Arabische Musik
Überblick
Arabische Musik ist kein einzelner Stil, sondern ein historisch gewachsener Zusammenhang vieler Musikpraktiken. Ihr gemeinsamer Kern liegt nicht in einer einheitlichen Tonleiter oder in einem festen Instrumentarium, sondern in bestimmten kulturellen, sprachlichen, melodischen, rhythmischen und performativen Prinzipien. Dazu gehören die zentrale Rolle der Stimme, die enge Verbindung von Poesie und Melodie, das modale Denken des Maqam, zyklische Rhythmik des Iqa, improvisatorische Verfahren wie Taqsīm und Layālī, der ästhetische Begriff Tarab und eine hohe Sensibilität für melodische Ausdehnung, Ornamentik, Mikrointervalle, Textdeklamation und affektive Steigerung.
Die Geschichte der arabischen Musik beginnt nicht erst mit dem Islam. Vorislamische arabische Gesänge, Beduinendichtung, Karawanen- und Stammeskulturen, Klage- und Lobgesänge, Arbeitslieder und rituelle Formen bilden ältere Schichten. Mit dem Aufstieg des Islam, der Ausbildung der Kalifate und der Entstehung großer urbaner Zentren wie Damaskus, Bagdad, Kairo, Aleppo, Córdoba, Fès und Tunis entstand jedoch ein neues Musiksystem, das arabische, persische, byzantinische, syrische, griechisch-theoretische, türkische, berberische und andalusische Elemente aufnahm und in vielfältige regionale Traditionen übersetzte.
Die arabische Musikgeschichte ist deshalb besonders durch Verflechtung geprägt. Sie ist islamisch, aber nicht auf Religion reduzierbar; arabischsprachig, aber nicht nur ethnisch arabisch; modal, aber nicht überall identisch; stark vokal, aber reich an instrumentalen Formen; traditionsbewusst, aber seit dem 19. und 20. Jahrhundert intensiv durch Medien, Theater, Schallplatte, Rundfunk, Film, Nationalstaat, Migration, Pop und digitale Kultur verändert. Ein Kulturlexikon-Artikel muss diese Vielschichtigkeit bewahren und darf arabische Musik weder als exotische Klangfarbe noch als starres System missverstehen.
Kurzdaten
| Begriff | Arabische Musik, Musik der arabischen Welt, al-mūsīqā al-ʿarabiyya. |
|---|---|
| Geographischer Raum | Arabischsprachige Länder und Kulturräume von Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen über Ägypten, Sudan, Levante, Irak und Arabische Halbinsel bis zu Diaspora- und Migrationsräumen in Europa, Amerika und Afrika. |
| Historischer Beginn | Ältere vorislamische Gesangskulturen; starke Ausdehnung, Institutionalisierung und Theoretisierung seit dem 7. Jahrhundert mit Islam, Kalifaten, städtischer Hofkultur und gelehrter Musiktheorie. |
| Zentrale Theoriebegriffe | Maqam, Iqa, Jins, Taqsim, Wasla, Dawr, Muwaschschah, Sama‘i, Bashraf, Tarab, Saltana, Layali, Mawwal und Qasida. |
| Melodisches Prinzip | Modale Organisation durch Maqamat mit charakteristischen Tonvorräten, Finaltönen, melodischen Wendungen, Bewegungsrichtungen, Stimmungswerten und Modulationswegen. |
| Rhythmisches Prinzip | Zyklische rhythmische Modi, Iqa‘at, mit strukturierten Abfolgen von Dum- und Tak-Schlägen, Pausen, Akzenten und metrischen Längen. |
| Ästhetisches Zentrum | Tarab als affektive, ekstatische, kommunikative und sozial geteilte Wirkung von Stimme, Melodie, Text, Wiederholung, Verzierung, Publikum und Aufführungssituation. |
| Wichtige Instrumente | Oud, Qanun, Nay, Kamanja beziehungsweise Violine, Riqq, Darbuka, Daff, Buzuq, Rabab, Mijwiz, Mizmar und regionale Lauten-, Trommel- und Flöteninstrumente. |
| Klassisches Ensemble | Takht, meist mit Oud, Qanun, Nay, Violine und Riqq; je nach Region und Zeit ergänzt oder verändert durch Darbuka, Daff, Buzuq, Cello, Kontrabass, Akkordeon, Orchesterinstrumente und elektronische Instrumente. |
| Wichtige historische Zentren | Mekka, Medina, Damaskus, Bagdad, Kairo, Aleppo, Damaskus, Beirut, Jerusalem, Córdoba, Granada, Fès, Tlemcen, Tunis, Algier, Mosul, Basra und Sana'a. |
| Wichtige Theoretiker | al-Kindī, al-Fārābī, Ibn Sīnā, Ṣafī al-Dīn al-Urmawī, al-Lādhiqī, al-Mawsilī-Tradition, später Baron Rodolphe d’Erlanger und moderne arabische Musiktheoretiker. |
| Wichtige moderne Gestalten | Umm Kulthum, Muḥammad ʿAbd al-Wahhāb, Sayyid Darwīsh, Zakariyyā Aḥmad, Riyāḍ al-Sunbāṭī, Farīd al-Aṭrash, Asmahān, Fairuz, die Rahbani-Brüder, Sabah Fakhri, Warda al-Jazairia, Marcel Khalife und viele regionale Künstlerinnen und Künstler. |
| Schlüsselereignis der Moderne | Kairoer Kongress für arabische Musik von 1932, auf dem Musiker, Forscher und Institutionen aus verschiedenen Ländern über Systematisierung, Aufzeichnung, Instrumente, Maqamat, Rhythmen, Modernisierung und Bewahrung arabischer Musik diskutierten. |
| Forschungsfelder | Ethnomusikologie, Maqam-Theorie, historische Musikwissenschaft, Islamwissenschaft, Arabistik, Mediengeschichte, Organologie, Aufführungspraxis, Musiksoziologie, Popmusikforschung und digitale Klangarchive. |
Begriff, Umfang und Abgrenzung
Der Ausdruck arabische Musik ist zugleich praktisch und problematisch. Praktisch ist er, weil er einen großen, durch die arabische Sprache, durch gemeinsame poetische Formen, durch ähnliche modale Systeme und durch historische Kontaktzonen verbundenen Musikraum bezeichnet. Problematisch ist er, weil er leicht eine Einheit suggeriert, die es in dieser Schlichtheit nicht gibt. Die Musik von Marokko unterscheidet sich deutlich von der Musik Syriens, der irakische Maqam von der ägyptischen Wasla, die Golftraditionen von der andalusisch-maghrebinischen Nuba, die städtische Kunstmusik von Beduinen-, Hochzeits-, Arbeits- oder Sufi-Traditionen.
Der Begriff muss daher als Sammelbegriff verstanden werden. Er bezeichnet keine ethnische Reinheit, sondern einen Kulturraum mit vielen Schichten. Arabische Musik entstand in Berührung mit persischen Hoftraditionen, byzantinischer Liturgie, syrischer Kirchenmusik, griechischer Musiktheorie, türkisch-osmanischer Kunstmusik, andalusischen Formen, berberischen Musikpraktiken, afrikanischen Rhythmen, jüdischen und christlichen arabischsprachigen Traditionen sowie modernen globalen Medien. Gerade diese Mischungsfähigkeit gehört zu ihrem historischen Wesen.
Auch die Grenze zwischen arabischer Musik, islamischer Musik, orientalischer Musik, türkischer Musik, persischer Musik und andalusischer Musik ist nicht immer eindeutig. Der Begriff „islamische Musik“ umfasst auch nicht-arabische Kulturen wie persische, türkische, zentralasiatische, südasiatische und indonesische Traditionen. „Arabische Musik“ wiederum umfasst auch christliche, jüdische, säkulare und moderne populäre Kontexte. Das Lemma behandelt daher arabische Musik als sprachlich-kulturellen, nicht als eng religiösen Begriff.
Historische Grundlinien
Vor dem Islam gab es auf der Arabischen Halbinsel vielfältige Gesangs- und Dichtungspraktiken. Poesie, Vortrag, Gesang, Rezitation, Stammeserinnerung, Klage, Lob und Spott waren eng miteinander verbunden. Der Sänger oder die Sängerin war nicht einfach Unterhalter, sondern konnte Erinnerungen bewahren, soziale Bindungen stärken, Ruhm und Schande öffentlich machen und affektive Gemeinschaft erzeugen. Die spätere arabische Musik bewahrt in der Vorrangstellung der Stimme und der Poesie eine Spur dieser älteren mündlichen Kultur.
Mit dem 7. Jahrhundert veränderte sich der musikalische Raum grundlegend. Die arabisch-islamischen Expansionen brachten Araber, Perser, Syrer, Byzantiner, Ägypter, Nordafrikaner, Berber, Iberer und Zentralasiaten in neuen politischen und kulturellen Zusammenhängen zusammen. Unter den Umayyaden in Damaskus und den Abbasiden in Bagdad entstanden Hofkulturen, in denen Musik als Kunst, Wissenschaft, Luxus, Erziehung und Repräsentation gepflegt wurde. Sängerinnen und Sänger, Lautenspieler, Dichter, Theoretiker und Sklavenmusikerinnen prägten die höfische Musikpraxis.
Besonders Bagdad wurde im 8. bis 10. Jahrhundert zu einem Zentrum der Musiktheorie und Musikpraxis. In diesem Umfeld standen Namen wie al-Kindī, al-Fārābī, Isḥāq al-Mawṣilī und Ibrāhīm al-Mawṣilī. Musik wurde nicht nur ausgeübt, sondern in mathematischen, philosophischen, medizinischen und ästhetischen Kategorien beschrieben. Intervall, Tonleiter, Ethos, Rhythmus, Instrumentenkunde und die Wirkung des Klangs auf Seele und Körper wurden Gegenstände gelehrter Reflexion.
Im westlichen islamischen Raum entstand mit al-Andalus ein weiterer großer Pol. Die arabisch-andalusische Musik verband orientalische, iberische, jüdische, christliche und nordafrikanische Elemente. Nach dem Ende muslimischer Herrschaft in Spanien setzten sich andalusische Repertoires in Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen fort. Die maghrebinischen Nuba-Traditionen gehören bis heute zu den bedeutendsten historischen Formen arabisch-andalusischer Kunstmusik.
In der osmanischen Zeit verschränkten sich arabische, türkische, persische und lokale Traditionen erneut. Städte wie Aleppo, Damaskus, Kairo, Jerusalem, Beirut, Tunis und Bagdad wurden zu Zentren städtischer Kunstmusik. Formen wie Muwaschschah, Qasida, Sama‘i, Bashraf und Wasla bildeten differenzierte Aufführungszusammenhänge. Die arabische Musik war in dieser Zeit weder isoliert noch unverändert, sondern Teil eines osmanisch-arabisch-mediterranen Klangraums.
Seit dem 19. Jahrhundert führten Kolonialismus, Reformbewegungen, Druck, Theater, Urbanisierung, Militärmusik, europäische Instrumente, neue Bildungseinrichtungen und Schallaufnahmen zu tiefgreifenden Veränderungen. In Ägypten entstand eine neue musikalische Öffentlichkeit, die später durch Rundfunk, Film und Stars wie Umm Kulthum, Muḥammad ʿAbd al-Wahhāb und Farīd al-Aṭrash geprägt wurde. Der Kairoer Kongress von 1932 markierte den Moment, in dem arabische Musik zugleich bewahrt, standardisiert, modernisiert, diskutiert und technisch aufgezeichnet werden sollte.
Ausführlicher Kulturüberblick
Die Kulturgeschichte arabischer Musik lässt sich am besten als Geschichte von Stimme, Sprache und Modus verstehen. Die arabische Sprache besitzt eine ausgeprägte poetische Tradition. Ihre Metrik, ihre Reime, ihre langen Vokale, ihre Artikulationsfarben und ihre rhetorische Kraft prägten den musikalischen Vortrag. Viele zentrale Formen arabischer Musik sind ohne Dichtung nicht zu verstehen. Die klassische Qasida, der Muwaschschah, der Dawr, der Mawwal, die Layali, das religiöse Lobgedicht und die modernen Langlieder des 20. Jahrhunderts beruhen auf der Verbindung von Wort und Melodie.
Das zweite Zentrum ist der Maqam. Ein Maqam ist nicht bloß eine Skala. Er enthält einen Tonvorrat, typische melodische Wege, wichtige Töne, Anfänge, Ruhepunkte, Modulationen, affektive Färbungen und überlieferte Wendungen. Wer einen Maqam singt oder spielt, bewegt sich nicht einfach auf einer Tonleiter, sondern innerhalb eines memorierten und sozial geteilten melodischen Raums. Deshalb kann ein Taqsim, also eine instrumentale Improvisation, den Charakter eines Maqam entfalten, ohne an einen festen Takt oder ein bestimmtes Lied gebunden zu sein.
Das dritte Zentrum ist die Aufführungssituation. Arabische Musik lebt stark von der Wechselwirkung zwischen Vortragendem und Publikum. Der Begriff Tarab bezeichnet nicht nur „Ergriffenheit“, sondern einen Zustand gesteigerter musikalischer Resonanz. Wiederholung, Verzierung, Textdehnung, melodische Rückkehr, unerwartete Wendung, stimmliche Intensität und Reaktionen des Publikums erzeugen eine gemeinsame Zeit. Diese ästhetische Struktur unterscheidet viele klassische arabische Aufführungen von westlichen Konzertnormen, in denen Werktext, Formabschluss und stille Rezeption stärker betont werden.
Der Klangkörper der arabischen Musik ist historisch beweglich. Das kleine Takht-Ensemble mit Oud, Qanun, Nay, Violine und Riqq steht für eine städtische Kunstmusik, in der die Stimme meist Vorrang hat und die Instrumente den Maqamraum vorbereiten, begleiten und erweitern. Im 20. Jahrhundert kamen größere Orchester, Streichergruppen, Akkordeon, Klavier, Saxophon, elektrische Instrumente, Synthesizer und Studiotechnik hinzu. Diese Erweiterungen wurden teils als Modernisierung begrüßt, teils als Verlust der alten Klangbalance kritisiert.
Arabische Musik ist zugleich Kunstmusik und Alltagsmusik. Neben höfischen, städtischen und gelehrten Formen existieren Hochzeitsmusik, Arbeitslieder, Kinderlieder, religiöse Gesänge, militärische Musik, ländliche Traditionen, Beduinenpoesie, Sufi-Dhikr, Prozessionsmusik, moderne Popmusik, Rap, elektronische Clubmusik und Diaspora-Fusion. Der Begriff „arabische Musik“ darf diese Vielfalt nicht verdecken. Er ist eine Dachbezeichnung, keine stilistische Einheitsformel.
In der Moderne wurde arabische Musik auch zu einem Medium politischer und nationaler Identität. Umm Kulthum konnte in Ägypten und darüber hinaus zur Stimme einer ganzen arabischsprachigen Öffentlichkeit werden. Fairuz und die Rahbani-Brüder verbanden libanesische Identität, Theater, Volksliedimagination und moderne Komposition. Palästinensische, irakische, syrische, libanesische, maghrebinische und Golf-Musik wurden zu Trägern von Erinnerung, Exil, Protest, Nostalgie und kultureller Selbstbehauptung. Arabische Musik ist daher nicht nur Klangsystem, sondern auch sozialer Gedächtnisraum.
Maqam, Iqa und musikalische Theorie
Der Maqam ist das zentrale melodische Ordnungsprinzip der klassischen arabischen Musik. Er besteht aus Teilstrukturen, die häufig als Jins bezeichnet werden, also kleineren melodischen Bausteinen aus drei, vier oder fünf Tönen. Diese Bausteine verbinden sich zu größeren modalen Feldern. Maqamat wie Rast, Bayati, Hijaz, Saba, Nahawand, Kurd, Ajam, Sikah und Nawa Athar unterscheiden sich nicht nur durch Tonabstände, sondern durch charakteristische melodische Verläufe und emotionale Qualitäten.
Arabische Maqam-Theorie lässt sich nicht vollständig in westliche Dur-Moll-Kategorien übersetzen. Zwar können manche Maqamat oberflächlich an Dur oder Moll erinnern, doch die entscheidenden Unterschiede liegen in neutralen Intervallen, variablen Tonhöhen, mikrotonalen Abstufungen, melodischen Gewichtungen, typischen Phrasen, ornamentalen Gesten und Modulationswegen. Der Maqam ist daher zugleich Theorie, Gedächtnis, Praxis und Stil.
Der Iqa beziehungsweise die Iqa‘at bilden das rhythmische Gegenstück. Ein Iqa ist ein zyklisches Rhythmusmuster, das durch Abfolgen von Dum, Tak, Pausen und Akzenten bestimmt wird. Bekannte Iqa‘at sind Maqsum, Sama‘i Thaqil, Wahda, Masmudi, Sa‘idi, Dawr Hindi, Jurjina und viele andere. Ein Stück kann innerhalb einer Aufführung zwischen verschiedenen Iqa‘at wechseln oder eine bestimmte rhythmische Grundstruktur ausdehnen.
Historisch wurde arabische Musiktheorie von Philosophen, Mathematikern, Musikern und Gelehrten geprägt. Al-Kindī, al-Fārābī, Ibn Sīnā und Ṣafī al-Dīn al-Urmawī schrieben über Tonverhältnisse, Intervalle, Oud-Stimmung, Rhythmus, Wirkung und Klassifikation. Diese theoretische Tradition steht in Beziehung zur griechischen Antike, ist aber nicht bloße Übersetzung. Sie verbindet mathematische Spekulation, praktische Instrumentenkunde, ästhetische Erfahrung und höfische Praxis.
Stimme, Poesie, Tarab und Aufführung
Die arabische Musik ist in besonderem Maß vokal geprägt. Das bedeutet nicht, dass Instrumentalmusik nebensächlich wäre, doch die Stimme bleibt historisch und ästhetisch der zentrale Träger von Ausdruck, Bedeutung und Tarab. Die großen Sängerinnen und Sänger des 20. Jahrhunderts wurden nicht nur wegen schöner Stimmen verehrt, sondern wegen ihrer Fähigkeit, Text, Maqam, Wiederholung, Verzierung und Publikum in eine gemeinsame Intensität zu führen.
Tarab entsteht nicht durch Virtuosität allein. Entscheidend ist die glaubwürdige Steigerung. Ein Sänger kann eine Zeile wiederholen, einzelne Wörter dehnen, Ornamente variieren, den Maqam wechseln, einen Ton lange halten, die Stimme brechen, das Publikum antworten lassen und dann zur melodischen Hauptlinie zurückkehren. Der musikalische Sinn liegt nicht nur im Fortschreiten des Stücks, sondern im Verweilen. Diese Kunst des Verzögerns, Vertiefens und Wiederkehrens ist eine der großen Eigenheiten arabischer Musik.
Die Poesie ist dabei nicht bloße Textvorlage. Klassisches Arabisch, Umgangsdialekte, religiöse Sprache, Liebeslyrik, patriotische Texte, mystische Verse, volkstümliche Refrains und moderne Stadtdichtung erzeugen unterschiedliche musikalische Sprechweisen. Ein Muwaschschah verlangt eine andere Haltung als ein Mawwal, eine Qasida eine andere als ein Filmlied, ein Sufi-Dhikr eine andere als ein Poprefrain. Die arabische Musikgeschichte ist daher immer auch eine Geschichte arabischer Sprach- und Dichtungskulturen.
Instrumente, Ensemble und Klangkörper
Das klassische arabische Takht-Ensemble ist eine kleine, flexible Besetzung. Der Oud bildet als Kurzhalslaute das harmonisch-melodische Zentrum. Der Qanun, eine Kastenzither, liefert brillante, fein ornamentierte Linien. Der Nay, eine Rohrflöte, bringt eine hauchige, vokal nahe Klangfarbe. Die Violine, historisch arabisiert und in Maqam-Kontexten oft anders phrasiert als in westlicher Klassik, erweitert den getragenen Klang. Der Riqq sorgt als Schellentrommel für rhythmische Präzision und ornamentale Schattierung.
Daneben existieren viele regionale Instrumente. Die Darbuka oder Tabla ist eine becherförmige Trommel, die in klassischen, volkstümlichen und populären Kontexten verwendet wird. Der Daff oder Duff ist eine Rahmentrommel mit religiösen, festlichen und regionalen Funktionen. Die Rabab, Mijwiz, Arghul, Mizmar, Buzuq, Kawala, Simsimiyya und zahlreiche lokale Trommeln und Lauten zeigen, wie breit das instrumentale Feld der arabischen Musik ist.
Im 20. Jahrhundert veränderte sich der Klangkörper stark. Größere ägyptische Orchester nahmen Streichergruppen, Cello, Kontrabass, Akkordeon, Klavier und später elektrische Instrumente auf. Die Filmmusik und der Rundfunk verlangten vollere, technisch reproduzierbare Klänge. Diese Entwicklung erzeugte neue Klangräume, führte aber auch zu Debatten über Verlust von Intimität, Maqam-Genauigkeit und improvisatorischer Freiheit. Der Gegensatz zwischen Takht und Großorchester ist daher ein Schlüsselproblem moderner arabischer Musikgeschichte.
Religion, Koranrezitation und Sufi-Kontexte
Die Beziehung zwischen Musik und Religion im Islam ist vielschichtig. Die Koranrezitation gilt in islamischer Selbstbeschreibung nicht einfach als Musik, obwohl sie melodische, stimmliche und klangliche Qualitäten besitzt. Gerade diese Grenzstellung ist kulturgeschichtlich wichtig. Die Rezitation des Qurʾān prägte Hörgewohnheiten, Stimmideale, Artikulation, Atemführung und affektive Klangvorstellungen, ohne dass sie mit weltlichem Gesang gleichgesetzt werden darf.
Sufi-Kontexte bildeten weitere wichtige Räume musikalischer Praxis. Dhikr, Samāʿ, Madīḥ, religiöse Prozessionen, Lobgesänge auf den Propheten, Heiligenfeste und lokale Bruderschaften entwickelten unterschiedliche Klangformen. Manche islamische Gelehrte lehnten Musik kritisch ab, andere unterschieden zwischen erlaubten, problematischen und verbotenen Formen, wieder andere sahen im Klang ein Mittel spiritueller Erhebung. Diese Debatte gehört zur arabischen Musikgeschichte, weil sie die sozialen Orte, Grenzen und Legitimationen des Musizierens beeinflusste.
Christliche und jüdische arabischsprachige Traditionen sind ebenfalls einzubeziehen. Syrische, maronitische, koptische, melkitische, jüdisch-arabische und andere liturgische Kulturen standen in Kontakt mit arabischer Sprache, Maqam-Praxis und regionalen Klangwelten. Arabische Musik ist daher nicht konfessionell monolithisch. Sie umfasst religiöse Vielfalt und gemeinsame städtische Hörkulturen.
Regionale Räume und Traditionen
Die regionale Vielfalt arabischer Musik ist außerordentlich groß. In Ägypten entstand seit dem 19. Jahrhundert eine städtische Musikkultur, die Theater, Kaffeehaus, Schallplatte, Radio und Film miteinander verband. Kairo wurde im 20. Jahrhundert zum mächtigsten Medienzentrum arabischer Musik. Die Stimme Umm Kulthums, die Kompositionen Muḥammad ʿAbd al-Wahhābs und Riyāḍ al-Sunbāṭīs sowie die Lieder des Films prägten den gesamten arabischsprachigen Raum.
Die Levante, besonders Aleppo, Damaskus, Beirut und Jerusalem, bewahrte eigene Traditionen der Muwaschschahāt, Qudūd, Wasla und städtischen Tarab-Kultur. Aleppo galt lange als ein Zentrum raffinierter Gesangsformen. Beirut wurde im 20. Jahrhundert zu einem Medien- und Produktionsort, in dem Fairuz, die Rahbani-Brüder und später zahlreiche Pop- und Fusionkünstler wirkten.
Der Irak besitzt mit dem irakischen Maqam eine eigenständige klassische Tradition, die Gesang, Dichtung, Santur, Joza, Tabla und besondere maqamatische Abläufe verbindet. Der Maghreb bewahrt andalusische Nuba-Traditionen in Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen, zugleich zahlreiche berberische, arabische, gnawa-, chaabi- und malouf-nahe Formen. Die Arabische Halbinsel besitzt eigene Gesangs-, Trommel-, Perlenfischer-, Beduinen-, Hochzeits- und poetische Traditionen, die nicht einfach aus Kairoer oder levantinischer Kunstmusik abzuleiten sind.
Al-Andalus, Maghreb und Mittelmeer
Die andalusische Musik ist eines der wichtigsten historischen Kapitel arabischer Musik. In al-Andalus entwickelte sich eine höfische und städtische Musikkultur, die arabische, berberische, iberische, jüdische und mediterrane Elemente verband. Nach der christlichen Rückeroberung spanischer Städte und der Vertreibung muslimischer und jüdischer Bevölkerungen wurden viele Repertoires und Erinnerungen nach Nordafrika übertragen.
Im Maghreb entstanden daraus unterschiedliche Nuba-Traditionen. Die Nuba ist eine groß angelegte Suite, die Gesang, instrumentale Einleitung, metrische Abschnitte, poetische Texte und modale Ordnung verbindet. Marokkanische āla, algerische sanʿa und gharnāṭī, tunesischer malouf und libysche verwandte Traditionen zeigen, wie unterschiedlich das andalusische Erbe regional weiterlebte. Der Begriff „andalusisch“ bezeichnet dabei nicht einfach mittelalterliche Authentizität, sondern eine lange Geschichte von Erinnerung, Neugestaltung und lokaler Aneignung.
Die andalusisch-maghrebinische Musik widerlegt die Vorstellung, arabische Musik sei nur im östlichen Mittelmeer zu suchen. Sie gehört ebenso zu Fès, Tlemcen, Algier, Tunis, Tetouan, Rabat und anderen Städten. Ihre Formen zeigen ein anderes Verhältnis von Suite, Chor, Instrumentalensemble, Poesie und festlicher Aufführung als die ägyptisch-levantinische Wasla-Tradition.
Nahda, Kairo, Theater und frühe Moderne
Die arabische Nahda des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war eine kulturelle Erneuerungsbewegung, die Sprache, Literatur, Bildung, Journalismus, Theater, Wissenschaft und Musik betraf. In Ägypten, Syrien und Libanon entstand eine neue urbane Öffentlichkeit. Musik wurde in Cafés, Theatern, Salons, Schallplattenstudios und später im Radio gehört. Komponisten, Sänger, Instrumentalisten, Dichter und Theaterunternehmer entwickelten neue Formen zwischen klassischer Tradition und moderner Unterhaltung.
Sayyid Darwīsh gilt als Schlüsselfigur dieser frühen Moderne. Er verband volkstümliche, theatralische, nationale und städtische Elemente und öffnete die arabische Musik für neue Themen und soziale Milieus. Muḥammad ʿAbd al-Wahhāb verband traditionelle Maqam-Kunst mit westlichen Instrumenten, Orchesterfarben und Filmmusik. Umm Kulthum führte die klassische arabische Langform in die moderne Mediengesellschaft, ohne die Logik von Tarab, Maqam und poetischer Steigerung aufzugeben.
Kairo wurde in dieser Phase zum dominierenden Zentrum. Das lag nicht nur an ästhetischer Qualität, sondern an Institutionen: Theater, Verlag, Schallplatte, Filmstudio, Rundfunk, staatliche Kulturpolitik und eine große städtische Hörerschaft. Von Kairo aus verbreiteten sich Lieder in die gesamte arabische Welt. Zugleich erzeugte diese Dominanz Spannungen, weil regionale Traditionen in Syrien, Irak, Maghreb oder Golf nicht einfach ägyptisch überformt werden wollten.
Kairoer Kongress für arabische Musik 1932
Der Kairoer Kongress für arabische Musik von 1932 ist ein Schlüsselereignis der modernen arabischen Musikgeschichte. Er brachte arabische Musiker, westliche und nahöstliche Musikwissenschaftler, Komponisten, Theoretiker und politische Institutionen zusammen. Diskutiert wurden Maqamat, Rhythmen, Instrumente, Stimmungssysteme, Notation, musikalische Erziehung, Aufzeichnung, Modernisierung und Bewahrung. Der Kongress war damit zugleich wissenschaftliches Forum, kulturpolitisches Projekt und Archivierungsereignis.
Die Bedeutung des Kongresses liegt nicht nur in seinen Beschlüssen, sondern in seinen Spannungen. Traditionalisten wollten ältere Aufführungspraxis, Tarab, Maqam-Feinheiten und lokale Traditionen bewahren. Reformorientierte Akteure wollten Notation, Institutionalisierung, westliche Instrumente, Orchester, Schulbildung und moderne Medien stärker nutzen. Europäische Musikwissenschaftler brachten Vergleichsmethoden und technische Aufzeichnungsinteressen ein. Arabische Musiker verteidigten die Logik praktischen Wissens, das nicht immer in westliche Tonsysteme passte.
Besonders wichtig sind die beim Kongress entstandenen Aufnahmen. Sie dokumentieren ägyptische, irakische, maghrebinische, syrische und andere Traditionen zu einem historischen Zeitpunkt, an dem viele ältere Aufführungsweisen noch lebendig waren, aber bereits durch Schallplatte und Rundfunk verändert wurden. Der Kongress von 1932 ist deshalb nicht nur ein Datum der Musikpolitik, sondern ein Archiv arabischer Klangvielfalt.
Tonaufnahme, Rundfunk, Film und Populärkultur
Die Schallplatte veränderte arabische Musik tiefgreifend. Sie verkürzte Aufführungsformen, machte Stimmen reproduzierbar, schuf neue Stars, verbreitete regionale Stile über große Entfernungen und veränderte das Verhältnis von Improvisation und Fixierung. Was früher in einer langen, interaktiven Aufführung entstand, musste nun auf wenige Minuten Plattenseite passen. Diese technische Grenze beeinflusste Komposition, Gesang und Publikumserwartung.
Der Rundfunk erweiterte diese Entwicklung. Live-Konzerte großer Sängerinnen und Sänger wurden über nationale Grenzen hinweg gehört. Umm Kulthums monatliche Radioauftritte wurden im gesamten arabischsprachigen Raum zu kollektiven Hörereignissen. Die Stimme wurde dadurch zu einem politischen und sozialen Medium. Sie konnte nationale Gefühle, panarabische Vorstellungen, Liebeslyrik, religiöse Empfindung und urbane Modernität bündeln.
Der Film brachte eine weitere Klangform hervor. Filmlieder mussten dramatisch, eingängig, visuell anschlussfähig und technisch produzierbar sein. Muḥammad ʿAbd al-Wahhāb, Farīd al-Aṭrash, Asmahān, Layla Murad und viele andere Künstler verbanden Gesang, Schauspiel, Kamera, Orchester und populäre Erzählung. Später veränderten Kassettenkultur, Satellitenfernsehen, Videoclip, digitale Produktion und Streaming die arabische Musik erneut. Heute existieren klassische Maqam-Traditionen, Pop, Rap, elektronische Musik, Indie-Szenen, religiöser Pop, Diaspora-Fusion und experimentelle Klangkunst nebeneinander.
Gegenwart, Migration und globale Rezeption
In der Gegenwart ist arabische Musik global präsent. Migration, Exil, digitale Plattformen und internationale Festivals haben neue Hörgemeinschaften geschaffen. Musikerinnen und Musiker in Beirut, Kairo, Tunis, Casablanca, Amman, Ramallah, Berlin, Paris, London, Montréal und New York verbinden Maqam, Jazz, elektronische Musik, Rap, Klassik, Noise, Rock, Sufi-Klänge und lokale Dialekte. Diese Mischungen sind nicht einfach „Verwestlichung“, sondern neue Formen arabischer musikalischer Selbstbeschreibung.
Gleichzeitig bleibt das klassische Erbe lebendig. Ensembles pflegen Muwaschschahāt, Wasla, irakischen Maqam, andalusische Nuba, Takht-Praxis und Solfège-Traditionen. Konservatorien, private Meister-Schüler-Linien, Onlinekurse, Archive und Festivals tragen zur Weitergabe bei. Dabei entstehen neue Fragen: Wie notiert man Mikrointervalle? Wie lässt sich Tarab in einer globalen Konzertform vermitteln? Wie bewahrt man lokale Stile, ohne sie museal zu erstarren? Wie geht man mit kolonialen Sammlungen, alten Schellackplatten und digitalen Archiven um?
Arabische Musik ist deshalb heute zugleich historisches Erbe, lebendige Kunstpraxis, Medienkultur und politischer Resonanzraum. Ihre Zukunft liegt nicht in einer Rückkehr zu einem vermeintlich reinen Ursprung, sondern in einer bewussten Arbeit mit Tradition, Stimme, Sprache, Modus, Technik und Gegenwart.
Werk-, Formen- und Quellenverzeichnis
Für ein Sachlemma wie Arabische Musik kann kein Werkverzeichnis im Sinn eines einzelnen Komponisten erstellt werden. Sinnvoll ist stattdessen ein Verzeichnis zentraler Formen, Gattungen, Quellen, Instrumente, Theoriebegriffe und historischer Werkkomplexe. Die folgende Übersicht dient als kulturlexikalische Orientierung und führt die wichtigsten Bereiche in zweispaltiger Form zusammen.
| Maqam | Melodisches Grundsystem arabischer Kunstmusik. Ein Maqam umfasst Tonvorrat, charakteristische Wendungen, Finalis, melodische Bewegung, Modulationsmöglichkeiten und affektive Färbung. Wichtige Maqamat sind Rast, Bayati, Hijaz, Saba, Nahawand, Kurd, Ajam, Sikah und Nawa Athar. |
|---|---|
| Iqa | Rhythmischer Zyklus mit Abfolgen von Dum, Tak, Pausen und Akzenten. Iqa‘at strukturieren Gesang, Instrumentalmusik und Tanz. Beispiele sind Maqsum, Sama‘i Thaqil, Wahda, Masmudi, Sa‘idi, Jurjina und Dawr Hindi. |
| Tarab | Ästhetischer Zustand musikalischer Ergriffenheit und kommunikativer Steigerung zwischen Vortragenden und Publikum. Tarab entsteht durch Stimme, Wiederholung, Maqamführung, Ornamentik, Textdehnung, Erwartung und Antwort. |
| Taqsim | Instrumentale Improvisation, in der ein Maqam frei, oft ohne festen Iqa, entfaltet wird. Der Taqsim zeigt die melodische Kenntnis, den Geschmack und die modulatorische Fähigkeit des Spielers. |
| Layali | Vokale Improvisationsform über Silben wie „ya layl“ und „ya ʿayn“. Layali dient häufig der Eröffnung, der Maqam-Entfaltung und der stimmlichen Vorbereitung eines Liedes. |
| Mawwal | Freie oder halbfreie vokale Form, meist stark textbezogen und improvisatorisch. Der Mawwal ist besonders für emotionale Textausdeutung und stimmliche Expressivität wichtig. |
| Qasida | Klassisches arabisches Gedicht beziehungsweise vertonte Langform. In der Musik verbindet die Qasida gehobene Sprache, Maqamführung, vokale Virtuosität und oft große affektive Spannweite. |
| Muwaschschah | Strophische, häufig kunstvolle Gesangsform mit historischen Bezügen zu al-Andalus, Syrien, Aleppo und osmanisch-arabischer Kunstmusik. Muwaschschahāt sind zentral für die klassische städtische Gesangstradition. |
| Wasla | Suiteartige Aufführungsfolge in einem Maqam oder verwandten Maqam-Bereichen. Eine Wasla kann instrumentale und vokale Stücke, Improvisationen und metrische Kompositionen verbinden. |
| Dawr | Ägyptische Gesangsform des 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit Wechsel von komponierten Teilen, responsorialen Passagen und improvisatorischen Erweiterungen. Für die Nahda- und frühe Schallplattenkultur besonders wichtig. |
| Sama‘i | Instrumentale Form, oft im Iqa Sama‘i Thaqil, mit mehreren Abschnitten und einem schnelleren Schluss. Sie verbindet osmanisch-arabische Kunstmusik, Maqamführung und instrumentale Komposition. |
| Bashraf | Instrumentale Form osmanisch-arabischer Tradition, meist groß angelegt und formal gegliedert. Sie gehört zum Repertoire klassischer Ensembles und zur historischen Verbindung arabischer und türkischer Kunstmusik. |
| Nuba | Suite der arabisch-andalusischen Musik des Maghreb. Sie verbindet modale Ordnung, mehrteilige Abfolge, Gesang, Instrumentalspiel und poetische Texte. |
| Qudud Halabiyya | Aleppiner Gesangsformen, die bekannte metrische und melodische Muster mit neuen Texten verbinden. Sie gehören zu den zentralen Traditionen städtischer levantinischer Musik. |
| Irakischer Maqam | Eigenständige klassische Tradition des Irak, besonders mit Bagdad, Mosul und Kirkuk verbunden. Sie umfasst komplexe Gesangsfolgen, poetische Texte und charakteristische Instrumente wie Santur und Joza. |
| Oud | Kurzhalslaute und eines der wichtigsten Instrumente arabischer Musik. Der Oud dient als Soloinstrument, Begleitinstrument, Theorieinstrument und Symbol arabischer Klangkultur. |
| Qanun | Kastenzither mit zahlreichen Saiten und Mandal-Mechanik zur feinen Tonhöhenanpassung. Der Qanun ist für ornamentale Linien, Maqam-Feinheiten und Ensembleklang zentral. |
| Nay | Rohrflöte mit hauchigem, vokalnahem Klang. Der Nay ist besonders in klassischer, Sufi- und Ensemblepraxis bedeutsam. |
| Riqq | Kleine Schellentrommel und zentrales Perkussionsinstrument des Takht. Der Riqq-Spieler kontrolliert Iqa, Akzente, Verzierungen und dynamische Feinheiten. |
| Darbuka | Becherförmige Trommel, in klassischen, populären und volkstümlichen Kontexten verbreitet. Sie prägt moderne arabische Rhythmik stark. |
| Takht | Kleines klassisches Ensemble mit Oud, Qanun, Nay, Violine und Riqq. Der Takht steht für eine kammermusikalische, fein reagierende Form städtischer arabischer Kunstmusik. |
| Koranrezitation | Melodisch hochentwickelte Rezitationskunst, die nicht einfach als Musik bezeichnet wird, aber Stimmideal, Artikulation, Modusgefühl und Hörkultur der arabisch-islamischen Welt stark beeinflusst. |
| Sufi-Dhikr | Spirituelle Rezitations- und Gesangspraxis mit Wiederholung göttlicher Namen, rhythmischer Bewegung, Trommeln, Gesang und gemeinschaftlicher Konzentration. Regionale Formen unterscheiden sich stark. |
| Kitāb al-Mūsīqā al-Kabīr | Große musiktheoretische Schrift al-Fārābīs. Sie gehört zu den bedeutendsten mittelalterlichen Werken über Musiktheorie, Intervall, Instrument, Tonordnung und musikalische Wirkung im islamischen Kulturraum. |
| Al-Kindīs Musiktraktate | Frühe arabische musiktheoretische Texte, in denen griechische Theorie, Oud, Rhythmus, Klangwirkung und philosophische Musikbetrachtung zusammenkommen. |
| Ṣafī al-Dīn al-Urmawī | Theoretiker des 13. Jahrhunderts, wichtig für systematische Ton- und Intervalllehre, modale Klassifikation und die spätere Musiktheorie des islamischen Kulturraums. |
| Kairoer Kongress 1932 | Erster großer internationaler Kongress zur arabischen Musik. Er verband Forschung, Aufführung, Tonaufnahme, Maqam-Debatten, Instrumentenfragen, Standardisierung und kulturpolitische Selbstverständigung. |
| Schellackaufnahmen | Frühe Tonträger, die arabische Musik ab dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verbreiteten. Sie veränderten Aufführungsdauer, Starbildung, Repertoire und Hörgewohnheiten. |
| Rundfunkkonzert | Medienform des 20. Jahrhunderts, besonders wichtig für Umm Kulthum und die panarabische Verbreitung ägyptischer Musik. |
| Arabischer Filmgesang | Verbindung von Musik, Kino, Schauspiel und Massenkultur. Besonders in Ägypten wurde der Film zu einem Hauptmedium arabischer Musikmoderne. |
| Arabischer Pop | Moderne populäre Musikformen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit Einflüssen aus klassischer arabischer Musik, westlichem Pop, Tanzmusik, elektronischer Produktion und regionalen Dialekten. |
| Arabischer Rap und elektronische Szenen | Gegenwärtige Formen urbaner, politischer, diasporischer und experimenteller Musik, die arabische Sprache, lokale Rhythmik, globale Beats und neue Produktionsweisen verbinden. |
Sekundärliteratur
- Danielson, Virginia: The Voice of Egypt: Umm Kulthum, Arabic Song, and Egyptian Society in the Twentieth Century. Chicago 1997. Grundlegende Studie zu Umm Kulthum, ägyptischer Liedkultur, Stimme, Medien, Gesellschaft und arabischer Moderne.
- d’Erlanger, Rodolphe: La musique arabe. 6 Bände. Paris 1930–1959. Monumentale französische Edition und Darstellung arabischer Musiktheorie und Musikgeschichte, wichtig für den Kairoer Kongress und die moderne Systematisierung.
- Farraj, Johnny und Abu Shumays, Sami: Inside Arabic Music: Arabic Maqam Performance and Theory in the 20th Century. New York und Oxford 2019. Ausführliche moderne Einführung in Maqam, Iqa, Instrumente, Aufführungspraxis und Theorie der arabischen Musik des 20. Jahrhunderts.
- Farmer, Henry George: A History of Arabian Music to the XIIIth Century. London 1929. Klassische, heute quellenkritisch zu lesende Darstellung der arabischen Musikgeschichte bis zum 13. Jahrhundert.
- Frishkopf, Michael: Music and Media in the Arab World. Kairo 2010. Sammelband zu Medien, Religion, Populärkultur, Produktion und Rezeption arabischer Musik.
- Hammond, Andrew: Popular Culture in the Arab World. Kairo 2007. Kontextwerk zu moderner arabischer Populärkultur, in der Musik, Film, Fernsehen und Stars zentrale Rollen spielen.
- Lambert, Jean: La médecine de l’âme: le chant de Sanaa dans la société yéménite. Nanterre 1997. Wichtige ethnomusikologische Studie zur jemenitischen Gesangs- und Gesellschaftskultur.
- Marcus, Scott L.: Music in Egypt: Experiencing Music, Expressing Culture. New York und Oxford 2007. Einführung in ägyptische Musik, Maqam-Praxis, Medien, Alltag und kulturelle Bedeutung.
- Marcus, Scott L.: Arab Music Theory in the Modern Period. Dissertation, University of California, Los Angeles 1989. Wichtige Studie zur modernen arabischen Musiktheorie, zu Maqam-Systematisierungen und zur Beziehung zwischen Praxis und Theorie.
- Racy, A. J.: Making Music in the Arab World: The Culture and Artistry of Tarab. Cambridge 2003. Grundlegende Darstellung von Tarab, Aufführung, Musikerfahrung, Improvisation und kultureller Bedeutung arabischer Musik.
- Racy, A. J.: Arabian Music. In: The Garland Encyclopedia of World Music, Band 6: The Middle East. New York 2002. Lexikalisch-wissenschaftlicher Überblick zu Geschichte, Praxis, Gattungen und Regionen arabischer Musik.
- Shiloah, Amnon: Music in the World of Islam: A Socio-Cultural Study. Detroit 1995. Sozial- und kulturgeschichtliche Darstellung von Musik im islamischen Kulturraum.
- Shiloah, Amnon: The Theory of Music in Arabic Writings, c. 900–1900. München 1979. Bibliographisch-theoretisches Standardwerk zu arabischsprachigen Musikschriften und ihren historischen Zusammenhängen.
- Stokes, Martin: Arbeiten zur türkischen, arabischen und mediterranen Musikmoderne. Wichtiger Kontext für die Verflechtung von Maqam, Medien, Nationalkultur, Moderne und globaler Rezeption.
- Touma, Habib Hassan: The Music of the Arabs. Portland 1996. Kompakte Einführung in arabische Musik, Maqam, Rhythmus, Instrumente, Formen und Kulturgeschichte.
- Wright, Owen: Studien zu arabischer, persischer und osmanischer Musiktheorie. Zentral für die wissenschaftliche Erschließung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Musiktheorie im islamischen Kulturraum.
Ausgewählte Onlinequellen
- AMAR Foundation: Umm Kulthum Fachnaher Beitrag zur Bedeutung Umm Kulthums für ägyptische und arabische Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.
- AramcoWorld: Cairo Hums Her Name Aktueller kulturjournalistischer Beitrag zu Umm Kulthums Konzerten, Rundfunkwirkung und anhaltender kultureller Präsenz.
- Britannica: Islamic arts – Music Überblick zur islamischen Musikgeschichte seit dem 7. Jahrhundert und zur Verbindung arabischer, persischer, byzantinischer, türkischer, berberischer und maurischer Elemente.
- Britannica: Maqām Kurzdefinition des Maqam als melodisches Grundprinzip mit Tonvorrat, Motiven, traditioneller Verwendung und charakteristischem Ausdruck.
- Britannica: Īqāʿāt Einführung in die rhythmischen Modi der arabischen Musik und ihre Beziehung zum melodischen Maqam-System.
- Britannica: al-Fārābī Biographischer Artikel zu einem der wichtigsten Philosophen und Musiktheoretiker des mittelalterlichen Islam.
- Britannica: al-Kindī Biographischer Artikel zum frühen arabisch-islamischen Philosophen und Musiktheoretiker.
- Sursock Museum: The 1932 Cairo Arab Music Congress Kulturhistorischer Überblick zum Kairoer Kongress von 1932, zu Reformdebatten, Traditionalismus, Modernisierung und Aufnahmen.
- MaqamWorld: Arabic Maqam World Umfangreiche Online-Einführung in das arabische Maqam-System, besonders mit Blick auf ägyptisch-levantinische Praxis des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts.
- MaqamWorld: Arabic Musical Instruments Überblick über klassische arabische Instrumente und das Takht-Ensemble mit Oud, Nay, Qanun, Violine und Riqq.
- MaqamWorld: Iqa‘ – Arabic Rhythmic Cycles Einführung in Iqa‘at als zyklische rhythmische Muster mit Dum- und Tak-Schlägen.
- Oxford Maqam: Muwashshah Projektseite zu Muwaschschah-Traditionen zwischen Aleppo, Kairo und osmanisch-arabischen Kontexten.
- Qatar Digital Library: Microtones, Piano and Muhammad Al-Qubanshi Beitrag zu den Aufnahmen des Kairoer Kongresses von 1932, zu irakischem Maqam und frühen Tonaufzeichnungen.
- UNESCO Intangible Cultural Heritage: Iraqi Maqam UNESCO-Eintrag zum irakischen Maqam als klassischer Musiktradition mit großem Repertoire, Instrumentarium und regionalgeschichtlicher Bedeutung.
- arXiv: An Open Research Dataset of the 1932 Cairo Congress of Arab Music Aktueller Forschungsbeitrag zu einem offenen Datensatz auf Grundlage der Aufnahmen des Kairoer Kongresses von 1932 mit Maqam-, Iqa- und Tonhöhenmetadaten.
- World of Music: Rauf Yekta’s Notes on the 1932 Congress of Arab Music Wissenschaftlicher Beitrag zur Rolle Rauf Yektas, zu Stimmungssystemen, Modernisierung und Debatten des Kairoer Kongresses.
- Konservatoryum: Arabic Music Conference 1932 Committees Forschungsaufsatz zu Komitees, Maqam-, Rhythmus- und Kompositionsfragen beim Kairoer Kongress von 1932.
Weiterführende Einträge
- Muḥammad ʿAbd al-Wahhāb Ägyptischer Sänger, Komponist und Modernisierer arabischer Musik im 20. Jahrhundert.
- Aleppo Zentrum levantinischer Gesangsformen, besonders der Muwaschschahāt und Qudūd Ḥalabiyya.
- al-Fārābī Philosoph und Musiktheoretiker, dessen Kitāb al-Mūsīqā al-Kabīr zu den Hauptwerken mittelalterlicher Musiktheorie gehört.
- al-Kindī Früher arabisch-islamischer Philosoph und Musiktheoretiker mit grundlegenden Traktaten zu Klang, Rhythmus und Oud.
- Andalusische Musik Musiktraditionen, die aus dem Erbe von al-Andalus hervorgehen und besonders im Maghreb weiterleben.
- Arabische Welt Sprach- und Kulturraum, in dem die regionalen Traditionen arabischer Musik verbunden und unterschieden werden.
- Arabischer Pop Moderne populäre Musikformen der arabischen Welt mit Einflüssen aus Maqam, Film, Tanzmusik, Elektronik und globalem Pop.
- Bagdad Abbasidisches Zentrum höfischer Musik, Theorie und Gelehrsamkeit.
- Bashraf Instrumentale Form osmanisch-arabischer Kunstmusik.
- Darbuka Becherförmige Trommel und wichtiges Perkussionsinstrument arabischer Musik.
- Dawr Ägyptische Gesangsform der Nahda-Zeit mit komponierten und improvisatorischen Anteilen.
- Fairuz Libanesische Sängerin, deren Werk moderne arabische Liedkunst, Theater, Volksliedimagination und nationale Erinnerung verbindet.
- Farīd al-Aṭrash Syrisch-ägyptischer Sänger, Oudspieler, Komponist und Filmstar des 20. Jahrhunderts.
- Iqa Zyklisches rhythmisches Ordnungsprinzip arabischer Musik.
- Irakischer Maqam Klassische irakische Gesangstradition mit eigenem Repertoire, eigener Formfolge und besonderem Instrumentarium.
- Islamische Musik Übergreifender Begriff für Musikpraktiken in islamisch geprägten Kulturräumen, nicht identisch mit arabischer Musik.
- Kairo Zentrum ägyptischer und panarabischer Musikmoderne, Theater-, Film-, Rundfunk- und Kongressort.
- Kairoer Kongress für arabische Musik 1932 Zentrales Ereignis der modernen Selbstverständigung, Dokumentation und Systematisierung arabischer Musik.
- Koranrezitation Melodisch geformte Rezitationskunst, die arabische Hörkultur tief beeinflusst, aber nicht einfach als Musik im weltlichen Sinn gilt.
- Layali Vokale Improvisationsform über Silben wie „ya layl“ und „ya ʿayn“.
- Maqam Melodisches Grundsystem arabischer Musik mit Tonvorrat, typischen Wendungen, Finalis und affektiver Färbung.
- Maqam Rast Grundlegender Maqam mit zentraler Stellung in arabischer Musiktheorie und Praxis.
- Mawwal Freie vokale Form, besonders geeignet für emotionale Textdehnung und Maqam-Entfaltung.
- Muwaschschah Kunstvolle strophische Gesangsform mit andalusischen, levantinischen und osmanisch-arabischen Bezügen.
- Nay Rohrflöte mit vokalnaher Klangfarbe und zentraler Bedeutung in klassischer, Sufi- und Ensemblepraxis.
- Nuba Suiteform der arabisch-andalusischen Musik des Maghreb.
- Oud Kurzhalslaute und eines der zentralen Instrumente arabischer Musik.
- Qanun Kastenzither mit fein regulierbaren Tonhöhen und zentralem Rang im Takht-Ensemble.
- Qasida Klassische arabische Gedicht- und Gesangsform mit gehobener Sprache und großer musikalischer Spannweite.
- Rahbani-Brüder Libanesische Komponisten und Theatermusiker, die mit Fairuz eine neue arabische Musiktheater- und Liedsprache schufen.
- Riqq Schellentrommel und zentrales rhythmisches Instrument des klassischen Takht.
- Sama‘i Instrumentale Kunstform und rhythmischer Zusammenhang osmanisch-arabischer Musik.
- Sayyid Darwīsh Ägyptischer Komponist und Schlüsselfigur der modernen arabischen Musik und Theaterliedkultur.
- Sufi-Musik Spirituelle Gesangs-, Rezitations- und Klangformen im Umfeld islamischer Mystik.
- Takht Klassisches kleines Ensemble arabischer Kunstmusik mit Oud, Qanun, Nay, Violine und Riqq.
- Taqsim Instrumentale Maqam-Improvisation ohne festes metrisches Gerüst.
- Tarab Ästhetischer Zustand musikalischer Ergriffenheit und gemeinsamer Aufführungsintensität.
- Umm Kulthum Ägyptische Sängerin und zentrale Stimme der arabischen Musik des 20. Jahrhunderts.
- Wasla Suiteartige Aufführungsfolge klassischer arabischer Musik in einem Maqam-Zusammenhang.
- Zakariyyā Aḥmad Ägyptischer Komponist, eng mit Theater, Dawr-Tradition und Umm Kulthums Repertoire verbunden.