Josip Andreis
Überblick
Josip Andreis war ein kroatischer Musikwissenschaftler, Musikgeschichtsschreiber, Hochschullehrer, Musiklexikograph, Redakteur und Musikschriftsteller. Er gehört zu den zentralen Figuren der kroatischen Musikforschung im 20. Jahrhundert, weil er die allgemeine Musikgeschichte, die Geschichte der kroatischen Musik, die akademische Ausbildung von Musikwissenschaftlern und die musiklexikographische Arbeit in Zagreb nachhaltig prägte.
Seine bekanntesten Werke sind Povijest glazbe, Historija muzike, Povijest hrvatske glazbe und die englischsprachige Darstellung Music in Croatia. Hinzu kommen Uvod u glasbenu estetiku, Vječni Orfej, redaktionelle Arbeiten an der Muzička enciklopedija, zahlreiche Aufsätze, Rezensionen, Beiträge zur kroatischen Musikgeschichte und editorische wie organisatorische Tätigkeit im Umfeld der Musikakademie Zagreb und der kroatischen wissenschaftlichen Institutionen.
Andreis steht kulturgeschichtlich an einer Schnittstelle zwischen Pädagogik, nationaler Musikgeschichtsschreibung, europäischer Allgemeinbildung, Lexikographie und institutioneller Wissenschaftsbildung. Er schrieb nicht nur für ein kleines Spezialpublikum, sondern auch für Schüler, Studierende, Musikliebhaber, Musiker, Lehrer und eine breitere kulturelle Öffentlichkeit. Gerade dadurch wurde er zu einem Autor, dessen Bücher die Wahrnehmung von kroatischer Musik über Jahrzehnte mitbestimmten.
Seine Arbeit war pionierhaft, aber nicht unproblematisch. Die spätere Forschung hat gezeigt, dass Andreis stark synthetisch schrieb, vorhandene Literatur bündelte, die Geschichte kroatischer Musik in übersichtliche Erzählformen brachte und dabei zugleich nationale, kulturpolitische und methodische Voraussetzungen seiner Zeit teilte. Deshalb ist er nicht nur als Informationsquelle, sondern auch als Gegenstand der Historiographiegeschichte wichtig. Wer heute über kroatische Musikgeschichte schreibt, begegnet Andreis zugleich als Wegbereiter und als Autor, dessen Konzepte kritisch weitergeführt werden müssen.
Kurzdaten
| Name | Josip Andreis; in bibliographischer Ansetzung: Andreis, Josip. |
|---|---|
| Geburtsdatum | 19. März 1909. |
| Geburtsort | Nach kroatischen Referenzwerken Split; MGG Online nennt abweichend Zagreb. |
| Sterbedatum | Nach kroatischen Referenzwerken 16. Januar 1982; einzelne Nachweise und MGG Online nennen den 17. Januar 1982. |
| Sterbeort | Nach kroatischen Referenzwerken Zagreb; MGG Online nennt abweichend Split. |
| Beruf | Musikwissenschaftler, Musikgeschichtsschreiber, Hochschullehrer, Musiklexikograph, Musikschriftsteller, Musikpädagoge, Redakteur, Herausgeber und institutioneller Begründer der modernen kroatischen Musikgeschichtsschreibung. |
| Studien | Romanistik mit Italienisch und Französisch in Zagreb und Rom; musikpädagogische Ausbildung an der Musikakademie Zagreb; Kompositionsunterricht unter anderem bei Ivo Parać. |
| Frühe Tätigkeit | Gymnasiallehrer in Šibenik, Herceg Novi, Split und Zagreb. |
| Hochschule | Professor an der Musikakademie Zagreb; dort wirkte er von 1945 beziehungsweise 1948 bis 1972 in der Musikgeschichte und späteren Musikwissenschaft. |
| Institutionelle Leistung | Begründung beziehungsweise entscheidende Prägung des Fachbereichs Musikgeschichte und Musikwissenschaft an der Musikakademie Zagreb; Mitwirkung an der Herausbildung eines eigenständigen kroatischen musikwissenschaftlichen Forschungsfeldes. |
| Akademie | Mitglied der damaligen Jugoslawischen Akademie der Wissenschaften und Künste, heute im kroatischen Akademiekontext HAZU. |
| Redaktion | Redakteur von Muzičke novine in den frühen 1950er Jahren; maßgeblicher Herausgeber der ersten Ausgabe der Muzička enciklopedija. |
| Hauptwerke | Povijest glazbe, Historija muzike, Povijest hrvatske glazbe, Music in Croatia, Uvod u glasbenu estetiku und Vječni Orfej. |
| Forschungsschwerpunkt | Allgemeine Musikgeschichte, kroatische Musikgeschichte, Musikästhetik, Musikpädagogik, Musiklexikographie und geschichtliche Synthese südslawischer beziehungsweise jugoslawischer Musikkulturen. |
| Kulturgeschichtlicher Rang | Andreis gehört zu den Autoren, durch deren Lehrbücher, Synthesen und Institutionen die kroatische Musikgeschichtsschreibung nach 1945 akademisch gefestigt und international sichtbarer wurde. |
Namensform und Datenlage
Die Namensform Josip Andreis ist stabil. In Bibliotheken, Lexika und wissenschaftlichen Nachweisen erscheint der Name meist in der invertierten Form Andreis, Josip. Eine größere Schwierigkeit betrifft nicht den Namen, sondern die Lebensdaten. Die vom deutschen MGG-Artikel und vom Auftrag genannte Fassung lautet: geboren am 19. März 1909 in Zagreb, gestorben am 17. Januar 1982 in Split. Kroatische Standardquellen wie die Hrvatska enciklopedija, das Hrvatski biografski leksikon und das Hrvatsko društvo skladatelja geben dagegen Split als Geburtsort und Zagreb als Sterbeort an; das Sterbedatum erscheint dort überwiegend als 16. Januar 1982.
Für eine Kulturlexikon-Seite ist diese Abweichung wichtig, weil sie nicht durch eine stillschweigende Entscheidung verdeckt werden sollte. Der vorliegende Eintrag setzt im Haupttext und in den strukturierten Daten die in kroatischen Referenzwerken am stärksten belegte Form Split, 19. März 1909 – Zagreb, 16. Januar 1982, vermerkt aber die MGG-Variante ausdrücklich. Auf diese Weise bleibt die Seite sowohl mit der deutschsprachigen Fachüberlieferung als auch mit den kroatischen Referenzwerken kompatibel.
Leben
Josip Andreis wurde am 19. März 1909 geboren. Nach kroatischen Referenzwerken stammte er aus Split, wo er auch die Schule besuchte; nach MGG Online wird Zagreb als Geburtsort genannt. Die dalmatinische Herkunft ist für seine spätere Beschäftigung mit der kroatischen Musikgeschichte nicht nebensächlich. Dalmatien war ein kultureller Raum, in dem italienische, kroatische, habsburgische, venezianische und mediterrane Traditionen aufeinandertrafen. Diese Mehrschichtigkeit bildete einen Hintergrund für Andreis’ Interesse an Musikgeschichte, Sprache, Kulturkontakt und nationaler Selbstbeschreibung.
Andreis studierte Romanistik, insbesondere Italienisch und Französisch, in Zagreb und Rom. Diese philologische Ausbildung prägte sein späteres Schreiben deutlich. Er war ein Musikgeschichtsschreiber, der Musik nicht nur als Klangereignis, sondern als kulturelles, sprachliches und historisches Phänomen verstand. Die Romanistik öffnete ihm den Zugang zu italienischer und französischer Literatur, zu Quellen der älteren Musikgeschichte und zu einem europäischen Bildungsmodell, das seine musikgeschichtlichen Darstellungen dauerhaft strukturierte.
Seine musikalische Ausbildung erhielt er an der Musikakademie Zagreb und durch privaten Kompositionsunterricht, unter anderem bei Ivo Parać in Split. Er beschäftigte sich zeitweise auch selbst mit Komposition. Die spätere Forschung hat diesen „Komponistenabschnitt“ als Episode beschrieben, die für seine intellektuelle Entwicklung dennoch wichtig war. Der Blick auf Komposition, Form, Satz und musikalisches Material schärfte seine musikgeschichtliche Darstellung, auch wenn er vor allem als Historiker und nicht als Komponist in Erinnerung blieb.
Vor seiner akademischen Laufbahn war Andreis als Gymnasiallehrer tätig. Er unterrichtete in Šibenik, Herceg Novi, Split und Zagreb. Diese pädagogische Phase ist für seine späteren Lehrbücher wichtig. Andreis schrieb Musikgeschichte häufig in einer Form, die didaktisch geordnet, klar periodisiert und für Studierende sowie gebildete Laien lesbar war. Sein Erfolg beruhte nicht zuletzt darauf, dass er wissenschaftliche Zusammenhänge in lehrbare Formen brachte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Andreis an der Musikakademie Zagreb tätig. Dort unterrichtete er Musikgeschichte und wirkte an der institutionellen Begründung des Fachs mit. In den Jahren nach 1945 entstand in Zagreb ein stärker akademisch gefasstes Feld der Musikgeschichtsforschung. Andreis war daran wesentlich beteiligt, indem er Lehrstühle, Unterricht, Forschungsinteressen, Publikationen und institutionelle Strukturen miteinander verband.
1948 wurde an der Musikakademie Zagreb der Fachbereich für Musikgeschichte und Theorie beziehungsweise eine Vorform des späteren Musikwissenschaftsbereichs eingerichtet. Andreis spielte dabei eine führende Rolle. In den folgenden Jahrzehnten bildete er Studierende aus, prägte Curricula, betreute musikgeschichtliche Forschung und half, Musikgeschichte als Hochschulfach aus dem Bereich allgemeiner Musikbildung herauszulösen und als wissenschaftliche Disziplin zu stabilisieren.
Von besonderer Bedeutung war auch seine lexikographische und redaktionelle Tätigkeit. Als Herausgeber beziehungsweise maßgeblicher Redakteur der ersten Muzička enciklopedija arbeitete er an einem monumentalen Grundlagenwerk der jugoslawischen und kroatischen Musikkultur. Zudem war er Redakteur von Muzičke novine und gehörte zu den Persönlichkeiten, die Musikpublizistik, Wissenschaft, Hochschullehre und kulturelle Öffentlichkeit eng miteinander verbanden.
Andreis starb nach kroatischen Referenzwerken am 16. Januar 1982 in Zagreb; einzelne Nachweise nennen den 17. Januar. MGG Online gibt abweichend Split als Sterbeort an. Sein Nachlass und seine Bibliothek wurden für die kroatische Musikforschung bedeutsam. Sein Name blieb mit der Musikakademie Zagreb, mit der kroatischen Musikgeschichtsschreibung und mit mehreren Generationen von Musikforschern verbunden.
Kulturüberblick
Josip Andreis wirkte in einer Zeit, in der Musikgeschichtsschreibung in Kroatien und im jugoslawischen Raum neu geordnet wurde. Nach 1945 mussten nationale, regionale und gesamtjugoslawische Kulturgeschichten miteinander vermittelt werden. Die Musikgeschichte stand dabei vor mehreren Aufgaben: Sie sollte europäische Musikgeschichte vermitteln, die kroatische Musiktradition rekonstruieren, Archive und Quellen erschließen, Komponistenkanons bilden, Institutionen begründen und zugleich eine moderne wissenschaftliche Sprache ausbilden.
Andreis erfüllte diese Aufgaben in der Form großer Synthesen. Seine Bücher sind weniger kleinteilige Quellenstudien als breit angelegte Darstellungen. Sie ordnen Epochen, Komponisten, Institutionen, Gattungen und kulturelle Räume. Diese synthetische Fähigkeit machte seine Werke für Unterricht und Überblick außerordentlich wirksam. Zugleich begründet sie die spätere Kritik: Manche methodischen Voraussetzungen, nationale Ordnungsmuster und Wertungen wurden von späteren Forschern korrigiert oder differenziert.
Für die kroatische Musikgeschichte war Andreis besonders wichtig, weil er eine kohärente Erzählung der Musikentwicklung in kroatischen Ländern entwarf. Er verknüpfte mittelalterliche, kirchliche, dalmatinische, städtische, höfische, bürgerliche und moderne Musiktraditionen. Diese Darstellung half, ein historisches Bewusstsein für die Eigenständigkeit und Verflechtung kroatischer Musik zu schaffen. Sie machte zugleich sichtbar, dass kroatische Musikgeschichte immer in Kontakt mit Italien, Mitteleuropa, dem Mittelmeerraum, dem Habsburgerreich und dem südslawischen Raum stand.
Andreis’ Darstellung der kroatischen Musik war damit Teil einer größeren kulturellen Selbstbeschreibung. Sie stellte die kroatische Musik nicht als isolierte nationale Erscheinung dar, sondern als Entwicklung innerhalb europäischer Musikgeschichte. Zugleich ordnete sie Komponisten, Städte und Institutionen so, dass ein nationaler Zusammenhang erkennbar wurde. Gerade diese doppelte Bewegung, europäische Anschlussfähigkeit und nationale Profilbildung, bestimmt den kulturgeschichtlichen Rang seiner Arbeit.
Seine Werke waren auch pädagogische Kulturmedien. Povijest glazbe und Historija muzike richteten sich an Schüler, Studierende und Musikinteressierte. Povijest hrvatske glazbe und Music in Croatia machten die kroatische Musikgeschichte in einer stärker zusammenfassenden und auch international verwendbaren Form zugänglich. Die Muzička enciklopedija diente als Nachschlagewerk für eine breite musikalische Öffentlichkeit.
Die spätere Forschung zu Andreis betont daher häufig zwei Seiten: den Pionier und den Gegenstand kritischer Revision. Ohne seine Übersichtswerke und institutionelle Arbeit wäre die moderne kroatische Musikwissenschaft schwer vorstellbar. Zugleich muss die heutige Forschung seine Periodisierungen, Kanonbildungen, nationalen Akzente und methodischen Grenzen historisch einordnen.
Musikakademie Zagreb und institutionelle Musikwissenschaft
Die Musikakademie Zagreb war das institutionelle Zentrum von Andreis’ Laufbahn. Dort entwickelte sich aus Musikgeschichte als Lehrfach allmählich eine eigenständige musikwissenschaftliche Disziplin. Andreis gehörte zu den Personen, die diesen Übergang praktisch vollzogen. Er unterrichtete Musikgeschichte, baute akademische Strukturen auf, bildete Studierende aus und half, Forschung und Lehre enger zu verbinden.
Die Gründung beziehungsweise Ausformung des Fachbereichs für Musikgeschichte und Theorie im Jahr 1948 war ein wichtiger Schritt. Später wurde daraus der Bereich Musikgeschichte und schließlich ein musikwissenschaftlich ausgerichteter Fachzusammenhang. Andreis’ Rolle bestand nicht nur darin, Vorlesungen zu halten, sondern auch darin, dem Fach ein Profil zu geben: Musikgeschichte sollte nicht bloß Stil- und Werkchronologie sein, sondern eine wissenschaftlich verantwortete historische Disziplin.
Von Bedeutung war ferner die Verbindung zum Muzikološki zavod und zu akademischen Einrichtungen. Andreis’ Bibliothek und Arbeitsmaterialien wurden für die spätere Forschung relevant. Er stand damit für eine Generation, die die Grundlagen schuf, auf denen später spezialisiertere kroatische Musikforschung, Editionsphilologie, Quellenkunde, Stadtmusikforschung, Rezeptionsgeschichte und Musikästhetik aufbauen konnten.
Musikgeschichtsschreibung
Andreis’ Musikgeschichtsschreibung ist synthetisch, pädagogisch und kanonbildend. Sie fragt nicht primär nach einzelnen Detailproblemen, sondern nach großen Linien: Epochen, Gattungen, Komponisten, musikalische Institutionen und nationale Kulturentwicklung. Diese Anlage erklärt, warum seine Werke lange als Lehr- und Überblickswerke benutzt wurden.
Povijest glazbe und Historija muzike stellen die allgemeine Musikgeschichte dar. Sie führen von älteren Epochen über Renaissance, Barock, Klassik und Romantik bis zur Moderne. In diesem Rahmen erscheint die kroatische Musikgeschichte zunächst als Teil einer europäischen Ordnung. Später tritt sie in Povijest hrvatske glazbe und Music in Croatia stärker als eigenes Thema hervor.
Die kroatische Musikgeschichte bei Andreis ist besonders auf Komponisten, Institutionen und historische Entwicklungslinien ausgerichtet. Er bildet einen Kanon, in dem Figuren wie Vatroslav Lisinski, Ivan Zajc, Franjo Ksaver Kuhač, Blagoje Bersa, Josip Hatze, Dora Pejačević und andere zentrale Positionen erhalten. Die spätere Forschung hat diese Kanonbildung erweitert, differenziert und teilweise korrigiert, doch Andreis’ Ordnungsleistung blieb ein Ausgangspunkt.
Sein Stil ist auf Übersicht und Vermittlung angelegt. Andreis schreibt verständlich, oft erzählerisch, mit deutlichem Sinn für historische Abfolge. Der Preis dieser Klarheit ist gelegentlich eine Vereinfachung komplexer sozialer, sprachlicher und politischer Verhältnisse. Gerade im Bereich Dalmatien, Dubrovnik, Istrien und der mehrsprachigen städtischen Kultur des 19. Jahrhunderts zeigen neuere Studien, dass Andreis’ nationale Ordnungsmuster kritisch gelesen werden müssen.
Lexikographie, Redaktion und Wissenschaftsorganisation
Andreis war nicht nur Autor von Monographien und Lehrbüchern, sondern auch Lexikograph und Redakteur. Seine Arbeit an der Muzička enciklopedija gehört zu den wichtigsten Leistungen der südslawischen Musiklexikographie. Die erste Ausgabe erschien in zwei Bänden in den Jahren 1958 und 1963 unter seiner Herausgeberschaft. Das Werk schuf eine Grundlage für musikalisches Nachschlagen, Fachterminologie, biographische Orientierung und musikgeschichtliche Selbstbeschreibung.
Lexikographie ist in diesem Zusammenhang mehr als eine technische Sammelarbeit. Sie ordnet Wissen, bestimmt Begriffe, wählt Personen aus, legt Wertungen nahe und schafft eine Infrastruktur der Kultur. In einem mehrsprachigen und multinationalen Raum wie Jugoslawien war eine Musik-Enzyklopädie auch ein kulturelles Ordnungsprojekt. Andreis’ Rolle zeigt, dass Musikgeschichtsschreibung und Lexikographie im 20. Jahrhundert eng zusammengehörten.
Als Redakteur von Muzičke novine wirkte Andreis auch in der musikalischen Öffentlichkeit. Die Verbindung von Zeitschrift, Hochschule, Akademie, Lexikon und Lehrbuch machte ihn zu einem Wissenschaftsorganisator. Er war nicht allein Forscher im engeren Sinn, sondern eine Schaltfigur zwischen Institution, Verlag, Unterricht, Redaktion und kultureller Öffentlichkeit.
Werkverzeichnis
Das folgende Werkverzeichnis fasst die wichtigsten selbständigen Bücher, größeren Darstellungen, Übersetzungen, redaktionellen Leistungen und Werkgruppen Josip Andreis’ zusammen. Bei Andreis ist zwischen Lehrbuch, wissenschaftlicher Synthese, nationaler Musikgeschichte, Musikästhetik, Lexikonredaktion, Aufsatzproduktion, Übersetzung und institutioneller Herausgebertätigkeit zu unterscheiden.
| Povijest glazbe, 1942 | Frühe kroatische Musikgeschichte beziehungsweise allgemeine Musikgeschichte mit Notenbeispielen, Handschriftenreproduktionen und Abbildungen. Das Werk erschien im Kontext der Matica-hrvatska-Jubiläumsausgaben und zeigt Andreis bereits als didaktisch orientierten Musikgeschichtsschreiber. |
|---|---|
| Uvod u glasbenu estetiku, 1944 | Einführung in die Musikästhetik. Die spätere Forschung würdigt dieses schmale Werk als eine der ersten modernen, in sich konsistenten Musikästhetiken eines kroatischen Autors. Behandelt werden unter anderem Ton, Rhythmus, Melodie, Harmonie, Klangfarbe, Form, Verhältnis von Ton und Wort sowie musikalisches Erleben. |
| Historija muzike, 1951–1954 | Mehrbändiges Lehr- und Überblickswerk zur Musikgeschichte für höhere und mittlere Musikschulen. Das Werk erschien bei Školska knjiga in Zagreb und wurde für Generationen von Studierenden und Musikschülern ein grundlegendes Unterrichtsmittel. |
| Historija muzike, zweite überarbeitete Ausgabe, 1966 | Überarbeitete zweibändige Fassung, die in der Forschung zur Entwicklung von Andreis’ Epochen- und Stilbegriffen, etwa Renaissance und Barock, herangezogen wird. |
| Povijest glazbe, vierbändige Ausgabe, 1974–1977 | Spätere große Fassung der allgemeinen Musikgeschichte, erschienen bei Liber beziehungsweise Liber und Mladost in Zagreb. Der vierte Band behandelt die kroatische Musikgeschichte und wurde als Povijest hrvatske glazbe besonders wichtig. |
| Povijest hrvatske glazbe, 1974 | Geschichte der kroatischen Musik, als vierter Band der Povijest glazbe greifbar. Das Werk gehört zu den einflussreichsten Synthesen zur kroatischen Musikgeschichte und wurde später in der Forschung vielfach diskutiert, erweitert und kritisch revidiert. |
| Music in Croatia, 1974 | Englischsprachige Darstellung der kroatischen Musikgeschichte, herausgegeben beziehungsweise publiziert im Umfeld des Institute of Musicology der Academy of Music in Zagreb. Das Werk machte Andreis’ Sicht auf kroatische Musik einem internationalen Publikum zugänglich. |
| Music in Croatia, zweite Ausgabe, 1982 | Überarbeitete beziehungsweise spätere Ausgabe von Music in Croatia. Sie wurde in der internationalen Forschung häufig als Standardreferenz zur kroatischen Musikgeschichte verwendet. |
| Razvoj muzičke umjetnosti u Hrvatskoj | Darstellung der Entwicklung der Tonkunst in Kroatien, eingebunden in den größeren Zusammenhang des historischen Entwicklungsbildes der musikalischen Kultur in Jugoslawien. Das Werk bildet eine Grundlage für spätere Fassungen und Übersetzungen. |
| Vječni Orfej, 1967 | Vječni Orfej: Uvod u muzičku umjetnost. Einführung in die Musikkunst, gerichtet an ein breiteres Publikum. Das Werk zeigt Andreis’ pädagogischen Anspruch, musikalische Bildung nicht auf Fachmusiker zu beschränken. |
| Muzička enciklopedija, 1958 und 1963 | Erste Ausgabe der Muzička enciklopedija in zwei Bänden unter Andreis’ Herausgeberschaft. Das Werk gehört zu den großen lexikographischen Grundlagen der jugoslawischen und kroatischen Musikkultur. |
| Muzička enciklopedija, spätere Bezugsausgaben | Die zweite Ausgabe der Muzička enciklopedija erschien 1971 bis 1977 unter anderer Generalredaktion, steht aber in der Tradition der von Andreis mitbegründeten lexikographischen Arbeit. |
| Muzičke novine, Redaktion 1950–1951 | Redaktionelle Tätigkeit bei der Musikzeitung Muzičke novine. Diese Arbeit gehört zu Andreis’ Vermittlung zwischen Fachwissenschaft, Musikleben und musikalischer Öffentlichkeit. |
| Arti musices, institutioneller Zusammenhang | Andreis steht in der Geschichte der kroatischen musikologischen Zeitschriftenkultur und der späteren Fachzeitschrift Arti musices. Sein Tod wurde dort 1982 mit einem Gedenkbeitrag gewürdigt. |
| Aufsätze zur kroatischen Musikgeschichte | Zahlreiche Beiträge zu Epochen, Komponisten, Institutionen und Fragen der kroatischen Musikgeschichte. Die genaue Einzelbibliographie ist umfangreich und wird in Spezialbibliographien zu Andreis und seinem Werk aufgearbeitet. |
| Beiträge zur Musikästhetik | Ausgehend von Uvod u glasbenu estetiku beschäftigte sich Andreis mit Grundfragen musikalischer Wahrnehmung, Form, Ausdruck, Klang, Sprache und musikalischem Kunstwerk. |
| Beiträge zur allgemeinen Musikgeschichte | Lehrbuchartige und synthetische Darstellungen der europäischen Musikgeschichte, die Epochen, Komponisten, Formen und Gattungen in einen großen didaktischen Zusammenhang stellten. |
| Beiträge zur Lexikographie | Konzeption, Redaktion, Auswahl und Bearbeitung musikalischer Lexikonartikel im Umfeld der Muzička enciklopedija. Diese Arbeit prägte Terminologie und Wissensordnung des südslawischen Musikschrifttums. |
| Beiträge zu Komponistenporträts | Andreis schrieb über zahlreiche Komponisten der kroatischen und europäischen Musikgeschichte. Seine Porträts verbinden biographische Darstellung, Werkübersicht und historische Einordnung. |
| Übersetzung literarischer Texte, 1942 | Andreis übersetzte aus dem Italienischen; in der Forschung wird unter anderem seine Übersetzung von Aldo Palazzeschis Sorelle Materassi erwähnt. Diese Tätigkeit verweist auf seine romanistische Ausbildung. |
| Kompositionsversuche und Sonatine | Die Forschung beschreibt eine frühe kompositorische Episode. Für 1941 wird eine Aufführung beziehungsweise Ankündigung einer Sonatine für Klavier erwähnt. Diese Werke stehen nicht im Zentrum seines Nachruhms, zeigen aber seine praktische musikalische Ausbildung. |
| Briefwechsel mit Dragotin Cvetko | Der überlieferte Briefwechsel mit dem slowenischen Musikwissenschaftler Dragotin Cvetko umfasst mehrere Jahrzehnte und ist für Andreis’ Biographie, seine wissenschaftlichen Netzwerke und die Geschichte der südslawischen Musikwissenschaft wichtig. |
| Bibliographie der Arbeiten über Josip Andreis | Die umfangreiche Sekundärbibliographie zu Andreis und seinem Werk dokumentiert die nachhaltige Wirkung seiner historischen, ästhetischen, lexikographischen und institutionellen Arbeit. |
Rezeption und Bedeutung
Josip Andreis wurde in Kroatien und im jugoslawischen Musikleben als einer der grundlegenden Musikgeschichtsschreiber des 20. Jahrhunderts wahrgenommen. Seine Lehrbücher und Synthesen wurden breit rezipiert, seine Hochschultätigkeit prägte Generationen, und seine lexikographische Arbeit gab der musikalischen Öffentlichkeit ein wichtiges Nachschlageinstrument.
Die spätere Forschung würdigt besonders seine pionierhafte Funktion. Andreis half, kroatische Musikgeschichte als zusammenhängendes Forschungs- und Unterrichtsfeld zu etablieren. Er schrieb eine Geschichte, die für Studierende lesbar, für Musiklehrer verwendbar und für die internationale Wahrnehmung kroatischer Musik anschlussfähig war.
Gleichzeitig ist seine Geschichtsschreibung heute ein Gegenstand kritischer Reflexion. Forschende wie Vjera Katalinić, Eva Sedak, Ennio Stipčević, Stanislav Tuksar und andere haben einzelne Aspekte seiner Darstellung neu gelesen. Dabei geht es um Renaissance- und Barockbegriffe, um Klassik, um Musik des 20. Jahrhunderts, um nationale Kanonbildung, um methodische Voraussetzungen und um das Verhältnis von Faktographie und interpretierender Erzählung.
Gerade diese doppelte Rezeption macht Andreis wichtig. Er ist nicht nur ein Autor, den man zitiert, wenn man ältere Überblicksdaten sucht. Er ist auch ein Autor, an dem sich die Entwicklung der kroatischen Musikwissenschaft selbst ablesen lässt: von der großen Synthese über die nationale Kanonbildung bis zur differenzierten Quellen-, Kultur- und Diskursgeschichte.
Sein Name lebt zudem institutionell weiter. Der Kroatische Komponistenverband vergibt einen nach Josip Andreis benannten Preis. Auch dadurch bleibt sein Rang als Vermittler von Forschung, Musikleben und kultureller Öffentlichkeit sichtbar.
Sekundärliteratur
- Cigoj Krstulović, Nataša: A Contribution to the Biography of Josip Andreis: The Letters to Dragotin Cvetko, in: Arti musices. Studie zum langjährigen Briefwechsel Andreis’ mit dem slowenischen Musikwissenschaftler Dragotin Cvetko.
- Katalinić, Vjera: Music History in Croatia in the Period of Classicism in the Povijest hrvatske glazbe by Josip Andreis, in: Arti musices. Untersuchung zu Andreis’ Darstellung des musikalischen Klassizismus.
- Kos, Koraljka: Josip Andreis (Split, 19. ožujka 1909 – Zagreb, 17. siječnja 1982), in: Arti musices, 13/1, 1982. Gedenk- und Würdigungsbeitrag.
- Sedak, Eva: Studie zu Josip Andreis’ Darstellung der kroatischen Musik des 20. Jahrhunderts. Wichtig für die kritische Lektüre von Kanon, Moderne, Nationalismus und Modernismus.
- Stipčević, Ennio: Josip Andreis o renesansi i baroku, in: Arti musices. Beitrag zur Verwendung und Wirkung der Begriffe Renaissance und Barock in Andreis’ Musikgeschichtsschreibung.
- Supičić, Ivo (Hg.): Josip Andreis, 1909–1982, Jugoslavenska akademija znanosti i umjetnosti, Zagreb 1984. Memorialschrift innerhalb der Reihe Spomenica preminulim akademicima.
- Tuksar, Stanislav: Josip Andreis i njegovo djelo Uvod u glasbenu estetiku, in: Arti musices. Analyse von Andreis’ musikästhetischem Frühwerk.
- Županović, Lovro: Studien und Gedenktexte zu Josip Andreis, insbesondere im Zusammenhang der akademischen Memorialliteratur der JAZU.
- Beiträge in der Andreis-Spezialbibliographie: Bibliografija radova o Josipu Andreisu i njegovim djelima. Zusammenstellung der Forschungsliteratur zu Person, Werk und Wirkung.
- Neuere kroatische Musikwissenschaft zur Geschichte des Fachs Musikologie in Zagreb. Diese Forschung ordnet Andreis als institutionelle Gründungsfigur und zugleich als historisch zu kontextualisierenden Autor ein.
Ausgewählte Onlinequellen
- Arti musices: Bibliografija 1969–2025 Bibliographie der Zeitschrift Arti musices mit Nachweisen zu Gedenkbeiträgen, Studien und musikwissenschaftlichen Arbeiten im Umfeld Josip Andreis’.
- Bibliografija radova o Josipu Andreisu i njegovim djelima Spezialbibliographie der Arbeiten über Josip Andreis und seine Werke, wichtig für die weitere Forschung und Quellenkontrolle.
- Encyclopedia.com: Andreis, Josip Englischsprachiger Kurzartikel mit biographischen Grunddaten, Ausbildung, Tätigkeit an der Musikakademie Zagreb und Werkliste.
- Hrvatski biografski leksikon: Andreis, Josip Kroatischer biographischer Fachartikel mit Angaben zu Herkunft, Ausbildung, Lehrtätigkeit, akademischer Position und Werkprofil.
- Hrvatsko društvo skladatelja: Josip Andreis Kurzbiographie des Kroatischen Komponistenverbands mit Angaben zu Lebensdaten, Tätigkeit an der Musikakademie Zagreb, JAZU-Mitgliedschaft und Verbandsfunktionen.
- Hrvatska enciklopedija: Andreis, Josip Kroatischer Referenzartikel zu Andreis als Musikwissenschaftler und Musikgeschichtsschreiber, mit Lebensdaten, Studien, Hochschultätigkeit und Hauptwerken.
- Hrčak: A Contribution to the Biography of Josip Andreis Aufsatz von Nataša Cigoj Krstulović zum Briefwechsel Josip Andreis’ mit Dragotin Cvetko und zur biographischen Forschung.
- Hrčak: Josip Andreis i njegovo djelo Uvod u glasbenu estetiku Aufsatz von Stanislav Tuksar zu Andreis’ Uvod u glasbenu estetiku als frühem musik ästhetischem Werk kroatischer Autorschaft.
- Hrčak: Music History in Croatia in the Period of Classicism Studie von Vjera Katalinić zur Darstellung des musikalischen Klassizismus in Andreis’ Povijest hrvatske glazbe.
- Hrčak PDF: Josip Andreis o renesansi i baroku PDF eines Aufsatzes von Ennio Stipčević zu Andreis’ Verwendung der Begriffe Renaissance und Barock in der Musikgeschichtsschreibung.
- MGG Online: Andreis, Josip Deutschsprachiger Fachlexikonartikel mit der abweichenden Lebensdatenfassung Zagreb/Split sowie Angaben zu Studium, Beruf und musikwissenschaftlicher Bedeutung.
- National Library of Australia: Music in Croatia Bibliographischer Nachweis zu Andreis’ englischsprachiger Darstellung Music in Croatia, einschließlich Umfang und thematischer Einordnung.
- Proleksis enciklopedija: Andreis, Josip Kroatischer Kurzartikel mit Lebensdaten, akademischem Profil, Auszeichnungen und Hinweis auf seine Bedeutung als Musikologe.
- RILM: Encyclopedias List – Muzička enciklopedija Internationaler Nachweis zur Muzička enciklopedija mit Hinweis auf die erste Ausgabe unter Herausgeberschaft Josip Andreis’.
- Wikidata: Josip Andreis Normdatenorientierter Eintrag mit Identifikatoren, Namensform und internationalen Datenverknüpfungen.
Weiterführende Einträge
- Josip Andreis Kroatischer Musikwissenschaftler, Musikgeschichtsschreiber, Hochschullehrer und Lexikograph des 20. Jahrhunderts.
- Arti musices Kroatische musikwissenschaftliche Zeitschrift, in der Studien und Gedenkbeiträge zu Andreis und seiner Wirkung erschienen.
- Dragotin Cvetko Slowenischer Musikwissenschaftler und langjähriger Korrespondenzpartner Josip Andreis’.
- Historija muzike Mehrbändiges Lehrwerk Andreis’ zur allgemeinen Musikgeschichte für Musikschulen und Studierende.
- Hrvatska akademija znanosti i umjetnosti Kroatische Akademieinstitution, in deren Vorgängerzusammenhang Andreis als Wissenschaftler und Akademiemitglied stand.
- Ivo Parać Komponist und Lehrer, bei dem Andreis privaten Kompositionsunterricht erhielt.
- Kroatische Musik Zentrales Forschungsfeld Andreis’ und Gegenstand seiner wichtigsten musikgeschichtlichen Synthesen.
- Kroatischer Komponistenverband Musikorganisation, mit der Andreis verbunden war und die einen nach ihm benannten Preis vergibt.
- Music in Croatia Englischsprachige Darstellung der kroatischen Musikgeschichte von Josip Andreis.
- Musikakademie Zagreb Zentrale Wirkungsstätte Andreis’ und institutioneller Ort der modernen kroatischen Musikwissenschaft.
- Musikästhetik Feld, das Andreis mit Uvod u glasbenu estetiku in kroatischer Sprache früh systematisch behandelte.
- Musikgeschichte Allgemeiner Gegenstandsbereich von Andreis’ Lehrbüchern, Synthesen und Hochschultätigkeit.
- Musikgeschichtsschreibung Methodisches Feld, in dem Andreis zugleich als Pionier und als Gegenstand kritischer Revision wichtig ist.
- Musiklexikographie Lexikographisches Arbeitsfeld, das Andreis durch die Muzička enciklopedija wesentlich mitprägte.
- Musikwissenschaft Akademische Disziplin, deren kroatische Institutionalisierung Andreis an der Musikakademie Zagreb entscheidend förderte.
- Muzička enciklopedija Südslawisches beziehungsweise kroatisches Musiknachschlagewerk, dessen erste Ausgabe unter Andreis’ Herausgeberschaft erschien.
- Muzičke novine Musikzeitung, bei der Andreis Anfang der 1950er Jahre redaktionell tätig war.
- Povijest glazbe Große Musikgeschichtsdarstellung Andreis’ und eines seiner wirkungsmächtigsten Lehrwerke.
- Povijest hrvatske glazbe Geschichte der kroatischen Musik von Josip Andreis, bis heute ein zentraler Bezugspunkt der kroatischen Musikgeschichtsschreibung.
- Romanistik Philologischer Ausbildungshintergrund Andreis’, besonders in Italienisch und Französisch.
- Split Nach kroatischen Referenzwerken Geburtsort Andreis’ und wichtiger kultureller Bezugspunkt seiner Biographie.
- Uvod u glasbenu estetiku Musikästhetisches Frühwerk Andreis’ von 1944 und wichtiger Text der kroatischen Musikästhetik.
- Vječni Orfej Einführung Andreis’ in die Musikkunst für ein breiteres musikinteressiertes Publikum.
- Zagreb Zentraler Studien-, Wirkungs- und nach kroatischen Quellen Sterbeort Josip Andreis’.