Bernardo Aliprandi (1)

Bernardo Aliprandi, auch Bernhard Aliprandi, * um 1710 in Mailand (?), † um 1792 in Frankfurt am Main (?), italienischer Violoncellist, Komponist, Kammerkomponist, Konzertmeister und Hofmusiker am kurbayerischen Hof in München.

Überblick

Bernardo Aliprandi (1) gehört zu den italienischen Musikern, die im 18. Jahrhundert an deutschen Höfen Karriere machten und dort die italienische Opern-, Instrumental- und Kapellkultur prägten. Er war wahrscheinlich um 1710 in Mailand geboren, trat als Violoncellist und Komponist hervor und wirkte über Jahrzehnte am kurbayerischen Hof in München. Seine Laufbahn führt von der italienischen beziehungsweise venezianischen Instrumentaltradition in das höfische Musikleben Bayerns.

Aliprandi wurde in München zunächst als Hofmusiker und Violoncellist sichtbar, stieg zum Komponisten der Kammermusik auf und wurde später Konzertmeister beziehungsweise in älteren Darstellungen auch als Kapell- oder Musikdirektor der Hofmusik bezeichnet. Seine Tätigkeit fällt in eine Phase, in der der Münchner Hof unter Kurfürst Karl Albrecht und seinen Nachfolgern italienische Sänger, Instrumentalisten, Librettisten, Bühnenkünstler und Komponisten intensiv beschäftigte. München war damit nicht nur ein süddeutscher Hof, sondern ein Teil des europäischen Netzes italienisch geprägter Opernkultur.

Sein Werkbestand ist nicht groß, aber aussagekräftig. Sicher mit ihm verbunden sind die für München entstandenen Bühnenwerke Apollo tra le Muse in Parnasso, Mitridate beziehungsweise Mitridate re di Ponto und Semiramide riconosciuta. Hinzu kommen geistliche Werke wie das Stabat mater von 1749, Oratorien- beziehungsweise geistlich-dramatische Titel wie Vocatio tertia ad nuptias filii regis und De via a caelo sowie ein Bestand von Sinfonien, der in der Münchner Hofkapelle nachweisbar war.

Die ältere Literatur nennt zudem Ifigenia in Aulide beziehungsweise Iphigenia in Aulide als Münchner Oper des Jahres 1739. Diese Zuschreibung ist jedoch mit Vorsicht zu behandeln, weil neuere Katalog- und Forschungszusammenhänge das Werk eher problematisieren und teilweise Giovanni Porta in Betracht ziehen. Für ein sauberes Kulturlexikon ist deshalb eine klare Trennung zwischen gesicherten Werken und problematischen Zuschreibungen notwendig.

Aliprandi ist nicht mit seinem Sohn Bernardo Maria Aliprandi zu verwechseln, der ebenfalls als Violoncellist und Komponist in der Münchner beziehungsweise deutschen Musikgeschichte erscheint. Die Nummerierung „(1)“ dient im Kulturlexikon der Unterscheidung der Aliprandi-Familien- und Namensgruppe.

Kurzdaten

Name Bernardo Aliprandi.
Nummerierung Bernardo Aliprandi (1), zur Unterscheidung von Bernardo Maria Aliprandi und weiteren Aliprandi-Nachweisen.
Weitere Namensformen Bernhard Aliprandi, Aliprandi, Bernardo, Aliprandi, Bernhard.
Alphabetischer Ansatz Aliprandi, Bernardo.
Dateiname aliprandi-bernardo.shtml.
Geburt Um 1710 in Mailand (?), in älteren Quellen auch abweichend oder unsicher lokalisiert; Treccani nennt Mailand um 1700.
Tod Um 1792 in Frankfurt am Main (?), in einzelnen Nachweisen bis 1793 erschlossen.
Beruf Violoncellist, Komponist, Hofmusiker, Kammerkomponist, Konzertmeister, Opernkomponist, Sinfonienkomponist und Komponist geistlicher Musik.
Instrument Violoncello; in venezianischen Quellen kann die Bezeichnung „viola“ im Zusammenhang mit dem Violoncello stehen.
Frühe Tätigkeit Nach neueren Hinweisen mit venezianischen Ospedali beziehungsweise Instrumentalunterricht verbunden; in älteren Lexika setzt die sichere Laufbahn vor allem mit dem Münchner Hof ein.
Hauptwirkungsort München, kurbayerischer Hof, Hofkapelle, Hofoper und höfische Kammermusik.
Münchner Hoflaufbahn Ab den frühen 1730er Jahren Hofmusiker beziehungsweise Cellist; 1737 Komponist der Kammermusik; später Konzertmeister beziehungsweise leitender Musiker der Hofkapelle; Pensionierung in den späten 1770er Jahren.
Später Aufenthaltsort Frankfurt am Main, wo Aliprandi im hohen Alter nachweisbar beziehungsweise mit seinem Tod in Verbindung gebracht wird.
Hauptgattungen Festa teatrale, Dramma per musica, Opera seria, Oratorium, geistliche Vokalmusik, Stabat-mater-Vertonung, Sinfonie und höfische Instrumentalmusik.
Zentrale Werke Apollo tra le Muse in Parnasso, Mitridate, Semiramide riconosciuta, Vocatio tertia ad nuptias filii regis, De via a caelo, Stabat mater und ein Bestand von achtzehn Sinfonien.
Problematische Zuschreibung Ifigenia in Aulide beziehungsweise Iphigenia in Aulide, München 1739, in älteren Quellen Aliprandi zugeschrieben, in neueren Zusammenhängen jedoch nicht ohne Vorbehalt zu übernehmen.
Kulturelle Bedeutung Vertreter italienischer Musikerkarrieren an deutschen Höfen; wichtiger Münchner Hofmusiker zwischen spätbarocker Operntradition, höfischer Festkultur, Kammermusik und der frühen Sinfoniepflege des 18. Jahrhunderts.

Name, Nummerierung und Quellenlage

Der Eintrag wird unter der natürlichen Namensform Bernardo Aliprandi geführt. Die Nummerierung (1) folgt der lexikalischen Unterscheidung innerhalb der Familie beziehungsweise Namensgruppe Aliprandi. Sie ist sinnvoll, weil auch Bernardo Maria Aliprandi, wahrscheinlich sein Sohn, als Cellist und Komponist erscheint. Der hier behandelte ältere Bernardo ist der Münchner Hofmusiker des frühen und mittleren 18. Jahrhunderts.

Die Namensform Bernhard Aliprandi begegnet in deutschen Quellen als eingedeutschte Form. Im italienischen und internationalen Kontext dominiert Bernardo Aliprandi. Für die alphabetische Ordnung des Kulturlexikons gilt Aliprandi, Bernardo; der Dateiname lautet daher aliprandi-bernardo.shtml.

Die Quellenlage ist in mehreren Punkten unsicher. Geburtsort und Geburtsjahr sind nur annähernd bekannt. MGG und neuere Kurzlexika setzen Mailand mit Fragezeichen und etwa 1710 an; Treccani nennt Mailand um 1700; ältere Lexika sprechen teilweise von der Toskana oder lassen die Herkunft offen. Auch der Tod ist nur ungefähr bestimmbar: Frankfurt am Main um 1792 beziehungsweise ein Nachweis, dass Aliprandi spätestens um 1793 verstorben war, bilden den sichersten Rahmen.

Ebenso muss das Werkverzeichnis vorsichtig geführt werden. Einige Bühnenwerke sind durch Librettos und Hofüberlieferung gut belegt. Andere Titel erscheinen in älteren Lexika, sind aber in der Zuschreibung nicht vollständig geklärt. Besonders Ifigenia in Aulide sollte nicht schlicht als gesichertes Werk Aliprandis behandelt werden, sondern als ältere Zuschreibung mit Vorbehalt.

Leben, Ausbildung und Münchner Hoflaufbahn

Über Aliprandis Jugend ist wenig Sicheres bekannt. Wahrscheinlich stammte er aus Mailand oder zumindest aus dem oberitalienischen Raum. Neuere Hinweise bringen ihn mit der venezianischen Ospedali-Kultur in Verbindung, also mit jenen Musik- und Erziehungsinstitutionen, in denen besonders Instrumentalunterricht, Kirchenmusik und vokal-instrumentale Praxis eine hohe Blüte erlebten. Für einen späteren Hofcellisten wäre ein solcher Hintergrund plausibel, muss aber mit der nötigen quellenkritischen Vorsicht behandelt werden.

In den frühen 1730er Jahren trat Aliprandi am kurbayerischen Hof in München hervor. Dort wurde er als Violoncellist beziehungsweise Hofmusiker beschäftigt. München besaß eine hochentwickelte Hofkapelle, in der italienische Sänger, Instrumentalisten, Komponisten und Theaterfachleute eine wichtige Rolle spielten. Der Hof suchte nicht nur musikalische Repräsentation, sondern auch Anschluss an die prestigereiche italienische Opernkultur.

1737 wurde Aliprandi als Komponist der Kammermusik genannt. Damit rückte er in eine Position auf, die seine Bedeutung für die höfische Produktion deutlich macht. Er trat nicht nur als Instrumentalist auf, sondern komponierte für Hofanlässe, Opern- und Festaufführungen. In der Nachfolge beziehungsweise im Umfeld von Giovanni Battista Ferrandini wurde er Teil einer italienisch geprägten Münchner Musiktradition.

In denselben Jahren entstanden seine wichtigsten Bühnenwerke. Apollo tra le Muse in Parnasso wurde als höfische Festa teatrale für den kurfürstlichen Festzusammenhang geschrieben. Mitridate und Semiramide riconosciuta gehören zur Münchner Opera seria-Praxis. Diese Werke zeigen, dass Aliprandi für einen Hof komponierte, der italienische Librettoformen, höfische Allegorie und dynastische Repräsentation miteinander verband.

Später wurde Aliprandi Konzertmeister beziehungsweise leitender Musiker der Hofkapelle. Die genauen Amtsbezeichnungen variieren in den Quellen: Ältere Darstellungen sprechen auch von Kapelldirektor oder Direktor der Kapelle, während neuere Nachweise eher die Positionen Kammerkomponist und Konzertmeister unterscheiden. Sachlich ist entscheidend, dass Aliprandi über Jahrzehnte zu den wichtigen Musikern des Münchner Hofes gehörte.

In den späten 1770er Jahren wurde Aliprandi pensioniert. Der Ruhestand führte ihn offenbar nach Frankfurt am Main. Dort war er im hohen Alter noch nachweisbar; sein Tod wird um 1792 beziehungsweise vor 1793 angesetzt. Seine lange Lebensspanne verbindet die spätere Barockzeit mit dem Zeitalter der frühen Klassik. Dennoch blieb seine eigene kompositorische Sprache, soweit sie aus den bekannten Werken erschließbar ist, stärker der konservativen italienisch-höfischen Tradition verpflichtet.

Ausführlicher Kulturüberblick

Bernardo Aliprandi steht exemplarisch für die Wanderung italienischer Musiker an deutsche Höfe im 18. Jahrhundert. Diese Migration war kein Nebenphänomen, sondern ein prägender Bestandteil des europäischen Musiklebens. Italienische Oper, Gesangskunst, Instrumentaltechnik, Librettoformen, Theaterästhetik und höfische Festmusik galten weithin als vorbildlich. Deutsche Höfe verpflichteten italienische Musiker, um kulturelles Prestige, höfische Modernität und dynastische Repräsentation zu stärken.

Der kurbayerische Hof in München war in dieser Hinsicht besonders wichtig. München pflegte eine alte italienische Operntradition, die bis in das 17. Jahrhundert zurückreichte und unter den Wittelsbachern immer wieder erneuert wurde. Opernaufführungen, Festmusiken in Nymphenburg, Karnevalsopern im höfischen Theater und geistliche Musik in der Hofkapelle gehörten zu einem System politisch-sinnlicher Repräsentation. Musik diente nicht nur der Unterhaltung, sondern der Darstellung von Herrschaft, Geschmack, Ordnung und dynastischer Legitimität.

Aliprandi wirkte in einer Übergangszeit. Einerseits blieb die Opera seria mit Rezitativ, Arie, mythologisch-historischem Stoff, Tugendpathos und Herrscherallegorie bestimmend. Andererseits veränderten sich Instrumentalstil, Formdenken und Hofmusik bereits in Richtung des galanten Stils und der frühen Klassik. Dass Aliprandi neben Bühnenwerken auch Sinfonien schrieb beziehungsweise in der Münchner Hofkapelle ein Bestand von achtzehn Sinfonien nachweisbar war, ist für diesen Übergang besonders aufschlussreich.

Als Violoncellist gehört Aliprandi zudem in die Geschichte der italienischen Streicher an deutschen Höfen. Das Violoncello gewann im 18. Jahrhundert zunehmend Eigenständigkeit: Es war nicht mehr nur Fundamentinstrument des Basso continuo, sondern konnte auch solistische und konzertante Aufgaben übernehmen. An Hofkapellen waren ausgezeichnete Cellisten deshalb besonders wertvoll, weil sie Oper, Kammermusik, Kirchenmusik und Instrumentalensemble gleichermaßen tragen konnten.

Die Verbindung von Instrumentalist und Komponist ist für Aliprandi typisch. Er war nicht der moderne autonome Werkkomponist, sondern ein Hofmusiker, dessen Kompositionen aus konkreten Funktionen entstanden: Geburtstagsfeste, Karnevalsopern, höfische Repräsentation, geistliche Andacht, Kammermusik und Kapellbetrieb. Sein Werk ist daher nicht primär als Ausdruck individueller Genieästhetik zu lesen, sondern als Teil einer praktischen höfischen Produktionskultur.

Die Münchner Werke zeigen außerdem die Nähe zwischen italienischer Oper und politischer Allegorie. Apollo tra le Muse in Parnasso stellt den Hof in einen mythologischen Kunstraum. Mitridate und Semiramide riconosciuta greifen antike beziehungsweise pseudoantike Herrscherstoffe auf, wie sie für die Opera seria typisch waren. Solche Stoffe ermöglichten die Darstellung von Macht, Tugend, Liebe, Verstellung, Erkenntnis und Herrschaft im ästhetisch kontrollierten Raum der Bühne.

Aliprandis geistliche Werke erweitern dieses Bild. Das Stabat mater von 1749 zeigt ihn als Komponisten einer klagenden, liturgisch und devotional geprägten Vokalmusik. Oratorien- beziehungsweise geistlich-dramatische Titel wie Vocatio tertia ad nuptias filii regis und De via a caelo verweisen auf die Durchlässigkeit zwischen Theater, Allegorie, Andacht und Hofkultur. Für einen Münchner Hofmusiker waren solche Gattungswechsel selbstverständlich.

Münchner Hofoper, Festa teatrale und Opera seria

Aliprandis bekanntestes höfisches Festwerk ist Apollo tra le Muse in Parnasso. Die Festa teatrale war eine höfische Gattung, die Musik, allegorische Handlung, mythologische Figuren, Bühnenapparat und politische Festfunktion verband. Apollo und die Musen bilden einen idealen Kunstraum, in dem der Hof sich selbst als Ort von Harmonie, Geschmack, Weisheit und Herrschaftsordnung spiegeln konnte.

Mitridate beziehungsweise Mitridate re di Ponto gehört in den Bereich des Dramma per musica. Der Stoff um Mithridates VI. von Pontos war im 18. Jahrhundert beliebt, weil er Macht, Krieg, Loyalität, Liebe und politische Verstrickung dramatisch bündelte. Aliprandis Münchner Fassung steht vor den später berühmteren Bearbeitungen des Stoffes und zeigt die Verankerung des Themas im italienischen Opernrepertoire des frühen 18. Jahrhunderts.

Semiramide riconosciuta verwendet ein Libretto von Pietro Metastasio. Metastasios Texte waren europaweit verbreitet und wurden von zahlreichen Komponisten vertont. Dass Aliprandi 1740 in München auf Metastasio zurückgriff, zeigt die Einbindung des kurbayerischen Hofes in den internationalen Opera-seria-Markt. Die Handlung um Semiramis, Verstellung, Identität, Herrschaft und Anerkennung eignete sich besonders für die höfische Reflexion von Legitimität und Affektkontrolle.

Die ältere Zuschreibung von Ifigenia in Aulide an Aliprandi passt äußerlich in diese Opernwelt, weil der Iphigenie-Stoff im 18. Jahrhundert häufig vertont wurde. Dennoch muss diese Zuschreibung kritisch markiert werden. Neuere Hinweise sehen das Werk nicht eindeutig bei Aliprandi. Für das Kulturlexikon wird es deshalb als problematische beziehungsweise ältere Zuschreibung geführt, nicht als sicherer Kern des Werkbestands.

Violoncello, Hofkapelle und Instrumentalmusik

Aliprandi war als Violoncellist am Münchner Hof tätig. Das Violoncello war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Instrument im Wandel. Es blieb Teil des Generalbasses, wurde aber zunehmend auch als klanglich eigenständiges Bass- und Soloinstrument wahrgenommen. Italienische Spieler trugen wesentlich dazu bei, das Instrument an europäischen Höfen technisch und klanglich aufzuwerten.

Die Bezeichnung in älteren Quellen kann dabei irritieren. In venezianischen und italienischen Dokumenten des 18. Jahrhunderts kann „viola“ nicht immer im heutigen deutschen Sinn verstanden werden. Je nach Kontext kann damit auch ein tieferes Streichinstrument beziehungsweise ein Violoncello gemeint sein. Bei Aliprandi ist deshalb die Verbindung von „viola“-Angaben und Violoncellopraxis quellenkritisch zu lesen.

Die achtzehn Sinfonien, die im Katalog der Münchner Hofkapelle des Jahres 1753 genannt werden, sind für Aliprandis Instrumentalprofil besonders wichtig. Sie zeigen, dass er nicht nur für Bühne und Kirche, sondern auch für die höfische Instrumentalmusik schrieb. Die Sinfonie um 1750 befand sich in einer Entwicklungsphase: Sie konnte Ouvertürennähe, italienische Dreisätzigkeit, galanten Stil und frühe klassizistische Formbildung verbinden.

Ob und in welchem Umfang diese Sinfonien erhalten, aufführbar oder nur katalogisch nachweisbar sind, muss werkphilologisch im Einzelnen geprüft werden. Für den Artikel ist entscheidend, dass Aliprandi im Münchner Kapellrepertoire nicht nur als Opernkomponist erschien, sondern auch als Lieferant instrumentaler Hofmusik.

Werkverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis unterscheidet zwischen gesicherten Werken, quellenmäßig bezeugten Werkgruppen und problematischen Zuschreibungen. Bei Bernardo Aliprandi ist diese Trennung besonders wichtig, weil ältere Lexika teilweise knapper und weniger kritisch ansetzen, während neuere Kataloge einzelne Zuschreibungen differenzieren.

Bühnenwerke, Opern und höfische Festmusik

1737 Apollo tra le Muse in Parnasso, auch Apollo fra le Muse in Parnasso oder Apollo trà le Muse in Parnasso, festa teatrale nach einem Libretto von Antonio Perozzo di Perozzi, aufgeführt in Nymphenburg beziehungsweise im Münchner Hofzusammenhang zum kurfürstlichen Festanlass. Das Werk gehört zur höfischen Allegorien- und Repräsentationsmusik der Wittelsbacher.
1738 Mitridate, auch Mitridate re di Ponto, dramma per musica beziehungsweise dramma da cantarsi nach einem Libretto von Benedetto Pasqualigo, aufgeführt in München im Karneval beziehungsweise im kurfürstlichen Theaterkontext. Der Stoff um Mithridates verbindet Herrscherkonflikt, Liebe, Treue und politische Intrige.
1739 Ifigenia in Aulide, auch Iphigenia in Aulide, München. Ältere Lexika und Werklisten nennen das Werk unter Aliprandis Namen. Die Zuschreibung ist jedoch unsicher und in neueren Zusammenhängen problematisiert; teilweise wird Giovanni Porta als wahrscheinlicher Komponist in Betracht gezogen. Das Werk wird daher nur als problematische Zuschreibung geführt.
1740 Semiramide riconosciuta, dramma per musica nach Pietro Metastasio, aufgeführt im Münchner Hofoperkontext zur Karnevalszeit 1740. Das Werk ist durch Libretto- und Katalogüberlieferung besonders wichtig, weil es Aliprandi in den europaweiten Metastasio-Rezeptionszusammenhang stellt.

Geistlich-dramatische Werke und Oratorienkontext

1737 Vocatio tertia ad nuptias filii regis, geistlich-dramatisches Werk beziehungsweise Oratorium nach einem Text von G. Arnold. Der Titel verweist auf das biblische Gleichnis beziehungsweise die Einladung zum Hochzeitsmahl des Königssohnes und gehört in den Bereich allegorisch-geistlicher Hof- und Andachtsmusik.
1738 De via a caelo, geistliches Werk beziehungsweise Oratorium nach einem Text von Neumayr. Der Titel lässt eine allegorisch-theologische Weg- und Himmelsmetaphorik erkennen; das Werk ist für die geistliche Seite von Aliprandis Münchner Tätigkeit wichtig.
Geistliche Festmusik Weitere geistlich-dramatische Gelegenheitswerke sind nicht in gleicher Sicherheit greifbar. Angesichts der Münchner Hof- und Kirchenmusikpraxis ist ein breiterer praktischer Werkbestand wahrscheinlich, doch nur die belegten Titel sollen als gesicherte Werke geführt werden.

Geistliche Vokalmusik

1749 Stabat mater, geistliches Vokalwerk, in der Dresdner Überlieferung als Mus.2654-D-1 nachgewiesen. Die Besetzung wird mit Sopran, Alt, zwei Violen beziehungsweise tiefen Streichern und Basso continuo angegeben. Das Werk zeigt Aliprandi als Komponisten einer kammermusikalisch gefassten Passions- und Marienklage.
1749 Eia mater fons amoris, Abschnitt beziehungsweise Einzelsatz aus dem Stabat mater. Als Teilüberlieferung in digitalen Nachweissystemen sichtbar und für die Werkerschließung des Stabat mater relevant.
1749 Flammis ne urar succensus, Abschnitt beziehungsweise Einzelsatz aus dem Stabat mater. Der Satz gehört zur Binnenstruktur der Stabat-mater-Vertonung und ist in der Dresdner beziehungsweise digitalen Erschließung mit dem Gesamtwerk verbunden.
1749 Amen, Schlussabschnitt beziehungsweise Schlussnummer des Stabat mater. Die gesonderte Erschließung einzelner Nummern zeigt den archivalischen und digitalen Nachweischarakter des Werkes.
Weitere geistliche Musik Weitere geistliche Kompositionen Aliprandis sind möglich, aber nicht in derselben Sicherheit als Titelbestand greifbar. Für die Kulturlexikon-Seite wird daher das Stabat mater als gesichertes geistliches Hauptwerk behandelt.

Instrumentalwerke und Sinfonien

1753 nachweisbar Achtzehn Sinfonien, im Katalog der Münchner Hofkapelle des Jahres 1753 genannt. Diese Werkgruppe ist für Aliprandis Stellung in der frühen höfischen Sinfonienpflege besonders wichtig, auch wenn einzelne Titel, Tonarten und Erhaltungszustände gesondert quellenphilologisch geprüft werden müssen.
Kammermusik Als Komponist der Kammermusik und Violoncellist dürfte Aliprandi für höfische Instrumentalbesetzungen komponiert beziehungsweise eingerichtet haben. Konkrete Einzeltitel sind jedoch nur dann in ein gesichertes Werkverzeichnis aufzunehmen, wenn sie durch Kataloge, Handschriften oder Drucke eindeutig belegt sind.
Violoncello- und Ensemblepraxis Eine selbständige Gruppe von Violoncello-Sonaten oder Solostücken ist für den älteren Bernardo Aliprandi nicht in derselben Weise gesichert wie für spätere Träger des Namens. Zuschreibungen an Bernardo Maria Aliprandi oder andere Familienmitglieder sind sorgfältig zu trennen.

Zweifelhafte, ältere oder zu trennende Zuschreibungen

Ifigenia in Aulide In älteren Lexika unter Aliprandi genannt, in neueren Quellen jedoch nicht sicher. Für eine kritische Werkaufnahme ist der Titel mit Vorbehalt zu führen und nicht ohne Quellenprüfung als gesichertes Werk anzusetzen.
Cellowerke Einige ältere Hinweise auf Cellowerke können sich auf Bernardo Maria Aliprandi beziehen. Der ältere Bernardo war zwar selbst Cellist, doch muss bei jedem Werk geprüft werden, ob der Vater oder der Sohn gemeint ist.
Werke weiterer Aliprandi-Mitglieder Franz, Joseph und andere mögliche Aliprandi-Familienmitglieder im Münchner Hofumfeld dürfen nicht automatisch mit Bernardo Aliprandi (1) identifiziert werden. Namensgleichheit oder Familiennähe ersetzt keine Werkzuschreibung.

Rezeption und kulturgeschichtliche Bedeutung

Aliprandis heutige Rezeption ist spezialistisch. Er gehört nicht zu den kanonischen Komponistennamen des 18. Jahrhunderts, wird aber in der Forschung zur Münchner Hofmusik, zur italienischen Oper an deutschen Höfen, zur Geschichte des Violoncellos und zur frühen Sinfoniepflege immer wieder sichtbar. Sein Rang liegt weniger in einer großen Nachwirkung einzelner Werke als in seiner Funktion innerhalb eines hochentwickelten höfischen Musikbetriebs.

Die Münchner Opern und Festmusiken zeigen, wie stark der kurbayerische Hof auf italienische Modelle angewiesen war. Aliprandi lieferte Musik für repräsentative Anlässe, in denen die Oper als politisch-ästhetisches Medium wirkte. Die Verbindung von Metastasio-Libretto, höfischem Fest, allegorischer Mythologie und italienischem Sängerbetrieb macht seine Werke zu Dokumenten der internationalen Hofkultur.

Als Violoncellist ist Aliprandi Teil einer größeren Entwicklung: Italienische Streicher prägten die Klangkultur deutscher Hofkapellen. Ihre Technik, ihr Tonideal und ihre Erfahrung in Oper und Kammermusik wirkten in die deutsche Instrumentaltradition hinein. Auch wenn Aliprandis eigene Instrumentalwerke nur teilweise greifbar sind, zeigt seine Position als Hofcellist, Kammerkomponist und Konzertmeister die Bedeutung dieser Musikergruppe.

Die problematische Überlieferung seiner Werke ist selbst kulturgeschichtlich aufschlussreich. Sie zeigt, wie höfische Musik des 18. Jahrhunderts über Librettos, Handschriften, Inventare, Kataloge und spätere Lexika erhalten blieb. Nicht jedes Werk ist als Partitur vollständig zugänglich; manches ist nur als Aufführungsereignis oder Katalogeintrag fassbar. Bei Aliprandi muss deshalb die Werkgeschichte immer zugleich Quellen- und Zuschreibungsgeschichte sein.

Für ein Kulturlexikon ist Aliprandi besonders geeignet, weil er die Verflechtung von Migration, Hofdienst, italienischer Oper, instrumentaler Professionalität, geistlicher Musik und früher Sinfonie sichtbar macht. Seine Biographie eröffnet den Blick auf das alltägliche, institutionell gebundene Musikleben, ohne das die berühmteren Namen des 18. Jahrhunderts nicht zu verstehen sind.

Sekundärliteratur

  • Basso, Alberto, Hrsg.: Dizionario enciclopedico universale della musica e dei musicisti. Allgemeiner italienischer Lexikonrahmen zu Komponisten, Höfen und Gattungen des 18. Jahrhunderts.
  • Della Corte, Andrea: Aliprandi, Bernardo, in: Enciclopedia Italiana. Älterer italienischer Lexikonartikel mit knapper Biographie, Münchner Hoflaufbahn und Werkangaben.
  • Focht, Josef, und Mitarbeitende: Bayerisches Musiker-Lexikon Online. Prosopographischer Nachweis zu Aliprandi im bayerischen Musikgeschichtskontext.
  • Jackman, James L.: Aliprandi, Bernardo, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Englischsprachiger fachlexikalischer Grundartikel zu Leben, Münchner Tätigkeit, Werken und Quellenlage.
  • Münster, Robert, und Gertraut Haberkamp: Die ehemaligen Musikhandschriftensammlungen der königlichen Hofkapelle und der Kurfürstin Maria Anna in München. München, 1982. Wichtiger Quellenrahmen zur Münchner Hofkapelle und zu ihren musikalischen Beständen.
  • Over, Berthold: Politik mit sinnlichen Mitteln. Oper und Fest am Münchner Hof 1680–1745. Köln und Weimar: Böhlau, 2010. Grundlegender kulturhistorischer Kontext zu Oper, Fest und höfischer Repräsentation in München, mit einschlägigem Umfeld für Aliprandis Apollo.
  • Riemann Musiklexikon: Artikel zu Bernardo Aliprandi. Ältere deutsche lexikalische Einordnung mit Angaben zu Hoflaufbahn und Bühnenwerken.
  • Scarpa, Jolando, Hrsg.: Arte e musica all’Ospedaletto. Schede d’archivio sull’attività musicale degli Ospedali dei Derelitti e dei Mendicanti di Venezia. Quellenkontext zu venezianischen Ospedali und möglichen frühen Spuren Aliprandis.
  • Walden, Valerie: Arbeiten zur Geschichte des Violoncellos und zur Cellopraxis des 18. Jahrhunderts. Nützlich für die instrumentengeschichtliche Einordnung Aliprandis als Cellist.
  • Die Musik in Geschichte und Gegenwart, MGG Online: Artikel Aliprandi. Deutschsprachiger fachlexikalischer Haupteintrag mit Unterscheidung von Bernardo (1) und Bernardo Maria (2).
  • The New Grove Dictionary of Music and Musicians: Artikel zu Bernardo Aliprandi, Munich court music, opera seria, festa teatrale and eighteenth-century cello practice. Englischsprachiger fachlexikalischer Forschungsrahmen.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Aliprandi, Bernardo Alphabetische Ansatzform für den italienischen Violoncellisten und Münchner Hofkomponisten.
  • Aliprandi, Bernardo Maria Jüngerer Aliprandi, wahrscheinlich Sohn Bernardos, ebenfalls Violoncellist und Komponist.
  • Apollo tra le Muse in Parnasso Höfische Festa teatrale Aliprandis für den Münchner beziehungsweise Nymphenburger Festzusammenhang.
  • Bayerische Hofmusik Institutioneller Rahmen von Aliprandis jahrzehntelanger Tätigkeit in München.
  • Basso continuo Grundlage der barocken Ensemble- und Opernpraxis, in der Aliprandi als Cellist wirkte.
  • Cellogeschichte Instrumentengeschichtlicher Kontext von Aliprandis Tätigkeit als Violoncellist.
  • Dramma per musica Italienische Operngattung, zu der Aliprandis Mitridate und Semiramide riconosciuta gehören.
  • Ferrandini, Giovanni Battista Italienischer Komponist am Münchner Hof, in dessen Umfeld und Nachfolge Aliprandi wirkte.
  • Festa teatrale Höfische Festgattung, in der Aliprandi mit Apollo tra le Muse in Parnasso vertreten ist.
  • Frankfurt am Main Wahrscheinlicher letzter Aufenthalts- und Sterbeort Aliprandis.
  • Hofkapelle Musikalische Institution, in der Aliprandi als Cellist, Komponist und Konzertmeister tätig war.
  • Hofmusik Übergreifender kulturgeschichtlicher Rahmen für Aliprandis Werk und Ämter.
  • Italienische Oper Zentrale Gattungstradition, die den Münchner Hof und Aliprandis Bühnenwerke prägte.
  • Italienische Musiker an deutschen Höfen Migrations- und Berufskontext, in dem Aliprandis Laufbahn exemplarisch steht.
  • Konzertmeister Hofmusikalisches Leitungsamt, das Aliprandi in München innehatte beziehungsweise mit dem er in Quellen verbunden wird.
  • Kurbayern Politischer und höfischer Rahmen von Aliprandis Münchner Tätigkeit.
  • Mailand Wahrscheinlicher Geburtsort Aliprandis und wichtiges oberitalienisches Musikzentrum.
  • Metastasio, Pietro Librettist von Semiramide riconosciuta, dessen Texte die europäische Opera seria prägten.
  • Mitridate re di Ponto Opernstoff und Aliprandi-Vertonung im Münchner Karnevals- und Hofoperkontext von 1738.
  • München Hauptwirkungsort Aliprandis und Zentrum kurbayerischer Hofmusik.
  • Münchner Hofoper Bühneninstitution, für die Aliprandi seine wichtigsten Opern und Festwerke schrieb.
  • Nymphenburg Höfischer Aufführungs- und Festort im Zusammenhang mit Aliprandis Apollo.
  • Opera seria Italienische Hauptgattung der höfischen Oper, in der Aliprandis Münchner Bühnenwerke stehen.
  • Opernlibretto Quellengattung, durch die Aliprandis Bühnenwerke besonders greifbar sind.
  • Oratorium Geistlich-dramatische Gattung, deren Umfeld Aliprandis Vocatio tertia und De via a caelo berührt.
  • Pasqualigo, Benedetto Librettist von Aliprandis Mitridate.
  • Perozzo di Perozzi, Antonio Librettist der Festa teatrale Apollo tra le Muse in Parnasso.
  • Semiramide riconosciuta Metastasio-Libretto, das Aliprandi 1740 für den Münchner Hof vertonte.
  • Sinfonie des 18. Jahrhunderts Gattungsgeschichtlicher Zusammenhang der in der Münchner Hofkapelle genannten achtzehn Sinfonien Aliprandis.
  • Stabat Mater Geistlicher Text und Gattungskontext von Aliprandis Dresdner Vertonung von 1749.
  • Venezianische Ospedali Möglicher früher Ausbildungs- und Tätigkeitskontext Aliprandis sowie wichtiger Ort italienischer Instrumental- und Kirchenmusik.
  • Violoncello Hauptinstrument Aliprandis und wichtiger Bestandteil der höfischen Opern- und Kammermusikpraxis.
  • Wittelsbacher Dynastischer Rahmen des Münchner Hofes, an dem Aliprandi wirkte.