John Abell

Schottischer Sänger, Alto beziehungsweise hoher Tenor, Countertenor, Lautenist, Hofmusiker, Konzertvirtuose und Komponist im Umfeld der englischen Barockmusik · um 1650–1724

Überblick

John Abell war ein schottischer Sänger, Lautenist, Hofmusiker, Konzertvirtuose und Komponist der englischen Barockzeit. Er wird in älteren Musiklexika als Alto oder alto singer bezeichnet; moderne Einordnungen sprechen meist von Countertenor beziehungsweise von einem hohen Tenor. Die von älteren deutschsprachigen Registern überlieferte Datierung setzt ihn um 1650 an und nennt als Herkunft wahrscheinlich Aberdeenshire sowie als Todesort Cambridge im Jahr 1724. Andere Nachweise nennen 1652 oder 1653 als Geburtsjahr und lassen das Todesjahr vorsichtiger offen, meist „nach 1716“ oder „in beziehungsweise nach 1716“. Für diesen Kulturlexikon-Eintrag wird deshalb die Form um 1650–1724 verwendet, jedoch ausdrücklich mit Hinweis auf die unsichere Überlieferung.

Abell gehörte zu den auffälligsten englisch-schottischen Sängergestalten des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Er war seit 1679 mit der Chapel Royal verbunden und stand zugleich im Dienst der königlichen Privatmusik. In dieser Stellung war er nicht nur Sänger, sondern auch Lautenist und Instrumentalist. Er wurde von der höfischen Musikpolitik der Stuart-Zeit gefördert und offenbar als besonders ausgezeichnete Stimme wahrgenommen. Die Quellen berichten, dass er von König Karl II. nach Italien geschickt wurde, um dort die Kunst des Gesangs weiter zu studieren oder als Beispiel einer außergewöhnlichen englischen Stimme aufzutreten.

Seine Karriere wurde durch die politischen Umbrüche von 1688 geprägt. Als katholisch oder katholikenfreundlich geltender Musiker beziehungsweise als Hofkünstler, der eng mit dem Stuart-Milieu verbunden war, verließ er nach der Glorious Revolution England und bereiste über Jahre den europäischen Kontinent. Er trat an Höfen und in Musikzentren auf, darunter in Deutschland, den Niederlanden, Polen und Hessen-Kassel. Dort gewann er als Sänger und Lautenist den Ruf eines reisenden Virtuosen.

Um 1700 kehrte Abell nach England zurück. 1701 trat er in London in Daniel Purcells The Judgment of Paris auf. In den folgenden Jahren gab er Konzerte, unterrichtete und veröffentlichte Liedsammlungen. Besonders wichtig ist A Collection of Songs, in Several Languages, eine Sammlung, die den internationalen Charakter seiner musikalischen Erfahrung erkennen lässt. Abells Lieder stehen im Zeichen des englischen Sololieds um 1700, zeigen aber zugleich italienische Einflüsse und die kosmopolitische Musikkultur eines Sängers, der durch Europa gereist war.

Seine Nachwirkung ist zweigeteilt. Einerseits wurde er als Sänger, Lautenist und exzentrischer Virtuose in Anekdoten erinnert; andererseits blieben seine eigenen Kompositionen in der Musikgeschichtsschreibung eher Randerscheinungen. Kulturhistorisch ist Abell dennoch bedeutend, weil er Hofmusik, katholisch-stuartische Loyalitäten, europäische Sängerzirkulation, englisches Lied, italienische Stileinflüsse und die frühe öffentliche Konzertkultur miteinander verbindet.

Kurzdaten

Biografische Grunddaten zu John Abell
Name John Abell
Geboren Um 1650; in anderen Nachweisen auch 1652, 1653 oder etwa 1660
Geburtsort / Herkunft Wahrscheinlich Aberdeenshire in Schottland; in einzelnen Angaben Aberdeen oder allgemein Schottland
Gestorben Nach älterer deutschsprachiger Ansetzung 1724 in Cambridge; andere Nachweise formulieren vorsichtiger „nach 1716“ oder „in beziehungsweise nach 1716“
Sterbeort Cambridge, nach älterer Überlieferung; quellenkritisch nicht in allen Nachweisen eindeutig
Nationalität und Kulturraum Schottisch; tätig im englischen Hof-, Kirchen-, Theater- und Konzertleben sowie auf dem europäischen Kontinent
Berufe und Funktionen Sänger, Alto beziehungsweise hoher Tenor, Countertenor, Lautenist, Komponist, Hofmusiker, Konzertvirtuose, Musiklehrer
Stimmfach Alto / hoher Tenor / Countertenor; ältere Terminologie ist nicht ohne Weiteres mit modernen Stimmfachbegriffen identisch
Wichtige Institution Chapel Royal, ab 1679 als Gentleman extraordinary genannt
Weitere Hofstellung Musiker in der königlichen Private Musick beziehungsweise im Umkreis der königlichen Privatmusik
Akademischer Bezug Musikgrad in Cambridge, meist als Mus.B. um 1684 genannt
Politischer Einschnitt Verließ England nach der Glorious Revolution von 1688 und wirkte jahrelang auf dem Kontinent
Europäische Stationen Italien, Deutschland, Niederlande, Polen, Hessen-Kassel und weitere Höfe beziehungsweise Städte nach älteren Berichten
Bühnenbezug 1701 Auftritt in Daniel Purcells The Judgment of Paris
Wichtige Werke A Collection of Songs, in Several Languages; A Collection of Songs in English; A Choice Collection of Italian Ayres; einzelne Hof-, Fest- und Gelegenheitsstücke

Quellenlage, Datierung und Namensform

Die Quellenlage zu John Abell ist nicht einheitlich. Die Abweichungen betreffen vor allem Geburtsjahr, Todesjahr und genaue Herkunft. Ältere deutschsprachige Register setzen ihn häufig mit 1650–1724 an, nennen als Herkunft wahrscheinlich die schottische Grafschaft Aberdeenshire und als Sterbeort Cambridge. Andere Nachschlagewerke nennen 1652 oder 1653 als Geburtsjahr und formulieren das Lebensende vorsichtiger, da Abell nach 1716 noch nachweisbar ist, das genaue Todesdatum aber nicht überall gesichert erscheint.

Auch das Stimmfach muss historisch vorsichtig behandelt werden. Die Bezeichnung Alto in englischen Quellen des 17. Jahrhunderts darf nicht automatisch mit einem modernen Altisten im heutigen Konzertbetrieb gleichgesetzt werden. Sie kann einen hohen Männerstimmtyp meinen, der in der modernen Literatur oft als Countertenor beschrieben wird. Die deutschsprachige Umschreibung hoher Tenor ist deshalb sinnvoll, wenn sie als historische Annäherung verstanden wird.

Der Name selbst ist stabil: John Abell ist die gebräuchliche Form. Bei der Recherche ist jedoch zu beachten, dass ältere Quellen gelegentlich knappe Angaben ohne Vornamen oder mit stark abweichenden biografischen Daten bieten. Für eine zuverlässige Darstellung müssen deshalb ältere Lexika, Grove, Dictionary of National Biography, Hofmusikerverzeichnisse, Drucke der Liedsammlungen und moderne Spezialliteratur zur englischen Hofmusik zusammengeführt werden.

Quellenkritische Grundprobleme
Punkt Überlieferung Einordnung für den Artikel
Geburtsjahr 1650, 1652, 1653 oder etwa 1660 Die Seite verwendet „um 1650“ und dokumentiert abweichende Angaben.
Herkunft Aberdeenshire, Aberdeen oder allgemein Schottland „Wahrscheinlich Aberdeenshire“ ist eine angemessene vorsichtige Formulierung.
Todesjahr 1724 Cambridge oder vorsichtiger „nach 1716“ Die Seite übernimmt die vorgegebene ältere Ansetzung, weist aber auf die Unsicherheit hin.
Stimmfach Alto, alto singer, high tenor, countertenor Alle Formen werden genannt, aber historisch erklärt.
Werke Liedsammlungen und einzelne Gelegenheitskompositionen Die Sammlungspublikationen sind sicherer greifbar als viele Aufführungsdetails.

Kultureller und musikgeschichtlicher Kontext

John Abell wirkte in einer Zeit, in der die englische Musik nach Bürgerkrieg, Commonwealth und Restauration neue höfische und öffentliche Formen gewann. Die Restauration der Monarchie 1660 brachte eine Wiederbelebung höfischer Musik, Theaterkultur, Chapel-Royal-Praxis und repräsentativer Kunstförderung. Sänger, Instrumentalisten und Komponisten bewegten sich zwischen Kirche, Hof, Theater, privatem Konzert und aristokratischer Patronage.

Abell gehörte in dieses bewegliche musikalische Feld. Als Sänger der Chapel Royal stand er in einer ehrwürdigen kirchlich-höfischen Institution. Als Mitglied der königlichen Privatmusik war er zugleich Teil der höfischen Unterhaltungskultur. Als Lautenist und Sänger konnte er auch in kleineren, privaten Räumen wirken. Als später reisender Virtuose trat er in einen europäischen Markt ein, in dem außergewöhnliche Stimmen an Fürstenhöfen, in Städten und in höfischen Festkontexten gefragt waren.

Die politischen Umbrüche nach 1688 machten seine Laufbahn besonders unstet. Die Glorious Revolution beendete die Herrschaft Jakobs II. und führte zu einer Neuordnung von Loyalitäten, Ämtern und konfessionellen Bindungen. Für Musiker im katholischen oder stuartnahen Umfeld konnte dies existenzielle Folgen haben. Abells Weg auf den Kontinent ist deshalb nicht nur eine künstlerische Reise, sondern auch Teil einer politischen und konfessionellen Migrationsgeschichte.

Musikalisch steht Abell an der Schnittstelle von englischem Lied, italienischer Gesangskunst und höfischem Barockstil. Seine Liedsammlungen zeigen die Bedeutung des Sololieds, der Continuo-Begleitung, der Lauten- und Theorbenpraxis sowie internationaler Texte und Stile. Er war kein Komponist von der kanonischen Bedeutung Henry Purcells, doch er gehört zur breiteren musikalischen Kultur, in der englische Sänger Virtuosität, Sprache und europäische Manieren verbanden.

Chapel Royal, Private Musick und englische Hofmusik

Abells Aufnahme als Gentleman extraordinary der Chapel Royal im Jahr 1679 ist ein zentraler Nachweis seiner frühen Karriere. Die Chapel Royal war eine der wichtigsten musikalischen Institutionen des englischen Hofes. Sie verband gottesdienstliche Praxis, höfische Repräsentation, Ausbildungstradition und musikalisches Prestige. Wer dort aufgenommen wurde, gehörte zu einem privilegierten Kreis professioneller Sänger.

Neben der Chapel Royal wird Abell auch als Musiker in der königlichen Private Musick genannt. Diese Privatmusik war enger mit höfischer Unterhaltung, Kammermusik, Gesang, Instrumentalmusik und repräsentativen Anlässen verbunden. Abell erscheint damit nicht nur als kirchlicher Sänger, sondern als vielseitiger Hofmusiker, der Stimme und Instrument beherrschte.

Die Förderung durch Karl II. war offenbar beträchtlich. Ältere Quellen verweisen auf großzügige Zahlungen und auf die Entsendung nach Italien. Solche Maßnahmen zeigen, dass Abell als besondere Stimme galt. Die italienische Gesangskunst war in Europa hoch angesehen; ein englischer Sänger, der dort lernen oder als Beispiel einer englischen Stimme auftreten sollte, verband nationales Prestige mit internationaler Ausbildung.

Europäische Reisen, Exil und Virtuosenruhm

Nach der Glorious Revolution von 1688 verließ Abell England. Die Gründe lagen offenbar im Zusammenhang von Konfession, Hofbindung und politischer Loyalität. Für einen Musiker, der unter Karl II. und Jakob II. gefördert worden war, konnte der Machtwechsel erhebliche Unsicherheit bedeuten. Auf dem Kontinent wurde Abell zu einem reisenden Sänger, dessen Stimme und Auftreten zahlreiche Anekdoten hervorriefen.

Ältere Berichte nennen Auftritte in deutschen, niederländischen und polnischen Zusammenhängen sowie eine Tätigkeit in Kassel. Besonders die Kasseler Station ist interessant, weil sie Abell nicht nur als Sänger, sondern als Musikorganisator beziehungsweise Musikintendanten erscheinen lässt. Damit wird er zu einer Figur höfischer Mobilität: Sänger konnten an fremden Höfen nicht nur auftreten, sondern auch musikalische Verwaltung, Repertoire und Ensemblearbeit beeinflussen.

Der Virtuosenruhm Abells ist stark an Anekdoten gebunden. Solche Erzählungen sind nicht immer wörtlich zuverlässig, aber kulturgeschichtlich aufschlussreich. Sie zeigen, dass außergewöhnliche Sänger um 1700 als fast wunderbare Erscheinungen wahrgenommen wurden. Eine hohe Männerstimme, verbunden mit Lautenspiel und internationalem Repertoire, konnte als Kuriosität, Kunstleistung und höfisches Prestigeobjekt zugleich wirken.

Rückkehr nach England, Londoner Konzertleben und Bühne

Um 1699 oder 1700 kehrte John Abell nach England zurück. Die Rückkehr fiel in eine Zeit, in der London zunehmend ein öffentliches Musikleben entwickelte. Neben Hof und Kirche wurden Konzerte, Theateraufführungen und private musikalische Akademien wichtiger. Abell konnte hier als erfahrener Sänger auftreten, der internationale Erfahrungen und höfischen Glanz mitbrachte.

1701 sang er in Daniel Purcells The Judgment of Paris. Diese Produktion gehört in den Zusammenhang englischer Bühnen- und Wettbewerbskultur um 1700. Der Auftritt ist wichtig, weil er Abell nicht nur als Hof- und Konzertsänger, sondern auch als Bühnenkünstler zeigt. Sein Name war offenbar stark genug, um in einer solchen Aufführung Aufmerksamkeit zu erzeugen.

In den folgenden Jahren gab Abell öffentliche und private Konzerte, unterrichtete Musik und veröffentlichte Liedsammlungen. Noch 1716 ist ein Konzert in London belegt. Danach wird die Überlieferung unsicherer. Die ältere Angabe, er sei 1724 in Cambridge gestorben, lässt eine späte Lebensphase dort annehmen; andere Nachweise sprechen vorsichtiger davon, dass er nach 1716 in Cambridge gelebt habe oder dort vermutlich gestorben sei.

Stimmfach, Vortrag und künstlerische Eigenart

Die Bezeichnung Abells als Alto beziehungsweise alto singer ist historisch bedeutsam. Im englischen Vokalwesen des 17. Jahrhunderts wurden hohe Männerstimmen anders kategorisiert als im heutigen Opern- und Konzertbetrieb. Die moderne Bezeichnung Countertenor kann helfen, Abells Stimmtyp verständlich zu machen, darf aber nicht unkritisch rückprojiziert werden. Die Nutzerangabe „Alto (hoher Tenor)“ ist deshalb eine sinnvolle erklärende Brücke.

Abells Ruhm beruhte offenbar auf der Verbindung von Stimme, Vortrag, Sprachfähigkeit und Instrumentalspiel. Als Lautenist konnte er sich selbst oder andere begleiten; als Sänger verfügte er über eine ungewöhnlich hohe Männerstimme; als Reisender brachte er fremdsprachige und stilistisch unterschiedliche Lieder zusammen. Gerade diese Kombination machte ihn für höfische und private Konzertzusammenhänge attraktiv.

Seine Lieder zeigen einen Geschmack für internationale Texte und italienische Manieren. Sie sind nicht allein nationale englische Liedproduktion, sondern Produkte einer kosmopolitischen Sängerexistenz. Der Sänger-Komponist schreibt für eine Welt, in der Gesang zugleich höfische Kunst, gesellschaftliche Unterhaltung, persönlicher Vortrag und kulturelles Kapital ist.

Stimmliche und künstlerische Merkmale
Merkmal Beschreibung Bedeutung
Alto / hoher Tenor Historische Bezeichnung für eine hohe Männerstimme Verbindet Abell mit der englischen Tradition männlicher Alt- und Countertenorstimmen.
Countertenor Moderne Annäherung an sein Stimmfach Hilft heutigen Leserinnen und Lesern, die vokale Besonderheit einzuordnen.
Lautenspiel Abell war auch als Lautenist bekannt Er konnte Gesang und Instrumentalbegleitung miteinander verbinden.
Sprach- und Stilvielfalt Lieder in mehreren Sprachen und italienische Einflüsse Spiegelt seine europäische Reise- und Hofkultur.
Virtuosenruf Anekdoten über außergewöhnliche Stimme und Auftritte Zeigt die frühneuzeitliche Faszination für seltene Stimmphänomene.

Werkverzeichnis und Liedsammlungen

John Abells kompositorisches Werk ist vor allem durch Liedsammlungen greifbar. Er war kein Komponist großer Opern oder umfangreicher geistlicher Werke, sondern ein Sänger-Komponist, dessen Publikationen aus der Praxis des vokalen Vortrags hervorgehen. Seine Lieder sind daher eng mit seiner eigenen Stimme, seinen Reisen, seinem Geschmack und seinen Aufführungsmöglichkeiten verbunden.

Besonders wichtig ist die Sammlung A Collection of Songs, in Several Languages. Bereits der Titel zeigt den internationalen Anspruch. Die Sammlung steht für eine kosmopolitische Liedkultur, in der englische, italienische und andere sprachliche Räume aufeinandertreffen. Weitere Sammlungen, darunter A Collection of Songs in English und A Choice Collection of Italian Ayres, zeigen die beiden Pole seines Repertoires: englisches Lied und italienisch geprägte Arie.

Bei der Werkangabe ist zu beachten, dass ältere und moderne Kataloge nicht immer dieselben Titel, Druckdaten und Zuordnungen verwenden. Die folgende Übersicht ist deshalb als Arbeitsverzeichnis zu verstehen, das für eine wissenschaftliche Edition durch Bibliothekskataloge, RISM, Early English Books beziehungsweise Eighteenth Century Collections Online, British Library und Spezialliteratur zu prüfen wäre.

Werke und Publikationen in Auswahl
Jahr / Zeitraum Titel / Werkgruppe Gattung Einordnung
1701 A Collection of Songs, in Several Languages Liedsammlung Wichtigste Sammlung Abells; zeigt seine internationale vokale Praxis und italienische Einflüsse.
um 1701–1703 A Collection of Songs in English Englische Lieder Verweist auf Abells Tätigkeit im englischen Sololied und im Londoner Musikleben nach der Rückkehr.
frühes 18. Jahrhundert A Choice Collection of Italian Ayres Italienische Airs / Arien Dokumentiert seine Nähe zum italienischen Stil und zum internationalen Gesangsrepertoire.
1702 Aloud proclaim the cheerful sound Krönungs- beziehungsweise Gelegenheitsgesang Mit der Krönung Königin Annes verbunden und Beispiel höfischer Gelegenheitsmusik.
1715 Songs in several languages / Konzert- und Sammlungskontext Mehrsprachige Liedpraxis Belegt das anhaltende Interesse an internationalem Vokalrepertoire in Abells späterer Londoner Phase.
1740 Postum veröffentlichte Sammlung Lieder / Vokalmusik Zeigt, dass Abells Musik nach seinem Tod beziehungsweise nach seiner letzten nachweisbaren Lebensphase noch gedruckt oder gesammelt wurde.
Kulturelle Werkbereiche
Bereich Charakteristik Bedeutung
Englisches Sololied Lieder für Stimme und Begleitung Verbindet Abell mit der englischen Vokaltradition nach Henry Purcell.
Italienischer Stil Airs, Arien und italienisch beeinflusste Gesangslinien Spiegelt Ausbildung, Reisen und europäischen Geschmack.
Mehrsprachige Sammlung Texte und Lieder in mehreren Sprachen Zeigt Abell als kosmopolitischen Sänger-Komponisten.
Gelegenheitsmusik Hof- und Festbezüge Verweist auf seine Verbindung zu Monarchie und öffentlicher Repräsentation.
Konzertrepertoire Vortragsstücke für öffentliche und private Konzerte Zeigt die Verschiebung von Hofmusik zur frühen Konzertkultur.

Rezeption und Nachwirkung

John Abell wurde lange stärker als Sänger denn als Komponist erinnert. Die älteren Lexika betonen seine außergewöhnliche Stimme, seine Lautenkunst, seine Stellung an der Chapel Royal, seine Reiseabenteuer und seinen Erfolg auf dem Kontinent. Die kompositorischen Leistungen werden meist knapper und gelegentlich kritisch beurteilt. Diese Gewichtung ist charakteristisch für Sänger-Komponisten, deren eigentliche Wirkung im lebendigen Vortrag lag und nicht in einem großen schriftlich kanonisierten Werk.

Für die Geschichte der hohen Männerstimme ist Abell dennoch wichtig. Er gehört zu den frühen, gut dokumentierten englisch-schottischen Sängern, die als Alto beziehungsweise Countertenor eingeordnet werden. In der heutigen historischen Aufführungspraxis gewinnen solche Figuren zusätzliche Bedeutung, weil sie zeigen, dass hohe Männerstimmen in der englischen Musik des 17. Jahrhunderts nicht Randerscheinung, sondern institutionell und künstlerisch bedeutsam waren.

Auch für die Geschichte musikalischer Mobilität ist Abell aufschlussreich. Seine Karriere verbindet Schottland, London, Italien, deutsche Höfe, die Niederlande, Polen, Kassel und Cambridge. Er war nicht nur ein Hofbediensteter, sondern ein reisender Künstler, dessen Stimme über politische und geografische Grenzen hinweg wirkte. Gerade diese Mobilität macht ihn zu einer interessanten Gestalt der europäischen Barockkultur.

Seine Lieder bleiben heute Spezialrepertoire. Sie sind für Forschungen zum englischen Sololied, zur Lautenbegleitung, zur internationalen Liedsammlung, zur italienischen Mode in England und zur Sängerpraxis um 1700 wertvoll. Abells Rang liegt deshalb weniger in breiter Popularität als in der Verbindung von Stimme, Reise, Hof, Lieddruck und Anekdote.

Sekundärliteratur und Recherchewege

Die Forschung zu John Abell ist auf ältere Musiklexika, moderne Grove-Artikel, das Dictionary of National Biography, Hofmusikerverzeichnisse, Druckkataloge, Bibliotheksbestände und Studien zur englischen Musik um 1700 angewiesen. Eine ausführliche moderne Einzelmonografie ist nicht allgemein kanonisch greifbar; daher ist die Arbeit mit verstreuten Quellen besonders wichtig.

Ausgewählte Sekundärliteratur, Quellen und Recherchehilfen
Autor / Institution Titel / Quelle Nutzen für die Recherche
Grove Music Online / ältere Grove-Fassungen Artikel „Abell, John“ Wichtige musikwissenschaftliche Grundquelle zu Lebensdaten, Stimmfach, Chapel Royal und Werküberlieferung.
Dictionary of National Biography Artikel „Abell, John“ Ältere biografische Quelle mit Angaben zu Chapel Royal, Lautenspiel, Reisen und Anekdoten.
A Dictionary of Music and Musicians Artikel „Abell, John“ Ältere Musiklexikonquelle, die Abell ausdrücklich als „alto singer“ und Lautenisten beschreibt.
Andrew Ashbee und Forschung zu englischen Hofmusikern Verzeichnisse und Studien zur Court Music Hilfreich zur Prüfung von Chapel-Royal-, Private-Musick- und Hofzahlungsnachweisen.
Ian Spink Forschung zum englischen Lied und zur Musik der Restoration-Zeit Wichtig für Abells Stellung im englischen Sololied und im Vokalrepertoire um 1700.
British Library Drucke und Katalogeinträge zu Abells Liedsammlungen Zentrale Adresse zur Prüfung originaler Titel, Druckdaten und erhaltenen Exemplare.
RISM Quellenkatalog für musikalische Drucke und Handschriften Nützlich zur Kontrolle von Werküberlieferung, Sammlungen und Zuschreibungen.
Cambridge University Library Musikdrucke, Universitäts- und Graduierungsnachweise Relevant für Abells Mus.B.-Grad und mögliche späte Cambridge-Bezüge.
Forschung zur Chapel Royal Institutionengeschichten und Personalverzeichnisse Unverzichtbar für seine frühe Stellung im englischen Hof- und Kirchenmusiksystem.
Johann Mattheson Der vollkommene Capellmeister und weitere musikschriftstellerische Zeugnisse Wichtig für kontinentale Anekdoten, Sängerurteile und die Wahrnehmung Abells im deutschen Musikraum.

Recherchehinweise

  • Bei Katalogsuchen sollten „John Abell“, „Abell John“, „John Abell alto“, „John Abell countertenor“, „John Abell lute“, „A Collection of Songs in Several Languages“ und „Chapel Royal Abell“ parallel verwendet werden.
  • Die Lebensdaten müssen quellenkritisch behandelt werden, da 1650, 1652, 1653 und etwa 1660 als Geburtsangaben begegnen.
  • Das Todesjahr 1724 ist als ältere Ansetzung brauchbar, sollte aber mit der vorsichtigeren Form „nach 1716“ abgeglichen werden.
  • Für das Stimmfach ist die historische Terminologie „alto singer“ wichtiger als eine moderne Festlegung auf Countertenor.
  • Für die Werke sind Originaldrucke und Bibliothekskataloge wichtiger als kurze moderne Streaming- oder Datenbankprofile.
  • Für die europäischen Reisen sind ältere Anekdotenquellen mit Vorsicht zu verwenden, weil sie oft wirkungsgeschichtlich wertvoller als streng dokumentarisch sind.

Weiterführende Kulturlexikon-Einträge

  • John Abell Schottischer Alto beziehungsweise hoher Tenor, Countertenor, Lautenist und Komponist im Umfeld der englischen Hof- und Konzertmusik um 1700.
  • Chapel Royal Englische Hof- und Kirchenmusikinstitution, der Abell seit 1679 als Gentleman extraordinary verbunden war.
  • Countertenor Moderne Bezeichnung für hohe Männerstimmen, die bei historischen Sängern wie Abell quellenkritisch auf ältere Alto-Terminologie bezogen werden muss.
  • Englisches Sololied um 1700 Vokalgattung zwischen Hof, privatem Konzert, Lieddruck und italienischen Stileinflüssen, in der Abells Liedsammlungen stehen.
  • The Judgment of Paris Bühnenwerk Daniel Purcells, in dem John Abell 1701 nach seiner Rückkehr nach England auftrat.