Anthem

Englischsprachige geistliche Chorkomposition · aus Antiphon abgeleitet · seit dem Altenglischen als Begriff belegt · zentrale Gattung der anglikanischen Kirchenmusik

Überblick

Anthem bezeichnet im engeren musikhistorischen Sinn eine englischsprachige geistliche Chorkomposition, die besonders in der anglikanischen Liturgie, in Kathedralen, College Chapels und Chapel-Royal-Zusammenhängen gepflegt wurde. Der Begriff geht auf Antiphon zurück und war in altenglischen Formen bereits lange vor der Ausbildung der neuzeitlichen Gattung gebräuchlich. Ursprünglich konnte damit eine antiphonal gesungene liturgische Einheit gemeint sein; seit der englischen Reformation gewann Anthem jedoch die spezifischere Bedeutung einer englischsprachigen, meist chorisch ausgeführten geistlichen Komposition, die in Funktion und Rang ungefähr der lateinischen Motette vergleichbar ist, aber sprachlich, liturgisch und institutionell zur englischen Kirchenmusik gehört.

Die Gattung steht an einer Schnittstelle von Choral, Antiphonie, Motette, Psalmvertonung, englischer Bibelübersetzung, Kathedralmusik, königlicher Zeremonie und konzertierender Kirchenmusik. Deshalb ist das Anthem kein bloßes „Kirchenlied“. Es wird in der Regel vom Chor oder von solistischen Stimmen mit Chor ausgeführt und unterscheidet sich vom Hymn dadurch, dass es nicht primär als Gemeindegesang, sondern als kunstvollere liturgische oder zeremonielle Musik verstanden wird.

Die wichtigsten historischen Hauptformen sind das Full Anthem und das Verse Anthem. Das Full Anthem ist überwiegend chorisch und häufig a cappella oder mit Orgelstütze gedacht. Das Verse Anthem stellt solistische oder kleinbesetzte Abschnitte den Chorteilen gegenüber und öffnet die Gattung für konzertierende, instrumentale und später orchestral begleitete Schreibweisen. Daneben begegnen Solo Anthem, Double-Choir Anthem, Symphony Anthem, Coronation Anthem und im weiteren Sprachgebrauch auch nationale, festliche oder institutionelle Anthems.

Als Kulturform ist das Anthem besonders mit der englischen Reformation und der Church of England verbunden. Es wurde zum bevorzugten Ort, an dem englische Bibelsprache, kirchliche Repräsentation, polyphone Kunst, königliches Zeremoniell und die akustische Würde von Kathedralräumen zusammentrafen. Von Thomas Tallis, William Byrd, Orlando Gibbons und Henry Purcell über Georg Friedrich Händel, Samuel Sebastian Wesley, Hubert Parry, Charles Villiers Stanford, Edward Elgar und Ralph Vaughan Williams bis zu Benjamin Britten und jüngeren Komponisten reicht eine lange Tradition, in der sich Liturgie, Nation, Sprache und Chorklang gegenseitig prägen.

Kurzdaten

Begriff Anthem.
Etymologie Aus mittelenglisch anteme und altenglisch antefn beziehungsweise verwandten Formen; letztlich zu spätlateinisch antiphona und griechisch antiphona, also zur Bedeutung eines antwortenden oder antiphonalen Gesangs.
Früher Gebrauch Bereits im Altenglischen als Bezeichnung für eine Antiphon oder eine antiphonal gesungene liturgische Einheit belegt; im engeren neuzeitlichen Gattungssinn seit der englischen Reformation ausgeprägt.
Gattung Englischsprachige geistliche Chorkomposition, besonders der anglikanischen und englischsprachigen Kirchenmusik.
Liturgischer Kontext Morning Prayer, Evening Prayer, Evensong, Chapel Royal, Kathedralgottesdienst, College Chapel, Krönungs- und Staatszeremonien.
Hauptformen Full Anthem, Verse Anthem, Solo Anthem, Double-Choir Anthem, Symphony Anthem und Coronation Anthem.
Abgrenzung Vom Hymn als Gemeindelied, vom Psalm als psalmodischer oder metrischer Psalmvertonung und von der lateinischen Motette durch Sprache, liturgischen Ort und englische Institutionengeschichte unterschieden.
Zentrale Komponisten Thomas Tallis, William Byrd, Christopher Tye, Richard Farrant, Thomas Tomkins, Orlando Gibbons, John Blow, Henry Purcell, William Croft, Maurice Greene, William Boyce, Georg Friedrich Händel, Samuel Sebastian Wesley, Hubert Parry, Charles Villiers Stanford, Edward Elgar, Ralph Vaughan Williams und Benjamin Britten.
Kulturgeschichtliche Bedeutung Das Anthem verbindet englische Bibel- und Liturgiesprache, Kathedralchor, Reformation, Monarchie, Nationalzeremoniell und anspruchsvolle Chorkomposition.
Datei anthem.shtml.

Begriff, Etymologie und Abgrenzung

Der Begriff Anthem ist historisch aus demselben Wortfeld hervorgegangen wie Antiphon. Der ältere Sinn verweist auf antwortendes, wechselchöriges oder antiphonales Singen. Damit ist die Wortgeschichte älter als die eigentliche anglikanische Gattung. Wenn in der älteren Sprachgeschichte antefn, anteme oder verwandte Formen erscheinen, ist nicht zwingend ein Tudor-Anthem gemeint, sondern zunächst eine Antiphon oder eine antiphonal strukturierte liturgische Einheit.

Die spezifischere Bedeutung des Anthem entsteht im 16. Jahrhundert. Mit der englischen Reformation, der Verwendung der Volkssprache in der Liturgie und der Herausbildung einer eigenständigen anglikanischen Kirchenmusik wurde ein Bedarf an englischsprachigen geistlichen Chorkompositionen geschaffen. Das Anthem trat dabei an eine Stelle, die in der vorreformatorischen lateinischen Liturgie durch Antiphonen, Respondien, Motetten und andere Gesangsformen besetzt sein konnte. Es ist deshalb zugleich Fortsetzung und Neubestimmung: formal verwandt mit älterer Kirchenmusik, sprachlich und institutionell aber neu auf die englische Kirche bezogen.

Vom Hymn unterscheidet sich das Anthem vor allem durch Aufführungsfunktion und musikalischen Anspruch. Ein Hymn ist meist strophisch, gemeindlich und liedhaft; ein Anthem ist in der Regel eine komponierte Chormusik für geschulte Sänger. Vom Psalm unterscheidet es sich dadurch, dass es nicht notwendig einer einfachen psalmodischen Formel folgt, sondern frei komponierte Abschnitte, Imitation, homophone Blöcke, Soloabschnitte, instrumentale Zwischenspiele und affektbezogene Klanggestaltung enthalten kann. Von der Motette unterscheidet es sich besonders durch die englische Sprache und durch seinen Ort in der anglikanischen Liturgie.

Im weiteren englischen Sprachgebrauch bezeichnet anthem auch einen festlichen, identitätsstiftenden Gesang, etwa eine Nationalhymne. Diese moderne Bedeutungsweitung ist kulturgeschichtlich wichtig, darf aber nicht mit dem engeren musikhistorischen Gattungsbegriff gleichgesetzt werden. Für die Kirchenmusik ist das Anthem eine eigene englische Form; für die Alltagssprache kann ein Anthem auch ein Symbolgesang einer Nation, Institution, Bewegung oder Gruppe sein.

Kulturüberblick

Das Anthem ist ein Kernbestand der englischen Chorkultur. Seine Geschichte zeigt, wie stark Musik von Institutionen geprägt wird: Kathedralen, College Chapels, die Chapel Royal, die Universitäten Oxford und Cambridge, die Druck- und Handschriftenkultur sowie die königliche Repräsentation schufen gemeinsam den Raum, in dem die Gattung gedeihen konnte. Anders als viele kontinentale Formen ist das Anthem nicht nur durch abstrakte Satztechnik definiert, sondern durch einen konkreten liturgischen und architektonischen Klangraum.

In der englischen Reformation wurde die Frage der Sprache zentral. Die englische Bibel, das Book of Common Prayer und die neue Ordnung der Gottesdienste veränderten die Stellung der Musik. Komponisten mussten eine Sprache vertonen, deren Silbenrhythmus, Betonung und rhetorische Struktur sich vom Lateinischen unterschieden. Dadurch entwickelte das Anthem eine besondere Nähe zur englischen Textdeklamation. Es ist weniger ein lateinisches Kunstgebilde in Übersetzung als eine neue vokale Rhetorik der englischen Sprache.

Der Kathedralchor spielte dabei eine entscheidende Rolle. Das Anthem setzt eine geschulte Chorkultur voraus: Knabenstimmen, Männerstimmen, professionelle Lay Clerks, Organisten, Kapellmeister und ein geregelter Tagesablauf der Gottesdienste. In diesem Milieu konnten musikalisch anspruchsvolle Kompositionen regelmäßig aufgeführt werden. Das erklärt, weshalb viele Anthems nicht für die breite Gemeinde, sondern für Räume und Institutionen geschrieben wurden, in denen qualifizierte Sänger verfügbar waren.

Die Monarchie verstärkte den repräsentativen Charakter der Gattung. Besonders die Coronation Anthems zeigen, wie Anthem, Staat, Kirche und Krönungsritual ineinandergreifen. Händels Zadok the Priest ist das bekannteste Beispiel: Ein biblischer Text wird in festliche Klangarchitektur übersetzt und zum akustischen Zeichen legitimer Herrschaft. Das Anthem kann daher zugleich liturgisch, politisch und national-symbolisch funktionieren.

In der Neuzeit wurde das Anthem auch außerhalb des engen anglikanischen Zentrums wirksam. In englischsprachigen protestantischen Kirchen, in Nordamerika, in der mährischen Musiktradition, in College Choirs und in der Konzertpraxis bildeten sich verwandte Repertoires. Das Wort wanderte außerdem in den allgemeinen Sprachgebrauch, in dem es einen feierlichen, gemeinschaftsstiftenden Gesang bezeichnet. Diese Weitung erklärt, warum der Begriff heute zwischen liturgischer Fachsprache, Chormusik und politisch-kultureller Symbolik schwankt.

Liturgischer Ort und gattungsgeschichtliche Funktion

Im anglikanischen Gottesdienst gehört das Anthem besonders zu Morning Prayer und Evening Prayer beziehungsweise zum Evensong. Es ist nicht einfach ein beliebig eingeschobenes Musikstück, sondern steht im Zusammenhang einer liturgischen Ordnung aus Psalmen, Lesungen, Canticles, Gebeten und Responses. Seine Aufgabe besteht darin, einen biblischen oder liturgischen Text musikalisch zu vertiefen, nicht ihn durch Gemeindegesang zu ersetzen.

Der liturgische Ort begünstigte eine besondere Dramaturgie. Ein Anthem konnte nach Lesungen, nach dem Sermon, im Rahmen des Offiziums oder bei besonderen Feierlichkeiten erklingen. Die Musik erhielt dadurch eine vermittelnde Funktion zwischen Wortverkündigung, Gebet und zeremonieller Repräsentation. In der Kathedrale bot der Chorraum mit seinen gegenüberliegenden Seiten, traditionell Decani und Cantoris, zudem einen räumlichen Anlass für antiphonale Wechsel.

Dieser räumliche Wechsel ist für die Gattung zentral. Selbst wenn ein Anthem nicht streng antiphonal komponiert ist, bleibt die Möglichkeit der Klangantwort zwischen Chorseiten, Solisten, Chorgruppen und Instrumenten ein prägendes Element. Das Anthem bewahrt dadurch im Inneren der neuzeitlichen englischen Kirchenmusik eine Erinnerung an die ältere Antiphon.

Formen des Anthem

Die wichtigsten historischen Formen lassen sich nicht immer scharf trennen, doch ihre Unterscheidung ist für Analyse, Quellenbeschreibung und Aufführungspraxis notwendig. Das Full Anthem ist überwiegend oder vollständig für Chor gesetzt. Es kann homophon, imitatorisch, kontrapunktisch oder abschnittsweise deklamierend gestaltet sein. Im Tudor-Zeitalter steht es der englischen Motette besonders nahe.

Das Verse Anthem stellt solistische oder kleinbesetzte Abschnitte dem vollen Chor gegenüber. Der Begriff verse meint hier nicht einfach eine Textstrophe, sondern eine solistische oder reduzierte musikalische Partie. Diese Form wurde besonders im späten 16. und 17. Jahrhundert wichtig, weil sie Textdeutlichkeit, dramatische Abwechslung und instrumentale Begleitung stärker einbeziehen konnte.

Das Solo Anthem rückt eine Einzelstimme in den Vordergrund, häufig mit Continuo- oder Orgelbegleitung und chorischen Rahmenteilen. Das Double-Choir Anthem arbeitet mit zwei Chören oder zwei Chorgruppen und knüpft an antiphonale Raumwirkung an. Das Symphony Anthem enthält selbstständige instrumentale Abschnitte, die nicht nur begleiten, sondern den musikalischen Ablauf gliedern. Das Coronation Anthem ist schließlich eine zeremonielle Sonderform für Krönung und Staatsritual.

Full Anthem Chorisches Anthem ohne hervortretende solistische Verse; häufig a cappella oder mit Orgelstütze, besonders in der Tudor- und frühen Stuart-Zeit wichtig.
Verse Anthem Anthem mit Wechsel von Solisten, kleinen Vokalgruppen und vollem Chor; oft mit Orgel, Violen, Streichern oder später größerer Instrumentalbegleitung.
Solo Anthem Anthem mit dominierender Solostimme, meist für besondere Affektdarstellung, Textdeutlichkeit oder kleinere liturgische Verhältnisse geeignet.
Double-Choir Anthem Anthem für zwei Chöre oder zwei Chorgruppen, oft mit räumlicher und antiphonaler Wirkung.
Symphony Anthem Anthem mit selbstständigen instrumentalen Abschnitten; besonders nach der Restauration und in der Nähe kontinentaler Konzertformen wichtig.
Coronation Anthem Festliches Anthem für Krönungsrituale, Staatsgottesdienste und monarchische Repräsentation.
Festival Anthem Groß dimensioniertes Anthem für besondere kirchliche, akademische oder nationale Feiern, häufig mit großem Chor und Orchester.

Historische Entwicklung

Die Vorgeschichte des Anthem liegt in der Antiphon, im Responsorium, in der lateinischen Motette und in der mittelalterlichen Choralpraxis. Erst die englische Reformation gab dem Begriff jedoch eine neue institutionelle Gestalt. Mit der Einführung englischsprachiger Gottesdienstordnungen und der Neuordnung der Kirchenmusik entstand ein Repertoire, das geistliche Texte in englischer Sprache kunstvoll, aber liturgisch brauchbar vertonte.

In der Tudor-Zeit prägten Thomas Tallis, Christopher Tye, Richard Farrant und William Byrd die frühen Formen. Ihre Anthems stehen oft zwischen alter polyphoner Kunst und neuer Textverständlichkeit. Die Musik muss einerseits die Würde des Sakralraums bewahren, andererseits den englischen Text verständlich machen. Dadurch entstehen klare Deklamation, homophone Passagen, imitatorische Abschnitte und eine differenzierte Beziehung von Wort und Klang.

Im frühen 17. Jahrhundert gewann das Verse Anthem an Bedeutung. Orlando Gibbons ist hier eine zentrale Gestalt. Seine Verse Anthems verbinden solistische Linien, chorische Antworten und instrumentale oder orgelgestützte Klanglichkeit. Die Form erlaubt größere rhetorische Beweglichkeit als das rein chorische Full Anthem und öffnet die Gattung für Affektwechsel, Dialog und szenische Spannung.

Nach der Restauration von 1660 veränderte sich die Klangwelt der englischen Kirchenmusik deutlich. Die Chapel Royal wurde zum Ort, an dem französische, italienische und englische Elemente zusammenkamen. Henry Purcell entwickelte das Anthem zu einer konzertierenden Form mit Solisten, Chor, Streichern, Bläsern und Continuo. Die Nähe zur kontinentalen Kirchenkantate wird in dieser Phase besonders deutlich, ohne dass das Anthem seine englische Text- und Liturgiebindung verliert.

Im 18. Jahrhundert erhielt die Gattung durch Händel eine monumentale zeremonielle Dimension. Die Coronation Anthems und die Chandos Anthems zeigen, wie das Anthem vom Kathedralrepertoire in den Bereich groß besetzter Festmusik übertritt. In der Kathedraltradition setzten William Croft, Maurice Greene, William Boyce und andere die Linie fort. Die Gattung wurde zugleich konservativ bewahrt und repräsentativ erweitert.

Im 19. Jahrhundert wurde das Anthem Teil einer erneuerten englischen Chorkultur. Samuel Sebastian Wesley, John Stainer, Charles Villiers Stanford, Hubert Parry und Edward Elgar verbanden romantische Harmonik, Orgelklang, viktorianische Kirchenmusik und nationale Chorinstitutionen. Im 20. Jahrhundert griffen Ralph Vaughan Williams, Herbert Howells, William Walton, Benjamin Britten und andere die Gattung neu auf. Sie machten das Anthem zu einem Ort moderner, aber traditionsbewusster englischer Chormusik.

Analytische Bedeutung

Für die musikalische Analyse ist das Anthem besonders ergiebig, weil es Sprache, Raum, Liturgie und musikalische Form eng miteinander verbindet. Eine Analyse sollte daher nicht nur Satztechnik und Harmonik untersuchen, sondern auch fragen, welche Funktion der Text im Gottesdienst erfüllt, welche Chorgruppen beteiligt sind, ob Decani und Cantoris gegeneinander ausgespielt werden, wie Solostimmen und Chor wechseln und ob Instrumente nur stützen oder eigene formbildende Aufgaben übernehmen.

Beim Full Anthem ist besonders auf Textdeklamation, Imitation, Kadenzplanung und chorische Verdichtung zu achten. Viele Tudor- und frühe Stuart-Anthems arbeiten mit einer Folge textbezogener musikalischer Abschnitte. Der Text wird nicht unbedingt strophisch behandelt, sondern abschnittsweise durch musikalische Gesten, Imitationen und Klangkontraste ausgelegt. Homophone Stellen dienen häufig der besonderen Verständlichkeit oder rhetorischen Zuspitzung.

Beim Verse Anthem liegt der analytische Schwerpunkt auf dem Wechsel von Solo, kleiner Gruppe und vollem Chor. Die Soloabschnitte können affektiver, ornamentaler und rhetorisch beweglicher sein; der Chor antwortet, bestätigt, erweitert oder bündelt. Der Wechsel ist daher nicht bloße Besetzungsvariation, sondern eine Form geistlicher Dramaturgie. Besonders bei Purcell kann der Verlauf fast kantatenartig wirken.

Beim Coronation Anthem kommt die zeremonielle Dimension hinzu. Hier ist zu untersuchen, wie musikalische Größe erzeugt wird: durch punktierte Rhythmen, Fanfaren, lange Steigerungen, blockhafte Choreinsätze, orchestrale Vorbereitungen und die symbolische Aufladung biblischer Texte. Das Anthem wird in solchen Fällen zur Klangform politisch-religiöser Legitimation.

Werk- und Repertoireverzeichnis

Da Anthem ein Gattungsbegriff und kein Personenlemma ist, kann es kein „komplettes Werkverzeichnis“ im Sinn eines abgeschlossenen Autorenkatalogs geben. Das folgende Verzeichnis bietet daher eine umfangreiche, nach Epochen und Funktionen geordnete Repertoireübersicht zentraler und exemplarischer Anthems. Es ist als kulturgeschichtliche Orientierung gedacht und verbindet besonders häufig genannte Werke, liturgisch wirksame Stücke und gattungsgeschichtlich aufschlussreiche Beispiele.

Frühe Tudor- und elisabethanische Anthems

Thomas Tallis: If ye love me Kurzes englisches Anthem für vierstimmigen Chor; ein Musterbeispiel reformatorischer Textverständlichkeit, klarer Deklamation und schlichter geistlicher Würde.
Thomas Tallis: Hear the voice and prayer Englisches Full Anthem mit deutlicher Textartikulation und zurückhaltender polyphoner Gestaltung.
Thomas Tallis: O Lord, give thy Holy Spirit Anthem mit bittender Textanlage und ausgeglichener chorischer Faktur; typisch für die Verbindung von englischer Gebetssprache und Renaissancepolyphonie.
Christopher Tye: I will exalt thee Frühes englisches Anthem aus der Reformationszeit; wichtig für die Ausbildung volkssprachlicher geistlicher Chormusik.
Christopher Tye: O come ye servants of the Lord Festliches Anthem mit klarer chorischer Deklamation und repräsentativem Charakter.
Richard Farrant: Call to remembrance Bekanntes kurzes Anthem mit konzentrierter, textnaher und liturgisch gut verwendbarer Anlage.
Richard Farrant: Hide not thou thy face Anthem mit Buß- und Bittcharakter; häufig als Beispiel schlichter englischer Kirchenmusik der Tudor-Zeit herangezogen.
William Byrd: Sing joyfully unto God Glanzvolles Full Anthem mit lebhafter Textausdeutung und deutlicher Festlichkeit.
William Byrd: Teach me, O Lord Anthem aus dem englischen Kirchenrepertoire, in dem Byrds kontrapunktische Kunst mit deutlicher Textführung verbunden ist.
William Byrd: O Lord, make thy servant Elizabeth Anthem mit monarchischem Bezug auf Elisabeth I.; wichtig für die Verbindung von Kirchenmusik, Königtum und politischer Loyalität.
William Byrd: Prevent us, O Lord Kurzes geistliches Anthem mit Gebetscharakter, das die liturgische Prägnanz der Gattung zeigt.

Frühes 17. Jahrhundert und Verse-Anthem-Tradition

Orlando Gibbons: This is the record of John Verse Anthem für Countertenor, Chor und Orgel; eines der berühmtesten Beispiele für die dialogische und rhetorische Kraft der Form.
Orlando Gibbons: Almighty and everlasting God Full Anthem von großer Klarheit und liturgischer Geschlossenheit; ein Hauptwerk der frühen Stuart-Kirchenmusik.
Orlando Gibbons: O clap your hands together Festliches Anthem mit großem chorischem Zugriff, oft als Beispiel repräsentativer englischer Chorkunst genannt.
Orlando Gibbons: See, see, the Word is incarnate Ausgedehntes Verse Anthem, das solistische, chorische und rhetorische Elemente in großem Maßstab verbindet.
Thomas Tomkins: When David heard Anthem mit ausgeprägter Trauer- und Affektdarstellung; besonders wichtig für die expressive Seite der englischen Chormusik.
Thomas Tomkins: Almighty God, the fountain of all wisdom Anthem mit feierlicher Gebetshaltung und dichter kontrapunktischer Arbeit.
Edmund Hooper: Behold, it is Christ Verse Anthem aus dem Chapel-Royal-Umfeld; wichtig für die frühe Entwicklung der solistisch-chorischen Form.
John Amner: O ye little flock Geistliches Anthem aus dem frühen 17. Jahrhundert, das die Nähe von englischer Andacht, Chortradition und häuslich-kirchlicher Aufführungspraxis zeigt.

Restauration, Chapel Royal und Barock

John Blow: I beheld, and lo, a great multitude Großes Anthem der Restaurationszeit mit repräsentativer Klanganlage und starkem Chapel-Royal-Bezug.
John Blow: God spake sometime in visions Anthem mit königlichem und zeremoniellem Kontext; wichtig für die Verbindung von Bibeltext und Herrschaftsrepräsentation.
Henry Purcell: Hear my prayer, O Lord Berühmtes Full Anthem mit intensiver chromatischer Steigerung und außergewöhnlicher Affektdichte.
Henry Purcell: Remember not, Lord, our offences Kurzes, ausdrucksstarkes Anthem mit Bußcharakter und dichter harmonischer Sprache.
Henry Purcell: Rejoice in the Lord alway Verse Anthem, auch als Bell Anthem bekannt; ein Hauptbeispiel für Purcells Verbindung von Solisten, Chor, Instrumenten und charakteristischer Klangfigur.
Henry Purcell: I was glad Festliches Anthem mit zeremoniellem Charakter und deutlicher Nähe zur königlichen beziehungsweise staatskirchlichen Repräsentation.
Henry Purcell: My heart is inditing Coronation Anthem von 1685; ein wichtiges Werk der Krönungsmusik vor Händel.
Henry Purcell: Jehova, quam multi sunt hostes mei Lateinisches Werk im Grenzbereich der englischen geistlichen Konzertmusik; analytisch als Vergleich zur Anthem-Tradition aufschlussreich, aber sprachlich nicht dem engeren englischen Anthem-Begriff entsprechend.

Händel und das 18. Jahrhundert

Georg Friedrich Händel: Zadok the Priest Coronation Anthem für die Krönung Georgs II. von 1727; bis heute das bekannteste Krönungsanthem und ein Muster festlicher Steigerungsdramaturgie.
Georg Friedrich Händel: The King shall rejoice Coronation Anthem von 1727; repräsentatives Werk mit großem Chor- und Orchesterapparat.
Georg Friedrich Händel: My heart is inditing Coronation Anthem von 1727; festliche Musik mit besonderem Bezug auf die Königin und den Krönungsritus.
Georg Friedrich Händel: Let thy hand be strengthened Coronation Anthem von 1727; prägnantes Beispiel für Händels Verbindung von englischem Text, Orchesterklang und zeremonieller Form.
Georg Friedrich Händel: O be joyful in the Lord Chandos Anthem; Teil einer Werkgruppe, die das Anthem mit groß dimensionierter Haus-, Kapell- und Festmusik verbindet.
Georg Friedrich Händel: As pants the hart Chandos Anthem auf Psalmtext; wichtig für die Verbindung von Solisten, Chor und instrumentaler Begleitung.
Georg Friedrich Händel: Let God arise Chandos Anthem mit energischer Chorsprache und festlichem Charakter.
William Croft: O Lord, rebuke me not Anthem der englischen Kathedraltradition, das die nachpurcellische Linie des 18. Jahrhunderts repräsentiert.
Maurice Greene: Lord, let me know mine end Bekanntes Anthem mit eindringlicher Textbehandlung und ruhiger, kontemplativer Haltung.
William Boyce: By the waters of Babylon Anthem mit Psalmbezug und klassisch-britischer Kathedralwirkung.

19. Jahrhundert und viktorianische Chorkultur

Samuel Sebastian Wesley: Blessed be the God and Father Eines der bekanntesten englischen Anthems des 19. Jahrhunderts; verbindet Solostimme, Chor und Orgel in romantischer, aber liturgisch klarer Form.
Samuel Sebastian Wesley: Thou wilt keep him in perfect peace Anthem mit ruhiger, kontemplativer Klangwirkung und exemplarischer viktorianischer Choralität.
John Stainer: I saw the Lord Großes viktorianisches Anthem mit dramatischer Steigerung und festlicher Orgel- und Chorwirkung.
Hubert Parry: I was glad Festliches Anthem mit Staats- und Krönungsbezug; besonders bekannt durch seine Verwendung bei britischen Zeremonien.
Hubert Parry: Blest pair of sirens Großes Chorwerk im weiteren Anthem- und Festivalzusammenhang, das englische Dichtung und chorsymphonischen Gestus verbindet.
Charles Villiers Stanford: Beati quorum via Motettennahes lateinisches Chorwerk im Umfeld der englischen College-Chortradition; als Vergleich zur Anthem-Kultur wichtig, obwohl es sprachlich nicht dem engeren Anthem-Begriff entspricht.
Charles Villiers Stanford: For lo, I raise up Dramatisches Anthem mit prophetischem Text und kraftvoller spätromantischer Tonsprache.
Edward Elgar: Give unto the Lord Großes Anthem für Chor und Orgel beziehungsweise Orchesterfassung; Beispiel für die spätromantische Ausweitung der Gattung.
Edward Elgar: Great is the Lord Festliches Anthem mit breiter melodischer Anlage und starkem Orgel- beziehungsweise Chorklang.

20. und 21. Jahrhundert

Ralph Vaughan Williams: O clap your hands Anthem mit kräftiger Chor- und Orgelwirkung, das ältere Psalm- und Anthem-Tradition in eine moderne englische Tonsprache überführt.
Ralph Vaughan Williams: Lord, thou hast been our refuge Groß angelegtes Anthem mit solistischer, chorischer und liturgischer Dimension.
Herbert Howells: Like as the hart Anthem von lyrischer Intensität und harmonischer Feinheit; zentral für die englische Kathedralmusik des 20. Jahrhunderts.
Herbert Howells: Take him, earth, for cherishing Gedenkanthem von hoher kompositorischer Dichte und bedeutender Stellung in der modernen englischen Chormusik.
William Walton: Set me as a seal upon thine heart Kurzes, konzentriertes Anthem mit hoher textlicher und harmonischer Intensität.
Benjamin Britten: Rejoice in the Lamb Festival Cantata im Grenzbereich von Anthem, Kantate und liturgischer Konzertmusik; wichtig für die moderne englische Chorkultur.
Kenneth Leighton: Let all the world in every corner sing Modernes Anthem mit energischer Chorsprache und deutlicher Orgelwirkung.
John Tavener: Song for Athene Geistliches Chorwerk mit anthemähnlicher öffentlicher Wirkung; im engeren Sinn nicht traditionelles anglikanisches Anthem, aber kulturgeschichtlich für die moderne Sakral- und Staatszeremonie relevant.
Judith Weir: Ascending into Heaven Zeitgenössisches englisches Chorwerk im Umfeld moderner liturgischer Chorkultur und College-Chor-Praxis.
James MacMillan: A New Song Modernes geistliches Chorwerk, das in der englischsprachigen Chorpraxis anthemähnliche Funktionen übernehmen kann.

Quellenlage und editorische Hinweise

Die Quellenlage des Anthem ist besonders reich, aber auch komplex. Neben gedruckten Sammlungen stehen Partbooks, Kathedralhandschriften, Chapel-Royal-Materialien, College-Archive, Orgelbücher, moderne Editionsreihen und liturgische Gebrauchsausgaben. Viele Werke sind in mehreren Fassungen, Abschriften oder Besetzungsvarianten überliefert. Deshalb muss bei jeder editorischen Arbeit zwischen ursprünglicher liturgischer Funktion, späterer Kathedralpraxis, Konzertfassung und moderner Edition unterschieden werden.

Für die frühe Zeit sind Stimmenbücher und Partbooks besonders wichtig. Sie zeigen nicht nur den Notentext, sondern auch institutionelle Ordnung: Dienste, Verse Anthems und Full Anthems konnten in Handschriften gesondert angeordnet sein. Solche Quellen machen sichtbar, dass die Begriffe nicht bloß nachträgliche Theorie sind, sondern praktische Ordnungskategorien des Chorbetriebs.

Bei Restoration Anthems und Symphony Anthems tritt die Frage der Instrumentalbesetzung hinzu. Nicht jedes überlieferte Material zeigt eindeutig, ob Instrumente colla parte, selbstständig oder nur bei besonderen Anlässen verwendet wurden. Bei Purcell und seinen Zeitgenossen muss deshalb sorgfältig zwischen Chapel-Royal-Praxis, Theater- und Hofmusik, handschriftlicher Überlieferung und späterer Herausgebertradition unterschieden werden.

Bei modernen Anthems stellt sich eine andere Frage: Viele Stücke existieren sowohl als liturgische Gebrauchsausgaben als auch als Konzertrepertoire. Der Begriff Anthem kann dabei enger oder weiter verwendet werden. Ein Werk kann in einem Chorprogramm als Anthem erscheinen, obwohl es formal eher Kantate, Motette oder geistliches Chorstück ist. Für eine präzise Kulturlexikon-Verwendung sollte daher immer angegeben werden, ob Anthem als historischer Gattungsbegriff, als liturgische Funktionsbezeichnung oder als allgemeiner englischer Ausdruck für ein feierliches Chorstück verwendet wird.

Sekundärliteratur

  • Arnold, Denis; Fortune, Nigel (Hrsg.): The New Oxford Companion to Music. Oxford 1983.
  • Bowers, Roger: English Church Polyphony: Singers and Sources from the 14th to the 17th Century. Mehrere Studien zur englischen Kirchenmusik und ihren Quellen.
  • Burrows, Donald: Handel and the English Chapel Royal. Oxford 2005.
  • Fellowes, Edmund H.: English Cathedral Music from Edward VI to Edward VII. London 1941 und spätere Auflagen.
  • Harley, John: Orlando Gibbons and the Gibbons Family of Musicians. Aldershot 1999.
  • Harper, John: The Forms and Orders of Western Liturgy from the Tenth to the Eighteenth Century. Oxford 1991.
  • Le Huray, Peter: Music and the Reformation in England 1549–1660. London 1967.
  • Le Huray, Peter: The Oxford Book of Tudor Anthems. Oxford 1978.
  • Long, Kenneth R.: The Music of the English Church. London 1971.
  • Morehen, John: Studien zu Tudor Church Music, Chapel-Royal-Praxis und englischen Partbooks.
  • Shaw, Watkins: The Succession of Organists of the Chapel Royal and the Cathedrals of England and Wales. Oxford 1991.
  • Spink, Ian: Restoration Cathedral Music 1660–1714. Oxford 1995.
  • Wulstan, David: Tudor Music. London 1985.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Anglikanische Kirchenmusik Institutioneller und liturgischer Hauptkontext des Anthem seit der englischen Reformation.
  • Anglikanische Liturgie Gottesdienstlicher Rahmen von Morning Prayer, Evening Prayer, Evensong und Anthem-Praxis.
  • Antiphon Vorgänger- und Herkunftsbegriff des Anthem aus der älteren liturgischen Gesangspraxis.
  • Antiphonie Wechselchöriges Prinzip, das etymologisch und satztechnisch für das Anthem wichtig bleibt.
  • Book of Common Prayer Liturgische Grundlage der englischen Reformationskirche und wichtiger Rahmen des Anthem.
  • William Byrd Zentrale Gestalt des elisabethanischen Full Anthem und der englischen Kirchenmusik.
  • Chapel Royal Hofkirchliche Institution, in der das Anthem besonders repräsentative Formen annahm.
  • Chorkomposition Übergreifender Gattungsrahmen für Full Anthem, Verse Anthem und moderne geistliche Chorwerke.
  • Church of England Kirchliche Institution, in deren Liturgie und Chorkultur das Anthem seine klassische Gestalt erhielt.
  • Continuo Begleitpraxis, die für Verse Anthems und Restoration Anthems wichtig wurde.
  • Coronation Anthem Festliche Sonderform des Anthem für Krönungsrituale und staatskirchliche Repräsentation.
  • Decani und Cantoris Die beiden Seiten des Kathedralchores, deren räumliche Gegenüberstellung antiphonale Effekte begünstigt.
  • Edward Elgar Komponist spätromantischer englischer Anthems und groß besetzter geistlicher Chormusik.
  • Evensong Anglikanischer Abendgottesdienst, in dem das Anthem bis heute eine zentrale Stellung besitzt.
  • Full Anthem Überwiegend chorische Hauptform des Anthem, besonders wichtig in Tudor- und Kathedraltradition.
  • Orlando Gibbons Komponist, dessen Verse Anthems zu den wichtigsten Beispielen der frühen Stuart-Zeit gehören.
  • Georg Friedrich Händel Komponist der Coronation Anthems und Chandos Anthems, prägend für die festliche englische Anthem-Tradition.
  • Hymn Englisches Kirchenlied und Gemeindegesang, von dem das Anthem als kunstvollere Chorform abzugrenzen ist.
  • Kathedralmusik Institutioneller Klangraum, in dem Full Anthem und Verse Anthem besonders gepflegt wurden.
  • Motette Lateinische beziehungsweise kontinentale Vergleichsgattung, zu der das englische Anthem in enger Beziehung steht.
  • Hubert Parry Komponist festlicher viktorianischer und edwardianischer Chorwerke im Umfeld der Anthem-Tradition.
  • Henry Purcell Komponist, der das Anthem nach der Restauration durch konzertierende und orchestrale Elemente erneuerte.
  • Psalm Biblische Textgrundlage vieler Anthems und wichtiger Vergleichspunkt zur Psalmodie.
  • Restoration Music Musik nach der englischen Restauration von 1660, in der das Verse und Symphony Anthem neue Klangformen annahm.
  • Charles Villiers Stanford Prägende Gestalt der englischen College- und Kathedralchortradition des späten 19. Jahrhunderts.
  • Thomas Tallis Früher Hauptkomponist englischer Anthems in der Reformationszeit.
  • Verse Anthem Solistisch-chorische Hauptform des Anthem mit Wechsel von Verse-Abschnitten und Full Choir.
  • Ralph Vaughan Williams Komponist moderner englischer Anthems und wichtiger Erneuerer nationaler Chorkultur.