von Oettingen und sein Orthotonophonium im Kontext Forschungstext zu Oettingen, reiner Stimmung, Harmoniumexperimenten und Appunns Rolle im Bau spezieller Stimmungsinstrumente.
- Universität München: Akustik-Wissen im Klavierbau des 19. Jahrhunderts Dissertation zu akustischem Wissen, Instrumentenbau und Laborapparaten des 19. Jahrhunderts, mit Appunn als wichtigem Hanauer Akustik-Instrumentenbauer.
- Wikimedia Commons / Internet Archive: Über die Grenzen der Tonwahrnehmung Historischer Text mit Hinweisen auf von Appunn in Hanau hergestellte Zungen und Tonmesser zur Erforschung der Tonwahrnehmung.
Weiterführende Einträge
- Akustik Wissenschaft vom Schall, in deren musikalischem und experimentellem Bereich Appunn wirkte.
- Johann Anton André Offenbacher Komponist und Verleger, bei dem Appunn Harmonielehre und Komposition studierte.
- Anton Appunn Sohn Georg August Ignaz Appunns, Musiker und Akustiker, der die Hanauer Apparate- und Instrumententradition fortführte.
- Ernst Chladni Begründer moderner experimenteller Akustik, dessen Klangfiguren und Schwingungsforschung Appunns Zeitalter vorbereiteten.
- Gustav Engel Musiktheoretiker und Akustiker, mit dem Appunn in Beziehung stand und der im Umfeld von Stimme, Sprache und Tonwahrnehmung wichtig ist.
- Frankfurt am Main Wirkungs- und Ausbildungsraum Appunns, besonders durch den Unterricht bei Schnyder von Wartensee.
- Hanau Geburts-, Wirkungs- und Sterbeort Appunns sowie Sitz seiner Werkstatt für akustische Apparate.
- Harmonium Zungeninstrument, dessen Technik für Appunns Tonmesser und reingestimmte Harmonien grundlegend war.
- Hermann von Helmholtz Physiker und Autor der Lehre von den Tonempfindungen, deren Theorien Appunn praktisch-apparativ aufgriff.
- Instrumentenbau Handwerklicher und wissenschaftlicher Bereich, in dem Appunn zwischen Musikpraxis und Laborforschung arbeitete.
- Musikalische Akustik Teilgebiet der Akustik, das Tonhöhe, Klangfarbe, Oberton, Intervall und Stimmung wissenschaftlich untersucht.
- Arthur von Oettingen Musiktheoretiker und Akustiker, dessen Stimmungsexperimente und Orthotonophonium im Zusammenhang mit Appunns Instrumenten stehen.
- Orgelpfeife Klangquelle, die Appunn für akustische Untersuchungen, Tonhöhen- und Obertonexperimente herstellte.
- Psychoakustik Forschungsfeld der Hörwahrnehmung, zu dessen Vorgeschichte Appunns Tonmesser und Schwebungsapparate gehören.
- Reine Stimmung Intervall- und Stimmungssystem, dessen technische Realisierung Appunn mit Harmonien und fein gestuften Skalen erforschte.
- Schwebung Akustisches Phänomen, das Appunns Tonmesser zur Bestimmung von Tonhöhen und Intervallabweichungen nutzten.
- Franz Xaver Schnyder von Wartensee Frankfurter Komponist und Lehrer, bei dem Appunn musikalisch ausgebildet wurde.
- Stimmungssystem Ordnung von Tonhöhen und Intervallen, deren physikalische und instrumentale Grundlagen Appunn erforschte.
- Tonempfindung Physiologisch-akustischer Begriff, der durch Helmholtz geprägt und von Appunn instrumentell demonstriert wurde.
- Tonhöhe Wahrnehmungs- und Messgröße, die Appunn mit Tonometer und Tonmesser exakt bestimmbar machen wollte.
- Tonmesser Akustisches Messinstrument zur Tonhöhenbestimmung, dessen Appunnsche Bauformen international verbreitet wurden.
- Tonometer Fein abgestuftes Messinstrument aus Zungen oder Pfeifen, mit dem Appunn Tonhöhen und Schwebungen untersuchte.
- Wissenschaftliche Instrumente Materielle Forschungsgeräte, zu denen Appunns akustische Apparate als musikbezogene Laborinstrumente gehören.