Gregorio Allegri

Allegri 1; * 1582 in Rom, † 18. Februar 1652 in Rom; Komponist, Sänger, Priester und päpstlicher Kapellsänger.

Überblick

Gregorio Allegri ist einer der bekanntesten Namen der römischen Kirchenmusik des frühen 17. Jahrhunderts, obwohl sein Ruhm bis heute fast vollständig von einem einzigen Werk getragen wird: dem Miserere mei, Deus. Dieses Stück, eine Vertonung des Bußpsalms 50 nach der Vulgata-Zählung beziehungsweise Psalm 51 nach protestantischer Zählung, wurde in der Sixtinischen Kapelle während der Karwoche gesungen und entwickelte sich im 18. und 19. Jahrhundert zu einem der berühmtesten Werke geistlicher Vokalmusik. Allegri selbst war jedoch weit mehr als der Komponist dieses einen Stückes. Er war Sänger, Priester, Komponist von geistlichen Concerti, Motetten, Messen, Lamentationen und liturgischen Werken sowie Mitglied der päpstlichen Kapelle unter Urban VIII.

Allegri steht kulturgeschichtlich an einer interessanten Schwelle. Einerseits gehört er noch deutlich zur Tradition der römischen Schule, die mit Namen wie Giovanni Pierluigi da Palestrina, Felice Anerio und Giovanni Maria Nanino verbunden ist. Andererseits zeigen seine gedruckten Concertini und Motetten die Nähe zum frühen barocken stile concertato, zum Basso continuo und zu einer neuen, klein besetzten, stärker affektbezogenen Kirchenmusik. Er ist deshalb nicht einfach ein Spätrenaissance-Komponist, sondern ein römischer Kirchenmusiker in einer Übergangszeit zwischen prima pratica, konservativer päpstlicher Kapelltradition und barocker Klangentwicklung.

Seine besondere Stellung ergibt sich aus dem Nebeneinander zweier musikalischer Welten. Die in Rom gedruckten geistlichen Concerti zeigen ihn als Komponisten moderner, continuo-gestützter Sakralmusik. Das Miserere dagegen steht im Rahmen der päpstlichen Karwochenliturgie und wirkt bewusst archaisierend: Es beruht auf Psalmton, falsobordoneartiger Mehrstimmigkeit, Wechsel von Chorgruppen und einer Aufführungspraxis, in der schriftlich fixierte Musik und mündliche Ornamenttradition ineinandergreifen. Diese Verbindung von Schrift, Ritual, Geheimhaltung, Erinnerung und späterer Bearbeitung machte das Werk zum Mythos.

Für ein Kulturlexikon ist Allegri daher nicht nur als Komponist eines populären Chorstücks wichtig, sondern als Figur der römischen Liturgie-, Kapell-, Notations-, Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte. An ihm lässt sich zeigen, wie ein liturgisches Gebrauchswerk der päpstlichen Kapelle durch Reiseberichte, Abschriften, Mozart-Legende, englische Editionen, romantische Faszination, Tonaufnahmen und moderne Chorpraxis zu einem globalen Klangsymbol sakraler Schönheit wurde.

Kurzdaten

Name Gregorio Allegri.
Lexikalische Unterscheidung Allegri 1; zur Abgrenzung von weiteren Mitgliedern der Familie Allegri und von gleichnamigen späteren Kulturpersonen.
Geburt 1582 in Rom; einzelne Quellen nennen nähere Tagesangaben oder abweichende Unsicherheiten, doch 1582 ist die übliche Grunddatierung.
Tod 18. Februar 1652 in Rom nach der hier zugrunde gelegten Lemmadatierung; mehrere moderne Quellen nennen den 17. Februar 1652.
Beruf Komponist, Sänger, Priester, Kapellsänger, Kirchenmusiker und Mitglied der päpstlichen Kapelle.
Stimmlage und Amt Als Sänger der päpstlichen Kapelle wird er häufig mit der Alt- beziehungsweise Contralto-Stimme verbunden; zugleich war er als Komponist und kirchlicher Musiker tätig.
Wirkungsorte Rom, San Luigi dei Francesi, Fermo, Santo Spirito in Sassia und Cappella Sistina.
Lehrer Giovanni Bernardino Nanino und im weiteren römischen Umfeld Giovanni Maria Nanino; beide gehören zur Palestrina-Nachfolge der römischen Kirchenmusik.
Stilbereiche Römische Schule, geistliche Polyphonie, stile antico, falsobordone, stile concertato, Basso continuo, Motette, Messe, Lamentation und mehrchörige Kirchenmusik.
Hauptwerk Miserere mei, Deus, vermutlich um 1638 für die Karwochenliturgie der Sixtinischen Kapelle entstanden.
Kulturgeschichtliche Bedeutung Allegri verbindet konservative päpstliche Kapelltradition mit frühbarocker geistlicher Kompositionspraxis; sein Miserere wurde zu einem Schlüsselwerk europäischer Sakralmusikrezeption.

Herkunft, Ausbildung und römisches Umfeld

Gregorio Allegri wurde in Rom geboren und wuchs in einem musikalischen Umfeld auf, das stark von der kirchlichen Sänger- und Kapellkultur geprägt war. Als Knabe sang er an San Luigi dei Francesi, einer wichtigen römischen Kirche mit bedeutender musikalischer Praxis. Dort erhielt er Unterricht in der Tradition der römischen Polyphonie. Besonders wichtig war Giovanni Bernardino Nanino, der mit seinem Bruder Giovanni Maria Nanino zur Palestrina-Nachfolge gehörte und die praktische Sänger- und Kompositionsausbildung der römischen Kirchenmusik mitprägte.

Die Ausbildung eines römischen Kirchenmusikers um 1600 war nicht nur technische Stimmschulung. Sie umfasste das Lesen von Mensuralnotation, die Kenntnis liturgischer Texte, die Fähigkeit zur Mehrstimmigkeit, Kontrapunkt, Psalmtonpraxis, lateinische Aussprache und den Umgang mit der kirchlichen Ordnung des Gesangs. Allegri wurde daher in einer Kultur geformt, in der Musik nicht vom Gottesdienst getrennt war, sondern als Teil des römisch-katholischen Ritus verstanden wurde.

Seine frühe Laufbahn fällt in eine Zeit, in der Rom nach dem Konzil von Trient ein Zentrum kontrollierter, stilistisch anspruchsvoller Kirchenmusik blieb. Die römische Schule suchte klare Textverständlichkeit, kontrapunktische Reinheit und liturgische Würde. Gleichzeitig drangen neue barocke Ausdrucksformen, klein besetzte geistliche Concerti und Generalbasspraktiken in die Kirchenmusik ein. Allegri steht genau in diesem Spannungsfeld: Er lernte die ältere Polyphonie, schrieb aber auch Werke, die ohne den neuen Basso continuo nicht zu verstehen sind.

Fermo, Santo Spirito und päpstliche Kapelle

Vor seiner endgültigen Etablierung in Rom wirkte Allegri in Fermo, wo er als Sänger, Komponist und Kirchenmusiker tätig war. Fermo ist in seiner Biographie wichtig, weil dort offenbar ein Teil seiner geistlichen Kompositionstätigkeit begann. Die Verbindung von regionaler Kirchenmusik und römischer Karriere ist typisch für viele italienische Musiker der Zeit. Wer in einer Kathedrale oder größeren Kirche kompositorisch auffiel, konnte in den Blick römischer Förderer und kirchlicher Institutionen geraten.

Nach der Fermo-Zeit kehrte Allegri nach Rom zurück und wirkte an Santo Spirito in Sassia. Diese Station brachte ihn wieder näher an die zentralen römischen Kircheninstitutionen. 1629 wurde er unter Papst Urban VIII. in die päpstliche Kapelle aufgenommen. Die Cappella Sistina war keine gewöhnliche Hofkapelle, sondern das liturgisch-musikalische Zentrum der päpstlichen Repräsentation. Die Aufnahme in diesen Chor bedeutete musikalische Anerkennung, institutionelles Prestige und unmittelbare Nähe zum zeremoniellen Kern der römischen Kirche.

In der päpstlichen Kapelle blieb Allegri bis zu seinem Tod. Seine dortige Tätigkeit als Sänger ist für das Verständnis seines berühmtesten Werkes entscheidend. Das Miserere ist nicht einfach ein frei erfundenes Konzertstück, sondern ein Werk aus einer konkreten Kapellpraxis. Es wurde für Sänger geschrieben, die eine hochspezialisierte liturgische Tradition beherrschten und deren Ornamentik teilweise nicht vollständig in der schriftlichen Partitur stand. Deshalb ist Allegri zugleich Komponist und Insider einer Aufführungskultur, deren spätere Faszination gerade aus der Verbindung von schriftlicher Einfachheit und mündlicher Verfeinerung entstand.

Stil, römische Schule und Kirchenmusik

Allegri war stilistisch kein einliniger Komponist. Seine geistlichen Concerti und Motetten stehen näher an der frühen Barockpraxis, während seine Musik für die päpstliche Kapelle stärker in der Tradition des stile antico und der Palestrina-Nachfolge verankert ist. Diese Doppelheit ist für Rom um 1600 und 1630 charakteristisch. Die Stadt bewahrte in bestimmten liturgischen Kontexten einen bewusst konservativen Klang, ließ aber außerhalb dieser besonders normierten Räume neue Formen der geistlichen Musik zu.

Die gedruckten Concertini zeigen, dass Allegri die moderne, klein besetzte geistliche Musik kannte. Werke für zwei, drei, vier oder fünf Stimmen mit Basso continuo entsprechen einer Praxis, in der Text, Affekt und klangliche Beweglichkeit stärker hervortreten. Solche Stücke eigneten sich für Kirchen, Oratorien, kleinere Kapellen und Andachtszusammenhänge, in denen nicht immer ein großer polyphoner Chor verfügbar war.

Demgegenüber steht das Miserere in einem bewusst archaisierenden Raum. Es verwendet Psalmton, falsobordoneartige Harmonik, Wechselgesang und mehrchörige Aufstellung. Es wirkt nicht durch motivische Durcharbeitung im späteren barocken Sinn, sondern durch rituelle Wiederholung, räumliche Trennung, ornamentale Steigerung und die strenge Textbindung des Bußpsalms. Diese Ästhetik erklärt, warum das Werk lange als Inbegriff „reiner“ Kirchenmusik empfunden wurde, obwohl seine heutige populäre Form das Ergebnis einer komplizierten Rezeptionsgeschichte ist.

Allegri ist deshalb weniger als isolierter Originalgenie-Komponist zu sehen, sondern als römischer Kapellmusiker mit hoher stilistischer Anpassungsfähigkeit. Er konnte im modernen Concertato-Stil schreiben, in der konservativen Kapelltradition komponieren und liturgische Formen so gestalten, dass sie innerhalb des päpstlichen Rituals besondere Wirkung entfalteten.

Das Miserere der Sixtinischen Kapelle

Das Miserere mei, Deus ist Allegris berühmtestes Werk und eines der meistrezipierten Stücke der europäischen Chormusik. Es vertont den Bußpsalm, der in der lateinischen Vulgata mit den Worten Miserere mei, Deus beginnt. In der Karwochenliturgie der Sixtinischen Kapelle wurde dieser Psalm im Rahmen der Karmetten beziehungsweise Tenebrae gesungen. Dadurch war das Werk von Anfang an mit einem besonderen liturgischen, räumlichen und emotionalen Kontext verbunden.

Die Anlage des Werkes beruht auf dem Wechsel zwischen Psalmton, mehrstimmigem Satz und zwei Chorgruppen. Die häufig genannte Besetzung aus fünfstimmigem und vierstimmigem Chor führt am Ende zu einer neunstimmigen Wirkung. Der musikalische Eindruck entsteht aus der Spannung zwischen schlichter Psalmrezitation, vertikal klarer Mehrstimmigkeit, räumlicher Antwortstruktur und ausgeschmückten Kadenzen. Gerade weil das Grundmaterial scheinbar einfach ist, konnten die liturgische Akustik und die mündliche Verzierungspraxis eine außerordentliche Aura erzeugen.

Der berühmte hohe Sopran-C-Klang, der heute für viele Hörerinnen und Hörer fast zum Erkennungszeichen des Stücks geworden ist, gehört nicht einfach zur ursprünglichen Allegri-Fassung in moderner Selbstverständlichkeit. Er ist Teil einer späteren Editions- und Aufführungsgeschichte. Die heute meist gesungene Fassung ist also nicht nur „Allegri pur“, sondern ein geschichtliches Mischprodukt aus römischer Praxis, Abschriften, Bearbeitungen, Tonhöhenverschiebungen, englischer Chorkultur und moderner Aufnahmeästhetik.

Für die Kulturgeschichte ist das Miserere gerade deshalb so bedeutsam. Es zeigt, dass ein musikalisches Werk nicht nur aus Noten besteht. Es besteht aus Liturgie, Raum, Ritual, Geheimhaltung, Ornament, Erinnerung, Abschrift, Legende, Edition und Aufführungstradition. Allegri komponierte den Kern eines Werkes, dessen spätere Gestalt von Generationen von Sängern, Kopisten, Reisenden, Herausgebern und Chorleitern mitgeprägt wurde.

Mythos, Mozart-Erzählung und moderne Fassung

Kaum ein Werk der älteren Kirchenmusik ist so stark von Mythen umgeben wie Allegris Miserere. Besonders bekannt ist die Erzählung, der junge Wolfgang Amadeus Mozart habe das Stück 1770 in Rom gehört und anschließend aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Diese Geschichte wurde zu einem zentralen Baustein des Mozart-Mythos und zugleich zu einem Teil des Allegri-Mythos. Sie verbindet päpstliche Geheimhaltung, außergewöhnliches musikalisches Gedächtnis und den Transfer eines exklusiven römischen Ritualklangs in die europäische Öffentlichkeit.

Historisch ist die Geschichte differenzierter zu sehen. Bereits vor Mozarts Romreise zirkulierten offenbar Abschriften oder zumindest Fassungen des Werkes. Außerdem war die römische Aufführungspraxis nicht vollständig durch die nackte Partitur erfassbar. Selbst eine korrekte Niederschrift hätte daher nicht automatisch die ganze Klangwirkung der Sixtinischen Kapelle übertragen. Gerade diese Differenz zwischen Notentext und Aufführungspraxis erklärt, warum das Werk so lange als geheimnisvoll gelten konnte.

Die moderne Standardfassung des Miserere ist stark von späteren Editionen geprägt. Charles Burney veröffentlichte 1771 eine Fassung in England; spätere Quellen, darunter Bearbeitungen und romantische Abschriften, beeinflussten die Wahrnehmung weiter. Im 20. Jahrhundert wurde eine bestimmte englische Chortradition besonders wirksam, in der der helle Knabensopran-Klang, der berühmte Spitzenton und eine ätherische A-cappella-Ästhetik das Werk weltweit populär machten.

Diese Rezeptionsgeschichte mindert Allegris Bedeutung nicht. Sie verschiebt sie vielmehr. Allegri ist nicht nur der Komponist eines berühmten Satzes, sondern der Ausgangspunkt eines außergewöhnlichen Überlieferungsprozesses. Das Miserere wurde zu einem Werk, an dem sich Fragen der Authentizität, der Edition, der Aufführungspraxis, der kirchlichen Exklusivität und der modernen Klangsehnsucht exemplarisch zeigen lassen.

Werkverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis erfasst die wichtigsten gedruckten, handschriftlich überlieferten, in modernen Katalogen greifbaren und rezeptionsgeschichtlich zentralen Werke Gregorio Allegris. Da ein Teil seiner Musik nur handschriftlich überliefert ist, einzelne Drucke verloren oder nur indirekt bezeugt sind und manche moderne Aufführungsfassungen eine lange Bearbeitungsgeschichte besitzen, wird zwischen Druckwerken, liturgischen Hauptwerken, Messen, Motetten, Lamentationen und instrumentaler beziehungsweise exemplarisch überlieferter Musik unterschieden.

Gedruckte geistliche Sammlungen

  • Concertini a due, tre, quattro et cinque voci, libro primo. Rom, Luca Antonio Soldi, 1618. Erster Band geistlicher kleiner Concerti; der Druck gilt in der Überlieferung als verloren oder nur indirekt bezeugt und ist deshalb mit Vorsicht zu behandeln.
  • Concertini a due, a tre, et a quattro voci con il basso continuo, libro secondo. Rom, Luca Antonio Soldi, 1619. Zweiter Band geistlicher Concerti; in modernen Nachweisen mit vierundzwanzig geistlichen Concerti für zwei bis fünf Stimmen und Basso continuo verbunden.
  • Motecta binis, ternis, quaternis, quinis, senisque vocibus, organice dicenda. Rom, Luca Antonio Soldi, 1621. Sammlung von Motetten für zwei bis sechs Stimmen mit Orgel beziehungsweise Basso-continuo-Bezug.

Messen

  • Missa Che fa oggi il mio sole. Messe, meist mit fünfstimmiger Anlage angegeben; der Titel verweist auf ein Parodiemodell beziehungsweise eine weltliche Vorlage.
  • Missa Christus resurgens. Achtstimmige Messe; mit dem österlichen Motettenmodell Christus resurgens ex mortuis verbunden.
  • Missa In lectulo meo. Achtstimmige Messe; in modernen Aufnahmen und Editionen besonders wichtig, weil sie Allegris Messen jenseits des Miserere hörbar macht.
  • Missa Salvatorem exspectamus. Sechsstimmige Messe; Teil des überlieferten Messencorpus.
  • Missa Vidi turbam magnam. Sechsstimmige Messe; als eine der fünf überlieferten Messen Allegris geführt.

Psalm-, Liturgie- und Karwochenwerke

  • Miserere mei, Deus. Neunstimmige beziehungsweise für zwei Chorgruppen überlieferte Vertonung des Bußpsalms; vermutlich um 1638 für die Tenebrae der Karwoche in der Sixtinischen Kapelle entstanden.
  • Incipit lamentatio Jeremiae prophetae. Lamentationssatz beziehungsweise Beginn einer Klagelieder-Vertonung; in modernen Katalogen unter Allegris Namen geführt.
  • Lamentationes Jeremiae prophetae. Zwei überlieferte Lamentationsvertonungen, gewöhnlich in den Zusammenhang der Karwochenliturgie gestellt.
  • Dixit Dominus. Psalmvertonung; in modernen Werk- und Notennachweisen unter Allegri geführt.
  • Magnificat. Lobgesang Mariens; in Werk- und Notennachweisen greifbar.
  • Te Deum. Achtstimmige liturgische Lobgesangvertonung; in Werklisten genannt.
  • Beatus vir. Psalmvertonung; in modernen Katalogen unter Allegri nachgewiesen.
  • Libera me. Liturgischer Responsorialtext für die Totenliturgie; in modernen Katalogen unter Allegri geführt.

Motetten und geistliche Einzelwerke

  • Christus resurgens ex mortuis. Österliche Motette, zugleich wichtig als Modell beziehungsweise Bezugspunkt der Missa Christus resurgens.
  • In lectulo meo. Motette beziehungsweise geistliches Modell, das mit der gleichnamigen Messe verbunden ist.
  • Laudate regem. Achtstimmige Motette; in Werklisten genannt.
  • Quasi Libanus. Motette, in modernen Choral- und Notenportalen unter Gregorio Allegri geführt.
  • Adoremus in aeternum. Motette beziehungsweise geistlicher Satz; in modernen Aufführungs- und Operabase-Nachweisen unter Allegri geführt.
  • Veni Sancte Spiritus. Geistlicher Satz, in modernen Werk- und Aufführungsnachweisen unter Allegri geführt.
  • Weitere Motetten in römischen Sammeldrucken und handschriftlichen Beständen. Einzelne Motetten wurden in Anthologien der Jahre 1618, 1619, 1621, 1623, 1625, 1626 und 1639 überliefert oder genannt; ihre genaue Erfassung erfordert den Abgleich mit RISM, Handschriftenkatalogen und modernen Editionen.

Instrumentale und exemplarisch überlieferte Werke

  • Sinfonia a quattro. Vierstimmige instrumentale Sinfonia, von Athanasius Kircher in der Musurgia universalis überliefert; in der Literatur häufig als Beispiel früher römischer Instrumentalkomposition und gelegentlich als früher Quartettfall diskutiert.
  • Weitere instrumentale Zuschreibungen. Allegri wird in älteren Darstellungen gelegentlich im Zusammenhang mit früher Streichinstrumentalmusik genannt; gesicherte und editionsfähige Einzelwerke sind jedoch deutlich enger zu fassen als der spätere Ruhm des Namens erwarten lässt.

Unsichere, editorisch besonders zu prüfende und rezeptionsgeschichtliche Fassungen

  • Miserere in der römischen Kapellfassung. Diese Schicht meint die ursprüngliche beziehungsweise frühe liturgische Gestalt der Sixtinischen Kapelle.
  • Miserere in Burneys Fassung von 1771. Frühe englische Publikationsstufe, die für die europäische Verbreitung wichtig wurde.
  • Miserere in romantischen und nachromantischen Abschriften. Dazu gehören Fassungen mit späterer Ornamentierung, Tonhöhenverschiebungen und editorischen Eingriffen.
  • Miserere in der modernen englischen Chortradition. Diese Aufführungsgestalt prägt den heutigen Höreindruck besonders stark, ist aber historisch nicht mit einer einfachen Urfassung gleichzusetzen.
  • Unveröffentlichte Motetten und liturgische Sätze in römischen Handschriften. Diese Gruppe umfasst Werke, die in der Forschung und in Katalogen erwähnt werden, aber nicht immer in modernen Editionen leicht zugänglich sind.

Rezeption und editorische Hinweise

Gregorio Allegris Rezeption ist ungewöhnlich einseitig. Obwohl er Messen, Motetten, Concertini, Lamentationen und liturgische Werke schrieb, blieb sein Name vor allem durch das Miserere lebendig. Diese Einseitigkeit hat seine Wahrnehmung lange verengt. Moderne Einspielungen und Editionen haben jedoch gezeigt, dass seine Messen und Motetten eine eigenständige, handwerklich sichere und stilistisch interessante Kirchenmusik darstellen.

Das Miserere selbst ist editorisch problematisch. Eine Aufführung der heute populären Fassung sagt nicht automatisch, wie das Werk im Rom des 17. Jahrhunderts geklungen hat. Die heutige Klangvorstellung ist durch spätere Abschriften, veröffentlichte Fassungen, englische Chorpraxis und moderne Aufnahmen geprägt. Für eine wissenschaftliche Darstellung muss daher zwischen Allegris Komposition, der römischen Aufführungspraxis, der mündlichen Ornamenttradition und späteren Bearbeitungen unterschieden werden.

Auch das Todesdatum ist in der Literatur nicht ganz einheitlich. Die hier verwendete Lemmadatierung folgt der Vorgabe 18. Februar 1652; mehrere moderne Quellen nennen den 17. Februar. Da frühneuzeitliche Sterbedaten je nach Kalendereintrag, Begräbnisnotiz, Quellenabschrift und lexikalischer Tradition schwanken können, sollte die Seite diese Abweichung redaktionell offenhalten.

Für das Kulturlexikon ist Allegri besonders ergiebig, weil er mehrere Themenfelder verbindet: römische Liturgie, päpstliche Kapellkultur, Stimmkunst, stile antico, barocke Kirchenmusik, Musikmythos, Mozart-Rezeption, Chortradition und Editionsgeschichte. Seine Bedeutung liegt daher nicht allein in kompositorischer Innovation, sondern in der außergewöhnlichen Wirkung eines Werkes, das über Jahrhunderte hinweg religiöse Aura, musikalische Exklusivität und moderne Klangsehnsucht bündelte.

Sekundärliteratur

  • Adami da Bolsena, Andrea: Osservazioni per ben regolare il coro della Cappella Pontificia. Rom 1711.
  • Atkins, Ivor: Editionen und Bearbeitungen des Miserere im Zusammenhang mit der englischen Chortradition des 20. Jahrhunderts.
  • Burney, Charles: The Present State of Music in France and Italy. London 1771. Wichtig für die frühe englische Vermittlung römischer Musik und des Miserere.
  • Byram-Wigfield, Ben: Gregorio Allegri’s Miserere mei, Deus. Studie zur Quellen-, Editions- und Aufführungsgeschichte des Miserere.
  • Chrissochoidis, Ilias: „London Mozartiana: Wolfgang’s Disputed Age & Early Performances of Allegri’s Miserere“. In: The Musical Times 151, 2010.
  • Hull, A. Eaglefield: „Gregorio Allegri. The Earliest Known String-Quartet“. In: The Musical Quarterly 15, 1929.
  • Kircher, Athanasius: Musurgia universalis. Rom 1650. Enthält die Überlieferung der vierstimmigen Sinfonia Allegris.
  • O’Reilly, Graham: Allegri’s Miserere in the Sistine Chapel. Woodbridge 2020.
  • Roche, Jerome: „Allegri, Gregorio“. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. London/New York.
  • Rutter, John, Hg.: European Sacred Music. Oxford 1996. Enthält eine moderne chorpraktische Rezeption des europäischen Sakralrepertoires.
  • Silbiger, Alexander: „Roman Sacred Music and the Early Baroque“. Studien zum römischen Umfeld des frühen 17. Jahrhunderts.
  • Trendell, David: Begleittexte zu den Einspielungen von Allegris Messen, Motetten und Miserere mit dem Choir of King’s College London.
  • Walker, Thomas: Studien zur römischen Musikpraxis des frühen 17. Jahrhunderts und zum Umfeld der päpstlichen Kapelle.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Domenico Allegri Römischer Komponist und Verwandter Gregorio Allegris, wichtig für die familiäre und lokale Musikgeschichte des Namens Allegri.
  • Barockmusik Epochenrahmen, in dem Allegris gedruckte Concertini und Motetten trotz konservativer römischer Prägung stehen.
  • Basso continuo Generalbasspraxis, die für Allegris geistliche Concertini und Motetten des frühen 17. Jahrhunderts wesentlich ist.
  • Cappella Sistina Päpstliche Kapelle, in der Allegri ab 1629 als Sänger wirkte und für deren Karwochenliturgie das Miserere bestimmt war.
  • Falsobordone Psalmtonbezogene Mehrstimmigkeit, deren Praxis für das Verständnis von Allegris Miserere grundlegend ist.
  • Fermo Wichtige Station in Allegris Laufbahn vor der endgültigen Rückkehr nach Rom und der Aufnahme in die päpstliche Kapelle.
  • Giovanni Bernardino Nanino Römischer Musiker und Lehrer Allegris im Umfeld von San Luigi dei Francesi.
  • Giovanni Maria Nanino Komponist der römischen Schule und wichtiger Vertreter der Palestrina-Nachfolge, mit der Allegris Ausbildung verbunden ist.
  • Kirchenmusik Übergreifender Gattungs- und Funktionsbereich, in dem Allegris Messen, Motetten, Lamentationen und Psalmen stehen.
  • Lamentation Karwochenbezogene Vertonung der Klagelieder Jeremias, zu der Allegri eigene Werke beitrug.
  • Miserere, Gregorio Allegri Berühmte Vertonung des Bußpsalms, deren römische Liturgie-, Aufführungs- und Editionsgeschichte Allegris Nachruhm bestimmte.
  • Motette Geistliche Vokalgattung, in der Allegri sowohl gedruckt als auch handschriftlich überlieferte Werke schuf.
  • Wolfgang Amadeus Mozart Mit dem Mythos verbunden, das Miserere 1770 nach dem Hören in Rom aus dem Gedächtnis niedergeschrieben zu haben.
  • Giovanni Pierluigi da Palestrina Leitfigur der römischen Kirchenmusik, deren Stiltradition für Allegris konservative Kapellmusik entscheidend blieb.
  • Polyphonie Mehrstimmige Satztechnik, in deren römischer Tradition Allegris Kirchenmusik verwurzelt ist.
  • Prima pratica Ältere kontrapunktische Kompositionsweise, die für Allegris Kapellstil und die Palestrina-Rezeption wichtig ist.
  • Rom Geburts-, Wirkungs- und Sterbeort Allegris sowie Zentrum seiner kirchenmusikalischen Karriere.
  • Römische Schule Kirchenmusikalische Traditionslinie, der Allegri durch Ausbildung, Stil und institutionelle Tätigkeit zugehört.
  • San Luigi dei Francesi Römische Kirche, an der Allegri als Chorknabe musikalisch ausgebildet wurde.
  • Sixtinische Kapelle Liturgischer Raum, dessen Karwochenpraxis die besondere Aura des Miserere hervorbrachte.
  • Stile antico Bewusst ältere Kirchenmusikschreibweise, die Allegris päpstliche Kapellmusik vom moderneren Concertato-Stil unterscheidet.
  • Stile concertato Frühbarocke Satz- und Klangweise, die in Allegris gedruckten geistlichen Concerti erkennbar wird.
  • Tenebrae Karwochenliturgie, in deren Rahmen Allegris Miserere in der Sixtinischen Kapelle seine berühmte Wirkung entfaltete.
  • Urban VIII. Papst, unter dessen Pontifikat Allegri in die päpstliche Kapelle aufgenommen wurde und das Miserere entstand.