Baldassare Angelini
Überblick
Baldassare Angelini, auch Baldassarre Angelini geschrieben und in einer späteren deutschen Konzertdokumentation mit dem Beinamen Il Perugino bezeichnet, war ein in Perugia wirkender Komponist, Organist, Kapellmeister, Chorleiter und Priester. Er gehört nicht zu den europaweit kanonisierten Opern- oder Instrumentalkomponisten des 18. Jahrhunderts, sondern zu jener für die italienische Musiklandschaft entscheidenden Schicht lokaler Kirchenmusiker, die Kapellen leiteten, Orgeldienste ausübten, geistliche Werke schrieben, Schüler ausbildeten und über Korrespondenz mit größeren Zentren verbunden waren.
Sein wichtigster überregionaler Bezug ist Giovanni Battista Martini, der berühmte Bologneser Franziskaner-Minorit, Musiktheoretiker, Lehrer und Sammler. Angelini studierte vom 27. Oktober 1739 bis zum 1. August 1740 in Bologna unter Martinis Leitung Kontrapunkt. Das autograph überlieferte Heft Lezioni di contrappunto incominciate in Bologna il 27 ottobre 1739 sotto la disciplina del P. Martini, e terminate il primo d’agosto 1740 ist deshalb eine besonders wichtige Quelle: Es zeigt nicht nur Angelinis Ausbildung, sondern auch die Unterrichtspraxis Martinis in einer frühen Phase.
Seit dem 16. Dezember 1740 ist Angelini als Organist der Kathedrale von Perugia bezeugt. Spätere Nachrichten bezeichnen ihn als organista, maestro di coro, sacerdote, compositore und maestro di cappella. Er komponierte geistliche Dramen, Andachtswerke und Kirchenmusik. Sicher greifbar sind Textdrucke zu Santa Cecilia, einem Componimento drammatico per la notte del SS. Natale, dem postum gedruckten Il vincolo di perfezione fra l’innocenza e la penitenza, die genannten Lezioni di contrappunto sowie Messesätze, von denen ein Christe eleison aus einer Kyrie-Komposition im Minoritenbestand von Maihingen später wiederaufgeführt wurde.
Kurzdaten
| Name | Baldassare Angelini. |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Baldassarre Angelini, D. Baldassarre Angelini, Baldassare Angelini Perugino. |
| Beiname | Il Perugino, als Herkunfts- und Wirkungsbezeichnung nach Perugia. |
| Geboren | 1714 in Perugia. |
| Gestorben | 11. Mai 1762 in Perugia. |
| Beruf | Komponist, Organist, Kapellmeister, Maestro di coro, Kirchenmusiker, Priester, Kontrapunktschüler und Vertreter umbrischer Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts. |
| Ausbildung | Kontrapunktstudium bei Padre Giovanni Battista Martini in Bologna vom 27. Oktober 1739 bis zum 1. August 1740. |
| Wirkungsort | Perugia, besonders im Umfeld der Kathedrale und der lokalen Kirchen- und Oratorienkultur. |
| Amt | Seit dem 16. Dezember 1740 Organist der Kathedrale von Perugia; außerdem als Maestro di coro und Kapellmeister beziehungsweise Kirchenmusiker überliefert. |
| Überlieferte Werkbereiche | Kirchenmusik, Messesätze, geistliche dramatische Kompositionen, Weihnachtsmusik, Cecilia-Musik, Kontrapunktstudien und Briefe an Padre Martini. |
| Zentrale Quellen | Lezioni di contrappunto, Santa Cecilia, Componimento drammatico per la notte del SS. Natale, Il vincolo di perfezione fra l’innocenza e la penitenza, Briefe im Carteggio Martiniano und Messesätze im Maihinger Minoritenbestand. |
| Datei | angelini-baldassare.shtml |
Name, Herkunft und Beinamen
Die sichtbare Namensform dieses Eintrags lautet Baldassare Angelini. In italienischen Nachweisen ist auch die Form Baldassarre Angelini geläufig. Für die alphabetische Einordnung des Kulturlexikons gilt Angelini, Baldassare; die Dateibezeichnung lautet dementsprechend angelini-baldassare.shtml.
Die Herkunftsbezeichnung Il Perugino ist bei Angelini nicht mit dem berühmten Maler Pietro Perugino zu verwechseln. Sie bezeichnet hier den umbrischen Musiker aus Perugia. Gerade diese Bezeichnung ist kulturgeschichtlich sinnvoll, weil Angelinis Profil im Wesentlichen aus einer lokalen Kirchen- und Kapellpraxis heraus verständlich wird. Er ist nicht primär ein reisender Opernkomponist, sondern ein peruginischer Kirchenmusiker mit überregionaler Ausbildung und Korrespondenz.
Der Name Angelini ist zudem von anderen Trägern des Namens, etwa von Giovanni Andrea Angelini Bontempi, strikt zu unterscheiden. Baldassare Angelini gehört dem 18. Jahrhundert an, wirkte in Perugia und steht im Umfeld von Padre Martini, lokaler Kirchenmusik und geistlichen Textdrucken.
Biographischer Verlauf
Baldassare Angelini wurde 1714 in Perugia geboren. Über Kindheit und frühe Ausbildung liegen nur spärliche gesicherte Nachrichten vor. Da er später als Organist, Maestro di coro, Priester und Komponist bezeugt ist, muss seine musikalische und geistliche Bildung früh auf die Praxis der Kirche ausgerichtet gewesen sein. Perugia bot dafür ein geeignetes Umfeld: Kathedrale, Kollegien, Oratorien, Klöster, Bruderschaften und lokale Adelskreise bildeten zusammen ein Netz kirchlicher und gesellschaftlicher Musikpflege.
Der entscheidende Ausbildungsabschnitt führte Angelini nach Bologna. Vom 27. Oktober 1739 bis zum 1. August 1740 studierte er bei Padre Martini Kontrapunkt. Martini war einer der einflussreichsten Musikgelehrten des 18. Jahrhunderts, Mitglied des Minoritenordens, Komponist, Kapellmeister, Theoretiker, Sammler und Lehrer. Zu seinen Schülern gehörten später auch Musiker von europäischem Rang. Angelini steht damit in einer frühen Gruppe von Martini-Schülern, deren Hefte die Methode des Bologneser Unterrichts dokumentieren.
Nach Abschluss der Studien kehrte Angelini offenbar nach Perugia zurück. Bereits am 16. Dezember 1740 wurde er als Organist der Kathedrale von Perugia eingesetzt. Diese schnelle Berufung zeigt, dass seine Ausbildung bei Martini unmittelbar in eine feste kirchenmusikalische Funktion mündete. Als Domorganist war er nicht nur Spieler eines Instruments, sondern Teil einer liturgischen Ordnung. Er musste Gottesdienste begleiten, Festmusik stützen, Sänger führen, improvisieren, möglicherweise Schüler unterrichten und musikalische Entscheidungen im Kirchenjahr mittragen.
Die späteren Quellen nennen Angelini als organista, maestro di coro, sacerdote und Kapellmeister. Der geistliche Stand ist für seine Werkgestalt wesentlich. Seine erhaltenen und nachgewiesenen Kompositionen gehören überwiegend in den Bereich geistlicher Darstellung, liturgischer Musik und frommer Andachtskultur. Werke wie Santa Cecilia, das Weihnachts-Componimento drammatico und Il vincolo di perfezione fra l’innocenza e la penitenza zeigen eine Nähe zur Oratorien-, Oratoriums- und Bruderschaftskultur, während die Messesätze den praktischen Kirchengebrauch belegen.
Angelini stand auch weiterhin in Verbindung mit Padre Martini. Briefe an Martini sind im Carteggio Martiniano überliefert. Diese Korrespondenz ist bedeutsam, weil sie Angelini nicht als isolierten Provinzmusiker erscheinen lässt. Vielmehr war er in ein Kommunikationsnetz eingebunden, das Perugia mit Bologna verband und musikalische Informationen, Empfehlungen, Bücher, Noten, Schülerfragen und institutionelle Beziehungen transportierte.
Baldassare Angelini starb am 11. Mai 1762 in Perugia. Seine Musik blieb nicht nur lokal nachweisbar. Der Maihinger Minoritenbestand enthält Messesätze Angelinis, darunter ein Christe eleison als Mittelsatz einer Kyrie-Komposition. Dass Werke eines Peruginer Kirchenmusikers in einem süddeutschen Minoritenkloster erhalten wurden, verweist auf Ordens- und Repertoireverbindungen über große geographische Distanzen hinweg.
Ausführlicher Kulturüberblick
Baldassare Angelini gehört in die kirchenmusikalische Kultur der italienischen Mitte des 18. Jahrhunderts. Diese Kultur wird in der allgemeinen Musikgeschichte oft von Oper, Sinfonie, Galanterie und Frühklassik überlagert. Tatsächlich blieb die Musik der Kirchen, Kathedralen, Klöster, Oratorien und Bruderschaften ein enormer Produktionsbereich. Komponisten wie Angelini mussten zwischen älterer kontrapunktischer Schulung, modernerer galanter Klanglichkeit, liturgischer Funktion und lokaler Aufführungspraxis vermitteln.
Die Ausbildung bei Padre Martini ist dabei zentral. Martini stand für gelehrten Kontrapunkt, historische Musikkenntnis und kirchliche Satzdisziplin. Zugleich lebte er in einer Epoche, in der die musikalische Sprache sich aufhellte, Periodik, melodische Klarheit und empfindsame Wendungen an Gewicht gewannen. Angelinis Lezioni di contrappunto gehören daher in eine Übergangszone: Sie bewahren die strenge Satzlehre, stehen aber zeitlich mitten in der galanten Epoche.
Perugia war kein nebensächlicher Randort. Als umbrische Stadt mit alten kirchlichen Institutionen, regionalem Adel, Universitäts- und Bruderschaftstraditionen sowie reichem religiösem Festkalender bot sie viele Möglichkeiten für Musik. Ein Domorganist und Kapellmeister konnte dort liturgische Musik, geistliche Akademien, Oratorienaufführungen, Heiligenfeste und pädagogische Aufgaben verbinden. Gerade eine Cecilia-Komposition zeigt diese Welt deutlich: Cäcilia war Patronin der Musik, und ihre Feier verband Musikeridentität, fromme Verehrung und repräsentative Klangpraxis.
Angelinis Werk steht damit zwischen mehreren kulturellen Schichten. Es hat eine gelehrte Schicht, sichtbar in den Kontrapunktlektionen. Es hat eine liturgische Schicht, sichtbar in den Messesätzen und im Domorganistenamt. Es hat eine oratorien- und andachtskulturelle Schicht, sichtbar in geistlichen Dramen und Textdrucken. Und es hat eine netzwerkgeschichtliche Schicht, sichtbar in den Briefen an Padre Martini und in der Fernüberlieferung einzelner Stücke im süddeutschen Minoritenraum.
Der Fall Angelini zeigt zudem, dass Musikgeschichte nicht nur aus den Werken berühmter Komponisten besteht. Ein Musiker wie er war für die Klanggestalt einer Stadt entscheidend, obwohl sein Name heute kaum bekannt ist. Seine Tätigkeit prägte Gottesdienste, Festtage, Unterricht und lokale Andachtsformen. Gerade deshalb eignet er sich für ein Kulturlexikon: Er macht die musikalische Infrastruktur des 18. Jahrhunderts sichtbar.
Perugia als kirchenmusikalischer Wirkungsraum
Perugia war Angelinis Lebenszentrum. Die Stadt besaß eine dichte kirchliche Topographie mit Dom, Klöstern, Oratorien, Bruderschaften und adligen beziehungsweise bürgerlichen Auftraggebern. In solchen Städten war Musik nicht auf Theater und höfische Unterhaltung beschränkt. Sie strukturierte das Kirchenjahr, begleitete Prozessionen, Heiligenfeste, Andachten, Akademien, Exerzitien und feierliche Gottesdienste.
Die Kathedrale von Perugia bildete dabei einen besonders wichtigen Ort. Ein Organist der Kathedrale hatte nicht nur eine technische Aufgabe. Er war Teil eines musikalischen Amtes, das Improvisation, Begleitung, liturgisches Timing, Klangorganisation und Zusammenarbeit mit Sängern einschloss. Wenn Angelini zugleich als Maestro di coro und Kapellmeister bezeichnet wird, verweist dies auf eine umfassendere Leitungsfunktion.
Perugia war außerdem eine Stadt, in der lokale Drucker wie Costantini und Maurizj geistliche Texte und Libretto-Drucke publizierten. Die Textdrucke zu Angelinis geistlichen Werken zeigen, dass seine Musik in einem lokalen öffentlichen oder halböffentlichen Aufführungszusammenhang stand. Solche Drucke waren nicht Partituren, aber sie dokumentierten Anlass, Text, Aufführungsrahmen und soziale Reichweite.
Padre Martini, Bologna und Kontrapunktstudium
Die Lezioni di contrappunto Angelinis gehören zu den wichtigsten gesicherten Quellen seines Lebens. Der Titel hält ungewöhnlich genau fest, wann der Unterricht begann und endete: am 27. Oktober 1739 in Bologna und am 1. August 1740. Diese Präzision macht die Handschrift für die Geschichte des Musikunterrichts besonders wertvoll.
Padre Martini unterrichtete nicht nur abstrakte Musiktheorie. Seine Schule verband schriftliche Übungen, Stimmführung, Kanon, Fuge, Dissonanzbehandlung, Kirchentonarten, Choralsatz und gelehrte Tradition. Angelinis Heft bezeugt also eine konkrete Ausbildungspraxis. Der Unterricht zielte darauf, einen Kirchenmusiker in die Lage zu versetzen, regelgerecht zu komponieren, liturgisch brauchbare Musik zu schreiben und kontrapunktische Aufgaben sicher zu lösen.
Der Bologneser Zusammenhang ist auch deshalb bedeutend, weil Martini über seine Bibliothek und Korrespondenz ein europäisches Musiknetz aufbaute. Angelinis Briefe an Martini gehören in dieses Netz. Sie zeigen, dass die Verbindung zwischen Lehrer und Schüler nach der Studienzeit weiterbestand und dass Perugia über Bologna an eine größere musikalische Wissensordnung angeschlossen war.
Kirchenmusik, Orgel und Kapellpraxis
Angelinis Kirchenmusik ist nur teilweise in modernen Digitalisaten oder leicht zugänglichen Katalogen sichtbar. Dennoch sind mehrere Werkbereiche sicher fassbar. Die Messesätze im Maihinger Bestand und das dort aufgeführte Christe eleison zeigen, dass er liturgische Musik für mehrstimmige Aufführung schrieb. Der Hinweis auf den eigenständigen Mittelsatz einer Kyrie-Komposition legt nahe, dass Angelinis Messmusik in einzelne Abschnitte gegliedert und in praktischen Handschriften verwendet wurde.
Als Organist musste Angelini täglich mit der Verbindung von Choral, Mehrstimmigkeit und Orgelklang umgehen. Die Orgel konnte den Gesang stützen, alternierend mit dem Chor auftreten, Kadenzen ausfüllen, Improvisationen liefern oder in festlichen Kontexten eigene Glanzpunkte setzen. Gerade in der Mitte des 18. Jahrhunderts bewegt sich diese Praxis zwischen älteren liturgischen Formen und einer galanteren, leichter verständlichen Klangsprache.
Der Titel Maestro di coro verweist auf eine chorische Verantwortung. Chorleitung in einer Kathedrale bedeutete im 18. Jahrhundert nicht nur Einstudierung, sondern auch Disziplin, Textverständlichkeit, liturgische Angemessenheit und die Fähigkeit, vorhandene Kräfte sinnvoll einzusetzen. Angelinis Musik muss aus dieser praktischen Perspektive gelesen werden.
Geistliche Dramen, Oratorium und Andachtskultur
Die nachgewiesenen Textdrucke Santa Cecilia, Componimento drammatico per la notte del SS. Natale und Il vincolo di perfezione fra l’innocenza e la penitenza gehören in die Welt geistlicher Darstellung und Andachtsmusik. Diese Werke sind nicht als Opern im weltlichen Theaterbetrieb zu verstehen, sondern als geistliche dramatische oder halbdramatische Formen, die in Oratorien, Kirchenräumen oder frommen Akademien aufgeführt werden konnten.
Santa Cecilia ist besonders bezeichnend. Die heilige Cäcilia war im 18. Jahrhundert Patronin der Musik und der Musiker. Eine Cäcilienkomposition konnte zugleich Verehrung, Musikerrepräsentation und lokales Festereignis sein. Wenn der Text von Ircano Bifeo stammt, verweist dies auf die Verbindung von Dichtung, Akademiekultur und geistlicher Musik.
Das Weihnachts-Componimento drammatico gehört in eine andere Andachtszeit. Die Nacht des Heiligsten Weihnachtsfestes verlangte Musik, die Frömmigkeit, affektive Betrachtung, pastoralen Ton und dramatische Vergegenwärtigung verbinden konnte. Solche Werke zeigen, dass die Grenze zwischen liturgischer Musik, Oratorium und geistlicher Dichtung fließend war.
Maihingen, Minoritenverbindungen und Fernüberlieferung
Ein besonders aufschlussreicher Überlieferungsbefund betrifft das ehemalige Minoritenkloster Maihingen. Dort wurden Messesätze Angelinis in einem historischen Notenbestand bewahrt, der als teilweise einzigartig beschrieben wurde. Das in einer modernen Wiederaufführung dokumentierte Christe eleison ist der Mittelsatz einer Kyrie-Komposition.
Diese Fernüberlieferung ist kulturgeschichtlich wichtig. Sie zeigt, dass Musik aus Perugia nicht notwendig auf Umbrien beschränkt blieb. Über Ordensverbindungen, Abschriften, wandernde Musiker, Bücher- und Notentransfer konnte sie auch in süddeutsche Klöster gelangen. Dass die Maihinger Konventualen Musik eines Peruginer Komponisten nutzten, spricht für ein funktionierendes Netzwerk innerhalb der franziskanischen beziehungsweise minoritischen Welt.
Der Fall Angelini zeigt damit die Mobilität von Kirchenmusik jenseits des Opernmarkts. Nicht nur Arien und Sinfonien zirkulierten in Europa, sondern auch Kyrie-Sätze, Messmusik, kleine geistliche Stücke und Unterrichtsmaterialien. Diese Repertoirebewegung ist leiser, aber für die Musikgeschichte der Klöster und Kirchen ebenso bedeutsam.
Werkverzeichnis und Quellenbestand
Das Werkverzeichnis Baldassare Angelinis muss quellenkritisch angelegt werden. Ein vollständiger moderner thematischer Katalog ist für diesen Eintrag nicht greifbar; die gesicherten Titel stammen vor allem aus älteren bio-bibliographischen Quellen, aus dem Bologneser Gaspari-Katalog, aus Hinweisen zum Carteggio Martiniano und aus der Maihinger Überlieferung. Aufgenommen werden deshalb nur die sicher nachweisbaren Werk- und Quellenbereiche sowie ausdrücklich markierte Bestandsgruppen.
Musiktheorie und Unterricht
- Lezioni di contrappunto incominciate in Bologna il 27 ottobre 1739 sotto la disciplina del P. Martini, e terminate il primo d’agosto 1740. Autographe Handschrift, Bologna, Civico Museo Bibliografico Musicale; 118 Blätter in Querfolio. Die Handschrift dokumentiert Angelinis Kontrapunktstudium bei Padre Martini und gehört zu den wichtigsten Quellen zu seiner Ausbildung.
Geistliche dramatische Werke und Textdrucke
- Componimento drammatico per la notte del SS. Natale. Perugia: Costantini & Maurizj, 1751. Der Textdruck ist in älteren Quellen mit der Berliner Königlichen Bibliothek verbunden. Das Werk gehört in den Zusammenhang weihnachtlicher Andachts- und Oratorienkultur.
- Santa Cecilia. Poesia d’Ircano Bifeo. Perugia: Costantini & Maurizj, 1759. Textdruck, in älteren Quellen mit der Berliner Königlichen Bibliothek verbunden. Das Werk gehört zur Cäcilienverehrung und zur geistlichen Musikerrepräsentation in Perugia.
- Il vincolo di perfezione fra l’innocenza e la penitenza. Poesia del Sig. Ab. Giacomo Filippo Battaglia. Perugia: Costantini & Maurizj, 1766. Textdruck, postum erschienen beziehungsweise zumindest nach Angelinis Tod gedruckt; quellenkritisch als Text- und Aufführungsnachweis zu behandeln.
Kirchenmusik und Messesätze
- Kyrie-Komposition mit Christe eleison. Das Christe eleison ist als eigenständiger Mittelsatz einer Kyrie-Komposition im Maihinger Minoritenbestand dokumentiert und wurde in einer modernen Konzertaufnahme beziehungsweise Projektdokumentation wieder aufgeführt.
- Messesätze. Der Maihinger Notenbestand enthält Messesätze Angelinis, die als teils unikale Handschriften beschrieben werden. Eine vollständige Einzelzählung der Sätze ist ohne Spezialkatalog nicht seriös möglich.
- Weitere liturgische Vokalmusik. Aufgrund der Ämter als Organist, Maestro di coro und Kapellmeister sind weitere Kirchenmusikstücke im Peruginer und möglicherweise außeritalienischen Handschriftenkontext zu erwarten; nur konkret nachgewiesene Titel sollten in einem Spezialkatalog einzeln verzeichnet werden.
Briefe und dokumentarische Quellen
- Briefe an Padre Martini. Im Carteggio Martiniano, Tomo 7, beziehungsweise in Bologneser Briefbeständen überliefert. Diese Briefe sind keine musikalischen Werke, aber zentrale Quellen für Angelinis Netzwerk, Lehrer-Schüler-Beziehung und Stellung im Bologneser Musikmilieu.
- Bezüge in Briefen anderer Musiker. In Briefen und Dokumenten aus dem Umkreis Pasquale Antonio Basilis wird Angelini als Peruginer Organist, Maestro di coro und Priester genannt. Solche Belege sind wichtig für die lokale Musiker- und Schülergeschichte.
Nicht gesichert oder nicht aufzunehmen
- Opern. Für Baldassare Angelini sind keine weltlichen Opern als gesicherte Werke nachweisbar.
- Gedruckte Partitursammlungen. Es sind keine umfangreichen zu Lebzeiten gedruckten Musikpartituren unter seinem Namen gesichert.
- Instrumentale Solowerke. Eigenständige Sonaten, Konzerte oder Tastenwerke sind im hier herangezogenen Quellenbestand nicht belastbar nachgewiesen.
- Freie Zuschreibungen. Werke, die nur unter dem Namen „Angelini“ ohne Vornamen begegnen, müssen wegen anderer Musiker gleichen Namens einzeln geprüft werden.
Zusammenfassung des gesicherten Bestands
- Gesichert als autographe Studienquelle: Lezioni di contrappunto, Bologna 1739–1740.
- Gesichert als Textdrucke: Componimento drammatico per la notte del SS. Natale, Santa Cecilia, Il vincolo di perfezione fra l’innocenza e la penitenza.
- Gesichert als Kirchenmusikbestand: Messesätze, darunter ein Christe eleison als Mittelsatz einer Kyrie-Komposition im Maihinger Bestand.
- Gesichert als Dokumentenbestand: Briefe an Padre Martini und biographische Erwähnungen im Umfeld der Martini- und Basili-Überlieferung.
Überlieferung, Briefe und Quellenlage
Angelinis Überlieferung ist typisch für viele lokale Kirchenmusiker des 18. Jahrhunderts. Sie besteht nicht aus einem geschlossen publizierten Œuvre, sondern aus verstreuten Textdrucken, Handschriften, Briefen, Katalogeinträgen und späteren Wiederentdeckungen. Diese verstreute Überlieferung verlangt Vorsicht, macht den Fall aber besonders aufschlussreich.
Die wichtigste Ausbildungsquelle ist das autographe Bologneser Kontrapunktheft. Es ist zugleich Quelle zu Angelini und zu Padre Martini. Während Angelini als Schüler sichtbar wird, zeigt sich Martini als Lehrer einer streng schriftlichen und praktischen Satzlehre. Die Existenz dieses Heftes verankert Angelini in der Geschichte des musikalischen Unterrichts.
Die Textdrucke aus Perugia dokumentieren geistliche Aufführungen, aber nicht notwendig die vollständige Musik. Sie sind dennoch wertvoll, weil sie Titel, Dichtung, Anlass und Druckmilieu sichtbar machen. Der Peruginer Druckerzusammenhang Costantini & Maurizj verweist auf eine lokale Kultur, die für geistliche Musiktexte einen eigenen Publikationsraum besaß.
Der Maihinger Handschriftenbefund erweitert die Perspektive. Angelinis Messesätze sind dort nicht als bloße bibliographische Notiz, sondern als praktisches Repertoire eines süddeutschen Minoritenklosters greifbar. Dies zeigt, dass die Musik eines Peruginer Kirchenmusikers über Ordens- und Abschriftenwege in einen ganz anderen regionalen Zusammenhang gelangen konnte.
Wirkung und Nachleben
Baldassare Angelinis Nachleben ist nicht durch ein dauerhaftes Konzertrepertoire bestimmt, sondern durch Quellen, Unterricht und regionale Wiederentdeckung. Als Schüler Padre Martinis ist er Teil der Bologneser Kontrapunkttradition. Als Organist der Kathedrale von Perugia gehört er zur kirchlichen Klanggeschichte Umbriens. Als Komponist geistlicher Dramen und Messesätze steht er für eine Aufführungspraxis, die zwischen Liturgie, Andacht, Oratorium und lokaler Festkultur vermittelt.
Besonders wichtig ist die moderne Wiederentdeckung im Zusammenhang mit dem Maihinger Notenbestand. Dort erscheint Angelini als umbrischer Komponist, dessen Messesätze in einem süddeutschen Minoritenkloster erhalten blieben. Das erweitert sein Profil erheblich. Er ist nicht nur ein Peruginer Lokalmeister, sondern ein Beispiel für die europaweite Zirkulation katholischer Kirchenmusik in Ordensnetzwerken.
Für heutige Forschung ist Angelini vor allem als Knotenpunkt interessant: Perugia, Bologna, Padre Martini, Kathedralmusik, geistliche Textdrucke, Minoritenüberlieferung und süddeutsche Klosterbestände treffen bei ihm zusammen. Gerade dieser Knotenpunkt macht ihn kulturgeschichtlich wertvoll, auch wenn seine Musik bislang nur punktuell ediert, aufgeführt und erforscht ist.
Sekundärliteratur
- Brunner, Georg; Ullrich, Hermann: Jubilus Caelestis. Wiederentdeckte Musik in Maihingen. Booklet zum Projektkonzert in der ehemaligen Minoriten-Klosterkirche Maria Mai in Maihingen, 2010.
- Gaspari, Gaetano: Kataloge und Handschriftenbeschreibungen des Liceo musicale beziehungsweise des Civico Museo Bibliografico Musicale di Bologna, besonders zum Bestand der Lezioni di contrappunto.
- Mischiati, Oscar: Studien und Katalogarbeiten zur Bibliothek Padre Martinis, zum Civico Museo Bibliografico Musicale di Bologna und zur italienischen Musikquellenkunde.
- Schnoebelen, Anne: Padre Martini’s Collection of Letters: An Overview. In: Current Musicology, 19, 1975.
- Schnoebelen, Anne: The Growth of Padre Martini’s Library As Revealed in His Correspondence. In: Music & Letters, 57, 1976.
- Schnoebelen, Anne: Arbeiten zur Martini-Bibliothek, zum Briefwechsel Padre Martinis und zur Musikgelehrsamkeit im Bologna des 18. Jahrhunderts.
- Tour, Peter van: Counterpoint and Partimento. Methods of Teaching Composition in Late Eighteenth-Century Naples. Uppsala: Acta Universitatis Upsaliensis, 2015; als Kontext zur italienischen Satzlehre und Unterrichtspraxis.
- Wolf, Johannes, Hrsg.: Miscellanea Musicae Bio-Bibliographica. Musikgeschichtliche Quellennachweise als Nachträge und Verbesserungen zu Eitners Quellenlexikon. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1912.
- Zanetti, Francesco: Studien zu Padre Martini, Bologna und den musiktheoretischen Unterrichtstraditionen des 18. Jahrhunderts.
Ausgewählte Onlinequellen
- Basili & Basilici: Basili umbri PDF mit archivalischen und genealogischen Hinweisen, darunter eine Notiz zu Baldassare Angelini als Peruginer Organist, Maestro di coro und Priester.
- Basili & Basilici: Pasquale Antonio Basili PDF mit Dokumenten aus dem Basili-Umfeld; nennt Angelini als Organist, Maestro di coro, Priester, Martini-Schüler und Organist der Kathedrale von Perugia seit 1740.
- Biblioteca Musica Bologna: Il musicista perugino Baldassarre Angelini PDF-Nachweis zu einem Forschungs- beziehungsweise Bibliotheksdokument über den Peruginer Musiker Baldassare Angelini.
- Internet Archive: Miscellanea Musicae Bio-Bibliographica Digitalisierter Volltext mit Quellenhinweisen zu Angelinis Briefen an Padre Martini, Santa Cecilia, dem Weihnachts-Componimento drammatico, den Lezioni di contrappunto und Il vincolo di perfezione.
- Museo internazionale e biblioteca della musica di Bologna: Gaspari-Katalog, Classe 53 Katalogzugang zum Bologneser Musikbibliotheksbestand, darunter Angelinis autographe Lezioni di contrappunto.
- Museo internazionale e biblioteca della musica di Bologna: Angelini, Lezioni di contrappunto Katalogseite zur autographen Handschrift der Kontrapunktlektionen, begonnen am 27. Oktober 1739 und beendet am 1. August 1740 unter Padre Martini.
- RISM Online: Angelini, Baldassare Internationaler Norm- und Quellenzugang mit Basisdaten zu Angelini als Komponist, Maestro di cappella und Organist mit Wirkungsort Perugia.
- Unterschneidheim: Jubilus Caelestis Maihingen Booklet zu wiederentdeckter Musik im Maihinger Minoritenbestand, mit Angelinis Christe eleison, Angaben zu Messesätzen, Martini-Studium und Ordensverbindungen.
Weiterführende Einträge
- Baldassare Angelini Dieser Eintrag behandelt den Peruginer Komponisten, Organisten, Kapellmeister, Priester und Martini-Schüler.
- Kathedrale San Lorenzo in Perugia Kirchlicher Hauptwirkungsort Angelinis als Organist der Kathedrale von Perugia.
- Bologna Musikstadt und Studienort Angelinis bei Padre Martini.
- Carteggio Martiniano Briefbestand Padre Martinis, in dem auch Briefe Baldassare Angelinis überliefert sind.
- Cäcilia von Rom Patronin der Musik und Bezugspunkt von Angelinis geistlichem Werk Santa Cecilia.
- Christe eleison Teil des Kyrie der Messe; bei Angelini als eigenständiger Mittelsatz einer Kyrie-Komposition im Maihinger Bestand bezeugt.
- Geistliches Drama Gattungsbereich, zu dem Angelinis Weihnachts-Componimento und seine Cäcilienmusik gehören.
- Italienische Kirchenmusik Übergreifender Kontext von Angelinis Messesätzen, Orgeldienst und Kapellpraxis.
- Kapellmeister Leitungsamt, das Angelinis Aufgaben als Kirchenmusiker und Maestro di coro beschreibt.
- Kirchenmusik Gattungs- und Praxisfeld von Angelinis liturgischer und geistlicher Komposition.
- Kontrapunkt Satztechnische Disziplin, die Angelini bei Padre Martini studierte.
- Lehrhandschrift Quellenform, zu der Angelinis autographe Lezioni di contrappunto gehören.
- Maihingen Süddeutscher Minoritenort, in dessen Notenbestand Messesätze Angelinis erhalten blieben.
- Giovanni Battista Martini Bologneser Franziskaner-Minorit, Musiktheoretiker und Lehrer Angelinis.
- Messe Liturgische Gattung, zu der die im Maihinger Bestand erhaltenen Messesätze Angelinis gehören.
- Minoriten Ordensfamilie, deren süddeutsche und italienische Verbindungen für die Fernüberlieferung von Angelinis Musik wichtig sind.
- Oratorium Geistliche Aufführungsform, in deren Nähe Angelinis dramatische Andachtswerke stehen.
- Orgel Instrument und liturgisches Amt, das Angelinis Tätigkeit an der Kathedrale von Perugia prägte.
- Organist Berufsrolle Angelinis seit seiner Berufung an die Kathedrale von Perugia im Jahr 1740.
- Padre-Martini-Schule Unterrichts- und Korrespondenznetz um Giovanni Battista Martini, in das Angelini eingebunden war.
- Perugia Geburts-, Wirkungs- und Sterbeort Baldassare Angelinis.
- Santa-Cecilia-Musik Musik zu Ehren der Patronin der Musik, zu der Angelinis Santa Cecilia von 1759 gehört.
- Umbrien Regionale Kulturlandschaft von Perugia, aus der Angelinis Kirchenmusik hervorging.
- Weihnachtsmusik Gattungs- und Andachtsbereich von Angelinis Componimento drammatico per la notte del SS. Natale.