Lina Abarbanell (1879–1963)
Lina Abarbanell war eine deutsche Schauspielerin und Sängerin, die vom Berliner Theater und der europäischen Operette aus eine lange amerikanische Bühnenlaufbahn entwickelte. Sie trat als Sopranistin, Soubrette, Operettenstar, Broadway-Darstellerin und später als Casting-Fachfrau hervor. Ihre Karriere verbindet die Theaterkultur des wilhelminischen Berlin, die Wiener Operette, das deutschsprachige New Yorker Theater, die Metropolitan Opera, den Broadway und die Produktionspraxis des amerikanischen Musik- und Sprechtheaters.
Überblick
Lina Abarbanell, mit vollständigem Namen Caroline Lina Abarbanell und nach ihrer Heirat Caroline Lina Goldbeck, wurde am 3. Januar 1879 in Berlin geboren und starb am 6. Januar 1963 in New York. Sie war eine deutsche Schauspielerin und Sängerin im Stimmfach Sopran. Ihre Laufbahn begann bereits in jungen Jahren in Berlin, führte über europäische Theaterstationen nach Wien, Prag, London und schließlich in die Vereinigten Staaten. Dort wurde sie zu einer bekannten Darstellerin der Operette, der Musical Comedy und des Broadway.
Ihre Karriere ist besonders interessant, weil sie mehrere Theaterwelten miteinander verbindet. Sie stand an der Berliner Hofoper, war im Schauspiel ausgebildet, entwickelte sich zur beliebten Soubrette, trat in der europäischen Operettenszene hervor und wurde in Amerika durch Rollen in The Merry Widow, Madame Sherry und weiteren Produktionen bekannt. Außerdem wirkte sie an der Metropolitan Opera in der amerikanischen Erstaufführung von Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel mit.
Nach dem Ende ihrer aktiven Sängerinnenlaufbahn blieb sie dem Theater verbunden. Sie arbeitete als Casting Director, Casting Consultant und Produktionsmitarbeiterin im Umfeld des Broadway-Produzenten Dwight Deere Wiman. Dadurch wurde sie zu einer Vermittlerin zwischen europäischer Bühnenkultur und amerikanischer Theaterproduktion. Ihre Biographie zeigt nicht nur die Karriere einer Sängerin, sondern auch den Wandel einer Künstlerin zur erfahrenen Theaterfachfrau hinter der Bühne.
Name, Herkunft und Schreibweisen
Der vollständige Geburtsname lautet Caroline Lina Abarbanell. Nach ihrer Heirat mit dem Journalisten und Schriftsteller Eduard Goldbeck begegnet auch die Namensform Caroline Lina Goldbeck. In Theaterprogrammen, Broadway-Nachweisen und biographischen Artikeln ist sie jedoch fast ausschließlich als Lina Abarbanell bekannt. Diese Bühnenform des Namens ist daher auch für den Kulturlexikon-Eintrag maßgeblich.
Abarbanell stammte aus einer jüdisch-sephardischen Familie. Ihr Vater Paul Abarbanell war Kapellmeister, ihre Mutter Marie Abarbanell wurde als Marie Abrahamsohn geboren. Der familiäre Hintergrund ist für ihre frühe künstlerische Entwicklung wichtig, weil Musik und Bühne offenbar nicht nur als berufliche Möglichkeit, sondern als vertrautes Milieu präsent waren. Ihr späterer Weg zur Sängerin und Schauspielerin war damit nicht zufällig, sondern in eine kulturell und musikalisch geprägte Umgebung eingebettet.
Die Schreibweise des Namens ist relativ stabil. Anders als bei russischen oder osteuropäischen Namen gibt es keine größeren Transliterationprobleme. Wichtig ist jedoch, dass sie in deutschen Quellen oft als deutsche Sängerin und Schauspielerin, in amerikanischen Zusammenhängen dagegen auch als deutsch-amerikanische oder amerikanische Opernsängerin bezeichnet wird. Diese unterschiedlichen Benennungen erklären sich aus ihrem Lebensweg: geboren und ausgebildet in Berlin, aber über viele Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten tätig.
Kindheit, Familie und frühe Begabung
Lina Abarbanell wuchs in Berlin auf. Schon als Kind trat sie musikalisch hervor; überliefert ist, dass sie bereits im Alter von sieben Jahren öffentlich sang. Eine solche frühe Auftrittserfahrung war für eine spätere Bühnenkarriere bedeutsam, weil sie das Kind nicht nur an Gesang, sondern auch an Publikum, Präsenz und öffentliche Wirkung gewöhnte.
Die familiäre Nähe zur Musik erleichterte diese Entwicklung. Der Vater Paul Abarbanell war als Kapellmeister mit professioneller Musikpraxis vertraut. Damit stand Lina Abarbanell früh in einem Umfeld, in dem musikalische Disziplin, Theaterbetrieb und künstlerische Arbeit zusammengehörten. Die spätere Verbindung von Schauspiel, Gesang und Soubrettenfach lässt sich aus dieser frühen Mehrfachprägung gut verstehen.
Ihre Kindheit fiel in eine Zeit, in der Berlin sich zu einer lebendigen Theater- und Musikmetropole entwickelte. Oper, Schauspiel, Varieté, Operette und populäre Bühnenformen existierten nebeneinander und boten begabten jungen Künstlerinnen verschiedene Wege. Abarbanell nutzte diese Möglichkeiten ungewöhnlich früh und trat bereits als Jugendliche in anspruchsvollen Bühnenzusammenhängen hervor.
Ausbildung in Berlin
Abarbanell erhielt eine doppelte künstlerische Ausbildung. Am Berliner Residenztheater ließ sie sich zur Schauspielerin ausbilden, daneben nahm sie Gesangsunterricht bei Berliner Lehrern. Diese Verbindung von Schauspiel- und Gesangsausbildung war für ihr späteres Profil entscheidend. Sie wurde nicht nur als Stimme wahrgenommen, sondern als Bühnenpersönlichkeit, die Rollen darstellen, Pointen setzen und musikalische Partien szenisch beleben konnte.
Gerade für die Operette und das Soubrettenfach war diese doppelte Ausbildung besonders wertvoll. Eine Soubrette muss nicht nur singen, sondern auch sprechen, spielen, reagieren, tanzen oder sich zumindest rhythmisch und körperlich sicher bewegen können. Sie lebt von Charme, Präzision, Tempo und Szeneninstinkt. Abarbanells späterer Erfolg in Operette und Musical Comedy beruht daher nicht nur auf vokaler Begabung, sondern auf einem umfassenden Theaterhandwerk.
Bereits im Alter von etwa fünfzehn Jahren sang sie an der Berliner Hofoper die Adele in Johann Strauss’ Die Fledermaus. Diese Rolle ist für junge Sängerinnen des leichten Sopranfachs eine besonders wichtige Partie, weil sie Virtuosität, Bühnenwitz und darstellerische Souveränität verlangt. Abarbanells frühe Besetzung als Adele zeigt, dass ihre Begabung früh als professionell brauchbar wahrgenommen wurde.
Frühe Bühnenjahre in Deutschland
In den 1890er Jahren trat Abarbanell an verschiedenen deutschen Bühnen auf. Sie spielte unter anderem am Neuen Theater und am Deutschen Theater in Berlin. 1897 erhielt sie ein Engagement am Stadttheater in Posen, wo sie sowohl als Schauspielerin als auch als Sängerin wirkte. Dort sang sie etwa Zerlina in Mozarts Don Giovanni und spielte Hedwig in Ibsens Die Wildente. Diese Kombination zeigt ihre frühe Vielseitigkeit zwischen Musiktheater und Schauspiel.
Um 1900 kehrte sie an die Berliner Hofoper zurück. Im selben Jahr heiratete sie Eduard Goldbeck, einen politischen Journalisten und Schriftsteller. 1901 wurde ihre Tochter Eva Goldbeck geboren. Trotz Familiengründung setzte Abarbanell ihre Bühnenlaufbahn fort. Das ist für die Zeit nicht selbstverständlich, da weibliche Künstlerkarrieren häufig durch Ehe und Mutterschaft unterbrochen oder eingeschränkt wurden.
In Berlin gehörte sie zeitweise zum Umfeld des Überbrettls, einer wichtigen Kabarett- und Kleinkunstbühne. Dort verbanden sich literarische, musikalische und satirische Formen. Für Abarbanell war dieser Zusammenhang bedeutsam, weil er ihre Begabung für leichtere, pointierte und publikumsnahe Bühnenformen stärkte. Ihre Entwicklung führte dadurch immer deutlicher in Richtung Soubrette, Operette und populäre Musiktheaterform.
Operette, Soubrette und europäischer Erfolg
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Abarbanell zu einer beliebten Operettensängerin. 1902 wurde sie an das Theater an der Wien verpflichtet und debütierte dort als Saffi in Johann Strauss’ Der Zigeunerbaron. Das Theater an der Wien war ein bedeutender Ort der Operettenkultur, und ein Engagement dort bedeutete für eine Sängerin eine erhebliche Aufwertung ihres künstlerischen Profils.
Abarbanell war besonders als Soubrette erfolgreich. Das Soubrettenfach verbindet Beweglichkeit, Helligkeit der Stimme, darstellerischen Witz und eine besondere Nähe zum Publikum. Es verlangt eine Kunst der scheinbaren Leichtigkeit. Eine gute Soubrette muss schnell, charmant und präzise sein; sie muss musikalische Nummern tragen, aber zugleich die Szene vorantreiben. Abarbanells schauspielerische Ausbildung war dafür eine wichtige Grundlage.
In dieser Zeit entstanden auch frühe Tonaufnahmen. Um 1902 bis 1904 wurden mehrere Aufnahmen von ihr hergestellt, darunter seltene Schallplatten der Marke G&T aus Wien. Diese Dokumente sind für die Theater- und Musikgeschichte besonders wertvoll, weil sie eine Stimme aus der Frühzeit der Tonaufzeichnung bewahren. Sie zeigen, dass Abarbanell nicht nur als Bühnenerscheinung, sondern auch als frühe Aufnahmekünstlerin greifbar ist.
Übersiedlung in die Vereinigten Staaten
1905 ging Abarbanell mit ihrer Familie in die Vereinigten Staaten. Ihr amerikanischer Einstieg erfolgte zunächst im deutschsprachigen New Yorker Theater. Am Irving Place Theatre trat sie als Hanni in Josef Strauss’ Operette Frühlingsluft auf. Das Irving Place Theatre war ein wichtiger Ort für deutschsprachiges Theater in New York und bot europäischen Künstlerinnen und Künstlern eine Brücke in die amerikanische Bühnenwelt.
Der Schritt nach Amerika war für Abarbanell entscheidend. Er verwandelte sie von einer europäischen Operettenkünstlerin in eine transatlantische Bühnenfigur. Sie brachte ihre deutsche und österreichische Theatererfahrung mit, fand aber in den Vereinigten Staaten neue Formen, neue Publikumskreise und neue Produktionsbedingungen vor. Gerade die amerikanische Musical Comedy und der Broadway boten einer Sängerin mit Stimme, Spieltalent und Soubrettenprofil besondere Möglichkeiten.
Ihre Karriere in den Vereinigten Staaten dauerte nahezu drei Jahrzehnte. Sie trat auf Broadway-Bühnen, in Operettenproduktionen, Konzerten und Tourneen auf. Damit gehörte sie zu jener Gruppe europäischer Künstlerinnen, die die amerikanische Unterhaltungskultur des frühen 20. Jahrhunderts mitprägten und zugleich selbst durch diese Kultur verändert wurden.
Metropolitan Opera und Hänsel und Gretel
Eine wichtige Station ihrer amerikanischen Karriere war die Metropolitan Opera. Abarbanell sang dort den Hänsel in Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel. Besonders bemerkenswert ist, dass sie in der amerikanischen Erstaufführung dieses Werkes an der Metropolitan Opera mitwirkte. Damit ist ihr Name nicht nur mit Operette und Broadway, sondern auch mit einem wichtigen Moment der Operngeschichte in den Vereinigten Staaten verbunden.
Die Rolle des Hänsel liegt häufig im Mezzosopran- oder Sopranbereich und verlangt eine jugendlich bewegliche, zugleich charaktervolle Darstellung. Für Abarbanell war diese Partie geeignet, weil sie ihre szenische Beweglichkeit und ihre Fähigkeit zur kindlich-spielerischen, aber musikalisch präzisen Darstellung nutzen konnte. Ihre Mitwirkung zeigt erneut, wie flexibel ihr Bühnenprofil war.
Obwohl Abarbanell in der öffentlichen Erinnerung stärker mit Operette und Musical Comedy verbunden ist, darf ihre Opernerfahrung nicht unterschätzt werden. Sie hatte an renommierten Häusern gesungen, verfügte über klassische Ausbildung und konnte auch im Opernkontext bestehen. Ihre Karriere beweist, dass die Grenze zwischen Oper, Operette und populärer Bühne im frühen 20. Jahrhundert für viele Künstlerinnen durchlässig war.
Broadway, Operette und Musical Comedy
In den Vereinigten Staaten wurde Abarbanell besonders durch ihre Broadway-Arbeit bekannt. Die IBDB führt sie in zahlreichen Produktionen, darunter The Student King, The Merry Widow, Madame Sherry, Miss Princess, The Geisha, Flora Bella, The Grand Duke, Happy Go Lucky, The Silver Swan und weitere Stücke. Diese Titel zeigen ihre Präsenz in einer Theaterkultur, die Operette, Musical Comedy, Vaudeville und leichte Musikdramatik miteinander verband.
Eine ihrer bekanntesten Rollen war die Hanna beziehungsweise Sonia in The Merry Widow, der englischsprachigen beziehungsweise amerikanischen Rezeptionsform von Franz Lehárs Die lustige Witwe. Diese Operette war international ein enormer Erfolg und prägte das Bild der modernen Operettendiva. Für Abarbanell wurde diese Rolle besonders wichtig, weil sie ihr Profil als elegante, charmante und musikalisch sichere Bühnenkünstlerin festigte.
Der Broadway bot Abarbanell andere Bedingungen als die europäischen Bühnen. Produktionen waren stärker auf kommerzielle Laufzeiten, Stars, Tourneen und mediale Wahrnehmung ausgerichtet. Abarbanell konnte in diesem System bestehen, weil sie nicht nur über Stimme, sondern auch über Bühnenwirkung verfügte. Sie war in der Lage, eine Rolle zugleich musikalisch, komisch und gesellschaftlich elegant erscheinen zu lassen.
Der Erfolg mit Madame Sherry
Ein besonderer Höhepunkt ihrer amerikanischen Karriere war Madame Sherry. Das Werk wurde 1910 am Broadway gezeigt, und Abarbanell trat als Yvonne Sherry auf. Die Produktion wurde ein großer Erfolg und trug wesentlich zu ihrer Bekanntheit in den Vereinigten Staaten bei. Die Rolle passte zu ihrem Profil als Sängerin und Schauspielerin, weil sie Charme, Eleganz, musikalische Beweglichkeit und komödiantische Präsenz verlangte.
Madame Sherry gehörte in den Bereich einer musikalischen Unterhaltungskultur, die zwischen Operette, Vaudeville und Musical Comedy stand. Solche Stücke lebten von eingängigen Nummern, wirkungsvollen Rollen, modischem Flair und einer leichten, aber präzise gearbeiteten Bühnensprache. Abarbanell konnte gerade diese Mischung tragen. Sie war keine reine Opernsängerin, die zufällig in leichtere Formen geriet, sondern eine Künstlerin, deren Begabung in der Verbindung von Gesang und Darstellung lag.
Der Erfolg dieser Produktion machte deutlich, dass Abarbanell in Amerika nicht nur als europäische Gastkünstlerin wahrgenommen wurde. Sie wurde Teil der amerikanischen Bühnenkultur selbst. Ihre Karriere bewegte sich nun nicht mehr am Rand des Broadway, sondern in seinem Zentrum.
Späte Bühnenjahre
In den 1920er und frühen 1930er Jahren blieb Abarbanell als Darstellerin aktiv. Die IBDB nennt sie unter anderem in The Grand Duke, Happy Go Lucky, The Silver Swan, The Well of Romance, The Inspector General und Theodora, The Quean. Das Spektrum dieser Produktionen zeigt, dass sie auch nach ihrer großen Operetten- und Musical-Comedy-Zeit weiterhin vielseitig einsetzbar blieb.
Mit zunehmendem Alter verschob sich ihr Rollenprofil. Aus der jungen Soubrette und Operettendiva wurde eine erfahrene Bühnenkünstlerin für Charakterrollen, komische Rollen und markante Nebenpartien. Diese Entwicklung ist typisch für langlebige Theaterkarrieren. Die Stimme und die äußere Erscheinung verändern sich, aber Erfahrung, Timing und Bühnenintelligenz können neue Rollenfelder öffnen.
Nach dem Tod ihres Mannes Eduard Goldbeck im Jahr 1934 beendete Abarbanell ihre aktive Sängerinnenlaufbahn. Ihr Rückzug von der Bühne bedeutete jedoch nicht den Abschied vom Theater. Vielmehr begann nun eine zweite berufliche Phase, in der sie hinter den Kulissen wirkte und ihre Erfahrung in Casting und Produktion einbrachte.
Casting, Produktionsarbeit und Theaternetzwerke
Nach dem Ende ihrer Bühnenlaufbahn arbeitete Abarbanell am Broadway als Casting Director, Casting Consultant und Produktionsmitarbeiterin. Besonders wichtig war ihre Verbindung mit Dwight Deere Wiman. In der IBDB erscheint sie bei mehreren Produktionen als Assistentin Wimans oder als Casting Consultant, darunter I Married an Angel, Stars in Your Eyes, The Big Knife, Dance Me a Song, The Country Girl und The Green Pastures.
Diese zweite Karriere ist für ihre Gesamtbedeutung sehr wichtig. Sie zeigt, dass Abarbanell nicht nur als Künstlerin auf der Bühne wirkte, sondern auch über ein geschultes Urteil für Besetzung, Rollenprofil und Bühnenwirkung verfügte. Casting ist im Theater eine entscheidende Kunst der Passung. Es geht nicht nur darum, eine fähige Person zu finden, sondern eine bestimmte Stimme, Erscheinung, Energie und Spielweise mit einer Rolle und einer Produktion zu verbinden.
Abarbanells Erfahrung als Sängerin und Schauspielerin machte sie für solche Aufgaben besonders geeignet. Sie kannte die Anforderungen der Bühne aus eigener Praxis. Sie wusste, wie Rollen funktionieren, welche Belastungen eine Produktion erzeugt und woran sich bühnentaugliche Präsenz erkennen lässt. Als Casting-Fachfrau wurde sie damit zu einer Vermittlerin zwischen künstlerischem Talent und professioneller Produktion.
Familie, Eva Goldbeck und Marc Blitzstein
Abarbanells Tochter Eva Goldbeck wurde 1901 geboren und später selbst schriftstellerisch tätig. 1933 heiratete sie den Komponisten Marc Blitzstein. Diese Verbindung brachte Abarbanell in ein weiteres wichtiges Netzwerk des amerikanischen Musiktheaters. Blitzstein war eine zentrale Figur des politisch und musikalisch ambitionierten amerikanischen Theaters, bekannt unter anderem durch The Cradle Will Rock und später durch Opern- und Musicalarbeiten.
Nach dem frühen Tod Eva Goldbecks im Jahr 1936 blieb Abarbanell mit Marc Blitzstein verbunden. Sie unterstützte in späteren Jahren auch Produktionen aus seinem Umfeld, etwa im Zusammenhang mit Regina und Juno. Dadurch blieb sie bis ins höhere Alter Teil eines lebendigen Theaternetzwerks, das europäische Herkunft, amerikanische Moderne, Musiktheater und Broadway miteinander verband.
Leonard Bernstein setzte ihr indirekt ein kleines Denkmal, indem er den Namen Abarbanell in seiner Oper Trouble in Tahiti verwendete. Solche Spuren sind kulturgeschichtlich interessant, weil sie zeigen, dass Abarbanell nicht nur als Bühnenfigur, sondern auch als erinnerte Persönlichkeit in Künstlerkreisen präsent blieb.
Tonaufnahmen und fotografische Überlieferung
Von Lina Abarbanell existieren sehr seltene frühe Schallplattenaufnahmen, insbesondere aus der Wiener Zeit um 1903. Diese Aufnahmen gehören zur Frühgeschichte der dokumentierten Gesangskunst. Sie sind deshalb von besonderem Wert, weil die Stimmen vieler Bühnenkünstlerinnen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts sonst nur durch Kritiken, Rollenlisten und Erinnerungen überliefert sind.
Auch fotografisch ist Abarbanell gut belegt. Die New York Public Library bewahrt in der Billy Rose Theatre Collection mehrere Fotografien von ihr. Diese Bilder zeigen sie in unterschiedlichen Rollen-, Porträt- und Kostümzusammenhängen. Sie dokumentieren nicht nur ihr Aussehen, sondern auch die visuelle Kultur der Soubrette, Operettendiva und Broadway-Darstellerin um 1900 und in den folgenden Jahrzehnten.
Solche visuellen und akustischen Quellen sind für die Bewertung ihrer Karriere wichtig. Theater ist vergänglich; Aufführungen verschwinden mit dem Abend. Fotografien, Programme, Kritiken, Tonaufnahmen und Archivbestände bilden daher die materiellen Reste einer Kunst, die ursprünglich im Moment der Aufführung lebte. Abarbanells Nachlass- und Sammlungszusammenhänge helfen, diese flüchtige Bühnenkunst historisch greifbar zu machen.
Bedeutung und Nachwirkung
Lina Abarbanells Bedeutung liegt in ihrer ungewöhnlichen transatlantischen Bühnenbiographie. Sie begann als Berliner Sängerin und Schauspielerin, wurde in Europa als Operettenkünstlerin bekannt, machte in den Vereinigten Staaten Karriere und blieb dort auch nach ihrem Bühnenabschied eine wichtige Theaterfachfrau. Ihre Laufbahn zeigt, wie stark die amerikanische Unterhaltungs- und Musiktheaterkultur des frühen 20. Jahrhunderts von europäischen Künstlerinnen und Künstlern mitgeprägt wurde.
Als Sängerin verband sie Sopran, Soubrettenfach, Operette und Musical Comedy. Als Schauspielerin brachte sie Bühnenwitz, Rollenverständnis und szenische Beweglichkeit ein. Als Casting-Fachfrau nutzte sie später genau jene Erfahrung, die sie auf der Bühne gesammelt hatte. Dadurch ist ihre Biographie nicht eindimensional. Sie zeigt eine Künstlerin, die sich an veränderte Lebensphasen und Theaterbedingungen anpassen konnte.
Ihre Nachwirkung liegt weniger in einem einzelnen kanonischen Werk als in einer dichten Spur durch viele Institutionen: Berliner Theater, Theater an der Wien, Irving Place Theatre, Metropolitan Opera, Broadway, amerikanische Tourneebühnen, Wiman-Produktionen und das Umfeld von Marc Blitzstein. In dieser Vernetzung wird Abarbanell zu einer repräsentativen, aber zugleich individuellen Figur der modernen Theatergeschichte.
Quellenlage und editorischer Hinweis
Die Quellenlage zu Lina Abarbanell ist vergleichsweise gut. Zu den wichtigsten digitalen Nachweisen gehören die Internet Broadway Database, die ihre Broadway-Credits als Performerin und spätere Produktionsmitarbeiterin dokumentiert, die biographischen Artikel in jüdischen und theaterhistorischen Nachschlagewerken sowie die Sammlung der Syracuse University Libraries. Ergänzend sind Fotografien in der New York Public Library und frühe Tonaufnahmen zu berücksichtigen.
Bei einzelnen Detailangaben können kleinere Abweichungen auftreten, etwa bei der Bewertung einzelner Debüts, bei Rollenbezeichnungen, bei Schreibweisen von Theaterstücken oder bei der Einordnung zwischen Operette, Musical Comedy und Vaudeville. Für den vorliegenden Kulturlexikon-Überblick sind die gesicherten Eckdaten maßgeblich: Geburt 1879 in Berlin, Tod 1963 in New York, frühe Berliner Ausbildung, europäische Operettenkarriere, Übersiedlung in die Vereinigten Staaten 1905, Tätigkeit an Metropolitan Opera und Broadway sowie spätere Arbeit im Casting und in der Produktion.
Der Eintrag verwendet die Namensform Lina Abarbanell, weil sie die gebräuchliche Bühnen- und Nachschlageform ist. Der vollständige Name Caroline Lina Abarbanell sowie die Ehenamensform Caroline Lina Goldbeck werden in Metadaten und Text berücksichtigt, damit biographische, genealogische und theaterhistorische Suchwege zusammengeführt werden können.
Fazit
Lina Abarbanell war eine deutsche Schauspielerin und Sängerin, deren Karriere von Berlin über Wien und London nach New York führte. Sie war Sopranistin, Soubrette, Operettendiva, Broadway-Darstellerin und später Casting-Fachfrau. Ihre Laufbahn steht für eine Epoche, in der europäische Operette, deutsches Schauspiel, amerikanische Musical Comedy und Broadway-Produktion eng miteinander verflochten waren.
Besonders bemerkenswert ist die Spannweite ihres Berufslebens. Sie begann als früh begabte Bühnenkünstlerin, wurde in Europa und Amerika bekannt, sang an der Metropolitan Opera, prägte Operetten- und Musical-Comedy-Produktionen und wechselte nach ihrer aktiven Bühnenzeit in die organisatorische und künstlerisch vermittelnde Arbeit des Castings. Damit gehört Lina Abarbanell zu jenen Theaterpersönlichkeiten, deren Bedeutung nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter den Kulissen sichtbar wird.
Weiterführende Einträge
- Berliner Hofoper Zentrale Berliner Operninstitution und frühe Wirkungsstätte Abarbanells
- Berliner Theatergeschichte Entwicklung von Schauspiel, Oper, Operette, Kabarett und Unterhaltungstheater in Berlin
- Broadway New Yorker Theaterzentrum, an dem Abarbanell über viele Jahre als Darstellerin und Theaterfachfrau wirkte
- Casting Künstlerische und organisatorische Auswahl von Darstellerinnen und Darstellern für Bühne, Film und Musiktheater
- Die Fledermaus Operette von Johann Strauss, in der Abarbanell früh als Adele hervortrat
- Die lustige Witwe Operette von Franz Lehár und eine der wichtigen Erfolgsrollen Abarbanells in Amerika
- Dwight Deere Wiman Amerikanischer Broadway-Produzent, in dessen Umfeld Abarbanell später als Assistentin und Casting-Fachfrau arbeitete
- Engelbert Humperdinck Komponist von Hänsel und Gretel, einer wichtigen Opernstation Abarbanells in New York
- Eva Goldbeck Tochter Lina Abarbanells, Schriftstellerin und Ehefrau des Komponisten Marc Blitzstein
- Franz Lehár Operettenkomponist, dessen Die lustige Witwe Abarbanells amerikanische Karriere mitprägte
- Hänsel und Gretel Märchenoper von Engelbert Humperdinck und bedeutende Metropolitan-Opera-Station Abarbanells
- Irving Place Theatre Deutschsprachiges New Yorker Theater und erste amerikanische Bühne Abarbanells
- Johann Strauss Sohn Komponist zentraler Operettenwerke wie Die Fledermaus und Der Zigeunerbaron
- Lina Abarbanell Deutsche Schauspielerin, Sopranistin, Operettensängerin, Broadway-Darstellerin und Casting-Fachfrau
- Madame Sherry Broadway-Erfolg von 1910 und eine der bekanntesten Rollen Lina Abarbanells
- Marc Blitzstein Amerikanischer Komponist, Schwiegersohn Abarbanells und wichtige Figur des Musiktheaters
- Metropolitan Opera New Yorker Opernhaus, an dem Abarbanell in Hänsel und Gretel mitwirkte
- Musical Comedy Amerikanische Musiktheaterform zwischen Operette, Broadway-Unterhaltung und komischem Spiel
- Operette Leichte Musiktheaterform mit Gesang, Dialog, Tanz, Komik und gesellschaftlichem Spiel
- Opernsängerin Sängerin des Musiktheaters mit vokaler, sprachlicher und darstellerischer Ausbildung
- Residenztheater Berlin Berliner Theater und Ausbildungsstation Lina Abarbanells
- Schauspielerin Darstellerin des Sprech- oder Musiktheaters mit Rollen-, Körper- und Sprachgestaltung
- Sopran Höchstes weibliches Stimmfach, in dem Abarbanell als Sängerin geführt wird
- Soubrette Leichtes, bewegliches Bühnenfach zwischen Gesang, Komik, Charme und szenischem Tempo
- Theater an der Wien Wichtige Wiener Bühne der Operetten- und Musiktheatergeschichte
- Überbrettl Berliner Kabarett- und Kleinkunstbühne, in deren Umfeld Abarbanell zeitweise wirkte
- Vaudeville Amerikanische Unterhaltungsform aus Musik, Komik, Artistik, Szene und Nummernfolge