Johann Joseph Abert (1832–1915)
Johann Joseph Abert, auch Johann Josef Abert oder Jan Josef Abert genannt, war ein böhmisch-deutscher Komponist, Kontrabassist, Dirigent und Hofkapellmeister. Er wurde in Nordböhmen geboren, am Prager Konservatorium ausgebildet und wirkte seit den 1850er Jahren in Stuttgart. Dort wurde er zunächst Kontrabassist der Hofkapelle und später Hofkapellmeister. Sein kompositorisches Werk umfasst Opern, Sinfonien, Ouvertüren, Werke für Kontrabass, Kammermusik, Chorwerke, Lieder und geistliche Musik. Besonders wichtig sind die Opern Anna von Landskron, König Enzio, Astorga, Ekkehard und Die Almohaden sowie die sinfonischen Werke, darunter die programmatisch angelegte Columbus-Sinfonie.
Überblick
Johann Joseph Abert wurde am 20. September 1832 in Kochowitz bei Gastorf in Böhmen geboren und starb am 1. April 1915 in Stuttgart. Er gehört zu jenen Komponisten des 19. Jahrhunderts, die zu ihrer Zeit im Opern- und Konzertleben fest verankert waren, später jedoch durch die stärkere Kanonisierung weniger Namen in den Hintergrund traten. Seine Laufbahn verbindet die böhmische Herkunft, die Prager Konservatoriumsausbildung, die Stuttgarter Hofmusik und die deutsche romantische Operntradition.
Abert war zunächst Instrumentalist. Als Kontrabassist wurde er am Prager Konservatorium ausgebildet und fand 1853 eine Stelle in der Stuttgarter Hofkapelle. Aus dieser praktischen Orchestererfahrung heraus entwickelte sich seine Tätigkeit als Dirigent und Hofkapellmeister. Von 1867 bis 1888 leitete er als Stuttgarter Hofkapellmeister einen wesentlichen Teil des Opern- und Konzertbetriebs. In dieser Doppelrolle als Komponist und Kapellmeister war er ein typischer Vertreter der Theater- und Hofmusikpraxis des 19. Jahrhunderts.
Sein Werk ist auffallend breit. Neben Opern und Sinfonien schrieb er Ouvertüren, Kontrabasswerke, Kammermusik, Männerchöre, geistliche Musik, Lieder und Klavier- beziehungsweise Orgelstücke. Besonders bemerkenswert ist sein frühes Kontrabasskonzert, das aus seiner eigenen Instrumentalpraxis hervorgeht und bis heute für das Repertoire des Kontrabasses von Interesse ist.
In der Oper orientierte sich Abert zunächst an der deutschen romantischen Tradition, öffnete sich aber zunehmend Einflüssen der großen französischen Oper und der repräsentativen historischen Oper. Werke wie König Enzio, Astorga, Ekkehard und Die Almohaden zeigen seinen Sinn für geschichtliche Stoffe, dramatische Großform, chorische Wirkung und farbige Orchesterbehandlung.
Name, Herkunft und Einordnung
Die gebräuchliche deutsche Namensform lautet Johann Joseph Abert. In deutschen Normdaten und Nachschlagewerken begegnet auch Johann Josef Abert. Die tschechische beziehungsweise böhmische Namensform Jan Josef Abert verweist auf seine Herkunft aus Böhmen. Für eine deutsche Kulturlexikon-Seite ist die Form Johann Joseph Abert gut geeignet, weil sie die traditionelle musikalische Überlieferung wahrt und zugleich durch Alternativnamen auffindbar bleibt.
Abert war böhmischer Herkunft, wirkte aber den größten Teil seines Berufslebens in Stuttgart. Deshalb ist die Einordnung als böhmisch-deutscher Komponist präziser als eine ausschließlich nationale Bezeichnung. Sein Lebensweg gehört in die mitteleuropäische Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts, in der Musiker aus Böhmen, Österreich, Süddeutschland und anderen Regionen in höfischen und städtischen Musikzentren arbeiteten.
Beruflich war Abert Komponist, Kontrabassist, Dirigent, Kapellmeister und Hofkapellmeister. Diese Begriffe gehören eng zusammen. Der Kapellmeister des 19. Jahrhunderts war nicht nur Dirigent im heutigen Sinn, sondern organisatorischer, künstlerischer und oft auch pädagogischer Leiter eines musikalischen Betriebs. Abert schrieb, leitete, probte, verwaltete Repertoire und prägte Aufführungspraxis.
Familie und frühe musikalische Begabung
Abert stammte aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater Wenzel Abert war Maurermeister, seine Mutter Anna Maria entstammte ebenfalls einem handwerklichen Milieu. Die spätere musikalische Karriere war daher keineswegs selbstverständlich. Sie beruhte auf einer früh erkennbaren Begabung, die durch Ausbildung und Förderung in institutionelle Bahnen gelenkt wurde.
Bereits als Kind zeigte Abert musikalische Fähigkeiten. Die biographische Überlieferung berichtet von frühen Kompositionsversuchen und einer raschen Entwicklung. Diese Frühbegabung führte ihn an das Prager Konservatorium, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den wichtigen musikalischen Ausbildungsstätten Mitteleuropas gehörte.
1859 heiratete Abert Amalie Wilhelmine Marquardt aus Stuttgart. Zu seinen Kindern gehörte Hermann Abert, der später einer der bedeutenden deutschen Musikwissenschaftler und Mozart-Biographen wurde. Damit verbindet die Familie Abert zwei Generationen musikalischer Bedeutung: Johann Joseph Abert als Komponist und Kapellmeister, Hermann Abert als Musikhistoriker und Universitätsgelehrter.
Prager Konservatorium und Ausbildung
Von 1846 bis 1852 studierte Abert am Prager Konservatorium. Dort wurde er als Kontrabassist und Komponist ausgebildet. Zu seinen Lehrern gehörten Josef Hrabě im Kontrabassspiel, Johann Friedrich Kittl in der Komposition beziehungsweise Theorie und August Wilhelm Ambros im musikgeschichtlichen und theoretischen Umfeld.
Das Prager Konservatorium war für Abert entscheidend, weil es ihm den Weg vom begabten Jungen aus Nordböhmen zum professionellen Musiker öffnete. Die Ausbildung verband instrumentale Virtuosität, Orchesterroutine, Theorie, Komposition und den Kontakt zu einer reichen böhmischen Musikkultur. In dieser Umgebung entstand auch seine frühe Orientierung auf großformatige Formen.
Seine erste Sinfonie in h-Moll machte ihn 1852 in Prag schlagartig bekannt. Dieser Erfolg zeigt, dass Abert nicht nur als Instrumentalist hervortrat, sondern von Beginn an als Komponist ernstgenommen wurde. Die frühe Sinfonik steht am Anfang eines Lebenswerks, das die Orchesterform bis in die späten Jahre hinein pflegte.
Stuttgart: Hofkapelle und Hofkapellmeisteramt
Der entscheidende Wendepunkt in Aberts Laufbahn war die Begegnung mit Peter Joseph von Lindpaintner. Dieser hörte den jungen Musiker im Zusammenhang eines Konservatoriumskonzerts und verpflichtete ihn nach Stuttgart. Am 9. November 1853 trat Abert als Kontrabassist in die Stuttgarter Hofkapelle ein.
Stuttgart wurde zu Aberts eigentlichem Wirkungsort. Hier entwickelte er sich vom Orchestermusiker zum Komponisten, Dirigenten und Hofkapellmeister. Die Hofkapelle war ein zentraler Bestandteil des württembergischen Musiklebens. Oper, Konzert, höfische Repräsentation und bürgerliche Öffentlichkeit lagen eng beieinander.
1867 wurde Abert Nachfolger Karl Eckerts als Hofkapellmeister. Bis zu seiner Pensionierung 1888 lag ein erheblicher Teil des Stuttgarter Opern- und Konzertwesens in seiner Verantwortung. In dieser Stellung war er nicht nur künstlerischer Leiter, sondern auch Hüter eines Repertoires, Vermittler neuer Werke und Organisator eines anspruchsvollen Theaterbetriebs.
Schwäbischer Dichterkreis und literarische Anregungen
In Stuttgart kam Abert mit dem schwäbischen Dichterkreis in Berührung. Namen wie Eduard Mörike, Ludwig Uhland und Justinus Kerner stehen für eine literarische Umgebung, in der Poesie, Lied, Erzählung und romantische Geschichtsphantasie stark wirkten. Für Abert war diese Umgebung wichtig, weil seine Musik häufig literarische und historische Stoffe aufgriff.
Besonders die Lieder und einzelne Chorwerke zeigen die Nähe zu dichterischen Texten. Auch die Opern leben von literarischen Vorlagen, historischen Stoffen und dramatischen Erzählmustern. Ekkehard etwa greift auf Joseph Victor von Scheffels Roman zurück und verbindet damit einen populären literarischen Stoff des 19. Jahrhunderts mit der Opernbühne.
Abert gehört damit zu einer Komponistengeneration, die Literatur nicht nur vertonte, sondern aus ihr dramatische und sinfonische Großformen gewann. Die Nähe zu schwäbischen und süddeutschen literarischen Kreisen gab seinem Werk einen regional-kulturellen Hintergrund, der über bloße Hofmusik hinausreicht.
Paris, London und die europäische Opernwelt
1860 unternahm Abert eine Studienreise nach Paris. Dort begegnete er der Welt der großen französischen Oper, die für seine spätere Entwicklung wichtig wurde. Die Pariser Grand opéra war im 19. Jahrhundert eine der repräsentativsten Opernformen Europas. Sie verband historische Stoffe, große Chorszenen, Bühnenwirkung, Ballett, farbige Orchesterbehandlung und dramatische Monumentalität.
In Paris lernte Abert auch Richard Wagner persönlich kennen. Diese Begegnung ist für seine Biographie bedeutsam, auch wenn Abert nicht einfach als Wagnerianer eingeordnet werden kann. Er blieb stärker einer vermittelnden, spätromantischen und theaterpraktischen Ästhetik verbunden, in der deutsche Oper, französische Grand opéra und eigene Stuttgarter Erfahrungen zusammenwirkten.
Im selben Jahr folgte eine Reise nach London. Diese Reisen erweiterten seinen Horizont und trugen dazu bei, dass er die Oper nicht nur regional, sondern europäisch verstand. Seine späteren historischen Opern zeigen diese größere Bühne: Sie suchen repräsentative dramatische Form, geschichtliche Stofflichkeit und musikalische Wirkungskraft.
Opernschaffen
Das Opernschaffen bildet den öffentlich wirksamsten Teil von Aberts Werk. Seine erste Oper Anna von Landskron wurde 1858 in Stuttgart uraufgeführt und steht noch stärker in der deutschen romantischen Tradition. Danach folgten König Enzio, Astorga, Enzio von Hohenstaufen, Ekkehard und Die Almohaden. Diese Werke zeigen eine deutliche Neigung zu historischen, literarischen und repräsentativen Stoffen.
König Enzio und die spätere Neufassung Enzio von Hohenstaufen greifen einen mittelalterlich-historischen Stoff um den Sohn Kaiser Friedrichs II. auf. Astorga verbindet romantische Künstlerlegende und Opernstoff. Ekkehard folgt dem populären Roman Joseph Victor von Scheffels und wurde 1878 an der Berliner Hofoper uraufgeführt. Die Almohaden gehört zu den späten Bühnenwerken und wurde 1890 in Leipzig uraufgeführt.
Abert war kein revolutionärer Opernreformer. Seine Bedeutung liegt vielmehr darin, dass er die überkommene romantische und historische Operntradition mit handwerklicher Souveränität fortführte. Die zeitgenössische Anerkennung seiner Werke zeigt, dass sie im Theaterbetrieb ihrer Zeit wirksam waren. Die spätere Vernachlässigung hängt weniger mit mangelnder damaliger Bedeutung als mit der nachträglichen Verengung des Opernkanons zusammen.
Sinfonik und Orchesterwerke
Abert schrieb sieben Sinfonien. Die frühe h-Moll-Sinfonie von 1852 machte ihn in Prag bekannt; weitere Sinfonien folgten in den 1850er Jahren und später. Besonders hervorgehoben werden häufig die zweite Sinfonie in c-Moll, die vierte Sinfonie Columbus und die siebte Sinfonie, die als Frühlingssinfonie bekannt ist.
Die Columbus-Sinfonie gehört zu den programmatischen Orchesterwerken Aberts. Sie zeigt ein Interesse an geschichtlichen und erzählenden Stoffen, das auch für seine Opern charakteristisch ist. Die Sinfonie wird hier nicht nur als abstrakte Form verstanden, sondern als Träger einer dramatisch-bildhaften Vorstellung.
Zu den Orchesterwerken gehören außerdem mehrere Ouvertüren, darunter frühe Ouvertüren in E-Dur und d-Moll, eine Jubel-Ouvertüre, eine Festouvertüre und weitere festliche beziehungsweise repräsentative Arbeiten. Diese Werke gehören in die höfische und städtische Konzertpraxis des 19. Jahrhunderts, in der festliche Anlässe, Gedenktage, Jubiläen und repräsentative Veranstaltungen musikalisch ausgestaltet wurden.
Kontrabass, Instrumentalmusik und Virtuosentradition
Abert war ausgebildeter Kontrabassist. Deshalb hat sein Werk für Kontrabass besondere Bedeutung. Das Konzert für Kontrabass und Orchester von 1851 ist ein frühes Zeugnis seiner instrumentalen Virtuosität und seines Interesses an einem Instrument, das im 19. Jahrhundert zwar im Orchester unverzichtbar war, aber als Soloinstrument seltener im Mittelpunkt stand.
Das Kontrabasskonzert gehört heute zu den Werken, durch die Abert wieder stärker wahrgenommen wird. Es verbindet virtuose Anforderungen mit orchestraler Form und zeigt, dass der Kontrabass nicht nur Fundamentinstrument, sondern auch melodisch und konzertant wirksam sein kann.
Auch andere instrumentale Werke, darunter Polonaisen, ein Rondo, Variationen und Kammermusik, zeigen Aberts Herkunft aus der praktischen Musikerwelt. Er komponierte nicht aus abstrakter Theorie heraus, sondern aus der Erfahrung des Instrumentalisten und Kapellmeisters.
Kammermusik, Lieder und Chorwerke
Neben den großen Opern und Sinfonien schrieb Abert Kammermusik, Lieder und Chorwerke. Das Streichquartett A-Dur op. 25 gehört zu den nachweisbaren Kammermusikwerken. Im vokalen Bereich finden sich Lieder auf Texte von Theobald Kerner, Joseph von Eichendorff, Hermann Lingg, August Silberstein, Albert Träger, Nikolaus Lenau und weiteren Dichtern.
Die Liedproduktion zeigt Aberts Nähe zur deutschen romantischen Textwelt. Seine Lieder bewegen sich in einem kulturellen Raum, in dem Naturbild, Sehnsucht, Erinnerung, Liebesklage, Wandern und innere Empfindung zentrale Themen sind. Damit steht Abert nicht nur im Opernhaus, sondern auch in der Lied- und Hausmusikkultur des 19. Jahrhunderts.
Die Chorwerke umfassen Männerchöre, gemischte Chöre, geistliche Musik und repräsentative Vokalformen. Besonders die Messe in Es-Dur für gemischten Chor und Orgel op. 23 sowie der 100. Psalm zeigen seine Arbeit im sakralen beziehungsweise kirchlich geprägten Bereich.
Stil, Stellung und ästhetisches Profil
Abert gehört stilistisch zur deutschen und mitteleuropäischen Romantik des 19. Jahrhunderts. Seine Musik ist nicht avantgardistisch, sondern traditionsbewusst. Sie steht zwischen deutscher romantischer Oper, französischer Grand-opéra-Wirkung, höfischer Kapellmeisterpraxis und solider Orchestertechnik.
Seine Stärke liegt in handwerklicher Sicherheit, orchestraler Erfahrung und dramatischer Formkenntnis. Als Kapellmeister kannte er die Bühne von innen. Er wusste, wie Szenen gebaut, Chöre eingesetzt, Orchesterfarben verwendet und historische Stoffe musikalisch getragen werden konnten. Seine Werke sind daher besonders aus der Theaterpraxis heraus zu verstehen.
Die spätere Musikgeschichtsschreibung ordnete Abert häufig als sogenannten Kleinmeister ein. Dieser Begriff ist problematisch, weil er leicht abwertend klingt. Treffender ist, ihn als wichtigen Repräsentanten einer breiten romantischen Musikpraxis zu betrachten, die zwischen den großen Kanonnamen liegt, aber für das reale Musikleben des 19. Jahrhunderts unverzichtbar war.
Werkverzeichnis
Das folgende Werkverzeichnis ist als kulturlexikalische Übersicht angelegt. Es gliedert die wichtigsten bekannten Werkgruppen nach Bühnenwerken, Sinfonik, Instrumentalmusik, Kammermusik, Chorwerken und Liedern. Es ersetzt kein vollständiges kritisches Werkverzeichnis, sondern bietet eine geordnete Orientierung über die zentralen Werkbereiche Johann Joseph Aberts.
Opern und Bühnenwerke
Anna von Landskron, Oper in vier Akten, Libretto von Christian Gottfried Nehrlich, Uraufführung 1858 am Hoftheater Stuttgart. Das Werk steht am Anfang von Aberts Bühnenlaufbahn und ist noch deutlich der deutschen romantischen Oper verpflichtet.
König Enzio, Oper in vier Akten, Libretto von Albert Dulk, Uraufführung 1862 am Hoftheater Stuttgart. Das Werk behandelt einen mittelalterlich-historischen Stoff um Enzio, den Sohn Kaiser Friedrichs II.
Astorga, romantische Oper in drei Akten, Libretto von Ernst Pasqué, Uraufführung 1866 am Hoftheater Stuttgart. Die Oper greift Episoden aus der Legendenbildung um den Komponisten Emanuele d’Astorga auf und war auch außerhalb Stuttgarts erfolgreich.
Enzio von Hohenstaufen, Neufassung von König Enzio, Libretto von Albert Dulk, Uraufführung 1875 am Hoftheater Stuttgart. Die Umarbeitung zeigt Aberts fortdauernde Beschäftigung mit dem Stoff und mit groß angelegter historischer Oper.
Ekkehard, Oper in fünf Akten, nach dem Roman Ekkehard von Joseph Victor von Scheffel, Libretto von Adolf Kröner, Uraufführung 1878 an der Berliner Hofoper. Das Werk gehört zu Aberts bekanntesten Bühnenwerken und wurde in moderner Zeit wieder eingespielt.
Die Almohaden, Oper, Uraufführung 1890 in Leipzig. Dieses späte Bühnenwerk gehört in den Bereich historisch-exotischer Opernstoffe des 19. Jahrhunderts.
Sinfonien, Ouvertüren und Orchesterwerke
Sinfonie Nr. 1 h-Moll, 1852. Dieses frühe Werk machte Abert in Prag bekannt und steht am Beginn seiner sinfonischen Laufbahn.
Sinfonie Nr. 2 c-Moll, 1854. Eine frühe romantische Sinfonie, die in der Forschung und Wiederentdeckung häufig zu den stärkeren sinfonischen Arbeiten Aberts gezählt wird.
Sinfonie Nr. 3 A-Dur, 1856. Fortsetzung der frühen sinfonischen Werkgruppe nach dem Prager Konservatorium und dem Eintritt in die Stuttgarter Hofkapelle.
Sinfonie Nr. 4 D-Dur op. 31 „Columbus“. Programmatisch angelegte Sinfonie beziehungsweise sinfonisches Seegemälde, eines der bekanntesten Orchesterwerke Aberts.
Sinfonie Nr. 5, 1869. Orchesterwerk der reiferen Stuttgarter Zeit.
Sinfonie Nr. 6, 1890. Spätes sinfonisches Werk, entstanden nach Aberts aktiver Hofkapellmeisterzeit.
Sinfonie Nr. 7 „Frühlingssinfonie“, 1894. Späte Sinfonie, die in der Überlieferung als Frühlingssinfonie bekannt ist.
Ouvertüre E-Dur, 1850. Frühes Orchesterwerk aus der Ausbildungs- beziehungsweise Frühphase.
Ouvertüre d-Moll, 1851. Frühes Orchesterwerk im Umfeld der Prager Studienjahre.
Jubel-Ouvertüre, 1855. Repräsentatives Orchesterstück, Kaiser Franz Joseph von Österreich gewidmet.
Festouvertüre zum fünfzigsten Jubiläum des Prager Konservatoriums, 1858. Festliches Werk, das die Verbindung Aberts zum Prager Konservatorium sichtbar macht.
Festouvertüre D-Dur, 1874. Komponiert für die königliche Hochzeit in Württemberg und damit eng mit der höfischen Repräsentationskultur verbunden.
Präludium, Choral und Fuge, nach beziehungsweise mit Bezug auf Johann Sebastian Bach, für Orchester eingerichtet von Johann Joseph Abert. Diese Bearbeitung verbindet historische Bachverehrung mit spätromantischer Orchesterpraxis.
Konzerte, Kammermusik, Klavier- und Orgelwerke
Konzert für Kontrabass und Orchester, 1851. Eines der wichtigsten Werke Aberts aus seiner eigenen Instrumentaltradition; für das moderne Kontrabassrepertoire von besonderem Interesse.
Variationen für Kontrabass und Orchester. In Verbindung mit der modernen Wiederentdeckung seiner Kontrabasswerke überliefert und eingespielt.
Polonaise und Introduktion, 1848. Frühes Instrumentalwerk aus der Jugend- und Ausbildungszeit.
Introduktion und Polonaise, 1849. Ebenfalls ein frühes Werk, das auf Virtuosenform und Tanzcharakter verweist.
Rondeau, 1852. Instrumentalwerk aus der Frühzeit.
Variationen und Rondo, 1849. Frühes Werk, das die Formtypen Variation und Rondo verbindet.
Streichquartett A-Dur op. 25. Kammermusikwerk, das Aberts Beitrag zur Quartettkultur des 19. Jahrhunderts dokumentiert.
Zwei Präludien für Orgel. Moderne Erstausgabe 2004 durch Wolfram Hader beim Laurentius-Verlag. Die Werke zeigen eine kleinere, aber wichtige Seite von Aberts Schaffen.
Vokalwerke, Chorwerke und Lieder
Messe in Es-Dur für gemischten Chor und Orgel op. 23. Geistliches Werk, das in moderner Zeit wieder herausgegeben wurde.
Der 100. Psalm „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ für gemischten Chor und Orgel. Geistliches Chorwerk im Bereich kirchlicher Gebrauchsmusik und repräsentativer Vokaltradition.
Trauermotette für vier- bis fünfstimmigen gemischten Chor und Orchester. Vokal-orchestrales Werk mit feierlich-ernstem Charakter.
Die Zufriedenen für vierstimmigen Männerchor, Text von Ludwig Uhland. Dieses Werk zeigt Aberts Verbindung zur schwäbischen Dichtung und zur Männerchortradition des 19. Jahrhunderts.
Trennungsschmerz op. 5, Lied für eine Singstimme mit Klavierbegleitung, Text von Theobald Kerner.
Liebesmahnung op. 6, Lied für eine Singstimme mit Klavierbegleitung, Text von Theobald Kerner.
Mutter und Tochter op. 7, Lied für eine Singstimme mit Klavierbegleitung, Text von Feodor Löwe.
Des Müllers Kind, Lied für Singstimme und Klavier, Text von Theobald Kerner.
Sehnsucht, Lied für Singstimme und Klavier, Text von J. Ude.
Sechs Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte, erschienen 1879. Zu dieser Gruppe gehören Lieder auf Texte von Joseph von Eichendorff, Hermann Lingg, August Silberstein, Albert Träger und Nikolaus Lenau.
Überlieferung, Editionen und moderne Wiederentdeckung
Die Überlieferung von Aberts Werk ist auf mehrere Institutionen und Bestände verteilt. Die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart und das Deutsche Literaturarchiv Marbach bewahren wichtige Teile des handschriftlichen und persönlichen Nachlasses. Daneben sind einzelne Werke in Bibliotheken, digitalen Sammlungen, modernen Ausgaben und Tonträgerproduktionen greifbar.
In der jüngeren Zeit sind besonders einzelne Orchesterwerke, das Kontrabasskonzert, die Columbus-Sinfonie und die Oper Ekkehard wieder stärker in den Blick geraten. Die Einspielung von Ekkehard mit Jonas Kaufmann in der Titelrolle machte ein lange vernachlässigtes Bühnenwerk erneut hörbar. Auch die Werke für Kontrabass haben durch spezialisierte Musiker und Editionen neue Aufmerksamkeit gewonnen.
Die moderne Abert-Forschung ist dennoch noch nicht abgeschlossen. Viele Werke sind nur schwer zugänglich, einige Partituren sind wenig bekannt, und die Bewertung seines Schaffens steht weiterhin im Spannungsfeld zwischen historischer Bedeutung, regionaler Musikgeschichte, Opernkanon und Wiederentdeckung romantischer Nebenlinien.
Sekundärliteratur und Nachweise
Hermann Abert: Johann Joseph Abert (1832–1915). Sein Leben und seine Werke. Mit einer Reihe bisher unveröffentlichter Briefe von Dichtern und Musikern und einem Exkurs über die grosse französische Oper, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1916. Diese Monographie des Sohnes ist die zentrale ältere Darstellung zu Leben und Werk Johann Joseph Aberts.
Hermann Abert: „Johann Joseph Abert“, in: Württembergischer Nekrolog für das Jahr 1915, 1919, S. 42–47. Zeitnahe biographische Würdigung nach Aberts Tod.
Hermann Abert: „Johann Joseph Abert“, in: Neue Musikzeitung, 36. Jahrgang, 1916. Früher biographisch-musikgeschichtlicher Beitrag.
Heinz Becker: „Abert, Johann Josef“, in: Neue Deutsche Biographie, Band 1, Berlin 1953, S. 18. Der Artikel bietet eine knappe, zuverlässige biographische Einordnung mit Angaben zu Herkunft, Ausbildung, Stuttgarter Laufbahn, Werk und Literatur.
Friedrich Blume: Artikel zu Johann Joseph Abert in Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Der Beitrag gehört zu den maßgeblichen musiklexikalischen Nachweisen der älteren MGG.
Oesterreichisches Musiklexikon online: Artikel „Abert, Johann Josef“. Der Eintrag nennt Lebensdaten, berufliche Stationen, die Stuttgarter Hofkapellmeisterzeit und ordnet Abert als wichtigen Vertreter der deutschen Spätromantik ein.
Bayerisches Musiker-Lexikon Online: Artikel „Abert, Johann Josef“. Der Eintrag ist für Normdaten, biographische Kurzinformationen und digitale Nachweise nützlich.
Klassika: Johann Josef Abert (1832–1915): Werkverzeichnis nach Musikgattung. Diese Übersicht ist für die schnelle Orientierung über Opern, Sinfonien, Ouvertüren, Konzerte, Kammermusik und weitere Werkgruppen hilfreich.
IMSLP / Petrucci Music Library: Kategorie „Abert, Johann Joseph“ sowie digitalisierte beziehungsweise verlinkte Werke und Quellen. Besonders wichtig für frei zugängliche Partituren, Werkseiten und ältere Drucke.
Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Kalliope-Verbund, Archivportal-D und Deutsche Digitale Bibliothek. Diese Institutionen und Portale sind für Handschriften, Nachlassmaterialien, Librettodrucke, Bildnisse und Objektbezüge zentral.
Laurentius-Verlag, Clavis-Musikverlag und weitere moderne Editions- beziehungsweise Aufführungsnachweise. Diese Quellen sind für die Wiedererschließung einzelner Chor-, Orgel- und Instrumentalwerke von Bedeutung.
Bedeutung und Nachwirkung
Johann Joseph Abert war zu seiner Zeit ein angesehener Komponist und Kapellmeister. Seine Opern fanden Aufführungen in Stuttgart, Berlin, Leipzig und weiteren Städten. Seine Sinfonien und Orchesterwerke zeigen ein solides und anspruchsvolles kompositorisches Handwerk. Als Stuttgarter Hofkapellmeister prägte er über zwei Jahrzehnte das württembergische Musikleben.
Seine spätere Vernachlässigung ist Teil eines größeren Problems der Musikgeschichtsschreibung. Viele Komponisten des 19. Jahrhunderts, die im praktischen Theater- und Konzertleben eine wichtige Rolle spielten, wurden nachträglich von einem engeren Kanon verdrängt. Abert gehört zu diesen Persönlichkeiten. Er war kein stilistischer Umstürzler, aber ein ernstzunehmender Vertreter einer reichen romantischen Musikpraxis.
Für die heutige Musikgeschichte ist er in mehreren Bereichen wichtig: als böhmisch-deutscher Musiker zwischen Prag und Stuttgart, als Kapellmeister des höfischen Opernbetriebs, als Komponist historischer Opern, als Sinfoniker und als früher bedeutender Komponist für Kontrabass. Die Wiederaufnahme einzelner Werke zeigt, dass seine Musik mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihr lange zuteilwurde.
Quellenlage und editorischer Hinweis
Die Quellenlage zu Johann Joseph Abert ist grundsätzlich gut, aber nicht für alle Werke gleichmäßig erschlossen. Die Lebensdaten und Hauptstationen sind durch die Neue Deutsche Biographie, das Österreichische Musiklexikon, BMLO und Normdaten gesichert. Die Werküberlieferung ist breiter gestreut und verlangt den Abgleich von Werkverzeichnissen, Librettodrucken, Partituren, Nachlassmaterialien und modernen Editionen.
Bei der Namensform ist zu beachten, dass Johann Josef Abert, Johann Joseph Abert, Jan Josef Abert und Josef Abert nebeneinander vorkommen. Diese Seite verwendet Johann Joseph Abert als Hauptform, berücksichtigt aber die alternativen Formen in Metadaten und Schema-Angaben.
Das Werkverzeichnis dieser Seite bietet eine strukturierte Auswahl. Ein vollständiges kritisches Werkverzeichnis müsste die Angaben aus Hermann Aberts Monographie, Klassika, IMSLP, Bibliothekskatalogen, Nachlässen, Librettosammlungen, Verlagsnachweisen und modernen Editionen miteinander vergleichen.
Für Bildmaterial gilt besondere Vorsicht. Mehrere Online-Bildtreffer sind nicht eindeutig oder führen zu allgemeinen Plattformen. Eine spätere bebilderte Einbindung sollte nur mit zuverlässig nachgewiesenem und gemeinfreiem Porträt aus einer belastbaren Sammlung erfolgen.
Fazit
Johann Joseph Abert war ein böhmisch-deutscher Komponist, Kontrabassist, Dirigent und Stuttgarter Hofkapellmeister, dessen Laufbahn exemplarisch für die mitteleuropäische Musikpraxis des 19. Jahrhunderts steht. Ausgebildet am Prager Konservatorium, wirkte er seit 1853 in Stuttgart, wo er vom Kontrabassisten zum Leiter des Hofmusikbetriebs aufstieg.
Sein Werk umfasst Opern, Sinfonien, Ouvertüren, Kontrabasswerke, Kammermusik, Chorwerke und Lieder. Besonders die Opern Astorga und Ekkehard, die Columbus-Sinfonie und das Kontrabasskonzert zeigen seine Bedeutung. Abert war kein radikaler Neuerer, aber ein bedeutender Kapellmeister-Komponist der romantischen Theater- und Orchesterkultur. Seine Wiederentdeckung eröffnet einen genaueren Blick auf jene breite musikalische Landschaft, aus der der Kanon des 19. Jahrhunderts hervorgegangen ist.
Weiterführende Einträge
- Anna von Landskron Erste Oper Johann Joseph Aberts, 1858 am Stuttgarter Hoftheater uraufgeführt
- Astorga Romantische Oper Johann Joseph Aberts nach einem Libretto von Ernst Pasqué
- Böhmische Musikgeschichte Musikalischer Herkunftsraum Johann Joseph Aberts zwischen Prag, Nordböhmen und mitteleuropäischer Hofmusik
- Columbus-Sinfonie Programmatische vierte Sinfonie Johann Joseph Aberts und eines seiner bekanntesten Orchesterwerke
- Die Almohaden Späte Oper Johann Joseph Aberts, 1890 in Leipzig uraufgeführt
- Ekkehard Oper Johann Joseph Aberts nach Joseph Victor von Scheffels Roman Ekkehard
- Französische Grand opéra Repräsentative Opernform, deren Wirkung für Aberts Bühnenstil bedeutsam wurde
- Hermann Abert Musikwissenschaftler, Mozart-Biograph und Sohn Johann Joseph Aberts
- Hofkapellmeister Leitungsamt höfischer Musikpraxis zwischen Oper, Konzert, Kapelle und Repräsentation
- Johann Joseph Abert: Werkverzeichnis Systematische Übersicht über Opern, Sinfonien, Ouvertüren, Kontrabasswerke, Kammermusik und Vokalwerke
- König Enzio Historische Oper Johann Joseph Aberts nach einem Libretto von Albert Dulk
- Kontrabasskonzert Konzertgattung, in der Aberts Werk von 1851 eine wichtige historische Stellung besitzt
- Peter Joseph von Lindpaintner Stuttgarter Hofkapellmeister, der Abert als Kontrabassisten an die Hofkapelle vermittelte
- Prager Konservatorium Ausbildungsstätte Johann Joseph Aberts und wichtiges Zentrum mitteleuropäischer Musikerausbildung
- Romantische Oper Opernform des 19. Jahrhunderts zwischen Sage, Geschichte, Gefühl, Chorwirkung und Orchesterfarbe
- Schwäbischer Dichterkreis Literarisches Umfeld in Stuttgart, das für Aberts Lied- und Opernwelt anregend war
- Sinfonie des 19. Jahrhunderts Gattung, in der Abert sieben Werke zwischen romantischer Form und programmatischer Anlage schrieb
- Stuttgarter Hofkapelle Musikalische Institution, in der Abert als Kontrabassist und später als Hofkapellmeister wirkte
- Stuttgarter Operngeschichte Theater- und Hofmusiktradition, die durch Aberts Amtszeit wesentlich geprägt wurde
- Werkverzeichnis Systematische Erfassung von Kompositionen nach Gattung, Entstehung, Überlieferung und Aufführungsgeschichte