Altdorf
Überblick
Altdorf, genauer Altdorf bei Nürnberg, ist ein etwa 20 Kilometer östlich von Nürnberg gelegener Ort in Mittelfranken. Kulturgeschichtlich ist Altdorf besonders bedeutsam, weil sich hier vom späten 16. Jahrhundert bis zum frühen 19. Jahrhundert die Hochschule der Reichsstadt Nürnberg befand. Diese Einrichtung wurde aus der 1526 in Nürnberg unter Mitwirkung Philipp Melanchthons gegründeten humanistischen Schule bei St. Egidien entwickelt, 1575 nach Altdorf verlegt, 1580 beziehungsweise 1581 zur Akademie erhoben, 1622/1623 zur Universität aufgewertet, 1696/1697 zur Volluniversität ausgebaut und 1809 aufgehoben.
Für die Musik- und Kulturgeschichte ist Altdorf kein Komponistenort im engen Sinn, sondern ein institutioneller Resonanzraum. Die Universität Altdorf, auch Altdorfina oder Academia norica, verband humanistische Schulbildung, protestantische Theologie, lateinische Gelehrsamkeit, akademische Zeremonien, studentische Kultur, kirchliche Musikpflege und die Nähe zum reichen Nürnberger Musikleben. Die feierliche Einweihung des Kollegiengebäudes am 29. Juni 1575 wurde nach MGG unter musikalischer Leitung von Friedrich Lindner begangen; Leonhard Lechner steuerte zu diesem Anlass die fünfstimmige Komposition Cum nova fatiloquus bei.
Altdorf zeigt exemplarisch, wie eng in der Frühen Neuzeit Bildung, Reformation, Humanismus, Lateinschule, Universitätskultur und Musik verbunden waren. Musik erscheint hier nicht isoliert, sondern als Teil akademischer Festakte, kirchlicher Ordnung, studentischer Geselligkeit, lateinischer Rede- und Dichtungskultur sowie städtisch-patrizischer Repräsentation.
Kurzdaten
| Lemma | Altdorf. |
|---|---|
| Vollständiger Ortsname | Altdorf bei Nürnberg. |
| Lage | Mittelfranken, Bayern, etwa 20 Kilometer östlich von Nürnberg. |
| Kulturgeschichtliche Bedeutung | Sitz der Nürnberger Akademie und Universität Altdorf; Zentrum protestantischer Gelehrten-, Schul-, Kirchen- und Festkultur vom späten 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert. |
| Vorgeschichte | 1526 Gründung der humanistischen Oberen Schule bei St. Egidien in Nürnberg unter Beteiligung Philipp Melanchthons. |
| Verlegung nach Altdorf | 1575 Einweihung der Nürnberger Landschule beziehungsweise Hohen Schule in Altdorf. |
| Akademiestatus | Ab 1580 beziehungsweise 1581 als akademische Einrichtung mit Fakultätsgliederung und Magisterpromotionen fassbar. |
| Universitätsstatus | 1622 durch Kaiser Ferdinand II. zur Universität erhoben; offizielles Gründungsdatum 29. Juni 1623. |
| Volluniversität | 1696 theologisches Promotionsrecht; 1697 feierliche Verkündung der Rangerhöhung zur Volluniversität. |
| Auflösung | 1809 Aufhebung der Universität Altdorf im Königreich Bayern. |
| Musikgeschichtlicher Schwerpunkt | Akademische Einweihungs- und Festmusik, protestantische Kirchenmusik, Lateinschulmusik, studentische Musikkultur und Beziehungen zum Nürnberger Kantoren- und Druckwesen. |
| Dateiname | altdorf.shtml |
Name, Ort und institutionelle Einordnung
Der Name Altdorf bezeichnet im kulturgeschichtlichen Zusammenhang dieses Eintrags nicht irgendeinen gleichnamigen Ort, sondern Altdorf bei Nürnberg. Die präzisierende Ortsangabe ist notwendig, weil der Name Altdorf mehrfach vorkommt. Die historische Bedeutung dieses Altdorfs beruht vor allem auf seiner Funktion als Hochschulort der Reichsstadt Nürnberg. Die Bezeichnung Altdorfina meint die Universität Altdorf, während Academia norica die Verbindung zur Nürnberger Trägerschaft betont.
Altdorf war kein selbständiges Universitätszentrum im Sinn einer territorialfürstlichen Landesuniversität, sondern eine Hochschule der Reichsstadt Nürnberg. Gerade diese Besonderheit ist wichtig. Eine freie Reichsstadt unterhielt hier eine akademische Einrichtung, die der Ausbildung von Theologen, Juristen, Medizinern, Philosophen, Lehrern und Verwaltungseliten diente. Die Hochschule lag außerhalb der eigentlichen Stadt Nürnberg, blieb aber politisch, finanziell und kulturell eng mit Nürnberg verbunden.
Die Entwicklung von der Lateinschule über die Akademie zur Universität zeigt einen typischen frühneuzeitlichen Bildungsweg. Humanistische Rhetorik, lateinische Grammatik, Musik, Theologie, Philosophie und juristische Ausbildung wurden nicht als getrennte Lebenswelten verstanden, sondern als Teile einer gelehrten Kultur, in der Sprache, Schrift, Gesang, Rede, Disziplin und Frömmigkeit zusammengehörten.
Geschichte von Schule, Akademie und Universität
Die Vorgeschichte der Altdorfer Universität beginnt 1526 in Nürnberg. Dort wurde unter Mitwirkung Philipp Melanchthons die Obere Schule bei St. Egidien gegründet. Diese Einrichtung war ein humanistisches Schulprojekt der Reformationszeit. Sie sollte lateinische Bildung, protestantische Theologie, klassische Sprachen und die neue Gelehrsamkeit verbinden. Auch wenn diese erste Schule nur kurze Zeit in ihrer ursprünglichen Form bestand, wurde sie später zum Bezugspunkt einer langen Nürnberger Bildungstradition.
Im 16. Jahrhundert gewann der Gedanke an eine erneuerte städtische Hochschule wieder an Gewicht. Joachim Camerarius, der ehemalige Gründungsrektor des Nürnberger Gymnasiums, regte 1565 einen neuen Gründungsversuch an. Der Nürnberger Rat suchte einen geeigneten Standort außerhalb der Reichsstadt, entschied sich für Altdorf und ließ dort ein Kollegiengebäude errichten. Am 30. September 1571 wurde der Grundstein gelegt, am 29. Juni 1575 wurde die neue Schule feierlich eingeweiht.
Die Einweihung von 1575 hatte nicht nur schulpolitische, sondern auch musikalische Bedeutung. Sie fiel auf Peter und Paul, den späteren akademischen Jahrtag Altdorfs. Friedrich Lindner leitete die Musik; nach der Deutschen Biographie bestand die Kantorei aus mehr als 50 Personen und führte unter anderem Lindners fünfstimmige Vertonung der Antiphon Veni Sancte Spiritus auf. Leonhard Lechner schrieb für denselben Anlass Cum nova fatiloquus, das 1577 in seinen Neuen Teutschen Liedern gedruckt wurde.
Aus der zunächst schulisch-akademischen Einrichtung entwickelte sich rasch eine Hochschule mit höherem Anspruch. 1580 beziehungsweise 1581 wurde sie als Akademie fassbar, in der nicht mehr bloß klassenförmig, sondern nach akademischen Disziplinen gelehrt wurde. 1622 erhob Kaiser Ferdinand II. die Altdorfer Akademie auf Drängen des Nürnberger Rates zur Universität. Als offizieller Gründungstag wurde der 29. Juni 1623 bestimmt, wodurch die Universität an die Einweihung von 1575 und an den Dies academicus anknüpfte.
Die Universität Altdorf blieb zunächst in ihren theologischen Promotionsrechten beschränkt. Erst 1696 erhielt sie das theologische Promotionsrecht, und 1697 wurde die Rangerhöhung zur Volluniversität feierlich verkündet. Diese Entwicklung zeigt, dass akademischer Rang in der Frühen Neuzeit nicht nur eine Frage der Lehre, sondern auch politischer Privilegien, konfessioneller Stellung, finanzieller Ausstattung und kaiserlicher Anerkennung war.
Im 18. Jahrhundert geriet die Universität in eine Phase des Rückgangs. Die Einschreibungen nahmen ab, Reformvorschläge wurden diskutiert, und die Konkurrenz anderer Hochschulen verschärfte sich. Nach dem Übergang Nürnbergs an das Königreich Bayern wurde die Altdorfina 1809 aufgehoben. Die Bibliotheksbestände gelangten nach Erlangen und wurden Teil der dortigen Universitätsbibliothek. Damit endete die institutionelle Geschichte der Universität, während Gebäude, Quellen und Erinnerungskultur bis heute nachwirken.
Ausführlicher Kulturüberblick
Altdorf gehört in die Kulturgeschichte des protestantischen Bildungswesens. Die Stadt war als Hochschulort ein Auslagerungsraum Nürnberger Gelehrsamkeit. Nürnberg selbst war im 16. Jahrhundert eine der bedeutenden Reichsstädte des Heiligen Römischen Reiches, geprägt von Handel, Buchdruck, Kunsthandwerk, Humanismus, Reformation, Patriziat und städtischer Selbstverwaltung. Altdorf wurde zum akademischen Außenort dieser städtischen Kultur.
Die Universität Altdorf war in diesem Sinn eine Bildungsinstitution der Reichsstadt. Sie sollte Nachwuchs für Kirche, Schule, Verwaltung, Rechtspflege und Medizin hervorbringen. Das erklärt auch ihre kulturgeschichtliche Breite. Hier wurden nicht nur gelehrte Spezialisten ausgebildet, sondern Angehörige einer protestantischen Elite, für die Latein, Disputation, Predigt, juristische Argumentation, medizinisches Wissen, philosophische Systematik, Kalenderwissen und kirchliche Kultur zusammengehörten.
Die Nähe zu Nürnberg prägte auch die musikalische Seite Altdorfs. Nürnberg verfügte über ein reiches Kantoren-, Stadtpfeifer-, Orgel-, Musikdruck- und Patriziermilieu. Friedrich Lindner wirkte als Kantor an St. Egidien, Leonhard Lechner etablierte sich in Nürnberg als Komponist und Schulgehilfe, und private Musikzirkel des Patriziats pflegten anspruchsvolle Vokal- und Instrumentalmusik. Altdorf stand zu diesen Strukturen nicht im Gegensatz, sondern in einem Austauschverhältnis.
Akademische Musik war in der Frühen Neuzeit nicht auf Konzertveranstaltungen beschränkt. Sie erklang bei Einweihungen, Promotionen, akademischen Jahrtagen, Leichenfeiern, Gottesdiensten, Ordinationen, Festakten und studentischen Feiern. Besonders lateinische Motetten, Antiphonen, geistliche Gesänge, Festlieder und gelegentliche Kompositionen konnten dabei eine zentrale Rolle übernehmen. Musik diente der Ordnung des Festes, der Sakralisierung des Beginns, der Repräsentation des Rates und der Verbindung von Gelehrsamkeit und Frömmigkeit.
Altdorf war außerdem ein Ort der akademischen Mobilität. Studenten kamen aus verschiedenen Regionen, wechselten zwischen Hochschulen, führten Stammbücher, nahmen an Disputationen teil und pflegten Formen studentischer Geselligkeit. Solche Mobilität führte nicht nur Bücher und Ideen, sondern auch Lieder, Melodien, Gelegenheitsdrucke und musikalische Praktiken über Orte hinweg. Die Universität ist daher als Kulturraum zu verstehen, nicht nur als Lehranstalt.
Auch die Universitätskirche spielte eine wichtige Rolle. Die evangelische St.-Laurentius-Kirche wurde im Universitätszusammenhang zur Universitätskirche erklärt. Damit verband sich eine liturgische und institutionelle Klangordnung. Ordinationen, akademische Gottesdienste, Predigten, Choralgesang und Festmusik machten die Kirche zu einem Schnittpunkt von Theologie, Öffentlichkeit und Musik.
Musikgeschichte und akademische Festkultur
Der wichtigste ausdrücklich belegte musikgeschichtliche Moment Altdorfs ist die Einweihung der Hohen Schule am 29. Juni 1575. Friedrich Lindner leitete eine große Kantorei, und seine fünfstimmige Vertonung von Veni Sancte Spiritus verband den akademischen Neubeginn mit dem pfingstlichen Geist-Hymnus. Die Wahl dieses Textes war inhaltlich präzise: Eine neue Bildungsinstitution wird unter den Anruf des Heiligen Geistes gestellt; Erkenntnis, Sprache, Lehre und Wahrheit erscheinen dadurch theologisch gerahmt.
Leonhard Lechners fünfstimmiges Cum nova fatiloquus gehört ebenfalls in diesen Einweihungskontext. Dass diese Komposition in einer Nürnberger Liedersammlung gedruckt wurde, zeigt die Verbindung von Altdorfer Festkultur und Nürnberger Musikdruck. Das Ereignis von 1575 war also kein lokales Randereignis, sondern Teil einer städtisch-humanistischen Repräsentation, in der Komposition, Druck, Latein, Ratspolitik und Akademiegründung zusammenwirkten.
Die akademische Musik Altdorfs dürfte im weiteren Verlauf vor allem aus kirchlichen, schulischen und festlichen Formen bestanden haben. Lateinische Gesänge, Motetten, Choräle, studentische Lieder, Promotions- und Gelegenheitsmusik, Leichenmusiken und Festakte sind für vergleichbare Hochschulorte typisch. Für Altdorf ist jedoch nicht jeder dieser Bereiche in gleichem Maß dokumentiert. Deshalb muss die Darstellung zwischen gesicherten Einzelnachweisen und plausiblen kulturgeschichtlichen Zusammenhängen unterscheiden.
Ein weiterer Bezugspunkt ist Johann Pachelbel. Der Nürnberger Organist und Komponist begann 1669 ein Studium an der Universität Altdorf, musste es aber nach kurzer Zeit aus finanziellen Gründen abbrechen. Auch wenn Altdorf nicht sein eigentlicher musikalischer Wirkungsort wurde, zeigt sein Aufenthalt, dass die Universität in den Bildungswegen musikalisch begabter Nürnberger eine Rolle spielen konnte. Der Fall Pachelbel verbindet Altdorf mit der süddeutschen Orgeltradition und dem protestantischen Bildungsbürgertum.
Kirche, Universitätskirche und protestantische Klangordnung
Die evangelische St.-Laurentius-Kirche war im Altdorfer Universitätsleben mehr als ein Gottesdienstraum. Als Universitätskirche verband sie akademische und kirchliche Öffentlichkeit. Hier wurden Predigten gehalten, akademische Gottesdienste begangen und zahlreiche junge protestantische Geistliche ordiniert. Die Kirche war dadurch ein Ort, an dem Gelehrsamkeit und liturgische Ordnung ineinandergriffen.
In der lutherischen und reichsstädtisch-protestantischen Kultur spielte der Choral eine zentrale Rolle. Auch wenn für Altdorf nicht jedes Repertoire im Einzelnen überliefert ist, ist die Einbindung von Gemeindegesang, Kantorei, Orgel, akademischem Gottesdienst und festlichen Gesängen für den universitären Kontext wahrscheinlich und sachlich naheliegend. Musik war hier nicht Schmuck, sondern Teil der konfessionellen Bildungs- und Frömmigkeitsordnung.
Die Universitätskirche ermöglichte zudem eine Verbindung von Rede und Klang. Predigt, Disputation, lateinische Rede, Gebet, Gesang und akademische Prozession bildeten keine voneinander isolierten Medien. Sie gehörten zu einer rhetorisch geprägten Kultur, in der Stimme, Text, Musik und Raum gemeinsam wirkten. Altdorf kann deshalb auch als Beispiel für die akustische Kultur frühneuzeitlicher Bildung verstanden werden.
Wichtige Personen und Beziehungsnetze
Philipp Melanchthon steht am Anfang der Vorgeschichte, weil die Nürnberger Schulgründung von 1526 unter seiner Mitwirkung erfolgte. Sein Bildungsprogramm verband protestantische Theologie, humanistische Sprachbildung und schulische Ordnung. Diese Verbindung blieb für die spätere Altdorfer Tradition prägend, auch wenn die konkrete Institution in mehreren Stufen verändert wurde.
Joachim Camerarius gehört zu den wichtigsten Vermittlungsfiguren. Als Humanist, Pädagoge und früher Rektor der Nürnberger Schultradition gab er 1565 den Anstoß zu einem neuen Gründungsversuch. Ohne solche humanistischen Netzwerke wäre die spätere Verlegung nach Altdorf kaum zu verstehen.
Friedrich Lindner ist für den musikalischen Gründungsmoment der Hohen Schule zentral. Seine Leitung der Einweihungsmusik 1575 und seine Komposition Veni Sancte Spiritus zeigen, dass die akademische Gründung nicht nur administrativ und baulich, sondern auch musikalisch inszeniert wurde.
Leonhard Lechner verbindet Altdorf mit der Nürnberger Vokalmusik der späten Renaissance. Seine Einweihungskomposition Cum nova fatiloquus steht an der Schnittstelle von Humanismus, Festdichtung, fünfstimmigem Satz und Druckkultur. Damit wird Altdorf in eine überregionale Geschichte protestantischer und städtischer Musikpflege eingebunden.
Johann Pachelbel ist ein späterer Berührungspunkt. Sein kurzer Aufenthalt als Student in Altdorf zeigt, dass die Universität auch für Musikerbiographien relevant sein konnte, selbst wenn das Studium nicht abgeschlossen wurde. Seine spätere Bedeutung als Organist und Komponist fällt zwar vor allem in andere Städte, doch Altdorf bleibt ein Teil seines Bildungsweges.
Nachwirkung, Auflösung und Erinnerungskultur
Die Aufhebung der Universität 1809 bedeutete einen tiefen Einschnitt. Mit der Eingliederung Nürnbergs in das Königreich Bayern verlor die reichsstädtische Hochschule ihre politische Grundlage. Die bayerische Hochschulpolitik konzentrierte Ressourcen an anderen Standorten, und Altdorf wurde als Universität nicht fortgeführt. Die Bibliotheksbestände wurden nach Erlangen überführt und gingen dort in die Universitätsbibliothek ein.
Dennoch blieb die Altdorfina im kulturellen Gedächtnis präsent. Gebäude, Ortsgeschichte, Album Academicum, Bibliotheksbestände, Matrikel, wissenschaftliche Spezialliteratur und lokale Erinnerungskultur bewahren die Bedeutung des Ortes. Das ehemalige Universitätsgebäude, später auch als Wichernhaus bekannt, steht für die materielle Nachgeschichte einer Institution, die über zwei Jahrhunderte das geistige Leben der Region prägte.
Für die Musikgeschichte ist Altdorf besonders dort interessant, wo lokale Einzelereignisse größere Zusammenhänge beleuchten. Die Einweihungsmusik von 1575 zeigt die Verbindung von Akademiegründung und Vokalkunst. Die Beziehung zu Nürnberg zeigt die Rolle städtischer Kantoren und Musikdrucke. Die Universitätskirche zeigt den Zusammenhang von Gelehrsamkeit, Predigt und Gesang. Die studentische Kultur verweist auf Mobilität, Liedtradition und akademische Geselligkeit. Dadurch wird Altdorf zu einem wichtigen Knotenpunkt der frühneuzeitlichen Kulturgeschichte.
Werk-, Quellen- und Institutionenverzeichnis
Da Altdorf ein Orts- und Institutionenlemma ist, gibt es kein Werkverzeichnis im Sinn eines Komponistenkatalogs. Das folgende Verzeichnis erschließt stattdessen die wichtigsten musikalischen Werke, Quellenarten, Institutionen und Dokumentengruppen, die für die Kultur- und Musikgeschichte Altdorfs einschlägig sind.
Musikalische Werke und belegte Festmusik
| Veni Sancte Spiritus | Fünfstimmige Komposition Friedrich Lindners zur feierlichen Einweihung der Hohen Schule Altdorf am 29. Juni 1575; die Antiphon wurde unter Lindners Leitung von einer großen Kantorei aufgeführt. |
|---|---|
| Cum nova fatiloquus | Fünfstimmige Komposition Leonhard Lechners für die Einweihung der Altdorfer Hohen Schule; gedruckt in den Neuen Teutschen Liedern, Nürnberg 1577. |
| Akademische Einweihungsmusik 1575 | Festmusikalischer Gesamtzusammenhang der Eröffnung des Kollegiengebäudes am 29. Juni 1575; wichtig für die Verbindung von Universität, Rat, Kantorei, lateinischer Festkultur und protestantischer Bildungsrepräsentation. |
| Dies-academicus-Musik | Musikalische Ausgestaltung akademischer Jahrtage und Festakte, besonders um den 29. Juni, der an die Einweihung von 1575 und die offizielle Universitätsgründung anknüpfte. |
| Universitätsgottesdienstliche Musik | Choral, Kantorei-, Orgel- und Festmusik im Umfeld der Universitätskirche St. Laurentius; als institutioneller Werkbereich zu behandeln, auch wenn einzelne Repertoires nicht vollständig katalogisiert sind. |
| Studentische Lied- und Geselligkeitskultur | Akademische Lieder, Gelegenheitsgesänge, Stammbuchkultur und gesellige Musikpraxis; für Altdorf als Universitätsort kulturgeschichtlich einschlägig, aber quellenmäßig unterschiedlich dicht überliefert. |
Institutionen und Orte
| Obere Schule bei St. Egidien in Nürnberg | 1526 gegründete humanistische Schule unter Mitwirkung Philipp Melanchthons; Ursprung der Bildungstradition, aus der die Altdorfer Hochschule hervorging. |
|---|---|
| Nürnberger Landschule in Altdorf | 1575 eingeweihte Einrichtung in Altdorf; erste institutionelle Form der nach Altdorf verlegten Nürnberger Schul- und Hochschultradition. |
| Akademie Altdorf | Aus der Landschule entwickelte akademische Einrichtung; ab 1580 beziehungsweise 1581 als akademisch gegliederte Hochschule mit Magisterpromotionen fassbar. |
| Universität Altdorf | 1622/1623 zur Universität erhobene Hochschule der Reichsstadt Nürnberg; 1696/1697 Volluniversität; 1809 aufgehoben. |
| St.-Laurentius-Kirche Altdorf | Evangelische Kirche und Universitätskirche; Ort akademischer Gottesdienste, Ordinationen, Predigten und liturgischer Musik. |
| Kollegiengebäude | Zentralbau der Altdorfer Hochschule, 1575 eingeweiht; später als ehemaliges Universitätsgebäude und Wichernhaus erinnerungsgeschichtlich bedeutend. |
| Nürnberger Musikdruck | Druck- und Verlagsumfeld, in dem Lechners Einweihungsbeitrag und viele verwandte musikalische Quellen der späten Renaissance verbreitet wurden. |
Quellen- und Dokumentengruppen
| Album Academicum Altorphinum | Matrikel- und Personenerschließung zur Akademie und Universität Altdorf; wichtig für Studentenschaft, Professoren, Herkunftsräume und akademische Netzwerke. |
|---|---|
| Universitätsmatrikeln | Einschreibungsquellen der Altdorfina; grundlegend für prosopographische Forschung und für die Rekonstruktion akademischer Mobilität. |
| Festdrucke und Gelegenheitsdrucke | Drucke zu akademischen Festen, Reden, Promotionen, Leichenfeiern und Jubiläen; potenziell wichtig für musikalische und rhetorische Kontexte. |
| Kirchen- und Ordinationsquellen | Quellen zur Universitätskirche St. Laurentius, zu akademischen Gottesdiensten und zu protestantischen Ordinationen bis 1809. |
| Bibliotheksbestände | Nach der Auflösung 1809 nach Erlangen überführte Bestände der Universitätsbibliothek Altdorf; wichtig für die Nachgeschichte der Altdorfina. |
| Musikalische Drucke aus Nürnberg | Vokal- und Gelegenheitsdrucke, die die enge Verbindung von Altdorf, Nürnberg, Kantorei, humanistischer Dichtung und Musikdruck belegen. |
| Orts- und Bauquellen | Quellen zum Kollegiengebäude, zur St.-Laurentius-Kirche, zum Universitätsumfeld und zur späteren Nutzung der Gebäude. |
Sekundärliteratur
- Fleischmann, Peter: Rat und Patriziat in Nürnberg. Die Herrschaft der Ratsgeschlechter vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. Nürnberg 2008. Wichtiger Hintergrund zur reichsstädtischen Trägerschaft, zum Patriziat und zur politischen Kultur, aus der die Altdorfer Hochschule hervorging.
- Fritz, Hartmut: Schulgeschichte des Melanchthon-Gymnasiums. 500 Jahre Bildungstradition in Nürnberg. Nürnberg. Darstellung der langen Schultradition von der Nürnberger Gründung 1526 bis zur modernen Erinnerung an das Melanchthon-Gymnasium.
- Gierl, Martin: Pietismus und Aufklärung. Theologische Polemik und die Kommunikationsreform der Wissenschaft am Ende des 17. Jahrhunderts. Göttingen 1997. Kontextliteratur zur frühneuzeitlichen protestantischen Wissenschafts- und Universitätskultur, auch für Altdorf relevant.
- Krautwurst, Franz: Artikel zu Friedrich Lindner und zur Nürnberger Musikgeschichte. Wichtig für die Einordnung Lindners als Kantor, Komponist, Kopist, Herausgeber und musikalischer Leiter der Altdorfer Einweihung 1575.
- Lechner, Leonhard: Neue Teutsche Lieder. Nürnberg 1577. Primärquelle mit Lechners fünfstimmigem Einweihungsbeitrag Cum nova fatiloquus für Altdorf.
- Niemöller, Klaus Wolfgang: Untersuchungen zu Musikpflege und Musikunterricht an den deutschen Lateinschulen vom ausgehenden Mittelalter bis um 1600. Regensburg 1969. Grundlegende Studie zur Lateinschulmusik, die den institutionellen Hintergrund von Altdorf, Nürnberg und humanistischer Schulmusik erschließt.
- Schnabel, Werner Wilhelm: Die Matrikel der Universität Altdorf und Arbeiten zum Album Academicum Altorphinum. Zentrale prosopographische Forschung zur Altdorfer Universität, ihren Studenten und ihren Netzwerken.
- Schnabel, Werner Wilhelm: „Universität Altdorf (1580/1622–1809)“, in: Historisches Lexikon Bayerns. Aktueller wissenschaftlicher Überblick zu Akademie, Universität, Organisation, Aufstieg, Blüte, Niedergang und Auflösung der Altdorfina.
- Steiger, Hugo: Das Melanchthon-Gymnasium in Nürnberg 1526–1926. München 1926. Ältere, aber wichtige Darstellung der Nürnberger Schultradition, aus der die Altdorfer Einrichtung hervorging.
- Treue, Wilhelm, und weitere Studien zur Nürnberger Reichsstadtgeschichte. Kontextliteratur zur politischen, ökonomischen und kulturellen Stellung Nürnbergs als Trägerin der Altdorfer Universität.
- Würfel, Andreas: Historische Nachrichten von der Nürnbergischen Universität Altdorf. Altdorf beziehungsweise Nürnberg. Ältere universitätsgeschichtliche Quelle zur Altdorfer Hochschule und ihrer Erinnerungstradition.
- Zeltner, Gustav Georg: Historia Crypto-Socinismi Altorfinae quondam Academiae infesti. Leipzig 1729. Zeitgenössischer beziehungsweise frühneuzeitlicher Beitrag zu theologischen Konflikten und zur konfessionellen Universitätsgeschichte Altdorfs.
Ausgewählte Onlinequellen
- Album Academicum Altorphinum: Akademie und Universität Altdorf Einführung in Geschichte, Statusentwicklung und institutionelle Besonderheiten der Altdorfer Akademie und Universität.
- Album Academicum Altorphinum: Literatur Bibliographische Sammlung zur Geschichte von Gymnasium, Akademie und Universität Altdorf von 1575 bis 1809.
- Altdorf.de: Ehemalige Universität / Wichernhaus Städtische Informationsseite zum ehemaligen Universitätsgebäude und seiner späteren Nutzungsgeschichte.
- Deutsche Biographie: Friedrich Lindner Biographischer Artikel mit wichtigem Hinweis auf die musikalische Leitung der Altdorfer Einweihung 1575 und Lindners Veni Sancte Spiritus.
- FAU: 400 Jahre Universitätsgeschichte – Von der Altdorfina zur FAU Universitätsgeschichtlicher Überblick zum Jubiläum der Altdorfina, ihrer Erhebung 1622 und ihrer Verbindung zur Erlanger Nachgeschichte.
- Historisches Lexikon Bayerns: Altdorf b. Nürnberg Ortsdatenbankeintrag zu Altdorf bei Nürnberg mit landesgeschichtlichen Verknüpfungen.
- Historisches Lexikon Bayerns: Universität Altdorf (1580/1622–1809) Wissenschaftlicher Überblick zu Gründung, Akademiestatus, Universitätsprivileg, Volluniversität, Blüte, Niedergang und Auflösung.
- Melanchthon-Gymnasium Nürnberg: Schulgeschichte Darstellung der Nürnberger Schultradition seit 1526 und der Verlegung nach Altdorf 1575.
- MGG Online: Altdorf Fachlexikalischer Musikartikel zu Altdorf, besonders wichtig für die Einweihungsmusik 1575 und die Verbindung zu Lindner und Lechner.
- Oesterreichisches Musiklexikon: Friedrich Lindner Musiklexikalischer Artikel zu Lindner als Kantor, Kopist, Komponist und Herausgeber, mit Kontext zur Nürnberger Musikpflege.
- Oesterreichisches Musiklexikon: Leonhard Lechner Fachartikel zu Lechner als Komponist der späten Renaissance und zu seinem Nürnberger Wirken.
- Schütz-Gesellschaft: Werke von Leonhard Lechner Informationen zur kritischen Ausgabe der Werke Lechners und zur heutigen Erschließung seiner Kompositionen.
- Wikisource: Altdorf bei Nürnberg Quellen- und Linkseite zu Altdorf bei Nürnberg mit Hinweisen auf historische Texte und Medien.
Weiterführende Einträge
- Academia norica Lateinische Bezeichnung der Nürnberger Akademie- und Universitätstradition in Altdorf.
- Akademie Frühneuzeitliche Bildungsinstitution zwischen Gymnasium, Gelehrtenschule und Universität.
- Altdorfina Gebräuchliche Bezeichnung für die Universität Altdorf als Hochschule der Reichsstadt Nürnberg.
- Joachim Camerarius Humanist und Schulmann, der für die Nürnberger und Altdorfer Bildungsgeschichte eine wichtige Rolle spielte.
- Choral Zentrale Form des protestantischen Gemeindegesangs im Umfeld von Schule, Kirche und Universität.
- Dies academicus Akademischer Festtag, der in Altdorf mit dem 29. Juni und der Einweihung von 1575 verbunden war.
- Frühe Neuzeit Epoche, in der Altdorf als Universitäts- und Kulturort seine zentrale Bedeutung gewann.
- Humanismus Bildungs- und Gelehrtenbewegung, die die Nürnberger Schulgründung und die spätere Altdorfer Hochschule prägte.
- Kantorei Chorische Institution der Schul-, Kirchen- und Festmusik, bei der Altdorfer Einweihung 1575 besonders sichtbar.
- Lateinschule Schulform, aus deren Musik-, Sprach- und Bildungskultur die Altdorfer Tradition hervorging.
- Leonhard Lechner Komponist der späten Renaissance, der für die Einweihung der Altdorfer Hohen Schule Cum nova fatiloquus schrieb.
- Friedrich Lindner Nürnberger Kantor, Komponist und musikalischer Leiter der Altdorfer Einweihungsmusik von 1575.
- Philipp Melanchthon Humanist und Reformator, dessen Beteiligung an der Nürnberger Schulgründung von 1526 zur Vorgeschichte Altdorfs gehört.
- Motette Mehrstimmige geistliche Vokalgattung, die für akademische und kirchliche Festmusik der Frühen Neuzeit wichtig war.
- Nürnberg Reichsstädtischer Träger der Altdorfer Hochschule und wichtiger Musik-, Druck-, Humanismus- und Reformationsort.
- Nürnberger Musikdruck Druckkultureller Zusammenhang, in dem Altdorfer Festmusik und Nürnberger Renaissancekompositionen verbreitet wurden.
- Johann Pachelbel Nürnberger Organist und Komponist, der 1669 kurz an der Universität Altdorf studierte.
- Patrizierkultur Sozialer und repräsentativer Hintergrund der Nürnberger Bildungs-, Musik- und Stiftungskultur.
- Protestantische Kirchenmusik Musikalischer Rahmen von Choral, Kantorei, Universitätsgottesdienst und akademischer Festkultur.
- Reformation Religiöser und bildungsgeschichtlicher Umbruch, aus dem die Nürnberger und Altdorfer Schultradition hervorging.
- Reichsstadt Politische Stadtform, die für Nürnbergs Trägerschaft der Altdorfer Hochschule entscheidend war.
- St. Laurentius Altdorf Kirche und Universitätskirche der Altdorfina mit Bedeutung für Gottesdienst, Ordination und akademische Klangordnung.
- Studentenlied Liedkultureller Bereich akademischer Geselligkeit, der für frühneuzeitliche Universitätsorte wie Altdorf einschlägig ist.
- Universität Institution gelehrter Ausbildung, deren frühneuzeitliche Form in Altdorf reichsstädtisch und protestantisch geprägt war.
- Universität Altdorf Hochschule der Reichsstadt Nürnberg in Altdorf, 1622/1623 zur Universität erhoben und 1809 aufgehoben.
- Universitätskirche Kirchlicher Raum akademischer Gottesdienste, Predigten, Ordinationen und musikalischer Festpraxis.