Hermann Josef Abert (1871–1927)

Person · deutscher Musikwissenschaftler · Klassischer Philologe · Hochschullehrer · Mozart-Biograph · Opernforscher · Halle · Heidelberg · Leipzig · Berlin · Werkverzeichnis · Sekundärliteratur

Hermann Josef Abert war ein deutscher Musikwissenschaftler, Klassischer Philologe, Hochschullehrer, Herausgeber und Musikforscher. Er gehört zu den prägenden Gestalten der frühen universitären Musikwissenschaft in Deutschland. Sein Werk verbindet philologische Schulung, historische Musikforschung, Operngeschichte, Editionsarbeit und groß angelegte Komponistenbiographie. Besonders bekannt wurde er durch seine zweibändige Mozart-Biographie, durch Studien zur antiken und mittelalterlichen Musikästhetik, durch Arbeiten zu Robert Schumann, Niccolò Jommelli und Johann Joseph Abert sowie durch seine Tätigkeit an den Universitäten Halle, Heidelberg, Leipzig und Berlin.

Überblick

Hermann Josef Abert wurde am 25. März 1871 in Stuttgart geboren und starb am 13. August 1927 ebenda. Er war einer der wichtigsten deutschen Musikwissenschaftler der Generation vor Friedrich Blume, Heinrich Besseler und der stärker institutionell ausgebauten Musikwissenschaft des 20. Jahrhunderts. Seine wissenschaftliche Laufbahn führte von der Klassischen Philologie zur Musikwissenschaft und von Halle über Heidelberg und Leipzig nach Berlin.

Abert war in mehrfacher Hinsicht ein Grenzgänger. Er kam aus einer Musikerfamilie, wurde aber nicht in erster Linie praktischer Musiker, sondern Historiker und Philologe der Musik. Er beschäftigte sich mit antiker Musik, mittelalterlicher Musikästhetik, Operngeschichte, Komponistenbiographie, Quellenarbeit und Editionspraxis. Diese Spannweite macht ihn zu einer Schlüsselfigur für die frühe akademische Musikwissenschaft.

Seine bekannteste Leistung ist die große Mozart-Biographie Wolfgang Amadeus Mozart, die 1919 und 1921 in zwei Bänden erschien. Sie beruhte auf Otto Jahns älterer Mozart-Darstellung, wurde aber von Abert tiefgreifend überarbeitet, erweitert und neu ausgerichtet. Das Werk prägte über Jahrzehnte das deutschsprachige Mozart-Bild und verband biographische Erzählung, Werkdeutung und musikgeschichtliche Einordnung.

Daneben war Abert ein wichtiger Opernforscher. Er schrieb über Niccolò Jommelli, befasste sich mit Händel, Gluck, Mozart und der Geschichte musikalischer Dramatik, gab historische Partituren heraus und trug zur Wiederbelebung älterer Operntraditionen bei. In Halle war er außerdem für die Institutionalisierung der Musikwissenschaft bedeutsam und wird dort als Gründer beziehungsweise entscheidender Organisator des musikwissenschaftlichen Instituts erinnert.

Name, Einordnung und Berufsprofil

Die vollständige Namensform lautet Hermann Josef Abert; häufig begegnet auch die Schreibweise Hermann Joseph Abert. In der wissenschaftlichen Literatur und in Bibliothekskatalogen ist meist die Kurzform Hermann Abert üblich. Die Angabe Herbert Abert ist für den deutschen Musikwissenschaftler nicht als belastbare Lemmaform nachweisbar und sollte für Katalog, Index und Datei nicht verwendet werden.

Abert war Musikwissenschaftler, Musikhistoriker, Klassischer Philologe, Hochschullehrer, Herausgeber und gelegentlich auch Bearbeiter historischer Partituren. Diese Berufsbezeichnungen zeigen die Breite seines Profils. Als Klassischer Philologe brachte er sprach- und quellenkritische Kompetenzen in die Musikforschung ein; als Musikhistoriker untersuchte er Entwicklungszusammenhänge; als Hochschullehrer institutionalisierte er ein junges Fach; als Herausgeber machte er ältere Musik praktisch zugänglich.

Er gehört zu jener Generation, die Musikwissenschaft als universitäres Fach erst fest etablierte. Während ältere Musikgeschichtsschreibung oft von Praktikern, Musikschriftstellern oder Komponisten betrieben wurde, trat bei Abert die akademische Disziplin stärker hervor: mit Dissertation, Habilitation, Lehrstuhl, Seminar, Quellenarbeit, Edition und wissenschaftlicher Organisation.

Herkunft, Familie und musikalische Frühprägung

Hermann Abert wurde als Sohn des Komponisten und Stuttgarter Hofkapellmeisters Johann Joseph Abert geboren. Der Vater war eine bedeutende Musikerpersönlichkeit des 19. Jahrhunderts, komponierte Opern, Sinfonien und Kammermusik und prägte das Stuttgarter Musikleben. Die musikalische Bildung Hermann Aberts begann daher in einem ausgesprochen musiknahen Elternhaus.

Die Mutter Amalie Abert, geborene Marquardt, gehörte ebenfalls zum familiären Umfeld, das Abert eine bürgerlich-kulturelle Bildung ermöglichte. Er erhielt seine erste musikalische Ausbildung vom Vater, besuchte das Gymnasium und das Konservatorium in Stuttgart und wurde früh mit praktischer Musik vertraut. Diese doppelte Grundlage aus musikalischer Praxis und schulischer Bildung bestimmte seine spätere wissenschaftliche Arbeit.

1905 heiratete Abert Anna Dittenberger, eine Tochter des klassischen Philologen Wilhelm Dittenberger. Aus der Ehe ging 1906 Anna Amalie Abert hervor, die selbst eine bedeutende Musikwissenschaftlerin wurde. Damit verbindet sich die Familie Abert mit einer doppelten Gelehrtentradition: Musik und Klassische Philologie. Gerade diese Verbindung erklärt viel von Hermann Aberts wissenschaftlicher Methode.

Studium, Klassische Philologie und Musikwissenschaft

Abert studierte zunächst Klassische Philologie in Tübingen, Berlin und Leipzig. 1896 legte er in Tübingen die Oberlehrerprüfung ab. 1897 wurde er in Tübingen mit einer Arbeit zur griechischen Musik und zur Lehre vom Ethos promoviert. Bereits in dieser frühen Qualifikationsschrift zeigte sich sein Interesse an Musik als historisch, philosophisch und kulturell bestimmtem Phänomen.

Von 1896 bis 1900 studierte er in Berlin Musikwissenschaft. Damit trat zu seiner philologischen Ausbildung die eigentliche fachmusikalische Wissenschaft hinzu. Berlin war um 1900 ein wichtiger Ort akademischer Musikforschung, und Abert nahm dort jene Methoden auf, die später für seine eigenen Arbeiten wichtig wurden: historische Quellenkritik, Stilkunde, Werkdeutung, Edition und institutionelle Fachorganisation.

Zwischen 1898 und 1901 arbeitete er außerdem als Berliner Musikreferent des Schwäbischen Merkur. Diese journalistische Tätigkeit ist für sein späteres Schreiben bedeutsam. Abert war kein reiner Archivgelehrter, sondern konnte auch für ein breiteres gebildetes Publikum formulieren. Seine Mozart-Biographie verdankt dieser Fähigkeit viel: Sie verbindet Gelehrsamkeit mit erzählerischer Lesbarkeit.

Halle: Habilitation, Institut und Collegium musicum

1902 habilitierte sich Abert an der Universität Halle mit einer Studie zur Musikästhetik des Mittelalters. Seine Antrittsvorlesung galt der Romantik in der Musik. Halle wurde damit zu seiner ersten großen akademischen Wirkungsstätte. 1909 wurde er zum ordentlichen Honorarprofessor ernannt, 1912 erhielt er eine außerordentliche Professur, 1918 schließlich ein Ordinariat für Musikwissenschaft.

In Halle setzte sich Abert nachhaltig für die Institutionalisierung des Fachs ein. 1913 wurde das musikwissenschaftliche Institut gegründet beziehungsweise in seiner Arbeit entscheidend ausgebaut. Damit gehört Halle zu den frühen universitären Zentren der Musikwissenschaft in Deutschland. Abert erscheint in der hallischen Erinnerung deshalb nicht nur als Professor, sondern als Gründerfigur eines akademischen Fachstandorts.

Auch das praktische Musikleben der Universität belebte er. Er knüpfte an die ältere Tradition des Collegium musicum an und verband wissenschaftliche Arbeit mit Aufführungspraxis. Diese Verbindung war für Abert charakteristisch: Musikgeschichte sollte nicht nur aus Büchern und Quellen rekonstruiert werden, sondern auch als klingende und institutionell lebendige Kunst erfahrbar bleiben.

Heidelberg, Leipzig und Berlin

1919 folgte Abert einem Ruf an die Universität Heidelberg. Schon 1920 wechselte er nach Leipzig, wo er die Nachfolge Hugo Riemanns antrat. Dieser Schritt war wissenschaftsgeschichtlich bedeutsam, denn Riemann gehörte zu den einflussreichsten Musiktheoretikern und Musikwissenschaftlern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Aberts Leipziger Zeit stand daher im Zeichen einer großen Fachtradition.

1923 wurde Abert an die Universität Berlin berufen. Dort folgte er im weiteren Sinn auf Hermann Kretzschmar und trat in eines der wichtigsten akademischen und kulturellen Zentren Deutschlands ein. Berlin bedeutete für ihn wissenschaftliche Sichtbarkeit, institutionelle Verantwortung und Nähe zu Akademien, Kommissionen, Verlagen und großen Musikbibliotheken.

Die schnelle Abfolge Halle, Heidelberg, Leipzig und Berlin zeigt, wie hoch Abert in der Fachwelt geschätzt wurde. Er war nicht nur ein Autor bedeutender Bücher, sondern ein gesuchter Hochschullehrer und Organisator eines jungen Fachs, das sich um 1900 und nach dem Ersten Weltkrieg rasch entwickelte.

Preußische Akademie und wissenschaftliche Anerkennung

1925 wurde Abert ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Diese Wahl war für die Musikwissenschaft von besonderer Bedeutung, weil Abert als erster Vertreter dieses Fachs in diese Akademie aufgenommen wurde. Damit erhielt nicht nur seine Person, sondern auch die Musikwissenschaft als Disziplin eine hohe akademische Anerkennung.

Abert war außerdem Vorsitzender der Preußischen Musikgeschichtlichen Kommission. Diese Funktion unterstreicht seine Rolle als wissenschaftlicher Organisator. Musikgeschichte sollte durch Quelleneditionen, systematische Forschung und institutionelle Zusammenarbeit erschlossen werden. Abert war somit nicht nur Einzelgelehrter, sondern Teil eines größeren wissenschaftlichen Infrastrukturaufbaus.

Sein Tod 1927 beendete eine Laufbahn, die sich in wenigen Jahrzehnten von der philologischen Dissertation bis zur Berliner Professur und Akademiemitgliedschaft entwickelt hatte. Die Gedenkschrift seiner Schüler und die postum herausgegebenen Gesammelten Schriften und Vorträge zeigen, dass er bereits unmittelbar nach seinem Tod als zentrale Fachfigur wahrgenommen wurde.

Forschungsschwerpunkte

Aberts Forschungsschwerpunkte lassen sich in mehreren großen Linien zusammenfassen. Erstens beschäftigte er sich mit antiker und mittelalterlicher Musikästhetik. Zweitens arbeitete er zur Operngeschichte, besonders zur italienischen Oper des 18. Jahrhunderts und zu Gluck, Jommelli, Händel und Mozart. Drittens schrieb er bedeutende Komponistenbiographien und Charakterstudien. Viertens war er als Herausgeber historischer Partituren und als Vermittler älterer Musik tätig.

Der Zusammenhang dieser Felder liegt in Aberts Interesse an Musik als geschichtlich geformter Ausdruckskunst. Er untersuchte nicht nur musikalische Technik, sondern fragte nach ästhetischen Grundsätzen, dramatischer Funktion, kultureller Stellung und historischer Entwicklung. Sein philologischer Hintergrund führte dazu, dass er Quellen, Texte und historische Kontexte besonders ernst nahm.

Abert steht damit an einer Schnittstelle zwischen älterer Musikgeschichtsschreibung und moderner Musikwissenschaft. Er arbeitete noch mit einer gewissen geistesgeschichtlichen Größe und erzählerischen Breite, verwendete aber zugleich wissenschaftliche Methoden, die für die spätere akademische Disziplin grundlegend wurden.

Antike und mittelalterliche Musikästhetik

Aberts frühe wissenschaftliche Arbeiten gelten der Antike und dem Mittelalter. Die Dissertation Die Lehre vom Ethos in der griechischen Musik untersucht die antike Vorstellung, dass Musik eine sittliche, charakterbildende und seelisch wirkende Kraft besitzt. Schon hier verbindet Abert Musikgeschichte mit Philosophie, Ästhetik und Kulturtheorie.

Die Habilitationsschrift Die ästhetischen Grundsätze der mittelalterlichen Melodiebildung und die spätere Studie Die Musikanschauung des Mittelalters und ihre Grundlagen setzen diese Richtung fort. Abert fragt nach den geistigen Voraussetzungen musikalischer Formbildung. Melodie wird bei ihm nicht nur als Tonfolge behandelt, sondern als Ausdruck einer ästhetischen Ordnung.

Diese Arbeiten sind für die Wissenschaftsgeschichte deshalb bedeutsam, weil sie Musikästhetik historisieren. Abert zeigt, dass Musikanschauungen nicht zeitlos sind, sondern in philosophischen, theologischen und kulturellen Zusammenhängen stehen. Damit verbindet er historische Quellenarbeit mit einer Theorie der Musikauffassung.

Opernforschung und historische Musikdramatik

Ein zweiter großer Schwerpunkt Aberts war die Oper. Seine Studie über Niccolò Jommelli als Opernkomponist gehört zu den wichtigen frühen Arbeiten zur italienischen Oper des 18. Jahrhunderts. Jommelli wird darin nicht bloß als Randfigur behandelt, sondern als Komponist, an dem sich Fragen von Reform, dramatischer Gestaltung, italienischer Operntradition und vorklassischem Musiktheater untersuchen lassen.

Abert interessierte sich außerdem für Gluck, Händel und Mozart. Er bearbeitete und edierte historische Partituren und wirkte damit an einer praktischen Wiedererschließung älterer Musikdramatik mit. Sein Operninteresse hatte also sowohl eine theoretisch-historische als auch eine aufführungspraktische Seite.

Besonders in Halle wurde seine Beschäftigung mit älterem Opernrepertoire auch institutionell wirksam. Die Wiederbelebung älterer Werke und die Verbindung von Forschung, Edition und Aufführung gehörten zu seinem Verständnis von Musikwissenschaft. Oper war für ihn nicht nur Gegenstand von Archivstudien, sondern eine lebendige historische Kunstform.

Mozart-Biographie

Aberts zweibändige Mozart-Biographie erschien 1919 und 1921. Sie ist sein bekanntestes Werk und gehört zu den einflussreichsten deutschsprachigen Mozart-Darstellungen des 20. Jahrhunderts. Abert knüpfte an Otto Jahns klassische Mozart-Biographie an, überarbeitete sie aber so umfassend, dass das Werk als eigenständige Leistung gilt.

Die Biographie verbindet Lebensgeschichte, Werkdeutung und historische Einordnung. Abert beschreibt Mozart nicht nur als Genie, sondern als Komponisten in konkreten kulturellen, musikalischen und sozialen Zusammenhängen. Besonders stark ist seine Behandlung der Opern, der Instrumentalwerke und der stilgeschichtlichen Entwicklung.

Das Werk prägte über Jahrzehnte die Mozart-Rezeption. Es verband eine monumentale, bildungsbürgerliche Darstellungsform mit wissenschaftlichem Anspruch. Auch wenn spätere Mozartforschung viele Details korrigiert, erweitert oder methodisch anders bewertet hat, bleibt Aberts Mozart-Biographie ein zentrales Dokument der Musikwissenschafts- und Rezeptionsgeschichte.

Editionen, Partiturbearbeitungen und Musikvermittlung

Abert war nicht nur Autor, sondern auch Herausgeber. Er bearbeitete historische Partituren und machte ältere Werke in Studienpartituren und praktischen Ausgaben zugänglich. Dazu zählen Ausgaben von Werken Glucks, Mozarts und Webers, darunter etwa Iphigenie auf Tauris, Die Zauberflöte und Der Freischütz.

Diese editorische Arbeit ist für sein Profil wichtig. Musikwissenschaft wurde bei Abert nicht nur als Deutung von Geschichte verstanden, sondern auch als Bereitstellung zuverlässiger musikalischer Texte. Wer historische Musik verstehen will, braucht Quellen, Partituren, kritische Lesarten und aufführbare Ausgaben.

Die Verbindung von Forschung und Edition war im frühen 20. Jahrhundert besonders wichtig, weil viele ältere Werke noch nicht in moderner Form verfügbar waren. Abert trug dazu bei, dass Opern- und Instrumentalwerke der Vergangenheit wieder in das wissenschaftliche und praktische Musikleben eintreten konnten.

Illustriertes Musik-Lexikon und Plagiatskontroverse

Zu Aberts späten Projekten gehört das Illustrierte Musik-Lexikon, das 1927 erschien und unter seinem Namen beziehungsweise unter seiner Herausgeberschaft veröffentlicht wurde. Beteiligt waren unter anderem Friedrich Blume, Rudolf Gerber, Hans Hoffmann und Theodor Schwartzkopff.

Das Lexikon wurde bald nach Erscheinen zum Gegenstand einer Plagiatskontroverse. Zeitgenössische Kritik und spätere Untersuchungen warfen dem Werk vor, in erheblichem Umfang auf bereits vorhandene Lexikonartikel, besonders auf Arbeiten Alfred Einsteins und das Riemann-Lexikon, zurückzugreifen. Diese Kontroverse gehört zur Wirkungsgeschichte Aberts und sollte in einer sachlichen Darstellung nicht ausgespart werden.

Für die Bewertung ist zu unterscheiden zwischen Aberts eigener wissenschaftlicher Lebensleistung und dem problematischen Lexikonprojekt. Das Lexikon wirft Fragen nach redaktioneller Verantwortung, Autorschaft, Kompilation und wissenschaftlicher Redlichkeit auf. Es ändert jedoch nichts daran, dass Abert in anderen Bereichen, besonders in Mozartforschung, Operngeschichte und Fachinstitutionalisierung, eine bedeutende Rolle spielte.

Werkverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis ist als kulturlexikalische Übersicht angelegt. Es erfasst größere Monographien, zentrale Studien, Herausgaben, Editionen, postume Sammlungen und wichtige Arbeitsfelder. Ein vollständiges wissenschaftliches Werkverzeichnis müsste zusätzlich Aufsätze, Rezensionen, Vorträge, kleinere Beiträge, Nachlassmaterialien und editorische Einleitungen systematisch erfassen.

Monographien, Studien und größere Schriften

Die Lehre vom Ethos in der griechischen Musik, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1899. Aberts Dissertation und grundlegende frühe Studie zur antiken Musikästhetik.

Die ästhetischen Grundsätze der mittelalterlichen Melodiebildung. Eine Studie zur Musikästhetik des Mittelalters, Halle 1902. Habilitationsschrift und wichtiger Beitrag zur historischen Musikästhetik.

Robert Schumann, Berlin: Harmonie-Verlag, 1903. Komponistenmonographie beziehungsweise Charakterstudie zu Robert Schumann.

Die Musikanschauung des Mittelalters und ihre Grundlagen, Halle 1905. Umfangreiche Darstellung mittelalterlicher Musikauffassung, ihrer theoretischen Grundlagen und ihrer ästhetischen Voraussetzungen.

Niccolò Jommelli als Opernkomponist, Halle 1908 beziehungsweise 1909. Studie zur italienischen Oper des 18. Jahrhunderts und zu Jommellis Bedeutung innerhalb der Opernentwicklung.

Johann Joseph Abert (1832–1915). Sein Leben und seine Werke, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1916. Biographie des Vaters, zugleich Beitrag zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts und zur Abert-Familientradition.

Wolfgang Amadeus Mozart. Eine Biographie, zwei Bände, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1919 und 1921. Aberts Hauptwerk und eine der einflussreichsten deutschsprachigen Mozart-Biographien des 20. Jahrhunderts.

Goethe und die Musik, 1922. Studie zum Verhältnis Goethes zur Musik, zur musikalischen Rezeption und zum kulturgeschichtlichen Zusammenhang von Dichtung und Musik.

Gesammelte Schriften und Vorträge, herausgegeben von Friedrich Blume, Halle: Niemeyer, 1929; späterer Nachdruck Tutzing: Schneider, 1968. Postume Sammlung zentraler Texte Aberts.

Herausgaben, Editionen und Bearbeitungen

Historische Partituren und Opernausgaben. Abert gab und bearbeitete Partituren älterer Werke, darunter Ausgaben im Umfeld von Gluck, Mozart und Weber. Besonders häufig nachgewiesen sind Studienpartituren beziehungsweise Ausgaben von Die Zauberflöte, Iphigenie auf Tauris und Der Freischütz.

Christoph Willibald Gluck: Iphigenie auf Tauris. Abert wirkte als Herausgeber beziehungsweise Bearbeiter in der Studienpartitur- und Editionsüberlieferung dieses Werks.

Wolfgang Amadeus Mozart: Die Zauberflöte. Abert erscheint in der Studienpartitur-Überlieferung als Herausgeber; hierzu gehören auch einzelne Ausgaben der Ouvertüre.

Carl Maria von Weber: Der Freischütz. Abert wird in modernen Verlagsnachweisen als Herausgeber beziehungsweise Mitherausgeber in der Studienpartiturtradition genannt.

Illustriertes Musik-Lexikon, Stuttgart: J. Engelhorns Nachf., 1927. Herausgegeben von Hermann Abert unter Mitarbeit von Friedrich Blume, Rudolf Gerber, Hans Hoffmann und Theodor Schwartzkopff; wegen der Plagiatskontroverse gesondert quellenkritisch zu behandeln.

Beiträge zur Preußischen Musikgeschichtlichen Kommission. Aberts Tätigkeit als Vorsitzender dieser Kommission gehört in den Bereich wissenschaftlicher Herausgabe, Editionsplanung und institutioneller Musikgeschichtsforschung.

Aufsätze, Vorträge und Forschungsfelder

Antike Musik und Ethoslehre. Beiträge zu griechischer Musikauffassung, seelischer Wirkung, musikalischer Erziehung und philosophischer Musikdeutung.

Mittelalterliche Musikästhetik. Arbeiten zu Melodiebildung, Musikanschauung, theoretischen Quellen und ästhetischen Prinzipien des Mittelalters.

Romantik in der Musik. Aberts Antrittsvorlesung in Halle galt der Romantik; dieses Feld berührt seine Schumann-Studie und weitere musikgeschichtliche Interessen.

Oper des 18. Jahrhunderts. Studien zu italienischer Oper, Jommelli, Gluck, Mozart und zur Entwicklung dramatischer Musikformen.

Händel-Rezeption und ältere Oper. Beiträge zur Wiederentdeckung und historischen Bewertung älterer Operntraditionen, besonders im hallischen Kontext.

Mozart-Forschung. Aufsätze, Vorträge, Werkdeutungen und biographische Studien im Zusammenhang mit der großen Mozart-Biographie.

Musikgeschichtliche Institutionen. Texte und Tätigkeiten im Zusammenhang von Collegium musicum, universitärer Musikwissenschaft, Musikgeschichtlicher Kommission und akademischer Fachorganisation.

Sekundärliteratur und Nachweise

Friedrich Blume, Hrsg.: Gedenkschrift für Hermann Abert. Von seinen Schülern, Halle: Niemeyer, 1928; Nachdruck Tutzing: Schneider, 1974. Die Gedenkschrift ist eine zentrale frühe Würdigung Aberts aus dem Kreis seiner Schüler und Kollegen.

Friedrich Blume, Hrsg.: Hermann Abert: Gesammelte Schriften und Vorträge, Halle: Niemeyer, 1929; Nachdruck Tutzing: Schneider, 1968. Die Ausgabe ist zugleich Quelle und Rezeption, weil sie Aberts verstreute Texte nach seinem Tod bündelt.

Neue Deutsche Biographie, Artikel „Abert, Hermann Joseph“. Der Artikel bietet eine knappe, wissenschaftlich fundierte biographische Einordnung mit genealogischen Angaben, Lebenslauf, Werk- und Literaturhinweisen.

Catalogus Professorum Halensis: Artikel „Hermann Abert“. Der hallische Professorenkatalog ist besonders wichtig für Aberts Zeit in Halle, seine Habilitation, Professuren, Kriegsdienst, institutionelle Rolle und den Wechsel nach Heidelberg, Leipzig und Berlin.

Deutsche Digitale Bibliothek: Personeneintrag „Hermann Abert“. Der Eintrag führt Abert als Musikwissenschaftler, Historiker, Klassischen Philologen, Komponisten, Arrangeur, Hochschullehrer und Herausgeber und verknüpft digitale Werk- und Normdaten.

Bayerisches Musiker-Lexikon Online: Artikel „Abert, Hermann Josef“. Der Eintrag bietet eine kompakte musiklexikalische Orientierung mit Normdaten und weiterführenden Nachweisen.

Schott Music: Personenseite „Hermann Abert“. Die Verlagsseite ist besonders nützlich für moderne Nachweise seiner Herausgebertätigkeit bei Studienpartituren wie Der Freischütz, Die Zauberflöte und Iphigenie auf Tauris.

Robert Schmitt Scheubel: Chronik einer Fälschung. Studie und Materialien zu Hermann Aberts Illustriertem Musiklexikon, Berlin: Conassis.de, 2005. Diese Studie ist für die Plagiatskontroverse um das Illustrierte Musik-Lexikon einschlägig.

Forschungsliteratur zu Hugo Riemann, Hermann Kretzschmar, Friedrich Blume, Alfred Einstein, der Geschichte der Musikwissenschaft, der Opernforschung und der Mozart-Rezeption bildet den weiteren Kontext. Abert ist besonders dann angemessen zu verstehen, wenn man seine Arbeiten nicht isoliert, sondern innerhalb der frühen Fachgeschichte der deutschen Musikwissenschaft liest.

Archive und Bibliothekskataloge wie Kalliope, Archivportal-D, Deutsche Nationalbibliothek, VIAF, GND und internationale Bibliotheksverbünde sind für Nachlass-, Werk- und Normdaten unverzichtbar. Sie helfen besonders bei der Erfassung von Aufsätzen, Korrespondenzen, Editionen und postumen Nachweisen.

Rezeption, Bedeutung und wissenschaftsgeschichtliche Stellung

Hermann Abert wurde schon zu Lebzeiten als bedeutender Vertreter der Musikwissenschaft wahrgenommen. Seine Berufungen nach Leipzig und Berlin, seine Wahl in die Preußische Akademie der Wissenschaften und seine Rolle in der Preußischen Musikgeschichtlichen Kommission zeigen die hohe Anerkennung, die er im Fach genoss.

Seine größte Breitenwirkung entfaltete die Mozart-Biographie. Sie prägte das Mozartbild einer ganzen Lesergeneration und wurde auch nach Aberts Tod wieder aufgelegt. Obwohl die moderne Mozartforschung heute methodisch anders arbeitet und über erheblich mehr Quellen- und Kontextwissen verfügt, bleibt Aberts Werk ein Meilenstein der deutschsprachigen Mozartliteratur.

Für die Fachgeschichte ist Abert zudem als Institutionengründer bedeutsam. In Halle trug er zur Etablierung eines der frühen musikwissenschaftlichen Institute bei. Seine Arbeit mit dem Collegium musicum zeigt, dass er Wissenschaft, Lehre und musikalische Praxis zusammendachte. Musikwissenschaft war für ihn nicht nur Archiv- oder Textwissenschaft, sondern Teil einer lebendigen Musikkultur.

Die Plagiatskontroverse um das Illustrierte Musik-Lexikon belastet einen Teil seiner späten Wirkungsgeschichte. Sie gehört jedoch nicht allein in eine moralische Randnotiz, sondern in die Geschichte wissenschaftlicher Redaktion, Lexikonproduktion und Autorschaft um 1900. Gerade dadurch zeigt sich, wie wichtig präzise Quellenangabe, redaktionelle Kontrolle und wissenschaftliche Verantwortung sind.

Quellenlage und editorischer Hinweis

Die Quellenlage zu Hermann Josef Abert ist insgesamt gut. Lebensdaten, akademische Stationen, Publikationen und institutionelle Funktionen sind in Professorenkatalogen, Musiklexika, Bibliothekskatalogen und biographischen Nachschlagewerken gut dokumentiert. Die wichtigsten Eckdaten sind Stuttgart 1871, Stuttgart 1927, Promotion 1897, Habilitation 1902, Professuren in Halle, Heidelberg, Leipzig und Berlin sowie die Akademiewahl 1925.

Für die Namensform ist Hermann Josef Abert als Hauptlemma zu empfehlen. Die Schreibweise Hermann Joseph Abert sollte als Variante aufgenommen werden. Die vom Anfragewortlaut nahegelegte Form Herbert Abert ist für diesen Musikwissenschaftler nicht belastbar und sollte nicht als Indexlemma verwendet werden. Sie kann allenfalls intern als mögliche Fehlschreibung berücksichtigt werden.

Das Werkverzeichnis dieser Seite bietet eine geordnete Auswahl. Ein vollständiges kritisches Werkverzeichnis müsste alle Monographien, Aufsätze, Rezensionen, Vorträge, Partiturbearbeitungen, Lexikonartikel, Nachlassmaterialien, Briefe und späteren Neuauflagen systematisch auswerten. Besonders bei Herausgaben und Studienpartituren sind unterschiedliche Auflagen, Bearbeiterzusätze und spätere Verlagsfassungen genau zu prüfen.

Bei der Plagiatskontroverse um das Illustrierte Musik-Lexikon ist quellenkritische Genauigkeit erforderlich. Der Sachverhalt betrifft ein konkretes Lexikonprojekt und seine redaktionelle Verantwortung. Er sollte nicht pauschal auf Aberts gesamtes wissenschaftliches Werk übertragen werden, muss aber als Teil seiner Rezeptionsgeschichte benannt werden.

Fazit

Hermann Josef Abert war eine zentrale Gestalt der deutschen Musikwissenschaft im frühen 20. Jahrhundert. Er verband klassische Philologie, historische Musikforschung, Operngeschichte, Editionsarbeit und akademische Fachorganisation. Seine Laufbahn von Halle über Heidelberg und Leipzig nach Berlin spiegelt die Institutionalisierung der Musikwissenschaft als Universitätsfach.

Sein bekanntestes Werk, die zweibändige Mozart-Biographie, blieb für die Mozart-Rezeption lange prägend. Daneben sind seine Studien zur antiken und mittelalterlichen Musikästhetik, seine Opernforschung, seine Jommelli-Arbeit, seine Gluck- und Mozart-Editionen und seine Rolle im hallischen Musikleben hervorzuheben. Abert war ein Gelehrter der Übergangszeit: noch geistesgeschichtlich und bildungsbürgerlich geprägt, zugleich aber bereits Vertreter einer modernen akademischen Musikwissenschaft.

Weiterführende Einträge

  • Anna Amalie Abert Musikwissenschaftlerin und Tochter Hermann Aberts, bekannt durch Arbeiten zur Operngeschichte
  • Antike Musik Forschungsfeld, das Abert in seiner Dissertation zur griechischen Ethoslehre behandelte
  • Christoph Willibald Gluck Komponist, dessen Opern Abert editorisch und operngeschichtlich beschäftigten
  • Collegium musicum Universitäre Musizierform, die Abert in Halle wiederbelebte und institutionell stärkte
  • Friedrich Blume Musikwissenschaftler, Schüler und Herausgeber von Aberts gesammelten Schriften
  • Gluck-Edition Editorische Erschließung von Glucks Opern, an der Abert mit Partiturbearbeitungen beteiligt war
  • Hermann Josef Abert: Werkverzeichnis Systematische Übersicht über Schriften, Monographien, Editionen und Aufsatzfelder
  • Hugo Riemann Musiktheoretiker und Musikwissenschaftler, dessen Leipziger Professur Abert 1920 übernahm
  • Johann Joseph Abert Komponist, Stuttgarter Hofkapellmeister und Vater Hermann Aberts
  • Mittelalterliche Musikästhetik Forschungsfeld, dem Abert seine Habilitationsschrift und weitere Studien widmete
  • Mozart-Biographie Biographische Gattung der Mozartforschung, in der Aberts zweibändiges Werk eine Schlüsselstellung besitzt
  • Musikhistoriker Forscher zur Geschichte musikalischer Werke, Formen, Institutionen und Auffassungen
  • Musikwissenschaft Akademische Erforschung von Musikgeschichte, Theorie, Quellen, Gattungen und Aufführungspraxis
  • Musikästhetik Theorie musikalischer Schönheit, Wirkung und Form, die Abert historisch untersuchte
  • Niccolò Jommelli Italienischer Opernkomponist des 18. Jahrhunderts und Gegenstand einer wichtigen Studie Aberts
  • Operngeschichte Historische Entwicklung der Oper, zu der Abert durch Jommelli-, Gluck- und Mozart-Forschung beitrug
  • Otto Jahn Älterer Mozart-Biograph, dessen Werk Abert grundlegend überarbeitete und erweiterte
  • Preußische Akademie der Wissenschaften Akademie, in die Abert 1925 als erster Musikwissenschaftler ordentlich aufgenommen wurde
  • Robert Schumann Komponist, dem Abert eine frühe Monographie widmete
  • Wolfgang Amadeus Mozart Komponist, dessen Leben und Werk Abert in seiner großen zweibändigen Biographie behandelte