Antiphon
Überblick
Die Antiphon, französisch antienne, lateinisch antiphona, ist ein kurzer liturgischer Gesang beziehungsweise ein Refrain, der gewöhnlich vor und nach einem Psalm oder einem Canticum gesungen wird. Manchmal kann sie auch zwischen den Versen wiederkehren. In ihrer Grundfunktion rahmt sie den Psalmengesang, gibt ihm einen liturgischen Sinn, bestimmt seinen modalen Bezug und verbindet den biblischen Text mit dem Tag, Fest, Heiligen, Kirchenjahr oder liturgischen Vorgang.
Die Antiphon gehört zu den elementaren Formen des gregorianischen Gesangs. Sie ist weder bloß eine Einleitung noch bloß ein Schlussgesang, sondern eine Deutungsformel. Ein Psalm kann an vielen Tagen derselbe sein; seine Antiphon verändert den Blick auf ihn. Sie macht aus dem allgemeinen Psalmwort eine bestimmte liturgische Aussage. Deshalb ist die Antiphon ein Schlüssel zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Liturgie, zur klösterlichen Tagzeitenordnung, zur Messe und zur Geschichte des westlichen Kirchengesangs.
Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Antiphon und Antiphonie. Antiphonie bezeichnet allgemein ein Wechselgesangsprinzip, also das Singen zweier Gruppen, eines Chores und eines Kantors oder zweier Chöre im Wechsel. Die Antiphon ist dagegen ein bestimmter liturgischer Gesang. Historisch hängen beide Begriffe zusammen, weil der antiphonale Psalmengesang ursprünglich auf Wechsel und Antwort beruht; sachlich dürfen sie aber nicht gleichgesetzt werden.
In der Messe begegnen Antiphonen besonders als Introitus, Offertorium und Communio. Im Stundengebet rahmen sie die Psalmen und die großen Cantica, besonders Magnificat, Benedictus und Nunc dimittis. Eine Sonderstellung besitzen die marianischen Antiphonen wie Alma Redemptoris Mater, Ave Regina caelorum, Regina caeli und Salve Regina, die stärker lied- und hymnenartig wirken und historisch nicht einfach mit der knappen Psalmantiphon gleichzusetzen sind.
Kulturgeschichtlich ist die Antiphon deshalb wichtig, weil sie Musik, Text, Liturgie, Theologie, Zeitordnung und Schriftüberlieferung verbindet. Sie steht am Schnittpunkt von gesungener Bibel, klösterlicher Regel, kirchlicher Festkultur, musikalischem Modus, mittelalterlicher Handschrift und späterem Chorbuch. Ohne die Antiphon lässt sich der gregorianische Choral nur unvollständig verstehen.
Kurzdaten
| Begriff | Antiphon. |
|---|---|
| Lateinische Form | Antiphona. |
| Französische Form | Antienne. |
| Griechische Herkunft | Aus griechisch antiphōnos beziehungsweise antiphōnein, im Sinn von Gegenklang, Antwort, Wechselgesang oder Entgegensingen. |
| Grunddefinition | Kurzer liturgischer Gesang oder Refrain, gewöhnlich vor und nach einem Psalm oder Canticum gesungen, manchmal auch zwischen deren Versen wiederholt. |
| Liturgische Hauptorte | Stundengebet beziehungsweise Offizium, Messe, Prozessionen, Marienandacht, klösterliche und kathedrale Chorpraxis. |
| Wichtige Formen | Offiziumsantiphon, Magnificat-Antiphon, Benedictus-Antiphon, Invitatoriumsantiphon, Introitusantiphon, Offertoriumsantiphon, Communioantiphon, marianische Antiphon, Prozessionsantiphon. |
| Musikalischer Zusammenhang | Gregorianischer Choral, Psalmton, Kirchentonart, Antiphonar, Graduale, Liber usualis und monastische beziehungsweise römische Liturgie. |
| Funktion | Rahmung, Refrainbildung, Auslegung des Psalmtextes, Fest- und Tagesbezug, modale Festlegung des Psalmtons und liturgische Markierung. |
| Abgrenzung | Von Responsorium, Hymnus, Versikel, Graduale, Tractus und allgemeiner Antiphonie zu unterscheiden. |
| Datei | antiphon.shtml. |
Begriff, Etymologie und Abgrenzung
Das Wort Antiphon geht auf griechische Wortbildungen zurück, die Gegenklang, Wechselrede, Antwort oder Wechselgesang bezeichnen können. In der liturgischen Fachsprache bezeichnet der Begriff jedoch nicht jede Form des Wechselgesangs, sondern einen bestimmten Gesang, der einem Psalm oder Canticum zugeordnet wird. Die Antiphon ist daher zugleich ein musikalisches, liturgisches und textliches Element.
Die häufige Definition als „Refrain“ ist sinnvoll, aber nicht erschöpfend. Ein Refrain ist eine wiederkehrende Einheit. Die Antiphon tut jedoch mehr: Sie bestimmt, wie der Psalm gehört wird. Sie kann ein Psalmwort herausgreifen, ein Festgeheimnis hervorheben, einen Heiligenbezug herstellen, einen biblischen Satz aus dem Evangelium eintragen oder den Psalm christologisch deuten. Dadurch wird sie zur Auslegungsinstanz des gesungenen Textes.
Von der Antiphon ist das Responsorium zu unterscheiden. Auch das Responsorium besitzt einen Antwortcharakter und arbeitet mit Wiederholung, doch seine liturgische Stellung und Form sind anders. Responsorien stehen besonders nach Lesungen im Offizium, während Antiphonen unmittelbar mit Psalm oder Canticum verbunden sind. Ebenfalls zu unterscheiden ist der Hymnus, der meist strophisch und metrisch gebaut ist. Die Antiphon hat dagegen in der Regel einen prosaischen oder bibelnahen Text und eine knappe, liturgisch gebundene Melodie.
Auch der Begriff Antiphonie ist weiter. Antiphonie kann jede Musik bezeichnen, die durch Wechsel von Gruppen, Stimmen, Chören oder Räumen organisiert ist. Die Antiphon ist nur ein spezieller liturgischer Fall dieses größeren Wechselprinzips. In der Architektur- und Aufführungsgeschichte kann Antiphonie etwa auf gegenüberstehende Chöre, venezianische Mehrchörigkeit oder dialogische Klangaufstellung verweisen; die Antiphon bleibt dagegen an Psalm, Canticum, Messe oder Offizium gebunden.
Kulturüberblick
Die Antiphon steht in einer langen Geschichte des Psalmengesangs. Schon in jüdischen und frühchristlichen Gottesdienstformen spielte der Psalm eine zentrale Rolle. Die christliche Liturgie übernahm den Psalmengesang, ordnete ihn dem Tageslauf, den Festen und der Feier der Messe zu und entwickelte differenzierte Formen der Wiederholung, Antwort und Rahmung. In diesem Prozess wurde die Antiphon zu einer grundlegenden musikalisch-liturgischen Form.
Besonders bedeutsam wurde sie im klösterlichen Stundengebet. In der monastischen Ordnung werden die Psalmen Tag für Tag, Woche für Woche und im Kirchenjahr wiederkehrend gebetet und gesungen. Die Antiphon verhindert, dass diese Wiederholung monoton oder unbestimmt bleibt. Sie setzt einen Akzent: Advent, Weihnachten, Epiphanie, Fastenzeit, Ostern, Heiligenfest, Marienfest oder gewöhnliche Zeit erhalten jeweils eigene Antiphonen. Der gleiche Psalm wird dadurch neu gedeutet.
Im Mittelalter waren Antiphonen nicht nur Gebrauchstexte, sondern Gedächtnisformen. Mönche, Kanoniker, Scholae und Kleriker lernten die liturgische Ordnung über solche wiederkehrenden Gesänge. Antiphonen prägten die Erinnerung an Feste, Heilige und biblische Szenen. Sie waren kurz genug, um memoriert zu werden, aber reich genug, um theologischen Sinn zu tragen.
Die Antiphon ist außerdem ein Schlüssel zur Handschriftenkultur. Das Antiphonar enthält die Antiphonen und verwandten Gesänge des Offiziums. In ihm verbinden sich Notation, liturgischer Kalender, Rubriken, Psalmenordnung und musikalische Tradition. Wer ein mittelalterliches Antiphonar liest, sieht nicht nur Melodien, sondern eine geordnete Zeitwelt: Nacht, Morgen, Tag, Abend, Fest, Heilige und Kirchenjahr werden musikalisch strukturiert.
In der Neuzeit blieb die Antiphon in katholischer, anglikanischer, monastischer und teilweise auch lutherischer oder reformatorisch geprägter Chorpraxis wirksam. Besonders die marianischen Antiphonen erhielten ein eigenes musikalisches Nachleben: Sie wurden einstimmig, mehrstimmig, motettisch, konzertierend und später auch in kirchenmusikalischen Bearbeitungen vertont. Die einfache liturgische Antiphon wurde dadurch zum Ausgangspunkt einer breiten Kompositions- und Aufführungsgeschichte.
Liturgische Funktion
Die wichtigste Funktion der Antiphon ist die Rahmung des Psalmengesangs. Das Grundschema lautet: Antiphon, Psalm oder Psalmvers, Antiphon. In ausführlicheren Formen kann die Antiphon nach mehreren Versen oder nach jedem Vers wiederholt werden. Die Wiederholung macht sie zum musikalischen und inhaltlichen Anker des Psalmengesangs.
Eine zweite Funktion ist die modale Festlegung. In der gregorianischen Praxis steht die Antiphon in einer bestimmten Kirchentonart. Der zugehörige Psalmton richtet sich nach dieser modalen Umgebung. Die Antiphon bestimmt daher nicht nur den Textsinn, sondern auch den Tonraum, in dem der Psalm gesungen wird. Besonders im Offizium ist diese Verbindung von Antiphon und Psalmton grundlegend.
Eine dritte Funktion ist die liturgische Auslegung. Die Antiphon kann den Psalm auf Christus, Maria, einen Apostel, einen Märtyrer, eine Jungfrau, ein Kirchenfest oder eine heilsgeschichtliche Szene beziehen. So wird aus einem alttestamentlichen Psalmwort eine christliche Festdeutung. Diese Auslegungsfunktion erklärt, weshalb Antiphonen oft aus Schriftstellen, Psalmversen, Evangelienworten oder liturgisch geformten Kurztexten bestehen.
Eine vierte Funktion ist die praktische Ordnung des Gottesdienstes. In der Messe begleiten Antiphonen Bewegungen und Handlungen: Einzug, Gabenbereitung, Kommunion. Im Offizium gliedern sie die Psalmodie. In Prozessionen begleiten sie Bewegung durch den Raum. Die Antiphon ist daher nicht nur Klang, sondern liturgische Handlungsmusik.
Antiphon im Offizium
Im Offizium, also im Stundengebet, ist die Antiphon besonders zentral. Sie rahmt die Psalmen der einzelnen Horen und die großen Cantica. In Laudes steht das Benedictus mit eigener Antiphon, in Vesper das Magnificat, in der Komplet das Nunc dimittis. Diese Canticum-Antiphonen besitzen oft besonders hohe liturgische und musikalische Bedeutung, weil sie die jeweilige Hore theologisch zuspitzen.
Die Magnificat-Antiphon der Vesper kann den Kern des Tages ausdrücken. An Hochfesten, im Advent, in der Weihnachtszeit, in der Karwoche und zu Heiligenfesten wird sie zu einem markanten liturgischen Text. Die großen O-Antiphonen des Advents sind ein berühmtes Beispiel. Sie beginnen mit Anrufungen wie O Sapientia, O Adonai oder O Emmanuel und rahmen das Magnificat in den letzten Tagen vor Weihnachten.
Auch die Benedictus-Antiphon der Laudes besitzt Gewicht. Sie deutet das Morgenlob, oft mit Bezug auf das Evangelium oder auf das Festgeheimnis. Das Benedictus selbst ist ein Canticum aus dem Lukasevangelium; die Antiphon setzt es in den liturgischen Tageszusammenhang.
In der monastischen Praxis können mehrere Psalmen einer Hore jeweils eigene Antiphonen haben. Zu bestimmten Zeiten werden Antiphonen vollständig vor und nach dem Psalm gesungen; in anderen Ordnungen kann vor dem Psalm nur die Incipit-Form erklingen und die vollständige Antiphon erst danach. Solche Unterschiede zeigen, dass die Antiphon nicht nur ein Text, sondern eine konkrete Ausführungsregel ist.
Antiphon in der Messe
In der Messe begegnet die Antiphon besonders beim Introitus, Offertorium und bei der Communio. Ursprünglich bestanden diese Gesänge aus einer Antiphon und Psalmversen. Sie begleiteten liturgische Handlungen: den Einzug, die Darbringung der Gaben und die Kommunion. Durch die Handlungslänge konnte die Zahl der Verse variieren; die Antiphon strukturierte den Ablauf.
Der Introitus bewahrt das antiphonale Prinzip besonders deutlich. In seiner klassischen Form erscheint eine Antiphon, ein Psalmvers, die Doxologie und die Wiederholung der Antiphon. Dadurch entsteht eine klare musikalische Form: Antiphon, Vers, Antiphon. Der Introitus eröffnet den liturgischen Tag und setzt musikalisch den ersten thematischen Akzent der Messe.
Das Offertorium und die Communio haben eine komplexe Geschichte. In älteren Formen konnten sie mit Psalmversen verbunden sein; im späteren mittelalterlichen und tridentinischen Gebrauch wurden diese Verse teilweise reduziert oder verloren. Dennoch bleibt die Bezeichnung als Antiphon wichtig, weil sie an die ursprüngliche Refrain- und Begleitfunktion erinnert.
In der erneuerten römischen Liturgie stehen Eingangs- und Kommunionantiphonen weiterhin im Messbuch. Sie können gesprochen oder gesungen werden und dienen als liturgische Eigentexte des Tages. In praktischen Gemeinden werden sie häufig durch Lieder ersetzt; liturgiegeschichtlich bleiben sie jedoch zentrale Texte des Propriums.
Formen, Typen und Repertoireübersicht
Ein Werkverzeichnis im personalen Sinn ist bei einem Begriff wie Antiphon nicht möglich. Stattdessen wird hier ein Formen-, Quellen- und Repertoireverzeichnis geboten. Es zeigt, welche Typen der Antiphon im liturgischen und musikhistorischen Gebrauch besonders wichtig sind.
Grundtypen der Antiphon
| Offiziumsantiphon | Antiphon vor und nach einem Psalm im Stundengebet. Sie rahmt die Psalmodie, bestimmt den Psalmton und deutet den Psalm im Sinn des Tages, Festes oder Heiligen. |
|---|---|
| Invitatoriumsantiphon | Antiphon zum Eröffnungspsalm des täglichen Offiziums, gewöhnlich Psalm 94 beziehungsweise Psalm 95 in unterschiedlicher Zählung. Sie kann mehrfach zwischen Psalmabschnitten wiederkehren. |
| Benedictus-Antiphon | Antiphon zum Benedictus der Laudes. Sie hat oft einen besonders engen Bezug zum Evangelium des Tages oder zum Festinhalt. |
| Magnificat-Antiphon | Antiphon zum Magnificat der Vesper. Sie gehört zu den liturgisch markantesten Antiphonformen, besonders an Hochfesten und in der Adventszeit. |
| Nunc-dimittis-Antiphon | Antiphon zum Nunc dimittis der Komplet. Sie deutet das abendliche Gebet Simeons im Kontext von Nacht, Schutz, Vollendung und christlicher Hoffnung. |
| Introitusantiphon | Antiphon zum Einzug in der Messe, klassisch mit Psalmvers und Wiederholung verbunden. Sie eröffnet das Proprium der Messe. |
| Offertoriumsantiphon | Antiphon beziehungsweise Offertoriumsgesang zur Gabenbereitung. Historisch mit Versen verbunden, später oft als selbständiger Gesang überliefert. |
| Communioantiphon | Antiphon zur Kommunion. Sie kann mit Psalmversen gesungen werden und begleitet die Kommunionausteilung. |
| Marianische Antiphon | Eigenständige marianische Schluss- oder Andachtsantiphon, etwa Alma Redemptoris Mater, Ave Regina caelorum, Regina caeli und Salve Regina. Sie ist stärker hymnisch und liedartig geprägt als viele Psalmantiphonen. |
| Prozessionsantiphon | Antiphon, die eine Prozession begleitet. Sie verbindet Refrainfunktion, Raumbewegung und liturgische Handlung. |
Berühmte Antiphonen und Antiphon-Gruppen
| O-Antiphonen | Sieben große Adventsantiphonen zum Magnificat vom 17. bis 23. Dezember, beginnend mit O Sapientia, O Adonai, O Radix Jesse, O Clavis David, O Oriens, O Rex gentium und O Emmanuel. |
|---|---|
| Alma Redemptoris Mater | Marianische Antiphon, traditionell in der Zeit vom Advent bis Mariä Lichtmess gesungen. Sie gehört zum festen Bestand lateinischer Mariengesänge. |
| Ave Regina caelorum | Marianische Antiphon der Zeit nach Mariä Lichtmess bis zur Karwoche beziehungsweise zum Beginn der Osterzeit, je nach liturgischer Ordnung. |
| Regina caeli | Marianische Antiphon der Osterzeit, deren freudiger Charakter den österlichen Kontext deutlich markiert. |
| Salve Regina | Eine der bekanntesten marianischen Antiphonen, besonders in der Zeit nach Pfingsten beziehungsweise im Jahreskreis verbreitet und in zahlreichen mehrstimmigen Vertonungen überliefert. |
| In paradisum | Antiphon der Totenliturgie und des Begräbnisses, besonders bekannt durch die Verbindung mit dem Gang zum Grab und die Hoffnung auf das Paradies. |
| Media vita in morte sumus | Antiphon beziehungsweise Gesang mit intensiver spätmittelalterlicher Rezeption, besonders im Kontext von Tod, Buße und Bitte um Erbarmen. |
| Hodie Christus natus est | Weihnachtliche Antiphon, die den Festcharakter der Geburt Christi in knapper, jubelnder Form ausdrückt. |
| Da pacem Domine | Antiphon beziehungsweise liturgischer Gesang mit Gebetscharakter, später in zahlreichen mehrstimmigen und reformatorischen Bearbeitungen wirksam. |
Antiphonale Gebrauchszusammenhänge
| Psalmantiphon | Grundform des Offiziums, in der eine kurze Antiphon den Psalm rahmt und seinen liturgischen Sinn bestimmt. |
|---|---|
| Canticum-Antiphon | Antiphon zu biblischen Cantica außerhalb des Psalters, besonders Benedictus, Magnificat und Nunc dimittis. |
| Festantiphon | Antiphon, die ein bestimmtes Festgeheimnis, einen Heiligen oder eine liturgische Zeit markiert. |
| Heiligenantiphon | Antiphon für Apostel, Märtyrer, Bekenner, Jungfrauen, Kirchenlehrer oder lokale Heilige, oft aus Communia oder Propria gebildet. |
| Antiphon im Commune | Antiphon aus einem allgemeinen Formular, das für mehrere Heilige oder Festtypen verwendet werden kann. |
| Antiphon im Proprium | Antiphon, die einem bestimmten Tag, Fest oder Heiligen eigens zugeordnet ist. |
Musikalische Gestalt, Psalmton und Modus
Musikalisch sind viele Antiphonen knapp, syllabisch oder leicht neumatisch. Sie müssen wiederholbar, memorierbar und mit dem Psalmton kompatibel sein. Ihre Melodien sind jedoch keineswegs bloße Formeln. Sie können den Text fein ausdeuten, modale Spannung erzeugen und durch Anfangs- und Schlusswendung den Psalmton bestimmen.
Die Beziehung zwischen Antiphon und Psalmton ist zentral. Ein Psalmton besteht aus Intonation, Tenor beziehungsweise Rezitationston, Mediatio, Terminatio und weiteren formelhaften Elementen. Die Antiphon legt durch ihren Modus und ihre Finalis fest, welcher Psalmton angemessen ist. Dadurch entstehen feste Verbindungen zwischen melodischer Rahmung und rezitierter Psalmodie.
Die Antiphon kann sehr schlicht sein, besonders in der alltäglichen Offiziumspraxis. An hohen Festen kann sie reicher, länger und melismatischer wirken. In den großen Canticum-Antiphonen, besonders in den O-Antiphonen und in festlichen Magnificat-Antiphonen, tritt die musikalische Eigenständigkeit deutlicher hervor. Dennoch bleibt der funktionale Bezug zur Psalmodie oder zum Canticum erhalten.
In der Aufführungspraxis ist wichtig, ob die Antiphon vollständig vor dem Psalm gesungen wird oder ob zunächst nur ihr Anfang erklingt. In manchen Traditionen wird die vollständige Antiphon erst nach dem Psalm wiederholt. Solche Unterschiede beeinflussen die musikalische Wahrnehmung: Die Antiphon kann als vorausgehender Sinnschlüssel, als nachträgliche Deutung oder als wiederkehrender Refrain wirken.
Antiphonar und schriftliche Überlieferung
Das Antiphonar ist das zentrale Buch der Antiphonen des Offiziums. Es enthält Antiphonen, Responsorien und weitere Gesänge des Stundengebets. In der mittelalterlichen Kloster- und Kathedralpraxis war das Antiphonar ein Arbeitsbuch des Chores. Es ordnete die Gesänge nach Kirchenjahr, Commune, Proprium, Horen und liturgischem Gebrauch.
Die Antiphon ist eng mit der Geschichte der Neumennotation verbunden. Frühmittelalterliche Antiphonare konnten zunächst melodische Erinnerungszeichen enthalten, später genauere diastematische Notation und schließlich Liniennotation. An der Antiphon lässt sich deshalb die Entwicklung von mündlicher Tradition, Gedächtnisstütze und schriftlicher Fixierung besonders gut beobachten.
Zu den großen Repertoireerschließungen der Forschung gehören das Corpus Antiphonalium Officii, die Arbeiten zu gregorianischen Handschriften, die Solesmes-Tradition und moderne digitale Chant-Datenbanken. Sie machen sichtbar, dass Antiphonen nicht einheitlich überliefert sind. Es gibt Varianten nach Orden, Regionen, Diözesen, Klöstern, Reformtraditionen und liturgischen Büchern.
Antiphonare sind zugleich kulturhistorische Objekte. Ihre Ausstattung, Schrift, Rubrizierung, Initialen und Gebrauchsspuren zeigen, wie der Gesang in Gemeinschaften gelebt wurde. Ein Antiphonar ist nicht nur eine Notensammlung, sondern eine Ordnung des religiösen Tages und Jahres in Schrift und Klang.
Mehrstimmige und nachmittelalterliche Wirkung
Viele Antiphonen wurden im Mittelalter und in der Renaissance mehrstimmig bearbeitet. Besonders marianische Antiphonen entwickelten eine reiche polyphone Tradition. Salve Regina, Regina caeli, Ave Regina caelorum und Alma Redemptoris Mater wurden von zahlreichen Komponisten vertont. Dadurch verlagerte sich die Antiphon teilweise vom funktionalen Psalmrefrain zur eigenständigen Motette oder geistlichen Komposition.
In England entstand eine besondere Tradition der votiven Antiphon. Große mehrstimmige Marienantiphonen des 15. und frühen 16. Jahrhunderts, etwa im Umfeld des Eton Choirbook, sind keine schlichten Psalmrahmen mehr, sondern groß angelegte polyphone Gebetskompositionen. Der Begriff Antiphon bezeichnet hier weiterhin eine marianisch-liturgische Textgattung, aber die musikalische Gestalt hat sich erheblich erweitert.
Auch in der Reformationszeit und in der katholischen Erneuerung blieb das antiphonale Prinzip wirksam. Choräle, Psalmlieder, Wechselgesänge und mehrchörige Formen übernehmen teils die Idee von Antwort, Rahmung und Wechsel, auch wenn sie nicht mehr Antiphonen im strengen liturgischen Sinn sind. In der modernen Kirchenmusik erscheinen Antiphonen wieder verstärkt als Eingangs- und Kommunionverse, als Psalmrefrains oder als Elemente der Tagzeitenliturgie.
Die Antiphon wirkt damit in zwei Richtungen: Einerseits bleibt sie ein knapper liturgischer Gebrauchsgesang. Andererseits kann sie zum Ausgangspunkt großer Kompositionen werden. Gerade diese Doppelheit von Einfachheit und kompositorischer Erweiterbarkeit macht sie musikgeschichtlich besonders bedeutend.
Editorische Hinweise und Quellenkritik
Bei der Darstellung der Antiphon ist eine klare Unterscheidung der liturgischen Kontexte notwendig. Eine Offiziumsantiphon, eine Introitusantiphon, eine Communioantiphon und eine marianische Antiphon können nicht ohne weiteres gleichgesetzt werden. Sie tragen denselben Oberbegriff, erfüllen aber unterschiedliche Funktionen, besitzen unterschiedliche Texttypen und haben verschiedene musikalische Entwicklungswege.
Auch die Übersetzung des Begriffs als „Refrain“ ist nur teilweise ausreichend. Sie beschreibt die Wiederholungsfunktion, nicht aber die modale, theologische und ordnende Funktion der Antiphon. Für eine Kulturlexikon-Seite ist es deshalb sinnvoll, die Antiphon zugleich als Refrain, Deutungsformel, liturgischen Marker und musikalischen Modusgeber zu erklären.
Bei historischen Beispielen muss zwischen einstimmiger liturgischer Überlieferung und späterer mehrstimmiger Vertonung unterschieden werden. Wenn etwa Salve Regina als marianische Antiphon erscheint, kann damit ein einstimmiger Choral, eine mehrstimmige Renaissance-Motette, ein barockes Kirchenwerk oder ein moderner Chorsatz gemeint sein. Der Begriff bleibt derselbe, die musikalische Realität ist aber verschieden.
Für moderne Webseiten empfiehlt sich eine vorsichtige Verlinkung der verwandten Begriffe. Gregorianischer Gesang, Psalmodie, Psalmton, Antiphonar, Offizium, Introitus, Communio und marianische Antiphon sollten jeweils eigene Artikel erhalten, weil die Antiphon nur im Netzwerk dieser liturgischen und musikalischen Formen vollständig verständlich wird.
Sekundärliteratur
- Apel, Willi: Gregorian Chant. Bloomington 1958.
- Bailey, Terence: The Processions of Sarum and the Western Church. Toronto 1971.
- Baroffio, Giacomo: Studien zu gregorianischem Choral, Offizium und Antiphonarüberlieferung.
- Bradshaw, Paul F.; Johnson, Maxwell E.: The Origins of Feasts, Fasts and Seasons in Early Christianity. London 2011.
- Cardine, Eugène: Gregorian Semiology. Solesmes 1982.
- Hiley, David: Western Plainchant. A Handbook. Oxford 1993.
- Huglo, Michel: Arbeiten zu Antiphonaren, liturgischen Handschriften und gregorianischer Überlieferung.
- Jeffery, Peter: Re-envisioning Past Musical Cultures. Ethnomusicology in the Study of Gregorian Chant. Chicago 1992.
- Kennedy, Michael; Bourne, Joyce: The Oxford Dictionary of Music. Oxford, verschiedene Auflagen.
- McKinnon, James: The Advent Project. The Later-Seventh-Century Creation of the Roman Mass Proper. Berkeley 2000.
- McKinnon, James: Music in Early Christian Literature. Cambridge 1987.
- Palazzo, Éric: A History of Liturgical Books from the Beginning to the Thirteenth Century. Collegeville 1998.
- Randel, Don Michael (Hrsg.): The Harvard Dictionary of Music. Cambridge, verschiedene Auflagen.
- Steiner, Ruth: Studien zu Antiphonen des Offiziums und zu Canticum-Antiphonen.
- Taft, Robert F.: The Liturgy of the Hours in East and West. Collegeville 1986.
- Wagner, Peter: Einführung in die gregorianischen Melodien. Leipzig 1911–1921.
Ausgewählte Onlinequellen
- Adoremus Bulletin: Singing the Four Seasonal Marian Anthems Einführung zu den vier marianischen Antiphonen Alma Redemptoris Mater, Ave Regina caelorum, Regina caeli und Salve Regina im Kontext der Komplet.
- Britannica: Antiphon Kompakte fachliche Definition der Antiphon als liturgischer Gesang vor und nach einem Psalmvers sowie Hinweis auf antiphonales Psalmsingen.
- Britannica: Gregorian chant Überblick zum gregorianischen Choral mit Einordnung der Antiphonen als kurze Refrains vor oder nach Psalmen im Offizium.
- Britannica: Marian antiphon Kurzartikel zur marianischen Antiphon als eigenständiger Sonderform innerhalb der lateinischen Kirchenmusik.
- Britannica: Psalm tone Erklärung des Psalmtons und seiner Beziehung zu Antiphon, Modus und psalmodischer Rezitation.
- Divine Office: General Instruction of the Liturgy of the Hours Englische Onlinefassung der Allgemeinen Einführung in das Stundengebet mit Hinweisen auf Psalmodie, Cantica und Antiphonen im Offizium.
- eCatholic2000 / Catholic Encyclopedia: Antiphon Historischer Lexikonartikel zur Antiphon als Gesang vor und nach Psalm oder Magnificat sowie zur griechischen und lateinischen Begriffsgeschichte.
- Grove / A Dictionary of Music and Musicians: Antiphon Historischer Wörterbuchartikel zur Antiphon als kurzer Plainsong vor Psalm oder Canticum und zu ihrer Verbindung mit Psalmton und liturgischer Auslegung.
- Liturgy Office England & Wales: Antiphonary PDF zum englischen Antiphonary mit Hinweisen auf Eingangs- und Kommunionantiphonen, Psalm- oder Canticumverse und die Praxis des Refrains.
- MGG Online: Antiphon Fachlexikalischer Artikel zum Begriff Antiphon in der Musik- und Liturgiegeschichte.
- New Advent / Catholic Encyclopedia: Antiphonary Artikel zum Antiphonar als liturgischem Chorbuch, das besonders durch Antiphonen und antiphonale Gesänge geprägt ist.
- New Advent / Catholic Encyclopedia: Gregorian Antiphonary Historischer Artikel zur Gregorianischen Antiphonartradition und zur Verbindung von Antiphon, Psalmabschnitt und liturgischem Gebrauch.
- OCP: What are antiphons? Praxisnaher moderner Beitrag zur Verwendung von Antiphonen in Messe und Stundengebet; als pastoraler Einstieg, nicht als primäre Fachquelle zu nutzen.
Weiterführende Einträge
- Ambrosianischer Gesang Frühe westliche Choraltradition, in der antiphonaler Psalmengesang eine wichtige Rolle spielt.
- Antiphonar Liturgisches Chorbuch mit Antiphonen, Responsorien und weiteren Gesängen des Offiziums.
- Antiphonie Allgemeines Wechselgesangs- und Antwortprinzip, von der konkreten liturgischen Antiphon zu unterscheiden.
- Benedictus Canticum der Laudes, das in der Tagzeitenliturgie mit einer eigenen Antiphon verbunden ist.
- Canticum Biblischer Lobgesang außerhalb des Psalters, der wie ein Psalm von Antiphonen gerahmt werden kann.
- Communio Kommuniongesang der Messe, historisch als Antiphon mit Psalmversen zu verstehen.
- Gregorianischer Gesang Einstimmiger liturgischer Choral der lateinischen Kirche, in dem die Antiphon eine Grundform bildet.
- Hymnus Strophischer liturgischer Gesang, von der antiphonalen Psalmrahmung zu unterscheiden.
- Introitus Eingangsgesang der Messe, klassisch als Antiphon mit Psalmvers und Wiederholung gebaut.
- Kirchentonarten Modales System, in dem Antiphonen und Psalmtöne aufeinander bezogen sind.
- Komplet Letzte Tageshore, in deren Zusammenhang das Nunc dimittis und die marianischen Schlussantiphonen stehen.
- Laudes Morgengebet des Offiziums, in dem Psalmen und Benedictus durch Antiphonen gerahmt werden.
- Liber usualis Solesmes-Sammelbuch häufig verwendeter gregorianischer Gesänge aus Messe und Offizium.
- Magnificat Canticum der Vesper, dessen Antiphonen zu den wichtigsten Texten des Offiziums gehören.
- Marianische Antiphon Sonderform der Antiphon mit marianischem Text und reicher einstimmiger wie mehrstimmiger Vertonungsgeschichte.
- Matutin Nächtliche Hore des Offiziums, in der Antiphonen und Responsorien die Psalmen- und Lesungsordnung prägen.
- Neumen Frühe Notationszeichen, mit denen auch Antiphonen in mittelalterlichen Handschriften überliefert wurden.
- Nunc dimittis Canticum der Komplet, das mit einer eigenen Antiphon verbunden ist.
- Offertorium Gesang zur Gabenbereitung der Messe, ursprünglich antiphonal mit Versen verbunden.
- Offizium Stundengebet der Kirche, in dem die Antiphon ihre reichste und regelmäßigste Verwendung findet.
- O-Antiphonen Sieben große Adventsantiphonen zum Magnificat in den Tagen vor Weihnachten.
- Proprium Wechselnde liturgische Texte und Gesänge eines Tages, zu denen viele Antiphonen gehören.
- Psalm Biblischer Gesangstext, den die Antiphon im Offizium und in der Messe rahmt und deutet.
- Psalmodie Gesungene Psalmrezitation, deren Ton und Sinn im gregorianischen Choral durch die Antiphon bestimmt werden.
- Psalmton Melodische Rezitationsformel für Psalmen, die dem Modus der jeweiligen Antiphon entspricht.
- Responsorium Antwortgesang, der von der Antiphon durch liturgische Stellung und Form zu unterscheiden ist.
- Stundengebet Tageszeitliche Gebetsordnung der Kirche, deren Psalmen und Cantica durch Antiphonen gegliedert werden.
- Vesper Abendhore des Offiziums, in der die Magnificat-Antiphon besondere liturgische Bedeutung besitzt.