Jeanne Andrez

Lebensdaten bisher nicht sicher belegt; tätig in Lüttich im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Tochter des Musikstechers und Musikverlegers Benoît Andrez, Musikverlegerin, Musikstecherin, Musikhändlerin und Herausgeberin musikalischer Periodika.

Überblick

Jeanne Andrez war eine Lütticher Musikverlegerin, Musikstecherin, Musikhändlerin und Herausgeberin musikalischer Periodika um 1800. Sie ist als Tochter und Nachfolgerin des Lütticher Musikdruckers und Verlegers Benoît Andrez überliefert. Während ihr Vater durch L’Écho, ou Journal de musique françoise, italienne und zahlreiche gestochenen Musikdrucke des 18. Jahrhunderts bekannt wurde, steht Jeanne Andrez für die Fortführung dieser Werkstatt in der Umbruchzeit nach der Revolution, im Übergang vom alten Fürstbistum Lüttich zur französisch geprägten Verwaltung und zum neu organisierten Musikmarkt.

Die Quellenlage ist schmaler als bei Benoît Andrez. Konkrete Geburts- und Sterbedaten sind in den frei zugänglichen musikalischen Nachweisen nicht zuverlässig greifbar. Sicher ist jedoch ihre Stellung als zweite Person des Familienlemmas Andrez, André und ihre Einbindung in die Lütticher Musikverlagsgeschichte. Nachweise nennen sie als Fortführerin der väterlichen Werkstatt, als Herausgeberin des Journal vocal in Lüttich zwischen 1800 und 1806, als Beteiligte an der Lütticher Musikperiodik und als Verlegerin beziehungsweise Stecherin von Drucken aus dem Umfeld der Tanz-, Vokal- und Unterhaltungsmusik.

Für ein Kulturlexikon ist Jeanne Andrez besonders wichtig, weil sie eine sonst leicht übersehene Seite der Musikgeschichte sichtbar macht. Musikgeschichte besteht nicht nur aus Komponisten, Kapellmeistern, Sängerinnen, Virtuosen und Opernhäusern, sondern auch aus Werkstätten, Handelsadressen, Druckplatten, Periodika, Abonnements, Vertriebswegen und familiär weitergegebenem Verlagswissen. Jeanne Andrez gehört zu den Frauen, deren Tätigkeit nicht primär als komponierendes Werk, sondern als mediale und ökonomische Ermöglichung musikalischer Öffentlichkeit zu verstehen ist.

Kurzdaten

Name Jeanne Andrez.
Weitere Namensformen Mlle Jeanne Andrez, Melle Jeanne Andrez, Jeanne André, Mlle Andrez, Citoyenne Andrez, in einzelnen Drucknachweisen auch als F. Andrez oder citoyenne F. Andrez.
Lebensdaten Geburts- und Sterbedatum bisher nicht sicher belegt; tätig in Lüttich im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, besonders um 1788 bis nach 1803 und im Zusammenhang mit dem Journal vocal 1800 bis 1806.
Familie Tochter des Lütticher Musikstechers, Musikverlegers und Musikhändlers Benoît Andrez.
Beruf Musikverlegerin, Musikstecherin, Musikhändlerin, Herausgeberin musikalischer Periodika und Fortführerin der Lütticher Andrez-Werkstatt.
Wirkungsort Lüttich, zunächst im Umfeld der väterlichen Adresse hinter Saint-Thomas, später mit Hinweis auf die Verlegung des Geschäfts nach Vinâve d’Île.
Bekannte Unternehmungen Fortführung der Andrez-Werkstatt, Beteiligung an der Publikation von Tanz- und Musikdrucken, Verbindung mit Le Journal vocal, Récréations harmoniques, Le Rossignol, Orphée und weiteren musikperiodischen Projekten.
Kultureller Schwerpunkt Lütticher Musikverlagswesen, Musikperiodik, Vokalmusik, Tanzmusik, Musikalienhandel, Frauen im Musikgewerbe und musikalische Öffentlichkeit um 1800.
Datei andrez-jeanne.shtml

Namen, Schreibweisen und Quellenlage

Die überlieferte Hauptform lautet Jeanne Andrez. In der französischsprachigen Musik- und Drucküberlieferung begegnen außerdem die Formen Mlle Andrez, Melle Jeanne Andrez und Citoyenne Andrez. Die Form F. Andrez in einem Nachweis zu einem Tanzdruck ist vorsichtig zu behandeln. Sie kann eine abgekürzte Namensform, eine geschäftliche Signatur oder eine durch spätere Beschreibung vereinfachte Wiedergabe sein. Da die Forschung Jeanne Andrez als Fortführerin des Andrez-Geschäfts identifiziert, wird diese Überlieferung hier mit ihr verbunden, ohne daraus ein zusätzliches gesichertes Tauf- oder Namensdatum abzuleiten.

Der Eintrag muss die Unsicherheit der biographischen Daten ausdrücklich bewahren. Während bei Benoît Andrez Taufe und Tod überliefert sind, tritt Jeanne Andrez vor allem durch Verlags- und Druckspuren hervor. Diese Quellen sagen mehr über ihre wirtschaftliche und mediale Funktion als über private Lebensumstände. Gerade darin liegt jedoch ihr kulturhistorischer Wert: Sie erscheint als Akteurin eines Musikmarktes, in dem Frauen häufig über Familienbetriebe, Witwen- oder Töchter-Nachfolgen, Musikalienhandlungen, Druckereien und Zeitschriftenunternehmen wirksam wurden, ohne in traditionellen Komponistenlexika dieselbe Sichtbarkeit wie männliche Komponisten zu erhalten.

Familie und Werkstattnachfolge

Jeanne Andrez war die Tochter von Benoît Andrez, einem der wichtigsten Lütticher Musikstecher, Musikverleger und Musikhändler des 18. Jahrhunderts. Sein Verlag hatte mit L’Écho ein frühes musikalisches Periodikum im Lütticher Raum geschaffen und daneben Instrumentalmusik, Tanzmusik, Arien, Cembalostücke, Sinfonien, Duette und musikalische Unterhaltungsliteratur verbreitet. Diese väterliche Werkstatt bildete die materielle und fachliche Grundlage für Jeanne Andrez’ spätere Tätigkeit.

Um 1788 wird die Übergabe der Werkstatt an Jeanne Andrez genannt. Diese Datierung ist kulturgeschichtlich bedeutsam, weil sie kurz vor der Lütticher Revolution und vor den tiefgreifenden politischen Veränderungen der 1790er Jahre liegt. Die Fortführung eines Musikverlags war unter solchen Bedingungen nicht nur eine familiäre Angelegenheit, sondern auch eine wirtschaftliche und administrative Herausforderung. Alte Privilegien, höfische und kirchliche Strukturen, Adressen, Zahlungsweisen, Druckerlaubnisse und Absatzräume veränderten sich. Jeanne Andrez setzte die Verlagslinie dennoch fort und verband die ältere Lütticher Musikdrucktradition mit den neuen Publikationsformen um 1800.

Die Kontinuität der Adresse ist besonders aufschlussreich. Der väterliche Verlag trat in Drucken von L’Écho mit der Adresse hinter Saint-Thomas auf. Ein späterer Nachweis zu einem Tanzdruck nennt ebenfalls die rue derrière Saint Thomas. Weitere Hinweise sprechen davon, dass Jeanne Andrez das väterliche Geschäft fortführte und es 1803 nach Vinâve d’Île verlegte. Damit wird der Musikverlag als konkreter städtischer Ort sichtbar: Nicht nur das Werk, sondern die Adresse, der Laden, die Werkstatt, der Verkaufstisch und der Weg der Kundschaft gehören zur Geschichte der Musik.

Ausführlicher Kulturüberblick

Jeanne Andrez wirkte in einer Zeit, in der das Musikleben des Lütticher Raums tiefgreifend verändert wurde. Das alte Fürstbistum Lüttich hatte im 18. Jahrhundert ein lebendiges Musikleben mit kirchlichen Kapellen, höfischen und städtischen Aufführungen, Tanzpraxis, privatem Musizieren und einer eigenen Druck- und Verlagskultur besessen. Durch die politischen Umbrüche der Revolutionszeit wurden diese Strukturen erschüttert, aber nicht vollständig zerstört. Vielmehr verschob sich das Verhältnis zwischen Institution, Öffentlichkeit und Markt.

Die Musikpublizistik wurde in diesem Zusammenhang besonders wichtig. Während Benoît Andrez mit L’Écho bereits im 18. Jahrhundert ein Journal herausgab, das Musik als periodisch lieferbares Notenmaterial verstand, setzte Jeanne Andrez in einer neueren medialen Situation an. Das Journal vocal, mit dem ihr Name verbunden ist, gehört in eine Zeit, in der Vokalmusik, häuslicher Gesang, Arietten, Romanzen, Lieder und bearbeitete Bühnenstücke ein breites Publikum fanden. Musik wurde nicht nur im Theater und in der Kirche gehört, sondern in Druckform gekauft und zu Hause gesungen.

Die Verbindung von Lüttich und Brüssel ist für diese Entwicklung entscheidend. Die südlichen Niederlande bildeten keinen geschlossenen nationalen Musikmarkt, sondern einen beweglichen Raum zwischen lokalen Zentren, französischem Geschmack, italienischer Opernmode, niederländischen Handelswegen und deutschen Einflüssen. Eine Musikverlegerin wie Jeanne Andrez musste mit diesen Räumen umgehen. Ihre Tätigkeit verweist auf ein Publikum, das nicht nur nach geistlicher oder höfischer Musik verlangte, sondern nach aktuellen Vokalstücken, Unterhaltung, Tanzmusik und gut zugänglichen musikalischen Kleinformen.

Die Jahre um 1800 waren zudem eine Zeit, in der musikalische Zeitschriften und Journale ihre Funktionen ausdifferenzierten. Manche Periodika berichteten über Musik, andere lieferten Noten, wieder andere verbanden beides mit Geschmackserziehung, Mode, häuslicher Praxis und kommerzieller Anzeige. Jeanne Andrez gehört in diesen Zusammenhang der musikalischen Gebrauchspresse. Die Werke, die mit ihrem Namen verbunden werden, sind weniger monumentale Kunstwerke als Vermittlungsmedien: Sie bringen Musik in Umlauf, halten die Nachfrage lebendig, strukturieren den Markt und machen aus Aufführungsrepertoire ein reproduzierbares Druckgut.

Musikpublizistik und Periodika um 1800

Das wichtigste mit Jeanne Andrez verbundene Projekt ist das Journal vocal, das in der Forschung als Lütticher Musikperiodikum der Jahre 1800 bis 1806 erscheint. Der Titel ist bereits programmatisch. Im Unterschied zu einem allgemeineren Musikjournal wie L’Écho deutet Journal vocal auf die besondere Stellung der Stimme, des Singens und der vokalen Kleinform. Um 1800 war der Gesang ein zentrales Medium bürgerlicher Musikpraxis. Romanzen, Arietten, Couplets, Opernauszüge und einfache Duette konnten im häuslichen Kreis, im Unterricht oder in geselligen Zusammenkünften verwendet werden.

Daneben werden in bibliographischen Nachweisen Récréations harmoniques, Le Rossignol, Orphée und weitere musikalische Periodika oder Sammlungen genannt. Diese Titel zeigen ein ästhetisches Feld zwischen Erholung, Gesang, mythologischer Musiksymbolik und musikalischer Bildung. Récréations harmoniques betont den spielerisch-unterhaltenden Charakter, Le Rossignol verweist auf den Topos des Gesangs, Orphée auf die klassische Figur musikalischer Macht. Solche Titel gehören zur Kultur einer Musikpublizistik, die zugleich nützlich, gefällig, gelehrt genug und verkäuflich sein musste.

Die Periodika um Jeanne Andrez stehen auch in einer Nachfolge des älteren L’Écho. Dieses von Benoît Andrez herausgegebene Journal enthielt Arien, Chansons, Brunettes, Duette, Rondes, Vaudevilles, Contredanses und Menuette. Es verband Vokal- und Tanzrepertoire und machte Musik in Serien verfügbar. Jeanne Andrez führte nicht einfach dasselbe Unternehmen weiter, sondern trat in eine veränderte Phase ein, in der besonders vokale Journale und musikalische Kleinformen den Markt bestimmten.

Frauen im Musikverlag und im Musikalienhandel

Jeanne Andrez ist auch deshalb kulturhistorisch bedeutsam, weil sie die Rolle von Frauen im Musikgewerbe sichtbar macht. In vielen europäischen Städten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts arbeiteten Frauen in Druckereien, Buchhandlungen, Musikalienhandlungen und Verlagen mit. Häufig traten sie in den Quellen erst dann deutlicher hervor, wenn ein Vater, Ehemann oder Bruder starb, sich zurückzog oder die Werkstatt übergab. Dann erscheinen sie als Witwen, Töchter, Erbinnen, Geschäftsfortführerinnen oder Inhaberinnen einer Adresse.

Diese Form der Sichtbarkeit kann leicht unterschätzt werden. Eine Frau, die einen Musikverlag fortführte, musste nicht nur Namen und Adresse verwalten. Sie musste Platten, Papier, Personal, Kunden, Abonnenten, Anzeigen, Lieferungen, Kataloge, Zahlungen, Verbindungen zu Komponisten und die Auswahl des Repertoires organisieren. Gerade bei musikalischen Periodika war die Kontinuität des Geschäfts entscheidend. Wer regelmäßig neue Hefte liefern wollte, brauchte Produktionsdisziplin, Marktkenntnis und Vertrauen des Publikums.

Jeanne Andrez steht damit in einer europäischen Reihe von Frauen, die nicht primär als Komponistinnen kanonisiert wurden, aber für die Zirkulation von Musik unentbehrlich waren. Ihre Tätigkeit verbindet Familienökonomie, handwerkliches Wissen, städtischen Handel und musikalische Öffentlichkeit. Für das Kulturlexikon ist sie deshalb nicht nur als Tochter Benoît Andrez’ relevant, sondern als eigene Akteurin der Lütticher Musikpublizistik.

Verlags-, Stich- und Periodikaverzeichnis

Da Jeanne Andrez nicht als Komponistin, sondern als Musikverlegerin, Musikstecherin, Musikhändlerin und Herausgeberin überliefert ist, wird das Werkverzeichnis als Verzeichnis ihrer verlegerischen, drucktechnischen und periodischen Tätigkeit geführt. Bei mehreren Einträgen handelt es sich um Werkgruppen oder Publikationsunternehmen, nicht um Einzelkompositionen. Die Angaben sind vorsichtig formuliert, weil die überlieferten Drucke, bibliographischen Hinweise und Forschungsnachweise noch kein geschlossenes Gesamtverzeichnis ihrer Tätigkeit ergeben.

Fortführung der Andrez-Werkstatt

  • Übernahme beziehungsweise Fortführung der väterlichen Musikdruck- und Verlagswerkstatt. Um 1788 wird die Übergabe der Werkstatt Benoît Andrez’ an seine Tochter Jeanne genannt. Diese Werkstatt war zuvor durch Musikstich, Musikalienhandel, L’Écho, Tanzsammlungen und Instrumentaldrucke geprägt.
  • Fortführung der Adresse hinter Saint-Thomas. Druck- und Verlagsnachweise nennen weiterhin die Adresse im Umfeld der rue derrière Saint Thomas in Lüttich. Damit bleibt die Andrez-Werkstatt räumlich an den älteren Musikverlagsort gebunden.
  • Verlegung des Geschäfts nach Vinâve d’Île. Für 1803 wird in der Forschung die Verlegung des von Jeanne Andrez fortgeführten Geschäfts nach Vinâve d’Île genannt. Diese Adressverschiebung verweist auf die fortdauernde Organisation des Musikalienhandels im städtischen Raum.

Journal vocal

  • Journal vocal. Lüttich, 1800–1806. Mit Jeanne Andrez verbundenes musikalisches Periodikum, das in der Forschung als zentrales Zeugnis ihrer Herausgeberinnen- und Verlagstätigkeit erscheint.
  • Vokale Kleinformen im Journal vocal. Das Periodikum ist im Kontext von Arietten, Romanzen, Liedern, Opernauszügen, Duetten und häuslicher Gesangspraxis um 1800 zu verstehen.
  • Fortsetzung der Lütticher Musikperiodik nach L’Écho. Das Journal vocal steht nicht isoliert, sondern in der Tradition musikalischer Lieferungs- und Journalformate, die Benoît Andrez im 18. Jahrhundert aufgebaut hatte.

Weitere musikalische Periodika und Sammlungen

  • Récréations harmoniques. In bibliographischen Nachweisen zu Jeanne Andrez und zur Lütticher Musikverlagsgeschichte genannte musikalische Sammlung beziehungsweise Periodika-Umgebung. Der Titel verweist auf unterhaltende, spielerische und häuslich verwendbare Musik.
  • Le Rossignol. In der Forschung zur Lütticher Musikpublizistik und zu Jeanne Andrez genannter Titel. Der Name knüpft an den Gesangstopos der Nachtigall an und gehört in das Umfeld vokaler Musikperiodik.
  • Orphée. Als Werk- beziehungsweise Periodikumstitel im bibliographischen Umfeld Jeanne Andrez’ genannt. Der mythologische Name Orpheus verweist auf die kulturelle Selbstdeutung von Musik als bewegender, ordnender und gesanglich wirksamer Kunst.
  • Weitere vokale und gemischte Musikdrucke. Die Verbindung zu Journal vocal, Récréations harmoniques, Le Rossignol und Orphée zeigt einen Schwerpunkt auf musikalischer Gebrauchsliteratur, vokalem Repertoire und periodischer Lieferung.

Tanz- und Instrumentaldrucke

  • N. F. Delhaise: Recueil mit zwölf Contredanses und einem Walzer. In einem Nachweis wird dieser Druck als für zwei Violinen bestimmt beschrieben, mit zusätzlicher Beschreibung der Tanzfiguren; gestochen von der citoyenne F. Andrez in der rue derrière Saint Thomas in Lüttich und in die späte Phase des 18. Jahrhunderts datiert.
  • Recueils von N. F. Delhaise de Huy. Nach einem Hinweis wurden nach der Revolution von 1789 durch die citoyenne F. Andrez unter derselben Adresse Sammlungen von N. F. Delhaise publiziert. Diese Nachricht belegt die Weiterführung der musikalischen Drucktätigkeit nach dem politischen Umbruch.
  • Quadrillen und weitere Tanzstücke im Umfeld Delhaise. Die Überlieferung verweist auf weitere quadrillenartige und streicherbezogene Tanzmusik; ihre genaue Zuordnung zu Jeanne Andrez ist im Einzelbestand zu prüfen.
  • Fortdauer der Contredanse-Tradition. Die von Benoît Andrez und Jean Joiris begründete Linie der Contredanse-Sammlungen bleibt für den späteren Andrez-Kontext wichtig, auch wenn Jeanne Andrez nicht für alle älteren Drucke verantwortlich war.

Nachwirkung der väterlichen Druckproduktion im Geschäftsbestand

  • L’Écho, ou Journal de musique françoise, italienne. Dieses von Benoît Andrez herausgegebene Journal gehört nicht zu Jeanne Andrez’ eigener Hauptproduktion, bildet aber den verlegerischen Hintergrund ihrer Tätigkeit.
  • Tanzsammlungen, Menuette und Contredanses der älteren Andrez-Werkstatt. Diese Drucke prägten den Kundenstamm, die Geschäftspraxis und den musikalischen Markt, in den Jeanne Andrez eintrat.
  • Instrumentalmusik von Komponisten wie Delange, Hamal, Kennis, Schwindl, Boccherini und anderen im älteren Andrez-Verlagsprogramm. Diese ältere Produktion bildete das Prestige und den Bestand der Werkstatt, auch wenn sie nicht als eigenständige Edition Jeanne Andrez’ zu behandeln ist.
  • Ludus melothedicus. Der ältere Andrez-Druck eines musikalischen Würfelspiels gehört zum mediengeschichtlichen Erbe der Werkstatt und zeigt, in welchem Spektrum zwischen Unterhaltung, Musiktheorie und Druckkunst die Familie Andrez tätig war.

Handels- und Adressnachweise

  • Geschäft hinter Saint-Thomas in Lüttich. Die Adresse ist für Benoît Andrez belegt und erscheint im späten 18. Jahrhundert weiterhin im Zusammenhang mit der Andrez-Drucktätigkeit.
  • Vinâve d’Île in Lüttich. Die Verlegung des Geschäfts durch Jeanne Andrez nach Vinâve d’Île wird für 1803 genannt und markiert eine spätere Phase ihrer Tätigkeit.
  • Lütticher Musikhandel um 1800. Jeanne Andrez gehört zu einem Netz von Druckern, Buchhändlern, Musikalienhändlern und Herausgebern, die die musikalische Öffentlichkeit im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert organisierten.

Überlieferung und Forschungsstand

Die Überlieferung zu Jeanne Andrez ist fragmentarisch, aber kulturgeschichtlich aussagekräftig. Sie besteht aus lexikalischen Hinweisen, bibliographischen Einträgen, Studien zur Lütticher Musikpublizistik, Nachweisen zu einzelnen Drucken und Erwähnungen in der Forschung zur musikalischen Presse. Anders als bei Komponisten, deren Werke unter einem Namen gesammelt wurden, verteilt sich ihre Spur auf Periodikatitel, Adressen, Geschäftsfortführungen und bibliographische Vermerke.

Besonders wichtig ist die Forschung von Olivia Wahnon de Oliveira, die Jeanne Andrez als Herausgeberin des Journal vocal in Lüttich von 1800 bis 1806 behandelt. Diese Studie ist für die Einordnung der Person zentral, weil sie Jeanne Andrez nicht nur als Tochter eines bekannten Musikverlegers, sondern als eigenständige Akteurin der Musikpublizistik um 1800 sichtbar macht.

Die digitalen Nachweise zu L’Écho bei DONum der Universität Lüttich sind für Jeanne Andrez indirekt wichtig. Sie dokumentieren die ältere Werkstattkultur ihres Vaters und die Adresse, aus der sie hervorging. Die Hinweise bei Canard Folk zu den Delhaise-Sammlungen zeigen wiederum die spätere Fortsetzung der Drucktätigkeit durch eine als citoyenne F. Andrez bezeichnete Person am Andrez-Ort. Zusammen ergeben diese Quellen kein vollständiges Privatleben, aber ein klares Bild einer Frau im Lütticher Musikgewerbe.

Wirkung und Nachleben

Jeanne Andrez’ Nachleben ist nicht durch einen Kanon musikalischer Werke bestimmt, sondern durch ihre Stellung in der Geschichte des Musikdrucks. Sie gehört zu den Figuren, an denen deutlich wird, dass musikalische Öffentlichkeit um 1800 durch eine Vielzahl handwerklicher und kaufmännischer Tätigkeiten entstand. Musik musste gestochen, gedruckt, nummeriert, gesammelt, annonciert, verkauft, geliefert und bezahlt werden. Ohne solche Arbeit hätte ein großer Teil des Repertoires für Hausmusik, Gesang, Tanz und kleinere Aufführungen sein Publikum nicht erreicht.

Ihre Bedeutung liegt außerdem in der weiblichen Nachfolge innerhalb eines Musikverlags. Die Übergabe einer Werkstatt an eine Tochter zeigt, dass Frauen nicht nur als Konsumentinnen und Interpretinnen, sondern auch als Unternehmerinnen im Musikmarkt auftraten. Diese Tätigkeit war oft weniger sichtbar als die eines Komponisten, aber für die Verbreitung von Musik ebenso entscheidend. Jeanne Andrez steht daher für eine erweiterte Musikgeschichtsschreibung, die Werkstatt, Adresse, Periodikum und Handel als vollwertige kulturelle Faktoren ernst nimmt.

Im engeren Lütticher Zusammenhang verbindet sie die ältere Musikdruckkultur Benoît Andrez’ mit der musikalischen Periodik des frühen 19. Jahrhunderts. Durch das Journal vocal und verwandte Titel wie Récréations harmoniques, Le Rossignol und Orphée wird sichtbar, wie stark das Musikleben um 1800 durch Stimme, Vokalmusik, häusliche Aufführung und periodische Lieferung geprägt war. Jeanne Andrez ist daher eine wichtige Ergänzung zu jedem Eintrag über Musikjournal, Musikverlag, Musikdruck und Lüttich.

Sekundärliteratur

  • Auda, Antoine: La musique et les musiciens de l’ancien Pays de Liège. Liège: 1930.
  • Goovaerts, Alphonse: Histoire et bibliographie de la typographie musicale dans les Pays-Bas. In: Mémoires couronnés et autres mémoires publiés par l’Académie royale des sciences, des lettres et des beaux-arts de Belgique, 1880.
  • Koszul, Denise: L’Écho, Journal de musique. In: Jean Sgard, Hrsg.: Dictionnaire des journaux 1600–1789. Paris: Universitas, 1991.
  • Quitin, José: Studien zur Musik in Lüttich, zur Gazette de Liège und zu musikalischen Quellen des Lütticher Raums.
  • Rochus, Albert: Beiträge zu wallonischen Tanz- und Musikquellen im Zusammenhang mit Benoît Andrez, Jean Joiris und N. F. Delhaise.
  • Wahnon de Oliveira, Olivia: Le chant, origine du développement de l’édition musicale liégeoise. In: Musique et chant en Wallonie et à Bruxelles. Rennes: Presses universitaires de Rennes, 2012.
  • Wahnon de Oliveira, Olivia: Jeanne Andrez, éditrice du Journal vocal (Liège, 1800–1806). In: La la la… Maistre Henri. Mélanges de musicologie offerts à Henri Vanhulst. Turnhout: Brepols, 2010.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Amateurmusik Häusliche und gesellige Musikpraxis, für die musikalische Journale und gedruckte Sammlungen um 1800 besonders wichtig waren.
  • Benoît Andrez Lütticher Musikstecher, Musikverleger und Vater Jeanne Andrez’, dessen Werkstatt sie fortführte.
  • Arie Vokale Form, die in Musikjournalen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts regelmäßig als druckbares Repertoire erschien.
  • Brunette Französische Liedform, die für die ältere Andrez-Publikation L’Écho charakteristisch war.
  • Contredanse Gesellschaftstanz des 18. Jahrhunderts, dessen Drucküberlieferung im Andrez-Umfeld besonders stark vertreten ist.
  • N. F. Delhaise Lütticher beziehungsweise wallonischer Tanzmusikautor, dessen Sammlung im Zusammenhang mit der späteren Andrez-Werkstatt überliefert ist.
  • L’Écho ou Journal de musique Musikalisches Periodikum aus der Werkstatt Benoît Andrez’, das den Hintergrund für Jeanne Andrez’ spätere Periodikatätigkeit bildet.
  • Frauen im Musikverlag Kulturgeschichtliches Thema, das Werkstattnachfolge, Musikalienhandel, Druckerei und weibliche Unternehmerschaft umfasst.
  • Gesang Musikalische Praxis, die um 1800 durch vokale Journale, Romanzen, Arietten und häusliche Aufführungen stark verbreitet wurde.
  • Journal vocal Mit Jeanne Andrez verbundenes Lütticher Musikperiodikum der Jahre 1800 bis 1806.
  • Lüttich Stadt und Musikdruckzentrum, in dem Benoît und Jeanne Andrez tätig waren.
  • Musikalienhandel Handel mit Noten, Musikdrucken und musikalischen Gebrauchsmaterialien, der Jeanne Andrez’ Tätigkeit wirtschaftlich bestimmte.
  • Musikdruck Technik und Kulturform der Notenverbreitung, ohne die die Andrez-Werkstatt nicht zu verstehen ist.
  • Musikjournal Periodische Publikationsform, die Musik als regelmäßig erscheinendes Druckgut verfügbar machte.
  • Musikpublizistik Öffentliche Verbreitung musikalischer Texte, Nachrichten und Noten durch Druckmedien.
  • Musikstich Handwerkliches Verfahren der Notenherstellung, das im 18. und frühen 19. Jahrhundert für Musikdrucke zentral war.
  • Musikverlag Berufsfeld und Institution, die Komponisten, Drucktechnik, Musikalienhandel, Publikum und Aufführungspraxis verbindet.
  • Orphée Musikperiodischer Titel im Umfeld der Lütticher Vokal- und Unterhaltungspublizistik um 1800.
  • Periodikum Regelmäßig erscheinende Publikationsform, die Musik als Abonnement- und Lieferungsware organisierte.
  • Récréations harmoniques Musikalischer Titel im Umfeld der Lütticher Periodika, der auf unterhaltende und häuslich verwendbare Musik verweist.
  • Le Rossignol Musikperiodischer Titel, der im Zusammenhang mit Jeanne Andrez und der Lütticher Vokalpublizistik genannt wird.
  • Tanzkultur Gesellschaftliche Praxis, die durch Contredanses, Quadrillen, Walzer und gedruckte Tanzsammlungen verbreitet wurde.
  • Tanzmusik Musik für Contredanse, Quadrille, Menuett und Walzer, die im Andrez-Umfeld als Druckware präsent ist.
  • Vaudeville Französische Lied- und Bühnenform, die in musikalischen Journalen des 18. Jahrhunderts und deren Nachfolge wichtig war.
  • Vokaljournal Periodische Sammlung von Gesangsstücken, die um 1800 für häusliche und gesellschaftliche Musikpraxis bedeutsam wurde.