Camillo Angleria
Überblick
Camillo Angleria gehört zu den weniger bekannten, für die Geschichte der Musiktheorie aber aufschlussreichen italienischen Autoren des frühen 17. Jahrhunderts. Sein Name ist fast ausschließlich mit einer einzigen erhaltenen Schrift verbunden: La regola del contraponto, e della musical compositione, gedruckt 1622 in Mailand bei Giorgio Rolla. Der Titel nennt ihn als Fr. Camillo Angleria da Cremona, also als Camillo Angleria aus Cremona, und weist ihn als Angehörigen des Dritten Ordens des heiligen Franziskus sowie als Schüler Claudio Merulos aus.
Anglerias Bedeutung liegt weniger in einer umfangreichen kompositorischen Produktion als in der kompakten, ausdrücklich praktischen Zusammenfassung der Kontrapunktlehre um 1600. Seine Schrift behandelt Konsonanzen und Dissonanzen, Beispiele zu zwei, drei und vier Stimmen, die Kenntnis der Kirchentonarten nach modernem Gebrauch, Regeln für Organisten zur transponierten Ausführung sowie beigefügte Ricercare und Kanons. Damit steht der Traktat an einer Schwelle: Er gehört noch deutlich zur vokalpolyphonen Satzlehre der Renaissance, reagiert aber bereits auf instrumentale Praxis, Orgelspiel, Transpositionsfragen und die kompositorischen Gewohnheiten des frühen Barock.
Treccani hebt hervor, dass Anglerias Traktat zwar von älteren Autoritäten wie Nicola Vicentino und Gioseffo Zarlino beeinflusst ist, zugleich aber praktische Ziele verfolgt und zu den frühen theoretischen Schriften gehört, die neben dem vokalen auch den instrumentalen Kontrapunkt berücksichtigen. Genau darin liegt seine kulturgeschichtliche Stellung: Angleria übersetzt eine gelehrte Satztradition in Regeln, Beispiele und organistische Gebrauchsanweisungen für eine Zeit, in der sich das Verhältnis von vokaler Polyphonie, instrumentaler Kunst und moderner Tonartenpraxis stark veränderte.
Kurzdaten
| Name | Camillo Angleria. |
|---|---|
| Namensformen | Fra Camillo Angleria, Fr. Camillo Angleria da Cremona, Camillo da Cremona. |
| Geburt | In Cremona; Geburtsdatum unbekannt, nach älterer Forschung wohl um 1580 beziehungsweise in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts. |
| Tod | Wohl 1630; Todesort unbekannt, die Datierung ist in der Forschung nicht völlig gesichert. |
| Beruf | Musiktheoretiker, Musiker, Kapellmeister, Kontrapunktlehrer, Autor eines musiktheoretischen Traktats und Angehöriger des Dritten Ordens des heiligen Franziskus. |
| Herkunft | Cremona in Oberitalien, einem wichtigen städtischen Kultur- und Musikraum zwischen Mailand, Mantua, Brescia und dem oberitalienischen Kirchenmusikmilieu. |
| Lehrer | Claudio Merulo da Correggio, Organist, Komponist und bedeutende Figur der norditalienischen Instrumental- und Orgelmusik. |
| Ordenszugehörigkeit | Dritter Orden des heiligen Franziskus. |
| Amt | Nach Treccani war Angleria als maestro di cappella am Hof von Florenz tätig; dadurch ist er nicht nur als Theoretiker, sondern auch als praktischer Musiker anzusetzen. |
| Hauptwerk | La regola del contraponto, e della musical compositione, Mailand: Giorgio Rolla, 1622. |
| Widmung | Gewidmet Giovanni Paolo Cima, Organist und Komponist an Santa Maria presso San Celso in Mailand. |
| Inhaltlicher Schwerpunkt | Kontrapunkt, Konsonanz- und Dissonanzlehre, zwei-, drei- und vierstimmige Beispiele, Kirchentonarten, moderne Tonartenpraxis, Transposition für Organisten, Ricercar und Kanon. |
| Normdaten | GND: 134611349; VIAF: 77786667. |
Namen, Herkunft und Quellenlage
Der Name erscheint in der Quellenüberlieferung vor allem als Camillo Angleria. Der Druck von 1622 nennt ihn ausführlicher als Fr. Camillo Angleria da Cremona. Diese Form ist besonders wichtig, weil sie drei zentrale Angaben bündelt: den Ordensstatus, die Person und die Herkunft. Die Bezeichnung da Cremona ist nicht bloß geographischer Zusatz, sondern zugleich ein kulturgeschichtlicher Marker. Cremona gehörte zu einem oberitalienischen Musikraum, der im 16. und frühen 17. Jahrhundert durch Kirchenmusik, Instrumentenbau, städtische Bildung, Druckkultur und die Nähe zu Mailand geprägt war.
Das Geburtsdatum ist nicht sicher überliefert. Einige biographische Traditionen setzen Anglerias Geburt um 1580 an; Treccani formuliert vorsichtiger, er sei sicherlich in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts geboren. Auch der Tod ist nicht völlig gesichert. Ältere Lexikographen wie Lancetti und Fétis nehmen 1630 an. Für einen Kulturlexikon-Artikel empfiehlt sich daher die vorsichtige Formulierung: geboren in Cremona, Datum unbekannt, wohl um 1580; gestorben wohl 1630, Ort unbekannt.
Die Quellenlage ist insgesamt konzentriert. Während zu vielen Komponisten der Zeit mehrere Drucke, Sammelwerke oder archivalische Amtsnachweise vorhanden sind, bleibt bei Angleria im Wesentlichen ein einziger Traktat. Gerade diese Konzentration macht den Artikel methodisch klar: Angleria ist primär über die Regola del contraponto zu erschließen. Sein theoretisches Profil, sein Verhältnis zur älteren Satzlehre, sein praktischer Unterrichtszweck und seine Verbindung zur Orgel- und Ricercartradition ergeben sich aus diesem Druck.
Leben und berufliche Stellung
Über Anglerias Leben ist wenig Sicheres bekannt. Er wurde in Cremona geboren und gehörte dem Dritten Orden des heiligen Franziskus an. Diese Ordenszugehörigkeit ist für seine musikalische Stellung nicht nebensächlich. In der frühen Neuzeit waren kirchliche und ordensnahe Räume wichtige Träger musikalischer Bildung. Kontrapunkt, Choral, Kapellpraxis, Orgelspiel und liturgische Aufführungspraxis gehörten zu einem musikalischen Wissenssystem, das nicht nur in Höfen, sondern auch in Kirchen, Klöstern, Kollegien und städtischen Kapellen weitergegeben wurde.
Treccani nennt Angleria außerdem als maestro di cappella am Hof von Florenz. Damit tritt er aus der bloßen Schreibtischrolle des Theoretikers heraus. Ein Kapellmeister musste Sänger und Instrumentalisten führen, Repertoire organisieren, liturgische oder höfische Anlässe musikalisch versorgen und Satztechnik praktisch beherrschen. Anglerias Traktat lässt sich daher als Schrift eines Praktikers lesen. Er schreibt nicht spekulativ über Musik, sondern ordnet Regeln, Beispiele und Anweisungen so, dass sie im Unterricht und in der Ausführung verwendbar sind.
Das Jahr 1622 bildet den einzigen festen biographischen Anker. In diesem Jahr erschien seine Regola del contraponto, e della musical compositione in Mailand. Die Schrift wurde Giovanni Paolo Cima gewidmet und enthält zusätzlich zu Anglerias eigenen Ricercaren auch Ricercar- und Kanonmaterial Cimas. Damit steht Angleria in einem Mailänder und oberitalienischen Netzwerk, in dem Orgelspiel, Kirchenmusik, Druckkultur und theoretische Reflexion eng verbunden waren.
Angleria und Claudio Merulo
Der Titel des Traktats bezeichnet Angleria als Schüler Claudio Merulos aus Correggio. Diese Angabe ist für seine Einordnung besonders wichtig. Merulo war eine der prägenden Figuren der norditalienischen Orgel- und Instrumentalmusik des späten 16. Jahrhunderts. Seine Toccaten, Ricercare und Orgelwerke stehen für eine Praxis, in der kontrapunktische Kunst, improvisatorische Beweglichkeit, Tastenspiel und klangliche Virtuosität zusammenkommen.
Wenn Angleria sich auf Merulo beruft, ist das nicht nur eine biographische Angabe, sondern auch ein Autoritätsanspruch. Der Traktat will eine praktische Satzlehre liefern, die nicht allein aus der vokalen Lehrtradition stammt, sondern die instrumentale Erfahrung einbezieht. Treccani weist ausdrücklich darauf hin, dass Anglerias Schrift in der Theorie jene Neuerungen erklärt, die Merulo in der instrumentalen Praxis vollzogen hatte. Damit wird Angleria zu einem Vermittler zwischen dem schöpferischen Modell des Organisten und einer schriftlich fixierten Kompositionslehre.
Die Verbindung zu Merulo erklärt auch die Bedeutung der beigefügten Ricercare. Das Ricercar war im 16. und frühen 17. Jahrhundert eine zentrale Form kontrapunktischer Instrumentalkunst. Es verband imitatorische Satztechnik mit einer offenen, oft tastenspielnahen Form. Anglerias eigene Ricercare im Traktat sind daher nicht bloße Anhänge, sondern praktische Demonstrationen dessen, was die Regeln des Kontrapunkts leisten sollen.
Die Regola del contraponto von 1622
La regola del contraponto, e della musical compositione erschien 1622 in Mailand bei Giorgio Rolla. Der ausführliche Titel beschreibt den Inhalt ungewöhnlich genau. Angleria behandelt alle Konsonanzen und Dissonanzen mit Beispielen zu zwei, drei und vier Stimmen, die Kenntnis der Tonarten nach modernem Gebrauch sowie eine Regel für Organisten, damit diese an notwendigen Stellen transponiert spielen können. Der Druck enthält außerdem zwei Ricercare des Autors, eines zu vier und eines zu fünf Stimmen, sowie ein Ricercar und Kanons zu zwei, drei und vier Stimmen von Giovanni Paolo Cima.
Die Schrift ist als knappes Kompendium angelegt. Sie zielt nicht auf ein spekulatives System, sondern auf Unterricht und Gebrauch. Wer komponieren, singen, kontrapunktieren oder an der Orgel ausführen wollte, benötigte Regeln für Stimmführung, Dissonanzbehandlung, Intervallgebrauch, Tonartenverständnis und Transposition. Angleria bietet diese Regeln in einer Form, die sich an der älteren Satzlehre orientiert, aber zugleich auf den musikalischen Alltag um 1600 reagiert.
Der Traktat ist auch deshalb interessant, weil er nicht nur vokal gedacht ist. In der Tradition von Zarlino und Vicentino steht die Lehre vom richtigen Satz zunächst stark im Horizont der Vokalpolyphonie. Angleria übernimmt vieles aus dieser Tradition, öffnet sie jedoch für instrumentale Fragen. Die beigefügten Ricercare und die Organistenregel zeigen, dass das Tastenspiel, die instrumentale Imitation und die praktische Transposition für ihn nicht Randthemen sind.
Kontrapunkt, Modus und praktische Kompositionslehre
Der Kern von Anglerias Schrift ist die Kontrapunktlehre. Sie behandelt das Verhältnis der Stimmen zueinander, die Verwendung der Intervalle, die Ordnung von Konsonanz und Dissonanz und die Ausbildung mehrstimmiger Beispiele. Der Traktat bleibt dabei der älteren Lehre verpflichtet, in der der musikalische Satz nicht primär harmonisch-funktional, sondern durch Stimmverhältnisse, Intervallqualität und modale Ordnung gedacht wird.
Besonders bedeutsam ist der Abschnitt über die Tonarten beziehungsweise Modi. Angleria spricht von der Kenntnis der tuoni nach modernem Gebrauch. Diese Formulierung zeigt die Übergangslage der Zeit. Um 1600 war die traditionelle Acht-Modi-Lehre noch wirksam, zugleich aber veränderte sich die kompositorische Praxis. Transposition, Chiavette, Instrumentalspiel, Generalbassnähe und neue Klanggewohnheiten machten die alte Moduslehre beweglicher. Angleria versucht, diese Praxis noch im Rahmen der kirchentonalen Ordnung zu fassen.
Die praktische Ausrichtung unterscheidet Angleria von rein gelehrten Theoretikern. Er will zeigen, wie man setzt, singt, spielt und überträgt. Seine Beispiele sind daher nicht nur Illustrationen einer abstrakten Regel, sondern Übungen im musikalischen Handwerk. Für die Geschichte der Kompositionslehre ist dies wichtig, weil hier ein älteres System nicht einfach verschwindet, sondern didaktisch verdichtet und für neue Praxisfelder verfügbar gemacht wird.
Organistenregel, Transposition und Chiavette-Praxis
Ein besonders charakteristischer Teil der Regola ist die Regel für Organisten zum transponierten Spiel. Diese Passage verweist auf eine Praxis, die für Kirchenmusiker des frühen 17. Jahrhunderts zentral war. Sänger, Chöre und Instrumentalisten musizierten nicht immer in der notierten Tonhöhe. Unterschiedliche Schlüsselungen, vokale Lagen, liturgische Erfordernisse und räumliche Bedingungen machten Transposition notwendig. Der Organist musste daher nicht nur Tasten bedienen, sondern ein modales und intervallisches System praktisch beherrschen.
Die sogenannte Chiavette-Praxis, also die Verwendung hoher Schlüssel und daraus folgende Transpositionsgewohnheiten, gehörte zu den komplexen Fragen der italienischen Musik um 1600. Anglerias Schrift ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich, weil sie die Verbindung zwischen Theorie und Ausführung zeigt. Die Regeln des Kontrapunkts werden nicht als reine Papierkunst formuliert, sondern sollen helfen, reale musikalische Situationen zu bewältigen.
Gerade hier zeigt sich der Übergang von der Renaissance zum Frühbarock. Die alte Vokalpolyphonie bleibt gültig, aber die Praxis verlangt eine neue Aufmerksamkeit für Instrumente, Orgel, Klanglage und praktische Handhabung. Angleria steht deshalb nicht am Rand, sondern mitten in einer musikgeschichtlichen Umbruchzone, in der sich Modalität, Tastenspiel und kompositorische Didaktik neu aufeinander beziehen.
Giovanni Paolo Cima und die Widmung
Die Regola del contraponto ist Giovanni Paolo Cima gewidmet. Cima war Organist und Komponist an Santa Maria presso San Celso in Mailand und gehörte zu den wichtigen Mailänder Musikern um 1600. Die Widmung ist mehr als eine Höflichkeitsformel. Angleria bindet sein Werk an eine konkrete norditalienische Kirchenmusikpraxis, in der Orgelspiel, Kontrapunkt, Motette, Ricercar und Druckkultur eng verbunden waren.
Der Druck enthält nicht nur Anglerias eigene Beispiele, sondern auch ein Ricercar und Kanons von Cima. Dadurch wird der Traktat zu einer kleinen Sammelform: theoretische Regeln, eigene Demonstrationsstücke und Cimas kontrapunktische Beispiele treten nebeneinander. Diese Anlage zeigt, dass Musiktheorie im frühen 17. Jahrhundert nicht nur als Text, sondern als Verbindung von Regel und klingendem beziehungsweise singbarem Beispiel verstanden wurde.
Der Bezug auf Cima ist auch deshalb wichtig, weil er Angleria in den Mailänder Raum hineinzieht. Mailand war um 1600 ein bedeutendes Zentrum der Kirchenmusik, der Orgelpraxis und des Drucks. Die Verbindung von Cremona, Mailand und Florenz macht Anglerias Traktat zu einem Dokument oberitalienischer Musikbildung zwischen Stadt, Kirche, Hof und Druckwerkstatt.
Kulturgeschichtlicher Überblick
Camillo Angleria steht in der italienischen Musiktheorie um 1600 an einer Übergangsstelle. Die ältere Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts war noch normbildend. Namen wie Giovanni Pierluigi da Palestrina, Orlando di Lasso, Gioseffo Zarlino und Nicola Vicentino standen für eine Ordnung des Satzes, in der Kontrapunkt, Modus, Dissonanzkontrolle und kirchliche Praxis zusammenwirkten. Gleichzeitig entstanden neue Formen: Monodie, Generalbass, instrumentale Virtuosität, frühbarocke Toccata, konzertierender Satz und eine flexiblere Tonartenpraxis.
Anglerias Traktat versucht nicht, diese neue Zeit revolutionär zu benennen. Er arbeitet vielmehr konservativ-praktisch. Gerade darin liegt sein Wert. Er zeigt, wie ein Musiker aus dem kirchlich-oberitalienischen Milieu die überlieferte Satzlehre so ordnet, dass sie weiterhin lehrbar, spielbar und für Organisten brauchbar bleibt. Musikgeschichte vollzieht sich nicht nur in großen ästhetischen Brüchen, sondern auch in solchen didaktischen Kompendien, in denen ältere Regeln für neue Umstände eingerichtet werden.
Die Stadt Cremona bildet dabei einen wichtigen kulturellen Hintergrund. Cremona ist heute vor allem durch den Instrumentenbau und die Geigenbauertradition berühmt, war aber bereits vorher Teil eines dichten oberitalienischen Musikraums. Die Nähe zu Mailand, die Beziehungen zu kirchlichen Institutionen, die Bildungskultur und die Verflechtung mit höfischen Zentren machten die Region zu einem Resonanzraum für musikalische Theorie und Praxis. Angleria ist ein kleiner, aber präziser Zeuge dieses Milieus.
Der Traktat von 1622 ist außerdem ein Dokument der Druckkultur. Musiktheoretische Schriften wurden nicht nur gelesen, sondern als Lehrmittel, Nachschlagewerke und Autoritätsbeweise genutzt. Dass Angleria dem Text Ricercare und Kanons beigibt, zeigt die Nähe zwischen Buch und Aufführung. Das theoretische Buch ist bei ihm keine bloße Prosaabhandlung, sondern ein praktischer Speicher musikalischer Verfahren.
In der Geschichte der Musiktheorie ist Angleria daher nicht als großer Systembildner neben Zarlino zu lesen, sondern als Vermittler. Er fasst, vereinfacht, demonstriert und übersetzt. Seine Bedeutung liegt in der Verdichtung einer praktischen Kontrapunktlehre, die Vokalpolyphonie, Instrumentalstil, Orgeltransposition und modales Denken in einer kompakten Form zusammenführt.
Werkverzeichnis
Von Camillo Angleria ist nach dem gegenwärtig greifbaren Quellenstand nur ein eigenständiges theoretisches Hauptwerk sicher überliefert. Ein umfangreiches kompositorisches Œuvre ist nicht bekannt. Das Werkverzeichnis muss daher bewusst knapp, aber quellenkritisch genau angelegt werden. Es enthält den Traktat, die darin eingeschlossenen eigenen Musikbeispiele und die beigefügten Stücke Giovanni Paolo Cimas, die zwar nicht von Angleria komponiert sind, aber zur Druckgestalt des Werks gehören.
Erhaltenes Hauptwerk
- La regola del contraponto, e della musical compositione, Mailand: Giorgio Rolla, 1622. Vollständiger Titel sinngemäß: La regola del contraponto e della musical compositione, nella quale si tratta brevemente di tutte le consonanze e dissonanze con esempi a due, tre e quattro voci, della cognitione de’ tuoni secondo l’uso moderno, e la regola agli organisti per suonare trasportato in vari luoghi bisognosi. Der Druck ist Giovanni Paolo Cima gewidmet und enthält neben dem theoretischen Text auch Ricercar- und Kanonmaterial.
Eigene im Traktat enthaltene Musikbeispiele
- Ricercare a 4, im Druck von 1622 als eines von zwei Ricercaren des Autors enthalten. Das Stück dient als praktisches Beispiel imitatorischer und kontrapunktischer Satzarbeit.
- Ricercare a 5, im Druck von 1622 als zweites Ricercar des Autors enthalten. Die fünfstimmige Anlage zeigt die Anwendung der behandelten Satzregeln in dichterer kontrapunktischer Faktur.
- Zwei-, drei- und vierstimmige Beispiele innerhalb des Traktats. Diese Beispiele sind nicht als selbständige Werke im modernen Sinn, sondern als didaktische Demonstrationen der Konsonanz-, Dissonanz- und Stimmführungsregeln zu verstehen.
Im Druck enthaltene fremde Beiträge
- Ricercare von Giovanni Paolo Cima, im Druck von 1622 enthalten. Dieses Stück gehört zur Druckgestalt der Regola, ist aber Cima zuzuschreiben.
- Canoni a 2, 3 e 4 von Giovanni Paolo Cima, im Druck von 1622 enthalten und nach dem Titel in verschiedenen Arten singbar. Diese Kanons dienen der praktischen Demonstration kontrapunktischer Kunst und stärken den Widmungsbezug des Traktats.
Spätere Ausgaben und Faksimiles
- Anastatischer Nachdruck, Bologna: Forni, 1983, in der Reihe Bibliotheca Musica Bononiensis, Serie II, Nr. 59. Diese Ausgabe macht den Mailänder Druck von 1622 für die moderne Forschung wieder zugänglich.
- Faksimile- und bibliographische Nachweise in Spezialkatalogen zur Musiktheorie, darunter OMI / Old Manuscripts & Incunabula und bibliographische Datenbanken, die Anglerias Traktat als Quelle der italienischen Musiktheorie des frühen 17. Jahrhunderts führen.
Nicht gesicherte oder nicht überlieferte Werkbereiche
- Weitere theoretische Schriften: Es sind keine weiteren sicher erhaltenen musiktheoretischen Schriften Camillo Anglerias bekannt.
- Geistliche Kompositionen: Trotz seiner Tätigkeit als Musiker und Kapellmeister sind keine selbständig gesicherten geistlichen Kompositionsdrucke Anglerias bekannt.
- Instrumentalwerke außerhalb der Regola: Außer den beiden Ricercaren innerhalb des Traktats sind keine weiteren eigenständigen Instrumentalwerke zuverlässig nachweisbar.
- Manuskriptwerke: Einzelne Archiv- oder Katalogspuren können künftige Ergänzungen ermöglichen; im derzeit gesicherten Rahmen bleibt das Werk jedoch auf die Regola von 1622 konzentriert.
Wirkung und Rezeption
Anglerias Nachwirkung ist leise, aber konstant. Er gehört nicht zu den kanonischen Großtheoretikern wie Zarlino, Vicentino oder später Athanasius Kircher. Sein Name erscheint vielmehr in Spezialbibliographien, Quellenlexika, Katalogen musiktheoretischer Drucke und Studien zur italienischen Satzlehre um 1600. Die moderne Bedeutung seines Traktats liegt vor allem darin, dass er einen konkreten, praxisnahen Blick auf die Vermittlung von Kontrapunkt und Organistenwissen im frühen 17. Jahrhundert erlaubt.
Für die Cima-Forschung besitzt Angleria zusätzlichen Wert, weil die Regola Giovanni Paolo Cima gewidmet ist und Cimas Ricercar- und Kanonmaterial enthält. Dadurch ist der Druck eine Quelle nicht nur zu Angleria, sondern auch zur Mailänder Orgel- und Kirchenmusiktradition. Rodobaldo Tibaldis Studie zu Cimas Motetten hebt den Druck als Zeugnis eines franziskanischen Musiktheoretikers aus Cremona hervor, der sich auf Cima, Merulo und weitere zeitgenössische beziehungsweise ältere Komponisten bezieht.
In der Geschichte der Musiktheorie wird Angleria besonders dort wichtig, wo nicht allein die großen theoretischen Systeme interessieren, sondern die praktische Lehre: Wie lernten Musiker um 1620 Kontrapunkt? Wie wurde Dissonanzgebrauch erklärt? Wie blieb die Moduslehre unter veränderten Bedingungen gültig? Wie wurde Transposition für Organisten gelehrt? Anglerias Schrift beantwortet solche Fragen nicht vollständig, aber präzise genug, um als Baustein einer historischen Unterrichts- und Aufführungspraxis zu dienen.
Sekundärliteratur
- Barbieri, Patrizio: Chiavette and modal transposition in Italian practice, c. 1500–1837. In: Recercare 3, 1991, S. 5–79. Grundlegender Beitrag zur Transpositionspraxis, der Anglerias Organistenregel in einen größeren historischen Zusammenhang stellt.
- Caffi, Francesco: Storia della musica sacra nella già Cappella Ducale di San Marco in Venezia dal 1318 al 1797. Bd. 1. Venedig 1854. Ältere musikgeschichtliche Quelle, die in der Angleria-Bibliographie genannt wird.
- Eitner, Robert: Biographisch-Bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten. Leipzig 1900–1904. Klassisches Quellenlexikon mit bibliographischen Angaben zu Angleria.
- Fétis, François-Joseph: Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique. 2. Auflage. Paris 1873. Ältere lexikographische Quelle, die Anglerias Tod 1630 annimmt.
- Gaspari, Gaetano: Catalogo della Biblioteca del Liceo Musicale di Bologna. Bologna 1890–1892. Wichtiger bibliographischer Katalog zur Überlieferung musiktheoretischer und musikalischer Drucke.
- Groth, Renate: Italienische Musiktheorie im 17. Jahrhundert. In: Frieder Zaminer (Hrsg.): Italienische Musiktheorie im 16. und 17. Jahrhundert. Antikenrezeption und Satzlehre. Darmstadt 1989, S. 307–379. Überblicksdarstellung zur italienischen Musiktheorie, in deren Kontext Angleria zu lesen ist.
- Lancetti, Vincenzo: Biografia Cremonese. Bd. 1. Mailand 1819. Ältere lokalbiographische Quelle zu Musikern und Gelehrten aus Cremona.
- Monterosso, Raffaello: Mostra bibliografica dei musicisti cremonesi. Catalogo storico-critico degli autori. Cremona 1951. Bibliographischer Katalog zu Cremoneser Musikern, für Anglerias lokale Einordnung einschlägig.
- Palisca, Claude V.: Die Jahrzehnte um 1600 in Italien. In: Frieder Zaminer (Hrsg.): Italienische Musiktheorie im 16. und 17. Jahrhundert. Antikenrezeption und Satzlehre. Darmstadt 1989, S. 221–306. Grundlegender Kontext zur italienischen Musiktheorie um 1600.
- Pannella, Liliana: Angleria, Camillo. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 3. Rom: Istituto della Enciclopedia Italiana, 1961. Der zentrale moderne biographische Fachartikel zu Angleria.
- Pitoni, Giuseppe Ottavio: Notizia de’ Contrapuntisti, e Compositori di Musica dall’anno 1000 in sino all’anno 1700. Biblioteca Apostolica Vaticana, Cappella Giulia, ms. I, 1–2. Frühere quellenkundliche Grundlage der Angleria-Bibliographie.
- Tibaldi, Rodobaldo: I mottetti a quattro voci (Milano 1599) di Giovanni Paolo Cima e lo stile “osservato” nella Milano di fine ’500: alcune osservazioni. In: Polifonie 2, 2002. Studie zu Giovanni Paolo Cima, die Anglerias Traktat und seine Widmung an Cima im Mailänder Kontext behandelt.
Ausgewählte Onlinequellen
- BeWeB: La regola del contraponto e della musical compositione Bibliothekarischer Nachweis des Angleria-Drucks mit ausführlicher Titelangabe, Provenienz- und Standortinformationen.
- Composers Classical Music: Angleria, Camillo Kurzprofil mit Angaben zu Herkunft, Lebenszeitansatz, Lehrer Merulo, Florentiner Kapellmeisterfunktion und den im Traktat enthaltenen Ricercaren.
- Deutsche Nationalbibliothek: Camillo Angleria Normdatenverweis zur bibliothekarischen Identifikation Anglerias über die Gemeinsame Normdatei.
- Gardane: Camillo Angleria Quellen- und Sammlungsseite mit Titelangabe zur Regola del contraponto von 1622.
- Google Books: La regola del contraponto Bibliographischer Nachweis des anastatischen Nachdrucks von 1983 in der Reihe Bibliotheca Musica Bononiensis.
- IMSLP: Angleria, Camillo Personen- und Werkseite mit Normdatenverweisen, Lebensdatenansatz und Zugriff auf die Werkseite.
- IMSLP: La regola del contraponto, e della musical compositione Werkseite mit Angaben zur Erstveröffentlichung 1622, Gattung, Sprache, Druckort, Drucker und digitalem Faksimile.
- MGG Online: Angleria, Camillo Fachlexikalischer Artikel zu Angleria und seiner musiktheoretischen Bedeutung.
- Musicologie.org: Angleria Fra Camillo Französische Kurzbiographie mit Werkangabe, Druckdaten, Standortliste und bibliographischen Hinweisen.
- OMI / Old Manuscripts & Incunabula: Music Theory Facsimiles Spezialkatalog musiktheoretischer Faksimiles mit Anglerias Regola del contraponto und dem Forni-Nachdruck von 1983.
- OPAC SBN: La regola del contrapponto e della musical compositione Italienischer Bibliothekskatalog mit Nachweis des Angleria-Werks beziehungsweise des neueren Nachdrucks.
- Polifonie: Rodobaldo Tibaldi über Giovanni Paolo Cima Musikwissenschaftliche Studie, die Anglerias 1622 gedruckte Regola, die Widmung an Cima und den Mailänder Kontext behandelt.
- Treccani: Angleria, Camillo Zentraler italienischer Fachartikel zu Herkunft, Lebenszeit, Ordenszugehörigkeit, Merulo-Schülerschaft, Traktat, praktischer Ausrichtung und Quellenlage.
- VIAF: Camillo Angleria Internationaler Normdatenverbund zur Identifikation Anglerias in Bibliothekskatalogen.
- WorldCat: La regola del contraponto, e della musical compositione Internationaler Katalogeintrag zum Mailänder Druck von 1622 mit Angleria als Autor und Giorgio Rolla als Drucker.
Weiterführende Einträge
- Camillo Angleria Italienischer Musiktheoretiker aus Cremona und Autor der Regola del contraponto von 1622.
- Barock Musikgeschichtliche Epoche, in deren frühe Phase Anglerias Traktat von 1622 fällt.
- Giovanni Paolo Cima Mailänder Organist und Komponist, dem Angleria seine Regola widmete und dessen Ricercar- und Kanonmaterial im Druck enthalten ist.
- Chiavette Historische Schlüssel- und Transpositionspraxis, die für Anglerias Organistenregel einschlägig ist.
- Contrapunto Italienische Bezeichnung für Kontrapunkt und zentraler Begriff von Anglerias Traktat.
- Cremona Oberitalienische Musikstadt und Herkunftsort Camillo Anglerias.
- Dissonanz Spannungsintervall, dessen regelhafte Behandlung ein Kernpunkt der historischen Satzlehre ist.
- Dritter Orden des heiligen Franziskus Ordenskontext, dem Angleria nach dem Titel seines Traktats angehörte.
- Frühbarock Musikalische Übergangsphase um 1600, in der ältere Polyphonie, neue Ausdrucksformen und instrumentale Praxis zusammentreffen.
- Giulio Cesare Gabussi Oberitalienischer Komponist, der im Umfeld der von Angleria diskutierten Kompositionspraxis wichtig ist.
- Generalbass Frühbarocke Satz- und Begleitpraxis, die den Wandel der musikalischen Theorie nach 1600 mitbestimmt.
- Italienische Musiktheorie Theorietradition, in der Angleria zwischen Zarlino, Vicentino, Merulo und frühbarocker Praxis steht.
- Kanon Strenge imitatorische Satzform, die in Anglerias Druck durch Beiträge Giovanni Paolo Cimas vertreten ist.
- Kapellmeister Leitender Musiker einer Kapelle, verantwortlich für Aufführung, Repertoire, Personal und musikalische Ordnung.
- Kirchentonarten Modales Ordnungssystem, das Angleria im Abschnitt über die cognitione de’ tuoni behandelt.
- Kompositionslehre Regel- und Unterrichtstradition des musikalischen Satzes, in der Anglerias Traktat steht.
- Konsonanz Zusammenklang mit stabiler Satzfunktion, dessen Behandlung in der historischen Kontrapunktlehre grundlegend ist.
- Kontrapunkt Lehre vom Zusammenwirken selbständiger Stimmen, Hauptgegenstand von Anglerias Schrift.
- Orlando di Lasso Komponist der Vokalpolyphonie, dessen Werk in der Satzlehre um 1600 als wichtiger Bezugspunkt erscheint.
- Mailand Druckort von Anglerias Regola und wichtiges Zentrum oberitalienischer Kirchenmusik.
- Claudio Merulo Organist und Komponist, als dessen Schüler Angleria im Druck von 1622 bezeichnet wird.
- Modalität Tonales Ordnungssystem vor der Dur-Moll-Tonalität, wichtig für Anglerias Lehre von den tuoni.
- Claudio Monteverdi Zeitgenössischer Komponist, dessen Praxis den Wandel der italienischen Musik um 1600 exemplarisch zeigt.
- Musikdruck Druck- und Verbreitungsform musikalischer und musiktheoretischer Texte im 16. und 17. Jahrhundert.
- Musiktheoretiker Autor oder Gelehrter, der Regeln, Begriffe und Systeme musikalischer Praxis beschreibt und ordnet.
- Musiktheorie Reflexion über musikalische Ordnung, Satztechnik, Tonarten, Intervalle, Rhythmus und Aufführungspraxis.
- Organist Tasteninstrumentalist, für den Angleria eigene Regeln zur transponierten Ausführung formuliert.
- Orgelmusik Instrumentale Kirchen- und Tastenkunst, die für Anglerias Merulo-Bezug und Transpositionsregel wichtig ist.
- Giovanni Pierluigi da Palestrina Normbildender Komponist der Vokalpolyphonie und zentraler Bezugspunkt späterer Kontrapunktlehre.
- Ricercar Imitatorische Instrumental- und Vokalform, von der Angleria zwei eigene Beispiele in seinen Traktat aufnahm.
- Santa Maria presso San Celso Mailänder Kirchen- und Musikort, an dem Giovanni Paolo Cima als Organist wirkte.
- Satzlehre Lehre vom regelhaften musikalischen Satz, insbesondere von Stimmführung, Intervallgebrauch und Dissonanzbehandlung.
- Transposition Versetzung musikalischer Strukturen in eine andere Tonhöhe, bei Angleria besonders für Organisten relevant.
- Nicola Vicentino Musiktheoretiker des 16. Jahrhunderts, dessen Lehren zu den älteren Einflüssen auf Anglerias Denken gehören.
- Vokalpolyphonie Mehrstimmige Vokalmusik, deren kontrapunktische Ordnung Anglerias Satzlehre weiterhin prägt.
- Orfeo Vecchi Mailänder Komponist im Umfeld der von Angleria genannten oberitalienischen Kirchenmusik.
- Gioseffo Zarlino Zentraler Musiktheoretiker des 16. Jahrhunderts und wichtiger älterer Bezugspunkt für Anglerias Kontrapunktlehre.