Alaire
Überblick
Alaire, in den Quellen und Nachschlagewerken auch als Allaire oder Alere geführt, gehört zu den nur sehr bruchstückhaft greifbaren Komponisten der französisch geprägten Musik des mittleren 16. Jahrhunderts. Seine Lebensdaten, Herkunft, Ausbildung und institutionelle Laufbahn sind unbekannt. Die wichtigste gesicherte Grundlage ist nicht eine Biographie, sondern die Werküberlieferung: Er erscheint in Handschriften und Sammelzusammenhängen, die in die Jahre um 1534 bis 1549 weisen. Damit gehört er in den Umkreis der französischen Chanson, der Pariser und franko-flämischen Druck- und Handschriftenkultur sowie der polyphonen Messe des frühen Renaissancezeitalters.
Die ältere Musiklexikographie überliefert eine auffällige, aber problematische biographische Notiz. François-Joseph Fétis nennt unter der Namensform Allaire einen Sänger an der Kirche von Paris, also an Notre-Dame, und gibt den 13. April 1547 als Todestag an. Robert Eitner übernimmt diese Angabe in seinem Quellen-Lexikon, macht aber zugleich deutlich, dass das Werkzeug der Erschließung vor allem die Sammelwerke des 16. Jahrhunderts sind. Da für die Notre-Dame-Angabe keine unabhängigen archivalischen Belege vorliegen, darf sie nicht als gesicherte Tatsache behandelt werden. Für eine moderne Kulturlexikon-Seite ist daher die vorsichtige Formulierung zwingend: Nach Fétis soll Alaire Sänger an Notre-Dame gewesen sein; quellenfest belegt ist dies bisher nicht.
Künstlerisch ist Alaire weniger durch eine klar erkennbare Persönlichkeit als durch einen Überlieferungstyp bedeutsam. Seine namentlich greifbaren Chansons gehören zu einer Kultur, in der französische Gedichte, höfische Liebesklage, Todestopik, rhetorische Affekte und mehrstimmige Satztechnik eng zusammenwirkten. Die bibliographisch genannte vierstimmige Messe zeigt, dass er nicht ausschließlich weltliche Chansons komponierte, sondern auch in der sakralen polyphonen Praxis des 16. Jahrhunderts präsent war. Gerade diese Verbindung von Chanson und Messe ist für das französisch-franko-flämische Musikleben um 1540 charakteristisch.
Kurzdaten
| Name | Alaire. |
|---|---|
| Namensvarianten | Allaire; Alere. Die Formen erscheinen in unterschiedlichen Katalogen, Nachschlagewerken und Handschriftenzusammenhängen. |
| Lebensdaten | Unbekannt. Geburts- und Sterbeort sind nicht gesichert. |
| Wirkungszeit | Fl. 1534–1549. Diese Datierung ergibt sich aus der Werk- und Quellenüberlieferung, nicht aus biographischen Dokumenten. |
| Beruf | Komponist; möglicherweise Sänger, doch ist die ältere Angabe einer Sängertätigkeit an Notre-Dame de Paris nicht unabhängig belegt. |
| Möglicher Wirkungsort | Paris beziehungsweise der Pariser Druck- und Chansonraum des 16. Jahrhunderts; eine feste Anstellung an Notre-Dame de Paris ist nur bei Fétis behauptet und bleibt quellenkritisch unsicher. |
| Gattungen | Französische Chanson und vierstimmige Messe; nach Eitner sind sechs Chansons und eine Messe zu vier Stimmen in Sammelwerken des 16. Jahrhunderts bezeugt. |
| Überlieferung | Handschriften und Sammeldrucke beziehungsweise Sammelwerke des 16. Jahrhunderts; einzelne Stücke sind in DIAMM, RISM und älteren bibliographischen Lexika nachgewiesen. |
| Gesicherte namentliche Werke | Cruelle mort qui de riens est contente, N’auray je point de mon mal allegeance, Triste pensif par le pourchas de rigeur sowie die bibliographisch genannte Missa Sancta et immaculata. |
| Quellenproblem | Die Person ist fast ausschließlich über Werkzuschreibungen greifbar; biographische Angaben der älteren Lexikographie müssen von der gesicherten Werküberlieferung getrennt werden. |
| Kulturelle Bedeutung | Alaire steht exemplarisch für jene nur teilweise namentlich fassbaren Komponisten, die die Pariser Chanson- und Messenkultur der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts mitprägten, ohne eine geschlossene biographische Überlieferung zu hinterlassen. |
Ausführlicher Kulturüberblick
Alaire gehört in die Blütezeit der französischen Chanson des 16. Jahrhunderts. In den Jahrzehnten um 1530 und 1540 wurde die mehrstimmige französische Chanson zu einer der wichtigsten weltlichen Gattungen Europas. Sie verbreitete sich über Pariser Drucker, höfische und städtische Handschriften, Adelsbibliotheken, internationale Sammelbände und später auch über instrumentale Bearbeitungen. Komponisten wie Claudin de Sermisy, Clément Janequin, Pierre Certon, Pierre Sandrin, Adrian Willaert, Nicolas Gombert, Jean Richafort und viele weniger bekannte Meister erscheinen in denselben Überlieferungsräumen, in denen auch Alaire greifbar wird.
Der kulturelle Kern dieser Chansonwelt liegt in der Verbindung von französischer Dichtung und polyphoner Kürze. Im Unterschied zu groß angelegten Messen oder Motetten sind viele Chansons relativ knapp, textnah und auf Affekt, rhetorische Pointe oder sangliche Eindringlichkeit konzentriert. Sie behandeln Liebesklage, Abschied, Tod, Vergeblichkeit, erotische Erwartung, höfische Verehrung und manchmal auch Spott oder gesellschaftliche Beobachtung. Die drei namentlich greifbaren Chansons Alaires passen bereits durch ihre Incipits in diesen Horizont: Cruelle mort, N’auray je point de mon mal allegeance und Triste pensif deuten auf Klage, Leid, Tod, seelische Bedrängnis und Liebesrhetorik.
Der Pariser Musikdruck spielte für diese Gattung eine zentrale Rolle. Pierre Attaingnant und andere Drucker machten die Chanson in gedruckten Stimmbüchern verfügbar. Dadurch konnte Musik schneller zirkulieren als in der rein handschriftlichen Tradition. Zugleich blieb die Handschrift wichtig, besonders in repräsentativen Partbook-Sammlungen, Hofhandschriften und privaten oder institutionellen Zusammenstellungen. Alaire gehört zu jener Zone, in der Druck und Handschrift ineinander greifen: Sein Name ist nicht durch ein selbständiges Autordruckwerk gesichert, sondern durch Sammelüberlieferung.
Die Zuschreibungslage solcher Stücke ist generell schwierig. In Chansonhandschriften und Sammeldrucken des 16. Jahrhunderts sind Komponistennamen häufig abgekürzt, uneinheitlich, nachgetragen, fehlerhaft oder ganz ausgelassen. Einzelne Stücke können in verschiedenen Quellen unterschiedlichen Komponisten zugeschrieben werden. Gerade bei wenig bekannten Namen wie Alaire muss daher jede Zuschreibung vorsichtig behandelt werden. Der moderne Katalogansatz trennt deshalb zwischen sicher namentlich zugewiesenen Stücken, unsicheren Zuschreibungen und bloßen bibliographischen Sammelhinweisen.
Die Messe erweitert das Bild. Wenn die unter Alaires Namen geführte Missa Sancta et immaculata tatsächlich zu ihm gehört, zeigt sie einen Komponisten, der nicht nur in der weltlichen französischen Chanson, sondern auch in der sakralen polyphonen Großform tätig war. Die vierstimmige Messe des 16. Jahrhunderts war ein anspruchsvolles Feld, in dem cantus-firmus-Technik, Imitation, Parodie, Modus, Satzbalance und liturgische Funktion zusammenwirkten. Der Schritt von der Chanson zur Messe war im franko-flämischen Raum nicht ungewöhnlich; viele Komponisten arbeiteten in beiden Bereichen.
Alaire ist deshalb kulturgeschichtlich gerade in seiner Unschärfe interessant. Er zeigt, wie viel Musikgeschichte nicht über geschlossene Biographien, sondern über Reste, Zuschreibungen, Drucke, Partbooks, Kataloge und spätere bibliographische Arbeit erschlossen wird. Sein Eintrag ist kein Künstlerporträt im modernen Sinn, sondern ein Fallbeispiel für quellenkritische Renaissanceforschung.
Biographische Überlieferung und Quellenkritik
Eine gesicherte Biographie Alaires existiert nicht. Weder Geburtsdatum noch Sterbedatum, Herkunftsort, Ausbildung, Lehrer, kirchliche Ämter oder Hofdienste sind durch belastbare Primärquellen bekannt. Die Datierung fl. 1534–1549 beruht auf der Überlieferung seiner Werke in Quellen dieses Zeitraums. Sie besagt nicht, dass Alaire 1534 geboren oder 1549 gestorben wäre, sondern nur, dass seine Musik in diesen Jahren greifbar wird.
Die älteste und folgenreichste biographische Notiz stammt aus der älteren Lexikographie. François-Joseph Fétis führte unter der Namensform Allaire einen Sänger an Notre-Dame de Paris und gab den 13. April 1547 als Todestag an. Robert Eitner wiederholte diese Information im 19. Jahrhundert. In der neueren quellenkritischen Sicht ist diese Angabe jedoch nicht gesichert. Sie ist deshalb nicht zu verschweigen, aber ausdrücklich als unbewiesene lexikographische Tradition zu kennzeichnen.
Dass Alaire im Pariser Umfeld tätig gewesen sein könnte, ist plausibel, aber nicht bewiesen. Seine Verbindung zur französischen Chanson, zur Pariser Druckkultur und zu Quellen des französischen Repertoires legt eine Nähe zum frankophonen Musikraum nahe. Daraus folgt jedoch keine gesicherte Anstellung an Notre-Dame. Die Kathedrale war zwar ein wichtiges Zentrum kirchlicher Musik, doch ohne archivalischen Nachweis darf der Status „Sänger an Notre-Dame“ nicht in eine gesicherte Kurzdatenzeile überführt werden.
Der Fall Alaire zeigt ein typisches Problem der Musikgeschichtsschreibung: Frühere Lexika sammelten wertvolle Hinweise, verbanden sie aber gelegentlich mit nicht nachprüfbaren Angaben. Moderne Kataloge wie RISM und DIAMM sind zurückhaltender. Sie konzentrieren sich auf Personenansatz, Namensvarianten, externe Identifikatoren, Quellen und konkrete Kompositionen. Diese Zurückhaltung ist für ein heutiges Kulturlexikon methodisch vorzuziehen.
Stil und musikalische Einordnung
Da nur wenige Werke Alaires namentlich greifbar sind, lässt sich kein umfassender Personalstil rekonstruieren. Dennoch erlaubt die Gattungszuordnung eine vorsichtige Einordnung. Die Chansons stehen im Umfeld der französischen Renaissancechanson, deren Satz häufig zwischen syllabischer Textverständlichkeit, imitativer Stimmführung und klarer formaler Gliederung vermittelt. Die Incipits der überlieferten Stücke deuten auf einen ernsten, klagenden Affektbereich, der in der höfischen Liebes- und Todesrhetorik der Zeit besonders verbreitet war.
Die Chanson Cruelle mort qui de riens est contente gehört schon durch ihren Textanfang in die Tradition der Personifikation des Todes. Die grausame, unersättliche oder ungerührte Todesmacht ist ein häufiges Motiv der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Dichtung. In einem mehrstimmigen Satz konnte eine solche Textidee durch langsame Deklamation, dichte Imitation, suspiratioartige Pausen, absteigende Linien oder klangliche Verdunkelung unterstützt werden.
N’auray je point de mon mal allegeance verweist auf die Erwartung oder Verweigerung von Erleichterung im Liebesleid. Auch dieses Motiv gehört zur Chansonrhetorik des 16. Jahrhunderts. Entscheidend ist weniger eine dramatische Handlung als die musikalische Gestaltung eines inneren Zustands. Die Stimme des lyrischen Ichs wird polyphon vervielfältigt, sodass individuelles Leiden als mehrstimmige Textur erscheint.
Triste pensif par le pourchas de rigeur zeigt ebenfalls die Semantik von Trauer, Nachdenklichkeit und Härte. Solche Chansons stehen zwischen literarischer Höfischkeit und musikalischer Affektgestaltung. Sie sind weder bloß Lieder im modernen Sinn noch rein abstrakte Kontrapunktstücke. Ihre Kunst liegt in der Balance zwischen textlicher Kürze, musikalischer Eleganz und rhetorischer Pointe.
Die bibliographisch bezeugte Messe verweist auf eine andere Seite. Eine vierstimmige Messe verlangt großformale Ordnung und liturgische Angemessenheit. Ob sie thematisch mit einem Chansonmodell, einem marianischen cantus firmus oder einem frei behandelten Material arbeitet, ist ohne Quellenanalyse nicht abschließend festzulegen. Der Titel Sancta et immaculata weist jedoch in einen marianischen beziehungsweise liturgisch geregelten Kontext.
Werkverzeichnis
Das Werkverzeichnis ist quellenkritisch aufgebaut. Eitner nennt sechs Chansons und eine vierstimmige Messe in Sammelwerken des 16. Jahrhunderts. Namentlich und online gut nachweisbar sind gegenwärtig drei Chansons in DIAMM sowie die bibliographisch in der Forschung genannte Messe Sancta et immaculata. Die übrigen drei von Eitner gezählten Chansons sind in der frei zugänglichen Online-Erschließung nicht mit derselben Sicherheit namentlich zu bestimmen. Sie werden daher nicht erfunden, sondern als bibliographisch bezeugte, namentlich hier nicht gesichert identifizierte Werkgruppe ausgewiesen.
| Cruelle mort qui de riens est contente | Französische Chanson. Das Stück ist in DIAMM unter Alaire verzeichnet und erscheint in den Cambrai-Partbooks F-CA MS 125, F-CA MS 126, F-CA MS 127 und F-CA MS 128. Der Textanfang verweist auf die Personifikation des grausamen Todes und gehört in den ernsten Affektbereich der Renaissancechanson. |
|---|---|
| N’auray je point de mon mal allegeance | Französische Chanson, in DIAMM unter Alaire geführt. Die Quelle nennt D-Mbs Mus. MS 1508 Discantus; der Eintrag vermerkt, dass die Musik gestrichen, aber noch lesbar ist. Der Titel gehört zur Liebesklage- und Leidensrhetorik der französischen Chanson. |
| Triste pensif par le pourchas de rigeur | Französische Chanson. Das Stück ist in DIAMM unter Alaire verzeichnet und erscheint in den Cambrai-Partbooks F-CA MS 125, F-CA MS 126, F-CA MS 127 und F-CA MS 128. Der Titel verbindet Trauer, Nachdenklichkeit und Härte als typische Motive höfischer Affektsprache. |
| Missa Sancta et immaculata | Vierstimmige Messe, in der Forschung unter der Namensform Allaire genannt. Sie gehört zur sakralen Werkgruppe Alaires und zeigt, dass der Komponist nicht nur im weltlichen Chansonrepertoire, sondern auch im liturgisch-polyphonen Bereich greifbar ist. |
| Drei weitere Chansons | Robert Eitner nennt insgesamt sechs Chansons in Sammelwerken des 16. Jahrhunderts. Da in frei zugänglichen modernen Online-Nachweisen nur drei Titel eindeutig unter Alaire greifbar sind, werden die drei weiteren Chansons hier als bibliographisch bezeugt, aber namentlich nicht sicher identifiziert geführt. |
| Gesamtbestand nach älterer Bibliographie | Sechs Chansons und eine vierstimmige Messe. Diese Zählung ist für die summarische Werkübersicht maßgeblich, muss aber durch moderne RISM-, DIAMM- und Handschriftenrecherche im Einzelfall überprüft werden. |
| Nicht gesicherte Zuschreibungen | Für einen quellenkritischen Katalog sind Stücke mit abweichender oder anonymer Zuschreibung nicht ohne zusätzliche Prüfung aufzunehmen. Gerade im Chansonrepertoire des 16. Jahrhunderts sind Mehrfachzuschreibungen, Schreibervarianten und spätere Katalogzuweisungen häufig. |
| Verlorene oder noch nicht identifizierte Werke | Es ist möglich, dass weitere Werke Alaires in Sammeldrucken, unvollständigen Stimmbüchern oder anonymen Handschriften überliefert sind. Ohne eindeutigen Namens- oder Konkordanznachweis dürfen sie jedoch nicht in das sichere Werkverzeichnis aufgenommen werden. |
Quellen und Überlieferung
Die wichtigsten modernen Zugriffspunkte sind DIAMM und RISM. DIAMM dokumentiert Alaire als Person mit den Varianten Allaire und Alere und führt drei namentliche Chansons auf. RISM bietet den übergeordneten Personenansatz und verweist auf weitere Standardidentifikatoren. Beide Systeme sind für eine moderne Kulturlexikonseite zuverlässiger als die unkritische Übernahme älterer biographischer Angaben.
Eine zentrale Handschriftenquelle sind die Cambrai-Partbooks F-CA MS 125 bis F-CA MS 128. Diese Sammlung enthält ein umfangreiches Repertoire des 16. Jahrhunderts: Messen, Messfragmente, Motetten, französische weltliche Stücke, flämische und italienische weltliche Stücke sowie textlose Kompositionen. Innerhalb dieser Sammelüberlieferung erscheint Alaire mit zwei Chansons. Die Quelle zeigt, dass Alaire nicht isoliert, sondern im unmittelbaren Umfeld prominenterer Namen wie Sermisy, Gombert, Richafort, Willaert, Lupi, Appenzeller und Janequin überliefert wurde.
D-Mbs Mus. MS 1508 ist für die Chanson N’auray je point de mon mal allegeance wichtig. Der Umstand, dass die Musik gestrichen, aber noch lesbar ist, macht die Quelle besonders interessant. Sie zeigt, wie fragil Renaissanceüberlieferung sein kann: Ein Stück kann zugleich gelöscht, verändert, erhalten und rekonstruierbar sein. Für die Musikwissenschaft ist eine solche Schicht nicht bloß ein Defekt, sondern ein Hinweis auf Gebrauch, Korrektur oder Repertoirewandel.
Die älteren Quellenlexika bleiben dennoch nützlich. Fétis und Eitner bewahrten Informationen, die in späteren Katalogen teilweise wieder aufgegriffen wurden. Ihr Wert liegt jedoch nicht darin, dass jede biographische Angabe automatisch verlässlich wäre. Ihr Wert liegt in der Sammlung von Hinweisen, die heute mit Handschriften, Drucken, Bibliothekskatalogen und digitalen Repertorien abgeglichen werden müssen.
Analytische Bedeutung
Alaire ist analytisch nicht wegen einer großen bekannten Werkfülle bedeutend, sondern als Grenzfall der Musikgeschichtsschreibung. Der Eintrag zeigt, wie ein Komponist zwischen sicherer Werküberlieferung und unsicherer Biographie steht. Bei berühmten Komponisten beginnt die Darstellung oft mit Leben, Ausbildung, Ämtern und Hauptwerken. Bei Alaire muss sie umgekehrt beginnen: Zuerst gibt es die Quellen, dann die Werkzuschreibungen, erst danach vorsichtige biographische Vermutungen.
Die überlieferten Chansons sind wichtig, weil sie Alaire in die affektive und rhetorische Kultur der französischen Renaissance stellen. Tod, Leid, Trauer, Bedrängnis und die Suche nach Erleichterung sind keine zufälligen Themen, sondern Bestandteile einer literarisch-musikalischen Sprache. Die Chanson gibt diesen Zuständen eine soziale Form: Sie macht persönliche Klage aufführbar, mehrstimmig und zirkulierbar.
Die Messe zeigt, dass dieselben Komponisten oder zumindest dieselben Überlieferungsräume geistliche und weltliche Gattungen nicht streng trennten. Chanson und Messe standen im 16. Jahrhundert nicht als zwei abgeschlossene Welten nebeneinander. Komponisten, Sänger, Kopisten, Drucker und Kapellen bewegten sich zwischen liturgischer Funktion, höfischer Unterhaltung, poetischer Kunst und gelehrter Satztechnik. Alaire wird genau in dieser Beweglichkeit sichtbar.
Für eine Kulturlexikonseite ist Alaire deshalb ein nützlicher Eintrag, obwohl seine Biographie fast leer bleibt. Er zwingt zur methodischen Genauigkeit: Was ist belegt? Was ist nur behauptet? Welche Angaben stammen aus älteren Lexika? Welche Stücke sind namentlich nachweisbar? Welche Werkgruppen sind nur summarisch überliefert? Gerade diese Fragen sind für die Kulturgeschichte der Renaissance zentral.
Rezeption und Nachwirkung
Die Nachwirkung Alaires ist klein, aber nicht bedeutungslos. Er gehört nicht zu den kanonischen Namen der Renaissance wie Josquin, Janequin, Sermisy, Willaert oder Gombert. Dennoch bleibt sein Name in RISM, DIAMM, Eitner, Fétis und spezialisierten Chanson- und Handschriftenkontexten erhalten. Diese Form der Nachwirkung ist typisch für viele Komponisten des 16. Jahrhunderts: Sie überleben nicht durch kontinuierliche Aufführung, sondern durch Kataloge, Konkordanzen und gelegentliche Forschungsnotizen.
Für heutige Aufführungspraxis wären seine Chansons vor allem im Kontext kleiner Renaissance-Ensembles interessant. Die Titel deuten auf ernste, textaffektive Stücke, die in Programmen zur französischen Chanson um 1530 bis 1550 sinnvoll neben Werken von Sermisy, Janequin, Certon, Richafort und Appenzeller stehen könnten. Die Messe wäre für Ensembles interessant, die abseits der kanonischen Messzyklen weniger bekannte französische oder franko-flämische Repertoires erschließen.
Die entscheidende moderne Aufgabe besteht in der philologischen Erschließung. Ein kritischer Werkartikel müsste alle bekannten Handschriften, Drucke, Konkordanzen, Zuschreibungen, Stimmbuchlagen, Textincipits, Lesarten und eventuelle Parodieverhältnisse zusammenführen. Bis dahin bleibt Alaire ein bewusst vorsichtig zu formulierender Quellenname.
Sekundärliteratur
- François-Joseph Fétis: Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique. Artikel unter der Namensform Allaire; wichtig als ältere, aber quellenkritisch zu prüfende lexikographische Tradition.
- Robert Eitner: Biographisch-bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten der christlichen Zeitrechnung bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 1. Leipzig 1900; Artikel Alaire.
- RISM: Personen- und Quellenansatz zu Alaire, Allaire, Alere.
- DIAMM: Personen- und Kompositionsnachweise zu Alaire sowie Handschriftennachweise zu den Cambrai-Partbooks.
- Lawrence F. Bernstein: Studien zur Pariser Chanson und zu Fragen von Stil und Terminologie im 16. Jahrhundert.
- Frank Carey: Arbeiten zu Kompositionen für gleiche Stimmen und zur Messenkultur des 16. Jahrhunderts, mit Bezug auf die unter Allaire geführte Messe.
- Howard Mayer Brown, François Lesure, Isabel Pope und Geneviève Thibault: Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte der Pariser Chanson.
- Daniel Heartz: Arbeiten zu Pierre Attaingnant, zum Pariser Musikdruck und zur französischen Chanson des 16. Jahrhunderts.
- François Lesure: Bibliographische und repertoiregeschichtliche Arbeiten zu französischen Musikdrucken und Sammelwerken des 16. Jahrhunderts.
- Kate van Orden: Studien zur französischen Chanson, zum Musikdruck, zu Hofkultur und musikalischer Öffentlichkeit im Frankreich der Renaissance.
- Richard Freedman: Studien zu Musik an französischen und lothringischen Höfen sowie zur Zirkulation von Chansonrepertoires um 1530.
- David Fallows: Arbeiten zur Renaissancechanson, zu Zuschreibung, Konkordanz und handschriftlicher Überlieferung.
- Jane Alden: Forschungen zu Handschriften, Chansonniers und der Rolle von Schreibern in der Produktion mehrstimmiger Musik.
- Allgemeine Forschung zu Claudin de Sermisy, Clément Janequin, Pierre Certon, Pierre Attaingnant, französischer Hofkultur, Notre-Dame de Paris und der polyphonen Messe im 16. Jahrhundert.
Onlinequellen
- DIAMM: Alaire (fl. 1534–49)
- RISM Online: Alaire
- DIAMM: F-CA MS 125
- DIAMM: F-CA MS 126
- DIAMM: F-CA MS 127
- DIAMM: F-CA MS 128
- DIAMM: Cruelle mort qui de riens est contente
- DIAMM: N’auray je point de mon mal allegeance
- DIAMM: Triste pensif par le pourchas de rigeur
- Robert Eitner: Quellen-Lexikon, Bd. 1, PDF Universität Zürich
- François-Joseph Fétis: Biographie universelle des musiciens, Bd. 1, Internet Archive PDF
- François-Joseph Fétis: Biographie universelle des musiciens, Bd. 1, Wikimedia Commons PDF
- JSTOR: Lawrence F. Bernstein, The Parisian Chanson: Problems of Style and Terminology
- JSTOR: Frank Carey, Composition for Equal Voices in the Sixteenth Century
- JSTOR: Richard Freedman, Music at the Courts of Lorraine and France, ca. 1530
- IMSLP: Pierre Attaingnant
- IMSLP: Claudin de Sermisy
- IMSLP: Clément Janequin
- IMSLP: Pierre Certon
- RISM: Répertoire International des Sources Musicales
- DIAMM: Digital Image Archive of Medieval Music
- University of Oxford: DIAMM host institution
- VIAF: Alaire
- Bibliothèque nationale de France: Katalogsuche Alaire, Allaire, Alere
- data.bnf.fr: Suche Alaire, Allaire, Alere
- WorldCat: Suche Alaire Allaire Alere composer
- Early Music Sources: Hintergrund zu Renaissancepolyphonie und Quellenpraxis
- Corpus Mensurabilis Musicae: Editionskontext der Renaissancepolyphonie
Weiterführende Einträge
- Französische Chanson Zentrale weltliche Gattung des 16. Jahrhunderts, in deren Überlieferung Alaire hauptsächlich greifbar ist.
- Pariser Chanson Druck- und Stilzusammenhang der französischen Chanson um Sermisy, Janequin, Attaingnant und ihre weniger bekannten Zeitgenossen.
- Renaissancepolyphonie Mehrstimmige Satzkunst des 15. und 16. Jahrhunderts, zu deren Chanson- und Messenkultur Alaire gehört.
- Musikdruck im 16. Jahrhundert Technischer und kultureller Rahmen für die Verbreitung von Chansons, Messen, Motetten und Sammeldrucken.
- Pierre Attaingnant Pariser Musikdrucker, dessen Chansondrucke die französische Musik Europas um 1530 entscheidend verbreiteten.
- Claudin de Sermisy Hauptmeister der französischen Chanson, in dessen Repertoireumfeld Alaire historisch zu verorten ist.
- Clément Janequin Komponist programmatischer und textnaher Chansons, wichtig als Vergleichsfigur zur französischen Chanson der Zeit.
- Pierre Certon Französischer Komponist von Chansons und geistlicher Musik, repräsentativ für das Pariser Musikmilieu des 16. Jahrhunderts.
- Pierre Sandrin Chansonkomponist des 16. Jahrhunderts und wichtiger Vertreter der französischen höfischen Liedkultur.
- Jean Richafort Franko-flämischer Komponist, dessen Werke in ähnlichen Handschriften- und Druckzusammenhängen wie Alaire erscheinen.
- Nicolas Gombert Komponist dichter franko-flämischer Polyphonie, in den Sammelquellen des 16. Jahrhunderts häufig vertreten.
- Adrian Willaert Franko-flämischer Komponist mit internationaler Wirkung in Chanson, Motette, Messe und italienischer Musikgeschichte.
- Benedictus Appenzeller Komponist, dessen Werke in den Cambrai-Partbooks neben anderem Chanson- und Motettenrepertoire überliefert sind.
- Cambrai-Partbooks Handschriftenquelle mit umfangreichem Repertoire des 16. Jahrhunderts, in der auch Chansons Alaires erscheinen.
- DIAMM Digital Image Archive of Medieval Music, wichtig für Handschriften- und Kompositionsnachweise zu mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Musik.
- RISM Internationales Quellenrepertorium, das Personen, Werke und musikalische Quellen systematisch erschließt.
- Robert Eitner Musikbibliograph und Autor des Quellen-Lexikons, das für ältere Werk- und Namensnachweise weiterhin wichtig ist.
- François-Joseph Fétis Musiklexikograph des 19. Jahrhunderts, dessen Angaben zu Alaire quellenkritisch geprüft werden müssen.
- Notre-Dame de Paris in der Musikgeschichte Kirchlicher Musikort, mit dem Alaire in der älteren Lexikographie verbunden wird, ohne dass die Angabe sicher belegt ist.
- Renaissance-Messe Sakrale Großform, in deren vierstimmiger Tradition die Alaire zugeschriebene Messe zu verorten ist.
- Chanson und Messe Themenfeld zur Beziehung von weltlicher Melodie, Parodietechnik, sakraler Großform und Renaissancepolyphonie.
- Zuschreibung in Musikquellen Quellenkritisches Problem von Namensvarianten, anonymen Stücken, Mehrfachzuschreibungen und späteren Katalogentscheidungen.
- Stimmbuch Überlieferungsform der Renaissance, bei der einzelne Stimmen getrennt notiert oder gedruckt wurden.
- Sammeldruck Druckform, in der Werke vieler Komponisten gemeinsam überliefert wurden und durch die auch kleinere Namen sichtbar bleiben.
- Clément Marot Französischer Dichter, dessen Epigramm- und Chansontexte für die Musik um 1530 und 1540 eine zentrale Rolle spielten.
- Französische Renaissance Kultureller Rahmen von Hof, Stadt, Druck, Dichtung und Musik, in dem Alaires Chansonüberlieferung steht.