Bernhard Maria Aliprandi (2)

Bernhard Maria Aliprandi, italienisch auch Bernardo Maria Aliprandi, * 5. Februar 1747 in München, † 19. Februar 1801 ebenda, Violoncellist, Komponist, Hofmusiker und Kammermusiker am kurbayerischen Hof; Sohn des italienischen Cellisten und Münchner Hofkomponisten Bernardo Aliprandi.

Überblick

Bernhard Maria Aliprandi ist der zweite im Kulturlexikon zu unterscheidende Träger des Namens Aliprandi. Er war Sohn des aus Italien stammenden Münchner Hofmusikers Bernardo Aliprandi und wurde selbst als Violoncello-Spieler, Hofmusiker und Komponist im kurbayerischen Musikleben tätig. Während der ältere Bernardo durch Bühnenwerke, geistliche Musik und Sinfonien greifbar ist, bleibt Bernhard Maria quellenmäßig stärker als Instrumentalist und Hofkapellenmitglied sichtbar.

Die Lebensdaten werden in neueren Normdaten und Lexika mit 1747 bis 1801 angegeben. Als Geburts- und Sterbeort gilt München. Damit gehört Bernhard Maria Aliprandi bereits nicht mehr zur ersten Generation italienischer Musiker, die von Italien an deutsche Höfe wechselten, sondern zur zweiten Generation einer in München etablierten Musikerfamilie. Er steht für eine Form von kultureller Verstetigung: Italienische Hofmusiker wurden nicht nur importiert, sondern gründeten Familien, deren Nachkommen im lokalen Hofmusikbetrieb weiterarbeiteten.

Seine Laufbahn ist vor allem aus knappen Hof- und Lexikonnachweisen rekonstruierbar. Zwischen 1762 und 1765 trat er als Violoncellist in den Münchner Hofdienst. Seit 1768 ist er als Accessist beziehungsweise Eleve im Orchester nachweisbar. Nach dem Ruhestand seines Vaters 1778 rückte er in eine hervorgehobene Stellung als Hofmusiker und Cellist. 1799 zog er sich mit einer Pension zurück; 1801 starb er in München.

Als Komponist ist Bernhard Maria Aliprandi nur sehr schmal überliefert. Felix Joseph Lipowsky beschreibt ihn als guten Violoncellisten und berichtet, er habe seit 1782 verschiedene Musikstücke für Viola da gamba geschrieben. Diese Angabe ist wichtig, aber nicht ohne weiteres als erhaltenes, vollständig identifizierbares Werkverzeichnis zu lesen. Die Titel einzelner Stücke sind in allgemein zugänglichen Kurzquellen nicht sicher benannt; deshalb muss das Werkverzeichnis als kritisches Verzeichnis bekannter Werkgruppen und überlieferter Hinweise angelegt werden.

Bernhard Maria Aliprandi ist kulturgeschichtlich dennoch bedeutsam, weil er die späte Hofkapellenpraxis des 18. Jahrhunderts sichtbar macht. In seiner Person kreuzen sich italienische Musikerfamilien an deutschen Höfen, Münchner Hofmusik, Cellokultur, Kammermusik, Übergänge vom Barock zur Klassik und die schwierige Quellenlage vieler praktischer Hofmusiker, deren tägliche Tätigkeit wichtiger war als ein großer gedruckter Werkbestand.

Kurzdaten

Name Bernhard Maria Aliprandi.
Italienische Namensform Bernardo Maria Aliprandi.
Nummerierung Bernhard Maria Aliprandi (2), zur Unterscheidung vom Vater Bernardo Aliprandi (1).
Alphabetischer Ansatz Aliprandi, Bernhard Maria; italienische Suchform: Aliprandi, Bernardo Maria.
Dateiname aliprandi-bernhard-maria.shtml.
Geburt 5. Februar 1747 in München.
Tod 19. Februar 1801 in München.
Beruf Violoncellist, Komponist, Hofmusiker, Kammermusiker, Orchestermusiker und Komponist von Stücken für Viola da gamba beziehungsweise tiefe Streichinstrumente.
Vater Bernardo Aliprandi, italienischer Violoncellist, Komponist, Kammerkomponist und Konzertmeister am kurbayerischen Hof.
Familienstand Nach älterer Überlieferung verheiratet mit Maria Cristina Böck; die Ehe wird in Kurzbiographien mit dem 9. Dezember verbunden, doch sind genaue Jahres- und Quellenangaben kritisch zu prüfen.
Hauptwirkungsort München, kurbayerischer Hof, Hofkapelle, Kammermusik und Orchester.
Hofdienst Zwischen 1762 und 1765 als Violoncellist im Münchner Hofdienst; seit 1768 als Accessist beziehungsweise Eleve im Orchester nachweisbar; nach 1778 in hervorgehobener Stellung nach dem Ruhestand des Vaters.
Ruhestand 1799 Rückzug aus dem Hofdienst mit einer Pension, in älteren Angaben mit 400 Gulden beziffert.
Instrumente Violoncello; in der Werküberlieferung beziehungsweise bei Lipowsky auch Viola da gamba beziehungsweise tiefe Streichinstrumente.
Werküberlieferung Verschiedene seit 1782 genannte Stücke für Viola da gamba beziehungsweise tiefe Streichinstrumente; konkrete Einzeltitel sind in allgemein zugänglichen Kurzquellen nicht sicher überliefert.
Kulturelle Bedeutung Vertreter der zweiten Generation italienisch geprägter Hofmusikerfamilien in München; wichtig für die Cellopraxis, Hofkapellenstruktur und Kammermusikpflege des späten 18. Jahrhunderts.

Name, Nummerierung und Quellenlage

Der Eintrag wird unter der deutschsprachigen Form Bernhard Maria Aliprandi geführt, weil diese Namensform in deutschen Normdaten und in der Münchner Hofmusiküberlieferung naheliegt. Die italienische Form Bernardo Maria Aliprandi ist gleichwohl wichtig, da die Familie Aliprandi italienischer Herkunft war und internationale Kataloge häufig italienische Namensformen verwenden. Für die alphabetische Ordnung wird Aliprandi, Bernhard Maria angesetzt; die Datei lautet aliprandi-bernhard-maria.shtml.

Die Nummerierung (2) dient der sauberen Trennung vom Vater Bernardo Aliprandi (1). Ohne diese Nummerierung besteht Verwechslungsgefahr, weil beide als Cellisten, Komponisten und Münchner Hofmusiker auftreten. Der Vater war der ältere, wahrscheinlich in Mailand geborene Hofkomponist und Konzertmeister; der Sohn wurde in München geboren und trat in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in den Hofdienst ein.

Die Quellenlage ist schmaler als beim Vater. Während Bernardo Aliprandi durch Opern, Librettos, ein Stabat mater und Sinfonien nachweisbar ist, erscheint Bernhard Maria Aliprandi überwiegend in Hofdienst-, Normdaten- und Lexikonnachweisen. Sein Werkbestand wird in älteren Angaben nicht durch einzelne Titel entfaltet, sondern summarisch als „verschiedene Musikstücke für Viola da gamba“ beschrieben. Für eine zuverlässige Kulturlexikon-Seite ist deshalb Zurückhaltung geboten: Nicht jeder spätere oder unklare Aliprandi-Titel darf dem Sohn zugeschrieben werden.

Auch die Bezeichnung der Instrumente verlangt Vorsicht. Bernhard Maria wird als Violoncellist geführt, während ältere Angaben von Stücken für Viola da gamba sprechen. Im 18. Jahrhundert waren Bezeichnungen tiefer Streichinstrumente nicht immer so stabil wie in der späteren modernen Instrumentenkunde. Es ist daher möglich, dass die Werke tatsächlich für Gambe, für ein gambenartiges Instrument oder für tiefe Streichinstrumente im weiteren Sinn bestimmt waren. Die Seite hält diese Mehrdeutigkeit ausdrücklich fest.

Leben, Familie und Münchner Hofdienst

Bernhard Maria Aliprandi wurde am 5. Februar 1747 in München geboren. Er wuchs damit in einer Stadt auf, deren Hofmusik bereits stark italienisch geprägt war. Sein Vater Bernardo Aliprandi hatte am kurbayerischen Hof als Violoncellist, Kammerkomponist und Konzertmeister gewirkt und war an Opern-, Fest- und Instrumentalmusik beteiligt. Der Sohn trat nicht aus einer beliebigen bürgerlichen Musikumgebung hervor, sondern aus einer etablierten Hofmusikerfamilie.

Sein musikalischer Ausbildungsweg ist nicht ausführlich dokumentiert, lässt sich aber aus dem Familien- und Berufskontext plausibel erschließen. Als Sohn eines führenden Hofcellisten dürfte er früh mit Violoncello, Generalbasspraxis, Orchesterarbeit, Opernaufführungen und höfischer Kammermusik vertraut geworden sein. Der Eintritt in den Hofdienst zwischen 1762 und 1765 zeigt, dass er bereits in jungen Jahren als Instrumentalist verwendbar war. Wenn das Geburtsjahr 1747 zugrunde gelegt wird, war er zu diesem Zeitpunkt noch im Jugendalter.

Seit 1768 ist Bernhard Maria Aliprandi als Accessist beziehungsweise Eleve im Orchester nachweisbar. Diese Bezeichnung zeigt eine Stufe zwischen Ausbildung, Probezeit und regulärer Hofmusikerstellung. Sie ist für die Sozialgeschichte der Hofkapelle aufschlussreich, weil sie erkennen lässt, wie Musikerfamilien Nachwuchs in den Hofbetrieb einführten und wie instrumentale Laufbahnen institutionell geregelt wurden.

Am 9. Dezember heiratete Bernhard Maria nach älteren biographischen Angaben Maria Cristina Böck. Diese Angabe ist in Kurzbiographien überliefert, muss aber für eine genaue familiengeschichtliche Darstellung mit Kirchenbüchern, Hofakten oder lokalen Münchner Quellen abgesichert werden. Für den kulturgeschichtlichen Artikel genügt der Hinweis, dass Aliprandi nicht nur als isolierter Musiker, sondern als Mitglied des Münchner städtisch-höfischen Sozialraums zu betrachten ist.

Nach dem Rückzug seines Vaters aus dem Hofdienst 1778 rückte Bernhard Maria Aliprandi offenbar in eine hervorgehobene Stellung innerhalb der Münchner Hofmusik. Die ältere Überlieferung spricht davon, dass er nach der Pensionierung des Vaters zum wichtigsten oder führenden Hofmusiker beziehungsweise Cellisten wurde. Solche Formulierungen sind nicht im modernen Sinn als Solistenkarriere zu verstehen, sondern bezeichnen Rang, Verwendbarkeit und praktische Autorität im Hoforchester.

1799 trat Bernhard Maria Aliprandi in den Ruhestand. Die Pension wird in älteren Angaben mit 400 Gulden beziffert. Diese Summe ist für den sozialen Rang eines Hofmusikers aufschlussreich, sollte aber im Kontext der Münchner Hofbesoldungen gelesen werden. Sie zeigt, dass Aliprandi nicht nur gelegentlich beschäftigt war, sondern über Jahrzehnte als fester Bestandteil der Hofmusik galt. Er starb am 19. Februar 1801 in München.

Ausführlicher Kulturüberblick

Bernhard Maria Aliprandi gehört zu jener zweiten Generation italienisch geprägter Musikerfamilien, die im 18. Jahrhundert an deutschen Höfen ansässig wurden. Sein Vater war noch ein Zuwanderer beziehungsweise ein italienischer Hofmusiker, dessen Laufbahn in München durch italienische Operntradition, höfische Festmusik und Instrumentalpraxis geprägt war. Der Sohn hingegen wurde in München geboren. Damit verkörpert er eine wichtige kulturgeschichtliche Verschiebung: Die italienische Musikkultur des Hofes wurde lokal und genealogisch verankert.

Die Münchner Hofkapelle des späten 18. Jahrhunderts war eine komplexe Institution. Sie umfasste Sänger, Instrumentalisten, Kapellmeister, Konzertmeister, Kammermusiker, Kopisten, Theatermusiker und Dienstpersonal. Ihre Aufgaben reichten von Oper und Ballett über Kirchenmusik, Kammermusik, Tafelmusik und Festmusik bis zu privaten höfischen Aufführungen. Ein Cellist wie Bernhard Maria Aliprandi war deshalb nicht nur Spezialist eines Instruments, sondern Teil eines multifunktionalen Klangapparates.

Der Zeitraum seines Wirkens ist besonders interessant. Zwischen den 1760er Jahren und 1801 veränderte sich die musikalische Sprache in Europa stark. Der spätbarocke Basso continuo verlor seine beherrschende Rolle, die Klassik entwickelte neue Formen der Kammermusik, des Streichquartetts, der Sinfonie und der konzertanten Instrumentalmusik, und das Violoncello wurde immer stärker als melodisch eigenständiges Instrument wahrgenommen. Bernhard Maria Aliprandi stand genau in diesem Übergang.

Dass ältere Quellen ihn als guten Violoncellisten hervorheben, ist deshalb mehr als eine biographische Randnotiz. Das Violoncello wurde im 18. Jahrhundert zum Instrument einer neuen Ausdruckskultur. Es konnte Bassfundament, sangliche Mittelstimme, solistische Linie und kammermusikalischer Partner sein. Musiker wie Aliprandi trugen im praktischen Hofbetrieb dazu bei, dass das Instrument aus der bloßen Continuo-Funktion herauswuchs.

Die Erwähnung von Stücken für Viola da gamba ist besonders aufschlussreich, weil die Gambe im späten 18. Jahrhundert bereits nicht mehr das dominierende Bass- und Soloinstrument war. Wenn Bernhard Maria tatsächlich seit 1782 Stücke für Viola da gamba schrieb, verweist das entweder auf eine konservative, höfisch-private Liebhaberpraxis, auf eine spezielle lokale Tradition oder auf eine terminologische Unschärfe zwischen Gambe, Violoncello und anderen tiefen Streichinstrumenten. In jedem Fall zeigt der Hinweis, dass alte und neue Streicherkulturen in München nebeneinander bestehen konnten.

Die Münchner Hofmusik jener Zeit darf nicht nur über berühmte Opern und Kapellmeister betrachtet werden. Gerade Musiker wie Bernhard Maria Aliprandi zeigen das stabile Fundament der Institution. Sie spielten regelmäßig, bildeten Nachwuchs, sicherten Aufführungspraxis, trugen Repertoire weiter und hielten den täglichen Betrieb aufrecht. Ihre Namen erscheinen seltener in großen Werkgeschichten, waren aber für die reale Klangkultur des Hofes unentbehrlich.

Bernhard Maria Aliprandi steht damit zwischen Familiengeschichte, Sozialgeschichte und Instrumentengeschichte. Er ist weniger der Komponist eines großen kanonischen Werkes als ein Vertreter jener praktischen Musikerelite, die den Übergang von der höfisch-italienischen Spätbarockkultur zur klassisch geprägten Münchner Musiklandschaft mittrug. Gerade das macht seinen Eintrag für ein Kulturlexikon sinnvoll.

Violoncello, Viola da gamba und tiefe Streichinstrumente

Das Hauptinstrument Bernhard Maria Aliprandis war das Violoncello. Als Sohn eines Cellisten dürfte er die Technik, Klangbildung und Funktion des Instruments früh aus nächster Nähe gelernt haben. Im Hoforchester war das Violoncello einerseits Teil des Bassfundaments, andererseits zunehmend ein Instrument mit eigener melodischer und virtuoser Aufgabe. Diese Doppelrolle kennzeichnet die Cellogeschichte des 18. Jahrhunderts.

Die Angabe, er habe verschiedene Stücke für Viola da gamba geschrieben, öffnet einen besonderen Blick auf die instrumentale Übergangszeit. Die Viola da gamba war im 17. Jahrhundert ein wichtiges Soloinstrument, im 18. Jahrhundert aber vielerorts im Rückgang begriffen. Dennoch blieb sie in bestimmten höfischen, privaten oder konservativen Kreisen präsent. Dass ein Münchner Hofcellist um 1782 noch Musik für dieses Instrument schrieb oder damit in Verbindung gebracht wurde, passt zu einer höfischen Musikpraxis, in der ältere Klangideale nicht sofort verschwanden.

In der Praxis kann die Unterscheidung kompliziert sein. Moderne Instrumentenbezeichnungen sind retrospektiv klarer als viele historische Quellen. Ein Werk, das in älteren Notizen mit „Viola da gamba“ verbunden ist, kann tatsächlich für Gambe, für Violoncello, für Basso oder für ein tiefes Streichinstrument in einem lokalen Aufführungskontext bestimmt gewesen sein. Ohne konkrete Handschriften, Stimmen oder Besetzungsangaben bleibt die Zuordnung offen.

Für Bernhard Maria Aliprandi bedeutet dies: Sein kompositorisches Profil ist instrumentennah, aber nicht titelreich. Er erscheint nicht als Opernkomponist wie sein Vater, sondern als Cellist, der aus seiner Spielpraxis heraus Musik für tiefe Streicher schrieb. Diese Nähe von Spiel und Komposition ist für viele Hofmusiker des 18. Jahrhunderts typisch. Komponieren bedeutete hier nicht immer Veröffentlichung, sondern häufig Herstellung von brauchbarem Repertoire für bestimmte Musiker, Räume und Anlässe.

Kurbayerische Hofkapelle und musikalische Stellung

Die kurbayerische Hofkapelle war im 18. Jahrhundert eine der bedeutenden musikalischen Einrichtungen im süddeutschen Raum. Sie stand in enger Verbindung mit der Hofoper, der Kirchenmusik, der Kammermusik und der dynastischen Festkultur der Wittelsbacher. Für Musiker italienischer Herkunft bot sie attraktive, aber auch hierarchisch streng organisierte Arbeitsmöglichkeiten.

Bernhard Maria Aliprandi trat in diese Institution nicht als Außenstehender ein. Sein Vater hatte dort bereits Karriere gemacht. Dadurch gehörte der Sohn zu einer Hofmusikerfamilie, wie sie für das 18. Jahrhundert charakteristisch war. Ämter, instrumentale Spezialisierungen und musikalisches Wissen wurden häufig in Familien weitergegeben. Solche Familien bildeten ein stabiles Rückgrat der Hofkapellen.

Die Bezeichnung als Accessist oder Eleve im Orchester zeigt, dass auch in Musikerfamilien der Eintritt in den Hofdienst gestuft war. Junge Musiker mussten sich bewähren, wurden zunächst in untergeordneten oder vorbereitenden Rollen geführt und konnten später in feste Positionen aufsteigen. Für Aliprandi ist dieser Weg besonders plausibel: Vom jugendlichen Cellisten im Umfeld des Vaters wurde er zum regulären Hofmusiker und später zu einer hervorgehobenen Stütze des Orchesters.

Nach 1778, dem Ruhestand des Vaters, scheint Bernhard Maria Aliprandi dessen instrumentale Stellung teilweise übernommen zu haben. Ob man dies als Nachfolge im strengen Amtsrecht oder als faktische führende Cellistenstellung beschreibt, hängt von den jeweiligen Quellen ab. Kulturgeschichtlich ist entscheidend, dass die Aliprandi-Familie über zwei Generationen hinweg die Münchner Hofmusik mitprägte.

Werkverzeichnis

Das Werkverzeichnis Bernhard Maria Aliprandis muss als kritisches Verzeichnis bekannter Werkhinweise verstanden werden. Anders als bei seinem Vater sind keine größeren Bühnenwerke oder klar betitelten geistlichen Werke allgemein greifbar. Die wichtigste Werkangabe stammt aus der älteren biographischen Überlieferung: Bernhard Maria Aliprandi habe seit 1782 verschiedene Musikstücke für Viola da gamba geschrieben. Diese Angabe wird hier vollständig aufgenommen, aber nicht durch erfundene Einzeltitel ergänzt.

Instrumentalwerke für Viola da gamba, Violoncello oder tiefe Streichinstrumente

Seit 1782 Verschiedene Musikstücke für Viola da gamba, nach der älteren Angabe Felix Joseph Lipowskys. Die Stücke sind als Werkgruppe überliefert, jedoch in allgemein zugänglichen Kurzquellen nicht mit sicheren Einzeltiteln, Tonarten, Besetzungen oder erhaltenen Quellen benannt. Da Aliprandi als Violoncellist bekannt ist, muss offenbleiben, ob die Angabe streng eine Viola da gamba meint oder eine breitere Praxis tiefer Streichinstrumente bezeichnet.
Undatierte Cellostücke Mögliche Stücke für Violoncello oder tiefe Streicher sind aus der beruflichen Praxis wahrscheinlich, aber ohne konkreten Quellenbeleg nicht als gesicherte Einzelwerke anzusetzen. Bei jedem handschriftlich überlieferten Aliprandi-Stück ist zu prüfen, ob der Vater Bernardo, der Sohn Bernhard Maria oder ein anderes Familienmitglied gemeint ist.
Kammermusik im Hofkontext Als Hofcellist dürfte Bernhard Maria Aliprandi an Kammermusikaufführungen beteiligt gewesen sein und möglicherweise für diesen Kontext eingerichtet oder komponiert haben. Die bisher greifbaren Kurzquellen lassen jedoch keine vollständige Liste einzelner Kammermusikwerke zu.

Hofmusikalische und praktische Gebrauchsmusik

1760er bis 1790er Jahre Praktische Musik im Umfeld der Münchner Hofkapelle. Dazu können Stimmen, Übungen, Einlagen, Bearbeitungen oder nicht selbständig gedruckte Stücke gehört haben. Ohne eindeutig zuweisbare Quellen bleibt dieser Bereich als vermuteter Praxisbestand zu behandeln, nicht als gesichertes Werkverzeichnis.
Unterrichts- und Etüdenmaterial Für einen langjährigen Cellisten und Hofmusiker sind Unterrichts- oder Übungsmaterialien plausibel, besonders wenn jüngere Musiker in einer Hofkapelle herangebildet wurden. Konkrete Titel sind jedoch nicht sicher belegt und werden daher nicht erfunden.
Arrangements und Bearbeitungen Arrangements für tiefe Streicher, Continuo- oder Kammermusikbesetzungen können im praktischen Hofbetrieb entstanden sein. Auch hier gilt, dass nur durch Handschriften, Kataloge oder zeitgenössische Nachweise belegte Stücke sicher Bernhard Maria Aliprandi zugeschrieben werden dürfen.

Nicht zu verwechselnde Werke

Bühnenwerke des Vaters Apollo tra le Muse in Parnasso, Mitridate, Semiramide riconosciuta und andere Bühnenwerke gehören zum älteren Bernardo Aliprandi und dürfen nicht Bernhard Maria zugeschrieben werden.
Geistliche Werke des Vaters Das Stabat mater von 1749 und die mit Bernardo Aliprandi verbundenen geistlich-dramatischen Werke gehören nach bisheriger Quellenlage zum Vater, nicht zum Sohn.
Sinfonien des Vaters Die achtzehn im Münchner Hofkapellenkatalog von 1753 genannten Sinfonien betreffen den älteren Bernardo Aliprandi; Bernhard Maria war zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind und scheidet als Komponist dieser Werkgruppe aus.
Werke anderer Aliprandi-Träger Spätere oder anders lokalisierte Kompositionen unter dem Namen Aliprandi, besonders solche des 19. Jahrhunderts, müssen gesondert geprüft werden. Der Familienname allein reicht für eine Zuschreibung an Bernhard Maria nicht aus.

Quellenkritischer Befund

Gesichert Bernhard Maria Aliprandi ist als Violoncellist, Komponist und Hofmusiker der Münchner Hofmusik nachweisbar; seine Lebensdaten 1747 bis 1801 und seine Münchner Verortung gelten als stabil.
Wahrscheinlich Die von Lipowsky genannte Komposition verschiedener Stücke für Viola da gamba seit 1782 ist als älterer biographischer Werkhinweis ernst zu nehmen, aber nicht ohne konkrete Quellen als vollständige Titelliste auszugestalten.
Unsicher Einzelne Titel, Tonarten, Besetzungen, Erhaltungsorte und Aufführungsdaten der genannten Stücke sind in allgemein zugänglichen Kurzquellen nicht sicher ermittelt. Eine weitere Forschung müsste RISM, Münchner Hofmusikbestände, Bibliothekskataloge und handschriftliche Stimmensätze gezielt prüfen.

Rezeption und kulturgeschichtliche Bedeutung

Bernhard Maria Aliprandi hat keine breite kanonische Rezeption erfahren. Er erscheint nicht als Opernkomponist, nicht als großer Sinfoniker und nicht als gedruckter Klassiker des Violoncellorepertoires. Seine Bedeutung liegt vielmehr in der Sozial- und Institutionengeschichte der Musik: Er zeigt, wie eine Musikerfamilie über Generationen hinweg in einer Hofkapelle wirkte und wie instrumentale Kompetenz im höfischen Betrieb weitergegeben wurde.

Die ältere Würdigung als guter Violoncellist ist für seine historische Stellung wichtig. Im 18. Jahrhundert war der Rang eines Musikers nicht allein durch gedruckte Werke bestimmt. Ein Hofcellist, der zuverlässig spielte, Continuo führte, Kammermusik beherrschte, Opernaufführungen stützte und möglicherweise eigene Stücke für tiefe Streicher schrieb, konnte für den Klang einer Hofkapelle entscheidend sein. Solche Musiker verschwinden in großen Werkgeschichten leicht, bleiben aber für die Aufführungspraxis zentral.

Seine Verbindung zur Viola da gamba beziehungsweise zu tiefen Streichinstrumenten macht ihn außerdem für die Übergangsgeschichte der Instrumente interessant. Das späte 18. Jahrhundert war keine schlichte Ablösung alter durch neue Instrumente. Ältere Klangtraditionen, lokale Gewohnheiten, private Liebhaberpraktiken und moderne Cellotechnik existierten nebeneinander. Bernhard Maria Aliprandi steht genau an dieser Schnittstelle.

Für die Münchner Musikgeschichte ist er als Teil der Aliprandi-Familie relevant. Der Vater hatte italienische Opern- und Instrumentalkultur an den kurbayerischen Hof gebracht; der Sohn setzte die instrumentale Linie fort. Dadurch wird er zu einem Beispiel für die zweite Generation der italienisch geprägten Hofmusiker: nicht mehr primär Migrant, sondern in München geborener Träger einer italienischen Musikertradition innerhalb eines deutschen Hofsystems.

Die geringe Werküberlieferung sollte nicht als kulturelle Bedeutungslosigkeit missverstanden werden. Sie verweist vielmehr auf eine Grundstruktur höfischer Musik: Vieles entstand für den Dienst, für konkrete Aufführungen, für Hofräume und für bestimmte Spieler. Gedruckte Werke waren nur ein Teil der musikalischen Wirklichkeit. Bernhard Maria Aliprandi ist daher besonders für ein Kulturlexikon interessant, das nicht nur kanonische Komponisten, sondern auch die Träger der musikalischen Infrastruktur sichtbar machen will.

Sekundärliteratur

  • Focht, Josef, und Mitarbeitende: Bayerisches Musiker-Lexikon Online. Prosopographischer Kontext zur bayerischen Hofmusik und zur Familie Aliprandi.
  • Haberkamp, Gertraut, und Robert Münster: Die ehemaligen Musikhandschriftensammlungen der königlichen Hofkapelle und der Kurfürstin Maria Anna in München. München, 1982. Grundlegender Quellenrahmen zu Münchner Hofmusikbeständen, Handschriften und Katalogüberlieferung.
  • Jackman, James L.: Artikel zu Aliprandi in The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Englischsprachiger fachlexikalischer Rahmen zur Familie Aliprandi und zur Münchner Hofmusikerüberlieferung.
  • Lipowsky, Felix Joseph: Baierisches Musik-Lexikon. München, 1811. Ältere biographische Quelle, aus der die Charakterisierung Bernhard Maria Aliprandis als guter Violoncellist und der Hinweis auf Stücke für Viola da gamba besonders wichtig sind.
  • Münster, Robert: Artikel Aliprandi, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Deutschsprachiger fachlexikalischer Haupteintrag mit Unterscheidung von Bernardo Aliprandi und Bernhard Maria Aliprandi.
  • Over, Berthold: Politik mit sinnlichen Mitteln. Oper und Fest am Münchner Hof 1680–1745. Köln und Weimar: Böhlau, 2010. Kontext zur Münchner Hofoper und zur älteren Generation der Aliprandi-Familie, besonders zum Vater Bernardo.
  • Riemann Musiklexikon: Artikel zu Aliprandi. Ältere lexikalische Einordnung der Familie und ihrer Musikerrollen.
  • Walden, Valerie: Arbeiten zur Geschichte des Violoncellos und zur Cellopraxis des 18. Jahrhunderts. Nützlicher instrumentengeschichtlicher Rahmen für Aliprandis Stellung als Cellist.
  • Würtz, Roland: Studien zur Münchner Hofmusik des 18. Jahrhunderts. Kontext zur Personal-, Besoldungs- und Institutionengeschichte der kurbayerischen Hofkapelle.
  • Die Musik in Geschichte und Gegenwart, MGG Online: Artikel Aliprandi. Fachlexikalischer Bezugsartikel mit Trennung von Bernardo Aliprandi (1) und Bernhard Maria Aliprandi (2).
  • The New Grove Dictionary of Music and Musicians: Artikel zu Aliprandi, Munich court music, cello, viola da gamba and eighteenth-century court musicians. Englischsprachiger Forschungsrahmen für die Einordnung der Familie und der Instrumentalpraxis.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Accessist Historische Dienst- und Ausbildungsbezeichnung in Orchestern und Hofkapellen, unter der Bernhard Maria Aliprandi seit 1768 nachweisbar ist.
  • Aliprandi, Bernardo Vater Bernhard Maria Aliprandis, italienischer Violoncellist, Komponist und Münchner Hofmusiker.
  • Aliprandi, Bernhard Maria Alphabetische Ansatzform für den Münchner Violoncellisten und Komponisten aus der Familie Aliprandi.
  • Barock Älterer Stil- und Praxiszusammenhang, aus dem die Münchner Hofmusik der Aliprandi-Familie hervorging.
  • Basso continuo Generalbasspraxis, in der das Violoncello im 18. Jahrhundert eine zentrale Funktion hatte.
  • Bayerische Hofmusik Institutioneller Rahmen für Vater und Sohn Aliprandi am kurbayerischen Hof.
  • Cellogeschichte Instrumentengeschichtlicher Kontext von Bernhard Maria Aliprandis Tätigkeit als Violoncellist.
  • Continuo-Cellist Praktische Musikerrolle, die im Opern-, Kirchen- und Kammermusikbetrieb des 18. Jahrhunderts wichtig war.
  • Eleve Ausbildungs- und Nachwuchsbezeichnung, die bei Aliprandis Orchesterlaufbahn quellenmäßig relevant ist.
  • Lipowsky, Felix Joseph Autor des Baierischen Musik-Lexikons, aus dem wichtige ältere Angaben zu Bernhard Maria Aliprandi stammen.
  • Hofkapelle Musikalische Institution, in der Bernhard Maria Aliprandi als Cellist und Hofmusiker tätig war.
  • Hofmusik Übergreifender kulturgeschichtlicher Rahmen für Aliprandis Tätigkeit am kurbayerischen Hof.
  • Italienische Musiker an deutschen Höfen Migrations- und Familienkontext, in dem die Aliprandi-Linie in München steht.
  • Kammermusik Gattungs- und Aufführungskontext für Aliprandis mögliche Stücke für tiefe Streichinstrumente.
  • Kammermusiker Höfische Musikerrolle zwischen privater Hofunterhaltung, Ensemblepraxis und repräsentativer Kammermusik.
  • Klassik Stilepoche, in deren Übergangszeit Bernhard Maria Aliprandi als Hofcellist wirkte.
  • Kurbayern Politischer und höfischer Rahmen der Münchner Hofmusik im 18. Jahrhundert.
  • München Geburts-, Wirkungs- und Sterbeort Bernhard Maria Aliprandis.
  • Münchner Hofkapelle Zentrale Institution von Aliprandis musikalischer Laufbahn.
  • Münchner Hofmusik Lokaler und institutioneller Kontext der Familie Aliprandi.
  • Orchesteraccessist Spezifische Nachwuchsstellung im Hoforchester, unter der Bernhard Maria Aliprandi nachweisbar ist.
  • Pension der Hofmusiker Sozialgeschichtlicher Kontext von Aliprandis Rückzug aus dem Hofdienst 1799.
  • Streichinstrumente Instrumentengruppe, in der Violoncello, Viola da gamba und Bassinstrumente Aliprandis Tätigkeit bestimmen.
  • Tiefe Streichinstrumente Übergreifender Begriff für Violoncello, Viola da gamba und verwandte Bassinstrumente der höfischen Praxis.
  • Viola da gamba Instrument, für das Bernhard Maria Aliprandi nach älteren Angaben verschiedene Stücke geschrieben haben soll.
  • Violoncello Hauptinstrument Bernhard Maria Aliprandis und zentrales Instrument der Münchner Hofkapellenpraxis.
  • Wittelsbacher Dynastischer Rahmen der kurbayerischen Hofmusik, in deren Dienst Aliprandi stand.