Benoît Andrez
Überblick
Benoît Andrez, auch Benoit Andrez oder Benoît André, war im 18. Jahrhundert einer der wichtigsten Musikstecher und Musikverleger in Lüttich. Seine Tätigkeit verbindet Musikdruck, Musikstich, Musikverlag, Musikalienhandel, Periodika, Tanzmusik, Instrumentalmusik und bürgerlich-höfische Musikkultur. Als Herausgeber und Verleger machte er Musik in einem Medium zugänglich, das nicht mehr nur an Hof, Kirche oder einzelne Kapellen gebunden war, sondern auch durch Abonnement, Einzelheft, Sammlung und private Aufführung verbreitet wurde.
Besonders bekannt wurde Andrez durch L’Écho, ou Journal de musique françoise, italienne, ein periodisch erscheinendes Musikjournal, das Arien, Lieder, Brunettes, Duette, Vaudevilles, Rondes, Menuette und Contredanses enthielt. Dieses Unternehmen gehört zu den frühen Formen musikalischer Periodik in den südlichen Niederlanden und im Lütticher Raum. Es zeigt, dass Musik im 18. Jahrhundert nicht nur als Werk einzelner Komponisten, sondern auch als zirkulierendes Druckgut, als monatliche Lieferung, als häusliche Unterhaltung und als konsumierbare Modeform existierte.
Andrez war selbst vor allem Vermittler, nicht primär Komponist. Ein kulturlexikalisches Werkverzeichnis muss daher als Verlags-, Stich- und Druckverzeichnis verstanden werden. Seine Leistung besteht in der Herstellung, Auswahl, Bearbeitung, Verbreitung und kommerziellen Organisation von Musikdrucken. Er gehört damit zu jenen Figuren, ohne die die Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts unvollständig bleibt: Nicht nur Komponisten, Kapellmeister und Virtuosen formten die musikalische Öffentlichkeit, sondern ebenso Stecher, Drucker, Buchhändler, Musikalienhändler, Abonnementsverleger und Zeitschriftenunternehmer.
Kurzdaten
| Name | Benoît Andrez. |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Benoit Andrez, B. Andrez, Benoît André, André Benoît, Andrez Benoît, André Benoît. |
| Getauft | 3. Januar 1719 in Lüttich. |
| Gestorben | 12. Januar 1804 in Lüttich. |
| Beruf | Musikstecher, Musikverleger, Musikhändler, Musikdrucker, Herausgeber von Musikjournalen und Vermittler gedruckter Musik im Lütticher Kulturraum. |
| Wirkungsort | Lüttich, insbesondere die städtische Verlags-, Druck- und Musikalienhandelslandschaft des 18. Jahrhunderts. |
| Wichtige Adresse | In Drucken von L’Écho erscheint die Adresse „à Liège, chez B. Andrez, derrière St. Thomas“. |
| Hauptleistung | Veröffentlichung, Stich und Vertrieb von Instrumentalwerken, Tanzsammlungen, Musikperiodika und gedruckten Sammlungen für höfische, städtische und private Musikpraxis. |
| Bekanntestes Unternehmen | L’Écho, ou Journal de musique françoise, italienne, ein Musikjournal mit Arien, Chansons, Brunettes, Duetten, Vaudevilles, Rondes, Contredanses und Menuetten. |
| Kultureller Schwerpunkt | Musikpublizistik, musikalische Periodika, Musikstich, Tanzkultur, Amateurmusik, Instrumentalmusik und Lütticher Musikleben der Aufklärung. |
| Datei | andrez-benoit.shtml |
Namen, Schreibweisen und Einordnung
Die Schreibweise des Namens ist nicht völlig einheitlich. In modernen Nachschlagewerken erscheint meist Benoît Andrez; in Druckadressen und bibliographischen Nachweisen begegnen auch die Formen Benoit Andrez, B. Andrez und gelegentlich André. Diese Schwankung ist für das 18. Jahrhundert nicht ungewöhnlich. Familiennamen wurden im französischsprachigen Raum zwar zunehmend stabiler, doch Druckeradressen, Verlagskataloge, Privilegien, Anzeigen und spätere Bibliographien geben Namen nicht immer einheitlich wieder.
Innerhalb des Kulturlexikons ist Andrez als Person des Musikverlagswesens und der Musikpublizistik zu erfassen. Er steht nicht für einen kompositorischen Stil, sondern für eine mediale Infrastruktur. Seine Arbeit betrifft die Herstellung von Noten, die Auswahl verkäuflicher Repertoires, die Verbindung von Lüttich mit Paris, Lyon, Brüssel und weiteren Musikzentren, die Herausgabe von Musik in periodischer Form und die Versorgung eines Publikums, das Musik nicht nur hörte, sondern kaufte, sammelte, spielte und abonnierte.
Biographischer und beruflicher Zusammenhang
Benoît Andrez wurde am 3. Januar 1719 in Lüttich getauft und starb dort am 12. Januar 1804. Über seine private Biographie ist weit weniger bekannt als über seine berufliche Tätigkeit. Gerade das ist für Musikstecher und Musikverleger des 18. Jahrhunderts typisch: Die archivalische Überlieferung bewahrt oft die Drucke, Titelblätter, Adressen, Privilegien, Anzeigen und bibliographischen Spuren, während persönliche Lebenszeugnisse spärlicher bleiben. Andrez erscheint deshalb vor allem durch seine Drucke, seine Verlagsadresse, seine Periodika und die in seiner Werkstatt beziehungsweise unter seinem Namen verbreiteten Musikalien.
Seine Tätigkeit begann nach den verfügbaren Nachweisen bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Lüttich war damals keine kulturelle Randzone, sondern eine eigenständige Fürstbischofsstadt mit städtischem Musikleben, kirchlichen Institutionen, höfischer Repräsentation, französischen und niederländischen Handelsbeziehungen und einer lebendigen Tanz- und Unterhaltungskultur. Andrez konnte in diesem Umfeld ein Publikum erreichen, das einerseits aus professionellen Musikern, Kapellmitgliedern und Lehrern bestand, andererseits aus musikalisch gebildeten Liebhabern, Tänzern, Cembalisten, Violinisten, Sängerinnen und Sängern im häuslichen Rahmen.
Als Musikstecher arbeitete Andrez mit einem Herstellungsverfahren, das für Notendrucke des 18. Jahrhunderts von besonderer Bedeutung war. Der Stich erlaubte eine flexible und relativ elegante Wiedergabe von Notenschrift, Verzierungen, Bezifferungen und kleinen typographischen Eigenheiten. Anders als der ältere typographische Notendruck eignete sich der Kupferstich besonders für Instrumentalstücke, Tanzmusik und kleinformatige Sammlungen, die rasch auf den Markt gebracht werden konnten. Andrez war damit Teil einer handwerklichen, kommerziellen und ästhetischen Kultur, in der technische Präzision, Lesbarkeit und Verkaufbarkeit eng zusammengehörten.
Sein Name ist besonders mit L’Écho, ou Journal de musique françoise, italienne verbunden. Dieses Musikjournal brachte Musik in Lieferungen auf den Markt und richtete sich an ein Publikum, das regelmäßig neue Stücke erhalten wollte. In einer Zeit vor Tonaufnahme, Rundfunk und digitaler Reproduktion war der gedruckte Notentext selbst das wichtigste Medium musikalischer Verbreitung. Andrez’ Bedeutung liegt daher im Übergang von der einzelnen Notenausgabe zur periodischen musikalischen Öffentlichkeit.
Ausführlicher Kulturüberblick
Das 18. Jahrhundert war für die Musikgeschichte eine Epoche intensiver Medialisierung. Musik wurde nicht mehr nur mündlich, handschriftlich oder institutionell weitergegeben, sondern zunehmend durch Drucke, gestochenes Notenmaterial, Zeitschriften, Annoncen, Subskriptionen und Musikalienhandlungen verbreitet. Musikdruck und Musikstich veränderten den Zugriff auf Repertoire. Wer über ein Cembalo, eine Violine, eine Flöte oder eine Gesangsstimme verfügte, konnte neue Musik erwerben, sammeln und zu Hause aufführen.
Lüttich stand in diesem Prozess zwischen mehreren kulturellen Räumen. Die Stadt gehörte zum Fürstbistum Lüttich, lag aber zugleich in einem Austauschgebiet zwischen französischer, niederländischer, deutscher und südlich-niederländischer Kultur. Musik aus Paris, italienische Opernarien, französische Vaudevilles, deutsche und englische Tänze, niederländische und wallonische Musikpraxis konnten über Drucke, Wanderkünstler, höfische Kontakte und Handelswege zirkulieren. Andrez’ Verlagstätigkeit ist ein Ausdruck dieser Mehrfachorientierung.
Der Titel von L’Écho macht diese kulturelle Mischung bereits sichtbar. Das Journal bietet französische und italienische Musik, enthält aber auch Tänze und Repertoireformen, die auf einen internationalen Geschmack verweisen. Das Wort Écho ist dabei programmatisch: Die Zeitschrift spiegelt musikalische Moden, verbreitet sie weiter und macht aus dem musikalischen Ereignis ein gedrucktes, wiederholbares Objekt. Musik erscheint nicht nur als Aufführung, sondern als monatlich erneuerbare Ware.
Das Publikum solcher Drucke war differenziert. Professionelle Musiker konnten gedruckte Ausgaben für Unterricht, Aufführung und Repertoireerweiterung nutzen. Amateure erhielten spielbare Stücke, Tänze, kleine Arien und Duette. Tanzmeister konnten Contredanses verwenden. Sängerinnen und Sänger griffen auf airs, chansons und brunettes zurück. Cembalistinnen und Cembalisten, Violinisten, Flötisten und Liebhaber kleiner Kammerbesetzungen fanden in Sonaten, Divertimenti, Sinfonien und Duetten geeignetes Material.
Andrez’ Arbeit gehört damit auch zur Geschichte der Amateurmusik. Im 18. Jahrhundert wurde Musizieren zu einer verbreiteten Praxis städtischer Bildung und Geselligkeit. Die Fähigkeit, auf dem Cembalo zu spielen, zu singen, Contredanses zu tanzen oder kleine Ensemblestücke aufzuführen, war Teil sozialer Repräsentation. Musikdrucke wie die von Andrez machten diese Praxis materiell möglich. Sie verbanden Haushalt, Salon, Tanzsaal, Unterrichtsstunde, Musikladen und Verlagswerkstatt.
Musikstich, Musikdruck und Verlagspraxis
Der Musikstich war im 18. Jahrhundert ein hoch spezialisiertes Handwerk. Notenlinien, Schlüssel, Taktstriche, Notenköpfe, Balken, Bögen, Verzierungen, Bezifferungen, Textunterlegungen und Titel mussten in Metallplatten eingraviert werden. Das Verfahren verlangte technische Genauigkeit, musikalisches Verständnis und typographische Disziplin. Fehler konnten die Aufführbarkeit eines Druckes beeinträchtigen, zugleich musste der Druck wirtschaftlich bleiben. Ein Musikstecher wie Andrez bewegte sich daher zwischen Kunsthandwerk, Notationspraxis und Marktökonomie.
Andrez veröffentlichte und vertrieb Repertoire verschiedener Gattungen. Dazu gehören Sonaten, Sinfonien, Ouvertüren, Duette, Tanzsammlungen, Contredanses, Musikjournale, Opernauszüge und unterhaltende Spielformen wie Ludus melothedicus. Diese Gattungsvielfalt zeigt, dass sein Verlag nicht einseitig auf Kirchenmusik oder höfische Musik spezialisiert war. Vielmehr bediente er eine bewegliche Musiköffentlichkeit, die Mode, Bildung, Tanz, Virtuosität, häusliches Musizieren und höfisch-städtische Repräsentation miteinander verband.
Die Verlagsadresse „derrière St. Thomas“ verweist auf die räumliche Verankerung des Betriebs in Lüttich. Musikverlage waren keine abstrakten Unternehmen, sondern konkrete Werkstätten und Verkaufsstellen. Wer Musikalien erwerben wollte, musste wissen, wo sie erhältlich waren; wer ein Journal abonnieren wollte, brauchte eine zuverlässige Adresse; wer aus Paris, Lyon, Brüssel oder einer anderen Stadt bezog, war auf Vertriebsnetze angewiesen. Andrez’ Drucke stehen deshalb für die räumliche Organisation musikalischer Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert.
L’Écho ou Journal de musique
L’Écho, ou Journal de musique françoise, italienne contenant des airs, chansons, brunettes, duos tendres ou bachiques, rondes, vaudevilles, contredanses et menuets ist das wichtigste mit Andrez verbundene Unternehmen. Schon der lange Titel benennt das Programm: Es geht nicht um gelehrte Theorie, sondern um nutzbare Musik für Gesang, Tanz, Liebhaberensemble und häusliche Aufführung. Die Verbindung von französischen und italienischen Stücken weist auf den musikalischen Geschmack des 18. Jahrhunderts, in dem französische Lied- und Tanzformen mit der Attraktivität italienischer Arie und Melodik konkurrierten oder sich vermischten.
Das Journal erschien in Lieferungen und bot regelmäßig neues musikalisches Material. Die Form der periodischen Publikation ist kulturgeschichtlich entscheidend. Sie machte Musik zeitlich seriell: Nicht ein abgeschlossenes Buch, sondern die Erwartung des nächsten Heftes, der nächsten Auswahl, des nächsten modischen Stückes strukturierte den Konsum. Damit steht L’Écho in der Nähe anderer Zeitschriftenformen der Aufklärung, unterscheidet sich aber dadurch, dass es nicht nur über Musik berichtet, sondern Musik selbst als Notentext liefert.
Die Inhalte zeigen die Breite des Publikums. Arien und italienische Stücke bedienten den Geschmack an der Oper. Chansons, brunettes und vaudevilles richteten sich an Sänger und gesellige Kreise. Duette ermöglichten kleine häusliche Aufführungen. Menuette und Contredanses verbanden Druckkultur mit Tanzpraxis. Dass Tanzfiguren und Musik zusammen verbreitet werden konnten, zeigt die enge Verbindung von Notendruck, Körperpraxis und sozialer Unterhaltung.
Für die Geschichte der Musikzeitschrift ist L’Écho besonders bemerkenswert, weil es nicht nur einen lokalen Markt bediente, sondern auf ein Netzwerk verweist. Druck, Abonnement, Einzelheftverkauf und Vertrieb in anderen Städten machten ein musikalisches Periodikum möglich, das über den unmittelbaren Stadtraum hinaus dachte. Andrez gehört dadurch zu den Pionieren einer musikalischen Publizistik, die Musik nicht nur als Ereignis, sondern als regelmäßig erhältliches Medium verstand.
Tanz, Amateurmusik und musikalischer Markt
Ein erheblicher Teil der Andrez zugeschriebenen oder von ihm verlegten Drucke betrifft Tanzmusik. Contredanses, Menuette und Sammlungen englischer Contredanses verweisen auf die europäische Tanzmode der Mitte des 18. Jahrhunderts. Tanz war nicht nur Unterhaltung, sondern gesellschaftliche Praxis. Er verlangte Musik, Figurenkenntnis, Unterricht, Raum, Kleidung, Etikette und Wiederholbarkeit. Gedruckte Tanzsammlungen erfüllten hier eine doppelte Funktion: Sie bewahrten Musik und ermöglichten die Weitergabe von Tänzen.
Die von Andrez verlegten Recueils de contredanses angloises zeigen die Attraktivität englischer Tanzformen auf dem Kontinent. Solche Sammlungen waren für Tanzmeister, Liebhaber und städtische Gesellschaftskreise wertvoll. Sie dokumentieren zugleich, wie rasch sich Moden durch Druck verbreiten konnten. Der Musikdruck wurde zum Instrument kultureller Bewegung: Ein Tanz, der in einem bestimmten höfischen oder städtischen Zusammenhang beliebt war, konnte durch Stich und Verkauf in andere Räume gelangen.
Auch Ludus melothedicus gehört in diese Welt der spielerischen Musikpraxis. Das Werk verspricht, Menuette durch ein kombinatorisches Verfahren und mit Hilfe des Zufalls zu erzeugen. Es verbindet Musiktheorie, Spiel, Unterhaltung und Druckgraphik. Solche musikalischen Würfel- und Kombinationsspiele zeigen, dass das 18. Jahrhundert Musik nicht nur als ernste Kunst, sondern auch als geordnetes, rationalisierbares und spielbares System betrachtete. In Andrez’ Ausgabe erhält dieses Phänomen eine Lütticher Druckgestalt.
Verlags-, Stich- und Druckverzeichnis
Benoît Andrez war kein Komponist im engeren Sinn, sondern Musikstecher, Verleger und Musikhändler. Das folgende Verzeichnis ist daher als Werkverzeichnis seiner verlegerischen und drucktechnischen Tätigkeit zu verstehen. Es führt die wichtigsten nachweisbaren oder in der Forschung regelmäßig genannten Drucke und Verlagsunternehmen auf. Bei Datierungen ist zu beachten, dass einzelne Drucke nur ungefähr datiert sind, weil Titelblätter, Verlagsanzeigen, erhaltene Exemplare und spätere bibliographische Nachweise nicht immer vollständig übereinstimmen.
Periodische Musikpublikation
- L’Écho, ou Journal de musique françoise, italienne contenant des airs, chansons, brunettes, duos tendres ou bachiques, rondes, vaudevilles, contredanses et menuets. Lüttich, bei B. Andrez, ab 1758; periodische Lieferung von vokalen und instrumentalen Stücken, Tänzen und Unterhaltungsrepertoire.
- L’Écho, Jahrgang beziehungsweise Lieferungen 1759. Erhaltene und bibliographisch beschriebene Lieferungseinheiten mit airs, chansons, brunettes, italienischen Arien, Duetten, Vaudevilles, Rondes, Contredanses und Menuetten.
- L’Écho, Jahrgang beziehungsweise Lieferungen 1760. Fortsetzung des musikalischen Journals mit französischen, italienischen und tanzbezogenen Stücken.
- L’Écho, Jahrgang beziehungsweise Lieferungen 1761. Fortlaufende Verlagsproduktion mit Adresse bei B. Andrez in Lüttich und musikalischem Mischrepertoire.
- L’Écho, Jahrgang beziehungsweise Lieferungen 1764. Erhaltene Digitalisate belegen die weitere Kontinuität des Unternehmens.
- L’Écho, Jahrgang beziehungsweise Lieferungen 1767. Spätere Jahrgangsstufe eines Unternehmens, das die Periodizität musikalischer Drucklieferungen im Lütticher Raum sichtbar macht.
- L’Écho, spätere Lieferungen bis in die frühen 1770er Jahre. In der Forschung wird das Unternehmen als bis 1773 fortgeführt beschrieben; die konkrete Vollständigkeit der erhaltenen Jahrgänge ist archivalisch zu prüfen.
Tanzsammlungen und Contredanses
- Benoît Andrez und Jean Joiris: Recueil de contredanses angloises. Lüttich, um 1753; Sammlung englischer Contredanses für die städtisch-höfische Tanzpraxis.
- Benoît Andrez und Jean Joiris: Recueil de contredanses angloises, op. 2. Lüttich, um 1754; Fortsetzung der englisch geprägten Contredanse-Sammlungen.
- Benoît Andrez und Jean Joiris: Recueil de contredanses angloises, op. 3. Lüttich, um 1757; weiterer Band einer verbreiteten Tanzmode.
- Benoît Andrez und Jean Joiris: Recueil de contredanses angloises, op. 4. Lüttich, um 1760; Sammlung im Übergang von Modeware, Unterrichtsmaterial und musikalischem Druckgut.
- Benoît Andrez: Recueil de contredanses, op. 5. Lüttich, um 1762; Tanzsammlung im Umfeld des Andrez-Verlags.
- Benoît Andrez: Recueil de contredanses, op. 6. Lüttich, 1764; weitere Tanzsammlung und Beispiel für die anhaltende Nachfrage nach gedruckter Tanzmusik.
- Weitere Contredanses, Menuette und Tanzstücke innerhalb von L’Écho. Diese Stücke sind nicht nur als Einzelkompositionen, sondern als Bestandteil periodischer Tanz- und Unterhaltungskultur zu verstehen.
Instrumentalmusik und Kammermusik
- Hubert Renotte: Six sonates à trois parties, op. 2. Lüttich, bei Benoît Andrez, um 1740; frühes Beispiel instrumentaler Kammermusik im Andrez-Umfeld.
- Jean-Jacques Robson: Piesce de clavecin, op. 1. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1749; Cembalodruck und Zeugnis häuslicher beziehungsweise höfisch-städtischer Tastenmusik.
- Jean-Noël Hamal: Six sinfonie da camera à quatre, op. 2. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1750; wichtiges Beispiel der Lütticher Instrumentalmusik und der Verbindung von Komponist, Kapelle und Verleger.
- Herman-François Delange: Six simphonies à six parties, op. 6. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1760; sinfonische Kammer- und Ensembleliteratur aus dem Lütticher Kontext.
- Herman-François Delange: Six grandes symphonies à huit parties, op. 7. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1764; großformatigere Instrumentalmusik für ein erweitertes Ensemble.
- Herman-François Delange: Six grandes symphonies à huit parties, op. 9. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1766; Fortsetzung der symphonischen Verlagslinie.
- Herman-François Delange: Six grandes symphonies à huit parties avec des menuets, op. 10. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1767; Verbindung von Sinfonie und Tanzsatz im Druckrepertoire.
- Friedrich Schwindl: Six grandes simphonies à huit parties, op. 3. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1765; Beispiel für die Aufnahme überregionaler Komponisten in den Lütticher Verlagsmarkt.
- Luigi Boccherini: Six sinfonie, op. 4. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1768; Zeugnis der Verbreitung italienisch geprägter Instrumentalmusik durch den Andrez-Verlag.
- Guillaume-Gommar Kennis: Six grands duos de violon. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1761; Druck für Violinisten und kammermusikalische Praxis.
- François Krafft: Sei sonate per il cembalo, op. 4. Bei Benoît Andrez beziehungsweise in enger Verlags- und Vertriebsbeziehung bezeugt; Cembalomusik im Brüsseler und Lütticher Austauschraum.
- François Krafft: Sei divertimenti per il cembalo da sonarsi con un violino solo o pura senza, op. 5. Im Forschungszusammenhang mit Andrez und Jean-Joseph Boucherie genannt; Beispiel für die Verbindung von Cembalo, Violine und Verlagsnetzwerk.
- Maddalena Laura Sirmen: Six duos pour violon, op. 4. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1775; bedeutender Nachweis für die Verbreitung einer international tätigen Komponistin und Violinistin durch den Andrez-Verlag.
Oper, Opéra comique und vokale Bühnenmusik
- François-André Danican Philidor: Le Bûcheron ou les Trois Souhaits. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1763; Druck beziehungsweise Ausgabe einer französischen opéra-comique-nahen Bühnenmusik.
- Auszüge aus französischen und italienischen Bühnenwerken innerhalb von L’Écho. Diese Veröffentlichungen dienten der Verbreitung populärer Opernmelodik in häuslicher und städtischer Aufführungspraxis.
- Arien und Arietten von François Krafft in L’Écho. Mehrere vokale Stücke Kraffts erschienen zwischen 1758 und den frühen 1760er Jahren im Journal und zeigen die enge Verbindung zwischen regionalen Komponisten und periodischer Musikpublikation.
- Auszüge aus Le faux astrologue beziehungsweise verwandten Bühnenstoffen im Umfeld der L’Écho-Publikation. Diese Stücke zeigen die Beweglichkeit zwischen Oper, Druck und regionaler Aufführungskultur.
Musikalische Spiele, Lehr- und Unterhaltungsdrucke
- Ludus melothedicus ou le Jeu de dez harmonique. Lüttich, bei Benoît Andrez, 1759 beziehungsweise 1760; musikalisches Würfel- und Kombinationsspiel zur Erzeugung von Menuetten, als neue beziehungsweise korrigierte Ausgabe einer Pariser Vorlage verbreitet.
- Musikalische Kombinationsdrucke und spielerische Musiksysteme im Umfeld von Ludus melothedicus. Diese Drucke gehören zur Geschichte der musikalischen Rationalisierung, der Unterhaltungsmathematik und der Notendruckkultur des 18. Jahrhunderts.
- Erklärende Tanz- und Figurenmaterialien im Zusammenhang mit Contredanses. Solche Materialien stehen zwischen Tanzlehre, Musikdruck und geselligem Gebrauch.
Verlags- und Handelsnetzwerke
- Zusammenarbeit beziehungsweise enge Vertriebsbeziehung mit Jean Joiris bei mehreren Contredanse-Sammlungen.
- Bezüge zu Jean-Joseph Boucherie in Brüssel im Zusammenhang mit Werken von François Krafft.
- Vertrieb und Wahrnehmung von L’Écho über Lüttich hinaus, insbesondere durch Hinweise auf Paris und Lyon in bibliographischen Beschreibungen des Journals.
- Abonnement- und Einzelverkaufsmodelle für musikalische Lieferungen, besonders bei L’Écho.
- Verbindung von Stichwerkstatt, Musikverlag, Musikalienhandel und periodischem Herausgebergeschäft.
Überlieferung und Quellenlage
Die Überlieferung zu Benoît Andrez ist vor allem druck- und bibliotheksgeschichtlich. Erhalten sind Titelblätter, einzelne Jahrgänge und Lieferungen von L’Écho, Bibliotheksexemplare, Digitalisate, bibliographische Katalogeinträge, Nachweise in älteren Musikdruckbibliographien und Verweise in der Forschung zur Lütticher und südlich-niederländischen Musikgeschichte. Persönliche Dokumente treten demgegenüber zurück.
Ein wichtiger Überlieferungsort ist die Universität Lüttich mit dem digitalen Bestand DONum. Dort sind Jahrgänge und Digitalisate von L’Écho greifbar, wodurch die konkrete Gestalt des Journals, seine Adresse, seine Materialität und seine musikalische Mischung überprüfbar werden. Auch bibliographische Projekte wie der Dictionnaire des journaux sind für die Einordnung wesentlich, weil sie Erscheinungsweise, Umfang, Preis, Vertriebsangaben und Inhalt des Journals beschreiben.
Für Andrez’ weitere Drucke sind Musikbibliotheken, konservatorische Sammlungen, RISM-Nachweise, ältere Bibliographien und spezialisierte Studien zur Musiktypographie heranzuziehen. Die verstreute Quellenlage erklärt, weshalb ein vollständiges, endgültig gesichertes Verlagsverzeichnis schwierig ist. Dennoch zeigen die bekannten Drucke deutlich, dass Andrez einen ungewöhnlich breiten Bereich zwischen Tanz, Kammermusik, periodischer Musikpublikation und musikalischer Unterhaltung abdeckte.
Wirkung und Nachleben
Andrez’ Nachleben ist weniger an einen kanonischen Komponistennamen gebunden als an die Geschichte musikalischer Medien. Seine Bedeutung liegt darin, dass er die materielle Verbreitung von Musik im Lütticher Raum mitgeprägt hat. Wer die Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts nur anhand von Kompositionen und Aufführungen erzählt, übersieht die Voraussetzung, dass Musik gedruckt, verkauft, transportiert, gesammelt, abonniert und in privaten Räumen nachgespielt werden musste. Genau in diesem Bereich liegt Andrez’ Rang.
L’Écho ist dabei das wichtigste Zeugnis. Das Journal macht sichtbar, wie früh Musik in periodischer Form als konsumierbares Kulturgut organisiert wurde. Es steht zwischen Musikzeitschrift, Notenheft, Tanzsammlung und musikalischem Almanach. Seine Inhalte sind keine bloßen Nebenprodukte der großen Opern- und Konzertgeschichte, sondern Dokumente einer lebendigen Alltags- und Unterhaltungskultur.
Auch Andrez’ Tanzsammlungen und Instrumentaldrucke sind kulturhistorisch bedeutsam. Sie zeigen, welche Musik in einer Stadt wie Lüttich nachgefragt wurde, welche europäischen Moden aufgenommen wurden und wie lokale Verleger am internationalen Repertoiremarkt teilnahmen. Andrez gehört damit zu den Figuren, an denen sich die Verbindung von Drucktechnik, Musikhandel, Geschmacksgeschichte und sozialer Musikpraxis besonders deutlich studieren lässt.
Sekundärliteratur
- Cornaz, Marie: Studien zu François Krafft, Lütticher Musikdruck, Brüsseler Musikleben und musikalischen Quellen der südlichen Niederlande im 18. Jahrhundert.
- Goovaerts, Alphonse: Histoire et bibliographie de la typographie musicale dans les Pays-Bas. In: Mémoires couronnés et autres mémoires publiés par l’Académie royale des sciences, des lettres et des beaux-arts de Belgique, 1880.
- Haine, Malou: Bibliographische Arbeiten zur belgischen und Lütticher Musikgeschichte, unter anderem zur Forschung José Quitins.
- Koszul, Denise: Artikel zu L’Écho, Journal de musique. In: Jean Sgard, Hrsg.: Dictionnaire des journaux 1600–1789. Paris: Universitas, 1991.
- Quitin, José: Arbeiten zur Lütticher Musikgeschichte, zur Société liégeoise de Musicologie und zu Quellen aus L’Écho.
- Wangermee, Robert: Beiträge zur belgischen Musikgeschichtsschreibung und zur Würdigung der Lütticher Musikwissenschaft.
- Wolf, Eugene K.: Studien zu Musikverlag, Sinfonieüberlieferung und instrumentaler Druckkultur des 18. Jahrhunderts.
Ausgewählte Onlinequellen
- C18 / Dictionnaire des journaux: L’Écho, Journal de musique Bibliographische Beschreibung des Musikjournals mit Angaben zu Titel, Erscheinungsweise, Umfang, Publikationsort, Preis, Vertrieb und Inhalt.
- DONum / Université de Liège: L’écho ou journal de musique françoise, italienne Digitaler Katalogeintrag mit Jahrgängen, Digitalisaten, Adresse „chez B. Andrez“ und bibliothekarischen Metadaten zum Musikjournal.
- Erfgoedparels: Ludus melothedicus Digitaler Präsentationseintrag zur Lütticher Andrez-Ausgabe des musikalischen Würfel- und Kombinationsspiels.
- Google Books: L’Écho ou journal de musique Françoise, Italienne Digitalisat einer Ausgabe von L’Écho mit Titelblatt, Register und bibliographischen Angaben.
- MGG Online: Andrez, André Fachlexikalischer Artikel zu Andrez beziehungsweise André mit Lebensdaten und Berufsangaben zu Benoît Andrez.
- Musicologie.org: Écrits anonymes sur la musique au XVIIIe siècle Nachweis zu anonymen musikbezogenen Drucken des 18. Jahrhunderts, darunter Ludus melothedicus in der Lütticher Andrez-Ausgabe.
- Persée: Histoire et bibliographie de la typographie musicale dans les Pays-Bas Ältere bibliographische Studie zur Musiktypographie in den Niederlanden mit Abschnitt zu Lüttich, Benoît Andrez und L’Écho.
- Société liégeoise de Musicologie: Publications Publikationsnachweis der Lütticher Musikwissenschaft mit Bezug auf Stücke aus L’Écho und die Andrez-Überlieferung.
- Société liégeoise de Musicologie: C’est toujours une sotte musique que celle des Jansénistes Musikwissenschaftlicher PDF-Nachweis mit Verweisen auf den Lütticher Drucker Benoît Andrez und seine Rolle bei der Publikation von L’Écho.
Weiterführende Einträge
- Amateurmusik Häusliche und gesellige Musikpraxis, für die Andrez’ Drucke wichtige Repertoiregrundlagen bereitstellten.
- Arie Vokale Form, die in L’Écho neben Chansons, Brunettes und Vaudevilles regelmäßig verbreitet wurde.
- Aufklärung Kulturelle Epoche, in der Druck, Periodika, Öffentlichkeit und bürgerliche Musikausübung neue Bedeutung erhielten.
- Luigi Boccherini Italienischer Komponist, dessen Instrumentalmusik im europäischen Druckmarkt und auch bei Andrez nachweisbar ist.
- Brunette Französische Liedform des 17. und 18. Jahrhunderts, die in musikalischen Sammlungen und Journalen verbreitet wurde.
- Cembalo Tasteninstrument, für das Andrez unter anderem Klavier- und Cembalomusik sowie kombinatorische Musikdrucke vermittelte.
- Contredanse Gesellschaftstanz des 18. Jahrhunderts, der in Andrez’ Verlagsprogramm besonders deutlich hervortritt.
- Herman-François Delange Lütticher Komponist, dessen Sinfonien und Ouvertüren mit dem Andrez-Verlag verbunden sind.
- Duett Vokale oder instrumentale Zweierform, die im Musikjournal und in Kammermusikdrucken des 18. Jahrhunderts wichtig war.
- L’Écho ou Journal de musique Musikalisches Periodikum aus Lüttich, das Andrez als Herausgeber, Verleger und Musikstecher besonders bekannt machte.
- Jean-Noël Hamal Lütticher Komponist, dessen Instrumentalmusik im Andrez-Verlagsumfeld nachweisbar ist.
- Kammermusik Repertoirebereich, der durch gestochenen Notendruck im 18. Jahrhundert stark verbreitet wurde.
- François Krafft Brüsseler beziehungsweise südlich-niederländischer Musiker, dessen Werke in L’Écho und im Andrez-Umfeld begegnen.
- Lied Vokale Kleinform, die in Andrez’ Musikjournalen und Sammlungen als häusliche und gesellige Musikpraxis präsent ist.
- Lüttich Fürstbischöfliche Stadt und musikalischer Druckort, in dem Andrez seine Verlags- und Musikalienhandlung betrieb.
- Ludus melothedicus Musikalisches Würfel- und Kombinationsspiel, das in einer Lütticher Andrez-Ausgabe überliefert ist.
- Menuett Tanzform und Satztyp, die in Andrez’ Druckrepertoire und in musikalischen Kombinationsspielen eine wichtige Rolle spielt.
- Musikalienhandel Handel mit Noten, Musikdrucken und musikalischen Gebrauchsmaterialien, der Andrez’ Tätigkeit wirtschaftlich bestimmte.
- Musikdruck Technik und Kulturform der gedruckten Notenverbreitung, ohne die Andrez’ Bedeutung nicht zu verstehen ist.
- Musikjournal Periodische Publikationsform, die Musik nicht nur besprach, sondern als Notentext verbreiten konnte.
- Musikpublizistik Öffentliche Verbreitung musikalischer Texte, Nachrichten und Noten durch Druckmedien.
- Musikstich Technisches Verfahren der Notenherstellung, das im 18. Jahrhundert für Instrumentalmusik und Periodika besonders wichtig war.
- Musikverlag Institution und Berufsfeld, das Komponisten, Drucktechnik, Markt, Publikum und Aufführungspraxis verbindet.
- Opéra comique Französische Bühnenform, deren Repertoire und Auszüge im Musikdruck des 18. Jahrhunderts verbreitet wurden.
- Periodikum Regelmäßig erscheinende Publikationsform, die auch für die Musikverbreitung des 18. Jahrhunderts bedeutsam wurde.
- François-André Danican Philidor Französischer Komponist, dessen Bühnenmusik im europäischen Verlagsmarkt und bei Andrez nachweisbar ist.
- Friedrich Schwindl Komponist instrumentaler Musik, dessen Sinfonien im Andrez-Verlagsprogramm begegnen.
- Tanzkultur Gesellschaftliche und musikalische Praxis, die durch gedruckte Contredanses und Menuette verbreitet wurde.
- Tanzmusik Musik für Menuett, Contredanse und andere Tanzformen, die in Andrez’ Druckprogramm besonders stark vertreten ist.
- Vaudeville Französische Lied- und Bühnenform, die in Musikjournalen des 18. Jahrhunderts zum populären Repertoire gehörte.