Genesis 1,5 – Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht

Bibel: Genesis / 1. Mose
Kapitel: 1
Vers: 5

5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag

Hebräischer Text:

וַיִּקְרָא אֱלֹהִים לָאוֹר יוֹם וְלַחֹשֶׁךְ קָרָא לָיְלָה וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר יוֹם אֶחָד׃

Transliteration:

wayyiqrāʾ ʾĕlōhîm lāʾôr yôm wəlaḥōšeḵ qārāʾ lāylāh wayəhî-ʿereḇ wayəhî-ḇōqer yôm ʾeḥāḏ

Wortnahe Übersetzung: „Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.“

Einleitung

Genesis 1,4 berichtete, daß Gott das Licht als gut erkannte und es von der Finsternis schied. Genesis 1,5 führt diesen ersten Ordnungsakt zu seinem Abschluß. Die beiden unterschiedenen Bereiche erhalten nun Namen: Licht wird „Tag“, Finsternis „Nacht“. Danach wird der erste Schöpfungsabschnitt mit der wiederkehrenden Formel von Abend und Morgen abgeschlossen.

Der Vers ist damit für die gesamte Zeitstruktur von Genesis 1 grundlegend. Zum ersten Mal treten Tag, Nacht, Abend und Morgen als ausdrücklich benannte beziehungsweise markierte Zeitgrößen auf. Die ursprünglich in Genesis 1,2 beschriebene Finsternis wird nicht vernichtet, sondern nach ihrer Scheidung vom Licht als „Nacht“ in eine geordnete zeitliche Struktur integriert.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Schlußformel יוֹם אֶחָד. Die traditionelle deutsche Wiedergabe „der erste Tag“ trifft die Funktion innerhalb der Abfolge der Schöpfungstage, ist jedoch nicht die wörtlichste Übersetzung. Hebräisch steht nicht die Ordinalzahl „erster“, sondern die Kardinalzahl אֶחָד, „eins/ein“: wörtlich „ein Tag“ beziehungsweise idiomatisch „Tag eins“.

Diese sprachliche Besonderheit ist bereits in der klassischen jüdischen Auslegung intensiv behandelt worden und wird auch von Septuaginta und Vulgata bewahrt. Damit verbindet der Vers grundlegende Kosmologie, Benennung, Zeit und theologische Ordnung in nur wenigen Wörtern.

Wortanalyse

וַיִּקְרָא, wayyiqrāʾ, stammt von der Wurzel קרא, „rufen, nennen, ausrufen“. Die Form ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular. Im vorliegenden Zusammenhang bedeutet sie „und er nannte“ beziehungsweise mit dem folgenden Subjekt „und Gott nannte“.

אֱלֹהִים, ʾĕlōhîm, ist das ausdrücklich genannte Subjekt: Gott. Wie in den vorherigen Versen wird die formal pluralische Form mit einem singularischen Verb verbunden.

לָאוֹר, lāʾôr, besteht aus der Präposition לְ „zu, für“ und dem bestimmten Substantiv הָאוֹר „das Licht“. Die Verbindung bedeutet sinngemäß „dem Licht“ beziehungsweise innerhalb der Benennungsformel „das Licht nannte er …“.

יוֹם, yôm, bedeutet Tag. Bereits innerhalb dieses einzelnen Verses ist zu beachten, daß das Wort unterschiedliche Reichweiten besitzen kann. Zunächst bezeichnet „Tag“ den hellen, der Nacht gegenüberstehenden Bereich. Am Ende von Genesis 1,5 bezeichnet יוֹם dagegen die aus Abend und Morgen zusammengefaßte Zeiteinheit.

וְלַחֹשֶׁךְ, wəlaḥōšeḵ, verbindet וְ „und“ mit der Präposition לְ und dem bestimmten Substantiv הַחֹשֶׁךְ, „die Finsternis“.

קָרָא, qārāʾ, stammt wiederum von קרא, steht hier aber als Qal Perfekt, 3. Person maskulin Singular. Die zweite Benennungsformel variiert somit die Syntax der ersten: Zuerst „Gott nannte dem Licht Tag“, danach „und der Finsternis nannte er Nacht“.

לָיְלָה, lāylāh, bedeutet Nacht. Der Begriff bezeichnet den Zeitbereich der Finsternis, den Gott im nächsten Schritt innerhalb des Tageszyklus ordnet.

וַיְהִי, wayəhî, stammt von der Wurzel היה, „sein, werden, geschehen“, und ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular. Die Form erscheint zweimal parallel: „und es wurde Abend, und es wurde Morgen“.

עֶרֶב, ʿereḇ, bedeutet Abend. Der Begriff bezeichnet den Übergang vom hellen Tagesbereich in die Nacht beziehungsweise den Zeitraum des Tagesendes.

בֹּקֶר, bōqer, bedeutet Morgen. Er bezeichnet den Übergang von der Nacht zum hellen Tagesbereich beziehungsweise die morgendliche Zeit.

יוֹם אֶחָד, yôm ʾeḥāḏ, bedeutet wörtlich „ein Tag“, „ein einziger Tag“ beziehungsweise im Zusammenhang der Zählung „Tag eins“. אֶחָד ist die Kardinalzahl „eins“ und stimmt als maskuline Form mit dem maskulinen יוֹם überein.

Grammatik und Syntax

Der Vers gliedert sich in zwei größere Satzkomplexe. Der erste berichtet von der Benennung der in Genesis 1,4 voneinander geschiedenen Bereiche. Der zweite beschreibt Abend und Morgen und schließt den Schöpfungstag ab.

Die erste Hälfte besitzt eine auffällige syntaktische Variation. Zunächst heißt es:

וַיִּקְרָא אֱלֹהִים לָאוֹר יוֹם

„Und Gott nannte das Licht Tag.“

Danach folgt:

וְלַחֹשֶׁךְ קָרָא לָיְלָה

„Und die Finsternis nannte er Nacht.“

Im ersten Glied steht das Verb vor dem ausdrücklich genannten Subjekt Elohim; im zweiten wird die Finsternis vorangestellt, während das Subjekt nicht wiederholt wird. Diese Variation verhindert eine rein mechanische Wiederholung und hebt zugleich die symmetrische Zuordnung der beiden Bereiche hervor.

Die zweite Vershälfte ist deutlich parallel gebaut:

וַיְהִי־עֶרֶב – „und es wurde Abend“.

וַיְהִי־בֹקֶר – „und es wurde Morgen“.

Die identische Verbalform verknüpft beide Zeitübergänge zu einer formelhaften Einheit. Anschließend faßt יוֹם אֶחָד den abgeschlossenen Abschnitt zusammen.

Grammatisch bemerkenswert ist ferner die doppelte Verwendung von יוֹם. Zuerst ist „Tag“ der Name des Lichts beziehungsweise des hellen Zeitbereichs; am Versende bezeichnet „Tag“ die umfassendere Einheit, die Abend und Morgen einschließt. Der Vers selbst zeigt damit eine Polysemie des Wortes יוֹם.

וַיִּקְרָא – „Und Gott nannte“

Die Wurzel קרא kann „rufen“ und „nennen“ bedeuten. In Genesis 1 dient sie wiederholt dazu, geschaffenen beziehungsweise geordneten Bereichen Namen zuzuweisen. Gott nennt das Licht Tag, die Finsternis Nacht, später das Firmament Himmel und das Trockene Erde.

Benennung ist dabei mehr als eine beiläufige sprachliche Etikettierung. Innerhalb der Erzählung folgt sie auf die Herstellung beziehungsweise Unterscheidung von Bereichen und bestätigt deren bestimmten Platz in der Schöpfungsordnung.

Ramban interpretiert das göttliche Nennen in Genesis 1,5 ausdrücklich als Festlegung beziehungsweise Abgrenzung der jeweiligen Bereiche: Dem Tag wird sein Bereich, der Nacht ihr Bereich zugewiesen. Damit ist der Name mit Funktion und Grenze verbunden.

Benennung und Autorität

Wer in Genesis 1 benennt, bestimmt innerhalb der Erzählung die Ordnung. Gott ist nicht lediglich Beobachter bereits unabhängig bestehender kosmischer Kategorien. Er setzt die Beziehungen und Funktionen der geschaffenen Bereiche.

Die Benennung darf dennoch nicht auf eine magische Vorstellung reduziert werden, in der allein ein Laut die Natur des Gegenstandes erzeugt. Licht und Finsternis sind bereits vorhanden und voneinander geschieden. Die Namengebung ordnet sie sprachlich und funktional.

יוֹם – „Tag“

יוֹם gehört zu den Grundbegriffen der biblischen Zeit. Genesis 1,5 macht zugleich deutlich, daß das Wort nicht in jeder Verwendung exakt denselben Umfang bezeichnet.

Tag als heller Zeitbereich

In der ersten Vershälfte heißt das Licht „Tag“. Hier steht יוֹם dem Begriff לָיְלָה, „Nacht“, gegenüber. Tag bezeichnet den hellen Bereich.

Tag als umfassende Zeiteinheit

Am Versende heißt es dagegen יוֹם אֶחָד. Dieser „Tag“ umfaßt die zuvor genannte Folge von Abend und Morgen. Das Wort bezeichnet hier somit eine umfassendere Zeiteinheit.

Dieser Wechsel ist für spätere Debatten über die Länge der Schöpfungstage wichtig. Bereits im unmittelbaren Text besitzt „Tag“ mehr als eine kontextuelle Verwendung. Daraus folgt allerdings nicht automatisch, daß jede beliebige Länge mit dem Ausdruck gemeint sein könne. Die jeweilige Bedeutung muß aus dem literarischen Kontext bestimmt werden.

לָיְלָה – „Nacht“

Die in Genesis 1,2 zunächst als kosmische Finsternis beschriebene Größe erhält nun den Namen Nacht. Dadurch ändert sich ihre literarische Funktion.

Finsternis war zunächst Teil des noch nicht vollständig geordneten Anfangszustands. Nachdem Gott Licht und Finsternis in Genesis 1,4 voneinander geschieden hat, wird aus Finsternis ein bestimmter Zeitbereich.

Das ist für die Theologie des Verses wesentlich: Gott beseitigt Dunkelheit nicht, sondern integriert sie als Nacht in die Weltordnung.

Nacht ist nicht gleichbedeutend mit Bösem

Spätere biblische und christliche Symbolik kann die Nacht beziehungsweise Finsternis mit Gefahr, Unwissenheit oder moralischem Bösen verbinden. In Genesis 1,5 ist der primäre Sinn jedoch zeitlich und kosmologisch. Nacht gehört zum geregelten Rhythmus der Welt.

עֶרֶב – „Abend“

עֶרֶב bezeichnet den Abend, insbesondere den Übergang vom hellen Tag zur Nacht. Mit ihm setzt die Abschlußformel der einzelnen Schöpfungstage ein.

Ramban und Ibn Esra verbinden den Begriff in ihrer mittelalterlichen Wortdeutung mit einer Vorstellung des Vermischens beziehungsweise Undeutlichwerdens: Am Abend seien die Formen der Dinge schwerer voneinander zu unterscheiden. Diese Erklärung ist als traditionelle exegetische Wortdeutung wichtig, darf aber nicht ohne weiteres mit moderner historischer Etymologie gleichgesetzt werden.

Literarisch markiert der Abend das Ende der Lichtphase und den Übergang in die Nacht. Damit wird erstmals ein wiederkehrender Zyklus innerhalb der Schöpfung beschrieben.

בֹּקֶר – „Morgen“

בֹּקֶר bezeichnet den Morgen beziehungsweise den Beginn des hellen Tagesabschnitts.

Auch hier bieten Ibn Esra und Ramban eine traditionelle Wortdeutung: Der Morgen sei die Zeit, in der Dinge wieder klar unterscheidbar beziehungsweise prüfbar werden. Wie bei ihrer Erklärung von עֶרֶב handelt es sich um mittelalterliche Exegese, nicht notwendig um moderne sprachhistorische Ableitung.

In Genesis 1 fungiert der Morgen regelmäßig als zweiter Pol der Tagesabschlußformel. Abend führt in Dunkelheit, Morgen zurück ins Licht. Dadurch wird die in Vers 4 geschaffene Unterscheidung von Licht und Finsternis als wiederkehrende zeitliche Bewegung dargestellt.

יוֹם אֶחָד – „ein Tag“ / „Tag eins“

Die Wortgruppe יוֹם אֶחָד ist eine der bemerkenswertesten Formulierungen des Verses. אֶחָד bedeutet „eins“, „ein“ oder „einer“. Es handelt sich grammatisch um eine Kardinalzahl.

Die wörtliche Wiedergabe lautet deshalb „ein Tag“ beziehungsweise „Tag eins“. Die Übersetzung „der erste Tag“ gibt die Stellung dieses Tages innerhalb der folgenden Serie verständlich wieder, verwendet aber im Deutschen eine Ordinalzahl, die im hebräischen Text an dieser Stelle nicht steht.

Ab dem zweiten Schöpfungstag verwendet Genesis dann tatsächlich ordinale beziehungsweise ordnungsanzeigende Formen: „zweiter Tag“, „dritter Tag“, „vierter Tag“ und so weiter.

Warum nicht יוֹם רִאשׁוֹן?

Die zu erwartende hebräische Form für „erster Tag“ wäre יוֹם רִאשׁוֹן. Gerade das Fehlen dieser Form wurde zum Ausgangspunkt umfangreicher jüdischer und christlicher Auslegung.

Philologisch muß zunächst festgehalten werden: Der Text sagt יוֹם אֶחָד. Die Frage, welche zusätzliche theologische Bedeutung dieser Wortwahl zukommt, gehört zur Interpretation.

„Ein Tag“ oder „der erste Tag“?

Die traditionelle deutsche Bibelsprache übersetzt häufig „der erste Tag“. Das ist als funktionale Übersetzung nachvollziehbar, weil Genesis 1,5 offensichtlich den Abschluß des ersten Abschnitts einer fortlaufenden Tagesreihe markiert.

Für eine genaue Exegese sollte dennoch sichtbar bleiben, daß der hebräische Text „ein Tag“ beziehungsweise „Tag eins“ formuliert.

Raschi

Raschi fragt ausdrücklich, warum nicht „erster Tag“ gesagt wird, obwohl die folgenden Tage als zweiter, dritter und vierter bezeichnet werden. Seine Antwort folgt Bereschit Rabbah: Am ersten Tag sei der Heilige, gelobt sei er, allein in seiner Welt gewesen; die Engel seien nach dieser Tradition erst später geschaffen worden. אֶחָד wird dadurch mit der Einheit beziehungsweise Einzigkeit Gottes verbunden.

Ramban

Ramban bietet zunächst eine grammatisch-logische Erklärung. Von einem „ersten“ Tag könne im einfachen Sinn erst gesprochen werden, wenn ein zweiter existiert beziehungsweise vorausgesetzt wird. „Eins“ bezeichnet dagegen den Tag für sich, ohne bereits einen zweiten als bestehenden Vergleichspunkt vorauszusetzen.

Die beiden klassischen Deutungen zeigen unterschiedliche Ebenen. Raschi liest die ungewöhnliche Wortwahl theologisch-midraschisch; Ramban erklärt sie zunächst aus der Logik der Zählung.

Benennung als Schöpfungsordnung

Genesis 1,5 führt die in Genesis 1,4 vorgenommene Scheidung weiter. Zuerst wurden Licht und Finsternis voneinander unterschieden; nun erhalten beide ihre Namen.

Die Abfolge lautet daher:

Entstehung → Bewertung → Scheidung → Benennung.

Die Benennung fixiert die neue Ordnung sprachlich. Licht ist nicht mehr nur ein entstandenes Phänomen; innerhalb des gegliederten Zeitablaufs heißt sein Bereich Tag. Finsternis ist nicht mehr nur der Zustand aus Genesis 1,2; sie erhält ihren Bereich als Nacht.

In Bereschit Rabbah wird die Scheidung in diesem Zusammenhang mit der Zuweisung unterschiedlicher Herrschafts- beziehungsweise Wirkungsbereiche verglichen: dem einen der Tag, dem anderen die Nacht. Diese Auslegung macht die funktionale Dimension der Namen besonders deutlich.

Entstehung geordneter Zeit

Genesis 1,5 ist der erste Vers der Bibel, in dem ein vollständiger Rhythmus von Licht, Finsternis, Abend, Morgen und Tag sprachlich zusammengeführt wird. Damit wird Zeit nicht abstrakt definiert, sondern durch regelmäßige Unterschiede und Übergänge strukturiert.

Der Text beschreibt eine geordnete Folge:

Licht erhält den Bereich Tag.

Finsternis erhält den Bereich Nacht.

Der Übergang zum Dunkel wird als Abend beschrieben.

Der Übergang zum Licht wird als Morgen beschrieben.

Die gesamte Folge wird als יוֹם אֶחָד zusammengefaßt.

Die Zeit der Schöpfung erscheint somit als gegliederte, wiederholbare Ordnung. Mit dem ersten abgeschlossenen Tag entsteht zugleich das Schema, an dem die folgenden Schöpfungsabschnitte gemessen werden.

Abend und Morgen

Die Reihenfolge „Abend und Morgen“ ist zu einem der meistdiskutierten Details von Genesis 1 geworden. Sie wird an den folgenden Schöpfungstagen wiederholt und bildet einen formelhaften Abschluß.

Was die Formel sicher leistet

Literarisch grenzt sie einen Schöpfungsabschnitt vom nächsten ab. Der erste schöpferische Zyklus ist abgeschlossen; mit Genesis 1,6 beginnt der zweite.

Die Formel verbindet zudem Dunkel- und Hellphase zu einer Einheit. Damit entsteht ein Rhythmus, in dem beide zuvor getrennten Bereiche abwechselnd auftreten.

Beginnt der biblische Tag am Abend?

Die Reihenfolge Abend–Morgen hat in jüdischer Tradition erhebliches Gewicht für die Vorstellung eines von Abend zu Abend gerechneten Tages. Der Vers selbst ist jedoch zunächst Bestandteil der Schöpfungserzählung und keine unmittelbar formulierte gesetzliche Vorschrift.

Methodisch sollte daher zwischen der literarischen Aussage von Genesis 1,5 und späteren kalendarischen beziehungsweise halachischen Anwendungen unterschieden werden.

Warum Abend vor Morgen?

Innerhalb der Erzählung entsteht das Licht am ersten Tag aus einer zuvor von Finsternis geprägten Szene. Abend und Morgen können daher den vollständigen Übergang durch Dunkelheit zurück zum Licht markieren.

Basilius versteht Abend und Morgen als Grenzpunkte zwischen Tag und Nacht und deutet ihre Verbindung als Maß eines vollständigen Tageszyklus.

Verhältnis zu Genesis 1,4

Genesis 1,4 und Genesis 1,5 gehören unmittelbar zusammen. Vers 4 erzeugt die Unterscheidung von Licht und Finsternis; Vers 5 benennt die getrennten Bereiche.

Die Scheidung allein schafft noch keine vollständig ausformulierte Zeitordnung. Erst durch die Namen Tag und Nacht und die anschließende Abend-Morgen-Formel wird aus dem Gegensatz ein rhythmischer Zyklus.

Damit erreicht der erste Schöpfungsakt seinen Abschluß: Das Licht ist entstanden, als gut bewertet, von der Finsternis geschieden, als Tag bezeichnet und in einen vollständigen zeitlichen Ablauf eingeordnet.

Die Formel der Schöpfungstage

Mit Genesis 1,5 entsteht eine wiederkehrende literarische Formel, die die folgenden Schöpfungstage strukturiert:

„Und es wurde Abend, und es wurde Morgen …“

Danach folgt jeweils die Tageszählung.

Diese Wiederholung erfüllt mehrere Funktionen. Sie segmentiert den Text, erzeugt Rhythmus, markiert Fortschritt und führt auf den siebten Tag hin.

Die Tagesstruktur ist deshalb nicht nur chronologische Information, sondern Teil der literarischen Architektur des Kapitels. Die sechs Arbeitstage werden durch wiederholte Abschlußformeln gegliedert; Genesis 2,2 führt schließlich zum siebten Tag und zur Ruhe Gottes.

Damit besitzt die Schöpfungswoche eine erkennbare Beziehung zur späteren Sabbattheologie. Die Erzählung führt nicht zufällig auf den siebten Tag zu, sondern macht die Zeitstruktur selbst zu einem theologischen Element.

Literarische Funktion

Genesis 1,5 schließt den ersten großen Abschnitt der Schöpfungserzählung ab. Die literarische Bewegung der Verse 3–5 lautet:

Gott spricht.

Licht entsteht.

Gott bewertet das Licht.

Gott scheidet Licht und Finsternis.

Gott benennt beide Bereiche.

Abend und Morgen schließen den Tag.

Diese Folge zeigt, daß die Schöpfungserzählung nicht nur eine Liste neu entstehender Dinge ist. Sie erzählt, wie eine funktionale Ordnung aufgebaut wird.

Die Benennung und die Zeitformel geben dem ersten Schöpfungstag einen klaren Abschluß. Danach beginnt nicht einfach „mehr vom selben“, sondern ein neuer Ordnungsbereich: die Scheidung der Wasser in Genesis 1,6.

Subtext

Gott ordnet nicht nur Räume, sondern Zeit

Die ersten Verse könnten zunächst wie eine räumliche Kosmologie erscheinen: Erde, Tiefe, Wasser, Licht und Finsternis. Genesis 1,5 zeigt, daß auch Zeit zur geschaffenen Ordnung gehört.

Namen machen Unterschiede dauerhaft lesbar

Die Scheidung von Licht und Finsternis aus Vers 4 wird sprachlich stabilisiert. Die Namen Tag und Nacht machen die geschaffene Differenz innerhalb der Erzählung dauerhaft identifizierbar.

Finsternis wird integriert

Der Vers verwandelt die Finsternis nicht in Licht und beseitigt sie nicht. Sie wird als Nacht Teil der Welt. Ordnung bedeutet deshalb nicht, alle Gegensätze zu vernichten, sondern ihnen Bereiche und Funktionen zuzuweisen.

Zeit ist rhythmisch

Abend und Morgen erzeugen Wiederkehr. Die geschaffene Welt wird nicht als zeitlose statische Struktur dargestellt, sondern als rhythmische Wirklichkeit.

Einheit umfaßt Unterschied

יוֹם אֶחָד faßt Abend und Morgen, Dunkel- und Hellphase in „einen Tag“ zusammen. Der einzelne Tag ist damit keine unterschiedslose Einheit. Seine Einheit besteht gerade darin, verschiedene Phasen zu umfassen.

Der Mensch ist noch nicht Maß der Zeit

Menschen existieren zu diesem Zeitpunkt der Erzählung noch nicht. Tag, Nacht, Abend und Morgen werden nicht durch menschliche Wahrnehmung oder Konvention hervorgebracht. Die Zeitordnung geht dem Menschen voraus.

Auch die Gestirne sind noch nicht Zeitursprung

Sonne, Mond und Sterne erscheinen erst am vierten Tag. Die grundlegende Unterscheidung von Tag und Nacht besteht erzählerisch bereits vorher. Dadurch hängt die Zeitordnung in Genesis 1 letztlich von Gottes Schöpfungshandeln ab, nicht von einer Vergöttlichung der Gestirne.

Innerbiblische Bezüge

Genesis 1,8.13.19.23.31

Die Abend-Morgen-Formel wird bei den folgenden Schöpfungstagen wiederholt. Genesis 1,5 liefert somit das Muster für die zeitliche Gliederung des gesamten Abschnitts.

Genesis 1,14–18

Am vierten Tag werden die Himmelslichter geschaffen beziehungsweise in ihre Funktionen eingesetzt. Sie dienen für Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und regieren Tag und Nacht. Der bereits am ersten Tag begründete Zeitrhythmus erhält damit sichtbare kosmische Träger.

Genesis 2,2–3

Die Serie der Tage mündet in den siebten Tag. Gott beendet sein Werk, ruht und heiligt diesen Tag. Dadurch erhält die Tageszählung von Genesis 1 eine unmittelbare Verbindung zur späteren Sabbattheologie.

Exodus 20,8–11

Das Sabbatgebot verbindet die menschliche Siebentagewoche ausdrücklich mit Gottes sechs Schöpfungstagen und seinem Ruhen am siebten Tag. Die Kosmologie von Genesis wird damit zur Begründung einer sozialen und kultischen Zeitordnung.

Psalm 74,16

Der Psalm erklärt Tag und Nacht als Gott zugehörig und verbindet ihre Ordnung mit Gottes Schöpfungsmacht. Dies entspricht der Grundstruktur von Genesis 1,5: Beide Zeitbereiche unterstehen demselben Schöpfer.

Psalm 104,19–23

Psalm 104 beschreibt Sonne, Mond, Nacht und Tag funktional: unterschiedliche Lebewesen handeln zu unterschiedlichen Zeiten. Die Trennung von Tag und Nacht wird dort als Grundlage einer geordneten Lebenswelt poetisch entfaltet.

Historische Einordnung

Genesis 1,1 bis Genesis 2,4a wird in der historisch-kritischen Forschung gewöhnlich als priesterlich geprägte Schöpfungserzählung verstanden. Zu ihren charakteristischen Merkmalen gehören formelhafte Wiederholungen, systematische Scheidungen, Benennungen, Klassifikationen und eine ausgeprägte Zeitstruktur.

Genesis 1,5 ist für diese Einordnung besonders aufschlußreich. Mit dem ersten abgeschlossenen Tag beginnt jene geordnete Tagesfolge, die schließlich im siebten Tag gipfelt. Das Interesse an rhythmischer Zeit und Sabbat paßt zu den kultischen und kalendarischen Interessen priesterlicher Literatur.

Viele Modelle verorten die erhaltene Gestalt der priesterlichen Schöpfungserzählung im exilischen oder nachexilischen Umfeld, wobei Datierung, Umfang und Entstehung priesterlicher Texte weiterhin wissenschaftlich diskutiert werden.

Historisch ist außerdem zu beachten, daß Genesis 1 keine moderne astronomische Zeitmessung beschreibt. Die Himmelslichter, die später als Zeichen für Tage, Zeiten und Jahre dienen, erscheinen erst in Genesis 1,14–18. Der erste Tag wird daher literarisch innerhalb der eigenen Kosmologie des Textes strukturiert.

Altorientalischer Hintergrund

Antike Kosmologien beschäftigen sich nicht nur mit der Entstehung von Raum und Materie, sondern auch mit der Einrichtung geordneter Zeit. Himmelskörper, Jahreszeiten, Tag und Nacht konnten in verschiedenen Kulturen zugleich kosmologische und religiöse Bedeutung besitzen.

Genesis 1 integriert Tag und Nacht in eine strikt geschöpfliche Ordnung. Weder Tag noch Nacht sind Gottheiten. Auch Sonne und Mond werden später nicht als selbständige göttliche Mächte dargestellt, sondern als geschaffene Himmelslichter mit zugewiesenen Funktionen.

Diese Struktur unterscheidet sich von kosmologischen Modellen, in denen Himmelskörper selbst göttlichen Status besitzen. Die biblische Erzählung ordnet Zeit und Gestirne unter die Souveränität Elohims.

Die Benennung von Tag und Nacht verstärkt diese theologische Hierarchie: Nicht kosmische Mächte benennen sich selbst oder bestimmen ihre Bereiche. Gott weist ihnen ihre Stellung in der Welt zu.

Jüdische Rezeption

Raschi

Raschi konzentriert sich besonders auf die ungewöhnliche Formulierung יוֹם אֶחָד. Nach dem Muster der folgenden Verse wäre eigentlich „erster Tag“ zu erwarten.

Er greift eine Erklärung aus Bereschit Rabbah auf: Der Text sage „ein Tag“, weil Gott an diesem Tag der Eine beziehungsweise allein in seiner Welt gewesen sei. Die Engel seien nach dieser Tradition erst am zweiten Tag geschaffen worden.

Damit wird die Kardinalzahl אֶחָד theologisch auf die Einheit und Einzigkeit Gottes bezogen.

Ramban / Nachmanides

Ramban erklärt die Wortwahl zunächst anders. Im einfachen Sinn könne der Text noch nicht „der erste Tag“ sagen, weil der zweite Tag noch nicht entstanden sei. Eine Ordinalzahl setzt eine Reihenbeziehung voraus; אֶחָד benennt dagegen den einzelnen Tag ohne einen bereits bestehenden zweiten.

Ramban interpretiert außerdem Gottes Benennung von Licht als Tag und Finsternis als Nacht nicht bloß als Vergabe von Wörtern. Die Benennung bedeutet für ihn die Abgrenzung ihrer jeweiligen Bereiche.

Abend und Morgen bei Ramban

Ramban übernimmt eine traditionelle Wortdeutung, die auch mit Ibn Esra verbunden ist. עֶרֶב wird mit dem Undeutlichwerden beziehungsweise Vermischen sichtbarer Formen am Abend verbunden; בֹּקֶר mit der am Morgen wieder möglichen Unterscheidung.

Diese Erklärung ist als mittelalterliche Exegese bedeutsam, sollte jedoch nicht ohne weiteres als moderne wissenschaftliche Etymologie wiedergegeben werden.

Bereschit Rabbah

Bereschit Rabbah entwickelt mehrere symbolische Auslegungen. Die Benennung „Tag“ und „Nacht“ kann mit den Bereichen des Lichts und der Finsternis verbunden werden; in einer moralischen Relektüre werden Licht und Tag mit den Werken der Gerechten, Finsternis und Nacht mit den Werken der Gottlosen assoziiert.

Eine solche Deutung verschiebt die kosmologische Polarität in den ethischen Bereich. Sie ist eine bewusste midraschische Weiterdeutung und nicht mit dem unmittelbaren Literalsinn gleichzusetzen.

Spätere jüdische Zeitordnung

Die Abfolge „Abend und Morgen“ wurde in der jüdischen Tradition wichtig für die Vorstellung, daß der kultische Tag mit dem Abend beginnt. So setzt etwa der Sabbat bereits am Vorabend ein.

Genesis 1,5 bildet dafür einen grundlegenden kosmologischen Hintergrund. Dennoch ist zwischen dieser späteren rechtlichen und liturgischen Anwendung und der ursprünglichen Funktion des Verses innerhalb der Schöpfungserzählung zu unterscheiden.

Septuaginta und Vulgata

Septuaginta

Die Septuaginta übersetzt Genesis 1,5:

καὶ ἐκάλεσεν ὁ θεὸς τὸ φῶς ἡμέραν καὶ τὸ σκότος ἐκάλεσεν νύκτα. καὶ ἐγένετο ἑσπέρα καὶ ἐγένετο πρωί, ἡμέρα μία.

Die griechische Fassung bewahrt die Struktur des Hebräischen bemerkenswert eng. ἐκάλεσεν bedeutet „nannte“, ἡμέρα „Tag“, νύξ beziehungsweise hier den Akkusativ νύκτα „Nacht“, ἑσπέρα „Abend“ und πρωί „Morgen“.

Besonders wichtig ist die Schlußform ἡμέρα μία. Sie bedeutet wörtlich „ein Tag“ beziehungsweise „Tag eins“. Die Septuaginta ersetzt die hebräische Kardinalzahl also nicht durch eine griechische Ordinalzahl für „erster“.

Vulgata

Die Nova Vulgata lautet:

Appellavitque Deus lucem Diem et tenebras Noctem. Factumque est vespere et mane, dies unus.

Auch hier bleibt die Kardinalzahl erhalten: dies unus bedeutet „ein Tag“ beziehungsweise „ein einziger Tag“, nicht wörtlich „der erste Tag“.

Die antiken Übersetzungen bestätigen damit, daß die sprachliche Besonderheit von יוֹם אֶחָד keine moderne Beobachtung ist. Sie wurde bereits in den frühen Übersetzungstraditionen bewahrt.

Christliche Rezeption

Basilius von Caesarea

Basilius behandelt Genesis 1,5 ausführlich in seiner zweiten Hexaemeron-Homilie. Für ihn bilden Abend und Morgen die Grenzen zwischen Tag und Nacht. Die Kombination beider Phasen bestimmt die vollständige Zeiteinheit eines Tages.

Basilius fragt außerdem, warum die Schrift „ein Tag“ und nicht „der erste Tag“ sagt. Seine Interpretation verbindet die Formulierung mit der Bestimmung beziehungsweise dem Maß eines vollständigen Tages. In seiner antiken kosmologischen Vorstellung entspricht dies einem Tag-und-Nacht-Zyklus.

Diese Deutung ist historisch bedeutsam, sollte aber nicht als naturwissenschaftliche Definition des modernen Tagesbegriffs in den hebräischen Text zurückprojiziert werden.

Augustinus

Augustinus problematisiert besonders die ersten drei Schöpfungstage, weil Sonne und andere Himmelslichter erst am vierten Tag erscheinen. Er erkennt daher ausdrücklich, daß Abend und Morgen der ersten Tage nicht ohne weiteres mit dem gewöhnlichen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang erklärt werden können.

In De civitate Dei läßt er verschiedene Möglichkeiten offen und entwickelt zugleich eine geistliche Deutung. „Abend“ kann die Erkenntnis des Geschaffenen in sich selbst symbolisieren, „Morgen“ die Rückwendung der geschaffenen Erkenntnis auf Gott.

In De Genesi ad litteram wird diese Deutung besonders mit der Erkenntnis der Engel verbunden: „Abendwissen“ bezeichnet die Erkenntnis der geschaffenen Dinge in ihrer eigenen Natur, „Morgenwissen“ deren Erkenntnis im göttlichen Wort.

Diese Interpretation geht deutlich über den historischen Wortsinn hinaus, zeigt aber, wie die scheinbar schlichte Zeitformel zu einem Modell christlicher Erkenntnistheologie werden konnte.

Hippolyt

Auch Hippolyt reflektiert die Formulierung „ein Tag“ statt „erster Tag“. Er versteht den einzelnen Tag als sich wiederholende Einheit, die in der Wochenordnung wiederkehrt. Damit wird die Schöpfungszeit früh mit der zyklischen Struktur der Woche verbunden.

Schöpfungswoche und Sonntag

In der späteren christlichen Rezeption erhält der erste Tag zusätzliche Bedeutung durch die Auferstehung Christi am ersten Wochentag. Patristische und liturgische Traditionen können deshalb den ersten Schöpfungstag, den Sonntag und den sogenannten „achten Tag“ typologisch aufeinander beziehen.

Diese christologische und liturgische Relektüre gehört zur Wirkungsgeschichte des Textes, nicht zu seiner unmittelbaren hebräischen Aussage.

Theologische Interpretation

Gott ist Herr der Zeit

Genesis 1,5 zeigt Gott nicht nur als Schöpfer räumlicher Wirklichkeit, sondern als Ursprung und Ordner der Zeit. Tag und Nacht entstehen innerhalb seiner Schöpfungsordnung.

Damit gehört Zeit selbst zur geschaffenen Welt und steht nicht als eine von Gott unabhängige Macht über dem Schöpfer.

Benennung vollendet Unterscheidung

Die in Vers 4 geschiedenen Bereiche erhalten in Vers 5 Namen. Unterscheidung wird dadurch zu stabiler Ordnung.

Tag und Nacht sind nicht bloß physikalische Zustände, sondern funktional bestimmte Bereiche des geschaffenen Kosmos.

Finsternis wird nicht vernichtet

Die Benennung der Finsternis als Nacht ist theologisch bemerkenswert. Das Dunkle wird nicht einfach aus der guten Schöpfung ausgeschlossen. Es erhält einen begrenzten und bestimmten Ort.

Das verhindert eine vorschnelle Gleichsetzung von kosmischer Dunkelheit mit ontologischem oder moralischem Bösen.

Gegensätze können eine Einheit bilden

Abend und Morgen gehören gemeinsam zu יוֹם אֶחָד. Der eine Tag umfaßt unterschiedliche Phasen.

Die Einheit der Schöpfung besteht deshalb nicht in Homogenität. Sie kann Unterschied, Wechsel und Rhythmus umfassen.

Schöpfung ist Rhythmus

Mit Abend und Morgen beginnt ein wiederkehrender Rhythmus. Die Welt besitzt damit nicht nur räumliche Grenzen, sondern zeitliche Struktur.

Diese rhythmische Dimension wird später für Arbeit, Ruhe, Festzeiten und Sabbat grundlegend.

Zeit erhält theologische Bedeutung

Die Schöpfungserzählung führt auf den siebten Tag hin. Zeit wird dadurch nicht als leere Abfolge identischer Momente behandelt. Unterschiedliche Zeiten können unterschiedliche Funktionen und Bedeutungen besitzen.

Mit Genesis 1 beginnt damit eine Entwicklung, die in der Hebräischen Bibel zu geheiligten Tagen, Sabbaten, Festzeiten und Kalenderordnungen führt.

Tag und Nacht haben denselben Schöpfer

Der Vers widerspricht jeder Vorstellung, Tag und Nacht seien Herrschaftsbereiche konkurrierender göttlicher Mächte. Elohim benennt beide.

Diese theologische Einheit ist später etwa in Jesaja 45 besonders deutlich formuliert: Derselbe Gott steht über Licht und Dunkelheit.

„Ein Tag“ und Einheit

Die rabbinische Verbindung von אֶחָד mit der Einheit Gottes ist nicht die einzige grammatische Erklärung des Ausdrucks, besitzt aber eine starke theologische Logik: Die verschiedenen Bereiche von Licht und Dunkelheit gehören letztlich zur Welt des einen Schöpfers.

Grenzen der Aussage

Genesis 1,5 sagt wörtlich nicht „der erste Tag“, sondern יוֹם אֶחָד, „ein Tag“ beziehungsweise „Tag eins“. Die traditionelle Übersetzung „der erste Tag“ ist kontextuell verständlich, sollte aber in einer philologischen Analyse nicht mit der hebräischen Form gleichgesetzt werden.

Der Vers definiert auch nicht ausdrücklich eine moderne astronomische Dauer von exakt 24 Stunden. Basilius und andere antike Ausleger verstehen die Tagesformel in diesem Sinn; das ist Teil der Rezeptionsgeschichte. Der hebräische Text beschreibt zunächst einen vollständigen Abend-Morgen-Zyklus.

Umgekehrt sagt der Vers auch nicht ausdrücklich, daß „Tag“ beliebig lange geologische oder kosmologische Epochen bezeichne. Solche modernen Harmonisierungen gehen über die unmittelbare Aussage des Textes hinaus.

Die Reihenfolge „Abend und Morgen“ ist keine ausdrücklich formulierte halachische Vorschrift über den Beginn jedes späteren Kalendertages. Ihre Bedeutung für jüdische Zeitrechnung gehört zur späteren Auslegung und Rechtsentwicklung.

Die Namen Tag und Nacht bedeuten nicht, daß das hebräische Wort יוֹם an jeder Bibelstelle ausschließlich den hellen Abschnitt bezeichne. Bereits Genesis 1,5 selbst verwendet das Wort in unterschiedlichen Reichweiten.

Schließlich setzt der Vers keine moderne Theorie über Erdrotation, Sonnenaufgang oder astronomische Zeitzonen voraus. Sonne und Mond erscheinen innerhalb der literarischen Abfolge erst am vierten Tag.

Gesamtinterpretation

Genesis 1,5 vollendet den ersten Schöpfungstag, indem die in Genesis 1,4 geschiedenen Bereiche Licht und Finsternis ausdrücklich benannt werden. Das Licht erhält den Namen Tag, die Finsternis den Namen Nacht.

Diese Benennung ist Teil der Schöpfungsordnung. Gott schafft nicht nur Dinge, sondern bestimmt Beziehungen, Grenzen und Funktionen. Finsternis wird dabei nicht vernichtet oder ausdrücklich als böse verworfen. Sie erhält als Nacht einen geregelten Platz innerhalb der Welt.

Mit וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר beginnt die charakteristische Tagesformel von Genesis 1. Abend und Morgen markieren einen abgeschlossenen zeitlichen Zyklus und gliedern die folgenden Schöpfungsakte.

Philologisch besonders wichtig ist יוֹם אֶחָד. Der Text sagt wörtlich „ein Tag“ beziehungsweise „Tag eins“, nicht „der erste Tag“. Septuaginta und Vulgata bewahren diese Kardinalzahl ebenfalls. Die traditionelle Wiedergabe „der erste Tag“ erklärt die Funktion innerhalb der Serie, verdeckt aber die sprachliche Besonderheit des Originals.

Die jüdische Auslegung reagiert auf diese Besonderheit unterschiedlich. Raschi verbindet „eins“ mit der Einzigkeit Gottes am ersten Tag; Ramban erklärt, daß von einem „ersten“ Tag im einfachen Sinn erst gesprochen werden könne, wenn ein zweiter vorhanden sei. Zugleich interpretiert Ramban die Benennung von Tag und Nacht als Zuweisung ihrer jeweiligen Bereiche.

In der christlichen Rezeption werden besonders Abend und Morgen theologisch entfaltet. Basilius versteht sie als Grenzen eines vollständigen Tageszyklus. Augustinus weist darauf hin, daß die ersten Schöpfungstage vor der Sonne nicht ohne weiteres wie gewöhnliche Sonnentage erklärt werden können, und entwickelt zusätzlich eine geistliche Deutung von Abend- und Morgenerkenntnis.

Historisch und literarisch bildet Genesis 1,5 den ersten Abschlußpunkt der priesterlich geprägten Schöpfungskomposition. Die Welt besitzt nun nicht nur Licht und Finsternis, sondern erstmals eine benannte und rhythmisch gegliederte Zeitordnung.

Der theologische Kern lautet daher: Der eine Schöpfer ordnet sowohl Licht als auch Dunkelheit und macht aus ihrem Wechsel einen geregelten Zeitrhythmus. Mit „Abend und Morgen – ein Tag“ beginnt die Schöpfung nicht nur im Raum, sondern auch in geordneter Zeit zu leben.