Orazio Angelini
Überblick
Orazio Angelini, in den Drucken auch Horatio Angelini oder in normierenden Katalogformen Oratio Angelini, war ein italienischer Madrigalkomponist der späten Renaissance. Seine biographischen Daten sind nur sehr spärlich überliefert. Sicher ist vor allem der Herkunfts- beziehungsweise Wirkungsbezug zu Gubbio: Das Titelblatt seines ersten Madrigalbuches bezeichnet ihn als Horatio Angelini da Ugubbio. Damit gehört er zu den lokalen italienischen Komponisten, die nicht an einem großen Hof dauerhaft kanonisiert wurden, aber durch den venezianischen Musikdruck in den überregionalen Madrigalverkehr eintraten.
Angelinis erhaltenes Profil ist ungewöhnlich klar und zugleich schmal. Er veröffentlichte 1583 in Venedig das Primo libro de madrigali a cinque voci beim Erben Girolamo Scottos und 1585 das Secondo libro de’ madrigali a cinque voci bei Angelo Gardano. Beide Drucke gehören zur dichten venezianischen Madrigalproduktion der 1580er Jahre. Das erste Buch ist vollständig als fünfstimmiger Stimmenbuchsatz bezeugt; vom zweiten Buch sind nach den einschlägigen Quellen nur Tenor und Quinto beziehungsweise entsprechende Teilstimmen sicher greifbar.
Seine Musik blieb nicht auf Italien beschränkt. Zwei Madrigale aus dem ersten Buch, Questa fera gentil che scherza e fugge und Tra le chiome de l’or, wurden in die Antwerpener Anthologie Symphonia angelica aufgenommen. Damit gelangten Stücke eines umbrischen Madrigalkomponisten in den nordalpinen Markt der italienischen Madrigalkultur. Diese Überlieferung ist kulturgeschichtlich bedeutsam, weil sie zeigt, wie die Musik kleinerer lokaler Meister über venezianische Drucke und niederländische Anthologien international zirkulieren konnte.
Kurzdaten
| Name | Orazio Angelini. |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Horatio Angelini, Oratio Angelini, Orazio Angelini da Gubbio, Horatio Angelini da Ugubbio. |
| Geboren | Lebensdaten unbekannt; einzelne lokale Nachrichten setzen eine Geburt in Gubbio im 16. Jahrhundert voraus, doch für diesen Eintrag wird quellenkritisch keine genaue Jahreszahl als gesichert angegeben. |
| Gestorben | Lebensdaten unbekannt; die normierende Überlieferung setzt Tod und Geburt allgemein in das 16. Jahrhundert. |
| Beruf | Madrigalkomponist, Komponist weltlicher Vokalmusik und Vertreter der italienischen Madrigalkultur der späten Renaissance. |
| Aktiv | Zwischen 1583 und 1592 beziehungsweise im weiteren Quellenzusammenhang bis zur Aufnahme einzelner Madrigale in spätere Anthologien. |
| Herkunft | Gubbio in Umbrien; das erste Madrigalbuch nennt ihn ausdrücklich da Ugubbio. |
| Wirkungsraum | Gubbio, Venedig als Druckort, Antwerpen als Ort der internationalen Anthologisierung. |
| Gattung | Weltliches Madrigal zu fünf Stimmen. |
| Hauptquellen | Il primo libro de madrigali a cinque voci, Venedig 1583; Il secondo libro de’ madrigali a cinque voci, Venedig 1585; Symphonia angelica, Antwerpen 1590 beziehungsweise spätere Nachdrucktradition. |
| Datei | angelini-orazio.shtml |
Name, Herkunft und Namensformen
Die moderne italienische Namensform lautet Orazio Angelini. In der frühneuzeitlichen Drucküberlieferung erscheint die lateinisierende beziehungsweise ältere Schreibweise Horatio Angelini, auf dem Titelblatt des ersten Buches ausdrücklich als Horatio Angelini da Ugubbio. Die Katalogform der BnF nennt außerdem die abgewiesenen Formen Angelini, Oratio und Angelini, Horatio. Für die Dateiordnung des Kulturlexikons wird die natürliche Form Orazio Angelini als sichtbarer Name verwendet, während der Dateiname angelini-orazio.shtml der Regel Familienname-Vorname folgt.
Die Herkunftsbezeichnung da Ugubbio ist quellenkritisch besonders wichtig. Ugubbio ist eine ältere beziehungsweise variierende Schreibform für Gubbio. Sie zeigt, dass Angelini im Selbst- oder Druckbild seines ersten Madrigalbuches nicht nur als Komponist, sondern als Komponist aus einem bestimmten städtischen Herkunftsraum vorgestellt wurde. Diese Herkunftsmarkierung konnte im venezianischen Druckmarkt eine soziale Funktion haben: Sie machte den Autor identifizierbar und verband ihn mit einem lokalen Patronage- und Bildungshorizont.
Der Name darf nicht mit Baldassare Angelini verwechselt werden, dem im 18. Jahrhundert in Perugia wirkenden Kirchenmusiker und Martini-Schüler. Orazio Angelini gehört der Madrigalkultur der späten Renaissance an; Baldassare Angelini gehört zur umbrischen Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts. Die gemeinsame regionale Nähe zu Umbrien darf die chronologische und gattungsgeschichtliche Trennung nicht verdecken.
Biographischer Verlauf
Über Orazio Angelinis Leben sind nur wenige belastbare Daten erhalten. Sein Lebenslauf muss daher aus Druckdaten, Herkunftsangabe, Widmungen und Anthologien rekonstruiert werden. Das erste sichere Datum ist 1583, als in Venedig sein Primo libro de madrigali a cinque voci erschien. Die Titelform da Ugubbio legt den Bezug zu Gubbio nahe, doch über seine Ausbildung, Lehrer, Ämter, familiäre Stellung und mögliche kirchliche oder städtische Funktionen sind keine sicheren Nachrichten in der frei greifbaren Hauptüberlieferung erkennbar.
Der Druck von 1583 war Ottavio Accoromboni gewidmet. Diese Widmung ist ein wichtiger sozialer Hinweis. Madrigalbücher des 16. Jahrhunderts entstanden selten ohne Patronage, Empfehlung oder höfisch-städtische Netzwerke. Der Widmungsträger konnte Schutz, Prestige, gesellschaftlichen Zugang oder literarisch-musikalische Legitimation gewähren. Für Angelini zeigt die Widmung, dass sein erstes Buch nicht nur als bloße Sammlung einzelner Stücke zu verstehen ist, sondern als öffentliche Positionierung eines Komponisten im venezianischen Musikdruck.
1585 folgte ein zweites Buch mit Madrigalen zu fünf Stimmen. Es erschien in Venedig bei Angelo Gardano und war Scipione Gonzaga gewidmet. Auch diese Widmung ist aussagekräftig, weil die Gonzaga-Namen im späten 16. Jahrhundert mit einem weiten aristokratischen und musikalischen Horizont verbunden waren. Ob Angelini persönliche Verbindungen zu Mantua oder zu einem Gonzaga-Kreis besaß, lässt sich aus dem Titel allein nicht sicher schließen; die Widmung zeigt aber, dass er seine Musik in einen gehobenen höfisch-literarischen Zusammenhang stellen wollte.
Die spätere Überlieferung nennt ihn als aktiv zwischen 1583 und 1592. Diese Datierung hängt weniger mit Lebensdaten als mit der Quellenpräsenz zusammen. Besonders wichtig ist die Aufnahme von zwei Stücken in Symphonia angelica, eine Antwerpener Anthologie italienischer Madrigale. Dadurch ist Angelini nicht nur in Venedig, sondern auch im nordalpinen Druck- und Sammelrepertoire sichtbar.
Da keine gesicherten Nachrichten über Todesjahr, spätere Ämter oder weitere Drucke vorliegen, sollte Angelini nicht durch frei ergänzte Biographie vergrößert werden. Sein historischer Rang liegt in der Druck- und Repertoiregeschichte des Madrigals: Ein Komponist aus Gubbio gelangte mit zwei Madrigalbüchern in den venezianischen Markt und über einzelne Stücke in die internationale Anthologiekultur.
Ausführlicher Kulturüberblick
Orazio Angelini gehört in die Hochphase des italienischen Madrigals der 1580er Jahre. Diese Zeit war von enormer Produktivität, dichter Druckkultur und starker stilistischer Konkurrenz geprägt. In Venedig erschienen Madrigaldrucke von lokalen, regionalen und europaweit bekannten Komponisten. Die Gattung war nicht nur musikalisch anspruchsvoll, sondern auch ein sozialer Marker: Wer Madrigale sang, las oder sammelte, bewegte sich in einem Kreis literarischer Bildung, musikalischer Kompetenz und höfisch-städtischer Geselligkeit.
Das Madrigal des späten 16. Jahrhunderts war ein Labor der Textausdeutung. Es verband Dichtung, Klang, Kontrapunkt, rhetorische Figuren, Affektdarstellung und gesellschaftliche Praxis. Komponisten reagierten auf Worte wie Liebe, Schmerz, Flucht, Blick, Tod, Licht, Haar, Gold, Seufzen oder Feuer mit musikalischen Gesten. Diese Gesten konnten imitatorisch, homophon, chromatisch, rhythmisch zugespitzt oder klangmalerisch sein. Angelinis erhaltene Titel zeigen typische Themenfelder: Schönheit, Flucht, Haar, Gold, Anmut und Liebesbewegung.
Venedig war der entscheidende Druckort. Die Häuser Scotto und Gardano standen für zwei der bedeutendsten Musikdrucktraditionen der Renaissance. Dass Angelinis erstes Buch beim Erben Girolamo Scottos und das zweite bei Angelo Gardano erschien, zeigt, dass seine Musik nicht in einem rein lokalen Handschriftenmilieu blieb. Sie wurde in ein kommerzielles und überregionales Publikationssystem aufgenommen. Dieses System verbreitete Stimmenbücher nach Italien, in den deutschen Raum, nach Frankreich, in die Niederlande und darüber hinaus.
Gleichzeitig gehört Angelini nicht zu den großen stilbildenden Namen wie Luca Marenzio, Giaches de Wert, Luzzasco Luzzaschi oder Claudio Monteverdi. Gerade darin liegt sein kulturgeschichtlicher Wert. Er zeigt, dass die Madrigalkultur nicht nur von den großen Meistern getragen wurde. Sie bestand aus einem breiten Netz lokaler Komponisten, die eigene Bücher veröffentlichten, in Anthologien übernommen wurden und damit zur Vielfalt des Repertoires beitrugen.
Die Aufnahme in Symphonia angelica ist deshalb zentral. Antwerpener Drucker wie Pierre Phalèse vermittelten italienisches Repertoire an nordalpines Publikum. Angelinis Stücke standen dort neben Werken bekannterer Komponisten. Seine Musik wurde dadurch Teil eines europäischen Madrigalkonsums, der italienische Sprache, italienische Dichtung und italienische Satzkunst als kulturelles Prestige importierte.
Gubbio, Umbrien und lokale Madrigalkultur
Gubbio war in der Renaissance eine umbrische Stadt mit eigener städtischer Identität, humanistischer Bildung und adeligen Familiennetzwerken. Sie war nicht in derselben Weise ein musikalisches Zentrum wie Venedig, Ferrara oder Mantua, aber sie gehörte zu jener städtischen Kulturlandschaft Mittelitaliens, in der Dichtung, Akademien, private Musikpraxis und kirchliche Institutionen eng miteinander verbunden sein konnten.
Angelinis Herkunftsbezeichnung da Ugubbio verweist auf diesen lokalen Hintergrund. Ein Madrigalkomponist aus Gubbio musste für den Druck seiner Werke den Weg über Venedig suchen, weil dort die technischen, kommerziellen und distributiven Voraussetzungen vorhanden waren. Das bedeutet: Lokale Kreativität und überregionaler Druckmarkt waren aufeinander angewiesen. Gubbio lieferte soziale Herkunft, Bildung und möglicherweise Patronage; Venedig lieferte Öffentlichkeit.
Für Umbrien ist Angelini besonders interessant, weil die Region in der Musikgeschichtsschreibung des 16. Jahrhunderts weniger prominent erscheint als die großen höfischen Zentren Norditaliens. Sein Beispiel erweitert den Blick auf die Renaissance-Madrigalkultur. Sie war nicht nur eine Kultur der Höfe von Ferrara und Mantua, sondern auch eine Kultur kleinerer Städte, deren Musiker durch Drucke in den europäischen Austausch eintraten.
Venedig, Musikdruck und Madrigalmarkt
Venedig war im 16. Jahrhundert das wichtigste Zentrum des italienischen Musikdrucks. Die Druckerfamilien Scotto und Gardano prägten den Markt für Madrigale, Motetten, Messen, Canzonetten und Instrumentalmusik. Ein Komponist, der dort gedruckt wurde, erhielt Zugang zu einem Vertriebsnetz, das weit über die eigene Stadt hinausging.
Angelinis erstes Buch erschien 1583 beim Erben Girolamo Scottos, das zweite 1585 bei Angelo Gardano. Diese beiden Druckorte sind nicht zufällig, sondern zeigen die Konkurrenz und Kontinuität des venezianischen Musikmarktes. Der erste Druck konnte einen Komponisten bekannt machen; ein zweites Buch bestätigte, dass zumindest ein gewisser Kreis von Nachfrage, Patronage oder kompositorischem Selbstbewusstsein bestand.
Die Druckform der Stimmenbücher ist für die Praxis des Madrigals wesentlich. Madrigale wurden nicht aus einer modernen Partitur gesungen, sondern aus einzelnen Stimmbüchern für Cantus, Altus, Tenor, Bassus und Quintus. Die Sänger mussten einander zuhören, Einsätze koordinieren, Textstellen erkennen und im Ensemble einen gemeinsamen Affekt herstellen. Diese Praxis machte das Madrigal zu einer Kunst der gebildeten Gemeinschaft.
Madrigal, Textwahl und fünfstimmiger Satz
Angelinis beide bekannten Bücher sind madrigali a cinque voci, also Madrigale zu fünf Stimmen. Der fünfstimmige Satz war in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein besonders verbreitetes Medium der anspruchsvollen weltlichen Vokalmusik. Er bot mehr klangliche Dichte als der vierstimmige Satz, blieb aber beweglicher und durchsichtiger als groß besetzte polyphone Anlage.
Der fünfstimmige Madrigalsatz erlaubte eine reiche Verteilung der Textaffekte. Einzelne Stimmen konnten imitatorisch einsetzen, paarweise antworten, in homophone Blöcke zusammengehen oder durch Dissonanzen besondere Worte hervorheben. Für Angelini ist eine detaillierte Stilbeschreibung nur auf Grundlage der vollständigen Stimmbücher möglich; die Quellenlage zeigt aber eindeutig, dass er sich in der professionellen Madrigalsprache seiner Zeit bewegte.
Die erhalten genannten Titel Questa fera gentil che scherza e fugge und Tra le chiome de l’or stehen im typischen poetischen Feld des Madrigals: Schönheit, Anziehung, Flucht, Blick, Haar, Gold und Liebesspiel. Solche Texte verlangten eine Musik, die zugleich elegant, rhetorisch sensibel und affektgeladen sein konnte. Angelinis Aufnahme in eine internationale Anthologie spricht dafür, dass seine Stücke als brauchbar, geschmackvoll und repräsentativ für den italienischen Madrigalstil galten.
Symphonia angelica und internationale Verbreitung
Symphonia angelica ist für Angelinis Nachleben von zentraler Bedeutung. Die Sammlung erschien im Antwerpener Phalèse-Umfeld und brachte italienische Madrigale für ein nordalpines Publikum zusammen. Sie gehört zu den wichtigen Belegen dafür, dass italienische Madrigalkultur im späten 16. Jahrhundert weit über Italien hinaus rezipiert wurde.
Aus Angelinis erstem Buch wurden Questa fera gentil che scherza e fugge und Tra le chiome de l’or in diese Anthologie übernommen. Damit wurden zwei seiner Madrigale aus dem ursprünglichen venezianischen Autorendruck herausgelöst und in einen internationalen Sammelkontext gestellt. Ein solcher Vorgang veränderte die Wahrnehmung: Das Stück stand nicht mehr nur als Teil eines Angelini-Buches, sondern als exemplarisches italienisches Madrigal neben Werken anderer Komponisten.
Die Anthologie zeigt außerdem, wie Auswahl funktioniert. Phalèse und vergleichbare Drucker suchten Stücke, die für ihr Publikum attraktiv waren. Angelinis Präsenz in dieser Auswahl bedeutet nicht automatisch, dass er einer der führenden Meister Europas war, aber sie zeigt, dass einzelne seiner Madrigale den Geschmack und die Erwartungen des internationalen Madrigalmarktes erfüllten.
Werkverzeichnis und Quellenbestand
Das Werkverzeichnis Orazio Angelinis ist schmal, aber für einen Madrigalkomponisten seiner Quellenlage ungewöhnlich gut konturiert. Es umfasst zwei eigenständige venezianische Madrigalbücher zu fünf Stimmen sowie die Übernahme zweier Madrigale in eine Antwerpener Anthologie. Darüber hinaus sind derzeit keine sicher zuweisbaren Opern, geistlichen Werke, Instrumentalwerke oder weiteren Drucksammlungen bekannt.
Eigenständige Madrigaldrucke
- Di Horatio Angelini da Ugubbio il primo libro de madrigali a cinque voci. Nuovamente posti in luce. Venedig: Erbe Girolamo Scotto, 1583. RISM A 1213. Der Druck erschien in Stimmenbüchern für Cantus, Altus, Tenor, Bassus und Quintus. Er war Ottavio Accoromboni gewidmet. Die Quelle ist im Tasso-in-Music-Projekt mit dem Standort I-Vnm und mit Mikrofilmüberlieferung nachgewiesen.
- Di Horatio Angelini da Ugubbio il secondo libro de’ madrigali a cinque voci. Nuovamente stampati. Venedig: Angelo Gardano, 1585. RISM A 1214. Der Druck war Scipione Gonzaga gewidmet. Nach dem Tasso-in-Music-Quellenindex sind die originalen Stimmenbücher als fünfstimmige Anlage angelegt; greifbar beziehungsweise ausdrücklich als erhalten genannt werden Tenor und Quinto im Bologneser Bibliothekszusammenhang.
Madrigale in Anthologien
- Questa fera gentil che scherza e fugge. Madrigal zu fünf Stimmen aus dem Primo libro von 1583; später in Symphonia angelica übernommen. Das Stück ist ein wichtiger Beleg für Angelinis internationale Rezeption über Antwerpener Madrigalanthologien.
- Tra le chiome de l’or. Madrigal zu fünf Stimmen aus dem Primo libro von 1583; ebenfalls in Symphonia angelica übernommen. Der Titel gehört zum typischen poetischen Bereich der Liebes- und Schönheitsmetaphorik des späten Madrigals.
- Symphonia angelica di diversi eccellentissimi musici a IIII. V. et VI. voci. Antwerpen, 1590; später erneut überliefert. Die Sammlung enthält nach BnF zwei Madrigale Angelinis und belegt damit seine Aufnahme in den nordalpinen italienischen Madrigalkanon.
Gesicherte Werkgruppen
- Fünfstimmige weltliche Madrigale. Angelinis gesicherte Kompositionsgattung ist das Madrigal zu fünf Stimmen. Beide bekannten Bücher sind ausdrücklich als madrigali a cinque voci bezeichnet.
- Venezianische Stimmenbuchdrucke. Seine Musik ist in der für die Zeit typischen Form einzelner Stimmenbücher überliefert, nicht als moderne Partitur.
- Anthologisierte Madrigale. Zwei Stücke aus dem ersten Buch gingen in die Antwerpener Anthologieüberlieferung ein.
Nicht gesichert oder nicht aufzunehmen
- Geistliche Musik. Für Orazio Angelini ist in den herangezogenen Quellen keine gesicherte geistliche Sammlung bekannt.
- Instrumentalmusik. Ein älterer allgemeiner Kurzverweis nennt Angelini als Organisten beziehungsweise erwähnt organistische Zusammenhänge, doch für diesen Kulturlexikon-Eintrag wird ohne belastbaren Werkbeleg kein eigenständiges Orgelwerk in das Werkverzeichnis aufgenommen.
- Opern und Bühnenwerke. Angelini gehört chronologisch in eine Zeit vor der Oper als etablierter Gattung; Opernwerke sind nicht nachgewiesen.
- Drittes Madrigalbuch oder spätere Drucke. Über die beiden venezianischen Bücher von 1583 und 1585 hinaus ist kein gesicherter weiterer eigener Madrigaldruck aufgenommen.
- Freie Zuschreibungen unter dem Namen Angelini. Wegen anderer Musiker gleichen Familiennamens müssen ungenaue Zuschreibungen stets einzeln geprüft werden.
Zusammenfassung des gesicherten Bestands
- Gesichert als Autorendruck: Primo libro de madrigali a cinque voci, Venedig 1583.
- Gesichert als Autorendruck: Secondo libro de’ madrigali a cinque voci, Venedig 1585.
- Gesichert als Anthologieüberlieferung: Questa fera gentil che scherza e fugge und Tra le chiome de l’or in Symphonia angelica.
- Gesichert als Wirkungsraum: italienischer Madrigaldruck in Venedig und internationale Weiterverbreitung über Antwerpen.
Überlieferung, Drucke und Quellenlage
Die Quellenlage zu Orazio Angelini ist zugleich klar und begrenzt. Klar ist sie, weil die beiden Hauptdrucke mit Titel, Druckort, Drucker, Jahr, RISM-Nummern, Stimmenbuchstruktur und Widmungsträgern nachweisbar sind. Begrenzt ist sie, weil darüber hinaus kaum biographische Dokumente öffentlich greifbar sind. Angelini ist daher vor allem ein durch Drucke und Anthologien rekonstruierbarer Komponist.
Das erste Madrigalbuch von 1583 ist als vollständige fünfstimmige Anlage belegt. Es befindet sich nach dem Tasso-in-Music-Quellenindex in Venedig im bibliothekarischen Zusammenhang I-Vnm und ist als Mikrofilmüberlieferung nachgewiesen. Das zweite Buch von 1585 ist schwieriger, weil nur einzelne Stimmbücher beziehungsweise Teilüberlieferungen ausdrücklich genannt werden. Dies ist für Renaissance-Madrigale nicht ungewöhnlich: Stimmenbücher wurden getrennt aufbewahrt, gingen unterschiedlich verloren und erschweren moderne Editionen.
Die BnF führt Angelini als aktiv zwischen 1583 und 1592 und nennt als Quelle zwei Madrigale in Symphonia angelica. Diese Normdatierung ist quellenkritisch sinnvoll, weil sie sich nicht auf spekulative Lebensdaten, sondern auf nachweisbare Druck- und Rezeptionsdaten stützt. Für die Kulturlexikon-Seite wird deshalb auf genaue Geburts- oder Todesjahre verzichtet.
Die moderne Forschung zu den Antwerpener Madrigalanthologien ist besonders nützlich, weil sie konkrete Konkordanzen zwischen italienischen Quellen und nordalpinen Sammeldrucken verzeichnet. Dadurch lassen sich Angelinis Stücke nicht isoliert, sondern im größeren Strom der europäischen Madrigalzirkulation lesen.
Wirkung und Nachleben
Orazio Angelinis Nachleben ist schmal, aber signifikant. Er gehört nicht zu den Komponisten, deren Werke kontinuierlich in Editionen, Chören und Konzertprogrammen präsent blieben. Dennoch zeigt seine Überlieferung eine wichtige kulturgeschichtliche Wirkung: Zwei seiner Madrigale wurden für eine internationale Anthologie ausgewählt und dadurch in den nordalpinen Madrigalverkehr aufgenommen.
Diese Wirkung ist typisch für viele Renaissance-Komponisten zweiter Reihe. Ihr Name blieb nicht durch biographische Erzählungen, sondern durch Druckspuren erhalten. Ein Autorendruck, eine Widmung, ein Stimmenbuchsatz, eine Anthologie und ein Katalogeintrag genügen, um eine musikalische Existenz sichtbar zu machen. Gerade deshalb ist Angelini für die Geschichte des Madrigals wertvoll: Er zeigt die Breite des Repertoires, aus der die berühmteren Namen nur einen Teil bilden.
Für heutige Forschung und Aufführungspraxis wäre Angelini besonders interessant, wenn seine beiden Madrigalbücher vollständig ediert und im Kontext umbrischer sowie venezianischer Madrigalkultur untersucht würden. Die Titel aus Symphonia angelica bieten einen naheliegenden Einstieg, weil sie bereits als auswählungswürdig und international verbreitbar galten.
Sekundärliteratur
- Antolini, Bianca Maria, Hrsg.: Dizionario degli editori musicali italiani 1750–1930 und weitere editorische Arbeiten zur italienischen Musikdruckgeschichte; als methodischer Kontext zur Erschließung von Musikdrucken und Druckertraditionen nutzbar.
- Boorman, Stanley: Ottaviano Petrucci. A Catalogue Raisonné. Oxford: Oxford University Press, 2006; als grundlegender Kontext zur älteren italienischen Musikdruckgeschichte.
- Boorman, Stanley: Studien zu venezianischem Musikdruck, Stimmenbuchpraxis und der Familie Scotto.
- Brown, Howard Mayer: Instrumental Music Printed Before 1600. A Bibliography. Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 1965; als bibliographischer Kontext zur Druckkultur der Renaissance.
- Cassia, Cristina: Beiträge zu italienischsprachigen Madrigalen lokaler Komponisten in den Antwerpener Anthologien.
- Chemotti, Antonio; Kolb, Paul; Mannaerts, Pieter; Vanhulst, Henri, Hrsg.: Madrigal Collections from the Low Countries in Central Europe. Studie zu Phalèse-Anthologien, nordalpiner Madrigalzirkulation und italienischen Quellenkonkordanzen.
- Einstein, Alfred: The Italian Madrigal. Princeton: Princeton University Press, 1949. Grundlegende Gesamtdarstellung zur Geschichte und Ästhetik des italienischen Madrigals.
- Fenlon, Iain: Studien zu Musik, Patronage und Druckkultur im Italien der Renaissance.
- Haar, James: Arbeiten zur italienischen Madrigalpoetik, zur weltlichen Vokalmusik und zur Gattungsgeschichte des 16. Jahrhunderts.
- Lewis, Mary S.: Antonio Gardano, Venetian Music Printer, 1538–1569. New York: Garland, 1988; als Kontext zur Gardano-Drucktradition.
- Newcomb, Anthony: The Madrigal at Ferrara, 1579–1597. Princeton: Princeton University Press, 1980; wichtiger Vergleichshorizont zur aristokratischen Madrigalkultur der späten Renaissance.
- RISM: Répertoire International des Sources Musicales, insbesondere die Einträge A 1213 und A 1214 zu Orazio Angelinis Madrigalbüchern.
- Vanhulst, Henri: Studien zu Pierre Phalèse, Antwerpen und der Verbreitung italienischer Madrigale in den Niederlanden.
Ausgewählte Onlinequellen
- BnF Catalogue général: Angelini, Orazio Autoritätsdatensatz mit Namensformen, Herkunftsland, Aktivitätszeit 1583 bis 1592 und Hinweis auf zwei Madrigale in Symphonia angelica.
- BnF Catalogue général: Verknüpfte bibliographische Nachweise zu Orazio Angelini Katalogliste der mit Angelini verbundenen bibliographischen Nachweise, darunter Symphonia angelica und ihre spätere Drucküberlieferung.
- Florence Research Archive: Madrigal Collections from the Low Countries in Central Europe Forschungs-PDF zu Phalèse-Anthologien mit Konkordanzen zu Angelinis Primo libro von 1583 und den Madrigalen Questa fera gentil sowie Tra le chiome de l’or.
- Tasso in Music Project: Quellenindex Quellenindex mit detaillierten Angaben zu Angelinis Primo libro von 1583 und Secondo libro von 1585, einschließlich RISM-Nummern, Druckern, Widmungsträgern, Stimmenbüchern und Standortangaben.
- IMSLP: Orazio Angelini Komponistenseite mit Lebensdatenstatus unbekannt, Aktivitätszeit 1583 bis 1592 und Verweis auf die Sammlung Symphonia angelica.
- Musicanet: Orazio Angelini Kurzer internationaler Komponistendatensatz mit Zuordnung zu Italien, 16. Jahrhundert und unbekannten Lebensdaten.
- Donemus: Symphonia Angelica Moderner Noten- und Repertoirehinweis zur Anthologie Symphonia angelica, in der Angelinis Madrigal Questa fera gentil enthalten ist.
- Archivi del Rinascimento / EDIT16: Orazio Angelini Suchzugang zu frühneuzeitlichen italienischen Drucknachweisen, darunter Angelinis Madrigaldrucke.
Weiterführende Einträge
- Antwerpen Druck- und Handelsstadt, in der italienische Madrigale durch Phalèse-Anthologien verbreitet wurden.
- Baldassare Angelini Peruginer Kirchenmusiker des 18. Jahrhunderts, der vom Renaissance-Madrigalkomponisten Orazio Angelini zu unterscheiden ist.
- Angelo Gardano Venezianischer Musikdrucker, bei dem Angelinis zweites Madrigalbuch 1585 erschien.
- Anthologie Sammeldruckform, durch die einzelne Madrigale Angelinis international verbreitet wurden.
- Bassus Tiefe Stimme im Stimmenbuchsatz, Teil der fünfstimmigen Madrigalpraxis.
- Cantus Oberstimme im Renaissance-Stimmenbuch, wichtig für die Aufführung fünfstimmiger Madrigale.
- Fünfstimmigkeit Satztypus von Angelinis beiden bekannten Madrigalbüchern.
- Gardano-Druckerei Venezianische Musikdruckertradition, die für den Madrigalmarkt der Renaissance zentral war.
- Gubbio Umbrischer Herkunftsort Orazio Angelinis, auf dem Titelblatt als Ugubbio bezeichnet.
- Italienischer Musikdruck Übergreifender Kontext von Angelinis venezianischen Madrigalbüchern.
- Luzzasco Luzzaschi Zeitgenössischer Madrigalkomponist und wichtiger Vergleichspunkt der späten Renaissance.
- Madrigal Zentrale weltliche Vokalgattung, in der Angelinis erhaltenes Werk vollständig steht.
- Madrigalbuch Druck- und Repertoireform von Angelinis erstem und zweitem Buch zu fünf Stimmen.
- Luca Marenzio Führender Madrigalkomponist der späten Renaissance und wichtiger Vergleichshorizont für Angelinis Zeit.
- Claudio Monteverdi Komponist der späteren Madrigalentwicklung und des Übergangs zur seconda pratica.
- Musikdruck Technische und wirtschaftliche Voraussetzung für Angelinis überregionale Verbreitung.
- Pierre Phalèse Antwerpener Musikdrucker, dessen Anthologien italienische Madrigale nördlich der Alpen verbreiteten.
- Quinto Fünfte Stimme im fünfstimmigen Madrigalsatz, bei Angelinis zweitem Buch quellenkritisch wichtig.
- Renaissance Kulturepoche, in deren später Phase Angelinis Madrigale entstanden.
- RISM Internationales Quellenverzeichnis, das Angelinis Drucke unter A 1213 und A 1214 nachweist.
- Girolamo Scotto Venezianischer Musikdrucker, dessen Erbe Angelinis erstes Madrigalbuch veröffentlichte.
- Stimmenbuch Aufführungs- und Druckform der Renaissance, in der Angelinis Madrigale überliefert sind.
- Symphonia angelica Antwerpener Madrigalanthologie, die zwei Madrigale Orazio Angelinis überliefert.
- Tenor Mittlere Stimme im polyphonen Stimmenbuchsatz und erhaltene Teilstimme von Angelinis zweitem Buch.
- Umbrien Region von Gubbio und kultureller Herkunftsraum Orazio Angelinis.
- Venedig Druckort von Angelinis beiden bekannten Madrigalbüchern.
- Giaches de Wert Bedeutender Madrigalkomponist der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und Vergleichsfigur der Gattung.