Aleksandr Aleksandrovič Aljab’ev

Aleksandr Aleksandrovič Aljab’ev, russisch Александр Александрович Алябьев, international meist Alexander Alyabyev, * 15. (4.) August 1787 in Tobol’sk, † 3. März (22. Februar) 1851 in Moskau, russischer Komponist, Romanzenkomponist, Theaterkomponist, Kammermusikkomponist, Orchesterkomponist und Bearbeiter von Volksliedern.

Überblick

Aleksandr Aleksandrovič Aljab’ev gehört zu den prägenden Gestalten der russischen Musik vor Michail Glinka. Sein Name ist bis heute vor allem mit der Romanze Solovej, deutsch Die Nachtigall, verbunden. Dieses Lied nach einem Gedicht Anton Delvigs wurde zu einem der bekanntesten Stücke der russischen Liedkultur und fand durch Sängerinnen, Bearbeiter und Virtuosen auch im internationalen Konzertleben Verbreitung.

Aljab’ev war jedoch weit mehr als der Autor eines einzigen berühmten Liedes. Er schrieb Opern, Opern-Vaudevilles, Bühnenmusiken, Melodramen, ein Ballett, eine Sinfonie, Ouvertüren, Kammermusik, Klaviermusik, Chöre, Vokalensembles, Volksliedbearbeitungen und mehr als anderthalb beziehungsweise zwei Hundert Romanzen. Sein Werk steht an der Schwelle zwischen höfisch-städtischer Salonmusik, Moskauer Theaterkultur, russischer Frühromantik, nationaler Liedbildung und dem musikalischen Interesse an regionaler, ukrainischer, sibirischer und kaukasischer Folklore.

Biographisch ist Aljab’ev eine der dramatischsten Figuren der russischen Musikgeschichte. Er wurde in Tobol’sk als Sohn eines hohen Beamten geboren, kam früh nach Sankt Petersburg, diente im Vaterländischen Krieg von 1812 und nahm an den Feldzügen gegen Napoleon teil. Nach einem gesellschaftlichen Kartenspiel und dem Tod eines Mitspielers wurde er 1825 verhaftet, des Totschlags beschuldigt und trotz unsicherer Beweislage nach Sibirien verbannt. Dieses Ereignis bestimmte den weiteren Verlauf seines Lebens und seiner Musik.

Gerade das Exil eröffnete jedoch neue musikalische Erfahrungsräume. Aljab’ev lebte wieder in Tobol’sk, hielt sich später im Kaukasus auf und nahm regionale Melodien, Volkslieder und exotisierende Stoffe in seine Musik auf. Werke wie Ammalat-Bek, Kavkazskij plennik, Azijatskie pesni und die Bearbeitungen ukrainischer Lieder zeigen, dass seine Musik weit über den Moskauer Salon hinausgreift.

In der russischen Kulturgeschichte steht Aljab’ev zwischen aristokratischer Amateurkultur und professioneller Komposition. Er gehört zur Generation vor der stabilen nationalen Schule des späteren 19. Jahrhunderts, bereitete diese aber durch Romanze, Theatermusik, Kammermusik und Volksliedinteresse vor. Seine Bedeutung liegt deshalb in der Verbindung von persönlichem Schicksal, lyrischer Liedkunst, regionaler Stoffwelt und einer frühen russischen romantischen Klangsprache.

Kurzdaten

Name Aleksandr Aleksandrovič Aljab’ev.
Russische Schreibweise Александр Александрович Алябьев.
Weitere Namensformen Alexander Alyabyev, Aleksandr Aleksandrovich Alyabyev, Aleksandr Aleksandrovich Aliab’ev, Alexander Alexandrovich Alyabiev, Alexander Alexandrowitsch Aljabjew, Alexandre Aliabiev, Alabiev, Alabieff.
Alphabetischer Ansatz Aljab’ev, Aleksandr Aleksandrovič.
Dateiname aljabew-aleksandr-aleksandrovic.shtml.
Geburt 15. August 1787 gregorianisch beziehungsweise 4. August 1787 julianisch in Tobol’sk.
Tod 3. März 1851 gregorianisch beziehungsweise 22. Februar 1851 julianisch in Moskau.
Beruf Komponist, Romanzenkomponist, Theaterkomponist, Opernkomponist, Vaudeville-Komponist, Kammermusikkomponist, Orchesterkomponist, Klavierkomponist, Chorkomponist, Volksliedbearbeiter und ehemaliger Offizier.
Herkunft Russisches Reich; geboren in Tobol’sk in Sibirien, später geprägt durch Sankt Petersburg, Moskau, Tobol’sk, Kaukasus und die russische Theater- und Salonwelt.
Familie Sohn Aleksandr Vasil’evič Aljab’evs, eines hohen Beamten beziehungsweise Gouverneurs im westsibirischen Tobol’sk.
Militärdienst Teilnehmer des Vaterländischen Krieges von 1812 und der antinapoleonischen Feldzüge; Auszeichnungen für Kriegsdienst.
Einschnitt 1825 Verhaftung nach einem tödlich endenden Streit beziehungsweise Kartenspiel; anschließende Verbannung nach Sibirien und dauerhafte Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit.
Berühmtestes Werk Solovej, deutsch Die Nachtigall, Romanze nach einem Gedicht Anton Delvigs.
Hauptgattungen Russische Romanze, Lied, Oper, Opern-Vaudeville, Ballett, Melodrama, Schauspielmusik, Sinfonie, Ouvertüre, Streichquartett, Klaviertrio, Violinmusik, Klaviermusik, Chor und Volksliedbearbeitung.
Werkumfang Mehr als 150 beziehungsweise rund 200 Romanzen und Lieder; außerdem mehrere Opern, etwa 20 musikalische Komödien und Vaudevilles, eine Sinfonie, Kammermusik, Chöre, Klavierwerke, Volksliedbearbeitungen und Schauspielmusiken.
Kulturelle Bedeutung Schlüsselfigur der russischen Romanze vor Glinka, früher russischer romantischer Komponist, Vermittler zwischen Salonlied, Theater, Kammermusik, Volksliedinteresse, Exilerfahrung und nationaler Musikbildung.

Name, Transkription und Datierung

Der russische Name lautet Александр Александрович Алябьев. Die wissenschaftliche Transliteration ergibt Aleksandr Aleksandrovič Aljab’ev. In internationalen englischsprachigen Quellen ist Alexander Alyabyev besonders verbreitet; im Deutschen begegnen außerdem Alexander Alexandrowitsch Aljabjew, Alabiev und Alabieff. Der vorliegende Kulturlexikon-Eintrag verwendet die wissenschaftsnahe Form Aleksandr Aleksandrovič Aljab’ev, führt aber die übrigen Formen als Such- und Alternativnamen mit.

Für die Dateibezeichnung wird eine technisch robuste, diakritikfreie Form gewählt: aljabew-aleksandr-aleksandrovic.shtml. Die sichtbare Überschrift bleibt dagegen bei der korrekteren Form Aljab’ev. Im alphabetischen Index ist der Name unter Aljab’ev, Aleksandr Aleksandrovič anzusetzen.

Die Lebensdaten werden doppelt angegeben, weil im Russischen Reich des 19. Jahrhunderts der julianische Kalender galt. Der 4. August 1787 julianisch entspricht dem 15. August 1787 gregorianisch; der 22. Februar 1851 julianisch entspricht dem 3. März 1851 gregorianisch. In modernen internationalen Katalogen kann außerdem der 6. März 1851 erscheinen, weil ältere Umrechnungen oder abweichende Angaben kursieren. Für den deutschsprachigen Kulturlexikon-Artikel ist die MGG-Form 3. März (22. Februar) 1851 vorzuziehen.

Die Schreibweise des Familiennamens ist nicht nur eine technische Frage. Sie zeigt, wie russische Musik des 19. Jahrhunderts international vermittelt wurde: französische, deutsche und englische Umschriften übertrugen kyrillische Namen unterschiedlich. Gerade bei Aljab’ev, dessen Solovej in Westeuropa unter Namen wie Alabieff oder Alyabyev bekannt wurde, gehört diese Variantenvielfalt zur Rezeptionsgeschichte.

Leben, Militärdienst, Prozess und Exil

Aleksandr Aleksandrovič Aljab’ev wurde 1787 in Tobol’sk geboren. Sein Vater Aleksandr Vasil’evič Aljab’ev gehörte zur hohen Verwaltung des Russischen Reiches. Diese Herkunft verschaffte dem jungen Aljab’ev Zugang zu Bildung, gesellschaftlichen Kreisen und musikalischer Ausbildung. Bereits 1796 zog die Familie nach Sankt Petersburg, wo Aljab’ev in den Einflussbereich der städtischen Adels- und Beamtenkultur kam.

In jungen Jahren verband er Musik mit einer militärischen Laufbahn. Während des Vaterländischen Krieges von 1812 trat er in den Dienst der russischen Armee und nahm an den Feldzügen gegen Napoleon teil. Die Kriegserfahrung war für seine Generation prägend. Sie verband patriotische Erinnerung, aristokratische Offizierskultur, europäische Mobilität und den späteren Wunsch nach nationaler kultureller Selbstbehauptung.

Nach dem Krieg bewegte sich Aljab’ev in den musikalischen und gesellschaftlichen Kreisen Moskaus und Sankt Petersburgs. Er schrieb Theatermusik, Vaudevilles, Lieder und Kammermusik. Die frühen 1820er Jahre waren eine Phase intensiver Bühnenarbeit. Gemeinsam mit Komponisten wie Aleksej Verstovskij und Ludwig-Wilhelm Maurer beteiligte er sich an der musikalischen Komödie und am russischen Vaudeville.

1825 wurde sein Leben durch einen Prozess zerstört. Nach einem nächtlichen Kartenspiel kam es zu einem Streit mit dem pensionierten Obersten Timofej Vremev, der kurz darauf starb. Aljab’ev wurde verhaftet und des Totschlags beschuldigt. Die Beweislage war nicht eindeutig, doch die staatliche Entscheidung fiel hart aus: Er verlor seine gesellschaftliche Bewegungsfreiheit, wurde nach Sibirien verbannt und musste nach Tobol’sk zurückkehren.

In dieser Haft- und Verbannungssituation entstand beziehungsweise verdichtete sich die berühmte Romanze Solovej. Gerade die Verbindung von Gefangenschaft, Sehnsucht, Nachtigallmotiv, russischer Melancholie und lyrischer Virtuosität machte das Lied später zu einem zentralen Symbol der russischen Romanze. Es wurde als Kunstlied komponiert, wirkte aber bald wie ein Volkslied.

Nach einigen Jahren in Sibirien durfte Aljab’ev aus gesundheitlichen Gründen in den Kaukasus reisen. Diese Phase wurde musikalisch fruchtbar. Er interessierte sich für kaukasische Melodien, für lokale Klangfarben, für Stoffe von Aleksandr Bestužev-Marlinskij und für die romantische Darstellung der russischen Peripherie. Werke wie Ammalat-Bek, Kavkazskij plennik und die Sammlung Azijatskie pesni gehören in diesen Horizont.

Später durfte er sich wieder in Moskau niederlassen, blieb aber lange unter Einschränkungen. In Moskau komponierte er weiter, ohne vollständig in die zentralen Institutionen zurückzukehren, die ihm vor 1825 offengestanden hätten. Er starb 1851 in Moskau. Sein Lebensweg führte von privilegierter Herkunft über militärische Auszeichnung, Theatererfolg, Kriminalprozess, Exil und Krankheit zu einer späten, teilweise postumen Wiederbewertung seines Werkes.

Ausführlicher Kulturüberblick

Aljab’ev steht an einem entscheidenden Übergang der russischen Musikgeschichte. Vor Glinka, vor der nationalen Schule des späteren 19. Jahrhunderts und vor der Gruppe des Mächtigen Häufleins existierte bereits eine lebendige russische Musikkultur aus Theater, Salon, Lied, Kammermusik, Adelsdilettantismus und professioneller Bühnenpraxis. Aljab’ev gehört zu den Komponisten, die diese Vorgeschichte der russischen Romantik wesentlich mitgestalteten.

Seine wichtigste Wirkung entfaltete er im Bereich der russischen Romanze. Diese Gattung war weder Volkslied noch Opernarie, sondern ein intimes städtisches Kunstlied. Sie wurde im Salon, im Haus, in kleinen Konzerten und später auf der Konzertbühne gesungen. Sie verband russische Sprache, empfindsame Melodik, poetische Texte, Klavierbegleitung und eine neue Kultur des persönlichen Ausdrucks.

Aljab’evs Romanzen stehen in einer Epoche, in der russische Dichtung und Musik eng zusammenrückten. Texte von Aleksandr Puškin, Anton Delvig, Ivan Kozlov, Vasilij Žukovskij, Aleksandr Vel’tman und anderen Dichtern boten den Komponisten eine neue lyrische Sprache. Aljab’ev vertonte solche Texte nicht nur dekorativ, sondern als Träger von Sehnsucht, Erinnerung, Einsamkeit, sozialem Mitleid und romantischer Landschaftserfahrung.

Die berühmte Romanze Solovej steht exemplarisch für diese Entwicklung. Die Nachtigall ist in der europäischen Romantik ein Zeichen von Natur, Nacht, Liebe, Klage und Gesang selbst. Bei Aljab’ev wird sie zum russischen Symbol der inneren Freiheit. Das Lied besitzt eine einfache, memorierbare melodische Grundgestalt, lässt aber zugleich virtuose Auszierungen zu. Dadurch konnte es vom häuslichen Lied zur Bravournummer berühmter Sängerinnen werden.

Aljab’evs Theatermusik führt in eine andere Sphäre. Das russische Theater der 1820er Jahre war stark vom Vaudeville, von musikalischer Komödie, Übersetzung, Bearbeitung und gemischten Formen geprägt. Musik diente nicht nur der großen Oper, sondern auch der Szene, dem Coupletlied, der Einlage, dem Melodram, der Bühnenatmosphäre und dem gesellschaftlichen Witz. Aljab’ev arbeitete in diesem flexiblen System und schuf Musik für das Moskauer und Petersburger Theater.

Das Exil veränderte seinen kulturellen Horizont. Sibirien und der Kaukasus wurden in der russischen Romantik zu Räumen des Fremden, Wilden, Ursprünglichen, Politischen und Melancholischen. Aljab’ev begegnete dort regionalen Melodien und Stoffen, die in seiner Musik Spuren hinterließen. Sein Interesse an ukrainischen Liedern, kaukasischen Melodien und sogenannten asiatischen Liedern gehört in die größere russische Romantik der Peripherie.

Gleichzeitig war Aljab’ev ein Kammermusikkomponist von größerem Gewicht, als sein Ruf als bloßer Romanzenautor vermuten lässt. Die Streichquartette, Klaviertrios, Violinwerke, das Bläserquintett, die Sinfonie und weitere Instrumentalwerke zeigen eine Beschäftigung mit europäischen Gattungen. Diese Instrumentalmusik war lange weniger bekannt, wurde aber im 20. Jahrhundert durch Archivfunde, Editionen und Neubewertung stärker wahrgenommen.

Kulturgeschichtlich ist Aljab’ev daher eine Grenzfigur. Er gehört zum russischen Adel und zur urbanen Theaterwelt, aber auch zur Erfahrung von Verbannung und staatlicher Gewalt. Er schreibt Salonlieder, aber auch Volksliedbearbeitungen; Vaudevilles, aber auch ernste Kammermusik; patriotisch und gesellschaftlich geprägte Werke, aber auch intime Lyrik. Gerade diese Spannungen machen ihn zu einer Schlüsselgestalt der russischen Musik zwischen Klassizismus, Romantik und nationaler Selbstsuche.

Russische Romanze und Liedkultur

Die russische Romanze war Aljab’evs dauerhaft wichtigstes Wirkungsfeld. Sie entstand aus der Begegnung von europäischem Liedmodell, russischer Dichtung, städtischer Salonpraxis und häuslicher Musizierkultur. Anders als das einfache Volkslied setzt die Romanze eine komponierte Melodie und eine bestimmte Kunstform voraus; anders als die Opernarie bleibt sie auf den privaten Ausdruck und den unmittelbaren lyrischen Ton bezogen.

Aljab’evs Lieder verbinden klare Melodik mit einer besonderen Affektfarbe. Häufig treten Sehnsucht, Erinnerung, Liebesverlust, Naturbild und soziale Klage zusammen. Solovej wurde deshalb so wirkungsmächtig, weil es individuelle Klage, Naturmetaphorik und gesangliche Virtuosität auf exemplarische Weise vereint. Die Romanze kann einfach gesungen werden, erlaubt aber auch Koloratur, Verfeinerung und konzertante Steigerung.

Von großer Bedeutung ist auch Aljab’evs Verhältnis zu Puškin. Romanzen wie Dva vorona, Zimnjaja doroga und Pevec zeigen, wie früh russische Komponisten auf Puškins Dichtung reagierten. Damit gehört Aljab’ev in die Vorgeschichte jener engen Verbindung von russischer Literatur und Musik, die später bei Glinka, Dargomyžskij, Musorgskij, Rimskij-Korsakov, Čajkovskij und Rachmaninov zentrale Bedeutung erhielt.

Die Romanze Niščaja nach Béranger in russischer Übersetzung zeigt eine weitere Seite: Aljab’ev interessierte sich auch für soziale, mitleidvolle und europäisch vermittelte Stoffe. Die russische Romanze war nicht nur Liebeslied, sondern konnte Armut, Einsamkeit und gesellschaftliche Randlage musikalisch darstellen.

Theater, Vaudeville, Oper und Schauspielmusik

Aljab’evs Theatermusik gehört zur Moskauer und Petersburger Bühnenkultur der 1820er bis 1840er Jahre. Das russische Theater dieser Zeit arbeitete häufig mit Mischformen. Vaudeville, musikalische Komödie, Schauspielmusik, Melodram, Oper und Ballett waren nicht immer streng getrennt. Komponisten lieferten Einlagen, Couplets, Chöre, Tänze, Ouvertüren, Szenenmusik und ganze Bühnenwerke.

Die frühen Opern-Vaudevilles entstanden oft in Zusammenarbeit mit anderen Komponisten. Diese kollektive Praxis war im damaligen Theater normal. Werke wie Novaja šalost’, ili Teatral’noe sraženie, Derevenskij filosof, Chlopotun, ili Delo mastera boitsja und Vstreča diližansov zeigen Aljab’ev im praktischen Theaterbetrieb, nicht im späteren Ideal des autonomen Opernkomponisten.

Spätere Bühnenwerke wie Rybak i rusalka, ili Zloe zel’e, Ammalat-Bek und Volšebnaja noč’ öffnen sich stärker romantischen, fantastischen oder regionalen Stoffen. Sie stehen in einer Zeit, in der die russische Bühne nach nationalen, literarischen und exotisch gefärbten Themen suchte. Besonders Ammalat-Bek zeigt den Einfluss kaukasischer Stoffe und der romantischen Prosa Bestužev-Marlinskijs.

Seine Schauspielmusiken zu Shakespeare-Stoffen und russischen Bühnenbearbeitungen zeigen zugleich die Internationalität des Repertoires. Burja, Vindzorskie prokaznicy und die auf A Midsummer Night’s Dream bezogene Volšebnaja noč’ verbinden russische Theaterpraxis mit westlicher Literatur. Aljab’ev steht damit nicht abseits Europas, sondern arbeitet an einer russischen Aneignung europäischer Bühnenstoffe.

Kammermusik, Orchesterwerke und Instrumentalmusik

Aljab’evs Instrumentalmusik wurde lange von der Berühmtheit seiner Romanzen überdeckt. Neuere und ältere Werklisten zeigen jedoch, dass die Kammermusik einen bedeutenden Teil seines Schaffens bildet. Er schrieb Streichquartette, Klaviertrios, ein Klavierquintett, eine Violinsonate, ein Bläserquintett, ein Quartett für vier Flöten, Variationen, Klavierstücke und eine Sinfonie.

Die Kammermusik zeigt Aljab’ev als Komponisten, der europäische Formen beherrschte und zugleich russische melodische Prägungen aufnehmen konnte. Besonders die Klaviertrios und Streichquartette weisen auf eine gebildete, häusliche und halböffentliche Musizierkultur hin. Diese Werke gehören nicht in den Opern- oder Salonbereich, sondern in eine ernstere instrumentale Tradition.

Die Sinfonie e-Moll von 1850 ist ein spätes Werk und für die Bewertung Aljab’evs wichtig. Sie zeigt, dass er auch gegen Ende seines Lebens noch an größeren Instrumentalformen arbeitete. Zusammen mit Ouvertüren und Tanzsuiten verweist sie auf eine Seite seines Werks, die erst durch moderne Editionen und Aufführungen wieder stärker wahrnehmbar wurde.

Auch die Volksliedbearbeitungen stehen zwischen Instrumental- und Vokalkultur. Aljab’ev bearbeitete ukrainische Lieder, sogenannte asiatische Lieder und kaukasisch inspirierte Melodien. Diese Arbeiten gehören zur frühen ethnographischen und romantischen Hinwendung zur regionalen Musik des Russischen Reiches.

Werkverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis ist quellenkritisch nach Gattungen geordnet. Bei Aljab’ev ist ein vollständig numerischer Einzelkatalog schwierig, weil besonders die Romanzen, Chöre, Volksliedbearbeitungen, Schauspielmusiken und Gelegenheitswerke in Drucken, Handschriften, späteren Editionen und Sammelausgaben unterschiedlich erscheinen. Die Übersicht führt deshalb die bekannten Hauptwerke, Werkgruppen und belegten Titel zusammen und markiert unvollendete beziehungsweise nur skizzenhaft überlieferte Werke ausdrücklich.

Opern, Opernfragmente und größere Bühnenwerke

1822/1823 Lunnaja noč’, ili Domovye, deutsch etwa Mondnacht oder Die Hausgeister, Oper beziehungsweise komisch-fantastisches Bühnenwerk, 1822 entstanden und 1823 am Bolschoi-Theater in Sankt Petersburg aufgeführt. Das Werk gehört zu den frühen Bühnenarbeiten Aljab’evs und verbindet Theaterunterhaltung mit fantastischer Stoffwelt.
1830er Jahre Burja, deutsch Der Sturm, Opern- beziehungsweise Bühnenprojekt nach Shakespeare-Kontext beziehungsweise russischer Bearbeitung. Das Werk ist von der gleichnamigen Schauspielmusik zu unterscheiden; die genaue Werkgestalt ist quellenkritisch zu behandeln.
1830er Jahre Edwin i Oskar, deutsch Edwin und Oskar, unvollendete Oper. Als Fragment beziehungsweise nicht abgeschlossene Bühnenarbeit zu führen.
1838–1839 Volšebnaja noč’, deutsch Die Zaubernacht, unvollendete Oper beziehungsweise Opernprojekt im Umfeld von Shakespeares A Midsummer Night’s Dream. Die Verbindung zu fantastischer Theaterpoetik ist für Aljab’evs romantisches Bühneninteresse wichtig.
1841–1843 Rybak i rusalka, ili Zloe zel’e, deutsch Der Fischer und die Nixe oder Der böse Trank, Oper beziehungsweise Oper-Ballett in drei Akten. Das Werk verbindet Wasser-, Zauber- und Liebesmotiv und gehört zu den größeren späten Bühnenprojekten Aljab’evs.
1842–1847 Ammalat-Bek, Oper nach einem kaukasischen Stoff Aleksandr Bestužev-Marlinskijs. Das Werk gehört zu Aljab’evs wichtigsten Projekten im Bereich des romantisch-kaukasischen Theaters und verweist auf sein Exil- und Kaukasuserlebnis.
1845 Kavkazskij plennik, deutsch Der Gefangene im Kaukasus, musikalisch-dramatisches Werk beziehungsweise Melodrama nach Puškins gleichnamiger Dichtung. Das Werk gehört in den Kaukasus-Komplex der russischen Romantik.

Opern-Vaudevilles, musikalische Komödien und Gemeinschaftswerke

1822 Novaja šalost’, ili Teatral’noe sraženie, deutsch etwa Ein neuer Streich oder Die Theaterschlacht, Opern-Vaudeville, gemeinsam mit Aleksej Verstovskij und Ludwig-Wilhelm Maurer beziehungsweise im Moskauer Theaterumfeld. Frühwerk der russischen musikalischen Komödie.
1823 Derevenskij filosof, deutsch Der Dorfphilosoph, Vaudeville beziehungsweise musikalische Komödie, gemeinsam mit Aleksej Verstovskij und Ludwig-Wilhelm Maurer. Das Werk gehört zu den häufig genannten frühen Bühnenarbeiten Aljab’evs.
1824 Chlopotun, ili Delo mastera boitsja, deutsch etwa Der Geschäftige oder Die Sache fürchtet den Meister, musikalische Komödie beziehungsweise Vaudeville, gemeinsam mit Aleksej Verstovskij. Aufgeführt am Malyj-Theater beziehungsweise im Moskauer Theaterkontext.
1824 Prositel’, deutsch etwa Der Bittsteller, gemeinsames Vaudeville mit Aleksej Verstovskij, Michail Viel’gorskij und F. E. Scholz. Beispiel der kollektiven Theaterkomposition der 1820er Jahre.
1824/1825 Toržestvo muz, deutsch Triumph der Musen, Prolog zur Eröffnung des Bolschoi-Theaters, gemeinsam mit Aleksej Verstovskij und Scholz komponiert; 1825 aufgeführt. Das Werk besitzt theatergeschichtliche Bedeutung durch den Eröffnungszusammenhang.
1825 Vstreča diližansov, deutsch Die Begegnung der Postkutschen, Opern-Vaudeville beziehungsweise musikalische Komödie, gemeinsam mit Aleksej Verstovskij. Aufgeführt am Bolschoi-Theater in Moskau.
1825 Zabavy kalifa, ili Šutki na odni sutki, deutsch etwa Die Vergnügungen des Kalifen oder Scherze für einen Tag, Vaudeville beziehungsweise musikalische Komödie, gemeinsam mit Aleksej Verstovskij und Scholz. Beispiel der orientalisierenden Theatermode.
1825 Tri desjatki, ili Novoe dvuchdnevnoe priključenie, deutsch etwa Drei Zehner oder Ein neues zweitägiges Abenteuer, Vaudeville beziehungsweise musikalische Komödie, gemeinsam mit Aleksej Verstovskij.
1826 Utro i večer, ili Veter peremenilsja, deutsch Morgen und Abend oder Der Wind hat sich gedreht, Vaudeville beziehungsweise musikalische Komödie. Das Werk gehört zur fortgesetzten Theaterproduktion der 1820er Jahre.
Weitere Vaudevilles Die Werküberlieferung nennt insgesamt etwa zwanzig musikalische Komödien beziehungsweise Vaudevilles. Einzelne Titel sind in Theaterkatalogen, Librettodrucken und späteren Werklisten zu prüfen; die hier genannten Werke bilden den gesicherten und kulturgeschichtlich wichtigsten Kern.

Ballett und Tanztheater

1827 Volšebnyj baraban, ili Sledstvie Volšebnoj flejty, deutsch Die Zaubertrommel oder Die Folge der Zauberflöte, Ballett beziehungsweise Bühnenwerk. Der Titel verweist spielerisch auf Mozarts Zauberflöte und zeigt die Verbindung von russischem Theater, fantastischem Stoff und musikalischer Nachfolgeform.

Schauspielmusik, Melodram und Bühnenmusik

1827 Burja, Schauspielmusik zu Aleksandr Šachovskojs Bearbeitung von Shakespeares The Tempest. Von einem Opernprojekt gleichen Titels quellenkritisch zu unterscheiden.
1828 Kavkazskij plennik, musikalisch-dramatische Szene beziehungsweise Melodrama nach Puškins gleichnamigem Poem. Früh wichtiger Beitrag zur musikalischen Kaukasusromantik.
1837 Otstupnik, ili Osada Korinfa, deutsch etwa Der Abtrünnige oder Die Belagerung von Korinth, Schauspielmusik beziehungsweise Musik zu einem Werk V. A. Aljab’evs. Die genaue Werkgestalt ist im Theaterkontext zu prüfen.
1838 Rusalka, Schauspielmusik zu Puškins Rusalka. Von Aljab’evs Opern- beziehungsweise Wasserwesen-Stoffen sorgfältig zu unterscheiden.
1838 Vindzorskie prokaznicy, deutsch Die lustigen Weiber von Windsor, Schauspielmusik nach Shakespeare. Beispiel für Aljab’evs Arbeit mit westlicher dramatischer Literatur im russischen Theater.
1841 Bezum­naja, deutsch etwa Die Wahnsinnige, Musik zu einer Bühnenbearbeitung nach einer Erzählung Ivan Kozlovs. Das Werk gehört in den Bereich melodramatischer und sentimental-romantischer Theaterstoffe.
Weitere Schauspielmusiken Mehrere weitere Bühnenmusiken, Einlagen, Couplets und Gelegenheitsstücke sind in Theaterkatalogen und späteren Werklisten überliefert. Sie sind Teil von Aljab’evs produktiver Theaterpraxis, aber oft nur fragmentarisch oder mit unvollständigen Datierungen greifbar.

Orchesterwerke

1850 Sinfonija e-moll, deutsch Sinfonie e-Moll. Spätes Orchesterwerk, wichtig für die Neubewertung Aljab’evs als Instrumentalkomponist jenseits der Romanze.
Undatiert Uvertjura f-moll, deutsch Ouvertüre f-Moll. Eigenständiges Orchesterwerk beziehungsweise Bühnen- oder Konzertouvertüre.
Undatiert Tanzsuite beziehungsweise Tanceval’naja sjuita. Orchestrale Suite aus Tanzsätzen, in Werklisten als Teil der Instrumentalmusik genannt.
Undatiert Werke für Blasorchester beziehungsweise Militär- oder Harmoniemusik. Die genaue Titelliste ist nach Handschriften- und Druckquellen zu prüfen.
Undatiert Weitere Ouvertüren, Einleitungen und Orchestersätze aus Bühnenmusiken. Viele dieser Stücke sind nur im Zusammenhang der Theaterwerke oder als spätere Auszüge zu erfassen.

Kammermusik und Instrumentalensemble

1815 Streichquartett Nr. 1 Es-Dur. Frühes Kammermusikwerk und wichtiger Nachweis von Aljab’evs Beschäftigung mit der europäischen Quartettgattung.
1825 Streichquartett Nr. 3 g-Moll. Reiferes Quartettwerk; zusammen mit Nr. 1 und dem nur teilweise greifbaren Quartettbestand Teil von Aljab’evs Kammermusikprofil.
Undatiert Streichquartett Nr. 2. In allgemeinen Werkangaben wird von drei Streichquartetten gesprochen; die genaue Tonart, Überlieferung und Vollständigkeit des zweiten Quartetts ist quellenkritisch zu prüfen.
1815 oder um 1815 Klaviertrio Es-Dur, auch als Klaviertrio Nr. 1 bezeichnet. Einteilig oder unvollständig überliefert und als Frühwerk der russischen Klaviertrio-Tradition wichtig.
1820er Jahre/1834 Klaviertrio a-Moll, dreisätzig: Allegro ma non troppo, Adagio, Rondo. Allegretto. Eines der wichtigsten Kammermusikwerke Aljab’evs.
1815 oder um 1815 Klavierquintett. In Werklisten genannt; genaue Quellenlage, Besetzung und Vollständigkeit sind gesondert zu prüfen.
1834 Sonate e-Moll für Violine und Klavier. Dreisätziges Kammermusikwerk, in modernen Einspielungen wieder sichtbar geworden.
Undatiert Polonaise Es-Dur für Violine und Klavier. Charakterstück im Umfeld der Violin- und Klavierkammermusik.
Undatiert Variationen A-Dur für Violine und Klavier. Variationszyklus für Violine mit Klavierbegleitung.
Undatiert Variationen d-Moll für Streichquartett über ein russisches Lied. Werk an der Schnittstelle von Kammermusik und Volksliedbearbeitung.
Undatiert Quartett für vier Flöten. Selten besetztes Bläserkammermusikwerk, in russischen Werklisten genannt.
Undatiert Quintett für Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn. Bläserquintett beziehungsweise klassisch-romantisches Bläserensemblewerk, wichtig für Aljab’evs Instrumentalprofil.
Undatiert Weitere Stücke und Variationen für unterschiedliche Instrumente. In Werklisten werden zusätzliche Instrumentalstücke genannt, die nach Handschrift, Druck und moderner Edition zu überprüfen sind.

Klaviermusik

Undatiert Klaviersonate. In Werklisten als Klavierwerk genannt; genaue Datierung und Überlieferung sind zu prüfen.
Undatiert Mazurken, Walzer, Polonaisen und Tänze für Klavier. Diese Stücke gehören zur russischen Salon- und Hausmusikpraxis des frühen 19. Jahrhunderts.
Undatiert Variationszyklen für Klavier. Teil von Aljab’evs Bearbeitungs- und Salonrepertoire.
Undatiert Klavierauszüge, Arrangements und Begleitungen zu Romanzen. Nicht immer als selbständige Klavierwerke zu behandeln, aber wichtig für die Aufführungsgeschichte der Lieder.

Romanzen und Lieder für Stimme und Klavier

1826/1827 Solovej, deutsch Die Nachtigall, Romanze nach einem Gedicht von Anton Delvig. Berühmtestes Werk Aljab’evs und eines der bekanntesten russischen Lieder des 19. Jahrhunderts.
Nach Puškin Dva vorona, deutsch Zwei Raben, Romanze nach Aleksandr Puškin. Beispiel für Aljab’evs frühe Vertonung russischer Hochlyrik.
Nach Puškin Zimnjaja doroga, deutsch Winterstraße, Romanze nach Aleksandr Puškin. Zentral für die russische Verbindung von Landschaft, Fahrt, Einsamkeit und lyrischer Melancholie.
Nach Puškin Pevec, deutsch Der Sänger, Romanze nach Aleksandr Puškin. Thematisiert die Figur des Sängers und gehört damit in die Selbstreflexion romantischer Liedkunst.
Nach Delvig Kudri, deutsch etwa Locken, Romanze nach Anton Delvig.
Nach Ivan Vetter Irtyš, deutsch Der Irtysch, Romanze beziehungsweise Lied mit sibirischer Fluss- und Erinnerungssemantik.
Nach Ivan Vetter Proščanie s solov’em na Severe, deutsch Abschied von der Nachtigall im Norden. Gehört zur nördlich-sibirischen und exilbezogenen Liedwelt.
Nach Ivan Vetter Sibirskaja pesnja, deutsch Sibirisches Lied. Verbindet Exilerfahrung und regionale Liedsemantik.
Nach Ivan Kozlov Večernij zvon, deutsch Abendglocke. Eine der bekanntesten Romanzen Aljab’evs neben Solovej.
Nach Vasilij Žukovskij Dubrava šumit, deutsch etwa Der Eichenhain rauscht. Naturlyrische Romanze im romantischen Ton.
Nach Ivan Aksakov Žal’ mne i grustno, deutsch etwa Mir ist leid und traurig. Romanze mit klagender Affektsprache.
Unbekannter Dichter Ljublju tebja, deutsch Ich liebe dich. Liebesromanze ohne sicher genannten Textautor.
Nach Béranger/Lenskij Niščaja, deutsch Die Bettlerin, nach Pierre-Jean de Béranger in der Übersetzung Dmitrij Lenskijs. Beispiel für Aljab’evs soziale und sentimental-romantische Liedsprache.
Nach Ivan Mjatlev Pachitos. Romanze mit exotisierendem beziehungsweise charakteristischem Ton.
Nach Aleksandr Vel’tman Tajnaja skorb’, deutsch Geheimer Schmerz. Romanze mit innerlich-melancholischer Textwelt.
Nach Vasilij Domontovič Čto poeš’, krasa-devica, deutsch etwa Was singst du, schönes Mädchen?. Lied mit volksliednahem und dialogischem Charakter.
Nach A. Bistrom Ja vižu obraz tvoj, deutsch Ich sehe dein Bild. Eine der bekannten Romanzen Aljab’evs.
Nach Dmitrij Oznobišin Jasny oči, deutsch etwa Helle Augen. Lyrische Romanze mit charakteristischem Liebes- und Blickmotiv.
Weitere Romanzen Mehr als 150 beziehungsweise rund 200 Romanzen und Lieder für Stimme und Klavier. Die vollständige Einzelaufnahme erfordert einen Spezialkatalog der gedruckten und handschriftlichen Bestände; die hier genannten Titel bilden den kulturgeschichtlich wichtigsten und häufig nachgewiesenen Kern.

Chöre, Vokalensembles und geistliche Musik

Undatiert Chöre und weltliche Chorwerke. Aljab’ev gilt als früher wichtiger Vertreter weltlicher Chormusik in Russland; einzelne Titel sind nach Sammelausgaben und Archiven zu prüfen.
Undatiert Vokalensembles, Duette und mehrstimmige Bearbeitungen eigener Lieder. Teil der häuslichen und halböffentlichen Vokalkultur.
Undatiert Cherubimskaja pesn’ beziehungsweise Cherubic Hymn in f-Moll. Geistliches Chorwerk beziehungsweise liturgisch geprägte Komposition.
Undatiert Chorische Bearbeitungen eigener Romanzen und Volkslieder. Teil der Rezeptions- und Aufführungsgeschichte Aljab’evs.

Volksliedbearbeitungen und regionale Sammlungen

1832/1834 Golosa ukrainskich pesen, izdannye Michailom Maksimovičem. Aranžirovka Aleksandra Aljab’eva, deutsch etwa Stimmen ukrainischer Lieder, herausgegeben von Michail Maksimovič, bearbeitet von Aleksandr Aljab’ev. Wichtiger Beitrag zur frühen musikalischen Rezeption ukrainischer Volkslieder.
1833–1835 Azijatskie pesni, deutsch Asiatische Lieder, Sammlung beziehungsweise Bearbeitungsgruppe mit regional und exotisierend verstandenen Liedmaterialien des Russischen Reiches.
1830er Jahre Kaukasisch inspirierte Lieder, darunter georgische, kabardinische, tscherkessische und andere Melodietypen. Diese Stücke gehören in Aljab’evs Kaukasusphase und romantische Peripheriewahrnehmung.
Undatiert Bearbeitungen russischer Volkslieder. Teil der frühen nationalen Liedpflege und der Verbindung von Kunstlied und Volksmelodie.
Undatiert Bearbeitungen sibirischer und nördlicher Melodien. In Verbindung mit Tobol’sk, Exil und regionaler Erinnerung zu betrachten.

Bearbeitungen, Transkriptionen und Rezeptionswerke anderer Komponisten

Nach Aljab’ev Michail Glinka: Variationen und Bearbeitungen über Solovej. Wichtig für die Weitergabe der Romanze in die russische Kunstmusik.
Nach Aljab’ev Milij Balakirev: Bearbeitung beziehungsweise Klavierfassung von Solovej. Belegt die Fortwirkung in der nationalrussischen Schule.
Nach Aljab’ev Franz Liszt: Transkription beziehungsweise virtuose Klavierbearbeitung von Solovej. Wichtig für die internationale Rezeption des Liedes.
Nach Aljab’ev Weitere Vokal-, Chor-, Violin-, Klavier- und Konzertbearbeitungen von Solovej, besonders für Koloratursopran, Violine und Salonensemble. Die Zahl der anonymen und gedruckten Bearbeitungen ist groß und Teil der europäischen Rezeptionsgeschichte.

Rezeption und kulturgeschichtliche Bedeutung

Aljab’evs Rezeption wurde lange durch Solovej dominiert. Das Lied wurde so populär, dass der Komponist häufig auf dieses eine Werk reduziert wurde. Es wurde von berühmten Sängerinnen als Bravourstück verwendet, in Rossinis Il barbiere di Siviglia als Einlage in der Gesangsstundenszene gesungen und von Komponisten wie Glinka, Balakirev und Liszt bearbeitet. Dadurch wurde Aljab’evs Name international bekannt, zugleich aber verengt.

Im 19. Jahrhundert blieb seine Romanzenproduktion in Russland lebendig. Viele Lieder wurden im Haus, im Salon, im Konzert und später in der Gesangsausbildung weitergegeben. Die einfache Eingängigkeit mancher Melodien führte dazu, dass sie wie Volkslieder wirkten. Gerade diese Grenze zwischen Kunstlied und Volkslied ist für Aljab’ev charakteristisch.

Die umfassendere Wiederbewertung setzte ein, als sein Archiv und seine Instrumentalwerke stärker beachtet wurden. Die Forschung des 20. Jahrhunderts zeigte, dass Aljab’ev auch als Kammermusik-, Orchester- und Chorkomponist ernst zu nehmen ist. Besonders die Streichquartette, Klaviertrios, die Violinmusik und die Sinfonie e-Moll rückten sein Profil von der bloßen Romanze zu einem breiteren kompositorischen Werk.

Biographisch wurde Aljab’ev häufig als tragische Figur gedeutet. Der Prozess von 1825, die Verbannung, das Leiden unter behördlicher Kontrolle und die fortgesetzte schöpferische Arbeit machten ihn zu einer romantischen Gestalt. Diese Deutung kann pathetisch wirken, erklärt aber die besondere Aura vieler Lieder: Sehnsucht, Freiheit, Einsamkeit und Erinnerung sind nicht bloß literarische Themen, sondern stehen in Beziehung zu seinem Lebensweg.

Für die russische Kulturgeschichte ist Aljab’ev vor allem als Vermittler wichtig. Er vermittelt zwischen adeliger Amateurkultur und professioneller Komposition, zwischen Theater und Salon, zwischen Volkslied und Kunstlied, zwischen europäischer Form und russischer Sprache, zwischen Zentrum und Peripherie. Ohne ihn wäre die Entwicklung der russischen Romanze und der vor-Glinka’schen Musiklandschaft unvollständig zu verstehen.

Sekundärliteratur

  • Dobrochotov, Boris: Aleksandr Aleksandrovič Aljab’ev. Moskau, 1966. Grundlegende Monographie, die besonders durch die Auswertung des nach dem Zweiten Weltkrieg erschlossenen Archivs wichtig wurde.
  • Findeizen, Nikolaj: Očerki po istorii muzyki v Rossii. Klassischer Forschungsrahmen zur älteren russischen Musikgeschichte, hilfreich für die Einordnung Aljab’evs vor Glinka.
  • Garden, Edward: Artikel zu Alexander Alyabyev in The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Englischsprachiger fachlexikalischer Überblick zu Leben, Werk, Romanzen, Exil und Theatermusik.
  • Gojowy, Detlef: Studien zur russischen Musik des 19. Jahrhunderts. Nützlich für die Einordnung der russischen Frühromantik, Romanze und nationalen Musikbildung.
  • Maes, Francis: A History of Russian Music: From Kamarinskaya to Babi Yar. Übergreifende Darstellung der russischen Musikgeschichte, in deren Vorgeschichte Aljab’ev gehört.
  • Ritzarev, Marina: Eighteenth-Century Russian Music und Studien zur frühen russischen Musik. Rahmen für die Vorgeschichte der russischen Kunstmusik, aus der Aljab’ev hervorgeht.
  • Taruskin, Richard: Defining Russia Musically und weitere Arbeiten zur russischen Musikgeschichte. Theoretischer und historischer Kontext zur Konstruktion russischer musikalischer Identität.
  • Vol’man, B.: Studien zur russischen Romanze und Liedkultur. Nützlich zur Gattungsgeschichte der Romanze und zur Stellung Aljab’evs innerhalb dieser Tradition.
  • Die Musik in Geschichte und Gegenwart, MGG Online: Artikel Aljab’ev, Aleksandr Aleksandrovič. Deutschsprachiger fachlexikalischer Hauptnachweis mit Datierung, Biographie und Werküberblick.
  • The New Grove Dictionary of Music and Musicians: Artikel Alyabyev, Aleksandr sowie Kontextartikel zu Russian song, Russian opera, Russian romance and nineteenth-century Russian music. Internationaler Forschungsrahmen für Leben und Werk Aljab’evs.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Aljab’ev, Aleksandr Aleksandrovič Alphabetische Ansatzform für den russischen Komponisten und Autor von Solovej.
  • Ammalat-Bek Opernprojekt Aljab’evs nach einem kaukasischen Stoff Bestužev-Marlinskijs.
  • Azijatskie pesni Sammlung beziehungsweise Werkgruppe regionaler und exotisierend verstandener Liedbearbeitungen Aljab’evs.
  • Balakirev, Milij Russischer Komponist, der Solovej bearbeitete und die spätere nationale Schule prägte.
  • Bestužev-Marlinskij, Aleksandr Russischer Schriftsteller, dessen kaukasische Stoffwelt für Aljab’evs Ammalat-Bek wichtig wurde.
  • Bolschoi-Theater Theaterinstitution, mit der Aljab’evs Bühnen- und Eröffnungswerke verbunden sind.
  • Delvig, Anton Dichter des Textes von Aljab’evs berühmter Romanze Solovej.
  • Glinka, Michail Russischer Komponist, der auf Aljab’evs Romanzenwelt folgte und Solovej bearbeitete.
  • Kammermusik Gattungsfeld, in dem Aljab’ev mit Streichquartetten, Klaviertrios, Violinsonate und Bläserquintett vertreten ist.
  • Kaukasus Exil- und Inspirationsraum Aljab’evs, wichtig für Ammalat-Bek, Kavkazskij plennik und kaukasisch inspirierte Lieder.
  • Kavkazskij plennik Musikalisch-dramatisches Werk Aljab’evs nach Puškins Kaukasus-Dichtung.
  • Liedbearbeitung Praxis, in der Aljab’ev ukrainische, russische, kaukasische und sogenannte asiatische Lieder verarbeitete.
  • Liszt, Franz Komponist und Pianist, dessen Transkription von Solovej die internationale Rezeption stärkte.
  • Moskau Hauptwirkungs- und Sterbeort Aljab’evs sowie Zentrum seiner Theater- und Salonpraxis.
  • Moskauer Theaterkultur Institutioneller und ästhetischer Rahmen von Aljab’evs Vaudevilles und Schauspielmusiken.
  • Orchestermusik Gattungsfeld von Aljab’evs Sinfonie e-Moll, Ouvertüren und Tanzsuiten.
  • Puškin, Aleksandr Dichter, dessen Texte Aljab’ev mehrfach vertonte und dessen Kaukasusstoff er musikalisch aufgriff.
  • Romanze Zentrale Gattung von Aljab’evs Vokalschaffen und Schlüssel zur russischen Liedkultur.
  • Russische Romanze Städtisches Kunstlied, das Aljab’ev vor Glinka entscheidend mitprägte.
  • Russische Romantik Kultureller Rahmen von Aljab’evs Liedern, Exilstoffen, Theaterwerken und Volksliedinteresse.
  • Russisches Volkslied Melodischer und kultureller Hintergrund vieler Bearbeitungen und Liedtypen Aljab’evs.
  • Sankt Petersburg Früher Bildungs- und Theaterort Aljab’evs im Russischen Reich.
  • Sibirien Geburts- und Exilraum Aljab’evs, wichtig für seine biographische und musikalische Prägung.
  • Solovej Berühmteste Romanze Aljab’evs, deutsch Die Nachtigall, nach Anton Delvig.
  • Theatermusik Gattungsfeld, in dem Aljab’ev mit Vaudevilles, Schauspielmusik, Melodramen und Opern wirkte.
  • Tobol’sk Geburtsort Aljab’evs und späterer Ort seiner Verbannung.
  • Ukrainisches Volkslied Repertoirebereich, den Aljab’ev in Bearbeitungen nach der Sammlung Maksimovičs aufgriff.
  • Vaudeville Musikalisch-theatralische Gattung, in der Aljab’ev in den 1820er Jahren intensiv arbeitete.
  • Verstovskij, Aleksej Russischer Theaterkomponist und mehrfacher Mitarbeiter Aljab’evs bei Vaudevilles.
  • Vaterländischer Krieg von 1812 Militärischer und generationeller Hintergrund von Aljab’evs früher Biographie.
  • Viardot, Pauline Sängerin, durch deren Repertoirepraxis Solovej in westeuropäische Opern- und Konzertkontexte gelangte.
  • Volkslied Übergreifender Begriff für die Liedmaterialien, die Aljab’ev sammelte, bearbeitete und künstlerisch verwandelte.