Genesis 1,13 – Abend und Morgen: der dritte Tag

Bibel: Genesis / 1. Mose
Kapitel: 1
Vers: 13

13 Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

Hebräischer Text:

וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר יוֹם שְׁלִישִׁי׃

Transliteration:

wayəhî-ʿereḇ wayəhî-ḇōqer yôm šəlîšî

Wortnahe Übersetzung: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein dritter Tag.“

Einleitung

Genesis 1,13 ist sprachlich einer der kürzesten Verse des Schöpfungsberichts, erfüllt aber eine zentrale literarische und theologische Funktion. Mit der Formel וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר יוֹם שְׁלִישִׁי wird der dritte Schöpfungstag abgeschlossen und als abgegrenzte Zeiteinheit in die fortlaufende Ordnung der Schöpfungswoche eingeordnet.

Der Vers steht am Ende eines außergewöhnlich umfangreichen Tages. In Genesis 1,9 bis Genesis 1,10 wurden die unteren Wasser gesammelt, das Trockene sichtbar und als Erde benannt; die Wasseransammlungen erhielten den Namen Meere. In Genesis 1,11 bis Genesis 1,12 wurde die Erde fruchtbar und brachte Vegetation, samenbildende Pflanzen und fruchttragende Bäume hervor.

Der dritte Tag enthält damit zwei größere Schöpfungswerke: die Herstellung einer geordneten Land-Meer-Struktur und die Ausstattung des Landes mit Pflanzenleben. Beide Werke werden jeweils als gut bewertet. Erst danach setzt Genesis 1,13 den formelhaften zeitlichen Schlusspunkt.

Die Formel entspricht nahezu wörtlich den Abschlüssen der vorausgehenden Tage. Gerade diese Wiederholung ist für Genesis 1 charakteristisch. Die Erzählung wird durch wiederkehrende sprachliche Bausteine rhythmisiert: göttliche Rede, Erfüllung, teilweise Benennung, göttliche Bewertung und schließlich Abend und Morgen mit der Nummerierung des Tages.

Die Kürze des Verses sollte deshalb nicht mit Bedeutungslosigkeit verwechselt werden. Genesis 1,13 verwandelt die vorausgehenden Schöpfungshandlungen in einen abgeschlossenen Abschnitt und macht zugleich deutlich, dass die Schöpfung nicht chaotisch, sondern in geordneter Zeit voranschreitet.

Wortanalyse

וַיְהִי, wayəhî, stammt von der Wurzel היה, „sein, werden, geschehen“. Die Form ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular. Je nach Kontext kann sie mit „und es war“, „und es wurde“ oder „und es geschah“ wiedergegeben werden.

עֶרֶב, ʿereḇ, bedeutet Abend, Abendzeit beziehungsweise den Übergang vom Tag zur Nacht.

Das zweite וַיְהִי wiederholt exakt dieselbe Verbform. Diese Wiederholung erzeugt eine parallele Syntax: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen.“

בֹּקֶר, bōqer, bedeutet Morgen, Morgenzeit beziehungsweise den Übergang von der Nacht zum hellen Tagesabschnitt.

יוֹם, yôm, bedeutet Tag. Das Wort kann im biblischen Hebräisch je nach Kontext den hellen Tagesabschnitt, einen vollständigen Tag-Nacht-Zyklus oder allgemeiner eine Zeitspanne bezeichnen. In der Schlussformel von Genesis 1 bezeichnet es die nummerierte Einheit der Schöpfungsfolge.

שְׁלִישִׁי, šəlîšî, ist die maskuline Singularform der Ordinalzahl „dritter“. Die maskuline Form stimmt mit dem grammatisch maskulinen יוֹם überein.

Die Verbindung יוֹם שְׁלִישִׁי bedeutet wörtlich „ein dritter Tag“ beziehungsweise idiomatisch „der dritte Tag“. Anders als bei einer bestimmten Nominalgruppe steht vor שְׁלִישִׁי kein Artikel.

Grammatik und Syntax

Der hebräische Vers besitzt eine ausgesprochen symmetrische Struktur:

וַיְהִי־עֶרֶב – „Und es wurde Abend“.

וַיְהִי־בֹקֶר – „Und es wurde Morgen“.

יוֹם שְׁלִישִׁי – „ein dritter Tag“.

Die ersten beiden Glieder sind syntaktisch parallel. Dasselbe Verb וַיְהִי wird jeweils mit einem Zeitbegriff verbunden. Dadurch entsteht ein rhythmischer Doppelschritt: Abend – Morgen.

Der abschließende Ausdruck יוֹם שְׁלִישִׁי besitzt kein finites Verb. Er funktioniert als zusammenfassende Zeitbestimmung beziehungsweise abschließende Benennung der so markierten Einheit.

Die ältere deutsche Form „Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag“ gibt den Sinn traditionell wieder, stellt die hebräische Syntax jedoch freier dar. Wortnäher ist: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein dritter Tag.“

Die moderne Form „wurde“ entspricht dem heutigen allgemeinen Sprachgebrauch besser als das altertümliche „ward“. Da der zugrunde gelegte historische Verswortlaut jedoch ausdrücklich „ward“ enthält und keine orthographisch veraltete Schreibung wie „daß“ vorliegt, kann diese traditionelle Wortform im Zitat erhalten bleiben. In der Analyse wird modernes Deutsch verwendet.

וַיְהִי – „und es wurde“

וַיְהִי gehört zu den häufigsten Erzählformen der Hebräischen Bibel. Die Form setzt einen Vorgang beziehungsweise einen neuen Zustand in die fortschreitende Erzählung.

Im Zusammenhang von Abend und Morgen ist „es wurde“ besonders passend. Der Text beschreibt einen zeitlichen Übergang, nicht lediglich einen statischen Zustand.

Der dritte Schöpfungstag wird dadurch als Bewegung der Zeit dargestellt. Die vorausgehenden Werke – Land, Meere und Vegetation – stehen nicht in einer zeitlosen Szene, sondern werden in eine fortschreitende Folge eingeordnet.

Die doppelte Verbform

Die Wiederholung von וַיְהִי vor Abend und Morgen verleiht beiden Zeitpunkten gleiches syntaktisches Gewicht.

Der Text sagt nicht lediglich „Abend und Morgen waren der dritte Tag“, sondern erzählt zwei aufeinanderfolgende Übergänge.

עֶרֶב – „Abend“

עֶרֶב bezeichnet den Abend beziehungsweise die Phase des Übergangs vom hellen Tagesabschnitt zur Nacht.

In der Schöpfungsformel markiert der Abend einen Grenzpunkt. Das vorangegangene Werk des Tages kommt zu seinem Ende.

Basilius von Caesarea beschreibt den Abend entsprechend als gemeinsame Grenze von Tag und Nacht. Seine Auslegung macht sichtbar, dass „Abend“ im antiken Verständnis nicht nur eine Uhrzeit, sondern ein Übergangsbereich innerhalb des Tageszyklus ist.

Abend als Abschluss

Literarisch wirkt der Abend retrospektiv: Er beendet die vorausgehende Schöpfungstätigkeit.

Nach der doppelten Gutheißung des dritten Tages signalisiert עֶרֶב, dass dieser Arbeitsabschnitt abgeschlossen ist.

בֹּקֶר – „Morgen“

בֹּקֶר bezeichnet den Morgen beziehungsweise den Übergang der Nacht zum hellen Tagesabschnitt.

Der Morgen besitzt innerhalb der Schöpfungsformel eine doppelte Funktion. Er vollendet einerseits den beschriebenen Zyklus von Abend und Nacht; andererseits bildet er zugleich den Übergang zum nächsten Schöpfungsabschnitt.

Nach dem Morgen des dritten Tages beginnt in Genesis 1,14 die Arbeit des vierten Tages.

Morgen als neuer Anfang

Während der Abend das Ende des vollbrachten Werkes markiert, öffnet der Morgen den Text auf das nächste Werk hin.

Die Formel verbindet deshalb Abschluss und Fortsetzung.

יוֹם – „Tag“

Das hebräische יוֹם besitzt mehrere Bedeutungsbereiche. Bereits in Genesis 1,5 nennt Gott das Licht „Tag“. Dort bezeichnet יוֹם zunächst den hellen Gegenbereich zur Nacht.

In der Formel „Abend und Morgen – dritter Tag“ bezeichnet dasselbe Wort dagegen die nummerierte Einheit der Schöpfungsfolge.

Der Kontext zeigt somit, dass יוֹם nicht an jeder Stelle exakt denselben zeitlichen Umfang bezeichnen muss.

Tag als Gliederung der Schöpfung

Die Schöpfungstage sind zugleich narrative Einheiten. Jeder Tag fasst bestimmte Werke zusammen und trennt sie von den folgenden.

יוֹם ist deshalb in Genesis 1 sowohl ein Zeitwort als auch ein Gliederungsbegriff.

שְׁלִישִׁי – „dritter“

שְׁלִישִׁי ist die reguläre hebräische Ordinalzahl „dritter“.

Die Form setzt voraus, dass die Schöpfung nun als fortlaufende Reihe verstanden wird. Der dritte Tag steht in einem geordneten Verhältnis zum ersten und zweiten.

Ordinalzahl und Sequenz

Eine Ordinalzahl bezeichnet nicht lediglich eine Menge. „Dritter“ bedeutet eine bestimmte Position in einer Folge.

Damit gewinnt die Schöpfungswoche immer deutlicher eine gerichtete zeitliche Struktur.

Keine bestimmte Artikelform

Der masoretische Text liest יוֹם שְׁלִישִׁי, ohne bestimmten Artikel. Wortnah lässt sich dies als „ein dritter Tag“ wiedergeben.

Im idiomatischen Deutschen ist „der dritte Tag“ dennoch natürlich, weil die fortlaufende Sequenz bereits eindeutig etabliert ist.

Die Formel „Abend und Morgen“

Genesis 1,13 wiederholt eine Formel, die bereits den ersten und zweiten Schöpfungstag abgeschlossen hat und auch die folgenden Arbeitstage abschließen wird.

Diese Wiederholung erzeugt einen liturgisch wirkenden Rhythmus.

Die Tagesformel trennt die einzelnen Werke, verbindet sie aber zugleich zu einer größeren Einheit. Jeder Tag besitzt seinen eigenen Abschluss; alle Tage gehören jedoch zur einen geordneten Schöpfungsfolge.

Formelhaftigkeit als Bedeutungsträger

Formelhafte Sprache ist nicht bloß stilistische Wiederholung. Sie spiegelt den Inhalt der Erzählung: Eine geordnete Welt wird in geordneter Sprache erzählt.

Die sprachliche Struktur und die kosmische Struktur entsprechen einander.

Warum steht der Abend vor dem Morgen?

Die Reihenfolge Abend – Morgen hat eine umfangreiche Wirkungsgeschichte entwickelt.

Sie sollte zunächst als literarische Formel des Textes verstanden werden. Der Tag der Schöpfungsarbeit bewegt sich zum Abend, darauf folgt die Nacht, und der Morgen markiert das Ende dieses vollständigen Zyklus beziehungsweise den Übergang zum nächsten Tag.

Jüdische Tagesrechnung

Die Formel wurde später häufig mit der jüdischen Praxis verbunden, den Kalendertag am Abend beginnen zu lassen. Die biblischen Festkalender kennen ausdrücklich Zeiträume „vom Abend bis zum Abend“.

Man sollte jedoch unterscheiden zwischen der literarischen Formel von Genesis 1 und der später ausgebildeten halachischen Bestimmung des Tagesbeginns. Genesis 1,13 allein formuliert noch keine vollständige Kalendergesetzgebung.

Basilius

Basilius versteht Abend und Morgen als Grenzen von Tag und Nacht und den gesamten Zyklus als eine Einheit, die unter dem Namen „Tag“ zusammengefasst wird.

Seine Auslegung zeigt, wie früh die Reihenfolge bereits als Problem der Zeitdefinition reflektiert wurde.

Drei Tage vor Sonne und Mond

Genesis 1,13 beendet bereits den dritten Tag. Erst unmittelbar danach, in Genesis 1,14 bis Genesis 1,18, werden die Himmelslichter eingesetzt, die Tage, Jahre und Festzeiten markieren sollen.

Damit besitzt die Erzählung drei vollständige Abend-Morgen-Zyklen, bevor Sonne und Mond ihre kosmischen Funktionen erhalten.

Literarische Konsequenz

Innerhalb der Erzählwelt hängt die Existenz geordneter Zeit also nicht ursprünglich von Sonne und Mond ab.

Das Licht existiert bereits seit Genesis 1,3. Die Gestirne werden erst später zu Lichtern und Zeitzeichen eingesetzt.

Augustinus

Augustinus erkennt dieses Problem ausdrücklich. Er fragt, wie die ersten drei Tage Abend und Morgen besitzen können, obwohl die Sonne erst am vierten Tag geschaffen beziehungsweise eingesetzt wird.

Er erwägt unterschiedliche Möglichkeiten und erklärt schließlich, die genaue physische Beschaffenheit dieser frühen Tage entziehe sich menschlicher Wahrnehmung.

Daneben entwickelt er eine allegorische Deutung, in der Abend und Morgen unterschiedliche Weisen geschöpflicher Erkenntnis bezeichnen.

Keine moderne astronomische Lösung

Der Text liefert keine moderne astrophysikalische Erklärung für die ersten drei Tageszyklen. Versuche, eine nicht genannte Lichtquelle, Rotationsmechanik oder andere physikalische Modelle aus dem Vers zu rekonstruieren, gehen über seine ausdrückliche Aussage hinaus.

Von „einem Tag“ zum dritten Tag

Die Nummerierung der ersten drei Tage ist sprachlich nicht völlig gleichförmig.

Genesis 1,5 endet mit יוֹם אֶחָד, wörtlich „ein Tag“ beziehungsweise „Tag eins“.

Genesis 1,8 verwendet יוֹם שֵׁנִי, „zweiter Tag“.

Genesis 1,13 verwendet entsprechend יוֹם שְׁלִישִׁי, „dritter Tag“.

Ab dem zweiten Tag wird also das reguläre System der Ordinalzahlen verwendet.

Wachsende zeitliche Relation

Diese Struktur ist semantisch nachvollziehbar. Erst nachdem mehr als eine Einheit existiert, können die Tage relational als zweiter, dritter und später vierter bezeichnet werden.

Die Schöpfung gewinnt so Schritt für Schritt eine zählbare Geschichte.

Verhältnis zu Genesis 1,9–12

Genesis 1,13 kann nicht sinnvoll isoliert von den vorausgehenden vier Versen interpretiert werden. Er schließt deren gesamtes Werk ab.

Genesis 1,9 ordnet die unteren Wasser und lässt das Trockene sichtbar werden.

Genesis 1,10 benennt Erde und Meere und bewertet diese Ordnung als gut.

Genesis 1,11 befiehlt der Erde, Vegetation hervorzubringen.

Genesis 1,12 berichtet die Erfüllung und bewertet auch die Vegetation als gut.

Erst Genesis 1,13 erklärt den gesamten Doppelvorgang für zeitlich abgeschlossen.

Das Doppelwerk des dritten Tages

Der dritte Tag unterscheidet sich vom zweiten dadurch, dass er zwei deutlich getrennte Schöpfungshandlungen enthält.

Erstes Werk: Land und Meer

Das Wasser erhält Grenzen, das trockene Land wird sichtbar und beide Bereiche erhalten ihre Namen.

Zweites Werk: Vegetation

Die Erde wird produktiv und bringt Pflanzen, Samen und Fruchtbäume hervor.

Die Verbindung beider Werke ist funktional. Erst nachdem trockener Boden vorhanden ist, kann terrestrische Vegetation erscheinen.

Raum und Füllung

Der Tag verbindet daher die Herstellung eines Lebensraums mit seiner ersten biologischen Ausstattung.

Diese Struktur trägt zur größeren literarischen Architektur von Genesis 1 bei, in der geschaffene Bereiche später mit den zu ihnen gehörenden Geschöpfen und Funktionen versehen werden.

Die doppelte Gutheißung des dritten Tages

Der dritte Tag besitzt im masoretischen Text zwei Aussagen כִּי־טוֹב, „dass es gut war“.

Die erste steht nach der Ordnung von Land und Meer in Genesis 1,10.

Die zweite steht nach der Hervorbringung der Vegetation in Genesis 1,12.

Rabbinische Erklärung

Die klassische jüdische Auslegung verbindet die erste Gutheißung des dritten Tages mit dem Werk des zweiten Tages. Dort war die Wasserordnung noch nicht vollständig abgeschlossen, weshalb im masoretischen Text am Ende des zweiten Tages kein כִּי־טוֹב erscheint.

Am dritten Tag wird diese Arbeit durch die Sammlung der unteren Wasser vollendet; daher erhält sie nun ihre Gutheißung. Die zweite Bewertung gilt dem neuen Werk des dritten Tages, der Vegetation.

Literarische Funktion

Auch unabhängig von dieser traditionellen Erklärung unterstreicht die doppelte Gutheißung den besonderen Aufbau des Tages: zwei Werke, zwei positive Bewertungen und anschließend ein gemeinsamer Tagesabschluss.

Übergang zu Genesis 1,14

Unmittelbar nach „dritter Tag“ beginnt Genesis 1,14 mit einem neuen וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים, „Und Gott sprach“.

Der vierte Tag richtet den Blick wieder nach oben, zum Himmel. Sonne, Mond und Sterne werden als Lichter im Raqia eingesetzt und erhalten Funktionen für Licht, Herrschaft über Tag und Nacht sowie für Zeiten, Tage und Jahre.

Genesis 1,13 steht damit an einer bedeutenden Grenze innerhalb des Kapitels. Die ersten drei Tage haben die grundlegenden Bereiche und erste Lebensformen geordnet; mit dem vierten Tag beginnt eine neue Phase der funktionalen Ausstattung.

Zeit als Schöpfungsordnung

Genesis 1 erzählt nicht nur die Ordnung des Raumes, sondern auch die Ordnung der Zeit.

Bereits der erste Tag führte Tag und Nacht ein. Die wiederkehrende Abend-Morgen-Formel unterteilt nun die Schöpfung in nummerierte Abschnitte.

Der Kosmos besitzt damit Rhythmus.

Zeit ist nicht göttlich

Wie Himmel, Erde, Meer und Vegetation erscheint auch die zeitliche Ordnung innerhalb der geschaffenen Welt.

Der Text kennt keine vergöttlichte Zeitmacht, die über Elohim steht.

Zeit und Arbeit

Die Tagesstruktur ordnet Gottes Schöpfungswerk. Sechs Arbeitstage führen auf den siebten Tag der Ruhe hin.

Damit erhält die kosmische Zeitordnung später unmittelbare Bedeutung für die Sabbattheologie.

Gerichtete Zeit

Die Tage wiederholen nicht bloß zyklisch dieselbe Situation. Jeder neue Tag führt die Schöpfung weiter.

Genesis verbindet dadurch zyklische Zeit – Abend und Morgen – mit linearer Zeit – erster, zweiter, dritter Tag und schließlich Vollendung.

Literarische Funktion

Die Hauptfunktion von Genesis 1,13 besteht in der Abgrenzung und Rhythmisierung.

Die Formel beendet eine komplexe Werkfolge und verhindert, dass Genesis 1 als ungegliederte Liste von Schöpfungsakten erscheint.

Refrainstruktur

Die Abend-Morgen-Formel wirkt wie ein Refrain. Durch ihre Wiederkehr entsteht ein wiedererkennbares Muster.

Der Hörer kann vorausgreifend erwarten, dass auch der folgende Schöpfungstag einen ähnlichen Abschluss erhalten wird.

Ordnung in Inhalt und Form

Die Erzählform bildet den Inhalt ab. Eine geordnete Schöpfung wird durch geordnete, wiederkehrende Sprache dargestellt.

Genesis 1,13 ist deshalb nicht nur chronologische Information, sondern Teil der ästhetischen Konstruktion des Textes.

Spannung zwischen Wiederholung und Fortschritt

Die Formel ist dieselbe, aber die Nummer des Tages verändert sich. Genau darin besteht die literarische Spannung: Der Rhythmus bleibt stabil, während die Schöpfung fortschreitet.

Subtext

Das Werk besitzt Grenzen

Auch ein produktiver und fruchtbarer Schöpfungstag endet. Die Schöpfung ist nicht ungehemmte Aktivität, sondern gegliederte Arbeit.

Zeit selbst ist geordnet

Nicht nur Wasser, Land und Pflanzen erhalten Ordnung. Auch die zeitliche Folge erhält eine erkennbare Struktur.

Fruchtbarkeit führt nicht in Unbegrenztheit

Der dritte Tag endet, obwohl die Erde nun selbst reproduktionsfähiges Leben hervorbringt. Geschöpfliche Fruchtbarkeit bleibt in zeitliche Ordnung eingebettet.

Wiederholung erzeugt Verlässlichkeit

Abend und Morgen kehren regelmäßig wieder. Die geschaffene Welt erscheint dadurch als verlässlich und rhythmisch.

Der Kosmos entwickelt eine Geschichte

„Dritter Tag“ bedeutet, dass die Welt bereits eine Vergangenheit besitzt. Die Schöpfung ist keine einzige ununterschiedene Gegenwart.

Das Gute wird abgeschlossen

Der Tag endet erst nach zwei göttlichen Gutheißungen. Die zeitliche Grenze schließt somit eine positiv bewertete Werkfolge ab.

Der Morgen öffnet Zukunft

Der Abschluss ist zugleich Übergang. Der Morgen des dritten Tages führt in den nächsten Schöpfungsabschnitt.

Die Zeit führt auf Ruhe hin

Die nummerierten Tage sind nicht Selbstzweck. Die gesamte Folge läuft auf den siebten Tag zu, an dem Gottes Werk vollendet ist und Gott ruht.

Innerbiblische Bezüge

Genesis 1,5

Der erste Tagesabschluss begründet die Formel „Abend und Morgen“. Genesis 1,13 greift sie nahezu unverändert auf.

Genesis 1,8

Der zweite Tag wird ebenfalls mit Abend, Morgen und einer Ordinalzahl abgeschlossen. Genesis 1,13 setzt diese Zählung fort.

Genesis 1,19.23.31

Die folgenden Arbeitstage enden mit derselben Grundformel. Dadurch wird Genesis 1,13 Teil einer größeren Refrainstruktur des Kapitels.

Genesis 2,1–3

Der siebte Tag unterscheidet sich auffällig. Dort fehlt die Abend-Morgen-Formel. Stattdessen stehen Vollendung, Ruhe, Segen und Heiligung im Mittelpunkt.

Die christliche Auslegung, besonders Augustinus, hat aus dem fehlenden Abend des siebten Tages eine symbolische Verbindung zur ewigen Ruhe entwickelt.

Exodus 20,8–11

Das Sabbatgebot begründet die menschliche Arbeitswoche mit Gottes sechstägigem Schöpfungswerk und seiner Ruhe am siebten Tag.

Die Zeitstruktur von Genesis 1 wird dadurch zu einem Modell religiöser Zeitordnung.

Exodus 19,16

Der „dritte Tag“ erhält an anderer Stelle besondere Bedeutung: Am dritten Tag erfolgt die Theophanie am Sinai. Die rabbinische Tradition verbindet verschiedene biblische Ereignisse des dritten Tages miteinander.

Hosea 6,2

Die Formulierung „am dritten Tag“ erscheint dort in einem Kontext von Wiederbelebung und Aufrichtung. Spätere jüdische und christliche Rezeption haben dem dritten Tag deshalb vielfältige symbolische Bedeutungen gegeben.

Historische Einordnung

Genesis 1,1–2,4a wird in der historisch-kritischen Forschung überwiegend als priesterlich geprägte Schöpfungserzählung verstanden. Die regelmäßige Tagesgliederung, die formelhaften Wiederholungen, die Klassifikation der Schöpfungsbereiche und die Hinführung auf den siebten Tag entsprechen diesem literarischen Profil.

Genesis 1,13 gehört genau zu dieser formalen Architektur. Der Vers besitzt kaum eigenständige kosmologische Information, ist aber für die zeitliche Organisation des Gesamttextes unverzichtbar.

Die ersten drei Tage ordnen Licht und Finsternis, obere und untere Wasser, Land und Meer sowie Vegetation. Die folgenden Tage entwickeln diese geschaffenen Bereiche weiter.

Die Siebenerstruktur

Die Einteilung in sieben Tage ist theologisch bedeutend. Sie führt auf den Sabbat hin und verbindet kosmische Ordnung mit liturgischer beziehungsweise kultischer Zeitordnung.

Die Yale Bible Study weist entsprechend darauf hin, dass die Schöpfungserzählung auf den siebten Tag zuläuft und die Siebentagesstruktur für die priesterliche Konzeption charakteristisch ist.

Keine moderne Chronometrie

Der Text stammt aus einer Welt ohne moderne atomare Zeitmessung und ohne heutige naturwissenschaftliche Definition des astronomischen Tages.

Die Formel sollte deshalb zunächst als antike und literarisch-theologische Zeitstruktur verstanden werden.

Altorientalischer Hintergrund

Auch andere altorientalische Schöpfungstraditionen strukturieren kosmische Vorgänge in zeitliche oder narrative Sequenzen. Genesis 1 besitzt jedoch eine besonders konsequente Tagesgliederung.

Die entscheidende Besonderheit liegt nicht darin, dass antike Menschen erstmals in Genesis zeitliche Abfolgen kannten, sondern in der theologischen Integration der gesamten Schöpfung in eine siebentägige Ordnung.

Schöpfung ohne göttliche Gestirnherrschaft

Der dritte Tag endet, bevor Sonne und Mond ihre Funktionen erhalten. Die Zeitfolge besteht im Text somit bereits, bevor die späteren Zeitzeichen des Himmels eingesetzt werden.

Gerade im altorientalischen Kontext, in dem Sonne und Mond göttlich verehrt werden konnten, ist diese narrative Unterordnung der Gestirne bemerkenswert.

Sie sind in Genesis keine Herren der Zeit, sondern werden am vierten Tag als geschaffene Lichter in eine bereits bestehende Ordnung eingesetzt.

Jüdische Rezeption

Genesis 1,13 besitzt in den klassischen jüdischen Kommentaren weniger eigenständige philologische Kommentierung als die unmittelbar vorausgehenden Verse. Die Tagesformel ist jedoch in der rabbinischen Literatur vielfältig aufgenommen und symbolisch erweitert worden.

Der dritte Tag als Tag doppelter Gutheißung

Eine besonders wichtige jüdische Tradition verbindet den dritten Tag mit seiner doppelten Formel כִּי־טוֹב, „dass es gut war“.

Das erste „gut“ wird als Vollendung des Wasserwerks verstanden, das bereits am zweiten Tag begonnen hatte. Das zweite „gut“ gilt der Vegetation des dritten Tages.

Dadurch erhält der dritte Tag in späterer jüdischer Wahrnehmung einen besonders positiven Charakter.

Dritter Tag und Vollendung

Der Tag zeigt ein wiederkehrendes rabbinisches Interpretationsprinzip: Ein Werk kann begonnen sein, aber seine positive Vollendung wird erst dann ausgesprochen, wenn es seinen angemessenen Zustand erreicht hat.

Die Tagesgrenze von Genesis 1,13 markiert diese Vollendung endgültig.

Bereschit Rabbah und der dritte Tag

Bereschit Rabbah entwickelt zu יוֹם שְׁלִישִׁי eine für den Midrasch typische Wortassoziation.

שְׁלִישִׁי und שָׁלִשִׁים

Der Midrasch verbindet שְׁלִישִׁי, „dritter“, spielerisch mit einem ähnlich klingenden Ausdruck für vornehme Kämpfer beziehungsweise Wagenkämpfer. Daraus entsteht die Aussage, der dritte Tag sei ein Tag gewesen, an dem gleichsam die Grundlagen für „Krieger“ geschaffen worden seien.

Diese Deutung knüpft daran an, dass die Erde und ihre materiellen Bestandteile nun geordnet sind und in der midraschischen Vorstellung auch Eisen als Grundlage späterer Waffen dazugehört.

Die Bäume und das Eisen

Der Midrasch erzählt weiter, die Bäume hätten beim Entstehen des Eisens gezittert. Das Eisen antwortet sinngemäß, sie hätten nichts zu fürchten, solange keiner von ihnen sein Holz dem Eisen zur Verfügung stelle.

Die Pointe ist moralisch: Eine zerstörerische Macht benötigt häufig die Mitwirkung dessen, was sie später schädigt.

Diese Auslegung ist ein klassisches midraschisches Wortspiel und keine philologische Bedeutung von שְׁלִישִׁי.

Bäume, Vegetation und Eden

Eine weitere Tradition in Bereschit Rabbah ordnet dem dritten Tag Bäume, Pflanzenwuchs und den Garten Eden zu.

Damit wird der dritte Tag in der rabbinischen Imagination besonders mit Fruchtbarkeit, Vegetation und geordnetem Lebensraum verbunden.

Septuaginta

Die Septuaginta gibt Genesis 1,13 knapp wieder:

καὶ ἐγένετο ἑσπέρα καὶ ἐγένετο πρωί, ἡμέρα τρίτη.

καὶ ἐγένετο bedeutet „und es wurde“ beziehungsweise „und es geschah“.

ἑσπέρα bedeutet „Abend“.

πρωί bedeutet „Morgen“.

ἡμέρα bedeutet „Tag“.

τρίτη ist die feminine Ordinalzahl „dritte“ und stimmt grammatisch mit dem femininen ἡμέρα überein.

Die griechische Fassung bewahrt somit die Parallelstruktur des hebräischen Textes sehr eng.

Wirkungsgeschichte

Über die Septuaginta gelangte die Tagesformel in die griechischsprachige christliche Exegese. Autoren wie Basilius und später andere Kirchenväter diskutierten anhand dieser Formulierung ausführlich Wesen und Dauer der Schöpfungstage.

Vulgata

Die Nova Vulgata lautet:

Et factum est vespere et mane, dies tertius.

Et factum est bedeutet „und es geschah“ beziehungsweise „und es wurde“.

vespere bezeichnet den Abend.

mane bezeichnet den Morgen.

dies tertius bedeutet „der dritte Tag“.

Die lateinische Fassung ist noch knapper als die hebräische Parallelstruktur, da das Verb nicht vor „Morgen“ wiederholt wird.

Sie wurde für die westliche christliche Schöpfungstheologie und die mittelalterliche Diskussion über die sechs Schöpfungstage maßgeblich.

Christliche Rezeption

Die christliche Rezeption von Genesis 1,13 konzentriert sich besonders auf zwei Fragen: die Bedeutung von Abend und Morgen und das Problem der ersten drei Tage vor der Erschaffung beziehungsweise Einsetzung der Sonne.

Daneben erhielt die Zahl Drei in der späteren christlichen Symbolik zusätzliche Bedeutungen, vor allem im Zusammenhang mit Trinität und Auferstehung.

Solche symbolischen Verbindungen gehören zur Rezeptionsgeschichte. Der unmittelbare hebräische Vers selbst formuliert weder eine Trinitätslehre noch einen Hinweis auf die spätere Auferstehung Jesu.

Basilius von Caesarea

Basilius behandelt die Abend-Morgen-Formel bereits ausführlich in seiner zweiten Hexaemeron-Homilie.

Für ihn bildet der Abend die Grenze zwischen Tag und Nacht, während der Morgen die Grenze zwischen Nacht und Tag markiert.

Der vollständige Zyklus aus Tag und Nacht wird unter dem übergeordneten Begriff „Tag“ zusammengefasst.

Rhythmus der geschaffenen Zeit

Basilius versteht die wiederkehrende Formel als Ausdruck einer geordneten zeitlichen Bewegung. Die Welt besitzt vom Beginn der Schöpfung an Rhythmus und Maß.

Diese zeitliche Ordnung ist nicht Ergebnis menschlicher Konvention, sondern Teil des geschaffenen Kosmos.

Der dritte Tag und die Vegetation

In seiner fünften Homilie widmet Basilius sich besonders dem Pflanzenwerk des dritten Tages. Der Tagesabschluss steht deshalb bei ihm im Kontext einer Erde, die durch Gottes Wort dauerhaft mit der Fähigkeit zur Fruchtbarkeit ausgestattet worden ist.

Genesis 1,13 schließt in dieser Perspektive einen Tag ab, an dem aus der zuvor kahlen Landfläche eine grüne und reproduktionsfähige Erde geworden ist.

Augustinus

Augustinus erkennt eines der schwierigsten Probleme der Tagesformel ausdrücklich: Wie können Abend und Morgen bereits an den ersten drei Tagen existieren, wenn die Sonne erst am vierten Tag erscheint?

Die ersten drei Tage ohne Sonne

In De civitate Dei erklärt Augustinus, dass die gewöhnlichen menschlichen Tage durch Sonnenuntergang und Sonnenaufgang bestimmt werden. Für die ersten drei Schöpfungstage könne dies aber nicht in derselben Weise gelten.

Er erwägt eine besondere geschaffene Lichtwirklichkeit, räumt jedoch ein, dass die genaue Beschaffenheit dieser frühen Zeitordnung menschlichem Verständnis entzogen sei.

Allegorische Deutung

Augustinus entwickelt daneben eine geistige Interpretation von Abend und Morgen.

„Abend“ kann dabei die Erkenntnis der Schöpfung in sich selbst symbolisieren, während „Morgen“ die Erkenntnis derselben Schöpfung in Beziehung zu Gott bezeichnet.

Diese Interpretation ist eine christlich-philosophische Allegorie und keine unmittelbare lexikalische Bedeutung von עֶרֶב und בֹּקֶר.

Der siebte Tag ohne Abend

In den Confessiones macht Augustinus außerdem die Beobachtung, dass der siebte Tag keinen Abend besitzt.

Daraus entwickelt er das Bild einer ewigen Sabbatruhe, die keinen Untergang und kein Ende kennt.

Die Abend-Morgen-Formeln der ersten sechs Tage erhalten dadurch in seiner Theologie eine eschatologische Gegenfolie.

Theologische Interpretation

Zeit gehört zur Schöpfung

Genesis 1,13 zeigt die Schöpfung nicht als zeitlosen Vorgang. Das Werk schreitet in nummerierten Tagen fort.

Die Zeit gehört damit zur geordneten geschöpflichen Wirklichkeit.

Gott steht nicht unter der Tagesordnung

Die Tagesstruktur ordnet das erzählte Schöpfungswerk; sie stellt jedoch nicht dar, dass Gott einer über ihm stehenden kosmischen Zeitmacht unterworfen wäre.

Die Zeitordnung ist Teil seines Werkes.

Schöpfung besitzt Rhythmus

Abend und Morgen markieren wiederkehrende Übergänge. Die geschaffene Welt besitzt dadurch Rhythmus, Folge und Wiedererkennbarkeit.

Ordnung betrifft Raum und Zeit

Am dritten Tag wurden Wasser und Land räumlich geordnet und die Pflanzenwelt nach Arten gegliedert. Vers 13 fügt diese Werke in die zeitliche Ordnung ein.

Genesis verbindet somit räumliche, biologische und zeitliche Struktur.

Fruchtbarkeit hat Grenzen

Die Erde besitzt nun die Fähigkeit, sich durch Pflanzen und Samen fortdauernd zu entfalten. Dennoch endet der Schöpfungstag.

Produktivität wird damit nicht als grenzenlose Aktivität, sondern als geordnete Fruchtbarkeit dargestellt.

Arbeit führt zum Abschluss

Das göttliche Werk des dritten Tages ist nicht endlos. Es besitzt ein Ziel und einen Abschluss.

Diese Struktur bereitet die größere Bewegung von sechs Tagen des Werkes zum siebten Tag der Ruhe vor.

Das Gute besitzt zeitliche Gestalt

Zweimal wurde das Werk des dritten Tages als gut bewertet. Genesis 1,13 fasst diese positiven Werke in einer abgeschlossenen Zeiteinheit zusammen.

Das Gute erscheint somit nicht als abstrakte Idee, sondern als konkret geordnete Welt in Raum und Zeit.

Der Kosmos besitzt Vergangenheit und Zukunft

Mit dem „dritten Tag“ besitzt die Welt bereits eine geordnete Vergangenheit. Zugleich verweist der Morgen auf den kommenden vierten Tag.

Schöpfung wird als Geschichte erzählt.

Die Gestirne sind nicht Herren der Zeit

Dass bereits drei Tage abgeschlossen sind, bevor die Himmelslichter eingesetzt werden, relativiert deren Stellung innerhalb des Kosmos.

Sonne und Mond werden im folgenden Abschnitt nicht als Gottheiten, sondern als geschaffene Funktionsträger beschrieben.

Der dritte Tag verbindet Lebensraum und Leben

Der Tagesabschluss umfasst sowohl die Bildung des terrestrischen Lebensraums als auch die Hervorbringung der Vegetation.

Theologisch lässt sich darin eine Struktur göttlicher Fürsorge erkennen: Ein Lebensraum wird geschaffen und anschließend fruchtbar gemacht.

Der Sabbat ist bereits vorbereitet

Jede Tagesnummer rückt die Erzählung näher an den siebten Tag heran.

Genesis 1,13 besitzt deshalb neben seiner rückblickenden Funktion auch eine vorausweisende: Der Kosmos bewegt sich auf Vollendung und Ruhe zu.

Grenzen der Aussage

Genesis 1,13 definiert nicht ausdrücklich, wie viele moderne Stunden ein Schöpfungstag umfasst.

Die Wörter עֶרֶב, בֹּקֶר und יוֹם besitzen konkrete zeitliche Bedeutungen, doch der Vers formuliert keine moderne chronometrische Theorie.

Ebenso erklärt der Text nicht physikalisch, wie die ersten drei Abend-Morgen-Zyklen vor der Einsetzung von Sonne und Mond funktionieren.

Spekulative Identifikationen mit Erdrotation, einer verborgenen Sonne, kosmischen Lichtquellen oder bestimmten astrophysikalischen Mechanismen gehen über den Wortlaut hinaus.

Die spätere jüdische Bestimmung eines Tages von Abend zu Abend kann mit der Genesisformel verbunden werden, sollte aber nicht so behandelt werden, als formuliere Genesis 1,13 bereits ein vollständiges halachisches Kalendergesetz.

Die midraschische Verbindung von שְׁלִישִׁי mit Kriegern ist ein bewusstes rabbinisches Wortspiel und keine wissenschaftliche Etymologie des Ordinalzahlwortes.

Ebenso gehören christliche Symboldeutungen des dritten Tages auf Trinität oder Auferstehung zur späteren Wirkungsgeschichte und nicht zur unmittelbaren historischen Bedeutung des Verses.

Augustins allegorische Interpretation von Abend und Morgen als unterschiedlichen Erkenntnisweisen ist theologisch bedeutend, aber keine grammatische Erklärung des hebräischen Ausdrucks.

Schließlich sollte die Siebentagesstruktur nicht unkritisch in eine moderne naturwissenschaftliche Chronologie des Universums übertragen werden. Genesis 1 besitzt eine literarisch-theologische Gattung und verfolgt andere Fragestellungen als moderne Kosmologie, Geologie oder Evolutionsbiologie.

Gesamtinterpretation

Genesis 1,13 beendet den dritten Schöpfungstag mit der formelhaften Aussage וַיְהִי־עֶרֶב וַיְהִי־בֹקֶר יוֹם שְׁלִישִׁי: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein dritter Tag.“

Die beiden Verbalglieder sind exakt parallel aufgebaut. וַיְהִי bezeichnet einen zeitlichen Übergang; עֶרֶב und בֹּקֶר markieren die beiden Grenzbereiche des Tag-Nacht-Zyklus. Die Ordinalzahl שְׁלִישִׁי ordnet diesen Zyklus als dritte Einheit in die fortlaufende Schöpfungswoche ein.

Der Vers schließt einen besonders umfangreichen Tag ab. Zunächst wurden die unteren Wasser gesammelt, Erde und Meere voneinander unterschieden und als gut bewertet. Anschließend brachte die Erde Vegetation, samenbildende Pflanzen und Fruchtbäume hervor, die erneut als gut beurteilt wurden.

Der dritte Tag besitzt deshalb zwei Schöpfungswerke und zwei Gutheißungen. Die jüdische Tradition versteht die erste Gutheißung häufig als Vollendung des bereits am zweiten Tag begonnenen Wasserwerks und die zweite als Bewertung der Vegetation.

Die Tagesformel selbst erzeugt einen literarischen Rhythmus. Inhalt und Form entsprechen einander: Die geordnete Welt wird in einer geordneten, wiederkehrenden Sprache erzählt. Jeder Tag endet nach demselben Grundmuster, erhält jedoch eine neue Nummer und führt die Schöpfung damit weiter.

Besonders bemerkenswert ist, dass der dritte Tag bereits vollständig mit Abend und Morgen abgeschlossen wird, obwohl Sonne und Mond erst im folgenden Abschnitt eingesetzt werden. Genesis macht die Gestirne dadurch nicht zu den ursprünglichen Erzeugern der Zeit. Eine geordnete Tagesfolge existiert innerhalb der Erzählung bereits vor ihnen.

Augustinus erkannte genau dieses Problem und diskutierte ausdrücklich die ersten drei Tage ohne Sonne. Er hielt die genaue physische Erklärung für menschlich schwer zugänglich und entwickelte daneben eine allegorische Deutung von Abend und Morgen als unterschiedlichen Erkenntnisweisen der Schöpfung.

Basilius versteht Abend und Morgen stärker kosmologisch: Abend und Morgen sind die Grenzpunkte von Tag und Nacht, und der vollständige Zyklus wird unter dem Begriff „Tag“ zusammengefasst.

In der jüdischen Rezeptionsgeschichte entwickelt Bereschit Rabbah zusätzliche Deutungen des dritten Tages. Eine Tradition verbindet שְׁלִישִׁי spielerisch mit einem Ausdruck für Krieger und erzählt von den Bäumen, die vor dem neu entstandenen Eisen zittern. Eine andere Tradition ordnet dem dritten Tag Bäume, Pflanzenwuchs und den Garten Eden zu.

Historisch gehört die wiederkehrende Tagesformel zur streng gegliederten, priesterlich geprägten Komposition von Genesis 1. Die Tage führen zielgerichtet zum siebten Tag. Die Zeitstruktur ist deshalb nicht bloß Chronologie, sondern Teil der theologischen Architektur des Textes.

Der theologische Kern von Genesis 1,13 liegt in der Aussage, dass auch Zeit geordnet ist. Schöpfung besitzt Anfang, Folge, Grenze und Ziel. Der dritte Tag ist vollendet; Land und Meer sind geordnet, die Erde ist fruchtbar geworden, das Werk ist zweimal als gut bestätigt – und der Morgen öffnet den Weg zum vierten Tag.