Lorenzo Allegri
Überblick
Lorenzo Allegri gehört zu den wichtigen, heute jedoch nur spezialistisch bekannten Musikern der florentinischen Hofkultur um 1600. Er war Lautenist, Komponist, Hofmusiker und später auch Verantwortlicher für musikalische Materialien und Instrumente am Hof der Medici. Seine historische Bedeutung liegt besonders in der Musik zu höfischen Festen, Balletten und Intermedien. Dadurch steht er an der Schnittstelle von Renaissance, frühem Barock, höfischem Tanz, Instrumentalmusik, Bühnenspektakel und der florentinischen Tradition festlicher Repräsentation.
Allegri ist nicht mit den römischen Brüdern Gregorio Allegri und Domenico Allegri zu verwechseln. Während Gregorio durch das Miserere der Sixtinischen Kapelle und Domenico durch römische Kirchenmusik bekannt wurden, gehört Lorenzo Allegri in den ganz anderen Kulturraum des Florentiner Hofes. Sein Werk ist nicht primär kirchlich, sondern höfisch, theatral, tänzerisch und instrumental geprägt.
Sein Hauptwerk ist Il primo libro delle musiche, 1618 in Venedig bei Gardano gedruckt und dem Großherzog der Toskana gewidmet. Dieser Druck überliefert eine Sinfonia, vokale und instrumentale Stücke, die Kantate Spirto del ciel und vor allem acht Balli, die mit höfischen Aufführungen zwischen 1608 und 1615 verbunden sind. Diese Musik gehört in die Welt der Intermedien, der höfischen Ballette, der Maskeraden, der allegorischen Festspiele und der frühbarocken Verbindung von Musik, Tanz, Szene, Kostüm und dynastischer Repräsentation.
Für das Kulturlexikon ist Lorenzo Allegri besonders ergiebig, weil sich an ihm ein anderes Florenz zeigt als das bekanntere Florenz der Opernanfänge um die Florentiner Camerata. Bei Allegri stehen nicht allein Monodie und dramatische Deklamation im Vordergrund, sondern Tanz, Suite, höfische Ordnung, Instrumentalbesetzung und die Verbindung von vokalen Einschüben mit szenischem Tanz. Seine Musik zeigt, wie stark die europäische Bühnenmusik des 17. Jahrhunderts aus höfischer Festpraxis hervorgegangen ist.
Kurzdaten
| Name | Lorenzo Allegri. |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Lorenzino Todesco, Lorenzino Tedesco, Lorenzo del Liuto, Il Tedeschino, Lorenzo Allegri detto il Tedeschino o del Liuto. |
| Geburt | 16. November 1567 in Florenz nach moderner Katalog- und Lexikonüberlieferung; Treccani nennt abweichend 1573. |
| Tod | 15. Juli 1648 in Florenz; einzelne ältere oder abweichende Nachweise nennen Juni 1648. |
| Beruf | Lautenist, Komponist, Hofmusiker, Tanzmusikkomponist, Lautenlehrer und Verantwortlicher für musikalische Instrumente am Hof der Medici. |
| Wirkungsort | Florenz, besonders der Hof der Medici und die höfischen Festorte der großherzoglichen Repräsentation. |
| Instrument | Laute; die zeitgenössische Bezeichnung „del Liuto“ beziehungsweise „Todesco del Liuto“ verweist auf seine besondere Identifikation mit diesem Instrument. |
| Hauptwerk | Il primo libro delle musiche, Venedig, Gardano, 1618. |
| Gattungen | Ballo, Sinfonia, Gagliarda, Corrente, Canario, Branle, Gavotte, höfische Tanzsuite, vokaler Einschub, Arie und Kantatenform im frühen 17. Jahrhundert. |
| Kultureller Kontext | Medici-Festkultur, Florentiner Intermedien, höfischer Tanz, frühe Bühnenmusik, Lautenpraxis, Basso continuo und Übergang von Renaissance zu Frühbarock. |
| Bedeutung | Lorenzo Allegri ist ein wichtiger Vertreter der florentinischen Tanz- und Festmusik um 1600 und ein Vermittler zwischen höfischer Instrumentalpraxis, früher Barockmusik und europäischem Stiltransfer. |
Name, Herkunft und Quellenlage
Die Quellen führen Lorenzo Allegri unter mehreren Bezeichnungen. Besonders aufschlussreich sind Lorenzino Todesco, Lorenzino Tedesco, Lorenzo del Liuto und Il Tedeschino. Diese Beinamen verbinden ihn mit der Laute und deuten zugleich auf eine tatsächliche oder angenommene Herkunft aus dem deutschen Sprachraum. Ob damit eine familiäre Abstammung, eine äußere Erscheinung, eine Hofbezeichnung oder eine stilistische Wahrnehmung gemeint war, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit entscheiden. Sicher ist jedoch, dass der Hofchronist Cesare Tinghi ihn in dieser Weise bezeichnete und dass der Beiname für seine Identität als Lautenist zentral wurde.
Die biographischen Daten sind nicht völlig einheitlich. Moderne Kataloge und mehrere Werkportale nennen den 16. November 1567 in Florenz und den 15. Juli 1648 in Florenz. Treccani gibt dagegen 1573 als Geburtsjahr an und betont, dass weitere biographische Daten nur bruchstückhaft bekannt seien. Für die vorliegende Kulturlexikon-Seite werden die vom Nutzer vorgegebenen Daten verwendet, die abweichende Treccani-Datierung wird jedoch im Text sichtbar gemacht. Dadurch bleibt die Seite anschlussfähig an beide Forschungstraditionen.
Die Namensgleichheit mit anderen Allegri-Komponisten verlangt redaktionelle Genauigkeit. Lorenzo Allegri gehört nicht zur römischen Kirchenmusik der Brüder Gregorio und Domenico Allegri, sondern zur florentinischen Hofmusik. Sein Profil ist deshalb über Florenz, Medici-Feste, Laute, Tanzsuite und Bühnenmusik zu bestimmen. Die Sortierung im Kulturlexikon erfolgt nach dem Familiennamen, die sichtbare Form bleibt jedoch Lorenzo Allegri.
Medici-Hof, Festkultur und berufliche Stellung
Der Hof der Medici war um 1600 eines der wichtigsten Zentren europäischer Festkultur. Musik, Tanz, Bühnenarchitektur, Kostüm, Dichtung, allegorische Programme und politische Repräsentation bildeten dort eine Einheit. Lorenzo Allegri wirkte in diesem Raum nicht als isolierter Komponist, sondern als praktischer Hofmusiker, der für konkrete festliche Anlässe schrieb, spielte, koordinierte und unterrichtete.
Bereits 1589 soll er im Umfeld der Intermedien tätig gewesen sein, die am Medici-Hof aufgeführt wurden. Solche Intermedien waren mehr als Zwischenakte. Sie verbanden mythologische Bilder, bewegte Maschinen, Tanz, Chöre, Solostimmen und instrumentale Farben zu einem höfischen Gesamtereignis. Aus dieser Welt entwickelte sich ein wesentlicher Teil der frühen Opern- und Ballettkultur. Allegri gehört genau in diesen Übergangsraum.
Am 28. April 1604 wurde er nach Treccani offiziell als suonatore e maestro di liuto am Florentiner Hof angestellt. Diese Formulierung ist aufschlussreich: Allegri war nicht nur Ausführender, sondern auch Lehrer. Die Laute war ein höfisches Prestigeinstrument, geeignet für Begleitung, Solospiel, Tanzmusik, Intimität und Repräsentation. Wer die Laute am Hof unterrichtete, vermittelte nicht nur Technik, sondern auch einen aristokratischen Habitus des Musizierens.
In späterer Zeit wird Allegri außerdem mit der Verantwortung für die musikalischen Instrumente des Hofes und mit der Aufsicht über Pagen verbunden. Dies zeigt die organisatorische Seite seiner Stellung. Höfische Musik bestand nicht nur aus Komposition, sondern auch aus Pflege und Bereitstellung von Instrumenten, Ausbildung junger Hofangehöriger, Koordination mit Tänzern, Sängern, Dichtern und Choreographen sowie Anpassung an repräsentative Anlässe.
Laute, höfischer Tanz und Instrumentalstil
Lorenzo Allegris musikalische Identität ist eng mit der Laute verbunden. Das Instrument hatte um 1600 eine doppelte Stellung: Es war einerseits ein Soloinstrument mit eigener Tabulatur- und Virtuosentradition, andererseits ein Begleitinstrument der Monodie, der Arie, des Tanzes und des höfischen Gesangs. Allegri konnte daher zwischen intimer Kammermusik und großem Festzusammenhang vermitteln.
Seine Tanzmusik gehört nicht zur bloßen Gebrauchsmusik ohne höheren Anspruch. Die Balli des Primo libro sind in szenische Zusammenhänge eingebunden und besitzen suitenartige Ordnung. Ein Ballo kann von Gagliarden, Correnti, Canari, Branles oder Gavotten gefolgt werden. Dadurch entsteht eine Abfolge wechselnder Tempi, Metren, Bewegungscharaktere und Affekte. Der Tanz wird musikalisch gegliedert, dramatisch gerahmt und repräsentativ aufgeladen.
Besonders wichtig ist die Besetzungsflexibilität. Allegri weist darauf hin, dass seine Sinfonien und Sätze verschieden ausgeführt werden können: mit polyphonen Instrumenten wie Laute, Orgel oder Doppelharfe, mit Stimmen, mit Violen, mit Blasinstrumenten und mit oder ohne Basso continuo. Diese Offenheit zeigt eine Aufführungspraxis, in der Notentext, verfügbare Musiker, Raum und Anlass zusammenwirkten. Das Werk ist weniger als festes Konzertobjekt zu verstehen als als Material für höfische Praxis.
Stilistisch steht Allegri zwischen Renaissance-Tanz und Frühbarock. Die Satzstruktur bleibt oft klar und tanzgebunden, doch die Verbindung mit Continuo, szenischer Funktion und vokalen Einschüben weist in die neue Zeit. Seine Musik ist deshalb ein wichtiges Zeugnis für die Entstehung eines instrumentalen Bühnenstils, der später in französischem Ballett, italienischer Oper und europäischer Hofmusik weiterwirkte.
Il primo libro delle musiche von 1618
Il primo libro delle musiche, 1618 in Venedig bei Gardano gedruckt, ist Lorenzo Allegris Hauptwerk und die wichtigste Quelle seiner Musik. Der Druck ist dem Großherzog der Toskana gewidmet und versammelt Musik, die mit Aufführungen am Medici-Hof zwischen 1608 und 1615 verbunden ist. Dadurch besitzt der Band nicht nur musikalischen, sondern auch theater-, tanz- und höfegeschichtlichen Wert.
Der Band beginnt mit einer Sinfonia. Treccani hebt ihre besondere historische Bedeutung hervor, weil ihre Anlage mit der Folge langsam, schnell, langsam später an die französische Ouvertüre erinnert. Das muss nicht als direkte Erfindung einer späteren Gattung verstanden werden, zeigt aber, dass florentinische Festmusik bereits um 1618 formale Modelle ausbildete, die für die europäische Instrumentalgeschichte anschlussfähig wurden.
Der Druck enthält außerdem Spirto del ciel, eine kurze vokal-szenische Komposition auf einen Text von Ferdinando Saracinelli. Saracinelli war als Dichter in der florentinischen Festkultur wichtig. Seine Verbindung mit Allegri zeigt, wie eng Musik und höfische Dichtung zusammenarbeiteten. Ein Text war hier nicht bloß Vorlage, sondern Teil eines allegorischen Gesamtprogramms.
Den größten Teil des Bandes bilden die acht Balli. Sie lassen sich mit höfischen Spektakeln wie La Notte d’Amore, La Serena, Le Ninfe di Senna, Alta Maria, I Campi Elisi und L’Iride verbinden. Jeder dieser Titel verweist auf einen eigenen Festzusammenhang. Allegri war somit nicht einfach Autor einzelner Tänze, sondern Komponist einer höfischen Gedächtnisspur: Der Druck macht vergangene Festereignisse dauerhaft verfügbar.
Wirkung, Nauwach und europäischer Stiltransfer
Lorenzo Allegris Wirkung ist nicht so breit dokumentiert wie diejenige großer Opernkomponisten, doch sie ist für den europäischen Stiltransfer um 1600 wichtig. Seine Musik zeigt einen florentinischen höfischen Stil, in dem Tanz, Continuo, vokale Einschübe und szenische Ordnung verbunden werden. Solche Modelle konnten in andere musikalische Kulturräume weiterwirken, besonders nach Frankreich und Deutschland.
In der Forschung wird darauf hingewiesen, dass Allegris Stil möglicherweise für die spätere französische Bühnenmusik Bedeutung hatte. Der junge Jean-Baptiste Lully, der aus Florenz stammte und später am französischen Hof wirkte, steht in einem größeren Transferzusammenhang zwischen italienischer und französischer Tanz- und Bühnenmusik. Eine direkte Linie darf nicht zu einfach gezogen werden, doch Allegris Musik macht verständlich, welche florentinischen Tanz- und Festformen in diesem Milieu vorhanden waren.
Besonders konkret ist die Verbindung zu Johann Nauwach. Nauwach studierte ab 1614 auf Empfehlung des sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. bei Allegri. Seine späteren Veröffentlichungen von 1623 und 1627 enthalten frühe Beispiele italienisch geprägter Monodie mit deutschen Texten. Dadurch wird Allegri zu einer Vermittlerfigur zwischen Florenz und dem deutschsprachigen Raum. Nicht nur seine Drucke, sondern auch sein Unterricht trugen zur Verbreitung neuer italienischer Stile bei.
Allegri ist damit ein Komponist der Übergänge: zwischen Laute und Ensemble, Tanz und Bühne, Hofdienst und Druck, italienischem Feststil und europäischer Rezeption. Seine Bedeutung liegt weniger in einem monumentalen Œuvre als in der Dichte der kulturellen Verbindungen, die sein Werk sichtbar macht.
Werkverzeichnis
Das Werkverzeichnis Lorenzo Allegris ist überschaubar, aber nicht trivial. Erhalten sind vor allem einzelne vokale Stücke und das 1618 gedruckte Primo libro delle musiche. Dazu kommen in modernen Katalogen und Editionen gesondert erschlossene Balli, die ursprünglich Teil des Drucks sind. Die folgende Übersicht trennt Einzelwerke, den Hauptdruck und die darin enthaltenen Suiten beziehungsweise Balli.
Vokale Einzelwerke außerhalb des Primo libro
- Tu piangi al mio partire. Arie beziehungsweise Madrigal für eine Stimme und Basso continuo, gedruckt in Antonio Brunellis Scherzi, arie, canzonette e madrigali a una, due e tre voci per sonare e cantare con ogni sorte di stromenti, Venedig 1614. Der Text stammt von Ferdinando Saracinelli. Das Stück ist eines der wenigen selbständig überlieferten Vokalwerke Allegris.
- Come ch’in biondo. Arie für zwei Tenöre und Basso continuo, 1618 bezeugt und später in der Allgemeinen musikalischen Zeitung Leipzig 1869 nachgedruckt. Die genaue Überlieferung ist editorisch zu prüfen, doch der Titel gehört zu den in älteren Lexika ausdrücklich genannten erhaltenen Werken Allegris.
Il primo libro delle musiche, Venedig 1618
- Il primo libro delle musiche di Lorenzo Allegri. Venedig, Gardano, 1618. Hauptdruck Allegris, dem Großherzog der Toskana gewidmet. Der Band enthält eine einleitende Sinfonia, vokale und instrumentale Stücke, die Kantate Spirto del ciel und acht Balli aus höfischen Medici-Aufführungen.
- Sinfonia. Einleitendes Instrumentalstück des Drucks. Die Anlage langsam, schnell, langsam wurde in der Forschung wegen ihrer Nähe zu späteren Ouvertürenmodellen hervorgehoben.
- Spirto del ciel, scendi volando a noi. Kurzes vokales beziehungsweise szenisch-kantatenhaftes Werk für sechs Stimmen auf einen Text von Ferdinando Saracinelli. Wahrscheinlich im Zusammenhang mit einer höfischen Aufführung um 1613 zu sehen.
Balli aus Il primo libro delle musiche
- Primo Ballo della Notte d’Amore. Ballo aus dem Festzusammenhang La Notte d’Amore von 1608. Die Suite enthält mehrere Tanzsätze und gehört zu den bekanntesten Stücken des Bandes.
- Secondo Ballo detto la Serena. Ballo aus dem Umfeld von La Serena von 1611. Der Titel begegnet auch in der Variante La Sirena.
- Terzo Ballo detto Alta Maria. Ballo, verbunden mit dem höfischen Festzusammenhang Alta Maria von 1614.
- Quarto Ballo detto i Campi Elisii. Ballo aus dem Festzusammenhang I Campi Elisi von 1614. Der Titel verweist auf die mythologisch-allegorische Bildwelt höfischer Festspiele.
- Quinto Ballo detto le Ninfe di Senna. Ballo aus dem Zusammenhang Le Ninfe di Senna, der auf eine Überarbeitung der Serena von 1613 zurückgeht. Die Schreibung begegnet auch als lo Ninfe di Senna.
- Sesto Ballo. Sechster Ballo des Drucks von 1618. Der konkrete Festbezug ist in modernen Kurznachweisen weniger eindeutig als bei den benannten Stücken, gehört aber zur gleichen höfischen Tanzmusikgruppe.
- Settimo Ballo. Siebter Ballo des Drucks. Wie die übrigen Balli ist er als Teil einer suitenartigen Tanzfolge zu verstehen.
- Ottavo Ballo detto L’Iride. Ballo aus dem Festzusammenhang L’Iride von 1615. Der Titel bezieht sich auf die mythologisch-allegorische Figur des Regenbogens und passt in die Bildsprache der Medici-Festkultur.
Mit den Balli verbundene Tanztypen und Sätze
- Ballo. Grundform der jeweiligen Suite und Ausgangspunkt der höfischen Tanzfolge.
- Gagliarda. Lebhafter Tanztyp, der in den Balli als kontrastierender Satztyp erscheinen kann.
- Corrente. Bewegter Tanzsatz, der im höfischen Repertoire des frühen 17. Jahrhunderts regelmäßig begegnet.
- Canario. Charakteristischer Tanztyp mit starker rhythmischer Profilierung, in der modernen Rezeption besonders oft aus Allegris Musik herausgelöst und einzeln aufgeführt.
- Branle. Tanzform französischer Herkunft beziehungsweise internationaler Hofverbreitung, die die europäische Austauschstruktur des Repertoires sichtbar macht.
- Gavotte. Tanztyp, der im Zusammenhang der Balli als Teil höfischer Bewegungs- und Satzvielfalt relevant ist.
Unsichere, verlorene oder nur indirekt greifbare Werkzusammenhänge
- Musiken zu den Intermedien von 1589. Treccani berichtet, dass Allegri schon 1589 als Mitwirkender bei den Medici-Intermedien anzunehmen sei. Konkrete Einzelkompositionen sind daraus nicht sicher als selbständige Werke zu isolieren.
- Weitere Hofmusiken der Medici. Da Allegri über Jahrzehnte am Hof tätig war, ist mit verlorenen oder nicht eindeutig zugeschriebenen Gelegenheitswerken zu rechnen. Sie sind nicht in ein gesichertes Werkverzeichnis aufzunehmen, bleiben aber als Arbeitsfeld der Forschung wichtig.
- Unter dem Namen „Lorenzo del Liuto“ überlieferte oder erwähnte Stücke. Bei solchen Nachweisen ist jeweils zu prüfen, ob tatsächlich Lorenzo Allegri gemeint ist und ob die Zuschreibung musikalisch oder nur archivalisch gesichert ist.
Rezeption und editorische Hinweise
Lorenzo Allegri wurde in der älteren Musikgeschichtsschreibung meist nur knapp behandelt. Sein Werk ist jedoch für die Geschichte der höfischen Tanzmusik und der frühen Instrumentalmusik wichtig. Seit dem 20. Jahrhundert wurde besonders Il primo libro delle musiche wieder stärker beachtet, weil der Druck ein zusammenhängendes Bild florentinischer Medici-Festmusik vermittelt.
Editorisch ist der Druck von 1618 zentral. Moderne Ausgaben und Bearbeitungen haben einzelne Balli wieder aufführbar gemacht, darunter Ausgaben für Gamben, Blockflöten, Gitarren und andere heutige Besetzungen. Dabei ist zu beachten, dass Allegris ursprüngliche Aufführungspraxis flexibel war. Er selbst weist auf verschiedene Möglichkeiten der Besetzung hin. Eine moderne Partitur ist daher immer eine Entscheidung, nicht die einzig mögliche Gestalt des Werkes.
Die biographische Forschung muss mit widersprüchlichen Daten umgehen. Während die moderne Katalogtradition 1567 bis 1648 nennt, setzt Treccani die Geburt auf 1573. Da die Taufregister von Florenz in moderner Kurzüberlieferung auf den 16. November 1567 verweisen, wird diese Datierung hier als Lemmadatum geführt, die abweichende Treccani-Angabe jedoch dokumentiert. Ähnlich vorsichtig ist mit dem Beinamen „Todesco“ umzugehen: Er kann auf Herkunft, Familiengeschichte oder Hofwahrnehmung deuten, beweist aber allein keine eindeutige Nationalität.
In der heutigen Aufführungspraxis erscheint Allegri vor allem in Programmen zu Medici-Festen, italienischer Frühbarockmusik, Tanzmusik um 1600 und europäischen Hofkulturen. Einzelne Stücke wie der Canario, Spirto del ciel oder der Primo Ballo della Notte d’Amore werden dabei häufig als klanglich unmittelbare Beispiele für die Lebendigkeit florentinischer Bühnen- und Tanzmusik verwendet.
Sekundärliteratur
- Beck, Hermann: „Lorenzo Allegris Primo libro delle musiche 1618“. In: Archiv für Musikwissenschaft 22, 1965, S. 99–114.
- Carter, Tim: Music, Patronage and Printing in Late Renaissance Florence. Aldershot 2000.
- Damerini, Adelmo: „Allegri, Lorenzo, detto il Tedeschino o del Liuto“. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 2. Rom 1960.
- Dell’Antonio, Andrew, Hg.: Lorenzo Allegri: Il primo libro delle musiche, Venice, 1618. New York/London 1995 beziehungsweise spätere Nachdrucke.
- Ghisi, Federico: „Ballet Entertainments in Pitti Palace, Florence, 1608–1625“. In: The Musical Quarterly 35, 1949, S. 428 ff.
- Kirby, F. E.: Music for Piano. A Short History. Nützlich nur als weiterführender Kontext zu instrumentaler Satz- und Tanzüberlieferung, nicht als Spezialquelle zu Allegri.
- Paumgartner, Bernhard: „Allegri, Lorenzo“. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 1, Sp. 502–503.
- Pirrotta, Nino: „Allegri, Lorenzo“. In: Enciclopedia dello Spettacolo, Bd. 1, Sp. 366–367.
- Sartori, Claudio: Bibliografia della musica strumentale italiana stampata in Italia fino al 1700. Florenz 1952.
- Solerti, Angelo: Musica, ballo e drammatica alla corte medicea dal 1600 al 1637. Florenz 1905.
- Strainchamps, Edmond: „Allegri, Lorenzo“. In: Grove Music Online. Fachlexikalischer Artikel zu Leben, Werk und Medici-Kontext.
- Thomas, Bernard, Hg.: Lorenzo Allegri: 8 Balli. Early Dance Music No. 18. London Pro Musica Edition, Brighton 1991.
Ausgewählte Onlinequellen
- Barnes & Noble: Lorenzo Allegri, Il primo libro delle musiche Bibliographischer Nachweis der modernen Ausgabe mit Inhaltsübersicht vom einleitenden Sinfonia-Satz bis zu den acht Balli des Drucks von 1618.
- Discogs: Le Suites Medicee, Il Primo Libro Delle Musiche Diskographischer Nachweis einer modernen Einspielung der Medici-Suiten aus Allegris Druck von 1618.
- Edition Zefiro: Allegri, Dances from Il Primo Libro delle Musiche Moderne Ausgabe der Tanzmusik aus Il primo libro delle musiche mit Hinweis auf die acht Balli, die einleitende Sinfonia und die Besetzungspraxis.
- IMSLP: Category Allegri, Lorenzo Werk- und Notenportal mit acht einzeln erschlossenen Balli aus Allegris Primo libro delle musiche.
- IMSLP: Primo Ballo della Notte d’Amore Werkseite zum ersten Ballo aus dem Druck von 1618 mit modernen Notenmaterialien und Bearbeitungen.
- IMSLP: Quinto Ballo detto lo Ninfe di Senna Werkseite zum fünften Ballo mit Hinweis auf den Medici-Festzusammenhang und die Publikation im Primo libro von 1618.
- MGG Online: Allegri, Lorenzo Fachlexikalischer Artikel zu Leben, Hofdienst, Werk und kulturgeschichtlicher Stellung Lorenzo Allegris.
- Musica International: Allegri, Lorenzo Katalogischer Personeneintrag mit Geburts- und Sterbedaten, Herkunftsort Florenz und Kurzcharakteristik als italienischer Komponist und Lautenist.
- Muziekweb: Lorenzo Allegri Diskographischer Überblick zu modernen Aufnahmen von Primo ballo della Notte d’Amore, Spirto del ciel, Canario und weiteren Stücken.
- New York Public Library: Il primo libro delle musiche Bibliothekskatalog-Nachweis der modernen Edition von Andrew Dell’Antonio mit Inhaltsangaben zum Druck von 1618.
- Presto Music: Lorenzo Allegri Moderner Komponisten- und Aufnahmeüberblick mit Kurzbiographie und Verweisen auf verfügbare Einspielungen.
- Treccani: Allegri, Lorenzo, detto il Tedeschino o del Liuto Ausführlicher italienischer Fachartikel zu Herkunft, Medici-Dienst, Heirat, Hofanstellung, Hauptwerk und Werküberlieferung.
Weiterführende Einträge
- Agostino Carracci Künstler und Kupferstecher aus dem weiteren italienischen Kulturraum um 1600, relevant für höfische Bild- und Festkultur.
- Domenico Allegri Römischer Komponist gleichen Familiennamens, deutlich von Lorenzo Allegris florentinischer Hofmusik zu unterscheiden.
- Gregorio Allegri Römischer Komponist des berühmten Miserere, dessen Kirchenmusik einen anderen Allegri-Zweig der Kulturgeschichte vertritt.
- Arie Vokale Form, in der Allegri mit Tu piangi al mio partire und Come ch’in biondo greifbar ist.
- Ballo Höfische Tanz- und Bühnenform, die den Kern von Allegris Primo libro delle musiche bildet.
- Barock Epochenrahmen, in dem Allegris Tanzmusik bereits frühbarocke Klang- und Continuo-Praxis erkennen lässt.
- Basso continuo Generalbasspraxis, die für Allegris Vokal- und Instrumentalsätze sowie ihre flexible Aufführung wichtig ist.
- Antonio Brunelli Komponist und Herausgeber des Sammeldrucks, in dem Allegris Tu piangi al mio partire 1614 erschien.
- Canario Charakteristischer Tanztyp, der in der modernen Rezeption von Allegris Balli besonders hervorgetreten ist.
- Continuo Begleit- und Fundamentpraxis des frühen 17. Jahrhunderts, die Allegris Besetzungsflexibilität prägt.
- Corrente Tanzsatz, der in der suitenartigen Ordnung von Allegris Balli eine wichtige Rolle spielt.
- Florenz Geburts-, Wirkungs- und Sterbeort Lorenzo Allegris sowie Zentrum der Medici-Festkultur.
- Florentiner Camerata Gelehrten- und Musikerzirkel der Opernfrühgeschichte, wichtig als weiterer Florentiner Kontext um 1600.
- Gagliarda Lebhafter Tanztyp, der in Allegris höfischen Tanzfolgen regelmäßig als kontrastierender Satz erscheint.
- Gardano Venezianische Drucker- und Verlegertradition, in der Allegris Primo libro delle musiche 1618 erschien.
- Hofmusik Institutioneller und sozialer Rahmen von Allegris Tätigkeit am Hof der Medici.
- Intermedien Höfische Zwischen- und Festspiele, deren Musik-, Tanz- und Bühnentradition Allegris Werk voraussetzt.
- Laute Zentrales Instrument Allegris und Leitmotiv seiner Beinamen del Liuto und Il Tedeschino.
- Jean-Baptiste Lully Französischer Hofkomponist florentinischer Herkunft, relevant für den größeren italienisch-französischen Stiltransfer.
- Medici Florentiner Herrscherfamilie, deren Hof Allegri als Lautenist und Festmusikkomponist diente.
- Monodie Frühbarocke Vokalpraxis, deren italienischer Stil über Allegri-Schüler wie Johann Nauwach in den deutschen Raum vermittelt wurde.
- Johann Nauwach Deutscher Lautenist und Komponist, der ab 1614 bei Lorenzo Allegri studierte und italienische Monodie in Deutschland vermittelte.
- Operngeschichte Forschungsfeld, in dem Allegris Fest- und Tanzmusik als Umfeld der frühen Opernkultur bedeutsam ist.
- Ouvertüre Formgeschichtlicher Bezugspunkt für die von Treccani hervorgehobene Anlage der Sinfonia im Druck von 1618.
- Ferdinando Saracinelli Florentiner Dichter, dessen Texte für Allegris Vokalwerke und Medici-Festmusik wichtig sind.
- Sinfonia Instrumentale Einleitungsform, die bei Allegri im Primo libro besondere historische Aufmerksamkeit verdient.
- Suite Folge unterschiedlicher Tanzsätze, als modernes Ordnungswort für Allegris Balli hilfreich.
- Tanzmusik Zentrales Werkfeld Allegris zwischen höfischer Praxis, Bühne und gedruckter Instrumentalmusik.
- Venedig Druckort von Allegris Primo libro delle musiche und wichtiges Zentrum italienischer Musikpublikation.