Allemande
Überblick
Die Allemande ist eine der wichtigsten europäischen Tanz- und Instrumentalformen zwischen Renaissance und Barock. Ihr Name bedeutet im Französischen zunächst „deutsch“ beziehungsweise „deutscher Tanz“. In der historischen Überlieferung begegnet sie unter zahlreichen Schreibweisen: allemand, almain, alman, almayne, almand, almond und weiteren Varianten. Diese Namensvielfalt ist kein bloß orthographisches Detail, sondern zeigt die weite Verbreitung der Form in Frankreich, England, Deutschland, Italien und den Niederlanden.
Als Tanz gehört die Allemande zunächst in den Bereich höfischer und gesellschaftlicher Bewegungsformen des 16. Jahrhunderts. Sie erscheint als würdevoller, schreitender Paartanz, oft im geraden Takt, mit Paaren, die sich geordnet durch den Raum bewegen. In Frankreich beschreibt Thoinot Arbeau in der Orchésographie eine Allemande als traditionsreiche Tanzform. In England wird die verwandte Form als almain oder alman in musikalischen Quellen sichtbar. Damit ist die Allemande schon früh sowohl Bewegungspraxis als auch instrumentales Musikstück.
Im 17. Jahrhundert löste sich die Allemande zunehmend von der unmittelbaren Tanzpraxis und wurde zu einer stilisierten Instrumentalform. Besonders in der Suite erhielt sie eine feste Stellung. In der klassischen Folge der barocken Suite steht sie gewöhnlich am Anfang des eigentlichen Tanzteils, also vor Courante, Sarabande und Gigue. Bei Johann Sebastian Bach, Johann Jakob Froberger, François Couperin, Georg Friedrich Händel und vielen anderen Komponisten wird sie zu einem Ort ernsthafter, oft kontrapunktisch oder imitatorisch geprägter Instrumentalmusik.
Kulturgeschichtlich ist die Allemande besonders interessant, weil sie einen Wandel zeigt, der für viele barocke Tanzformen typisch ist. Aus einem tatsächlichen Tanz wird eine musikalische Form; aus einer Bewegungsordnung wird ein Instrumentalsatz; aus höfischer Gesellschaftspraxis wird kunstvolle Kammermusik. Die Allemande bewahrt noch den Namen und bestimmte rhythmische Grundzüge des Tanzes, entwickelt aber im Laufe des 17. Jahrhunderts eine eigene musikalische Dignität. Sie kann schlicht, gravitätisch, imitatorisch, empfindsam, ornamentiert oder fast präludienhaft erscheinen.
Kurzdaten
| Lemma | Allemande. |
|---|---|
| Weitere Schreibweisen | allemand, almain, alman, almayne, almand, almond, almande, almany, danse allemande. |
| Grundbedeutung | Französisch „deutsch“ beziehungsweise „deutscher Tanz“; in England als almain oder alman überliefert. |
| Begriffstyp | Tanzform, Instrumentalform, Suitensatz, höfischer Gesellschaftstanz und musikgeschichtlicher Gattungsbegriff. |
| Zeitliche Hauptspanne | Vom 16. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nachweisbar; als stilisierte Instrumentalform besonders im 17. und frühen 18. Jahrhundert wichtig. |
| Herkunft | Wahrscheinlich aus dem deutschen Tanzbereich; die genaue Entstehung bleibt quellen- und begriffsgeschichtlich nicht vollständig gesichert. |
| Takt und Tempo | Meist gerader Takt, besonders 4/4 oder verwandte duple Mensuren; im barocken Instrumentalsatz gewöhnlich mäßiges, ernstes oder gravitätisches Tempo. |
| Typische Stellung | In der barocken Suite meist erster eigentlicher Tanzsatz, häufig nach einem Präludium und vor der Courante. |
| Form | In der Instrumentalsuite meist zweiteilige Form mit Wiederholungen; häufig mit Auftakt, imitatorischem Beginn, fließender Bewegung und ornamentierter Linienführung. |
| Zentrale Kulturfelder | Renaissance-Tanz, höfische Tanzkultur, Lautenmusik, Virginalmusik, Cembalomusik, Suite, Barockmusik, Tanznotation, Aufführungspraxis und musikalische Formgeschichte. |
Begriff, Schreibweisen und Grundbedeutung
Der Ausdruck Allemande stammt aus dem Französischen und bedeutet wörtlich „die Deutsche“ beziehungsweise „deutscher Tanz“. Diese Bedeutung ist jedoch nicht so zu verstehen, als sei jede historisch überlieferte Allemande unmittelbar eine authentische Volksform aus einem bestimmten deutschen Ort. Vielmehr bezeichnet der Name in der höfischen und musikalischen Überlieferung eine Tanz- und Satzform, die als „deutsch“ wahrgenommen, stilisiert und in verschiedene europäische Repertoires übernommen wurde.
Die vielen Schreibweisen sind für die Recherche entscheidend. Französische Quellen bevorzugen allemande oder danse allemande, englische Quellen schreiben almain, alman, almayne oder almand, in älteren Drucken können weitere Varianten erscheinen. In einem Werkverzeichnis oder Katalog muss deshalb immer mit mehreren Suchformen gearbeitet werden. Ein Stück, das in einer englischen Quelle als Alman erscheint, kann gattungsgeschichtlich zur Allemande gehören, auch wenn das Wort nicht in moderner französischer Form vorliegt.
Der Begriff bezeichnet zudem nicht immer dasselbe. Im 16. Jahrhundert kann eine tatsächliche Tanzpraxis gemeint sein. Im 17. Jahrhundert steht Allemande häufig für einen stilisierten Instrumentalsatz. Im 18. Jahrhundert kann der Name außerdem auf Figurentänze oder gesellschaftliche Tanzformen mit Armverschlingungen und Paarfiguren verweisen. Die Begriffsgeschichte ist daher mehrschichtig: Allemande meint Tanz, Musik, Herkunftsbezeichnung, Suitensatz und später auch eine Figurentanztradition.
Tanzform der Renaissance
In der Renaissance erscheint die Allemande als geordneter Paartanz. Die Tänzerinnen und Tänzer bilden Paare, bewegen sich in einer Reihe oder Prozessionsordnung durch den Raum und verbinden Schritte, Wendungen und Balancefiguren. Der Charakter ist eher würdevoll und schreitend als ausgelassen springend, obwohl lebhaftere Varianten möglich sind. Gerade diese Verbindung aus Ordnung, Paarkultur und räumlicher Prozession machte die Allemande für aristokratische Gesellschaften geeignet.
Arbeaus Orchésographie ist für diese Frühgeschichte besonders wichtig, weil sie Tanzschritte, Musik und gesellschaftliche Praxis zusammenführt. Die Allemande erscheint dort nicht isoliert, sondern neben anderen Tanzformen wie Pavane, Galliarde, Branle, Courante und Basse danse. Dadurch wird sichtbar, dass die Allemande in ein breites Repertoire höfischer Bewegungsformen eingebettet ist.
Die frühere Allemande ist noch nicht identisch mit der späteren Bach-Allemande. Sie besitzt eine erkennbare Tanzfunktion und eine einfachere, stärker körperbezogene musikalische Struktur. Die spätere Instrumentalform dagegen kann so kunstvoll werden, dass der konkrete Tanz kaum noch ausführbar oder zumindest nicht mehr vorrangig gemeint ist. Genau dieser Übergang vom Tanz zur Kunstform ist für die Musikgeschichte entscheidend.
Die Herkunft der Allemande ist nicht völlig eindeutig. Der Name verweist auf Deutschland, doch die Quellen sind international. Französische, englische, italienische und deutsche Überlieferungen greifen ineinander. Für die Kulturgeschichte ist deshalb weniger eine nationale Besitzfrage wichtig als die europäische Zirkulation: Ein als deutsch wahrgenommener Tanz wird in Frankreich benannt, in England unter veränderten Schreibweisen gespielt, in Italien in Tanz- und Instrumentalrepertoires aufgenommen und im Barock zu einer internationalen Suitengattung.
Almain, alman und englische Überlieferung
In England begegnet die Allemande besonders unter den Namen almain, alman oder almayne. Diese Stücke stehen in der englischen Instrumentalmusik des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts, vor allem in Lauten-, Virginal-, Consort- und Tanzquellen. Komponisten wie Anthony Holborne, Thomas Morley, John Dowland, William Byrd und weitere Vertreter der englischen Musik um 1600 stehen in diesem Umfeld.
Die englische Almain zeigt, dass die Allemande nicht nur ein französischer oder deutscher Gattungsname war, sondern in England eine eigene instrumentale Blüte entfaltete. Die Stücke sind häufig kurz, klar gegliedert, paarweise oder in Sammlungen überliefert und mit anderen Tanzformen kombiniert. In Consortmusik und Virginalmusik konnte die Almain einen höfischen, festlichen oder kammermusikalischen Charakter annehmen.
Für die englische Überlieferung ist die Schreibweise besonders problematisch. Ein Katalog, der nur nach „Allemande“ sucht, wird viele englische Stücke nicht finden. Umgekehrt darf nicht jedes Stück namens Alman ohne Prüfung mit der späteren barocken Allemande gleichgesetzt werden. Die englische Form gehört zwar zur gleichen Gattungsfamilie, besitzt aber eigene historische, rhythmische und stilistische Voraussetzungen.
Barocke Instrumentalform und Suite
Im Barock wurde die Allemande zu einem zentralen Satz der Suite. In vielen Suiten steht sie nach einem optionalen Präludium oder einer Ouvertüre und vor der Courante. Die Standardfolge Allemande, Courante, Sarabande und Gigue wurde besonders im deutschen und französischen Raum wichtig. Diese Ordnung ist nicht von Anfang an starr, setzte sich aber im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert als einflussreiches Modell durch.
Johann Jakob Froberger spielt in dieser Entwicklung eine Schlüsselrolle. Seine Suiten verbinden italienische, französische und deutsche Elemente und trugen wesentlich dazu bei, dass die Folge von Allemande, Courante, Sarabande und Gigue als geschlossener Instrumentalzyklus wahrgenommen wurde. Bei Froberger ist die Allemande nicht nur Tanzsatz, sondern ein ernsthafter, oft nachdenklicher Anfangssatz. Spätere Komponisten knüpften an dieses Modell an.
Bei Johann Sebastian Bach erreicht die stilisierte Allemande eine besondere Verdichtung. In den Französischen Suiten, Englischen Suiten, Partiten, Sonaten und Partiten für Violine solo und Cellosuiten erscheint die Allemande häufig als kunstvoller, fließender und ernsthafter Satz. Sie ist dort nicht mehr primär Tanzmusik, sondern eine instrumentale Reflexionsform, die Bewegung, Kontrapunkt, Harmonie und Linienführung miteinander verbindet.
Auch in französischer Cembalo- und Lautenmusik spielt die Allemande eine bedeutende Rolle. Komponisten wie François Couperin, Jacques Champion de Chambonnières, Jean-Henri d’Anglebert und Denis Gaultier entwickeln einen Stil, in dem die Allemande oft mit ornamentierter Linienführung, style brisé, freier Stimmenbewegung und höfischer Eleganz verbunden ist.
Metrum, Satztechnik und musikalischer Charakter
Die barocke Allemande steht meist im geraden Takt, besonders in 4/4 oder verwandten duplen Taktarten. Ihr Tempo ist mäßig, ihr Charakter häufig ernst, würdevoll, gravitätisch oder nachdenklich. Anders als die Gigue ist sie nicht primär schnell und springend; anders als die Sarabande ist sie nicht durch langsamen Dreiertakt bestimmt; anders als die Courante besitzt sie keine eigentliche Triple-Meter-Identität. Ihre Eigenart liegt im ruhig fließenden, gewichtigen Anfang des Suitenkerns.
Formal ist die Allemande in der Instrumentalmusik meistens zweiteilig. Beide Teile werden wiederholt. Der erste Teil führt häufig von der Grundtonart zur Dominante oder in eine verwandte Tonart; der zweite Teil kehrt zur Grundtonart zurück. Diese Grundform verbindet sich mit imitatorischen Einsätzen, Sequenzen, motivischer Arbeit, ornamentierter Melodik und gelegentlich dichter kontrapunktischer Bewegung.
Ein charakteristisches Merkmal vieler Allemanden ist der Auftakt. Der Satz beginnt nicht selten mit einer kurzen anlaufenden Figur, die in den ersten Volltakt hineinführt. Dieser Auftakt kann den Eindruck eines schreitenden, atmenden Beginns erzeugen. Im barocken Instrumentalsatz wird daraus häufig eine elegante, fast sprechende Geste. Die Allemande setzt nicht einfach ein; sie hebt an.
Der musikalische Charakter unterscheidet sich je nach Land, Instrument und Komponist. Französische Allemanden können ornamental, gebrochen und höfisch wirken; deutsche Allemanden können kontrapunktischer und gewichtiger erscheinen; englische Almains des 16. Jahrhunderts sind oft knapper und tanznäher; spätere Figurentanz-Allemanden des 18. Jahrhunderts haben wieder stärker gesellschaftliche Bewegungsfunktion. Die Gattung ist daher nicht auf ein einziges Schema zu reduzieren.
Achtzehntes Jahrhundert, Figurentanz und Nachleben
Im 18. Jahrhundert existieren mehrere Nachleben der Allemande nebeneinander. In der Kunstmusik bleibt sie als Suitensatz erhalten, besonders bei Bach und Händel. Gleichzeitig entwickelt sich eine gesellschaftliche Tanzform, die unter dem Namen Allemande oder danse allemande als Figurentanz mit Paaren, Armführungen, Drehungen und verschlungenen Handhaltungen auftritt. Diese spätere Allemande steht nicht mehr einfach in direkter Kontinuität zur Renaissance-Allemande, sondern gehört in die Welt des europäischen Gesellschaftstanzes des 18. Jahrhunderts.
Die Bezeichnung deutscher Tanz oder Deutscher berührt ebenfalls das spätere Feld. Solche Tänze im 18. Jahrhundert können in Richtung Ländler, Walzer-Vorgeschichte und gesellschaftliche Paarbewegung weisen. Deshalb ist im Kulturlexikon sorgfältig zwischen der barocken Allemande der Suite und der späteren Allemande als Figurentanz zu unterscheiden. Beide tragen verwandte oder gleiche Namen, aber sie gehören nicht ohne Weiteres zu derselben musikalischen Form.
Am Ende des 18. Jahrhunderts verliert die Allemande als zentraler Suitensatz ihre produktive Stellung. Die klassische Sonate, das Streichquartett, die Sinfonie und neue Tanzformen verändern den musikalischen Formenkanon. Als historischer Tanz, als Satz in Suiten und als Stilzeichen bleibt die Allemande jedoch präsent. Im 19. und 20. Jahrhundert wird sie vor allem durch historische Editionen, Bach-Rezeption, Alte-Musik-Bewegung und Tanzrekonstruktion wieder wichtig.
Formen-, Quellen- und Werkverzeichnis
Da die Allemande kein Werk einer einzelnen Person ist, meint „Werkverzeichnis“ hier ein Formen-, Quellen- und Repertoireverzeichnis. Es erfasst die wichtigsten historischen Erscheinungsweisen, Quellen, Komponistenfelder und exemplarischen Werkgruppen. Eine vollständige Liste aller Allemanden vom 16. bis zum 18. Jahrhundert wäre aufgrund der großen Zahl von Tanzdrucken, Handschriften, Lautenbüchern, Virginalsammlungen, Cembalosuiten, Orchestersuiten und anonymen Quellen nicht sinnvoll; vollständig ist hier die systematische Erfassung der zentralen Typen.
Renaissance-Tanzquellen und frühe Tanzpraxis
- Orchésographie von Thoinot Arbeau, Langres 1589. Zentrale Quelle für französische Renaissance-Tänze mit Abschnitten zur Allemande und zu verwandten Tanzformen.
- Französische Tanz- und Hofquellen des späten 16. Jahrhunderts. Sie belegen die Allemande als gesellschaftlich gebrauchte Tanzform mit geordnetem Paarcharakter.
- Deutsche Tanzüberlieferung des 16. Jahrhunderts. Sie steht hinter der Namensbedeutung des „deutschen Tanzes“, ist aber quellenmäßig differenziert von der französischen Bezeichnung zu behandeln.
- Italienische Tanz- und Instrumentalquellen mit Bezeichnungen wie tedesco oder verwandten Formen. Sie zeigen die Wahrnehmung deutscher Tanztypen in italienischer Musik- und Hofkultur.
Englische Almain- und Alman-Überlieferung
- Anthony Holborne: Almains und verwandte Tanzsätze in Consort- und Instrumentalsammlungen. Holbornes Repertoire ist für die englische höfische Tanzmusik um 1600 besonders wichtig.
- Thomas Morley: Almain-Bezüge im Kontext englischer Musiktheorie und praktischer Musik um 1600.
- John Dowland: Lauten- und Consortumfeld, in dem Alman- und Tanzformen zur englischen Kunstmusik gehören.
- William Byrd: Virginal- und Tastenmusik mit Tanzsatztraditionen, die die englische Form der Almain berühren.
- Fitzwilliam Virginal Book. Wichtige Quelle englischer Tastenmusik, deren Tanzsatzkultur im weiteren Umfeld von Alman, Pavan, Galliard und verwandten Formen steht.
Lautenmusik und style brisé
- Französische Lautenallemanden des 17. Jahrhunderts. Sie bilden einen wichtigen Übergang von der Tanzform zur hochstilisierten Instrumentalmusik.
- Denis Gaultier: Allemanden im Umfeld der französischen Lautenschule, oft mit ornamentierter, gebrochener Satztechnik.
- Ennemond Gaultier: Lautenrepertoire, das für den style brisé und die spätere Cembalo-Allemande von Bedeutung ist.
- Johann Jakob Froberger: Übernahme und Transformation französischer Lautenstile in die Cembalo- und Tastenmusik.
- Deutsche Lauten- und Cembalohandschriften des 17. Jahrhunderts. Sie zeigen die internationale Wanderung der Allemande zwischen Frankreich, Deutschland und Mitteleuropa.
Cembalo-, Virginal- und Tastenmusik
- Johann Jakob Froberger: Allemanden in Suiten für Tasteninstrumente. Froberger ist für die Standardisierung der Suite und für die ernste, stilisierte Allemande zentral.
- Jacques Champion de Chambonnières: Allemanden in französischen Cembalosammlungen, wichtig für den höfischen französischen Clavecin-Stil.
- Jean-Henri d’Anglebert: Allemanden in der französischen Cembalotradition, oft reich ornamentiert und satztechnisch raffiniert.
- François Couperin: Allemanden in den Ordres, häufig mit charakterisierenden Titeln und individueller Affektprägung.
- Louis Couperin: Allemanden in der französischen Tastenmusik, verbunden mit Präludien, Tanzsätzen und freierer Satzpraxis.
- Johann Pachelbel und süddeutsche Tastenmusik. Die Allemande erscheint hier im weiteren Kontext der deutschen Suitentradition.
Johann Sebastian Bach
- Französische Suiten BWV 812–817. Jede Suite enthält eine Allemande als zentralen frühen Tanzsatz.
- Englische Suiten BWV 806–811. Die Allemande folgt jeweils auf ein ausgedehntes Präludium und eröffnet den eigentlichen Tanzzyklus.
- Partiten BWV 825–830. Die Allemande erscheint innerhalb eines erweiterten, kunstvoll individualisierten Suitentyps.
- Cellosuiten BWV 1007–1012. Die Allemande ist jeweils nach dem Präludium angeordnet und entfaltet auf einem Melodieinstrument einen mehrstimmig gedachten Satz.
- Partiten für Violine solo BWV 1002, 1004 und 1006. Die Allemande erscheint als solistischer Satz mit dichter Linienführung und oft hohem kontrapunktischem Anspruch.
- Partita für Flöte solo BWV 1013. Die Allemande eröffnet das Werk und zeigt die Übertragung der Suitentradition auf ein unbegleitetes Blasinstrument.
Georg Friedrich Händel und weitere Barockkomponisten
- Georg Friedrich Händel: Allemanden in Cembalosuiten und instrumentalen Suiten. Händels Allemanden verbinden deutsche, italienische und englische Elemente.
- Georg Philipp Telemann: Allemanden in Suiten und Ouvertürenwerken, oft in flexiblem Zusammenhang mit französischem Stil und gemischtem Geschmack.
- Johann Krieger, Johann Kuhnau und weitere deutsche Tastenkomponisten. Die Allemande bleibt Teil des deutschen Suitensatzes.
- Arcangelo Corelli und italienische sonata-da-camera-Tradition. Hier erscheinen Tanzsätze, die funktional der Suitenkultur verwandt sind, auch wenn die terminologische Lage anders ist.
- Henry Purcell: englische Bühnen-, Consort- und Tastenmusik mit Tanzsatzumfeld, in dem Almain- und Allemande-Traditionen nachwirken.
Figurentanz und spätes 18. Jahrhundert
- Allemande als Figurentanz für Paare oder vier Paare. Spätere Tanzform des 18. Jahrhunderts mit Armführungen, Passés und verschlungenen Figuren.
- Contredanse allemande. Französische und europäische Gesellschaftstanzform, die den Namen Allemande mit Contredanse- und Figurentraditionen verbindet.
- Deutscher Tanz. Spätere Tanzbezeichnung des 18. Jahrhunderts, die mit der Entwicklung von Ländler und Walzerumfeld berührt, aber von der barocken Allemande unterschieden werden muss.
- Beethoven und spätere Deutsche Tänze. Sie gehören nicht zur barocken Allemande im engeren Sinn, zeigen aber die Fortdauer der Bezeichnung „deutsch“ im Tanzrepertoire.
Moderne Editionen, Rekonstruktionen und Aufführungspraxis
- Historische Tanzrekonstruktionen nach Arbeau. Sie erschließen die Bewegungsseite der Renaissance-Allemande für heutige Tanzpraxis.
- Alte-Musik-Editionen der Bach-Suiten. Sie prägen das heutige Verständnis der Allemande als Instrumentalsatz.
- Lauten- und Cembaloeditionen französischer Allemanden. Sie sind zentral für style brisé, Ornamentik und historische Artikulation.
- Faksimile- und Urtextausgaben englischer Almain-Quellen. Sie ermöglichen die genaue Unterscheidung von Almain, Pavan, Galliard und anderen Tanzsätzen.
- Historische Aufführungspraxis in Konzert, Tanz und Forschung. Sie verbindet Schrittquellen, Instrumentenkunde, Tempo, Artikulation, Ornamentik und soziale Funktion.
Rezeption und editorische Hinweise
Die Rezeption der Allemande wurde lange durch die Bach-Suiten bestimmt. Für viele Hörerinnen und Hörer ist die Allemande vor allem ein ernster Satz in einer Cello-, Violin- oder Cembalosuite. Diese Sicht ist musikästhetisch verständlich, aber historisch nur ein Ausschnitt. Die Allemande hat eine frühere Tanzgeschichte, eine englische Almain-Tradition, eine französische Lauten- und Cembalotradition sowie ein späteres Nachleben als Figurentanz.
Für die editorische Arbeit ist wichtig, die Schreibweisen nicht vorschnell zu vereinheitlichen. In einem modernen Fließtext kann die Lemmaform Allemande verwendet werden; in Quellen-, Werk- und Titelangaben sollten jedoch historische Schreibungen wie almain, almayne oder alman beibehalten werden. Gerade bei englischen und frühneuzeitlichen Drucken kann die historische Schreibung entscheidend sein, um Quellen korrekt zu identifizieren.
Auch die Unterscheidung zwischen Tanz und Instrumentalform muss konsequent bleiben. Eine Allemande bei Arbeau ist nicht dasselbe wie eine Allemande in Bachs Cellosuiten; eine englische Almain um 1600 ist nicht dasselbe wie eine französische Cembalo-Allemande um 1700; eine Contredanse allemande des 18. Jahrhunderts ist nicht einfach die Fortsetzung des barocken Suitensatzes. Das Lemma muss daher nicht eine einzige Definition erzwingen, sondern eine Entwicklung beschreiben.
Für die Binnenverlinkung ist die Allemande ein besonders ergiebiges Knotenlemma. Sie verweist auf Suite, Tanzmusik, Lautenmusik, Cembalomusik, Courante, Sarabande, Gigue, Renaissance-Tanz, Barocktanz und historische Aufführungspraxis. Dadurch eignet sich das Lemma als Scharnier zwischen Musik-, Tanz- und Kulturgeschichte.
Sekundärliteratur
- Apel, Willi: Harvard Dictionary of Music. Artikel zu Allemande, Suite und Tanzformen.
- Arbeau, Thoinot: Orchésographie. Langres 1589. Moderne Faksimile-, Übersetzungs- und Studienausgaben.
- Brown, Alan: „Allemande“. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. London/New York.
- Buch, David J.: Dance Music from the Ballets de cour 1575–1651. Stuyvesant 1994.
- Fuller, David: Studien zur barocken Suite und zur französischen Cembalomusik.
- Gustafson, Bruce: Arbeiten zu französischer Cembalo- und Lautenmusik sowie zu Tanzsätzen des 17. Jahrhunderts.
- Hudson, Richard: Studien zur Allemande, Almain und zur Entwicklung europäischer Tanzformen.
- Little, Meredith Ellis und Natalie Jenne: Dance and the Music of J. S. Bach. Bloomington 1991.
- Mather, Betty Bang: Dance Rhythms of the French Baroque. Bloomington 1987.
- Mattheson, Johann: Der vollkommene Capellmeister. Hamburg 1739. Für barocke Charakterisierung von Tänzen und Satztypen relevant.
- Morley, Thomas: A Plaine and Easie Introduction to Practicall Musicke. London 1597. Wichtig für englische Musiktheorie und Tanzsatzumfeld.
- Praetorius, Michael: Syntagma musicum. Wolfenbüttel 1619. Grundquelle zur Musik- und Tanzterminologie des frühen 17. Jahrhunderts.
- Schulenberg, David: The Keyboard Music of J. S. Bach. New York/London. Für Bach-Allemanden und Suitensatztechnik hilfreich.
- Silbiger, Alexander, Hg.: Keyboard Music Before 1700. New York/London. Für Froberger, französische Cembalotradition und Suite relevant.
- Sutton, Julia: Terpsichore: The Dance Book of Michael Praetorius. Für Tanz- und Musikverbindungen des frühen 17. Jahrhunderts nützlich.
Ausgewählte Onlinequellen
- Britannica: Allemande Kompakter Überblick zur Allemande als Prozessions- und Paartanz, zur deutschen Herkunftswahrnehmung, zur französischen und englischen Verbreitung sowie zur Stellung in der Suite.
- Britannica: Suite Überblick zur Suite als Folge von Tanzsätzen, zur Standardfolge Allemande, Courante, Sarabande und Gigue sowie zur Rolle Frobergers.
- Britannica: Musical Form, Western compound forms Darstellung der Suite und der sonata da camera mit der barocken Satzfolge Allemande, Courante, Sarabande und Gigue.
- Encyclopedia.com: Allemande Lexikalischer Kurzartikel mit Hinweisen auf unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs, darunter Tanz und musikalische Form.
- Encyclopedia.com: Baroque Music for Instrumental Ensembles Allgemeiner Kontext zur barocken Instrumentalmusik und zur Stellung der Allemande innerhalb der Tanzsuite.
- German History in Documents and Images: Johann Jakob Froberger, Suite in A minor Einordnung einer Froberger-Suite als höfische Tanzsuite mit italienischen und französischen Einflüssen.
- IMSLP: Thoinot Arbeau, Orchésographie Werk- und Quelleninformation zu Arbeaus Tanzbuch von 1589 mit Hinweisen auf Renaissance-Tänze und die Allemande.
- JSTOR: The Music of Arbeau’s Orchésographie Wissenschaftlicher Buchnachweis zur Musik in Arbeaus Tanzbuch, mit Inhaltsübersicht zu Tanzgattungen, Quellen und Aufführungspraxis.
- Journal of Seventeenth-Century Music: Recent Editions and Recordings of Froberger and Other Seventeenth-Century Keyboard Music Fachartikel zu Froberger-Quellen, Suitenüberlieferung und Satzfolgen mit Allemande, Courante, Sarabande und Gigue.
- IMSLP: Johann Jacob Froberger Werkportal zu Frobergers Tastenmusik, wichtig für die Erschließung der frühbarocken Suitentradition.
- IMSLP: Johann Sebastian Bach Werkportal zu Bach mit Zugriff auf Suiten, Partiten und Solowerke, in denen die Allemande als zentraler Satz erscheint.
- Music of the Baroque: A Baroque Glossary Kurzer Praxisüberblick zur Allemande als mäßig langsamer, ernster Tanz im geraden Takt und in zweiteiliger Form.
Weiterführende Einträge
- Almain Englische Schreib- und Überlieferungsform der Allemande, besonders wichtig für Consort-, Lauten- und Virginalmusik um 1600.
- Thoinot Arbeau Autor der Orchésographie, einer zentralen Quelle zur Renaissance-Tanzpraxis und zur frühen Allemande.
- Johann Sebastian Bach Komponist zahlreicher Suiten und Partiten, in denen die Allemande als kunstvoll stilisierter Satz erscheint.
- Barock Epoche, in der die Allemande ihre wichtigste instrumentale Ausprägung als Suitensatz erhielt.
- Barocktanz Historische Tanzpraxis des 17. und 18. Jahrhunderts, aus der viele Suitensätze hervorgingen oder auf die sie zurückverweisen.
- Basse danse Ältere höfische Tanzform, mit der die Frühgeschichte der Allemande gelegentlich verglichen wird.
- Branle Renaissance-Tanzform, die bei Arbeau neben der Allemande überliefert und für den höfischen Tanzkontext wichtig ist.
- William Byrd Englischer Komponist, dessen Tastenmusik im weiteren Umfeld von Alman, Pavan, Galliard und Tanzsatzkultur steht.
- Cembalomusik Instrumentalbereich, in dem die barocke Allemande zu einer kunstvollen, oft ornamentierten Satzform wurde.
- Cellosuiten, Johann Sebastian Bach Werkgruppe, in der die Allemande nach dem Präludium jeweils eine zentrale Stellung einnimmt.
- Jacques Champion de Chambonnières Französischer Cembalist, wichtig für die höfische Allemande und die frühe französische Clavecin-Schule.
- Contredanse Gesellschaftstanzform des 18. Jahrhunderts, die mit der späteren contredanse allemande berührt wird.
- Courante Barocker Tanzsatz, der in der Suite gewöhnlich auf die Allemande folgt.
- François Couperin Französischer Cembalokomponist, dessen Ordres die Allemande als charakterisierte und ornamentierte Instrumentalform zeigen.
- Jean-Henri d’Anglebert Französischer Cembalist, bedeutend für die höfisch-ornamentale Allemande des 17. Jahrhunderts.
- Deutscher Tanz Spätere Tanzbezeichnung, die begrifflich mit der Allemande verwandt ist, aber historisch differenziert werden muss.
- John Dowland Englischer Lautenist und Komponist, wichtig für das Umfeld von Almain, Tanzsatz und höfischer Instrumentalmusik.
- Englische Suiten, Johann Sebastian Bach Bachsche Suitensammlung, in der die Allemande nach dem Präludium den eigentlichen Tanzzyklus eröffnet.
- Fitzwilliam Virginal Book Wichtige Quelle englischer Tastenmusik mit Tanzsatzkultur im Umfeld von Alman, Pavan und Galliard.
- Französische Suiten, Johann Sebastian Bach Bachsche Suitensammlung, in der die Allemande jeweils eine tragende Stellung im Zyklus besitzt.
- Johann Jakob Froberger Schlüsselfigur der frühbarocken Tastensuite und der Standardisierung von Allemande, Courante, Sarabande und Gigue.
- Galliarde Lebhafter Renaissance-Tanz, der in frühen Tanzquellen neben Allemande, Pavane und Branle begegnet.
- Gigue Schneller barocker Tanzsatz, der in der Suite meist den Schluss nach Allemande, Courante und Sarabande bildet.
- Georg Friedrich Händel Komponist von Suiten, in denen die Allemande als Teil internationaler barocker Instrumentaltradition erscheint.
- Historische Aufführungspraxis Forschungs- und Praxisfeld, das Tempo, Artikulation, Ornamentik, Tanzbezug und Instrumente der Allemande untersucht.
- Anthony Holborne Englischer Komponist von Consort- und Tanzmusik, wichtig für die Almain-Überlieferung um 1600.
- Ländler Späterer mitteleuropäischer Paartanz, der im größeren Nachleben deutscher Tanzformen des 18. Jahrhunderts relevant ist.
- Laute Zentrales Instrument der französischen und englischen Allemande-Überlieferung des 16. und 17. Jahrhunderts.
- Lautenmusik Instrumentalbereich, in dem die Allemande besonders durch style brisé und höfische Ornamentik geprägt wurde.
- Thomas Morley Englischer Musiktheoretiker und Komponist, dessen Umfeld für Almain, Consortmusik und Tanzsatzüberlieferung wichtig ist.
- Partita Suitennahe Instrumentalform, in der die Allemande als Satz regelmäßig erscheinen kann.
- Pavane Würdevoller Renaissance-Tanz, der als Vergleichsform für die frühe Allemande wichtig ist.
- Präludium Einleitender Satz, der in vielen Suiten vor der Allemande steht.
- Renaissance Epoche der frühen Allemande als höfischer Tanz und international verbreiteter Tanzsatz.
- Renaissance-Tanz Übergreifender Tanzkontext der frühen Allemande in Quellen wie Arbeaus Orchésographie.
- Sarabande Langsamer barocker Tanzsatz, der in der Suite gewöhnlich nach Allemande und Courante folgt.
- Style brisé Gebrochener französischer Lauten- und Cembalostil, der viele barocke Allemanden prägt.
- Suite Folge von Tanzsätzen, in der die Allemande gewöhnlich den ersten eigentlichen Tanzsatz bildet.
- Tanzmusik Übergreifender musikalischer Bereich, in dem die Allemande zwischen Gebrauchstanz und Kunstmusik steht.
- Virginalmusik Englische Tastenmusiktradition, in der Alman- und andere Tanzformen um 1600 wichtig sind.