Ignazio Albertini

Italienischer Komponist und Violinist des mittleren Barock; geboren um 1644, möglicherweise in Mailand, gestorben am 22. September 1685 in Wien; auch als Ignazio Albertino beziehungsweise Ignatio Albertino geführt.

Überblick

Ignazio Albertini, in der Drucküberlieferung auch Ignatio Albertino, in modernen Nachschlagewerken auch Ignazio Albertino oder deutsch gelegentlich Ignaz Albertini, war ein italienischer Violinist und Komponist des mittleren Barock. Er gehört zu den rätselhaften Gestalten der süddeutsch-österreichischen Violinkultur des späten 17. Jahrhunderts: Biographisch ist fast nichts sicher überliefert, doch die erhaltenen Sonaten zeigen einen Komponisten von außerordentlicher instrumentaler Phantasie, technischer Kühnheit und harmonischer Beweglichkeit.

Als Geburtsjahr wird gewöhnlich um 1644 angegeben; als möglicher Geburtsort erscheint Mailand. Gesichert greifbar wird Albertini erst im Wiener und mährischen Umfeld um 1671. Ein Briefwechsel zwischen Johann Heinrich Schmelzer und Karl II. von Liechtenstein-Kastelkorn, Fürstbischof von Olmütz, zeigt, dass Albertini damals bereits als Musiker von Rang wahrgenommen wurde, auch wenn die betreffende Episode zugleich auf ein nicht näher geklärtes Fehlverhalten verweist. Später stand Albertini in Wien als Kammermusiker im Dienst der Kaiserwitwe Eleonora Gonzaga II., der dritten Gemahlin Kaiser Ferdinands III.

Albertini starb am 22. September 1685 in Wien. Die Quellen sprechen von einem gewaltsamen Tod, meist von einer Messer- beziehungsweise Stichverletzung; die genauen Umstände bleiben unbekannt. Er wurde nur etwa einundvierzig Jahre alt. Sein erhaltenes Werk besteht im Kern aus einer einzigen Sammlung: den Sonatinæ XII Violino Solo authore Ignatio Albertino, zwölf Sonaten für Violine und Basso continuo, deren erhaltene Drucküberlieferung 1692 in Wien und Frankfurt am Main greifbar ist. Die Sammlung war offenbar für Kaiser Leopold I. bestimmt und wurde erst nach Albertinis Tod allgemein zugänglich.

Diese zwölf Sonaten sind keine kleinen Gelegenheitsstücke, obwohl der Sammeltitel Sonatinæ dies zunächst vermuten lassen könnte. Es handelt sich um ausgedehnte, vielgliedrige Werke für Violine und Generalbass. Sie stehen in der Tradition der süddeutsch-österreichischen Virtuosen um Johann Heinrich Schmelzer, Heinrich Ignaz Franz Biber, Johann Jakob Walther und Antonio Bertali, zeigen aber eine eigene Neigung zu überraschenden harmonischen Wendungen, kontrastreichen Abschnittsfolgen, virtuoser Grifftechnik, Doppelgriffen, Passacaglia- und Ostinatoverfahren sowie dramatisch bewegter Affektfolge.

Kurzdaten

Name Ignazio Albertini.
Weitere Namensformen Ignazio Albertino, Ignatio Albertino, Ignatius Albertinus, Ignaz Albertini, Albertini, Ignazio und Albertino, Ignazio.
Geburt Um 1644, möglicherweise in Mailand.
Tod 22. September 1685 in Wien.
Beruf Komponist, Violinist, Kammermusiker, Vertreter der süddeutsch-österreichischen Violinsonate und Verfasser virtuoser Sonaten für Violine und Basso continuo.
Wirkungsorte Wien und wahrscheinlich Olmütz beziehungsweise der Umkreis des Fürstbischofs Karl II. von Liechtenstein-Kastelkorn.
Dienstverhältnis Kammermusiker der Kaiserwitwe Eleonora Gonzaga II. in Wien; eine angestrebte oder erhoffte Verbindung zur kaiserlichen Hofkapelle Leopolds I. ist aus der Widmungs- und Druckgeschichte erschließbar.
Musikalisches Umfeld Johann Heinrich Schmelzer, Heinrich Ignaz Franz Biber, Johann Jakob Walther, Antonio Bertali, Wiener Hofmusik und süddeutsch-österreichische Violinkultur.
Erhaltenes Hauptwerk Sonatinæ XII Violino Solo authore Ignatio Albertino, zwölf Sonaten für Violine und Basso continuo, gedruckt beziehungsweise in erhaltener Druckform greifbar 1692.
Weitere bekannte Werke Eine Sonata hyllaris ex C à 10 und eine Suite beziehungsweise Folge aus sieben Stücken zu vier Stimmen sind nur katalogisch beziehungsweise inventarisch genannt und gelten als verschollen.
Musikgeschichtliche Bedeutung Wichtiger, biographisch kaum dokumentierter Vertreter der virtuosen österreichisch-süddeutschen Violinsonate des späten 17. Jahrhunderts; sein erhaltenes Sonatenwerk gehört in die Nähe von Schmelzer, Biber und Walther.

Ausführlicher Kulturüberblick

Ignazio Albertini steht in einem musikalischen Raum, der für die Geschichte der Barockvioline von besonderer Bedeutung ist. Wien, Salzburg, Olmütz, Kremsier, Prag, München und andere süddeutsch-österreichische beziehungsweise mitteleuropäische Zentren bildeten im 17. Jahrhundert ein dichtes Netz höfischer und kirchlicher Musikpflege. In diesem Raum entwickelte sich eine besonders experimentierfreudige Violinkultur. Die Violine war nicht mehr nur Ensembleinstrument, sondern wurde zum Medium solistischer Virtuosität, affektvoller Rede, instrumentaler Rhetorik, mehrstimmigen Spiels und technischer Erkundung.

Albertini gehört zu jener Generation, die nach Antonio Bertali und Johann Heinrich Schmelzer sowie neben Heinrich Ignaz Franz Biber und Johann Jakob Walther die Soloviolinsonate zu einer hochgradig variablen Form machte. Die Sonate um 1680 ist noch nicht die später klassisch geordnete Sonate mit fester Satzfolge. Sie besteht häufig aus einer Folge kürzerer, kontrastierender Abschnitte: langsame, kantable Passagen, rasche toccatenartige Läufe, imitatorische Teile, Tanzanklänge, Ostinatofolgen, Generalbassabschnitte und improvisatorisch wirkende Übergänge können einander unmittelbar ablösen. Gerade diese Offenheit macht die Gattung zur idealen Bühne für einen Virtuosen.

Die Violine war in diesem Milieu ein Instrument der höfischen Repräsentation. Der Spieler musste singen, deklamieren, rasen, springen, imitieren, akkordisch greifen und Affekte wechseln können. Biber erweiterte die Technik durch Skordatur, Doppelgriffe, polyphone Passagen und programmatische Formen; Schmelzer entwickelte eine reich differenzierte österreichische Sonatensprache; Walther verband Virtuosität mit Klangimitation und kapriziöser Fantasie. Albertini steht in dieser Tradition, ist aber nicht einfach ein Nachahmer. Seine erhaltenen Sonaten zeigen eine Neigung zu kühnen harmonischen Abweichungen, zu abrupten Kontrasten und zu einer dramatischen Gliederung, in der kleine Abschnitte zu größeren Spannungsfolgen verbunden werden.

Der Wiener Hof war dabei ein besonderer Resonanzraum. Unter Kaiser Leopold I. war Musik ein zentrales Element höfischer Kultur. Der Kaiser selbst komponierte, förderte Oper, Kirchenmusik und Kammermusik und umgab sich mit hochrangigen Musikern. Zugleich existierten innerhalb der habsburgischen Hofwelt mehrere musikalische Zentren: die kaiserliche Hofkapelle, adelige Kapellen, geistliche Institutionen, private Kammern und die Höfe verwitweter Kaiserinnen. Eleonora Gonzaga II., bei der Albertini zuletzt als Kammermusiker tätig war, unterhielt ein eigenes musikalisches Umfeld. Solche Nebenhöfe waren keineswegs unbedeutend; sie boten Musikern Dienst, Prestige und Aufführungsmöglichkeiten.

Albertinis Biographie ist gerade deshalb so aufschlussreich, weil sie trotz ihrer Lücken viel über die Instabilität musikalischer Existenz im 17. Jahrhundert verrät. Ein Musiker konnte hoch geschätzt sein und dennoch kaum archivalisch greifbar bleiben. Er konnte an Höfen auftreten, in Briefen erwähnt werden, ein bedeutendes Werk vorbereiten und doch durch frühen Tod, Schulden, Druckkosten, verstreute Quellen und Kriegsverluste fast aus der Überlieferung verschwinden. Albertinis Nachleben beruht auf einem schmalen Faden: einer Sammlung von zwölf Sonaten, einem erhaltenen Pariser Druckexemplar, einer Wiener Handschriftkopie und wenigen Hinweisen in Briefen, Inventaren und späteren Lexika.

Die Sonatinæ XII sind daher nicht nur musikalisch, sondern kulturgeschichtlich bedeutsam. Sie zeigen, wie hoch die technische und expressive Entwicklung der Violine vor Corelli bereits war. Sie korrigieren eine vereinfachte Erzählung, nach der die italienische Sonate erst um 1700 in klassizistischer Ordnung zur Reife gekommen sei. Bei Albertini begegnet eine frühere, wildere, rhetorisch bewegtere, formal flexiblere Sonatenkunst, die in der mitteleuropäischen Hofkultur des späten 17. Jahrhunderts wurzelt.

Name, Herkunft und Quellenlage

Die Namensformen Albertinis sind quellenbedingt variabel. Der erhaltene Druck nennt ihn als Ignatio Albertino; moderne Nachschlagewerke bevorzugen meist Ignazio Albertini. Die DNB-Normdaten führen auch Albertino, Ignazio. Für eine deutschsprachige Kulturlexikonseite ist die Lemmaform Ignazio Albertini sinnvoll, weil sie der heutigen musikhistorischen Standardansetzung entspricht; die Form Ignazio Albertino sollte aber als Such- und Quellenvariante ausdrücklich mitgeführt werden.

Über seine Herkunft ist kaum Sicheres bekannt. Das Geburtsjahr wird gewöhnlich mit um 1644 angegeben, weil er bei seinem Tod 1685 etwa einundvierzig Jahre alt gewesen sein soll. Mailand wird als möglicher Geburtsort genannt, doch die Quellenlage ist nicht stark genug, um dies als gesichert zu behandeln. Aus Albertinis frühen Jahren in Italien sind keine verlässlichen biographischen Einzelheiten bekannt. Auch seine Ausbildung, Lehrer, erste Dienststellen und der Weg nach Wien bleiben im Dunkeln.

Der erste deutlichere Hinweis führt in das Jahr 1671. In einem Briefwechsel zwischen Johann Heinrich Schmelzer und Karl II. von Liechtenstein-Kastelkorn erscheint Albertini als Musiker, dessen Verhalten Anlass zu entschuldigender Korrespondenz gab, dessen musikalischer Rang aber offenbar außer Zweifel stand. Der Brief ist deshalb doppelt aufschlussreich: Er zeigt einerseits eine problematische oder zumindest missliche Episode, andererseits belegt er, dass Albertini in einem hochrangigen musikalischen und aristokratischen Netzwerk bekannt war.

Die knappe Quellenlage zwingt zu vorsichtiger Formulierung. Albertini sollte nicht mit erfundenen biographischen Details ausgeschmückt werden. Gerade die Lücken sind Teil seines historischen Profils. Er ist ein Komponist, dessen musikalische Bedeutung aus dem Werk heraus deutlich wird, während sein Leben nur in wenigen Schlaglichtern aufscheint.

Wien, Schmelzer, Biber und Eleonora Gonzaga II.

Albertinis Wiener Umgebung lässt sich durch einige Namen und Institutionen erschließen. Johann Heinrich Schmelzer war einer der wichtigsten Violinisten und Komponisten der Habsburger Hofmusik. Seine Sonaten und Ballettmusiken prägten die österreichische Instrumentalmusik der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Heinrich Ignaz Franz Biber, der aus Böhmen beziehungsweise Mähren nach Salzburg wirkte, gehört zu den größten Violinvirtuosen der Barockzeit. Wenn Albertini in modernen Editionsvorworten und älteren Quellen gerade mit Schmelzer und Biber in Verbindung gebracht wird, bezeichnet dies eine sehr hohe künstlerische Vergleichsebene.

Albertini stand zuletzt als Kammermusiker im Dienst Eleonora Gonzagas II., der dritten Gemahlin Kaiser Ferdinands III. und Witwe des Kaisers. Eleonora unterhielt ein eigenes musikalisches Ensemble. Ein solcher Dienst war für einen Instrumentalisten des 17. Jahrhunderts von großer Bedeutung. Er verband regelmäßige Aufführungspraxis, höfische Sichtbarkeit, kammermusikalische Nähe zu adeliger Patronage und die Möglichkeit, anspruchsvolle Werke für ein kundiges Publikum zu spielen.

Die Widmungsgeschichte der Sonatinæ XII verweist auf Kaiser Leopold I. Die Sammlung war offenbar dazu bestimmt, dem Kaiser überreicht zu werden. Albertini könnte sich davon eine Anstellung oder Festigung seiner Stellung an der kaiserlichen Hofkapelle erhofft haben. Sein unerwarteter Tod verhinderte jedoch die weitere Entwicklung. Nach späteren Angaben mussten seine Angehörigen beziehungsweise Geschwister sogar wegen der mit dem Kupferstichdruck verbundenen Kosten um finanzielle Hilfe bitten. Dies zeigt, wie kostspielig und riskant ein repräsentativer Notendruck um 1685 sein konnte.

Der gewaltsame Tod Albertinis ist ein auffälliger, aber quellenarm überlieferter Einschnitt. Er wurde am 22. September 1685 in Wien getötet, meist als Messer- beziehungsweise Stichverletzung beschrieben. Die Gründe und näheren Umstände sind unbekannt. Für die Darstellung im Kulturlexikon ist daher Zurückhaltung geboten: Sicher ist der frühe, gewaltsame Tod; Spekulationen über Täter, Anlass oder soziale Hintergründe sollten vermieden werden.

Die Sonatinæ XII

Albertinis erhaltenes Hauptwerk trägt den Titel Sonatinæ XII Violino Solo authore Ignatio Albertino. Die Sammlung umfasst zwölf Sonaten für Violine und Basso continuo. Sie ist in der erhaltenen Drucküberlieferung 1692 mit Wien und Frankfurt am Main verbunden und erscheint beim Wiener Stecher und Verleger Philipp Fievet beziehungsweise in dessen Frankfurter Druckzusammenhang. Der Druck ist Kaiser Leopold I. gewidmet. Das erhaltene Exemplar der zweiten Druckfassung befindet sich in der Bibliothèque nationale de France in Paris; eine Wiener Handschrift im Minoritenkonvent überliefert die Sonaten in einer Kopie um 1700.

Obwohl die Sammlung Sonatinæ heißt, sind die einzelnen Werke im Druck als Sonata bezeichnet und besitzen den Umfang und Anspruch größerer Solosonaten. Die Form ist vielfach mehrteilig und abschnittsreich. Ein einzelnes Werk kann freie, toccatenhafte Passagen, imitatorische Abschnitte, langsame ariose Teile, Tanzrhythmen, Generalbassfundamente, Ostinatoformen und virtuose Läufe enthalten. Diese Struktur entspricht der solistischen Violinsonate des späten 17. Jahrhunderts, bevor eine stärker normierte Satzfolge des 18. Jahrhunderts dominant wurde.

Besonders hervorgehoben werden in der Forschung die neunte und die zwölfte Sonate. Die neunte Sonate enthält ein Passacaglia- beziehungsweise Ostinatoverfahren, in dem ein Grundmodell wiederkehrt und zugleich kontrapunktisch beziehungsweise kanonisch verarbeitet wird. Die zwölfte Sonate ist durchgehend von imitatorischen und akkordischen Verfahren geprägt und stellt hohe Anforderungen an die linke Hand und die Mehrstimmigkeit des Violinspiels. Insgesamt verlangen die Sonaten ein technisch souveränes, rhetorisch waches und harmonisch empfindliches Spiel.

Für heutige Aufführungspraxis sind die Sonatinæ XII ein wichtiges Repertoirefeld zwischen Biber und Corelli. Sie verlangen nicht nur schnelles Spiel, sondern ein Verständnis der barocken Affektsprache, der Generalbassausführung, der Artikulation, der Dissonanzbehandlung und der improvisatorischen Freiheit. Sie sind keine bloßen Etüden, sondern rhetorisch bewegte, klanglich differenzierte und formal überraschende Sonaten.

Stil, Virtuosität und Satztechnik

Albertinis Stil ist der süddeutsch-österreichischen Violinschule des späten 17. Jahrhunderts zuzuordnen. Diese Schule zeichnet sich durch technische Kühnheit, freie Form, Affektwechsel, Tanzbezüge, kontrapunktische Einschübe und eine enge Beziehung von Improvisation und schriftlicher Komposition aus. Die Violine wird als sprechendes Instrument behandelt: Sie kann klagen, jagen, imitieren, triumphieren, seufzen und in raschem Wechsel unterschiedliche Charaktere annehmen.

Typisch für Albertini ist die Verbindung von virtuoser Oberfläche und harmonischer Überraschung. Rasche Läufe, Sprünge, abrupte Registerwechsel, Doppelgriffe und akkordische Abschnitte stehen neben langsamen, fast vokal gedachten Linien. Der Generalbass stützt, öffnet und dramatisiert die Form. Er ist nicht bloß harmonisches Fundament, sondern Partner der Violine im Aufbau von Spannung und Entspannung.

Die Sonaten zeigen außerdem eine Vorliebe für kurze, kontrastierende Einheiten. Statt eine große Form von vornherein in feste Sätze zu gliedern, reiht Albertini Abschnitte aneinander, die durch Affekt, Tempo, Taktart, Figuration und Satztechnik voneinander abgesetzt sind. Gerade dadurch entsteht eine rhetorische Dramaturgie: Die Musik wirkt wie eine Folge von Gesten, Redefiguren und klanglichen Szenen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Nähe zu Biber und Schmelzer. Albertini übernimmt nicht einfach deren Stil, sondern gehört in denselben technischen und ästhetischen Horizont. Seine Sonaten stehen in einer Zeit, in der die Violine als solistisches Instrument ihre Ausdrucksgrenzen erweiterte. Die später kanonisierte italienische Sonate um Corelli wirkt dagegen geordneter, klassischer und stärker periodisch. Albertini repräsentiert eine frühere, experimentellere und theatralisch bewegtere Phase der Barockvioline.

Werkverzeichnis

Das Werkverzeichnis Ignazio Albertinis ist ungewöhnlich knapp. Erhalten ist nach heutigem Stand im Wesentlichen nur eine Sammlung mit zwölf Sonaten für Violine und Basso continuo. Weitere Werke sind aus Inventaren oder Katalogen dem Namen nach bekannt, gelten aber als verschollen. Die folgende Übersicht unterscheidet daher zwischen erhaltenem Hauptwerk, einzelnen Sonaten der Sammlung und nur katalogisch bekannten Werken.

Erhaltenes Hauptwerk

  • Sonatinæ XII Violino Solo authore Ignatio Albertino, zwölf Sonaten für Violine und Basso continuo, in der erhaltenen Druckfassung Wien und Frankfurt am Main, Philipp Fievet, 1692; gewidmet Kaiser Leopold I.

Einzelsonaten der Sonatinæ XII

  • Sonata I, erste Sonate der Sammlung, für Violine und Basso continuo; im erhaltenen Druck als Teil der Sonatinæ XII überliefert.
  • Sonata II, zweite Sonate der Sammlung, für Violine und Basso continuo.
  • Sonata III, dritte Sonate der Sammlung, für Violine und Basso continuo; in modernen Notenportalen besonders häufig einzeln nachgewiesen.
  • Sonata IV, vierte Sonate der Sammlung, für Violine und Basso continuo.
  • Sonata V, fünfte Sonate der Sammlung, für Violine und Basso continuo.
  • Sonata VI, sechste Sonate der Sammlung, für Violine und Basso continuo.
  • Sonata VII, siebte Sonate der Sammlung, für Violine und Basso continuo.
  • Sonata VIII, achte Sonate der Sammlung, für Violine und Basso continuo.
  • Sonata IX, neunte Sonate der Sammlung, besonders bemerkenswert durch Passacaglia- beziehungsweise Ostinatoverfahren und kanonische Elemente.
  • Sonata X, zehnte Sonate der Sammlung, für Violine und Basso continuo.
  • Sonata XI, elfte Sonate der Sammlung, für Violine und Basso continuo.
  • Sonata XII, zwölfte Sonate der Sammlung, besonders anspruchsvoll durch imitatorische, akkordische und mehrstimmige Satztechnik.

Nur katalogisch bekannte oder verschollene Werke

  • Sonata hyllaris ex C à 10, in einem Inventar von 1699 genannt; heute verschollen.
  • Intrada, allemanda, courante, gavotte, sarabande, gigue e finale zu vier Stimmen, 1683 genannt beziehungsweise katalogisch überliefert; heute verschollen.
  • Weitere Werke, die in älteren Katalogzusammenhängen oder Inventaren mit Albertini verbunden gewesen sein könnten, sind nicht sicher greifbar und dürfen nicht ohne Quellenprüfung in ein gesichertes Werkverzeichnis aufgenommen werden.

Werkgruppen nach Gattung

  • Solosonaten für Violine und Basso continuo, erhalten in den zwölf Sonatinæ.
  • Mehrstimmige Instrumentalmusik, nur durch verschollene beziehungsweise katalogisch genannte Werke erschließbar.
  • Ensemblemusik im höfischen Kontext, wahrscheinlich vorhanden, aber heute nicht als gesichertes Repertoire erhalten.

Moderne Ausgaben und Aufführungspraxis

  • XII Sonatinæ, moderne Ausgabe in vier Heften bei Edition Güntersberg, herausgegeben von Marc Strümper; Heft I mit Sonaten I–III, Heft II mit Sonaten IV–VI, Heft III mit Sonaten VII–IX, Heft IV mit Sonaten X–XII.
  • Digitale Faksimile- und Notenüberlieferung auf IMSLP zur Sammlung 12 Violin Sonatas.
  • Moderne Einspielungen, besonders durch historisch informierte Ensembles und Barockviolinisten, die Albertinis Werk im Zusammenhang von Biber, Schmelzer und süddeutsch-österreichischer Virtuosentradition darstellen.

Überlieferung, Drucke und moderne Editionen

Die Überlieferung der Sonatinæ XII ist komplizierter, als die Jahreszahl 1692 allein vermuten lässt. Nach modernen Editionshinweisen gab es offenbar schon kurz vor Albertinis Tod oder um 1685 eine Druckvorbereitung beziehungsweise eine frühe Druckfassung, von der heute kein Exemplar mehr greifbar ist. Das erhaltene Pariser Exemplar der späteren Druckfassung trägt den veränderten Titel und das Datum 1692. Dieses Exemplar wurde zur Grundlage moderner Editionen.

Wichtig ist außerdem eine Handschrift im Musikarchiv des Minoritenkonvents in Wien. Sie enthält über hundert Sonaten verschiedener Komponisten, darunter Werke von Schmelzer, Bertali, Biber, Johann Jakob Walther und Albertini. Diese Handschrift ist wahrscheinlich kurz vor oder um 1700 entstanden und stimmt in Albertinis Fall weitgehend mit dem erhaltenen Druck überein. Damit bestätigt sie nicht nur die Verbreitung der Sonaten, sondern auch ihre Einbindung in ein größeres Repertoire süddeutsch-österreichischer Violinsonaten.

Die Druckgeschichte hängt mit den Kosten des Kupferstichs zusammen. Ein repräsentativer Sonatendruck war teuer. Nach Albertinis Tod mussten Angehörige beziehungsweise Geschwister finanzielle Unterstützung erbitten, um Schulden gegenüber dem Stecher zu begleichen. Kaiser Leopold I. gewährte offenbar Hilfe, doch die allgemeine Publikation der Sammlung erfolgte erst später. Die Widmung an Leopold I. zeigt, dass Albertini seine Sonaten nicht nur als musikalisches Werk, sondern auch als höfisches Bewerbungsmittel verstand.

Die moderne Wiedererschließung erfolgte vor allem durch Faksimilezugang, Spezialeditionen und historisch informierte Einspielungen. Besonders die Edition Güntersberg hat die Sonaten wieder in spielbarer Form zugänglich gemacht. Dadurch kann Albertini heute nicht mehr nur als Name in Lexika erscheinen, sondern als Komponist eines ernstzunehmenden, technisch anspruchsvollen und repertoirefähigen Sonatenzyklus.

Sekundärliteratur

  • Herwig Knaus: Die Musiker im Archivbestand des kaiserlichen Obersthofmeisteramtes (1637–1705), Band 2. Wien, Böhlau, 1968.
  • Paul Nettl: Die Wiener Tanzkompositionen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. In: Studien zur Musikwissenschaft, Band 8, 1921.
  • Friedrich W. Riedel: Zur deutschen Violinsonate mit Generalbass um 1680. In: Walter Salmen, Hrsg.: Jakob Stainer und seine Zeit. Innsbruck, Helbling, 1984.
  • Thomas Drescher: Begleittext zu Ignazio Albertini: Sonatas for Violin & Continuo, eingespielt von Hélène Schmitt, Jörg-Andreas Bötticher, Karl-Ernst Schröder und David Sinclair. Alpha, 2002.
  • Marc Strümper: Vorwort zur modernen Ausgabe der XII Sonatinæ. Edition Güntersberg, Heidelberg, 2010.
  • Robert Eitner: Biographisch-Bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten. Leipzig, Breitkopf & Härtel, 1900–1904.
  • François-Joseph Fétis: Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique. Paris, zweite Ausgabe, 1860–1868.
  • Die Musik in Geschichte und Gegenwart, zweite, neubearbeitete Ausgabe, Personenteil, Artikel Albertini, Ignazio.
  • The New Grove Dictionary of Music and Musicians, zweite Ausgabe, Artikel Albertini, Ignazio.
  • Peter Holman: Studien zur Violine, zur Sonate und zur mitteleuropäischen Instrumentalmusik des 17. Jahrhunderts.
  • Walter Kolneder: Das Buch der Violine. Zürich, Atlantis, verschiedene Ausgaben; als breiter Kontext zur barocken Violingeschichte.
  • Manfred Bukofzer: Music in the Baroque Era. New York, 1947; als allgemeiner Epochenrahmen.
  • Julie Anne Sadie, Hrsg.: Companion to Baroque Music. Berkeley und London, 1990; als Überblickswerk zum barocken Instrumentalstil.
  • John Walter Hill: Baroque Music: Music in Western Europe, 1580–1750. New York und London, 2005; als allgemeiner Kontext der Instrumentalmusik.
  • Forschung zu Johann Heinrich Schmelzer, Heinrich Ignaz Franz Biber, Johann Jakob Walther und Antonio Bertali, da Albertinis Sonaten ohne diesen süddeutsch-österreichischen Stilraum nicht angemessen einzuordnen sind.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Violinsonate Zentrale Gattung von Albertinis erhaltenem Werk und Schlüssel zur süddeutsch-österreichischen Barockvioline.
  • Barockvioline Instrument und Spielpraxis, für die Albertinis Sonatinæ XII hohe technische und rhetorische Anforderungen stellen.
  • Basso continuo Generalbassfundament der Sonaten Albertinis und Grundlage der barocken Kammermusik.
  • Generalbass Harmonische und improvisatorische Praxis, die die Begleitung der Violinsonaten strukturiert.
  • Sonata Instrumentale Form des 17. Jahrhunderts, deren flexible Abschnittsstruktur Albertinis Werke exemplarisch zeigen.
  • Passacaglia Ostinatoform, die für die neunte Sonate Albertinis besonders wichtig ist.
  • Ostinato Wiederholtes Bass- oder Themenmodell, das in Albertinis Sonaten als formbildendes Mittel erscheint.
  • Doppelgriff Violinistische Mehrstimmigkeit, die besonders in virtuosen Sonaten des späten 17. Jahrhunderts wichtig ist.
  • Süddeutsch-österreichische Violinschule Stilraum von Schmelzer, Biber, Walther und Albertini mit virtuoser und affektstarker Violinsonatenkunst.
  • Wien in der Musikgeschichte Habsburgisches Zentrum höfischer Musik, in dem Albertini wirkte und starb.
  • Habsburger Hofmusik Institutioneller Rahmen von Wiener Oper, Kirchenmusik, Kammermusik und Instrumentalkultur im 17. Jahrhundert.
  • Leopold I. Habsburger Kaiser, Komponist und Widmungsträger der Sonatinæ XII.
  • Eleonora Gonzaga II. Kaiserwitwe und musikalische Patronin, in deren Dienst Albertini zuletzt als Kammermusiker stand.
  • Johann Heinrich Schmelzer Wiener Violinist und Komponist, dessen Umfeld und Briefwechsel Albertinis frühe Spur erhellen.
  • Heinrich Ignaz Franz Biber Bedeutender Violinvirtuose des Barock und wichtiger Vergleichspunkt für Albertinis Sonatenstil.
  • Johann Jakob Walther Deutscher Violinvirtuose und Komponist, dessen Sonatenkunst mit Albertinis Repertoire verwandt ist.
  • Antonio Bertali Italienisch-österreichischer Komponist am Wiener Hof, wichtig für die Vorgeschichte der österreichischen Instrumentalmusik.
  • Giovanni Antonio Pandolfi Mealli Italienischer Violinist und Sonatenkomponist, dessen virtuoser Stil zum weiteren Umfeld Albertinis gehört.
  • Karl II. von Liechtenstein-Kastelkorn Fürstbischof von Olmütz und Musikmäzen, in dessen Briefwechsel Albertini 1671 greifbar wird.
  • Olmütz in der Musikgeschichte Mährisches Musikzentrum, das über Karl II. von Liechtenstein-Kastelkorn mit Albertinis früher Spur verbunden ist.
  • Kremsier und die Musikarchive Mährens Überlieferungsraum süddeutsch-österreichischer und mährischer Instrumentalmusik des 17. Jahrhunderts.
  • Kammermusiker Höfisches Musikeramt in privaten und repräsentativen Kammerensembles, wie es Albertini bei Eleonora Gonzaga II. innehatte.
  • Kupferstich im Musikdruck Drucktechnik, deren Kosten für die Entstehungs- und Publikationsgeschichte der Sonatinæ XII wichtig sind.
  • Musikdruck im 17. Jahrhundert Überlieferungsgeschichtlicher Rahmen für Albertinis 1692 greifbaren Sonatendruck.
  • Barockmusik Epochenrahmen für Albertinis Sonaten, Wiener Hofmusik und virtuose Instrumentalkultur.
  • Instrumentalmusik des 17. Jahrhunderts Breiter Kontext für die Entwicklung der Sonate, der Violine und des Generalbassensembles.
  • Historisch informierte Aufführungspraxis Moderner Zugang zu Albertinis Sonaten mit Barockvioline, Theorbe, Cembalo, Orgel und Violone.
  • RISM Internationales Quellenrepertorium für musikalische Handschriften und Drucke, relevant für Albertinis Werk- und Quellenlage.
  • IMSLP Digitales Notenportal, das Albertinis erhaltene Sonatensammlung online erschließt.
  • Edition Güntersberg Moderne Editionsreihe, die Albertinis XII Sonatinæ wieder spielpraktisch zugänglich gemacht hat.