Thoinot Arbeau

Anagramm für Jehan Tabourot; * 17. März 1520 in Dijon; † 23. Juli 1595 in Langres. Französischer Tanztheoretiker, Geistlicher, Kanoniker und Autor der Orchésographie.

Überblick

Thoinot Arbeau ist das anagrammatische Pseudonym des französischen Geistlichen Jehan Tabourot. Er wurde am 17. März 1520 in Dijon geboren und starb am 23. Juli 1595 in Langres. Kulturgeschichtlich ist er vor allem durch seine Orchésographie bekannt, einen 1589 in Langres gedruckten Dialogtraktat über den Renaissancetanz. Das Werk beschreibt Tanzschritte, musikalische Formen, gesellschaftliche Umgangsregeln, Körperhaltung, Tanzetikette, militärisches Trommeln, Pfeifen- und Marschpraxis und gehört zu den wichtigsten Quellen der europäischen Tanzgeschichte.

Die Orchésographie ist weit mehr als ein Tanzhandbuch. Sie ist zugleich ein Dokument der Renaissance-Bildung, ein musiktheoretisches Quellenwerk, ein Zeugnis höfischer und städtischer Gesellschaftskultur und ein frühes Beispiel systematischer Tanznotation. Arbeau verbindet Musik und Bewegung so, dass die Noten senkrecht neben den Schrittanweisungen erscheinen. Dadurch wird sichtbar, auf welchen Ton, welche Zählzeit und welchen Bewegungsimpuls ein bestimmter Schritt fällt. Für die Rekonstruktion historischer Tänze ist diese Verbindung von Schrift, Musik und Körper bis heute grundlegend.

Besonders wichtig ist Arbeaus Werk für Branle, Pavane, Gaillarde, Tourdion, Basse danse, Allemande, Courante, Gavotte, Morisque und Volte. Zugleich enthält das Werk Tanzmelodien, darunter die bis heute bekannte Pavane Belle qui tiens ma vie, und zahlreiche Hinweise zur Aufführungspraxis des 16. Jahrhunderts.

Kurzdaten

Name Thoinot Arbeau.
Bürgerlicher Name Jehan Tabourot, modern auch Jean Tabourot.
Namensform „Thoinot Arbeau“ ist ein Anagramm von „Jehan Tabourot“; die ältere Schreibung des Namens begünstigt die anagrammatische Umformung.
Geburt 17. März 1520 in Dijon, Frankreich.
Tod 23. Juli 1595 in Langres, Frankreich.
Beruf Tanztheoretiker, Geistlicher, Kanoniker, Autor, Musikschriftsteller und Verfasser eines grundlegenden Dialogtraktats über Tanz, Musik, Körperhaltung und gesellschaftliche Tanzpraxis der Renaissance.
Wirkungsort Vor allem Langres, wo Arbeau als Kanoniker wirkte und seine wichtigsten Drucke im Umfeld des Druckers Jehan des Preyz erschienen.
Hauptwerk Orchésographie. Et traicté en forme de dialogue, par lequel toutes personnes peuvent facilement apprendre et practiquer l’honneste exercice des dances, Langres, Jehan des Preyz, 1589.
Gattungen und Themen Tanztraktat, Tanznotation, Tanzmusik, gesellschaftliche Etikette, Renaissancetanz, Branle, Pavane, Gaillarde, Tourdion, Basse danse, Morisque, Volte, Trommel- und Marschpraxis.
Bedeutung Arbeau ist eine der wichtigsten Quellenfiguren für die Rekonstruktion französischer und nordeuropäischer Tanzpraxis des späten 16. Jahrhunderts.

Name und Anagramm

Der Name Thoinot Arbeau ist kein Geburtsname, sondern ein Pseudonym. Er ist als Anagramm aus Jehan Tabourot gebildet. In der Frühen Neuzeit waren solche gelehrten Namenspiele nicht ungewöhnlich. Sie erlaubten Distanzierung, Selbstinszenierung und zugleich intellektuelle Verschlüsselung. Bei einem Geistlichen, der ein ausführliches Buch über Tanz veröffentlichte, besaß ein Pseudonym außerdem eine soziale und moralische Funktion: Es trennte die amtliche Person des Kanonikers Jehan Tabourot von der literarischen Stimme des Tanzlehrers Thoinot Arbeau.

Die anagrammatische Form ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie das Werk selbst spiegelt. Die Orchésographie übersetzt Bewegung in Schrift, Musik in Körperanweisung, gesellschaftliche Praxis in Ordnung. Das Anagramm übersetzt einen Namen in eine andere Form, ohne seine Buchstabensubstanz völlig zu verlieren. Schon der Name macht also sichtbar, wie stark Arbeaus Denken vom Ordnen, Umstellen, Systematisieren und Lesbarmachen geprägt ist.

Für die Recherche ist die Unterscheidung wesentlich. Bibliotheken und Musikdatenbanken führen ihn teils unter Arbeau, Thoinot, teils unter Tabourot, Jehan oder Tabourot, Jean. In einem Kulturlexikon sollte das Lemma Thoinot Arbeau verwendet werden, weil dieses Pseudonym mit der Orchésographie verbunden ist. Der bürgerliche Name muss jedoch unmittelbar genannt werden, damit Person, Werk und historische Identität eindeutig bleiben.

Biographie

Jehan Tabourot wurde am 17. März 1520 in Dijon geboren. Er stammte aus einem burgundischen Umfeld, in dem gelehrte Bildung, städtische Kultur, kirchliche Laufbahn und humanistische Interessen eng miteinander verbunden waren. Später wirkte er als Geistlicher und Kanoniker in Langres. Diese Stadt war im 16. Jahrhundert ein bedeutender kirchlicher und regionaler Mittelpunkt, zugleich aber von den politischen und religiösen Spannungen der französischen Religionskriege berührt.

Die geistliche Laufbahn Tabourots steht nicht im Widerspruch zu seinem Interesse an Tanz. In der Renaissance konnte Tanz als geordnete, gesellschaftlich kontrollierte und körperlich disziplinierte Kunst verstanden werden. Besonders in gebildeten katholischen und jesuitisch beeinflussten Kreisen wurde Tanz nicht notwendig als bloße Eitelkeit betrachtet, sondern als Teil höfischer Erziehung, sozialer Gewandtheit, Körperbeherrschung und moralisch kontrollierter Geselligkeit. Arbeaus Traktat verteidigt daher nicht den Tanz als wildes Vergnügen, sondern beschreibt ihn als „honneste exercice“, also als anständige, ehrbare Übung.

Langres war für Arbeaus Werk entscheidend. Dort entstand der Druckzusammenhang mit Jehan des Preyz, dem ersten bedeutenden Drucker der Stadt. Des Preyz veröffentlichte nicht nur die Orchésographie, sondern auch andere Werke aus dem Umfeld Tabourots. Die Druckkultur von Langres ist daher nicht bloß äußerer Rahmen. Ohne den lokalen Drucker, das kirchlich-gelehrte Milieu und die publizistische Energie der späten 1580er Jahre wäre die Orchésographie kaum in dieser Form überliefert.

Arbeau starb am 23. Juli 1595 in Langres. Sein Nachruhm beruht fast vollständig auf der Orchésographie. Dass ein einzelnes Werk eine solche Wirkung entfalten konnte, liegt an seiner einzigartigen Quellenlage: Für viele französische und nordeuropäische Tänze der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist Arbeau die ausführlichste oder sogar die einzige so genaue Quelle.

Die Orchésographie

Die Orchésographie erschien 1589 in Langres bei Jehan des Preyz. Der vollständige Titel lautet in modernisierter Form: Orchésographie. Et traicté en forme de dialogue, par lequel toutes personnes peuvent facilement apprendre et practiquer l’honneste exercice des dances. Bereits der Titel erklärt das Programm. Es handelt sich um eine Schrift über das Schreiben beziehungsweise Aufzeichnen des Tanzes, zugleich um einen Dialogtraktat, durch den Menschen das ehrbare Tanzen leicht lernen und ausüben können.

Die Dialogform ist zentral. Arbeau lässt einen Lehrer und einen Schüler miteinander sprechen. Der Schüler trägt den Namen Capriol, der Lehrer erklärt Tanzschritte, Körperhaltung, musikalische Zählung, gesellschaftliche Höflichkeit und praktische Ausführung. Dadurch wird das Buch nicht zu einem trockenen Regelverzeichnis, sondern zu einer Unterrichtsszene. Der Leser wird in die Rolle eines Lernenden versetzt und kann Schritt für Schritt nachvollziehen, wie ein Tanz verstanden, gezählt und körperlich realisiert wird.

Die Bedeutung der Orchésographie liegt vor allem in der Verbindung von Musiknotation und Tanzschritt. Arbeau setzt die Noten auf der Seite so, dass neben ihnen die jeweiligen Schritte stehen. Dadurch entsteht eine frühe synoptische Tanzschrift. Sie zeigt nicht nur, welche Melodie gespielt wird, sondern auch, wie der Körper auf diese Musik reagiert. Für die historische Tanzforschung ist dieses Verfahren von außerordentlichem Wert, weil es die Bewegungsstruktur nicht nur verbal beschreibt, sondern zeitlich an die Musik bindet.

Das Werk umfasst nicht nur höfische Tänze im engen Sinn. Es enthält auch Hinweise auf ländliche oder halbpopuläre Formen, auf Branles verschiedener Art, auf die militärische Trommel- und Pfeifenpraxis, auf Morisken, Schwerttanz, Volte und gesellschaftliche Etikette. Arbeau beschreibt also nicht nur ein Repertoire, sondern eine ganze Kultur der Bewegung.

Tanznotation, Musik und Körper

Arbeaus Notationsverfahren ist einfach, aber wirkungsvoll. Es setzt die Musik in Beziehung zum Schritt. Der Tänzer kann erkennen, wann er einen einfachen Schritt, einen doppelten Schritt, einen Sprung, eine Reverenz, eine Grève oder eine andere Bewegung auszuführen hat. Dieses Verfahren ist keine moderne abstrakte Bewegungsnotation, aber es ist ein entscheidender Schritt zur Schriftlichkeit des Tanzes. Die flüchtige Bewegung wird kontrollierbar, lehrbar und erinnerbar.

Die Orchésographie zeigt außerdem, dass Tanz und Musik im 16. Jahrhundert nicht getrennt gedacht werden dürfen. Ein Tanz ist nicht bloß eine Folge von Schritten, die zufällig von Musik begleitet wird. Umgekehrt ist die Tanzmusik nicht bloß ein akustischer Hintergrund. Beide bilden eine Struktur. Der Schritt artikuliert die Musik körperlich; die Musik ordnet die Bewegung zeitlich. Arbeaus Schrift macht diese wechselseitige Abhängigkeit sichtbar.

Für die Musikgeschichte ist dies besonders bedeutsam, weil viele Tanzmelodien der Renaissance nur dann vollständig verstanden werden, wenn ihre körperliche Funktion berücksichtigt wird. Metrum, Phrase, Wiederholung, Akzent, Taktgefühl und Kadenz erhalten ihren Sinn durch die Bewegungslogik. Arbeau ist deshalb nicht nur eine Quelle für Tanzhistoriker, sondern auch für Musiker, Ensembles der Alten Musik, Dirigenten, Blockflötisten, Gambisten, Sänger und Interpreten historischer Aufführungspraxis.

Ausführlicher Kulturüberblick

Arbeaus Orchésographie ist ein Schlüsselwerk der europäischen Renaissance, weil sie eine Kultur sichtbar macht, die stark von Körper, Musik, Ordnung und sozialer Lesbarkeit geprägt war. Tanz war im 16. Jahrhundert nicht nur Unterhaltung. Er war ein Medium gesellschaftlicher Einübung. Wer tanzen konnte, zeigte Haltung, Selbstbeherrschung, Rhythmusgefühl, Kenntnis der Etikette und Fähigkeit zur kontrollierten Bewegung in der Gruppe. Tanz war damit ein soziales Zeichen.

Die Renaissance verstand den Körper nicht nur als natürliches Bewegungsinstrument, sondern als formbares Medium. Körperhaltung, Schritt, Blick, Reverenz, Drehung und Sprung konnten Anstand, Rang, Bildung und Geschlecht ausdrücken. Arbeaus ständige Hinweise auf Aufrichtung, Maß, Zurückhaltung und elegante Bewegung zeigen, dass Tanz als moralisch und sozial codierte Praxis verstanden wurde. Es geht nicht nur darum, einen Schritt richtig auszuführen, sondern darum, in der Gesellschaft richtig zu erscheinen.

Die Orchésographie entstand in einer Zeit religiöser und politischer Konflikte. Frankreich war von den Religionskriegen geprägt. In diesem Zusammenhang hatte Tanz auch eine konfessionelle und moralische Brisanz. Reformierte Kritik konnte Tanz als Eitelkeit oder Gefahr betrachten; katholische und humanistisch geprägte Kreise konnten ihn dagegen als geordnete, ehrbare und pädagogisch nützliche Übung verteidigen. Arbeaus Titel spricht ausdrücklich vom „honneste exercice des dances“. Diese Formulierung ist programmatisch: Tanz soll nicht als ausschweifende Lust erscheinen, sondern als ehrbare Kunst der Maßhaltung.

Die Dialogform zwischen Lehrer und Schüler passt in die pädagogische Kultur der Renaissance. Wissen wird nicht bloß gesammelt, sondern inszeniert. Der Schüler fragt, zweifelt, bittet um Erklärung; der Lehrer ordnet, erklärt und korrigiert. Damit wird die Schrift selbst zu einer Unterrichtssituation. Wer das Buch liest, tritt in eine Schule des Körpers ein. Diese Form macht die Orchésographie auch literarisch interessant, denn sie verbindet Fachtraktat, Lehrgespräch, Musikbuch und gesellschaftliche Anleitung.

Die Tanzformen, die Arbeau beschreibt, zeigen eine breite soziale Spannweite. Die Pavane und die Gaillarde gehören zu den bekannten höfischen Paarformen. Branles dagegen können Kreis- und Gruppentänze sein, die in verschiedenen sozialen Kontexten auftreten. Die Volte besitzt eine körperliche Kühnheit, die moralische Diskussionen auslösen konnte. Die Morisque verweist auf maskierte, exotisierende oder theatralische Tanzformen. Der Schwerttanz Les Bouffons verbindet Tanz mit Kampfspiel und Gruppenchoreographie. Arbeau überliefert damit nicht nur höfische Eleganz, sondern auch die Vielgestaltigkeit des Tanzlebens.

Für die Musikgeschichte ist die Orchésographie eine Quelle ersten Ranges. Sie enthält Melodien, Rhythmen, Taktmodelle und Hinweise auf Instrumentalpraxis. Die berühmte Pavane Belle qui tiens ma vie ist bis heute ein emblematisches Stück der Renaissance-Rezeption. Ebenso wichtig sind die Branles, Tourdions und Gaillardes, weil sie zeigen, wie eng musikalische Periodik und körperliche Bewegung verbunden waren. Eine musikalische Phrase ist hier nicht nur ein Klangabschnitt, sondern eine Bewegungsstrecke.

Besonders aufschlussreich ist die militärische Dimension. Arbeau behandelt Trommelrhythmen, Pfeifen, Marschieren und militärische Ordnung. Dadurch wird deutlich, dass Bewegungskultur nicht nur im Ballsaal existierte. Marsch, Parade, Trommelsignal und Tanz gehören zu einem größeren Feld rhythmischer Körperdisziplin. Die Gesellschaft der Renaissance ordnete Körper durch Musik: im Fest, im Krieg, in der Kirche, im Hofzeremoniell und in der städtischen Öffentlichkeit.

Die Orchésographie ist außerdem eine wichtige Quelle zur Geschichte des Drucks. Das Werk verbindet Text, Noten, Holzschnitte und typographische Anordnung. Die Seite selbst wird zum choreographischen Raum. Noten und Schrittwörter stehen nicht zufällig nebeneinander, sondern erzeugen eine visuelle Partitur der Bewegung. Diese typographische Leistung macht das Buch zu einem frühen Beispiel intermedialer Wissensdarstellung: Musik, Schrift, Bild und Bewegung werden in ein gemeinsames System gebracht.

In der modernen Rezeption wurde Arbeau zu einer Hauptquelle der historischen Tanzrekonstruktion. Ensembles der Alten Musik, historische Tanzgruppen, Choreographen, Musikwissenschaftler und Kulturhistoriker greifen bis heute auf die Orchésographie zurück. Dabei ist Vorsicht nötig: Arbeau beschreibt nicht „den“ Renaissancetanz schlechthin, sondern eine bestimmte französische Praxis aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Gerade diese Begrenzung macht das Werk jedoch wertvoll, weil es konkret, detailreich und sozial verortet ist.

Arbeaus Wirkung reicht sogar in die populäre Musik- und Weihnachtsliedgeschichte hinein. Die Melodie des Branle de l’Official wurde später mit dem englischen Weihnachtslied Ding Dong! Merrily on High verbunden. Auch Peter Warlocks Capriol Suite des 20. Jahrhunderts greift auf Tanzmelodien aus Arbeaus Umfeld zurück. Dadurch wurde die Orchésographie nicht nur ein Gegenstand historischer Forschung, sondern auch ein Reservoir moderner musikalischer Aneignung.

Werkverzeichnis

Das gesicherte Werkverzeichnis Thoinot Arbeaus beziehungsweise Jehan Tabourots ist schmal, aber wirkungsgeschichtlich außerordentlich bedeutend. Im Zentrum steht die Orchésographie. Daneben ist ein kalendarisch-astronomisches beziehungsweise kirchlich-kalendarisches Werk aus dem Umkreis der gregorianischen Kalenderreform zu nennen. Die folgende Übersicht unterscheidet zwischen gesicherten Drucken, wichtigen modernen Ausgaben und nicht selbständigen Bestandteilen der Orchésographie.

Gesicherte Drucke

  • Compot et manuel kalendrier. Langres: Jehan des Preyz, 1582. Der Druck behandelt den Lauf von Sonne und Mond sowie feste und bewegliche kirchliche Feste im Zusammenhang der gregorianischen Kalenderreform. Er gehört nicht unmittelbar zur Tanzgeschichte, zeigt aber Tabourots gelehrtes, kirchlich-kalendarisches Interesse und seine Verbindung zum Drucker Jehan des Preyz.
  • Orchésographie. Et traicté en forme de dialogue, par lequel toutes personnes peuvent facilement apprendre et practiquer l’honneste exercice des dances. Langres: Jehan des Preyz, 1589. Hauptwerk Arbeaus, angelegt als Dialog zwischen Lehrer und Schüler. Der Druck enthält Text, Musik, Holzschnitte, Schrittanweisungen, Tanznotation, Ausführungen zu gesellschaftlicher Etikette und Abschnitte über militärische Trommel- und Marschpraxis. Der Privilegienauszug ist auf November 1588 datiert.

Wichtige spätere Ausgaben und Übersetzungen

  • Orchésographie, Neuausgabe von 1888, herausgegeben im 19. Jahrhundert im Kontext der Wiederentdeckung historischer Tanzquellen. Diese Ausgabe machte Arbeaus Werk der modernen Forschung erneut zugänglich.
  • Orchesography, englische Übersetzung durch Cyril W. Beaumont, 1925. Diese Ausgabe spielte für die englischsprachige Wiederentdeckung der Renaissance-Tänze eine wichtige Rolle.
  • Orchesography, englische Übersetzung von Mary Stewart Evans, herausgegeben von Julia Sutton, Dover Publications, 1967. Diese moderne Ausgabe wurde besonders einflussreich für historische Tanzpraxis, Alte Musik und akademische Lehre.

Nicht als selbständige Werke zu zählen, aber für die Rezeption wichtig

  • Belle qui tiens ma vie. Pavane aus der Orchésographie; nicht als eigenständiger Druck Arbeaus zu behandeln, aber als bekanntestes musikalisches Einzelstück aus seinem Werkzusammenhang besonders wirksam.
  • Branle de l’Official. Tanzmelodie aus der Orchésographie, später in anderer Rezeption mit dem Weihnachtslied Ding Dong! Merrily on High verbunden.
  • Capriol Suite von Peter Warlock. Modernes Werk des 20. Jahrhunderts auf der Grundlage von Tanzmelodien aus Arbeaus Umfeld; keine Komposition Arbeaus, aber ein wichtiger Nachweis seiner Wirkungsgeschichte.

Inhalt der Orchésographie

Die folgende Übersicht nennt die wichtigsten Tanz-, Musik- und Bewegungskomplexe der Orchésographie. Sie ist kein modernes Werkverzeichnis selbständiger Kompositionen, sondern eine sachliche Erschließung des im Traktat beschriebenen Repertoires.

Tanzformen und Bewegungsarten

  • Basse danse. Ältere, würdevolle Tanzform, die in Arbeaus Darstellung bereits historisch reflektiert erscheint und den Übergang von spätmittelalterlicher zu renaissancistischer Tanzpraxis markiert.
  • Pavane. Feierlicher Schreittanz, verbunden mit repräsentativer Haltung und ruhiger Bewegung; besonders bekannt durch Belle qui tiens ma vie.
  • Gaillarde. Bewegter Tanz mit Sprüngen und den berühmten fünf Schritten; wichtig für Virtuosität, Körperkraft und höfische Gewandtheit.
  • Tourdion. Schneller Tanz in engem Zusammenhang mit der Gaillarde, aber leichter und fließender in der Ausführung.
  • Branle simple. Kreis- oder Gruppentanz mit einfachen seitlichen Schrittfolgen.
  • Branle double. Grundform des Branle mit doppelten Schrittbewegungen und regelmäßiger Gruppenstruktur.
  • Branles coupés. Zusammengesetzte Branles mit unregelmäßigeren Bewegungsfolgen, Sprüngen oder mimischen Elementen.
  • Branle de Bourgogne. Regional konnotierter Branle, der die Vielfalt französischer Tanzpraktiken sichtbar macht.
  • Branle de Champagne. Weiterer regionaler Tanztypus innerhalb der Branle-Familie.
  • Branle de Poitou. Regional gefärbte Branle-Form aus dem westfranzösischen Raum.
  • Branle d’Écosse. Tanz mit schottischem Bezug beziehungsweise schottischer Benennung im Repertoire Arbeaus.
  • Branle de Malte. Branle mit besonderer Herkunfts- oder Namensassoziation.
  • Branle des Lavandières. Mimischer Branle, in dem Waschfrauen-Gesten beziehungsweise Arbeitsszenen tänzerisch aufgenommen werden.
  • Branle des Pois. Branle mit spielerischer oder gestisch markierter Bewegungsform.
  • Branle des Hermites. Branle mit darstellerischem beziehungsweise figurativem Charakter.
  • Branle des Chevaux. Branle mit imitatorischen oder pantomimischen Elementen.
  • Branle de l’Official. Besonders rezeptionsgeschichtlich wichtig, weil seine Melodie später im englischen Weihnachtsliedrepertoire weiterlebte.
  • Gavotte. Tanzform, die Arbeau früh beschreibt und die später in der Barockmusik eine wichtige Rolle erhält.
  • Allemande. Tanz mit deutschem Bezug, bei Arbeau als Teil der internationalen Tanzkultur des 16. Jahrhunderts greifbar.
  • Courante. Frühform einer später zentralen Barocktanzgattung.
  • Volte. Körperlich kühner Paartanz mit Hebe- und Drehmomenten, moralisch und sozial besonders auffällig.
  • Morisque. Masken- und Schautanz mit exotisierender beziehungsweise theatraler Konnotation.
  • Canarie. Tanz, der mit den Kanarischen Inseln assoziiert wurde und in der späteren europäischen Tanzgeschichte fortwirkte.
  • Les Bouffons. Schwerttanz beziehungsweise Männer-Schautanz, den die Library of Congress als eine der nur bei Arbeau überlieferten Formen hervorhebt.

Musik, Trommel und Marsch

  • Tanzmelodien mit Schrittzuordnung. Die Orchésographie enthält zahlreiche Melodien, bei denen die Schrittanweisungen unmittelbar neben den Noten stehen.
  • Trommelrhythmen. Arbeau behandelt militärisches Trommeln und Rhythmusmodelle, die für Marsch und Ordnung von Bedeutung sind.
  • Pfeifen- und Marschpraxis. Die Schrift enthält Hinweise auf Pfeifen, Marschieren und die Verbindung von Musik, Körperbewegung und militärischer Formation.
  • Ballsaal-Etikette. Neben den Tänzen selbst werden Verbeugung, Haltung, Auftreten, Zurückhaltung und gesellschaftliche Form behandelt.

Rezeption und Nachwirkung

Die moderne Rezeption der Orchésographie begann vor allem mit dem historischen Interesse des 19. Jahrhunderts und wurde im 20. Jahrhundert durch Editionen, Übersetzungen, Alte-Musik-Ensembles und historische Tanzgruppen verstärkt. Seitdem gehört Arbeau zum Grundbestand der historischen Tanzpraxis. Wer Renaissance-Tänze rekonstruiert, kommt an ihm kaum vorbei.

In der Musik wurde Arbeau durch einzelne Melodien besonders bekannt. Belle qui tiens ma vie wurde zu einer Art klingendem Symbol der französischen Renaissance. Der Branle de l’Official lebte in späterer Weihnachtsliedrezeption weiter. Peter Warlocks Capriol Suite griff Tanzmelodien aus Arbeaus Umfeld auf und machte sie im 20. Jahrhundert für Konzertsaal und Schulmusik neu wirksam.

Die Forschung hat Arbeaus Werk nicht nur als praktisches Tanzhandbuch, sondern auch als technisches, rhetorisches und kulturgeschichtliches Dokument gelesen. Neuere Arbeiten betonen, dass Arbeau nicht einfach neutral dokumentiert, sondern eine bestimmte Vorstellung von Ordnung, Ehrbarkeit, Körperkontrolle und sozialem Lernen entwirft. Die Orchésographie ist daher zugleich Quelle und Konstruktion: Sie bewahrt Tanzpraxis und formt sie in einer didaktischen, moralisch und gesellschaftlich geordneten Darstellung.

Bedeutung

Arbeaus Bedeutung liegt in der außergewöhnlichen Verbindung von Tanz, Musik, Schrift und Gesellschaft. Ohne die Orchésographie wäre die Kenntnis vieler französischer Tänze des späten 16. Jahrhunderts deutlich ärmer. Sie bietet Schrittfolgen, Melodien, Erklärungen, gesellschaftliche Hinweise und Notationsverfahren in einer Dichte, die in der europäischen Tanzgeschichte selten ist.

Für die Musikgeschichte ist Arbeau wichtig, weil er die Funktion von Tanzmusik konkret erfahrbar macht. Tanzmelodien erscheinen nicht als abstrakte kleine Stücke, sondern als Bewegungsanleitungen. Dadurch werden Metrum, Wiederholung, Phrase und Rhythmus körperlich verständlich. Für die historische Aufführungspraxis ist das entscheidend, denn Musik der Renaissance gewinnt ihren Sinn oft erst aus dem Zusammenhang von Klang, Bewegung und sozialem Anlass.

Für die Literatur- und Mediengeschichte ist die Dialogform bedeutsam. Arbeau schreibt kein bloßes Lehrbuch, sondern inszeniert Unterricht. Das Werk ist rhetorisch klug aufgebaut, didaktisch klar und typographisch innovativ. Musiknoten, Wörter und Bewegungsangaben werden zu einer Art mehrdimensionaler Partitur. Damit ist die Orchésographie auch ein frühes Beispiel für die mediale Übersetzung körperlichen Wissens in Druckform.

Für ein Kulturlexikon ist Arbeau daher nicht nur als Tanztheoretiker zu behandeln. Er ist eine Schnittstellenfigur zwischen Musik, Tanz, Literatur, Druckkultur, Körperkultur und gesellschaftlicher Erziehung der Renaissance.

Sekundärliteratur

  • Arbeau, Thoinot: Orchesography. Übersetzt von Mary Stewart Evans, herausgegeben von Julia Sutton. New York: Dover Publications, 1967. Moderne englische Standardausgabe mit Einleitung und editorischer Erschließung.
  • Beaumont, Cyril W.: Orchesography. London 1925. Frühe englische Übersetzung und wichtiger Schritt der modernen Arbeau-Rezeption.
  • Brainard, Ingrid: The Art of Courtly Dancing in the Early Renaissance. West Newton, Massachusetts 1981. Für den weiteren Kontext höfischer Renaissance-Tanzpraxis nützlich.
  • Heartz, Daniel: Pierre Attaingnant, Royal Printer of Music. Berkeley/Los Angeles 1969. Für den französischen Musikdruck und Tanzmusik-Kontext des 16. Jahrhunderts wichtig.
  • Kendall, G. Yvonne: Arbeau, Thoinot. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. 2. Auflage. London: Macmillan 2001. Musikwissenschaftlicher Standardartikel zu Person, Werk und Rezeption.
  • McGowan, Margaret M.: Dance in the Renaissance. European Fashion, French Obsession. New Haven/London: Yale University Press 2008. Grundlegende Studie zur europäischen und französischen Tanzkultur der Renaissance.
  • Monahin, Nona: Writing for Posterity: A Reassessment of Arbeau’s Orchésographie (1589). In: Congress on Research in Dance Conference Proceedings 2015, S. 125–135. Neuere tanzwissenschaftliche Neubewertung des Traktats.
  • Needham, Maureen: I See America Dancing. Selected Readings, 1685–2000. Urbana/Chicago 2002. Für die weitere Geschichte von Tanzschrift, Tanzdidaktik und Körperkultur vergleichend nützlich.
  • Sutton, Julia: Studien und editorische Arbeiten zu Arbeau und zur historischen Tanzrekonstruktion. Besonders wichtig im Zusammenhang der Dover-Ausgabe von 1967.
  • Viard, Georges: Jean Tabourot, chanoine de Langres et maître à danser (1520–1595). In: Jean Tabourot et son temps. Langres 1989. Biographisch und lokalhistorisch wichtige Studie.

Ausgewählte Onlinequellen

  • BR-Klassik: Orchésographie Deutschsprachige Einführung zur Orchésographie als Lehrwerk für Tänze der ausgehenden Renaissance.
  • Britannica: Thoinot Arbeau Knapper biographischer Artikel mit Lebensdaten, Hinweis auf Jehan Tabourot und Einordnung der Orchésographie.
  • Cambridge Core: Writing for Posterity Forschungsartikel von Nona Monahin zur Neubewertung von Arbeaus Orchésographie und ihrer didaktischen Anspruchsstruktur.
  • CÉRÉdI: Jehan Des Preyz und Langres Studie zum Drucker Jehan des Preyz, zum Langreser Druckmilieu und zur Bedeutung der Orchésographie als erstem französischen Tanztraktat.
  • Google Books: Orchesography Bibliographische Seite zur englischen Ausgabe mit Hinweis auf Tänze wie Gaillarde, Pavane, Branle, Gavotte, Volte und Basse dance sowie auf 47 Tanzmelodien.
  • History of Information: Arbeau’s early dance notation Kurzer Überblick zur Bedeutung von Arbeaus Dialogtraktat und seinem System, Musik und Tanzschritte zu korrelieren.
  • IMSLP: Orchésographie Werkseite mit freien Digitalisaten, Notenhinweisen und kurzer Inhaltsbeschreibung zu Tanzformen, Trommeln, Pfeifen und Marschpraxis.
  • Library of Congress: Orchesographie Digitalisat und bibliographischer Katalogeintrag des Drucks von Langres 1589 mit Angaben zu Titel, Drucker, Anagramm, Notation, Musik und Online-PDF.
  • Library of Congress: Renaissance Dance Kontextartikel zur Renaissance-Tanzpraxis mit ausführlicher Einordnung der Orchésographie als französischer Schlüsselquelle.
  • Musicologie.org: Tabourot Jehan Französischsprachige biographische Seite mit Werkhinweisen, Digitalisatverweisen und Kontext zur Tabourot-Überlieferung.
  • Musopen: Orchésographie Freie Musikplattform mit kurzer Einführung und Noten- beziehungsweise Musikzugängen zu Arbeaus Orchésographie.
  • Open Library: Orchesography Bibliographische Seite zur englischen Ausgabe mit Beschreibung der Dialogform, der Tanzanleitung und der Korrelation von Musik und Schritten.

Weiterführende Einträge

  • Allemande Tanzform mit deutschem Bezug, die bei Arbeau zu den beschriebenen internationalen Tänzen der Renaissance gehört.
  • Alte Musik Aufführungs- und Forschungsfeld, in dem Arbeaus Tänze und Melodien bis heute praktisch rekonstruiert werden.
  • Basse danse Würdevolle Tanzform des Spätmittelalters und der frühen Renaissance, die Arbeau historisch und praktisch behandelt.
  • Belle qui tiens ma vie Pavane aus Arbeaus Orchésographie und eine der bekanntesten Melodien der französischen Renaissance-Rezeption.
  • Branle Französischer Kreis- und Gruppentanz, den Arbeau in zahlreichen Varianten besonders ausführlich beschreibt.
  • Capriol Suite Werk Peter Warlocks, das im 20. Jahrhundert Tanzmelodien aus Arbeaus Umfeld neu verarbeitet.
  • Courante Tanzform, die bei Arbeau früh fassbar ist und später in der Barocksuite zentrale Bedeutung erlangt.
  • Dijon Geburtsort Jehan Tabourots und wichtiger burgundischer Kulturraum der Renaissance.
  • Druckkultur Medialer Rahmen der Orchésographie, die Text, Noten, Holzschnitt und Tanzanweisung in einem Drucksystem verbindet.
  • Französische Renaissance Kultureller Rahmen für Arbeaus Tanz-, Musik- und Gesellschaftslehre.
  • Gaillarde Sprunghafter höfischer Tanz, dessen Schrittstruktur Arbeau besonders anschaulich erklärt.
  • Gavotte Tanzform, deren frühe Beschreibung bei Arbeau für die spätere Barockgeschichte wichtig ist.
  • Historische Aufführungspraxis Forschungs- und Musizierfeld, in dem Arbeaus genaue Verbindung von Musik und Bewegung zentral bleibt.
  • Jehan des Preyz Drucker in Langres, der die Orchésographie und weitere Werke aus Tabourots Umfeld veröffentlichte.
  • Körperkultur Übergreifender Begriff für die gesellschaftliche Disziplinierung und Formung des Körpers, die Arbeaus Tanzlehre dokumentiert.
  • Langres Wirkungs- und Sterbeort Arbeaus sowie Druckort der Orchésographie.
  • Morisque Masken- und Schautanzform, die in Arbeaus Repertoire als theatraler Tanztypus erscheint.
  • Musikdruck Technische und mediale Grundlage der gedruckten Verbindung von Noten, Text und Tanzanweisung.
  • Pavane Feierlicher Schreittanz, bei Arbeau besonders durch Belle qui tiens ma vie repräsentiert.
  • Renaissance Epoche, in der Arbeaus Denken über Tanz, Musik, Bildung und Gesellschaft verankert ist.
  • Renaissancetanz Zentraler Gegenstand der Orchésographie und eines der wichtigsten Felder historischer Tanzrekonstruktion.
  • Reverenz Verbeugungs- und Ehrbezeugungsgeste, die bei Arbeau zur Tanzetikette und Körperordnung gehört.
  • Tanz Künstlerische und gesellschaftliche Bewegungsform, die Arbeau als ehrbare, lehrbare Praxis beschreibt.
  • Tanzetikette Regeln des Auftretens, der Haltung und der höfischen beziehungsweise geselligen Selbstführung im Tanz.
  • Tanzgeschichte Forschungsfeld, in dem Arbeaus Orchésographie zu den Schlüsselquellen des 16. Jahrhunderts zählt.
  • Tanzmusik Musik, deren Form und Rhythmus bei Arbeau unmittelbar mit Bewegung und Schrittfolge verbunden sind.
  • Tanznotation Schriftliche Fixierung von Bewegung, die Arbeau durch die Kopplung von Noten und Schrittangaben entscheidend vorantrieb.
  • Tourdion Schneller Tanz der Renaissance, der bei Arbeau im Zusammenhang mit Gaillarde und Sprungtechnik steht.
  • Trommel Instrument und Signalmedium, das Arbeau im Zusammenhang von Militärmusik, Marsch und Rhythmus behandelt.
  • Volte Körperlich kühner Paartanz, dessen Beschreibung bei Arbeau für Tanz- und Sittengeschichte bedeutsam ist.