Élie-Miriam Delaborde
Überblick
Élie-Miriam Delaborde war ein französischer Pianist, Komponist und Musikpädagoge der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er gehört in den weiteren Umkreis der Familie Morhange/Alkan, wird in der Alkan-Forschung häufig als natürlicher Sohn Charles-Valentin Alkans angesehen und war jedenfalls dessen Schüler, Interpret, editorischer Vermittler und eine der wichtigsten Gestalten der späten Alkan-Überlieferung. Die amtliche Vaterschaft ist nicht gesichert; die Formulierung muss daher quellenkritisch bleiben.
Delaborde wurde als Eraïm-Miriam Delaborde in Paris geboren. Die Geburt wird in der Literatur und in Katalogen nicht völlig einheitlich datiert: 7., 8. und 9. Februar 1839 begegnen als Varianten. Der Tod am 9. Dezember 1913 in Paris ist dagegen stabil überliefert. Der vom Nutzer genannte 8. Februar 1839 wird hier als Hauptdatierung verwendet, zugleich aber mit einem ausdrücklichen Variantenhinweis versehen.
Delaborde studierte bei Charles-Valentin Alkan, außerdem bei Franz Liszt, Ignaz Moscheles und Adolf von Henselt. Diese Lehrerreihe stellt ihn in einen europäischen Virtuosenzusammenhang, der französische, deutsche und internationale Klavierschulen verbindet. Sein Spiel wurde besonders mit Brillanz, Exzentrik, Pedalklavierbeherrschung und konzertanter Wirkung verbunden.
Er unternahm Konzertreisen nach England, Deutschland und Russland und trat mit bedeutenden Instrumentalisten wie Henri Vieuxtemps und Henryk Wieniawski auf. Während des Deutsch-Französischen Krieges ging er nach London. Die oft zitierte Episode, dass er mit zahlreichen Papageien und Kakadus geflohen sei, gehört zur exzentrischen Delaborde-Überlieferung und spiegelt zugleich die anekdotische Nähe zu Charles-Valentin Alkans eigener Papageien- und Einsiedlerlegende.
1873 wurde Delaborde Professor für Klavier am Conservatoire de Paris. Zu seinem Schülerkreis gehörten unter anderem Olga Samaroff, Aline van Barentzen, Marie Poitevin und weitere Pianistinnen und Pianisten der französischen und internationalen Schule. Seine Lehrtätigkeit verbindet die ältere Virtuosentradition mit dem professionellen Ausbildungsbetrieb der Dritten Republik.
Als Komponist schrieb Delaborde Oper, Opéra-comique, Ouvertüre, Klaviermusik, Etüden, Préludes, Fantasien, Kadenzen, Paraphrasen, Kammermusik, Melodien und Stücke für chromatische Harfe oder Klavier. Sein Werk blieb lange im Schatten seiner pianistischen Tätigkeit und im Schatten Alkans. Für die Kulturgeschichte ist es dennoch aufschlussreich, weil es Oper, Klaviermusik, Etüde, Transkription, Harfe, chromatische Harfe und die französische Konzertkultur um 1870 bis 1900 verbindet.
Eine besondere Rolle spielte Delaborde als Herausgeber von Werken Charles-Valentin Alkans. Gemeinsam mit beziehungsweise im Umfeld von Isidor Philipp trug er zur ersten editorischen Sicherung zahlreicher Alkan-Werke bei. Dadurch wurde Delaborde zu einer Schlüsselfigur der Alkan-Rezeption: Er war nicht nur möglicher Sohn oder Schüler, sondern auch Überlieferer, Interpret und editorischer Vermittler.
Kurzdaten
| Name | Élie-Miriam Delaborde. |
|---|---|
| Geburtsname | Eraïm-Miriam Delaborde beziehungsweise Eraïm Miriam Delaborde. |
| Weitere Namensformen | Élie Miriam Delaborde, Elie Miriam Delaborde, Élie-Miriam-Éraïm Delaborde, Éphraïm Miriam Delaborde, Élie Miriam, Miriam. |
| Alphabetischer Ansatz | Delaborde, Élie-Miriam; innerhalb der Alkan-Serie zusätzlich als Alkan (7) beziehungsweise Delaborde im Umkreis von Charles-Valentin Alkan zu verweisen. |
| Dateiname | delaborde-elie-miriam.shtml. |
| Geburt | Nach verbreiteter Datierung 8. Februar 1839 in Paris; abweichend sind 7. Februar und 9. Februar 1839 überliefert. |
| Tod | 9. Dezember 1913 in Paris; Beisetzung auf dem Cimetière du Père-Lachaise. |
| Beruf | Pianist, Komponist, Musikpädagoge, Conservatoire-Professor, Pedalklavierspieler, Herausgeber, Arrangeur, Bearbeiter, Kadenzenkomponist, Opernkomponist, Maler unter dem Pseudonym Miriam und zentrale Figur der Alkan-Überlieferung. |
| Mutter | Lina Eraïm Miriam; die Geburt wurde nach den überlieferten Angaben unter dem Namen der Mutter beziehungsweise ohne offiziell benannten Vater registriert. |
| Vaterfrage | Charles-Valentin Alkan wird in der Forschung häufig als natürlicher Vater Delabordes angesehen; die offizielle Dokumentenlage bleibt jedoch nicht beweiskräftig genug für eine unbedingte genealogische Aussage. |
| Lehrer | Charles-Valentin Alkan, Franz Liszt, Ignaz Moscheles und Adolf von Henselt. |
| Instrumente | Klavier und Pedalklavier; daneben editorische und kompositorische Arbeit im Umfeld von Harfe, chromatischer Harfe, Klavier vierhändig, Gesang, Kammermusik und Oper. |
| Wirkungsorte | Paris, London sowie Konzertreisen nach England, Deutschland und Russland. |
| Institution | Professor für Klavier am Conservatoire de Paris ab 1873. |
| Schülerkreis | Olga Samaroff, Aline van Barentzen, Marie Poitevin, Marcel Labey, Alfred Roth, Nanne Storm und weitere Pianistinnen und Pianisten im Umfeld der französischen Klavierschule. |
| Freundeskreis | Georges Bizet, Édouard Manet, Camille Saint-Saëns, Pauline Viardot, Iwan Turgenjew, Ernest Guiraud und andere Gestalten der Pariser Kunst- und Musikszene. |
| Hauptgattungen | Oper, Opéra-comique, Ouvertüre, Klavierfantasie, Etüde, Prélude, Kadenzen, Paraphrasen, vierhändige Klavierstücke, Kammermusik, Mélodie, Harfenstücke und Editionen. |
| Hauptwerke | Maître Martin, La Reine dort, Ouverture d’Attila, Grande fantaisie de concert sur Carmen op. 8, 12 Petits préludes op. 13, Exercices de lecture op. 14, Étude d’après une petite valse de V. Dolmetsch, 3 Pièces pour harpe chromatique ou piano und editorische Arbeiten an Werken Charles-Valentin Alkans. |
| Kulturelle Bedeutung | Virtuose Übergangsfigur zwischen Alkan, Liszt-Tradition, Pariser Conservatoire, Pedalklavierkultur, französischer Opernparaphrase, später Alkan-Edition und fin-de-siècle-naher Pariser Künstlergesellschaft. |
Name, Familienbezug und Ansatzform
Die gebräuchliche Lemmaform lautet Élie-Miriam Delaborde. Der Geburtsname erscheint als Eraïm-Miriam Delaborde beziehungsweise Eraïm Miriam Delaborde. Daneben begegnen die Formen Élie Miriam Delaborde, Elie Miriam Delaborde, Élie-Miriam-Éraïm Delaborde und Éphraïm Miriam Delaborde. Als Maler verwendete er den Namen Miriam.
Obwohl Delaborde in der Alkan-Forschung häufig als natürlicher Sohn Charles-Valentin Alkans behandelt wird, ist er nicht unter Morhange anzusetzen. Der bürgerliche und musikhistorische Name ist Delaborde. Die Dateibezeichnung folgt daher der Regel „Nachname Vorname“ und lautet delaborde-elie-miriam.shtml. Für die Alkan-Serie kann er als Alkan (7): Élie-Miriam Delaborde geführt werden; als Personenartikel soll er jedoch unter seinem eigenen Namen erscheinen.
Ein Verweiseintrag unter alkan-delaborde-elie-miriam.shtml oder alkans-sohn-delaborde.shtml wäre nicht als Hauptseite, sondern nur als Redirect oder interner Suchanker sinnvoll. Auch ein Verweis unter delaborde-eraim-miriam.shtml empfiehlt sich, weil die Geburtsform in Katalogen vorkommt.
Die Namensform ist auch kulturgeschichtlich interessant. Der Name Eraïm Miriam verbindet ihn mit seiner Mutter Lina Eraïm Miriam. Die spätere Bühnen- und Katalogform Élie-Miriam Delaborde glättet diese Herkunft und passt ihn stärker in die französische Musikeröffentlichkeit ein. In einem Kulturlexikon sollte diese Namensschichtung sichtbar bleiben.
Quellenkritik zu Geburt und Alkan-Verbindung
Die Geburt Delabordes ist quellenkritisch nicht vollständig einheitlich überliefert. In unterschiedlichen Nachweisen erscheinen der 7., 8. und 9. Februar 1839. Der vom Nutzer genannte 8. Februar 1839 ist eine gut verbreitete lexikalische Datierung und wird hier als Hauptform verwendet. Da IMSLP den 7. Februar und Bru Zane den 9. Februar nennt, wird die Variantenlage ausdrücklich notiert.
Die Vaterschaft Charles-Valentin Alkans ist ebenfalls vorsichtig zu formulieren. In vielen biographischen Darstellungen gilt Delaborde als natürlicher Sohn Alkans und der wohlhabenden Lina Eraïm Miriam. Zugleich wird darauf hingewiesen, dass amtliche Dokumente diese Vaterschaft nicht endgültig belegen. Die sachlich korrekte Formulierung lautet daher: wahrscheinlich natürlicher Sohn Charles-Valentin Alkans, in der Forschung häufig als Alkans Sohn angesehen oder enger Schüler und mutmaßlicher Sohn. Eine unbedingte Formulierung wie „Sohn von Alkan“ wäre ohne Quellenhinweis zu stark.
Für die Kulturlexikon-Systematik ist dies bedeutsam. Delaborde gehört nicht zur eigentlichen Namensreihe Alkan, eigentlich Morhange, weil sein gesicherter Personenname nicht Morhange ist. Er gehört aber sehr wohl in den erweiterten Alkan-Komplex, weil seine Biographie, sein Pedalklavierspiel, seine Alkan-Editionen, sein Unterricht und seine musikalische Erinnerung eng mit Charles-Valentin Alkan verbunden sind.
Leben, Ausbildung und Laufbahn
Élie-Miriam Delaborde wurde 1839 in Paris geboren. Die Geburt wurde nach den einschlägigen biographischen Darstellungen unter dem Namen seiner Mutter Lina Eraïm Miriam registriert, während der Vater nicht amtlich gesichert genannt wurde. Spätere Forschung und ältere Musikeranekdoten sahen in Charles-Valentin Alkan den natürlichen Vater. Auch wenn diese Zuschreibung nicht amtlich bewiesen ist, erklärt sie viele biographische und musikalische Nähen: Delabordes Unterricht bei Alkan, seine besondere Beziehung zum Pedalklavier, die spätere editorische Arbeit an Alkan-Werken und sein Platz in der Alkan-Rezeption.
Delaborde erhielt Klavierunterricht bei Charles-Valentin Alkan. Zusätzlich studierte er bei Franz Liszt, Ignaz Moscheles und Adolf von Henselt. Diese Lehrerreihe verortet ihn in einer europäischen Virtuosentradition. Alkan steht für französische Strenge, Pedalklavier, exzentrische Klavierarchitektur und pianistische Grenztechnik. Liszt steht für internationale Virtuosität und charismatische Konzertpraxis. Moscheles und Henselt verbinden ihn mit deutsch geprägter Klavierschule, brillanter Technik und lyrischer Virtuosenkultur.
Delaborde unternahm erfolgreiche Konzertreisen durch England, Deutschland und Russland. Er trat mit bedeutenden Instrumentalisten wie Henri Vieuxtemps und Henryk Wieniawski auf. Diese Tourneetätigkeit zeigt, dass er nicht nur ein Pariser Lehrer war, sondern als reisender Virtuose in der internationalen Konzertlandschaft präsent war. Sein Profil war dabei auffällig extrovertiert und gesellschaftlich, im Gegensatz zum zunehmend zurückgezogenen Bild Charles-Valentin Alkans.
Während des Deutsch-Französischen Krieges ging Delaborde nach London. In der Überlieferung ist die Episode berühmt, dass er mit zahlreichen Papageien und Kakadus sowie später auch mit Affen verbunden wurde. Diese Anekdoten sind nicht nur kurios. Sie zeigen, wie stark Delaborde als exzentrische Künstlerfigur wahrgenommen wurde. Die Nähe zu Alkans eigener Papageienlegende verstärkte den Eindruck einer familiären oder seelischen Verwandtschaft.
1873 wurde Delaborde Professor für Klavier am Conservatoire de Paris. Diese Position machte ihn zu einem institutionell anerkannten Musiker der französischen Dritten Republik. Der Unterricht am Conservatoire verband sein Virtuosenerbe mit einer professionellen Ausbildungskultur. Zu seinen Schülerinnen und Schülern gehörten Olga Samaroff, Aline van Barentzen, Marie Poitevin, Marcel Labey, Alfred Roth und Nanne Storm. Damit wirkte er auf die nächste Pianistengeneration weiter.
Delaborde war nicht nur Musiker, sondern auch Teil der Pariser Kunst- und Gesellschaftswelt. Er war mit Georges Bizet befreundet, kannte Édouard Manet, bewegte sich im Umfeld von Pauline Viardot, Iwan Turgenjew und Ernest Guiraud und war mit Camille Saint-Saëns verbunden. Saint-Saëns widmete ihm sein drittes Klavierkonzert. Diese Netzwerke zeigen Delaborde als Figur zwischen Virtuosentum, Salon, bildender Kunst, Oper, Literatur und gesellschaftlichem Paris.
Er malte unter dem Pseudonym Miriam. Auch dies fügt sich in sein Bild als vielseitige, extravertierte und kulturgesellschaftlich bewegliche Persönlichkeit. Delaborde war Pianist, Lehrer, Komponist, Herausgeber, Maler, Sportler, Fechter und Bonvivant. Diese Breite unterscheidet ihn von der asketischeren Alkan-Legende und macht ihn zu einer typischen, zugleich eigenwilligen Figur des späteren 19. Jahrhunderts.
Delaborde starb am 9. Dezember 1913 in Paris und wurde auf dem Cimetière du Père-Lachaise beigesetzt. Sein Nachleben blieb zwiespältig. Als Pianist und Lehrer war er zu Lebzeiten sichtbar; als Komponist wurde er lange wenig gespielt. Seine größte dauerhafte Bedeutung liegt vermutlich in seiner Rolle als Vermittler der Alkan-Tradition und als Bindeglied zwischen romantischer Virtuosenkultur, Conservatoire-Pädagogik und französischer Musikmoderne.
Ausführlicher Kulturüberblick
Élie-Miriam Delaborde gehört in eine besonders dichte Phase des Pariser Musik- und Kunstlebens. Er steht zeitlich zwischen der romantischen Virtuosenkultur um Chopin, Liszt und Alkan und dem fin-de-siècle-nahen Paris von Manet, Saint-Saëns, Bizet, Viardot, Turgenev und der institutionalisierten Conservatoire-Klavierschule. Seine Biographie verbindet zwei Welten: die exzentrische, fast private Alkan-Sphäre und die öffentliche, gesellschaftliche, internationale Musikkultur der zweiten Jahrhunderthälfte.
Seine wahrscheinliche Herkunft als natürlicher Sohn Charles-Valentin Alkans wirkt wie ein symbolischer Schlüssel. Alkan selbst zog sich zunehmend aus dem öffentlichen Konzertleben zurück und wurde später zur Legendenfigur des einsamen, schwer zugänglichen Klavierdenkers. Delaborde dagegen erscheint als extrovertiert, gesellschaftlich, reiselustig, sportlich und publikumsnah. Gerade dieser Gegensatz macht die Verbindung kulturgeschichtlich spannend. Delaborde kann als Gegenbild und zugleich als Fortsetzung Alkans verstanden werden.
Das Pedalklavier ist dabei besonders wichtig. Alkan und Delaborde beherrschten dieses Instrument. Das Pedalklavier beziehungsweise Pedalklavier und der Pedalflügel stehen zwischen Klavier- und Orgeldenken. Sie erlauben ein Tasteninstrument mit Fußpedalen, das organistische Bassführung, unabhängige Pedalstimmen und eine Ausweitung des Klavierkörpers ermöglicht. Delabordes Pedalklavierspiel machte ihn zu einem wichtigen Träger einer heute seltenen, aber im 19. Jahrhundert experimentell bedeutsamen Instrumentalpraxis.
Delabordes Tätigkeit als Herausgeber von Alkan-Werken ist kulturgeschichtlich kaum zu überschätzen. Charles-Valentin Alkans Musik war schwer, unhandlich und durch seine Rückzüge nicht einfach präsent. Wer diese Musik editierte, machte sie überhaupt erst für spätere Generationen zugänglich. Delaborde war damit nicht nur Interpret, sondern Vermittler einer gefährdeten Werküberlieferung.
Seine Kompositionen zeigen die Gattungsbreite des Pariser 19. Jahrhunderts. Mit Maître Martin und La Reine dort berührt er Oper und Opéra-comique. Mit der Ouverture d’Attila steht er im Feld der dramatischen Konzertouvertüre. Mit der Grande fantaisie de concert sur Carmen op. 8 verarbeitet er Bizets Opernwelt in virtuoser Klavierform. Mit den Etüden, Préludes und Kadenzen steht er in der Klaviertradition. Mit den Stücken für chromatische Harfe oder Klavier reagiert er auf instrumententechnische Innovationen des späten Jahrhunderts.
Delabordes Freundschaft mit Bizet und sein enger gesellschaftlicher Kontakt zu Geneviève Bizet gehören zur Pariser Kulturgeschichte nach 1870. Sie zeigen, wie eng Musik, Salon, Ehepolitik, Gerücht, Krankheit, Tod und gesellschaftliche Erinnerung miteinander verbunden waren. Auch seine Nähe zu Manet weist über die Musik hinaus. Delaborde war nicht nur im Konzertsaal, sondern in einem breiteren künstlerischen Milieu präsent.
Als Professor am Conservatoire wurde er Teil der institutionellen französischen Klavierschule. Das ist ein entscheidender Kontrast: Der mutmaßliche Alkan-Sohn, der aus einer exzentrischen und teilweise halbverborgenen Alkan-Sphäre kam, wurde selbst offizieller Lehrer einer staatlichen Eliteinstitution. Seine Schüler und Schülerinnen führten das französische Klavierspiel in das 20. Jahrhundert hinein.
Insgesamt verkörpert Delaborde eine Übergangsfigur. Er verbindet romantische Virtuosität, Alkan-Tradition, Pedalklavier, Opernparaphrase, Conservatoire-Pädagogik, Pariser Künstlergesellschaft und fin-de-siècle-nahe Instrumentenexperimente. Gerade diese Mischung macht ihn für ein Kulturlexikon besonders ergiebig.
Pianismus, Pedalklavier und Conservatoire
Delabordes Pianismus stand im Zeichen technischer Brillanz. Als Schüler von Alkan, Liszt, Moscheles und Henselt besaß er eine ungewöhnlich breite Virtuosenschulung. Sein Spiel muss nicht nur durch Kraft und Geschwindigkeit, sondern auch durch Klangfantasie, orchestrale Vorstellung und Konzertsicherheit geprägt gewesen sein. Die Lehrer stehen für unterschiedliche Traditionen: Alkan für Strenge und Exzentrik, Liszt für öffentliche Virtuosität, Moscheles für klassisch-virtuose Disziplin, Henselt für kantablen und grifftechnisch besonderen Klaviersatz.
Das Pedalklavier verbindet Delaborde besonders eng mit Charles-Valentin Alkan. Beide beherrschten ein Instrument, das im 19. Jahrhundert eine wichtige, heute aber weitgehend marginalisierte Rolle spielte. Das Pedalklavier erlaubte Klavierspiel mit zusätzlicher Pedaltechnik und brachte die Welt der Orgel in die pianistische Sphäre. Für Delaborde war dies nicht bloß eine technische Kuriosität, sondern ein Markenzeichen.
Seine Ernennung zum Professor am Conservatoire de Paris 1873 zeigt, dass sein Pianismus institutionell anerkannt war. Er wurde nicht nur als exzentrischer Virtuose wahrgenommen, sondern als Lehrer einer nationalen Ausbildungseinrichtung. In dieser Rolle vermittelte er eine Spieltradition, die zwischen romantischer Virtuosenkultur und konservatorischer Disziplin stand.
Sein Schülerkreis ist für die Wirkungsgeschichte wichtig. Olga Samaroff wurde eine bedeutende Pianistin und Pädagogin in den USA. Aline van Barentzen wurde eine früh ausgezeichnete Pianistin des französischen Systems. Marie Poitevin wurde durch Francks Widmungskontext bekannt. Diese Schülerverbindungen zeigen, dass Delaborde als Lehrer Teil einer internationalen Weitergabe französischer Klavierkultur war.
Pariser Netzwerke: Bizet, Manet, Saint-Saëns und Alkan
Delaborde bewegte sich in einem auffallend prominenten Pariser Netzwerk. Mit Georges Bizet verband ihn eine enge Freundschaft. Die Erzählung, Bizet habe nach einem gemeinsamen Schwimmen in der Seine eine Krankheit zugezogen, gehört zur Bizet- und Delaborde-Überlieferung und zeigt, wie biographische Anekdote und Musikgeschichte ineinandergreifen.
Mit Camille Saint-Saëns war Delaborde ebenfalls verbunden. Saint-Saëns widmete ihm sein drittes Klavierkonzert. Eine solche Widmung ist ein starkes Zeichen der pianistischen Anerkennung. Sie zeigt, dass Delaborde nicht nur im Alkan-Kontext, sondern auch im Zentrum der französischen Konzertmusik wahrgenommen wurde.
Delabordes Nähe zu Édouard Manet und sein eigenes Malen unter dem Namen Miriam öffnen den Blick auf das Verhältnis von Musik und bildender Kunst im Paris des späten 19. Jahrhunderts. Musiker, Maler, Schriftsteller, Sängerinnen und Instrumentalisten trafen in Salons, Ateliers, privaten Gesellschaften und Konzertkreisen zusammen.
Der Alkan-Bezug bleibt dennoch das Zentrum seiner musikgeschichtlichen Bedeutung. Delaborde spielte, edierte und vermittelte Alkan. Er verkörpert damit eine lebendige Linie zwischen dem zurückgezogenen Charles-Valentin Alkan und der späteren Rezeptionsgeschichte. Ohne Delaborde wäre die Überlieferung und Sichtbarkeit einiger Alkan-Werke vermutlich schwächer gewesen.
Werkverzeichnis
Das folgende Werkverzeichnis fasst die nachweisbaren Kompositionen, Bearbeitungen, Kadenzen, Bühnenwerke, Editionen und Widmungszusammenhänge Élie-Miriam Delabordes zusammen. Der Bestand ist in freien Notenplattformen nur teilweise sichtbar; BnF-Daten weisen eine deutlich größere Ressourcenlage aus. Deshalb wird zwischen nachgewiesenen Einzeltiteln, Werkgruppen, editorischer Tätigkeit und quellenkritisch zu prüfenden Bereichen unterschieden.
Bühnenwerke, Ouvertüren und dramatische Musik
| Maître Martin | Oper beziehungsweise Bühnenwerk, 1872; im Werkbestand Delabordes als jugendlich beziehungsweise früher entstandenes Bühnenwerk überliefert. Aus diesem Werk stammt die Petite marche villageoise für Klavier. |
|---|---|
| Petite marche villageoise | Klavierstück aus Maître Martin, 1872; Beispiel für die Auskopplung eines Bühnen- oder Charakterstücks in klavieristische Gebrauchsfassung. |
| La Reine dort | Opéra-comique, 1889; wichtiges Bühnenwerk Delabordes und Teil seiner Verbindung zur französischen Opéra-comique-Tradition. |
| Promenade de noctambules | Vierhändiges Klavierstück aus La Reine dort, 1889; zeigt die Übertragung von Bühnenmusik in den häuslichen beziehungsweise salonfähigen Klavierbereich. |
| Ouverture d’Attila | Ouvertüre in f-Moll; 1879 bei Choudens in einer Fassung für Klavier zu vier Händen veröffentlicht. Das Werk gehört in den dramatisch-konzertanten Bereich. |
| Attila | Dramatischer Werkkomplex beziehungsweise Ouvertürenzusammenhang, der in der überlieferten Ouverture d’Attila greifbar wird. |
Klavierwerke, Etüden, Préludes und Charakterstücke
| Étude de concert No. 2 | Etüde de concert für Klavier, Widmung an Francis Planté; repräsentiert Delabordes virtuosen Konzertstil. |
|---|---|
| Étude d’après une petite valse de V. Dolmetsch | Klavieretüde von 1889 nach einer kleinen Walzergrundlage Victor Dolmetschs; das Werk wurde im 21. Jahrhundert wiederentdeckt und aufgenommen. |
| Étude pour piano | Etüde für Klavier, 1889; im Umfeld der späteren virtuosen Klavierstücke Delabordes zu verorten. |
| Grande fantaisie de concert sur Carmen op. 8 | Große Konzertfantasie über Motive aus Bizets Carmen, 1879; zentrale Verbindung von Opernparaphrase, Virtuosität und Delabordes Bizet-Umfeld. |
| Impromptu-valse | Klavierstück in Des-Dur, 1872; gehört in den Bereich eleganter Salon- und Konzertminiatur. |
| Morceau romantique op. 3 | Romantisches Klavierstück beziehungsweise Werk mit Orchester- oder Streicherbezug in der Überlieferung; Johannes Brahms gewidmet beziehungsweise in dessen Widmungskontext genannt. |
| 12 Petits préludes op. 13 | Zwölf kleine Präludien für Klavier, 1882; zyklischer Beitrag zur Prélude-Gattung. |
| Exercices de lecture op. 14 | Sechs Leseübungen beziehungsweise Exercices de lecture für Klavier, 1887; pädagogisch geprägte Klavierstücke im Umfeld des Conservatoire-Unterrichts. |
| Préludes | Allgemeiner Werkkomplex der Préludes, vor allem durch op. 13 vertreten. |
| Promenade de noctambules | Klavier zu vier Händen aus La Reine dort; zugleich Charakterstück und Bühnenauskopplung. |
Kadenzen, Paraphrasen, Transkriptionen und Arrangements
| Cadence pour le Finale du concerto pour clavecin en ré mineur de J. S. Bach | Kadenz zum Finale des Konzerts in d-Moll BWV 1052 von Johann Sebastian Bach, 1872; zeigt Delabordes historisierende und konzertpraktische Arbeit an klassischem Repertoire. |
|---|---|
| Cadence pour l’Allegro du Concerto en sol op. 58 de Beethoven | Kadenz zum ersten Satz des vierten Klavierkonzerts G-Dur op. 58 von Ludwig van Beethoven, 1878; Beitrag zur romantischen Kadenzpraxis. |
| Bundeslied | Paraphrase beziehungsweise Bearbeitung nach Beethovens Bundeslied op. 122, 1872; Teil der Beethoven-Aneignung im französischen Klavierkontext. |
| L’Arlésienne: Menuet | Arrangement beziehungsweise Klavierfassung des Menuetts aus Bizets L’Arlésienne, 1873; verbindet Delaborde mit Bizets Bühnen- und Theatermusik. |
| Scherzetto aus Marmontels Symphonie | Transkription beziehungsweise Bearbeitung eines Scherzettos aus einer Symphonie Antonin Marmontels, 1879; Beispiel für Delabordes editorisch-transkribierende Praxis. |
| Weitere Arrangements | IMSLP führt Delaborde als Arrangeur in mehreren Werkzusammenhängen; Einzeltitel sind nach Druck, Verlag, Fassung und Besetzung jeweils gesondert zu prüfen. |
Harfenwerke und Werke für chromatische Harfe oder Klavier
| 3 Pièces pour harpe chromatique ou piano | Drei Stücke für chromatische Harfe nach dem System Gustave Lyon oder Klavier, 1903; Widmung an Mlle Hélène Zielinska. Der Zyklus enthält Prélude, Scherzetto und Valse de concert. |
|---|---|
| Prélude | Erstes Stück der 3 Pièces pour harpe chromatique ou piano, 1903; zugleich als Einzelstück in Quellenzusammenhängen greifbar. |
| Scherzetto | Zweites Stück der 3 Pièces pour harpe chromatique ou piano, 1903; für chromatische Harfe oder Klavier. |
| Valse de concert | Drittes Stück der 3 Pièces pour harpe chromatique ou piano, 1903; verbindet Harfeninstrumentalität und virtuose Walzertradition. |
| Scherzetto für chromatische Harfe | In einzelnen Nachweisen gesondert erwähnt; quellenkritisch mit dem zweiten Stück der 3 Pièces zusammenzuführen, sofern keine abweichende Fassung vorliegt. |
Kammermusik, Lieder und weitere Werkgruppen
| Piano Quintet | Klavierquintett; in lexikalischen Werkübersichten genannt, aber in frei zugänglichen Detailseiten weniger präsent. Das Werk ist als wichtiger Kammermusiknachweis Delabordes zu behandeln. |
|---|---|
| Mélodies und Lieder | Delaborde schrieb eine Anzahl von Liedern beziehungsweise Melodien. Einzelne Titel sind nach BnF-, Verlags- und Bibliotheksnachweisen zu ergänzen. |
| Kammermusik | Neben dem Klavierquintett sind kammermusikalische Bezüge in Widmungen, Bearbeitungen und Konzertpraxis zu berücksichtigen. |
| Werke für Klavier zu vier Händen | Besonders durch die Ouverture d’Attila und die Promenade de noctambules belegt; vierhändiges Klavier war ein wichtiges Medium der häuslichen und salonfähigen Werkverbreitung. |
Editionen von Werken Charles-Valentin Alkans
| Alleluia op. 25 | Von Delaborde edierter beziehungsweise in seiner editorischen Kategorie nachgewiesener Alkan-Titel. |
|---|---|
| 3 Andantes romantiques op. 13 | Alkan-Werk im editorischen Delaborde-Umfeld. |
| Benedictus op. 54 | Religiöses Alkan-Werk, das in Delabordes editorischem Nachweisbestand erscheint. |
| Bombardo-Carillon | Alkan-Werk und zugleich Widmungsbezug an Delaborde; besonders wichtig für die Alkan-Delaborde-Verbindung. |
| Capriccio alla soldatesca op. 50 | Von Delaborde edierter beziehungsweise überlieferter Alkan-Titel. |
| Le Chemin de fer op. 27 | Berühmte Eisenbahnetüde Alkans im editorischen Delaborde-Zusammenhang. |
| Concerti da camera op. 10 | Konzertante Alkan-Werke im editorischen Bestand Delabordes. |
| Esquisses op. 63 | Später Miniaturenzyklus Alkans, in Delabordes editorischem Nachweisbestand vertreten. |
| 12 Études dans tous les tons mineurs op. 39 | Monumentaler Alkan-Zyklus, dessen Überlieferung und spätere Sichtbarkeit eng mit editorischer Vermittlung verbunden ist. |
| Gigue et air de ballet op. 24 | Alkan-Werk im Delaborde-Editorbestand. |
| 3 Grandes études op. 76 | Alkans Studien für linke Hand, rechte Hand und beide Hände im editorischen Delaborde-Zusammenhang. |
| Impromptu sur le Choral de Luther op. 69 | Orgel- beziehungsweise Tastenwerk Alkans, das in Delabordes editorischer Kategorie nachgewiesen ist. |
| 3 Improvisations dans le style brillant op. 12 | Alkan-Werk im editorischen Bestand. |
| 3 Marches quasi da Cavalleria op. 37 | Alkan-Märsche im editorischen Delaborde-Zusammenhang. |
| Les Mois op. 74 | Zyklus charakteristischer Klavierstücke von Alkan im editorischen Bestand. |
| Nocturne op. 22 | Alkan-Nocturne im editorischen Delaborde-Zusammenhang. |
| 2 Nocturnes op. 57 | Weitere Alkan-Nocturnes im editorischen Bestand. |
| 3 Petites fantaisies op. 41 | Alkan-Werk im Delaborde-Editorbestand. |
| 2 Petites pièces op. 60 | Alkan-Werk im editorischen Zusammenhang. |
| Le Preux op. 17 | Concert-Etüde beziehungsweise heroisches Alkan-Stück im editorischen Delaborde-Bestand. |
| 13 Prières op. 64 | Religiöser Alkan-Zyklus im Delaborde-Editorbestand. |
| Quasi Caccia op. 53 | Alkan-Stück im editorischen Nachweisbestand. |
| Réconciliation op. 42 | Alkan-Stück im editorischen Bestand. |
| Recueil de Chants op. 38 | Chants-Zyklus Alkans im Delaborde-Editorbestand. |
| Recueil de Chants op. 67 | Weiterer Chants-Zyklus Alkans im editorischen Bestand. |
| Recueil de Chants op. 70 | Weiterer Chants-Zyklus Alkans im editorischen Bestand. |
| Saltarelle op. 23 | Virtuoses Alkan-Stück im Delaborde-Editorbestand. |
| Salut, cendre du pauvre op. 45 | Alkan-Stück mit sozial-moralischem Titel im editorischen Bestand. |
| 3 Scherzi di bravoure op. 16 | Alkan-Werk im editorischen Delaborde-Zusammenhang. |
| Souvenirs de musique de chambre | Alkan-Werk beziehungsweise Bearbeitungszusammenhang im editorischen Bestand. |
| Super flumina Babylonis op. 52 | Biblisch geprägtes Alkan-Hauptwerk im Delaborde-Editorbestand. |
| Toccatina op. 75 | Spätes virtuoses Alkan-Stück im editorischen Bestand. |
| Une Fusée op. 55 | Virtuoses Alkan-Stück im editorischen Delaborde-Zusammenhang. |
| Variations à la vielle | Alkan-Variationswerk im editorischen Bestand. |
| Variations on a Theme of Steibelt op. 1 | Frühes Alkan-Werk im editorischen Nachweisbestand Delabordes. |
Weitere Editionen und editorische Fremdwerke
| Carl Maria von Weber: Oberon | Von Delaborde edierter beziehungsweise bearbeiteter Werkzusammenhang in der IMSLP-Editor-Kategorie. |
|---|---|
| Georg Friedrich Händel: Samson | Händel-Werk im editorischen Nachweisbestand Delabordes. |
| Wolfgang Amadeus Mozart: Streichquartett A-Dur KV 464 | Mozart-Werk im editorischen beziehungsweise transkribierenden Delaborde-Umfeld. |
| Wolfgang Amadeus Mozart: Thamos, König in Ägypten | Mozart-Werk im editorischen Nachweisbestand. |
| Carl Maria von Weber: Trio g-Moll op. 63 | Weber-Werk im editorischen beziehungsweise transkribierenden Delaborde-Kontext. |
Widmungszusammenhänge
| Charles-Valentin Alkan: Bombardo-Carillon | Werk, das in der Kategorie der Delaborde gewidmeten Werke erscheint; wichtiger Hinweis auf die persönliche und musikalische Nähe. |
|---|---|
| Camille Saint-Saëns: Klavierkonzert Nr. 3 op. 29 | Delaborde gewidmet; einer der wichtigsten Widmungsbelege seiner pianistischen Autorität. |
| Benjamin Godard: Études artistiques op. 42 | Delaborde gewidmete Etüdensammlung beziehungsweise Widmungsnachweis. |
| Théodore Dubois: 12 Études de concert | Widmungsbezug an Delaborde und Hinweis auf seine Bedeutung für die französische Klavieretüde. |
| Stephen Heller: Variations on a Theme by Beethoven op. 133 | Widmungsnachweis an Delaborde; Verbindung zur deutsch-französischen Klaviertradition. |
| Alexis de Castillon: Violinsonate op. 6 | Widmungsnachweis im Delaborde-Umfeld. |
| Paul Lacombe: Klaviertrio Nr. 1 op. 12 | Werk mit Widmungsbezug an Delaborde. |
| Weitere Widmungen | IMSLP weist insgesamt 25 Delaborde gewidmete Werkseiten aus. Diese Widmungen zeigen seine Sichtbarkeit im französischen und europäischen Musiknetzwerk. |
Quellenkritischer Befund
| Gesichert | Delaborde war Pianist, Komponist, Musikpädagoge, Pedalklavierspieler, Professor am Conservatoire de Paris, Alkan-Schüler, Herausgeber zahlreicher Alkan-Werke und Mitglied eines prominenten Pariser Musik- und Künstlernetzwerks. |
|---|---|
| Gesicherte Werkgruppen | Oper, Opéra-comique, Ouvertüre, Klavierfantasie, Etüde, Prélude, Kadenz, Paraphrase, vierhändiges Klavierstück, Harfenstück, Klavierstück, Kammermusik und Lied. |
| Editorische Bedeutung | Besonders wichtig sind die zahlreichen Editionen beziehungsweise editorischen Nachweise zu Werken Charles-Valentin Alkans, durch die Delaborde zu einem zentralen Vermittler der Alkan-Rezeption wurde. |
| Nicht gesichert | Die amtliche Vaterschaft Charles-Valentin Alkans. Sie ist wahrscheinlich und traditionsstark, aber nicht dokumentarisch endgültig gesichert. |
| Darstellungsempfehlung | Delaborde sollte als eigenständiger Personenartikel unter seinem Namen geführt werden, zugleich aber im erweiterten Alkan-Komplex deutlich verlinkt werden. |
Rezeption und kulturgeschichtliche Bedeutung
Delabordes Rezeption ist gespalten. Zu Lebzeiten war er als Pianist, Lehrer und gesellschaftliche Figur sichtbar. Als Komponist blieb er nach seinem Tod weitgehend im Hintergrund. Sein Werk wurde lange kaum aufgeführt und erst in jüngerer Zeit punktuell wiederentdeckt. Besonders seine Etüden, Klavierstücke und die Carmen-Fantasie zeigen eine Virtuosensprache, die zwischen Pariser Brillanz, Opernparaphrase und fin-de-siècle-naher Klangneugier steht.
Seine Bedeutung für die Alkan-Rezeption ist erheblich. Delaborde war wahrscheinlich Alkans natürlicher Sohn, sicher aber dessen Schüler und editorischer Vermittler. Er spielte Alkan, edierte Alkan und hielt damit eine Werktradition lebendig, die leicht hätte marginalisiert werden können. Gerade weil Charles-Valentin Alkan lange als exzentrischer Außenseiter galt, war ein Vermittler wie Delaborde wichtig.
Auch als Professor am Conservatoire war Delaborde wirkungsgeschichtlich relevant. Er vermittelte eine romantische Virtuosentradition an spätere Pianistinnen und Pianisten. Seine Schülerliste zeigt, dass er in die internationale Ausbreitung französischer Klavierpädagogik hineinwirkte. Damit steht er an der Schnittstelle von Salon, Konzert, Institution und Pädagogik.
Seine Nähe zu Bizet, Manet, Saint-Saëns, Viardot, Turgenev und Guiraud macht ihn zu einer Figur der Pariser Kulturgesellschaft. Er war nicht nur Musiker im engen Sinn, sondern Teil eines Milieus, in dem Musik, Literatur, Malerei, Oper, persönliche Beziehungen und öffentliche Reputation eng miteinander verwoben waren.
Für das Kulturlexikon ist Delaborde besonders wichtig, weil er den erweiterten Alkan-Komplex abschließt und zugleich öffnet. Er gehört nicht eigentlich zur Namensfamilie Morhange/Alkan, aber er gehört zur Alkan-Geschichte. Sein Eintrag verhindert, dass die Alkan-Reihe nur genealogisch verstanden wird; sie wird dadurch zu einem Netzwerk von Abstammung, Unterricht, Werküberlieferung, Instrumentenpraxis und Pariser Kultur.
Sekundärliteratur
- Bellman, Jonathan: Studien zur romantischen Klavierparaphrase, Virtuosität und Transkription. Nützlich für Delabordes Carmen-Fantasie, Kadenzen und Opernparaphrasen.
- Conway, David: Jewry in Music: Entry to the Profession from the Enlightenment to Richard Wagner. Cambridge: Cambridge University Press, 2012. Kontext zur jüdischen Musikeremanzipation und zum weiteren Umfeld von Alkan, Delaborde und der Pariser Musikgesellschaft.
- Curtis, Mina: Bizet and His World. New York: Knopf, 1958. Wichtige Quelle zum Bizet-Umfeld und zu Delabordes Beziehung zur Pariser Gesellschaft nach Bizets Tod.
- Eddie, William Alexander: Charles Valentin Alkan: His Life and His Music. Aldershot: Ashgate, 2007. Biographie Charles-Valentin Alkans mit Angaben zu Delaborde, Pedalklavier, Vaterschaftstradition und Alkan-Rezeption.
- François-Sappey, Brigitte, Hrsg.: Charles Valentin Alkan. Paris: Fayard, 1991. Grundlegender französischer Sammelband zur Alkan-Forschung und zum Umfeld Delabordes.
- François-Sappey, Brigitte, und François Luguenot: Charles-Valentin Alkan. Paris: Bleu Nuit, 2013. Neuere kompakte Darstellung mit Familien- und Rezeptionsbezügen, für Delaborde besonders als Alkan-Schüler und Vermittler einschlägig.
- Macdonald, Hugh: Bizet. Oxford: Oxford University Press. Biographischer Kontext zu Georges Bizet und Delabordes Nähe zum Bizet-Kreis.
- Philipp, Isidor: Ausgaben und pädagogische Sammlungen zur französischen Klaviertradition. Wichtig wegen der Zusammenarbeit beziehungsweise editorischen Nähe bei der Überlieferung von Alkan-Werken.
- Ratner, Sabina Teller: Arbeiten zu Camille Saint-Saëns und französischer Konzertmusik. Nützlich für den Widmungszusammenhang des dritten Klavierkonzerts von Saint-Saëns an Delaborde.
- Smith, Ronald: Alkan: The Man, The Music. London: Kahn & Averill, 2000. Zentrales Werk der Alkan-Forschung mit ausführlichem Kontext zu Delaborde, Vaterschaftstradition und Alkan-Edition.
- Timbrell, Charles: French Pianism: A Historical Perspective. Portland: Amadeus Press, 1999. Wichtiger Überblick zur französischen Klavierschule, in der Delaborde als Lehrer und Pianist zu verorten ist.
- Baker’s Biographical Dictionary of Musicians: Artikel Delaborde, Elie (Miriam). Lexikalische Darstellung mit Lebensdaten, Alkan-Bezug, Lehrern, Reisen, Conservatoire-Tätigkeit und Werküberblick.
- Die Musik in Geschichte und Gegenwart, MGG Online: Artikel Alkan und einschlägige Verweise. Fachlexikalischer Rahmen zum Alkan-Komplex, in den Delaborde als mutmaßlicher Sohn, Schüler und Herausgeber einzubeziehen ist.
- The New Grove Dictionary of Music and Musicians: Artikel zu Delaborde, Alkan, French pianism, Paris Conservatoire und nineteenth-century piano culture. Internationaler Forschungsrahmen für Delabordes Leben, Werk, Lehrer und Rezeption.
Ausgewählte Onlinequellen
- Alkan Society: Books and articles Bibliographischer Einstieg in die Alkan-Forschung, besonders nützlich für Delabordes Stellung als Alkan-Schüler, möglicher Sohn und editorischer Vermittler.
- BnF Data: Eraïm Miriam Delaborde – Toutes ses œuvres Ressourcenübersicht der Bibliothèque nationale de France mit umfangreichem Werk-, Ausgabe- und Katalogbestand zu Delaborde.
- Bru Zane Mediabase: Élie-Miriam-Éraïm Delaborde Kurzprofil zu Delaborde als französischem Pianisten und Komponisten mit Lebensdaten und Normkontext.
- Encyclopedia.com: Delaborde, Elie (Miriam) Lexikalischer Artikel mit Lebensdaten, Alkan-Vaterschaftstradition, Lehrern, Reisen, Conservatoire-Professur und Werküberblick.
- Gallica: Eraïm Miriam dit Elie Delaborde Digitaler Bild- beziehungsweise Porträt- und Katalogzugang der BnF zu Delaborde; nicht als Bild eingebunden, aber als Quellen- und Namensnachweis nützlich.
- IMSLP: Elie Miriam Delaborde Freie Noten- und Komponistenseite mit Namensvarianten, Lebensdaten, 13 Kompositionsseiten, 3 Arrangements, 40 editorischen Nachweisen und 25 Widmungsseiten.
- IMSLP: 3 Pièces pour harpe chromatique Werkseite zu Delabordes drei Stücken für chromatische Harfe oder Klavier von 1903.
- IMSLP: Étude de concert No. 2 Werkseite zur zweiten Konzertetüde für Klavier, mit Widmung an Francis Planté.
- IMSLP: Exercices de lecture op. 14 Werkseite zu Delabordes pädagogisch geprägten Leseübungen für Klavier von 1887.
- IMSLP: Ouverture d’Attila Werkseite zur Ouvertüre in f-Moll, 1879 bei Choudens in einer vierhändigen Klavierfassung veröffentlicht.
- IMSLP: Delaborde als Editor Übersicht der von Delaborde edierten Werke, darunter zahlreiche Stücke Charles-Valentin Alkans.
- IMSLP: Delaborde als Widmungsträger Übersicht der Delaborde gewidmeten Werke, darunter Saint-Saëns’ drittes Klavierkonzert und Alkans Bombardo-Carillon.
- Musopen: Élie-Miriam Delaborde Kurzer biographischer und werkbezogener Zugang zu Delaborde als französischem Pianisten und Komponisten.
- WorldCat: Élie-Miriam Delaborde Internationaler Bibliothekskatalog zur Recherche nach Noten, Aufnahmen, Büchern und Sekundärliteratur unter der gebräuchlichen Namensform.
- WorldCat: Eraïm Miriam Delaborde Suchvariante unter der Geburts- beziehungsweise Alternativform des Namens.
Weiterführende Einträge
- Alkan, Charles-Valentin Wahrscheinlicher natürlicher Vater, Lehrer und zentraler Werkbezug Delabordes.
- Alkan, Familie Jüdisch-französischer Familien- und Rezeptionskontext, in den Delaborde als mutmaßlicher Sohn und editorischer Vermittler gehört.
- Bach, Johann Sebastian Komponist, zu dessen Konzert BWV 1052 Delaborde eine Kadenz schrieb.
- Beethoven, Ludwig van Komponist, zu dessen viertem Klavierkonzert Delaborde eine Kadenz verfasste.
- Bizet, Georges Freund Delabordes und Bezugspunkt seiner Carmen-Fantasie sowie seiner Pariser Netzwerke.
- Carmen Oper von Bizet, über die Delaborde eine große Konzertfantasie schrieb.
- Chromatische Harfe Instrument, für das Delaborde 1903 Stücke im System Gustave Lyon schrieb.
- Conservatoire de Paris Institution, an der Delaborde ab 1873 als Professor für Klavier wirkte.
- Delaborde, Élie-Miriam Alphabetische Hauptansetzung für den Pianisten, Komponisten, Pedalklavierspieler und Alkan-Herausgeber.
- Etüde Zentrale pianistische Gattung in Delabordes Konzert- und Übungswerken.
- Französische Klavierschule Tradition, in der Delaborde als Virtuose, Lehrer und Conservatoire-Professor steht.
- Geneviève Bizet Wichtige Figur in Delabordes Pariser Gesellschafts- und Bizet-Umfeld.
- Henselt, Adolf von Klavierlehrer Delabordes und Vertreter einer deutsch geprägten Virtuosenschule.
- Herausgeber Rolle Delabordes bei der Überlieferung und Edition zahlreicher Werke Charles-Valentin Alkans.
- IMSLP Freie Notenplattform, die Delabordes Werke, Arrangements, Editionen und Widmungsnachweise erschließt.
- Kadenz Kompositorische Form, in der Delaborde Beiträge zu Bach- und Beethoven-Konzerten schrieb.
- Klavierfantasie Gattung, in der Delabordes Grande fantaisie de concert sur Carmen steht.
- Klaviermusik Hauptfeld von Delabordes kompositorischer und pädagogischer Tätigkeit.
- Liszt, Franz Lehrer Delabordes und zentraler Vertreter internationaler romantischer Klaviervirtuosität.
- Manet, Édouard Maler und Freund Delabordes im Pariser Kunstmilieu.
- Moscheles, Ignaz Lehrer Delabordes und Vertreter der klassisch-virtuosen Klaviertradition.
- Oper Gattung, in der Delaborde mit Maître Martin und La Reine dort vertreten ist.
- Opernparaphrase Gattung zwischen Opernrezeption und Klaviervirtuosität, wichtig für Delabordes Carmen-Fantasie.
- Paris Geburts-, Ausbildungs-, Wirkungs- und Sterbeort Delabordes.
- Pariser Musikleben Kultureller Rahmen von Delabordes Virtuosenkarriere, Conservatoire-Tätigkeit und Künstlernetzwerken.
- Pedalklavier Instrument, das Delaborde mit Charles-Valentin Alkan verbindet.
- Pedalflügel Tasteninstrument zwischen Klavier und Orgel, wichtig für den Alkan-Delaborde-Komplex.
- Père-Lachaise Pariser Friedhof, auf dem Delaborde nach seinem Tod 1913 beigesetzt wurde.
- Philipp, Isidor Pianist und Pädagoge, wichtig für die spätere Edition und Vermittlung der Alkan-Werke.
- Pianist Berufsrolle Delabordes als Virtuose, Lehrer und Widmungsträger bedeutender Klavierwerke.
- Poitevin, Marie Schülerin Delabordes und Widmungsträgerin von César Francks Prélude, Choral et Fugue.
- Saint-Saëns, Camille Komponist, der Delaborde sein drittes Klavierkonzert widmete.
- Samaroff, Olga Pianistin und Delaborde-Schülerin mit internationaler Wirkung.
- Transkription Gattung und Praxis, in der Delaborde als Bearbeiter und Herausgeber tätig war.
- Van Barentzen, Aline Pianistin und Delaborde-Schülerin der französischen Klavierschule.
- Vieuxtemps, Henri Geiger, mit dem Delaborde auftrat beziehungsweise im internationalen Virtuosennetzwerk verbunden war.
- Viardot, Pauline Sängerin und Salonfigur im Pariser Netzwerk Delabordes.
- Wieniawski, Henryk Geiger, mit dem Delaborde in Konzert- und Virtuosenkontexten verbunden war.