Aleksandr Vasil’evič Aleksandrov (Александр Васильевич Александров)

Russisch-sowjetischer Komponist, Chorleiter, Pädagoge, Dirigent, Gründer des Alexandrov-Ensembles und Generalmajor; geboren am 13. April 1883 nach neuer, am 1. April 1883 nach alter Zählung in Plachino im Gouvernement Rjasan; gestorben am 8. Juli 1946 während eines Gastspiels in Berlin.

Überblick

Aleksandr Vasil’evič Aleksandrov war eine Schlüsselfigur der sowjetischen Chorkultur, des militärischen Musiktheaters, des Massenliedes und der politischen Klangsymbolik des 20. Jahrhunderts. Er wurde am 13. April 1883 nach neuer Zählung, am 1. April 1883 nach alter Zählung, im Dorf Plachino im Gouvernement Rjasan geboren und starb am 8. Juli 1946 während einer Gastspielreise in Berlin. Er war Komponist, Chorleiter, Chormeister, Pädagoge, Professor am Moskauer Konservatorium, Doktor der Kunstwissenschaften, Volkskünstler der UdSSR, Träger zweier Stalinpreise und seit 1943 Generalmajor.

Berühmt wurde Aleksandrov vor allem durch drei miteinander verbundene Leistungen. Erstens gründete und prägte er das Rotbanner-Ensemble der Roten Armee, das später seinen Namen trug und international als Alexandrov-Ensemble beziehungsweise Red Army Choir bekannt wurde. Zweitens komponierte er Svjaščennaja vojna, das Lied „Der heilige Krieg“, das im Zweiten Weltkrieg zu einem musikalischen Symbol des sowjetischen Widerstands gegen den deutschen Angriff wurde. Drittens schrieb er die Musik des Staatshymnus der UdSSR, deren Melodie seit 2000, mit neuem Text, auch der Nationalhymne der Russischen Föderation zugrunde liegt.

Sein musikalischer Weg begann jedoch nicht im sowjetischen Massenlied, sondern in der russischen Kirchenchortradition. Als Kind sang er in Petersburg, erhielt eine regentische Ausbildung, studierte am Petersburger und später am Moskauer Konservatorium und wirkte als Kirchenchorleiter, Lehrer und Organisator. Diese Herkunft aus liturgischem Chorgesang, Stimmführung, kirchentonaler Klanglichkeit und chorischer Disziplin blieb für sein späteres sowjetisches Werk bestimmend, auch wenn sich der ideologische Rahmen vollständig veränderte.

Aleksandrovs Lieblingsgattung war das Lied. Die einschlägige russische Musikgeschichtsschreibung nennt 81 originäre Lieder und mehr als 70 Bearbeitungen russischer Volks- und Revolutionslieder. Daneben schrieb er größere, heute weniger präsente Werke wie zwei Opern, eine Symphonie, eine symphonische Dichtung und eine Sonate für Violine und Klavier, außerdem geistliche Werke aus seiner früheren Schaffensphase. Seine eigentliche historische Wirkung liegt jedoch in der Verbindung von Lied, Chor, militärischer Repräsentation, Volksmelos, Hymnik und staatlicher Symbolik.

Der Artikel behandelt Aleksandrov deshalb nicht nur als Autor einzelner berühmter Melodien. Er ist eine Figur, an der sich die Transformation russischer Chortradition in sowjetische Massenkultur ablesen lässt: aus Kirchenchor wird Staats- und Armeechor, aus Regentenhandwerk wird Konservatoriumspädagogik, aus Volksliedbearbeitung wird politische Klanggemeinschaft, aus Hymnik wird nationale Identität.

Kurzdaten

Name Aleksandr Vasil’evič Aleksandrov.
Russische Namensform Александр Васильевич Александров.
Weitere Namensformen Alexander Vasilyevich Alexandrov, Alexander Wassiljewitsch Alexandrow, Aleksandr Vasil'evich Aleksandrov, A. V. Aleksandrov und А. В. Александров.
Eigentlicher Familienname Koptelov beziehungsweise Koptelev; russisch Коптелов beziehungsweise Коптелев, in den Quellen mit Varianten überliefert.
Geburt 13. April 1883 nach neuer Zählung, 1. April 1883 nach alter Zählung, in Plachino im Gouvernement Rjasan des Russischen Kaiserreichs.
Tod 8. Juli 1946 während eines Gastspiels beziehungsweise einer Reise in Berlin.
Grab Moskau, Nowodewitschi-Friedhof.
Beruf Komponist, Chorleiter, Chormeister, Dirigent, Pädagoge, Professor am Moskauer Konservatorium, Gründer und Leiter des Alexandrov-Ensembles sowie Generalmajor.
Ausbildung Petersburger Kirchenchorschule und Regentenklassen; Petersburger Konservatorium bei Anatolij Ljadow und Aleksandr Glazunov; Moskauer Konservatorium bei Sergej Vasilenko und Umberto Mazetti.
Lehrtätigkeit Von 1918 bis 1946 am Moskauer Konservatorium; seit 1922 Professor; wichtige Rolle beim Aufbau der Chorleitungs- und Militärkapellmeisterausbildung.
Ensemble Mitbegründer und künstlerischer Leiter des 1928 entstandenen Rotbanner-Ensembles der Roten Armee, später Alexandrov-Ensemble.
Militärischer Rang Generalmajor seit 1943.
Zentrale Werke Svjaščennaja vojna, Gimn partii bol’ševikov, Musik des Staatshymnus der UdSSR, Pesnja o Sovetskoj Armii, Marš artilleristov, Ešelonnaja und zahlreiche Lieder und Bearbeitungen.
Auszeichnungen Volkskünstler der UdSSR, Doktor der Kunstwissenschaften, zwei Stalinpreise, Leninorden, Orden des Roten Sterns, Orden des Roten Banners der Arbeit und weitere Auszeichnungen.
Musikgeschichtliche Bedeutung Aleksandrov verband russische Chortradition, Volksliedbearbeitung, sowjetisches Massenlied, Militärensemble, staatliche Hymnik und internationale Klangrepräsentation der UdSSR.

Ausführlicher Kulturüberblick

Aleksandr Vasil’evič Aleksandrov gehört zu jenen Musikern, deren Bedeutung nicht nur aus einzelnen Kompositionen, sondern aus Institutionen, Klangformen und politisch-kulturellen Ritualen erwächst. Sein Name ist mit dem sowjetischen Massenlied, mit dem Chor der Roten Armee, mit dem Klangbild sowjetischer Militärparaden, mit Radiokultur, Frontkonzerten und der Melodie des Staatshymnus verbunden. Er steht damit an der Schnittstelle von Kunstmusik, Volkslied, Militärmusik, Chorpädagogik und staatlicher Repräsentation.

Seine Herkunft war bäuerlich und kirchlich geprägt. Das frühe Singen in Chören, die Ausbildung an der Petersburger Hofkapelle beziehungsweise in Regentenklassen und die Tätigkeit als Kirchenchorleiter gaben ihm eine sichere Grundlage in Stimmenführung, chorischer Balance, liturgischer Klangordnung und russischer melodischer Tradition. Anders als viele sowjetische Musiker, deren Biographie vollständig aus der nachrevolutionären Kultur erzählt wird, bringt Aleksandrov eine vorrevolutionäre Kirchen- und Konservatoriumsbildung in die sowjetische Musik ein.

Nach der Revolution wandelte sich sein Tätigkeitsfeld. Er unterrichtete am Moskauer Konservatorium, entwickelte die Chorleiterausbildung mit und wurde zu einer zentralen pädagogischen Autorität. Die sowjetische Kulturpolitik brauchte Musiker, die Massenorganisation, Laienchorwesen, Militärmusik und professionelle Ausbildung verbinden konnten. Aleksandrov war dafür besonders geeignet, weil er sowohl die handwerkliche Disziplin der Kirchenmusik als auch das Organisationsvermögen eines modernen Chorleiters besaß.

Die Gründung beziehungsweise Prägung des Rotbanner-Ensembles der Roten Armee ab 1928 wurde zum Wendepunkt. Dieses Ensemble war mehr als ein Chor. Es verband Männerchor, Solisten, Orchester, teils Volksinstrumente, teils symphonische Klangfarben, Rezitation, Tanz und szenisch-musikalische Montage. Damit entstand ein neuer Typus sowjetischer Kulturrepräsentation: ein militärisches, künstlerisch professionelles, volkstümlich verständliches und ideologisch wirksames Ensemble.

Aleksandrov formte den Klang dieses Ensembles aus mehreren Traditionen. Der tiefe Männerchor erinnert an russische Kirchen- und Volksgesangskultur; die hymnische Melodik knüpft an Glinka, Borodin, Mussorgskij und an die russische Opern- und Chorgeschichte an; die rhythmische Direktheit stammt aus Marsch, Soldatenlied und Revolutionslied; die monumentale Steigerung entspricht der sowjetischen Repräsentationsästhetik. Diese Verbindung erklärt den besonderen Erfolg des Ensembles im In- und Ausland.

Das sowjetische Lied war in den 1930er und 1940er Jahren eine zentrale Kunstform. Es sollte verständlich, kollektiv singbar, emotional unmittelbar und politisch wirksam sein. Aleksandrovs Lieder erfüllen diese Anforderungen, ohne bloß parolenhaft zu sein. Viele seiner besten Melodien haben weite Bögen, markante Anfangsgesten, klare periodische Form und einen getragenen, oft episch-hymnischen Charakter. Sie sind auf große Chöre ebenso wie auf gemeinschaftliches Mitsingen hin angelegt.

Der Zweite Weltkrieg, in der sowjetischen Erinnerung der Große Vaterländische Krieg, veränderte Aleksandrovs Werk nachhaltig. Svjaščennaja vojna wurde unmittelbar nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion geschaffen und entwickelte sich zu einem musikalischen Symbol der Mobilisierung. Das Lied verbindet liturgisch anmutende Strenge, Marschrhythmus, Chorpathos und apokalyptische Feindmarkierung. Seine Wirkung liegt gerade darin, dass es nicht heiter-propagandistisch, sondern ernst, schwer und beschwörend klingt.

Der Staatshymnus der UdSSR macht Aleksandrov schließlich zu einer Figur nationaler Symbolmusik. Die Melodie stammte aus dem Zusammenhang des Gimn partii bol’ševikov und wurde für den neuen Hymnus mit Text von Sergej Michalkov und Gabriel El-Registan verwendet. Dass diese Melodie nach dem Ende der Sowjetunion später wieder zur Grundlage der russischen Nationalhymne wurde, zeigt ihre außergewöhnliche symbolische Dauer. Aleksandrovs Musik überlebte das politische System, für das sie ursprünglich stand.

Diese Wirkung ist kulturgeschichtlich ambivalent. Einerseits ist Aleksandrov ohne sowjetische Staats- und Militärkultur nicht zu verstehen. Andererseits erschöpft sich seine Musik nicht in Propaganda. Sie transformiert ältere russische Chorklangbilder in eine moderne Massenkultur. Sie zeigt, wie eine Melodie politisch aufgeladen werden kann und zugleich musikalisch so stark wirkt, dass sie über wechselnde Texte und Systeme hinweg identifizierbar bleibt.

Name, Herkunft und Kalenderangaben

Der Name Aleksandr Vasil’evič Aleksandrov ist in verschiedenen Umschriften verbreitet. Im deutschen Kontext erscheinen auch Alexander Wassiljewitsch Alexandrow, im internationalen englischen Kontext Alexander Vasilyevich Alexandrov. Die russische Form lautet Александр Васильевич Александров. Als ursprünglicher Familienname wird in mehreren Quellen Koptelov beziehungsweise Koptelev genannt.

Die Datierung mit 13. April und 1. April 1883 erklärt sich aus dem Unterschied zwischen julianischem und gregorianischem Kalender. Das Russische Kaiserreich verwendete zur Zeit seiner Geburt noch die alte Zählung. Für kulturlexikalische Zwecke ist deshalb die Doppelform sinnvoll: 13. April 1883 nach neuer Zählung und 1. April 1883 nach alter Zählung.

Der Geburtsort Plachino im Gouvernement Rjasan verweist auf eine ländliche Herkunft. Diese Herkunft war für die spätere sowjetische Biographik wichtig, weil sie Aleksandrov als Musiker aus dem Volk erscheinen ließ. Zugleich darf sie nicht verdecken, dass seine Ausbildung bald in die professionellen Institutionen von Petersburg und Moskau führte.

Ausbildung zwischen Kirchenchor, Petersburg und Moskau

Aleksandrovs musikalische Begabung zeigte sich früh in seiner Stimme. Schon als Kind sang er in Chören, später in Petersburg im Chor der Kasaner Kathedrale. Er erhielt Unterricht in kirchlichem Gesang, Regentenpraxis, Solfeggio, Harmonielehre und Chorgeschichte. Damit begann sein musikalisches Leben in einer Tradition, die auf liturgische Ordnung, saubere Intonation und die Führung von Stimmen ausgerichtet war.

Um 1900 trat er in das Petersburger Konservatorium ein. Dort studierte er bei Aleksandr Glazunov und Anatolij Ljadow beziehungsweise im Umfeld dieser Lehrer. Krankheiten, materielle Schwierigkeiten und der Petersburger Lebenszusammenhang unterbrachen das Studium. Später setzte er seine Ausbildung am Moskauer Konservatorium fort. Dort studierte er Komposition bei Sergej Vasilenko und Gesang bei Umberto Mazetti.

1913 schloss Aleksandrov die Kompositionsklasse am Moskauer Konservatorium ab. Als Diplomarbeit wird eine einaktige Oper Rusalka nach Aleksandr Puškin genannt. 1916 schloss er außerdem die Gesangsausbildung ab. Diese Doppelqualifikation als Komponist und Sänger erklärt seinen besonderen Sinn für vokale Linie, chorische Praxis und stimmliche Wirksamkeit.

Tver, Regentenpraxis und geistliche Musik

Tver wurde für Aleksandrov zu einem wichtigen frühen Wirkungsort. Dort arbeitete er als Regens, Chormeister, Lehrer und Organisator. Er leitete kirchliche Chöre, unterrichtete Gesang und baute musikalische Bildungsstrukturen auf. Außerdem führte er mit Chor, Solisten und Orchester größere Werke auf, darunter Ausschnitte beziehungsweise Aufführungen aus dem russischen Opernrepertoire.

Diese Phase gehört noch stark zur vorrevolutionären russischen Musikpraxis. Aleksandrov war mit Kirchenmusik, Chorerziehung, Oper und lokaler Musikorganisation zugleich beschäftigt. Vor 1926 wird er in der späteren Darstellung sogar vorwiegend als Autor geistlicher Musik gesehen. Genannt werden etwa Christos voskrese, ein Konzert Pomiluj mja, Bože und liturgische Gesänge.

Die geistliche Prägung verschwindet in seinem späteren sowjetischen Klang nicht vollständig. Sie verwandelt sich. Die feierliche Homophonie, die tiefen Männerchöre, die Weite der Melodie und die quasi-liturgische Strenge mancher Lieder zeigen, wie stark kirchliche Klangdisziplin in staatliche und militärische Hymnik übergehen konnte.

Moskauer Konservatorium, Pädagogik und Chorleitung

Ab 1918 wirkte Aleksandrov am Moskauer Konservatorium. 1922 wurde er Professor. Er unterrichtete musiktheoretische Fächer, Chorleitung, strengen Stil, allgemeine Chorarbeit und trug wesentlich zur Institutionalisierung der Chorleiterausbildung bei. Seine Tätigkeit reichte bis 1946.

Besonders wichtig war seine Rolle beim Aufbau der militärischen Dirigenten- und Kapellmeisterausbildung. Gemeinsam mit anderen Persönlichkeiten der Moskauer Musikpädagogik wirkte er an der Ausbildung jener Musiker mit, die später Militärensembles, Chöre, Kapellen und kulturpolitische Klangkörper leiten sollten.

Zu seinen Schülern beziehungsweise durch seine Lehrtätigkeit geprägten Musikern gehörten Chorleiter, Militärdirigenten und Musiktheoretiker. In dieser pädagogischen Wirkung liegt ein weniger sichtbarer, aber entscheidender Teil seines Einflusses. Aleksandrov schuf nicht nur Werke, sondern vermittelte ein Modell chorischer Führung.

Alexandrov-Ensemble und sowjetische Klangpolitik

1928 entstand das Ensemble der Roten Armee, das später als Rotbanner-Ensemble und international als Red Army Choir bekannt wurde. Aleksandrov gehörte zu den prägenden Organisatoren und wurde künstlerischer Leiter. Anfangs bestand das Ensemble aus einer kleinen Gruppe von Sängern, einem Bajan-Spieler, einem Rezitator und Tänzern. Aus dieser kleinen Formation entwickelte sich ein großer repräsentativer Klangkörper.

Das Ensemble verband Männerchor, Solisten, Orchester, Volksinstrumente, Tanz und szenische Montage. Es sollte nicht nur Konzerte geben, sondern die Rote Armee kulturell repräsentieren, Soldaten motivieren, Volkslieder sammeln und bearbeiten, Revolutionslieder pflegen und neue Lieder schaffen. Der Klang war daher zugleich künstlerisch, militärisch, volkstümlich und staatlich.

Die internationale Wirkung wurde 1937 bei der Pariser Weltausstellung besonders sichtbar. Das Ensemble trat dort mit großem Erfolg auf und machte den sowjetischen Männerchor zu einem kulturellen Exportzeichen. Diese Wirkung beruhte nicht nur auf politischer Inszenierung, sondern auch auf stimmlicher Disziplin, Klangfülle, dynamischer Kontrolle und einem Repertoire, das Volksnähe und Monumentalität verband.

Nach Aleksandrovs Tod wurde das Ensemble nach ihm benannt. Damit wurde sein Name institutionell dauerhaft mit einem Klangkörper verbunden, der bis heute für eine bestimmte Vorstellung russisch-sowjetischer Chor- und Militärmusik steht.

Lied, Massenlied und militärischer Chorklang

Das Lied war Aleksandrovs eigentliche Hauptgattung. Die russische und sowjetische Musikkultur des 20. Jahrhunderts schrieb dem Lied eine besondere Funktion zu: Es sollte Gemeinschaft bilden, politische Emotion organisieren, kollektive Erinnerung ermöglichen und zugleich musikalisch einfach genug sein, um verbreitet zu werden. Aleksandrov erfüllte diese Anforderungen mit großer Effektivität.

Seine Melodien sind häufig breit, syllabisch verständlich und stark auf den Chor hin gedacht. Sie besitzen klare Anfangssignale, markante Steigerungen und oft einen hymnischen Schluss. Gerade im Männerchor entfalten sie eine Mischung aus Kraft, Feierlichkeit und gedrängter Emotion. Viele Lieder sind zugleich Marsch, Hymne, Erzählung und Bekenntnis.

Die Bearbeitung von Volks- und Revolutionsliedern war für Aleksandrov ebenso wichtig wie die eigene Komposition. Er sammelte, notierte und formte Lieder, die im militärischen und revolutionären Milieu zirkulierten. Durch chorische Bearbeitung wurden sie konzertfähig, massenwirksam und institutionell verwertbar. Das Ensemble wurde so zu einem Transformator zwischen mündlicher Liedtradition und professioneller Bühne.

Staatshymnus, Parteihymnus und nationale Symbolmusik

Die Melodie des sowjetischen Staatshymnus ist Aleksandrovs international bekannteste Komposition. Sie ging aus dem Zusammenhang des Gimn partii bol’ševikov hervor. Im Wettbewerb um einen neuen Staatshymnus der UdSSR wurde diese Musik mit einem Text von Sergej Michalkov und Gabriel El-Registan verbunden. Der neue Hymnus wurde zum Jahreswechsel 1943/44 beziehungsweise Anfang 1944 offiziell im Rundfunk hörbar.

Die Musik ist nicht zufällig hymnisch. Sie verbindet breite Melodik, feierliche Kadenzbildung, klare Periodik und eine Steigerungsdramaturgie, die auf Kollektivpathos angelegt ist. Ihre Wirkung liegt in der Verbindung von Singbarkeit und Monumentalität. Sie eignet sich für Chor, Orchester, Massenaufführung und staatliches Ritual gleichermaßen.

Nach dem Ende der UdSSR wurde zunächst Michail Glinkas Patriotische Lied als russische Hymnenmelodie verwendet. Im Jahr 2000 kehrte die Russische Föderation zur Melodie Aleksandrovs zurück, nun mit neuem Text. Damit wurde Aleksandrovs Musik von einer sowjetischen Staatssymbolik in eine postsowjetische nationale Symbolik überführt.

Diese Kontinuität ist musikhistorisch bedeutsam. Sie zeigt, dass Melodien politische Systeme überdauern können, wenn sie als nationale Klangzeichen tief verankert sind. Aleksandrovs Hymnenmelodie ist daher nicht nur ein Werk, sondern ein Bestandteil politischer Akustik.

Großer Vaterländischer Krieg und Svjaščennaja vojna

Svjaščennaja vojna, deutsch meist „Der heilige Krieg“, entstand unmittelbar nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 auf einen Text von Vasilij Lebedev-Kumač. Das Lied wurde zu einem der wichtigsten musikalischen Symbole des Großen Vaterländischen Krieges. Es wurde nicht als leichte Durchhalteparole empfunden, sondern als schweres, beschwörendes Kampflied.

Die musikalische Wirkung beruht auf mehreren Schichten. Der Rhythmus hat Marschcharakter, aber keine bloße Leichtigkeit. Die Melodie ist streng und feierlich. Die Chorbehandlung erinnert an eine säkulare Liturgie des Widerstands. Der Text spricht von Aufstehen, Verteidigung, Feindvernichtung und heiliger Verpflichtung. Dadurch wird der Krieg nicht nur militärisch, sondern moralisch und quasi-religiös gedeutet.

Während des Krieges schrieb Aleksandrov zahlreiche weitere Lieder, darunter Werke zum Jubiläum der Roten Armee, zur Ukraine, zur Garde, zu Partisanen und zur sowjetischen Armee. Die Lieder dienten der Front, dem Rundfunk, der Bühne, der Mobilisierung und der Erinnerung. Sie zeigen, wie stark Musik in der sowjetischen Kriegskultur als emotionales und symbolisches Medium eingesetzt wurde.

Stil, Satztechnik und musikalische Sprache

Aleksandrovs Stil verbindet russische Kirchenchortradition, Volksliedmelodik, Marschrhythmus, opernhaftes Pathos und sowjetische Massenliedästhetik. Seine besten Lieder sind nicht kompliziert, aber sehr wirksam gebaut. Sie haben klare Konturen, deutliche Spannungsbögen und eine starke chorische Zielrichtung.

Harmonisch bewegt er sich meist in einem verständlichen, tonalen Bereich. Die Wirkung entsteht weniger durch harmonische Kühnheit als durch Melodieführung, Register, Chorbesetzung, dynamische Steigerung und rhythmische Entschiedenheit. Der Männerchor wird häufig als monumentales Klanginstrument eingesetzt, nicht bloß als Liedträger.

Ein wichtiges Merkmal ist die Verbindung von Epik und Hymnik. Viele Lieder erzählen nicht im Detail, sondern rufen eine kollektive Szene auf: Marsch, Schwur, Kampf, Erinnerung, Armee, Land, Volk. Dadurch entsteht eine Musik, die weniger individuell-psychologisch als gemeinschaftlich-symbolisch wirkt.

Die Bearbeitungen von Volks- und Revolutionsliedern zeigen Aleksandrovs Fähigkeit, vorhandenes Material zu verstärken, zu ordnen und in repräsentative Klangformen zu überführen. Er komponiert nicht gegen das Volkstümliche, sondern formt es chorisch und institutionell.

Werkverzeichnis

Das Werkverzeichnis Aleksandrovs ist wegen der Vielzahl von Liedern, Bearbeitungen, Chorarrangements, militärischen Repertoirstücken, geistlichen Frühwerken und nur handschriftlich beziehungsweise katalogisch genannten Großformen komplex. Die folgende Übersicht fasst die im Quellen- und Forschungskontext greifbaren Werkgruppen und die wichtigsten nachgewiesenen Einzeltitel zusammen. Bei Liedtiteln werden die russischen Titel in deutscher Umschrift wiedergegeben; Übersetzungen dienen der Orientierung, nicht der Ersetzung des Originaltitels.

Hymnen, staatliche Symbolmusik und politische Hauptwerke

  • Gimn SSSR, Staatshymnus der UdSSR, Musik von Aleksandr Vasil’evič Aleksandrov, Textfassung von Sergej Michalkov und Gabriel El-Registan; seit 2000 dient dieselbe Melodie mit neuem Text als Nationalhymne der Russischen Föderation.
  • Gimn partii bol’ševikov, Hymne der Partei der Bolschewiki, 1939, Text von Vasilij Lebedev-Kumač; musikalische Grundlage des späteren sowjetischen Staatshymnus.
  • Slava Sovetskomu Sojuzu, Lied beziehungsweise Hymnenlied auf die Sowjetunion.
  • Pesnja o Sovetskom Sojuze, Lied über die Sowjetunion.
  • Pesnja o Sovetskoj Armii, auch Pesnja 27-letija Krasnoj Armii und bekannt als „Nesokrušimaja i legendarnaja“, Lied der beziehungsweise über die Sowjetarmee.
  • Kantata o Staline, Kantate über Stalin, in der älteren und sowjetischen Rezeption als größeres politisches Werk genannt.

Lieder des Großen Vaterländischen Krieges und militärische Kampflieder

  • Svjaščennaja vojna, „Der heilige Krieg“, 1941, Text von Vasilij Lebedev-Kumač; eines der bekanntesten sowjetischen Kriegslieder.
  • Marš artilleristov, „Marsch der Artilleristen“, eines der bekanntesten militärischen Lieder Aleksandrovs.
  • Za velikuiu zemlju Sovetskuju, Lied für die große sowjetische Erde.
  • Svjatoe leninskoe znamja, Lied vom heiligen Lenin-Banner.
  • 25 let Krasnoj Armii, Lied zum 25-jährigen Jubiläum der Roten Armee.
  • Poėma ob Ukraine, Poem beziehungsweise Lied über die Ukraine.
  • Naša gvardija, Lied über die Garde.
  • Pesnja o maršale Rokossovskom, Lied über Marschall Rokossovskij.
  • Partizanskaja, „Šumjat voennye burany“, Partisanenlied.
  • Pesnja partizan, Lied der Partisanen.
  • Smert’ partizana, „Naletele na Caricyn vrany“, Tod eines Partisanen.
  • Slava chrabrym, Ruhm den Tapferen.
  • Pesnja o prisjage, Lied vom Eid.
  • V pohod! V pohod!, Marsch- beziehungsweise Aufbruchslied.
  • Udarom na udar, Kampflied mit Gegenstoß-Motiv.

Rote-Armee-, Revolutions- und Bürgerkriegslieder

  • Ešelonnaja, eines der bekanntesten frühen Lieder Aleksandrovs im militärisch-revolutionären Kontext.
  • Vspomnim-ka, tovarišči, erste patriotische beziehungsweise militärisch-revolutionäre Liedkomposition nach dem Ensemblekontext.
  • Bejte s neba, samolëty, Flieger- beziehungsweise Kampflied.
  • Zabajkal’skaja, Lied mit Bezug auf Transbaikalien.
  • Krasnoflotskaja-Amurskaja, Lied der Roten Flotte beziehungsweise des Amur-Kontexts.
  • Pesnja pjatoj divizii, Lied der 5. Division.
  • Pesnja o partizanach, Lied über Partisanen, Text von Sergej Michalkov.
  • Krasnoflotskaja, Lied der Roten Flotte.
  • Skaz o Rossii, Erzählung beziehungsweise Lied von Russland.
  • Marš Budënnogo, „My krasnye kavaleristy i pro nas“, Marsch Budjonnys.
  • Belaja armija, čërnyj baron, „Krasnaja armija vsech sil’nej“, bekannte Fassung des Liedes von der stärksten Roten Armee.
  • Gej po doroge Vojsko Krasnoe idët, Lied vom Marsch des Roten Heeres.
  • Smelo my v boj pojdëm, revolutionäres Kampflied beziehungsweise Bearbeitungskontext.
  • Iz-za lesu, Lied beziehungsweise Bearbeitung mit Volksliedcharakter.
  • Vdol’ po linii Kavkaza, Lied beziehungsweise Bearbeitung mit Kaukasusbezug.
  • Oj, da veselites’, slavnye budënnovcy, Lied über Budjonnys Reiter.
  • Guljal po Uralu Čapaev-geroj, Lied über Čapaev.
  • Pesnja 27-j krasnoznamennoj divizii, Lied der 27. Rotbanner-Division.
  • Tam vdali za rekoj, revolutionäres Lied beziehungsweise Bearbeitungskontext.
  • Pesnja lëtčikov, Fliegerlied.
  • Vstaët razgnevannyj narod, Lied vom erzürnten Volk.
  • Dal’nevostočnye častuški, Fernost-Častuški.
  • Pesnja o narkome Timošenko, Lied über den Volkskommissar Timošenko.
  • Orlinoe plemja, Lied vom Adlergeschlecht.
  • Morskaja pesnja, Seelied.
  • Pesnja o krasnoflotcach, Lied über Rotflottisten.
  • Pesnja o Klime Vorošilove, „Serebrjanogo Dona rodnye berega“, Lied über Kliment Vorošilov.
  • Pesnja o Vorošilove, „Ešelon za ešelonom“, weiteres Vorošilov-Lied.
  • Boevaja krasnogvardejskaja, Kampflied der Rotgardisten.
  • Pesnja o voennom komissare, Lied über den Kriegskommissar.
  • Vintovka, Lied „Das Gewehr“.
  • Pesnja o Lazo, Lied über Sergej Lazo.
  • Boj u ozera Chasan, Lied über die Kämpfe am Chassansee.
  • Pomorskaja pesnja, Pomorenlied.
  • Pesnja 32-j divizii, Lied der 32. Division.
  • Pesnja 11-j armii, Marschlied der 11. Armee.
  • Pesnja 2-j Priamurskoj divizii, Lied der 2. Priamur-Division.
  • Geroičeskaja lëtnaja, heroisches Fliegerlied.
  • Tot, kto ljubit vlast’ Sovetov, Lied über die Liebe zur Sowjetmacht.
  • Zabajkal’skie častuški, Transbaikalische Častuški.
  • Proščal’naja, Abschiedslied.
  • Štormovaja, Sturmlied.
  • Na Kaspijskom serom more, Lied vom grauen Kaspischen Meer.
  • Tuči stel’utsja vysoko, Lied mit Bild der hochziehenden Wolken.
  • Pesnja 9-j krasnogvardejskoj divizii, Lied der 9. Rotgardisten-Division.
  • Pesnja 2-j Priural’skoj divizii, Lied der 2. Priural-Division.
  • Volžskaja Stalingradskaja, Wolga-Stalingrad-Lied.
  • Partizanskaja, „Po dolinam i po vzgor’jam“, Partisanenlied in Bearbeitungs- beziehungsweise Repertoirekontext.
  • Krasnoarmejskie častuški i pljaski, Rotarmistische Častuški und Tänze.

Geistliche Frühwerke und kirchenmusikalische Arbeiten

  • Christos voskrese, „Christus ist auferstanden“, geistliches Werk beziehungsweise Poem für Chor, Orchester, Orgel und Solisten, in der sekundären Überlieferung als wichtiger früher geistlicher Werkkomplex genannt.
  • Pomiluj mja, Bože, geistliches Konzert beziehungsweise Bußpsalmvertonung „Erbarme dich meiner, Gott“.
  • Sechs Gesänge für die Liturgie, in der Forschung als frühe kirchenmusikalische Werkgruppe genannt.
  • Regenten- und Kirchenchorbearbeitungen aus der Tätigkeit in Bologoje, Tver und Moskau, soweit nicht einzeln publiziert oder nicht sicher mit Titeln nachweisbar.
  • Liturgische Chorsätze und kirchliche Bearbeitungen, die quellenkritisch gesondert von den späteren sowjetischen Liedern zu behandeln sind.

Größere Gattungswerke

  • Rusalka, einaktige Oper nach Aleksandr Puškin, Diplomarbeit am Moskauer Konservatorium, 1913.
  • Zweite Oper, in der Sekundärliteratur als Teil der größeren, überwiegend handschriftlich gebliebenen Werke genannt; der genaue Titel ist anhand von Archiv- und Werkverzeichnissen gesondert zu prüfen.
  • Symphonie, handschriftlich überliefert beziehungsweise in älteren Werkangaben genannt.
  • Symphonische Dichtung, handschriftlich überliefert beziehungsweise in älteren Werkangaben genannt.
  • Sonate für Violine und Klavier, in der Sekundärliteratur als kammermusikalisches Werk genannt.
  • Chorische und musikdramatische Montagen für das frühe Repertoire des Ensembles der Roten Armee, darunter literarisch-musikalische Montagen wie 22-ja Krasnodarskaja divizija v pesnjach im Aufführungskontext von 1928.

Bearbeitungen, Volkslied- und Revolutionsliedsatz

  • Mehr als 70 Bearbeitungen russischer Volkslieder, Revolutionslieder und Soldatenlieder für Chor beziehungsweise Ensemble.
  • Bearbeitungen von Liedern der Roten Armee, die Aleksandrov auf Reisen sammelte, notierte und für das Ensemble formte.
  • Bearbeitungen von Volks- und Armeeliedern für Männerchor, Solisten, Orchester, Bajan, Volksinstrumente und Tanzensemble.
  • Bearbeitungen und Repertoireeinrichtungen für literarisch-musikalische Montagen des Rotbanner-Ensembles.
  • Chorfassungen von Liedern anderer Autoren, soweit im Repertoire des Alexandrov-Ensembles unter Aleksandrovs Leitung nachweisbar.

Werke und Werkgruppen mit quellenkritischer Vorsicht

  • Einzelne Liedtitel erscheinen in unterschiedlichen Fassungen, Transliterationen, Textanfängen und Funktionsbezeichnungen; sie sollten bei späterer Katalogisierung mit russischer Originalschreibung, Textautor, Entstehungsjahr und Quellenstand ergänzt werden.
  • Bei manchen Liedern ist zwischen Originalkomposition, Bearbeitung, Ensemblefassung und späterer Repertoiretradition zu unterscheiden.
  • Die größeren Gattungswerke, besonders die zweite Oper, Symphonie, symphonische Dichtung und Sonate, sind in der online verfügbaren Literatur nur knapp genannt und sollten anhand russischer Archiv- und Werkverzeichnisse weiter geprüft werden.
  • Die geistlichen Frühwerke sind für Aleksandrovs Stilgeschichte wichtig, stehen aber in einem anderen Überlieferungs- und Rezeptionszusammenhang als die sowjetischen Lieder.

Überlieferung, Editionen und Quellenlage

Aleksandrovs Werküberlieferung ist stark von Repertoirepraxis geprägt. Viele seiner wichtigsten Lieder wurden nicht nur als Notentext, sondern durch Aufführungen des Alexandrov-Ensembles, Rundfunkübertragungen, Schallplatten, Frontkonzerte und spätere staatliche Rituale verbreitet. Die musikalische Überlieferung ist daher immer auch eine Aufführungsgeschichte.

Digitale Portale wie Culture.ru, Belcanto und die Seite des Moskauer Konservatoriums geben verlässliche Grunddaten, Werklisten und biographische Stationen. IMSLP weist dagegen nur wenige frei greifbare Werkseiten aus, was den Abstand zwischen historischer Wirkung und digitaler Notenverfügbarkeit zeigt. Der Hauptbestand von Aleksandrovs Liedern und Bearbeitungen ist stärker in russischen Archiven, sowjetischen Ausgaben, Ensemblearchiven und Spezialliteratur zu suchen.

Für den Staatshymnus ist die Überlieferung besonders vielschichtig. Die Melodie zirkuliert als Parteihymnus, Staatshymnus der UdSSR, instrumentale Staatsmusik, Chorhymnus und später als Nationalhymne der Russischen Föderation. Jede Fassung ist politisch anders gerahmt, aber musikalisch auf dieselbe Grundgestalt bezogen.

Für Svjaščennaja vojna ist die Rezeption ebenfalls Teil der Überlieferung. Das Lied existiert als Partitur, als Ensemblefassung, als Frontlied, als Erinnerungslied, als Film- und Rundfunkmusik, als Konzertstück und als Denkmal der Kriegskultur. Eine kulturgeschichtliche Darstellung muss deshalb Notentext, Aufführung, politisches Ritual und kollektives Gedächtnis zusammen betrachten.

Rezeption und kulturgeschichtliche Bedeutung

Aleksandrovs Rezeption ist ungewöhnlich stark. In Russland und der ehemaligen Sowjetunion ist er nicht nur ein Komponist des 20. Jahrhunderts, sondern eine Symbolfigur. Sein Name ist mit einem Ensemble, einem Kriegslied und einer Hymnenmelodie verbunden. Diese drei Ebenen sichern eine Öffentlichkeit, die viele andere Komponisten der sowjetischen Epoche nicht besitzen.

International wurde er vor allem durch das Alexandrov-Ensemble und die Hymnenmelodie bekannt. Der Klang des tiefen Männerchors, die Verbindung von Marsch, Volkslied, Chorpathos und militärischer Disziplin wurde zu einem ikonischen Bild sowjetischer Kultur. Im Westen wurde dieser Klang oft als „Red Army Choir“ wahrgenommen, unabhängig von der differenzierten russischen Chor- und Ensemblegeschichte.

Die heutige Bewertung bleibt ambivalent. Aleksandrovs Musik ist untrennbar mit sowjetischer Staatsideologie, Militärsymbolik und politischer Massenerziehung verbunden. Zugleich besitzt sie eine musikalische Kraft, die aus älteren russischen Chorkulturen, stimmlicher Erfahrung und melodischer Prägnanz stammt. Diese Spannung macht ihn kulturgeschichtlich besonders interessant.

Sein Einfluss liegt nicht in avantgardistischer Neuerung, sondern in der Formung eines kollektiven Klangbildes. Aleksandrov zeigte, wie ein Lied zu einem staatlichen Zeichen werden kann, wie ein Chor zu einer politischen Institution wird und wie ältere Kirchen- und Volksgesangstraditionen in eine moderne Massenkultur überführt werden können.

Sekundärliteratur

  • Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Personenteil: Artikel zu Aleksandr Vasil’evič Aleksandrov. Fachlexikalischer deutschsprachiger Grundzugang zur Biographie, Werkbedeutung und sowjetischen Musikgeschichte.
  • Grove Music Online beziehungsweise The Concise Oxford Dictionary of Music: Einträge zu Alexander Vasilyevich Alexandrov. Internationaler Kurzkontext zu Plachino, Berlin, Red Army Song and Dance Ensemble und der Hymnenmelodie.
  • Vladimir Krylov: Kompozitor Aleksandrov. Pod nebom rjazanskim roždën. Rjasan, Litera, 2013. Monographische russische Darstellung zu Leben, Herkunft, Werk und Wirkung.
  • G. Poljanovskij: Essayistische und musikhistorische Darstellung zu Aleksandr Vasil’evič Aleksandrov, Leben und Schaffen. Wichtig für die ältere sowjetische Perspektive.
  • N. K. Drozdeckaja: Arbeiten zu Aleksandrov als Regens des Kathedralchores in Tver und zur kirchlichen Frühphase seines Wirkens.
  • Studien zur Geschichte des Moskauer Konservatoriums, besonders zur Chorleitungs-, Musiktheorie- und Militärdirigentenausbildung im frühen 20. Jahrhundert.
  • Forschung zur Geschichte des Alexandrov-Ensembles, des Rotbanner-Ensembles der Roten Armee und der sowjetischen Musikrepräsentation.
  • Studien zum sowjetischen Massenlied, zur Musik des Großen Vaterländischen Krieges und zur Rolle des Liedes in der sowjetischen Kulturpolitik.
  • Forschung zu Svjaščennaja vojna, Vasilij Lebedev-Kumač und der musikalischen Mobilisierung nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion.
  • Forschung zur Geschichte der sowjetischen und russischen Staatshymnen, besonders zu Sergej Michalkov, Gabriel El-Registan, dem Gimn partii bol’ševikov und der Rückkehr der Aleksandrov-Melodie im Jahr 2000.
  • Literatur zu russischer Kirchenchortradition, Regentenpraxis, Hofkapelle, Kasaner Kathedrale, Moskauer Kirchenchorwesen und deren Transformation in die sowjetische Chorlandschaft.
  • Diskographische und aufführungsgeschichtliche Materialien des Alexandrov-Ensembles, besonders zu Frontkonzerten, internationalen Reisen, Schallplatten und Filmkonzerten.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge