Domenico Allegri
Überblick
Domenico Allegri gehört zur römischen Kirchenmusik des frühen 17. Jahrhunderts und steht im Schatten seines berühmteren Bruders Gregorio Allegri, dessen Miserere die europäische Rezeptionsgeschichte des Namens Allegri fast vollständig überlagert hat. Für die Kultur- und Musikgeschichte ist Domenico Allegri jedoch eigenständig wichtig. Er war Sänger, Contralto, Kapellmeister und Komponist, wurde an San Luigi dei Francesi ausgebildet, wirkte an mehreren römisch-umbrischen Kirchen und leitete von 1610 bis 1629 die Kapelle von Santa Maria Maggiore in Rom.
Seine Bedeutung liegt besonders in der Verbindung von Vokalmusik und selbständiger Instrumentalmusik. In seinen erhaltenen und dokumentierten Werken treten Instrumente nicht nur als bloße Verdopplung der Singstimmen auf, sondern erhalten ein eigenes Profil: Sie können einleiten, zwischen vokalen Abschnitten vermitteln, Ruhepunkte schaffen und Schlusswirkungen ausformen. Damit gehört Domenico Allegri zu den frühen römischen Komponisten, an denen sich der Übergang von einer streng vokal gedachten Sakralmusik zu einer stärker konzertierenden, vokal-instrumentalen Kirchenmusik beobachten lässt.
Sein erhaltenes Werk ist klein und teilweise nur fragmentarisch beziehungsweise indirekt greifbar. Umso wichtiger ist die 1617 in Rom gedruckte Musik zur akademischen Disputation, die in der neueren Forschung unter dem Titel Music for an Academic Defense ediert wurde. Diese Musik zeigt Allegri nicht allein als Kirchenkomponisten, sondern als Teilnehmer einer römischen Kultur, in der Universität, Kolleg, Kardinalspatronat, Festdruck, lateinische Gelegenheitsdichtung, Bildprogramm und Musik zusammenwirkten.
Für ein Kulturlexikon ist Domenico Allegri daher nicht nur als „Bruder Gregorios“ zu behandeln. Er steht für die Ausbildungswelt der römischen Chorknaben, für die Kapellmeisterpraxis an großen Kirchen, für die Frühgeschichte des römischen stile concertato, für die Verbindung von akademischem Zeremoniell und Musik sowie für die problematische Überlieferung vieler römischer Komponisten, deren Ruf durch verlorene Drucke, postume Sammlungen und spätere Zuschreibungen nur bruchstückhaft rekonstruierbar ist.
Kurzdaten
| Name | Domenico Allegri. |
|---|---|
| Lateinische Namensform | Dominicus Allegrius Romanus. |
| Lexikalische Unterscheidung | Allegri 2; zur Abgrenzung von Gregorio Allegri und weiteren Trägern des Familiennamens. |
| Geburt | Um 1585 in Rom; die Datierung ergibt sich aus der Aufnahme als etwa zehnjähriger Chorknabe im Jahr 1595. |
| Tod | 5. September 1629 in Rom. |
| Beruf | Komponist, Sänger, Contralto, Kapellmeister und Kirchenmusiker. |
| Familie | Bruder von Gregorio Allegri und Bartolomeo Allegri; Sohn des aus Mailand stammenden Costantino Allegri. |
| Lehrer | Giovanni Bernardino Nanino im Umfeld von San Luigi dei Francesi; zugleich Nähe zur Nanino-Schule und zur römischen Palestrina-Nachfolge. |
| Wirkungsorte | Rom, San Luigi dei Francesi, Spello, Santa Maria in Trastevere, Santa Maria Maggiore und Collegio Romano. |
| Zentrale Ämter | Maestro di cappella an Santa Maria in Spello 1606, an Santa Maria in Trastevere 1609/1610 und an Santa Maria Maggiore von 1610 bis 1629. |
| Stilgeschichtliche Bedeutung | Früher römischer Vertreter einer vokal-instrumentalen geistlichen Musik, in der Instrumente selbständige, nicht bloß verdoppelnde Funktionen übernehmen. |
Familie, Name und Abgrenzung zu Gregorio Allegri
Domenico Allegri stammte aus einer musikalisch bedeutsamen römischen Familie. Sein Vater Costantino Allegri, aus Mailand kommend und in Rom ansässig, ließ mehrere Söhne musikalisch ausbilden. Gregorio, Domenico und Bartolomeo Allegri kamen in die Schule von San Luigi dei Francesi. Diese gemeinsame Ausbildung erklärt, weshalb die Brüder in der Forschung immer wieder zusammen genannt werden. Zugleich ist gerade bei Domenico eine klare Abgrenzung nötig, weil der spätere Ruhm Gregorio Allegris fast alle übrigen Namensträger verdrängt hat.
Gregorio Allegri wurde durch das Miserere der Sixtinischen Kapelle weltberühmt. Domenico Allegri dagegen blieb als Kapellmeister von Santa Maria Maggiore und als Komponist klein besetzter, vokal-instrumentaler Stücke im engeren Fachgedächtnis der römischen Musikgeschichte. Sein Profil ist nüchterner, institutioneller und stärker mit der praktischen Kapellmeisterarbeit verbunden. Gerade deshalb ist es für die Kulturgeschichte wertvoll: Es zeigt nicht den Nachruhm eines singulären Meisterwerks, sondern den Arbeitsraum eines professionellen römischen Kirchenmusikers.
Die lateinische Namensform Dominicus Allegrius Romanus erscheint im Umfeld des 1617 gedruckten Werkes und verweist auf die frühneuzeitliche Praxis, lokale Herkunft, Amt und Gelehrtenstil miteinander zu verbinden. Der Name meint damit nicht nur die Person, sondern auch ihre Einbindung in die römische Sakral-, Akademie- und Druckkultur des frühen 17. Jahrhunderts.
Ausbildung an San Luigi dei Francesi
Die Ausbildung Domenico Allegris begann an San Luigi dei Francesi in Rom. Diese Kirche war nicht nur ein Gotteshaus der französischen Nation in Rom, sondern auch ein wichtiger Ort musikalischer Schulung. Die dortige Choralschule versorgte die Kapelle mit Knabenstimmen und bildete junge Sänger in Gesang, Kontrapunkt, Notenlesen, Liturgie und musikalischer Disziplin aus. Domenico trat 1595 als Knabe in diese Schule ein.
Sein Lehrer war Giovanni Bernardino Nanino, Bruder von Giovanni Maria Nanino. Die Nanino-Brüder stehen für die römische Nachfolge Palestrinas und für eine Verbindung von kontrapunktischer Strenge, liturgischer Funktion und professioneller Sängerziehung. Domenico lernte also nicht in einem abstrakten Kompositionsseminar, sondern in einer praktischen Kirchenmusikschule, in der Singen, Lernen, Abschreiben, Ornamentieren und liturgischer Dienst ineinandergriffen.
Zu seinen Mitschülern gehörten neben seinem Bruder Gregorio auch Antonio Cifra, Domenico Massenzio und Paolo Agostini. Diese Namen zeigen, wie dicht das römische Ausbildungsnetz um 1600 war. Aus einer einzigen Schule gingen mehrere Komponisten hervor, die später an römischen Kirchen, Kollegien und Kapellen wirkten. Domenico Allegri ist daher Teil einer Generation, die den Übergang von der spätpalestrinischen Mehrstimmigkeit zur frühbarocken römischen Kirchenmusik mitgestaltete.
Nach dem Stimmwechsel verließ er die Knabenkapelle, kehrte aber 1602 kurzzeitig als Contralto zurück. Diese Rückkehr zeigt, dass die Ausbildung nicht nur auf den Kindesdienst beschränkt war. Wer die Stimme nach dem Stimmwechsel weiter verwenden konnte, blieb für die Kapelle wertvoll. Domenico Allegri wurde so früh in die doppelte Rolle hineingeführt, die seine spätere Laufbahn prägen sollte: Er war Sänger und Komponist, Praktiker und Kapellleiter.
Spello, Santa Maria in Trastevere und Santa Maria Maggiore
Nach den Jahren an San Luigi dei Francesi verliert sich Domenico Allegris Spur für kurze Zeit. 1606 erscheint er als maestro del coro beziehungsweise Kapellmeister an Santa Maria in Spello. Diese Station ist wichtig, weil sie zeigt, dass seine erste selbständige Leitungserfahrung nicht unmittelbar in einer großen römischen Hauptkirche, sondern in einem regionaleren kirchlichen Kontext lag. Solche Stationen waren für Musiker des frühen 17. Jahrhunderts üblich: Sie sammelten Praxis, bevor sie an größere Institutionen gelangten.
Von September 1609 bis April 1610 war Allegri maestro di cappella an Santa Maria in Trastevere in Rom. Diese Kirche gehörte zu den traditionsreichen römischen Basiliken und verfügte über eine eigenständige liturgische Musikkultur. Schon dieses kurze Amt zeigt, dass Domenico Allegri in Rom als professionell qualifizierter Kapellmeister anerkannt war.
Am 3. April 1610 wurde er als Nachfolger Roberto di Fiandras zum maestro di cappella der Cappella Liberiana an Santa Maria Maggiore ernannt. Diese Stellung behielt er bis zu seinem Tod 1629. Santa Maria Maggiore war eine der großen römischen Basiliken und verlangte von einem Kapellmeister umfassende Kompetenz: Leitung der Sänger, Auswahl und Komposition liturgischer Musik, Organisation der Gottesdienste, Umgang mit mehrchörigen Räumen, Festtagen, Kapitelsordnungen und musikalischem Personal.
Domenico Allegri starb am 5. September 1629 in Rom und wurde in Santa Maria Maggiore bestattet. Dass sein Amt und sein Begräbnisort zusammenfallen, unterstreicht die enge Verbindung zwischen Person und Institution. Seine historische Bedeutung ist daher nicht nur über einzelne Werke zu bestimmen, sondern auch über die lange Kontinuität seiner Arbeit an einer der wichtigsten Kirchen Roms.
Stil, Instrumentalbegleitung und römischer Concertato-Kontext
Domenico Allegri gilt als einer der frühen römischen Komponisten, die dem Instrument in geistlicher Vokalmusik eine selbständigere Rolle gaben. Das ist stilgeschichtlich bedeutsam. In älterer Kirchenmusik konnten Instrumente Singstimmen verdoppeln oder ersetzen. Bei Domenico Allegri treten sie jedoch als eigene Kräfte auf: Sie können Abschnitte eröffnen, Übergänge bilden, Klangfarben hinzufügen und die formale Gliederung verstärken.
Diese Praxis gehört in den größeren Zusammenhang des concerto ecclesiastico und des römischen stile concertato. Während Venedig häufig mit großräumiger Mehrchörigkeit und instrumentaler Pracht verbunden wird, entwickelte auch Rom im frühen 17. Jahrhundert eigene Formen konzertierender Kirchenmusik. Diese Formen waren oft kleiner, stärker textbezogen und institutionell eng mit Kirchen, Kollegien, Festandachten und akademischen Feiern verbunden.
Allegri steht dabei zwischen stile antico und stile moderno. Seine Ausbildung war kontrapunktisch und römisch-palestrinisch geprägt, doch seine Werke zeigen die Öffnung zur neuen Vokal-Instrumental-Praxis. Gerade diese Mischung macht ihn kulturgeschichtlich interessant. Er ist kein radikaler Neuerer im dramatischen Sinn, sondern ein römischer Praktiker, der neue Mittel in den geordneten Raum kirchlicher und akademischer Repräsentation überführt.
Musik zur akademischen Disputation von 1617
Das ungewöhnlichste überlieferte Werk Domenico Allegris ist die Musik zur akademischen Disputation von 1617. Sie entstand im Kontext einer Thesenverteidigung am Collegio Romano, also in einem jesuitisch geprägten akademischen Milieu. Der Anlass war keine gewöhnliche Messe und kein normales Kirchenfest, sondern ein öffentliches akademisches Zeremoniell, bei dem Gelehrsamkeit, Patronage, Rhetorik, Bildprogramm, lateinische Dichtung und Musik zusammenwirkten.
Die moderne Forschung beschreibt dieses Stück als selten erhaltenes Beispiel für Musik zu einer akademischen Verteidigung. Gedruckte Thesenblätter, Widmungen, lateinische Gedichte und musikalische Einschübe bildeten zusammen ein Repräsentationsprogramm. Das Werk war Kardinal Carlo de’ Medici gewidmet; der akademische Kandidat Ilario Frumenti nutzte das Ereignis zugleich, um sich in ein Netzwerk aus römischer Gelehrtenkultur und Medici-Patronage einzuschreiben.
Musikalisch handelt es sich um drei miteinander verbundene weltliche beziehungsweise akademisch-enkomiastische Motetten im römischen concertato-alla-romana-Stil. Der Text ist in Abschnitte für Doppelchor, Solostimmen, Duette und wechselnde Gruppen gegliedert. Die instrumentalen Hinweise sind besonders wichtig, weil sie zeigen, wie flexibel und farbig römische Festmusik auch außerhalb des engeren Gottesdienstes sein konnte.
Für die Kulturgeschichte erweitert dieses Werk das Bild Domenico Allegris erheblich. Er war nicht nur Kapellmeister für liturgische Aufgaben, sondern auch ein Komponist, der in der akademischen Festkultur Roms eingesetzt wurde. Das verbindet ihn mit Themen wie Patronage, Jesuitenbildung, Gelegenheitsmusik, gelehrter lateinischer Poesie und höfisch-kirchlicher Repräsentation.
Werkverzeichnis
Das Werkverzeichnis Domenico Allegris muss vorsichtig formuliert werden. Sein erhaltenes beziehungsweise sicher nachweisbares Œuvre ist klein, ein Teil der Musik ist verloren, einzelne Werke sind nur aus älteren Katalogen, Drucken oder späteren Hinweisen bekannt, und manche Zuschreibungen sind unsicher. Die folgende Übersicht unterscheidet daher gesicherte Drucke, postume Drucke, nachgewiesene Einzelstücke, unsichere Zuschreibungen und verlorene beziehungsweise nur bibliographisch fassbare Werkgruppen.
Gedruckte und gesichert nachgewiesene Werke
- Modi quos expositis in choris fecit Dominicus Allegrius Romanus, musicae praefectus in Basilica Liberiana. Rom, Giovanni Battista Robletti, 1617. Druck im Umfeld einer akademischen Disputation am Collegio Romano. Die Musik ist in der modernen Edition unter dem Titel Music for an Academic Defense (Rome, 1617) erschlossen. Sie umfasst drei miteinander verbundene Stücke auf lateinische Gelegenheitsgedichte und zeigt römischen concertato-alla-romana-Stil.
- Sol. Erster der im 1617er Disputationskontext vertonten Texte beziehungsweise musikalischen Abschnitte. Das Stück steht im symbolischen Zusammenhang der Planetengedichte und der Medici-Patronage.
- Saturnus. In ausgewählten Strophen vertonter Text aus demselben akademisch-enkomiastischen Zyklus. Die Musik gehört zum dreiteiligen Disputationsdruck von 1617.
- Mercurius. In ausgewählten Strophen vertonter Text aus demselben Zyklus. Der Schluss nutzt Echo- und Antwortwirkungen und steht im Zusammenhang der römischen Fest- und Akademiekultur.
- Mottetti a due, tre, quattro e cinque voci. Rom, 1638. Postum erschienener Motettendruck. Die Publikation nach Allegris Tod führte in älterer Literatur gelegentlich zu falschen biographischen Schlüssen; sie ist als Nachlass- beziehungsweise postume Drucküberlieferung zu behandeln.
Erhaltene oder in Lexika ausdrücklich genannte Einzelbesetzungen
- Motette für Sopran solo und zwei Violinen. In Treccani und Baker/Encyclopedia.com als Beispiel für Allegris selbständige Instrumentalbegleitung genannt. Der genaue Titel ist in Kurzquellen nicht immer angegeben, weshalb die Besetzung als Werkzeugnis gesondert ausgewiesen wird.
- Motette beziehungsweise Duett für zwei Tenöre und zwei Violinen. Ebenfalls als charakteristisches Beispiel der 1617 greifbaren vokal-instrumentalen Praxis genannt.
- Motette für Bass solo und zwei Violinen. Drittes in der Lexikonüberlieferung hervorgehobenes Beispiel einer Vokalstimme mit eigenständiger Violinenbegleitung.
- Instrumental unterstützte Abschnitte mit Solostimmen, Duetten und Doppelchor. Bestandteile der Musik zur akademischen Disputation; sie zeigen die Verbindung von achtstimmiger Anlage, Solopassagen und instrumentaler Farbgebung.
Messen und großbesetzte Sakralmusik
- Messa a sedici voci. In der älteren Werküberlieferung als Messe zu sechzehn Stimmen beziehungsweise vier Chören genannt. Die genaue Quellenlage und Zuschreibung sind editorisch zu prüfen, da moderne Kurznachweise teils Unsicherheiten und abweichende Zuordnungen erkennen lassen.
- Messe oder mehrchörige Kirchenmusik für Santa Maria Maggiore. Als Kapellmeister einer großen Basilika musste Allegri mit solchen Gattungen vertraut sein; konkrete erhaltene Einzelwerke sind jedoch nur zurückhaltend zu benennen, solange kein sicherer Quellenbeleg vorliegt.
Motetten und kleine geistliche Concerti
- Motetti a 2 voci. Bestandteil oder Teilgruppe des postumen Motettendrucks von 1638 beziehungsweise der kleinteiligen geistlichen Vokalmusik Allegris.
- Motetti a 3 voci. Teilgruppe des postumen Drucks beziehungsweise der überlieferten Motettenpraxis.
- Motetti a 4 voci. Teilgruppe des postumen Drucks und der liturgisch beziehungsweise devotional einsetzbaren kleineren Sakralmusik.
- Motetti a 5 voci. Teilgruppe des postumen Motettendrucks von 1638.
- Kleine geistliche Concerti mit Basso continuo. Als stilistische Werkgruppe aus der römischen Kirchenmusik um 1610 bis 1630 zu verstehen; konkrete Titel sind anhand von RISM, römischen Druckkatalogen und Bibliotheksbeständen weiter zu prüfen.
Unsichere, verschollene und nur bibliographisch greifbare Werke
- Verlorene liturgische Kompositionen aus der Kapellmeisterpraxis an Santa Maria Maggiore. Wahrscheinlich waren im Amt mehr Werke vorhanden, als heute sicher greifbar sind. Die Verluste betreffen besonders Gebrauchsmusik für wiederkehrende liturgische Anlässe.
- Weitere Motetten in handschriftlicher oder verstreuter Drucküberlieferung. Einzelne Titel können in Katalogen und alten Sammelwerken auftauchen, bedürfen aber einer Einzelfallprüfung, weil der Name Allegri auch mit Gregorio Allegri verwechselt werden kann.
- Se d’amor le catene. In älterer Quellenüberlieferung gelegentlich Domenico Allegri zugeschriebenes Stück; als unsichere Zuschreibung zu behandeln.
- Domenico Allegri zugeschriebene Werke ohne Vornamenangabe. Bei Quellen, die nur „Allegri“ nennen, ist immer zu prüfen, ob Domenico oder Gregorio Allegri gemeint ist. Gerade diese Namensunsicherheit erschwert ein abgeschlossenes Werkverzeichnis.
Rezeption und editorische Hinweise
Domenico Allegris Rezeption ist lange durch zwei Umstände behindert worden. Erstens wurde er vom Ruhm Gregorio Allegris überstrahlt. Zweitens ist sein erhaltenes Werk klein und teilweise nur durch Spezialforschung zugänglich. Dennoch ist seine Bedeutung nicht gering. Er gehört zu denjenigen römischen Musikern, an denen sich die Frühgeschichte einer eigenständiger begleiteten geistlichen Vokalmusik beobachten lässt.
Besonders die 1617er Musik zur akademischen Disputation hat in der neueren Forschung die Aufmerksamkeit auf Domenico Allegri gelenkt. Sie zeigt, wie Musik im römischen Barock nicht nur in der Messe oder Vesper, sondern auch in gelehrten, akademischen und patronalen Kontexten eine repräsentative Funktion hatte. Das macht Allegri für eine Kulturgeschichte interessant, die nicht allein Komponistenwerke, sondern auch Anlässe, Institutionen, Drucke, Widmungen und soziale Netzwerke untersucht.
Editorisch ist bei Domenico Allegri zwischen sicher belegten Drucken, postumen Drucken, späteren Zuschreibungen und bloßen Namensgleichheiten zu unterscheiden. Die Verwechslung mit Gregorio Allegri liegt nahe, weil beide Brüder in Rom ausgebildet wurden und beide als Sänger und Komponisten wirkten. Ein sauberes Werkverzeichnis muss deshalb vorsichtig bleiben und sollte bei jeder einzelnen Komposition Druckort, Jahr, Quelle, Besetzung und Zuschreibungslage prüfen.
Sein Stellenwert liegt vor allem in der römischen Musikpraxis um 1600 bis 1630. Domenico Allegri zeigt, wie sich die große kirchliche Kapelltradition Roms mit neuen konzertierenden Formen verband. Er ist ein Kapellmeister der Zwischenzeit: noch in der kontrapunktischen Schulung des 16. Jahrhunderts verwurzelt, aber bereits auf die farbigere, vokal-instrumentale Klangwelt des frühen Barock hin geöffnet.
Sekundärliteratur
- Baker’s Biographical Dictionary of Musicians: „Allegri, Domenico“. Kurzartikel zu Lebensdaten, Amt an Santa Maria Maggiore und selbständiger Instrumentalbegleitung.
- Cametti, Alberto: La scuola dei «pueri cantus» di S. Luigi dei Francesi in Roma e i suoi principali allievi (1591–1623): Gregorio, Domenico e Bartolomeo Allegri, Antonio Cifra, Orazio Benevoli. Turin 1915.
- Della Libera, Luca: „Repertori ed organici vocali-strumentali nella basilica di Santa Maria Maggiore a Roma, 1557–1624“. In: Studi musicali 29, 2000.
- Durante, Sergio: „Domenico Allegri“. In: Dizionario enciclopedico universale della musica e dei musicisti. Turin 1983–1999.
- Eitner, Robert: Biographisch-bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten, Bd. 1. Leipzig 1900.
- Franchi, Saverio: Annali della stampa musicale romana dei secoli XVI–XVIII, Bd. 1/I. Rom 2006.
- John, Antony, Hg.: Domenico Allegri: Music for an Academic Defense (Rome, 1617). Recent Researches in the Music of the Baroque Era 134. Middleton, Wisconsin 2004.
- Nigro, Antonella: „Domenico Massenzio. Una nuova biografia con documenti inediti“. In: Domenico Massenzio, Opera omnia, Bd. 1. Mailand 2008.
- O’Regan, Noel: Rezension zu Domenico Allegri: Music for an Academic Defense (Rome, 1617). In: Journal of Seventeenth-Century Music 12, 2006.
- Pironti, Alberto: „Allegri, Domenico“. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 2. Rom 1960.
- Roche, Jerome und Noel O’Regan: „Allegri, Domenico“. In: Grove Music Online. Fachlexikalischer Artikel zu Biographie, Werk und Stil.
- Timms, Colin: „Domenico Allegri“. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. London/New York.
Ausgewählte Onlinequellen
- A-R Editions: Domenico Allegri, Music for an Academic Defense (Rome, 1617) Moderne wissenschaftliche Edition der 1617 gedruckten Musik zur akademischen Disputation in Rom.
- Encyclopedia.com: Allegri, Domenico Baker-Kurzartikel mit Lebensdaten, Amt an Santa Maria Maggiore und Hinweis auf selbständige Instrumentalbegleitung in erhaltenen Motetten.
- Google Books: Music for an Academic Defense Bibliographischer Nachweis der A-R-Edition mit Angaben zu Herausgeber, Reihe, Umfang und Erscheinungsjahr.
- Journal of Seventeenth-Century Music: Rezension zu Music for an Academic Defense Fachrezension mit detaillierter Einordnung der 1617er Disputationsmusik, ihres akademischen Kontexts, ihrer Texte, Widmung und Besetzung.
- MGG Online: Allegri Fachlexikalischer Eintrag zur Familie Allegri mit Normdaten- und Personenbezügen zu Domenico und Gregorio Allegri.
- Musicalics: Domenico Allegri Kurzdatensatz mit Werkhinweisen zu Modi quos expositis in choris und einer unsicheren sechzehnstimmigen Messe.
- Presto Music: Domenico Allegri, Music for an Academic Defense Moderner Notenausgaben-Nachweis zur A-R-Edition und zu den separat erhältlichen Instrumentalstimmen.
- Treccani: Allégri, Domenico Kompakter italienischer Lexikonartikel zu Rom, Gregorio Allegri, San Luigi dei Francesi, Santa Maria in Trastevere, Santa Maria Maggiore und dem Druck von 1617.
- Treccani, Dizionario Biografico degli Italiani: Allegri, Domenico Ausführlicher biographischer Artikel mit Angaben zu Familie, Ausbildung, Ämtern, Ehe, Tod und Werküberlieferung.
Weiterführende Einträge
- Paolo Agostini Römischer Komponist und Mitschüler Domenico Allegris im Umfeld von San Luigi dei Francesi und der Nanino-Schule.
- Gregorio Allegri Bruder Domenico Allegris und berühmtester Vertreter der Familie durch das Miserere der Sixtinischen Kapelle.
- Basso continuo Grundlage frühbarocker Vokal- und Instrumentalmusik, wichtig für die Einordnung von Allegris geistlichen Concertato-Werken.
- Cappella Liberiana Musikalische Kapelle von Santa Maria Maggiore, die Domenico Allegri von 1610 bis 1629 leitete.
- Choralschule Ausbildungsform, in der Domenico Allegri als Knabe an San Luigi dei Francesi musikalisch geprägt wurde.
- Collegio Romano Römisches Jesuitenkolleg, in dessen akademischem Disputationsmilieu Allegris Musik von 1617 entstand.
- Concerto ecclesiastico Frühbarocke geistliche Vokalmusik mit konzertierenden Stimmen und Instrumenten, für Allegris Stilgeschichte zentral.
- Contralto Stimmfach, in dem Domenico Allegri nach dem Stimmwechsel wieder an San Luigi dei Francesi tätig war.
- Gelegenheitsmusik Musik für konkrete Anlässe wie akademische Disputationen, Festreden und Patronatsfeiern.
- Giovanni Bernardino Nanino Lehrer Domenico Allegris und zentrale Figur der römischen Sänger- und Kompositionsausbildung um 1600.
- Giovanni Maria Nanino Komponist der römischen Schule und Bruder Giovanni Bernardino Naninos, wichtig für die Palestrina-Nachfolge.
- Jesuitenbildung Bildungs- und Repräsentationskultur, in deren akademischem Umfeld Allegris Disputationsmusik von 1617 steht.
- Kapellmeister Amtliche Rolle, die Domenico Allegri in Spello, Santa Maria in Trastevere und Santa Maria Maggiore ausübte.
- Kirchenmusik Übergreifender Funktionsbereich von Allegris Motetten, Messen und vokal-instrumentalen Werken.
- Domenico Massenzio Römischer Komponist und Mitschüler Domenico Allegris an San Luigi dei Francesi.
- Motette Geistliche Vokalgattung, in der Domenico Allegri mit selbständigen Instrumentalpartien besonders hervorgetreten ist.
- Giovanni Pierluigi da Palestrina Leitfigur der römischen Polyphonie, deren Nachfolge den Ausbildungsraum der Nanino-Schule prägte.
- Patronage Kulturelles Förder- und Widmungssystem, das bei Allegris Disputationsmusik für Kardinal Carlo de’ Medici sichtbar wird.
- Polychoralität Mehrchörige Satz- und Aufführungspraxis, die in römischer Festmusik und in Allegris akademischem Werk eine Rolle spielt.
- Rom Geburts-, Ausbildungs-, Wirkungs- und Sterbeort Domenico Allegris sowie Zentrum seiner Kirchenmusik.
- Römische Schule Kirchenmusikalische Tradition, der Domenico Allegri durch Ausbildung, Amt und Stil zugehört.
- San Luigi dei Francesi Römische Kirche und Musikschule, an der Domenico Allegri als Chorknabe und später als Contralto wirkte.
- Santa Maria in Trastevere Römische Kirche, an der Domenico Allegri 1609/1610 kurzzeitig Kapellmeister war.
- Santa Maria Maggiore Große römische Basilika, deren Kapelle Domenico Allegri von 1610 bis zu seinem Tod leitete.
- Spello Umbrischer Wirkungsort, an dem Domenico Allegri 1606 als maestro del coro fassbar ist.
- Stile antico Kontrapunktisch geprägte Kirchenmusiktradition, aus der Allegris Ausbildung hervorging.
- Stile concertato Frühbarocke konzertierende Schreibweise, in der Stimmen und Instrumente dialogisch aufeinander bezogen werden.
- Stile moderno Neue frühbarocke Ausdrucks- und Besetzungspraxis, mit der Allegris vokal-instrumentale Werke verbunden sind.
- Vokalmusik Grundbereich von Allegris Kompositionen, die durch selbständige Instrumentalpartien erweitert werden.