Einleitung
Genesis 1,6 enthält den göttlichen Befehl: Innerhalb der Wasser soll ein רָקִיעַ, eine Feste beziehungsweise ein Firmament, entstehen und „Wasser von Wasser“ scheiden. Genesis 1,7 berichtet nun ausdrücklich die Ausführung dieses Befehls.
Die Struktur ist klar: Gott macht den Raqia, und Gott scheidet die Wasser. Aus der in Genesis 1,2 beschriebenen Wasserwelt entstehen zwei vertikal voneinander unterschiedene Bereiche: Wasser unterhalb der Feste und Wasser oberhalb der Feste.
Damit präzisiert Vers 7 das in Vers 6 nur funktional formulierte Ziel. Dort hieß es allgemein, der Raqia solle zwischen „Wasser und Wasser“ scheiden; hier werden die beiden Bereiche ausdrücklich räumlich als unterhalb und oberhalb bezeichnet.
Am Ende steht die knappe Erfüllungsformel וַיְהִי־כֵן – „und es geschah so“. Sie bestätigt, dass die von Gott befohlene Ordnung tatsächlich zustande kommt. Das Verhältnis von göttlicher Rede und geschaffener Wirklichkeit, das bereits in Genesis 1,3 mit „Es werde Licht – und es ward Licht“ eingeführt wurde, wird damit erneut sichtbar.
Der Vers ist zugleich eine der wichtigsten Stellen für die Rekonstruktion der antiken Kosmologie von Genesis 1. Der Text stellt sich einen kosmischen Bereich vor, der Wasser unterhalb von Wasser oberhalb trennt. Diese Vorstellung sollte zunächst innerhalb ihres antiken Kontextes verstanden werden, bevor sie mit späterer Naturphilosophie oder moderner Naturwissenschaft verglichen wird.
Wortanalyse
וַיַּעַשׂ, wayyaʿaś, stammt von der Wurzel עשה, „machen, tun, herstellen, ausführen“. Die Form ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular. Sie setzt die erzählerische Handlung fort: „Und er machte“.
אֱלֹהִים, ʾĕlōhîm, ist das ausdrücklich genannte Subjekt. Wie in den vorhergehenden Versen bezeichnet die formal pluralische Form grammatisch den einen handelnden Gott.
אֶת־הָרָקִיעַ, ʾeṯ-hārāqîaʿ, besteht aus dem bestimmten Objektmarker אֵת und dem mit Artikel versehenen הָרָקִיעַ, „die Feste“, „das Firmament“, „die Ausdehnung“. Der Artikel zeigt, dass nun der in Vers 6 angekündigte Raqia als bestimmtes Objekt der Handlung aufgenommen wird.
וַיַּבְדֵּל, wayyaḇdēl, stammt von der Wurzel בדל, „trennen, unterscheiden, absondern“. Die Form ist Hifil Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular. Der Hifil bezeichnet hier das aktive Herbeiführen einer Trennung: Gott bewirkt, dass die Wasser voneinander geschieden werden.
בֵּין, bên, bedeutet „zwischen“ und eröffnet die Konstruktion, mit der die beiden voneinander getrennten Bereiche bezeichnet werden.
הַמַּיִם, hammayim, bedeutet „die Wasser“. Die Wiederholung des Wortes in beiden Satzhälften macht sichtbar, dass nicht Wasser und ein anderer Stoff voneinander geschieden werden, sondern zwei Bereiche derselben Wassermasse.
אֲשֶׁר, ʾăšer, ist ein Relativpronomen beziehungsweise eine Relativpartikel und bedeutet hier „die/welche“.
מִתַּחַת, mittaḥaṯ, bedeutet „von unterhalb“, „unterhalb“ beziehungsweise „unter“. Es bezeichnet die räumliche Lage der unteren Wasser relativ zum Raqia.
לָרָקִיעַ, lārāqîaʿ, besteht aus der Präposition לְ und dem bestimmten רָקִיעַ. In Verbindung mit מִתַּחַת entsteht die Bedeutung „unterhalb der Feste“.
וּבֵין, ûḇên, bedeutet „und zwischen“ und eröffnet den zweiten Pol der Trennung.
מֵעַל, mēʿal, bedeutet „oberhalb“, „von oberhalb“ beziehungsweise „über“. Das Wort ist für die jüdische Auslegung besonders wichtig geworden, weil nicht einfach עַל, „auf“, steht. Die oberen Wasser werden somit sprachlich als oberhalb des Raqia lokalisiert, nicht notwendig als unmittelbar auf ihm ruhend.
וַיְהִי, wayəhî, stammt von היה, „sein, werden, geschehen“, und ist Qal Wayyiqtol, 3. Person maskulin Singular.
כֵּן, kēn, bedeutet in dieser Verbindung „so“, „auf diese Weise“, „entsprechend“. וַיְהִי־כֵן bedeutet daher: „Und es geschah so“ beziehungsweise „und so war es“.
Grammatik und Syntax
Der Vers besteht aus drei aufeinanderfolgenden Handlungseinheiten:
וַיַּעַשׂ אֱלֹהִים אֶת־הָרָקִיעַ – Gott macht den Raqia.
וַיַּבְדֵּל ... – Gott scheidet die Wasserbereiche.
וַיְהִי־כֵן – die angeordnete Wirklichkeit besteht entsprechend.
Die beiden ersten Hauptverben וַיַּעַשׂ und וַיַּבְדֵּל stehen im Wayyiqtol und treiben die Erzählung voran. Das erste Verb bezeichnet das Herstellen beziehungsweise Einrichten der Feste; das zweite beschreibt ihre entscheidende Funktion.
Auf וַיַּבְדֵּל folgt die symmetrische Konstruktion:
בֵּין הַמַּיִם אֲשֶׁר מִתַּחַת לָרָקִיעַ
„zwischen den Wassern, die unterhalb der Feste waren“
und
וּבֵין הַמַּיִם אֲשֶׁר מֵעַל לָרָקִיעַ
„und den Wassern, die oberhalb der Feste waren“.
Die Parallelität ist grammatisch wie literarisch deutlich. Das Substantiv הַמַּיִם wird wiederholt; beide Vorkommen werden jeweils durch einen Relativsatz näher bestimmt; und beide werden räumlich auf denselben Raqia bezogen.
Dadurch entsteht eine vertikale Symmetrie: unten Wasser – in der Mitte der scheidende Raqia – oben Wasser.
Die abschließende Formel וַיְהִי־כֵן steht syntaktisch selbstständig. Sie bestätigt nicht einen neuen Einzelgegenstand, sondern den zuvor beschriebenen Ordnungszustand als Ganzes.
וַיַּעַשׂ – „Und Gott machte“
Das Verb עשה besitzt einen sehr breiten Bedeutungsbereich: machen, tun, herstellen, ausführen, gestalten oder einrichten. Genesis 1 verwendet sowohl ברא, „schaffen“, als auch עשה, „machen“.
Eine starre theologische Aufteilung, nach der ברא ausschließlich „aus dem Nichts erschaffen“ und עשה ausschließlich „aus vorhandener Materie herstellen“ bedeute, lässt sich aus dem biblischen Sprachgebrauch nicht ableiten.
Hier liegt der Akzent von וַיַּעַשׂ auf der tatsächlichen Ausführung des in Genesis 1,6 ausgesprochenen Befehls. Was dort als göttlicher Wille formuliert wurde, wird nun erzählerisch vollzogen.
Raschi
Raschi versteht das „Machen“ des Raqia als sein Einrichten beziehungsweise Versetzen in den angemessenen Zustand und an seinen richtigen Platz. „Machen“ bedeutet in dieser Lesart nicht zwingend, dass zuvor überhaupt nichts vorhanden gewesen wäre, sondern dass der Raqia seine geordnete Form und Stellung erhält.
Ramban
Auch Ramban erklärt עשׂה hier als Zurichten beziehungsweise Anpassen einer Sache an ihre erforderliche Ordnung oder Proportion. Dadurch wird das Verb eng mit dem Grundthema von Genesis 1 verbunden: Schöpfung als Herstellung geordneter Wirklichkeit.
אֶת־הָרָקִיעַ – „die Feste“
Der in Vers 6 erstmals genannte רָקִיעַ erscheint jetzt mit bestimmtem Artikel: הָרָקִיעַ. Es handelt sich um den bereits angekündigten kosmischen Trennbereich.
Die hebräische Wortwurzel רקע gehört zum Bedeutungsfeld des Ausbreitens, Ausspannens beziehungsweise flachen Ausschlagens einer Fläche. Daraus erklären sich Übersetzungen wie „Ausdehnung“ oder „Ausgespanntes“.
Die traditionellen Wörter Feste und Firmament gehen dagegen stärker auf die griechisch-lateinische Rezeptionsgeschichte zurück. Die Septuaginta wählt στερέωμα, die Vulgata firmamentum, wodurch Stabilität und Festigkeit hervorgehoben werden.
Im unmittelbaren Kontext wird der Raqia vor allem funktional bestimmt. Er ist der kosmische Bereich, der Wasser unterhalb von Wasser oberhalb trennt. In Genesis 1,8 wird Gott ihn Himmel nennen.
וַיַּבְדֵּל – „Und er schied“
וַיַּבְדֵּל ist Hifil Wayyiqtol von בדל. Die Grundidee lautet Trennung, Absonderung beziehungsweise Unterscheidung.
Die Wurzel verbindet Genesis 1,7 unmittelbar mit Genesis 1,4. Dort schied Gott Licht von Finsternis; hier scheidet er Wasser von Wasser.
Damit wird Scheidung als wiederkehrendes Grundprinzip des Schöpfungsberichts sichtbar. Eine zunächst nicht differenzierte Wirklichkeit erhält Grenzen und unterschiedliche Bereiche.
Trennung ist schöpferisch
Im modernen Sprachgebrauch kann „Trennung“ primär negativ wirken. Genesis 1 verwendet sie dagegen als produktiven Vorgang. Durch Trennung entsteht geordneter Raum.
Ohne die Scheidung der Wasser gäbe es innerhalb der erzählten Kosmologie keinen freien Himmelsbereich zwischen den Wassermassen. Die Trennung schafft damit die Voraussetzung für die weiteren Schöpfungsakte.
Keine Vernichtung
Wie bei Licht und Finsternis besteht die Ordnung nicht darin, einen der beiden Bereiche zu vernichten. Beide Wassermassen bleiben bestehen. Gott verändert ihre Beziehung zueinander.
מִתַּחַת לָרָקִיעַ – „unterhalb der Feste“
Die erste Wassermasse wird als אֲשֶׁר מִתַּחַת לָרָקִיעַ bezeichnet: „die unterhalb der Feste [ist]“.
Diese unteren Wasser werden am dritten Schöpfungstag weiter geordnet. In Genesis 1,9 befiehlt Gott, dass sich die Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort sammeln sollen, damit trockenes Land sichtbar wird.
Der zweite und dritte Schöpfungstag bilden deshalb einen zusammenhängenden Prozess. Vers 7 schafft zunächst die vertikale Scheidung; anschließend werden die unteren Wasser horizontal gesammelt.
Die unteren Wasser werden später als Meere bezeichnet. Ihre Begrenzung ist Voraussetzung dafür, dass die Erde als bewohnbares Land hervortritt.
מֵעַל לָרָקִיעַ – „oberhalb der Feste“
Die zweite Wassermasse befindet sich מֵעַל לָרָקִיעַ, „oberhalb der Feste“.
Gerade die Präposition מֵעַל wurde in der rabbinischen Auslegung genau beobachtet. Sie bezeichnet nicht einfach Wasser „auf“ dem Raqia, sondern Wasser „oberhalb“ davon.
Bereschit Rabbah entwickelt daraus die Vorstellung, dass zwischen dem Raqia und den oberen Wassern ein Abstand bestehe. Die oberen Wasser ruhen in dieser Auslegung nicht mechanisch auf der Himmelsfläche, sondern werden gleichsam durch Gottes Wort oberhalb gehalten.
Raschi übernimmt diese Tradition. Die sprachliche Feinheit wird damit zu einer theologischen Aussage: Nicht eine materielle Stützkonstruktion garantiert letztlich die Ordnung des Kosmos, sondern Gottes Befehl.
Obere Wasser in der Bibel
Die Vorstellung bleibt nicht auf Genesis 1 beschränkt. Psalm 148,4 spricht ausdrücklich von den „Wassern über den Himmeln“. Die biblische Poesie bewahrt damit dieselbe grundlegende kosmologische Vorstellung.
וַיְהִי־כֵן – „Und es geschah so“
וַיְהִי־כֵן ist eine wiederkehrende Erfüllungsformel von Genesis 1. Sie bestätigt, dass der von Gott bestimmte Zustand tatsächlich eintritt.
Die traditionelle Wiedergabe „Und es geschah also“ verwendet also in einer älteren Bedeutung von „so, auf diese Weise“. Im modernen Deutsch ist „Und es geschah so“ eindeutiger.
Die Formel ist theologisch knapp, aber bedeutungsvoll. Gottes Befehl bleibt nicht Absicht. Er wird Wirklichkeit.
Warum steht die Formel nach der Ausführung?
Bei Genesis 1,3 folgt auf „Es werde Licht“ unmittelbar „und es ward Licht“. Hier dagegen berichtet Vers 7 zuerst ausführlich, dass Gott den Raqia macht und die Wasser trennt; anschließend heißt es zusätzlich „und es geschah so“.
Ramban macht diese scheinbare Redundanz ausdrücklich zum Gegenstand seiner Auslegung. Er versteht וַיְהִי־כֵן hier als Aussage darüber, dass die geschaffene Ordnung dauerhaft so bestehen blieb.
Damit erhält die Formel nicht nur die Bedeutung „es trat ein“, sondern in seiner theologischen Interpretation auch „es bestand entsprechend fort“.
Ibn Esra
Ramban berichtet eine andere Auslegung Ibn Esras, nach der „und es war so“ enger mit der folgenden Benennung in Genesis 1,8 verbunden werden könne. Ramban lehnt diese Erklärung jedoch ab.
Die Diskussion zeigt, dass bereits die mittelalterliche jüdische Exegese die genaue syntaktische Funktion der scheinbar einfachen Formel differenziert analysierte.
Verhältnis zu Genesis 1,6
Genesis 1,6 und 1,7 stehen im Verhältnis von Befehl und Ausführung.
Vers 6:
„Es werde ein Raqia … und er sei scheidend zwischen Wasser und Wasser.“
Vers 7:
„Und Gott machte den Raqia und schied …“
Der zweite Vers wiederholt die Kernaussagen des ersten nicht aus bloßer Redundanz. Die Wiederholung bestätigt die Umsetzung des göttlichen Wortes und präzisiert zugleich die räumliche Struktur.
Erst Vers 7 macht ausdrücklich klar, welche beiden Wassermassen gemeint sind: Wasser unterhalb und Wasser oberhalb des Raqia.
Verhältnis zu Genesis 1,8
Nach Befehl und Ausführung folgt in Genesis 1,8 die Benennung: Gott nennt den Raqia שָׁמַיִם, „Himmel“.
Die vollständige literarische Bewegung des zweiten Tages lautet daher:
Befehl → Herstellung → Scheidung → Bestätigung → Benennung → Abend und Morgen.
Diese Reihenfolge entspricht dem Grundmuster von Genesis 1, variiert es aber gegenüber dem ersten Tag.
Vers 7 steht im Zentrum dieser Bewegung. Er beschreibt den eigentlichen Vollzug der räumlichen Gliederung.
ברא und עשה – „schaffen“ und „machen“
Genesis 1 verwendet verschiedene Verben für göttliches Schöpfungshandeln. In Genesis 1,1 steht בָּרָא, bārāʾ, „schuf“. In Genesis 1,7 steht וַיַּעַשׂ, „und er machte“.
Diese Variation hat immer wieder zu Versuchen geführt, beiden Verben streng verschiedene metaphysische Bedeutungen zuzuweisen. Eine solche starre Trennung ist sprachlich jedoch nicht gerechtfertigt.
עשה ist ein sehr allgemeines Verb des Tuns und Machens. Es kann die Ausführung eines Plans, das Herstellen eines Gegenstandes oder das Einrichten eines Zustandes bezeichnen.
Im vorliegenden Kontext betont es die Umsetzung des zuvor gesprochenen Befehls. Der Raqia erhält seine bestimmte Stellung und Funktion innerhalb der Schöpfungsordnung.
Raschi und Ramban verstehen das Verb entsprechend als Einrichten beziehungsweise Zurichten auf den bestimmten Zustand. Damit liegt der Schwerpunkt nicht auf einer philosophischen Frage nach dem Ausgangsmaterial, sondern auf dem Zustandekommen der geordneten Form.
Kosmologisches Modell
Genesis 1,7 gehört zu den wichtigsten Texten für das antike Weltmodell des ersten Schöpfungsberichts.
Die Grundstruktur lautet:
oberhalb befinden sich Wasser;
dazwischen befindet sich der Raqia beziehungsweise spätere Himmel;
unterhalb befinden sich weitere Wasser;
unter diesen Wassern beziehungsweise nach ihrer Sammlung wird später trockenes Land sichtbar.
Die Welt wird damit vertikal gegliedert. Das entspricht keiner modernen astronomischen Darstellung von Planet, Atmosphäre und Weltraum, sondern einer antiken Kosmographie.
Der Raqia als kosmischer Separator
Die wichtigste Funktion des Raqia besteht darin, die beiden Wasserbereiche auseinanderzuhalten. Selbst wenn die genaue Materialvorstellung offen bleibt, ist diese Funktion im Text eindeutig.
Darum ist es problematisch, das Wort einfach mit „Atmosphäre“ zu übersetzen. Die moderne Atmosphäre wird nicht als Trennung zwischen kosmischen Wassermassen definiert.
Der Himmel als geschaffener Bereich
Weil der Raqia von Gott gemacht und anschließend Himmel genannt wird, gehört der Himmel vollständig zur geschaffenen Wirklichkeit.
Er ist kein eigener Gott und kein Bereich, der unabhängig von Elohim besteht.
Die oberen Wasser
Die „Wasser oberhalb der Feste“ gehören zu den für moderne Leser fremdartigsten Elementen des Verses. Innerhalb der antiken Weltvorstellung sind sie jedoch ein verständlicher Bestandteil der kosmischen Architektur.
Die oberen Wasser können im weiteren biblischen Vorstellungsraum mit Regen und himmlischen Wasservorräten in Verbindung gebracht werden. Bereschit Rabbah bezeichnet Regenwasser als gleichsam „Frucht“ der oberen Wasser.
Die Sintfluterzählung spricht außerdem von den geöffneten „Fenstern des Himmels“. Dies passt zu einer kosmologischen Vorstellung, in der Wasser oberhalb des gewöhnlich bewohnten Weltbereichs vorhanden ist und unter außergewöhnlichen Bedingungen herabströmen kann.
Es wäre jedoch methodisch falsch, daraus unmittelbar eine moderne meteorologische Theorie abzuleiten. Der Text arbeitet mit antiken räumlichen Kategorien.
Die unteren Wasser
Die unteren Wasser sind jene Wassermassen, die sich unterhalb des Raqia befinden. Sie bedecken zu diesem Zeitpunkt der Erzählung noch den unteren Weltbereich.
Erst am dritten Tag folgt der nächste Schritt. In Genesis 1,9 befiehlt Gott, dass sich diese Wasser an einem Ort sammeln sollen und das Trockene sichtbar werde.
Damit besitzt die Ordnung der unteren Wasser zwei Phasen:
zuerst werden sie von den oberen Wassern getrennt;
danach werden sie unterhalb des Himmels gesammelt und vom trockenen Land unterschieden.
Die Schöpfung schreitet also schrittweise von einer umfassenden Wasserwelt zu differenzierten Lebensräumen fort.
Schöpfung von Raum durch Trennung
Eine zentrale Bedeutung von Genesis 1,7 liegt darin, dass Raum durch Trennung entsteht.
Der Raqia ist nicht nur ein weiterer Gegenstand innerhalb eines bereits vollständig vorhandenen Raumes. Innerhalb der Erzählung schafft seine Funktion überhaupt erst eine geordnete räumliche Mitte zwischen den Wassern.
Die Schöpfung besitzt dadurch eine architektonische Dimension. Bereiche werden eingerichtet, voneinander abgegrenzt und später mit Bewohnern gefüllt.
Dieses Muster lässt sich über mehrere Schöpfungstage verfolgen:
Am ersten Tag werden Licht und Finsternis unterschieden.
Am zweiten Tag werden obere und untere Wasser unterschieden.
Am dritten Tag werden Meer und trockenes Land unterschieden.
Später werden diese geordneten Bereiche mit Gestirnen, Vögeln, Fischen, Landtieren und Menschen verbunden.
Genesis 1 erzählt daher nicht nur die Existenz von Dingen, sondern die Entstehung einer strukturierten Welt.
Literarische Funktion
Genesis 1,7 ist der mittlere Vers eines dreiteiligen Abschnitts:
Vers 6 formuliert den göttlichen Befehl.
Vers 7 berichtet dessen Ausführung.
Vers 8 benennt den entstandenen Bereich und schließt den zweiten Tag ab.
Der Vers besitzt deshalb eine Brückenfunktion zwischen Wort und Name. Gottes Wort eröffnet den Vorgang; Gottes Benennung bestätigt den geordneten Bereich; dazwischen steht die konkrete Herstellung.
Auch stilistisch bleibt die priesterliche Erzählung formelhaft. Wiederkehrende Verben und Parallelkonstruktionen erzeugen einen geregelten Rhythmus. Dieser Rhythmus ist selbst Teil der Aussage: Die Welt entsteht geordnet.
Subtext
Gottes Befehl wird ausgeführt
Vers 7 zeigt ausdrücklich, dass der Befehl aus Vers 6 nicht bloße Absicht bleibt. Die schöpferische Rede besitzt Konsequenz.
Schöpfung kann Einrichten bedeuten
Das Verb עשה rückt nicht nur Hervorbringung, sondern auch Gestaltung und Einrichtung in den Vordergrund. Geschaffenes erhält seinen Platz.
Grenzen schaffen keine Feindschaft
Obere und untere Wasser werden getrennt, aber nicht zu Gegnern. Differenz ist nicht dasselbe wie Konflikt.
Der Kosmos besitzt Ebenen
Die Begriffe „unterhalb“ und „oberhalb“ machen die Welt räumlich strukturiert. Die kosmische Wirklichkeit besitzt in der Erzählung verschiedene Bereiche.
Die Wasser sind beherrscht
Wasser kann in antiken Mythen mit chaotischen Mächten verbunden sein. Hier gehorcht es der von Elohim gesetzten Ordnung. Der Text berichtet keinen Widerstand.
Die Ordnung besteht
Die Formel וַיְהִי־כֵן unterstreicht Stabilität. Die geschaffene Ordnung ist nicht nur ein vorübergehender Moment.
Raum ist eine theologische Größe
Der Lebensraum der späteren Geschöpfe ist nicht selbstverständlich. Er entsteht innerhalb der Erzählung durch Gottes ordnende Handlung.
Innerbiblische Bezüge
Genesis 1,6
Genesis 1,6 liefert den Befehl, dessen Ausführung Vers 7 beschreibt. Beide Verse bilden eine untrennbare Einheit.
Genesis 1,8
In Genesis 1,8 nennt Gott den Raqia Himmel. Dadurch erhält der geschaffene Trennbereich seine Bezeichnung.
Genesis 1,9
Der folgende Schöpfungstag setzt die Ordnung der unteren Wasser fort. Sie werden unter dem Himmel gesammelt, damit trockenes Land sichtbar wird.
Genesis 1,14–17
Die Himmelslichter werden später im Raqia des Himmels lokalisiert. Dadurch erhält der im zweiten Tag geschaffene Raum eine neue Funktion.
Genesis 1,20
Auch der Flug der Vögel wird in Beziehung zum Himmelsraum beziehungsweise Raqia beschrieben. Der ursprünglich als Separator geschaffene Bereich wird damit später zum Lebens- und Bewegungsraum.
Psalm 19,2
Der Psalm spricht vom Raqia als Verkünder des Werkes von Gottes Händen. Der kosmische Bereich wird dort zum Zeugnis des Schöpfers.
Psalm 148,4
Die „Wasser über den Himmeln“ werden zum Gotteslob aufgerufen. Die kosmologische Struktur von Genesis 1 wird damit poetisch aufgenommen.
Schöpfung und Sintflut
Besonders wichtig für die innerbiblische Wirkung von Genesis 1,7 ist die Sintflut in Genesis 6–9.
Bei der Schöpfung werden die Wasser sorgfältig voneinander geschieden und begrenzt. In der Fluterzählung werden diese Grenzen teilweise aufgehoben.
Genesis 7,11 berichtet vom Aufbrechen der Quellen der großen Tiefe und vom Öffnen der Fenster des Himmels. Wasser kommt somit sowohl von unten als auch von oben.
Literarisch lässt sich die Flut deshalb als teilweise Ent-Schöpfung verstehen. Die geordneten Wasserbereiche greifen wieder in die bewohnbare Welt ein.
Nach der Flut folgt umgekehrt eine Art Neuschöpfung: Die Wasser gehen zurück, die Erde wird wieder bewohnbar, und der Segen „Seid fruchtbar und mehret euch“ wird erneuert.
Die Yale Bible Study beschreibt diese Verbindung ausdrücklich als Rücknahme und anschließende Wiederherstellung der in Genesis 1 vorgenommenen Wasserordnung.
Historische Einordnung
Genesis 1,1–2,4a wird in der historisch-kritischen Forschung überwiegend als priesterlich geprägte Schöpfungserzählung verstanden. Die systematische Gliederung, die Wiederholung fester Formeln, die Ordnung nach Tagen und das starke Interesse an Scheidungen und Klassifikationen gehören zu ihren charakteristischen Merkmalen.
Die Trennung von oberen und unteren Wassern ist ein besonders klares Beispiel dieses Ordnungsdenkens. Die Welt wird bewohnbar, indem jeder Bereich seinen bestimmten Platz erhält.
Viele Forschungsmodelle datieren die literarische Gestalt der priesterlichen Schöpfungserzählung in exilische oder nachexilische Zeit. Die genaue Datierung und Schichtung der priesterlichen Literatur bleibt jedoch wissenschaftlich umstritten.
Für Genesis 1,7 ist der altorientalische Kontext besonders wichtig. Die Vorstellung kosmischer Wasser oberhalb und unterhalb der bewohnten Welt gehört nicht zu moderner Naturwissenschaft, sondern zu antiken Weltbildern.
Der historische Sinn des Textes sollte deshalb nicht dadurch verdeckt werden, dass „obere Wasser“ etwa mit Wasserdampf, Wolken, einer hypothetischen Wasserschicht im Weltraum oder anderen modernen Modellen identifiziert werden.
Altorientalischer Hintergrund
Wasser spielt in vielen altorientalischen Kosmogonien eine zentrale Rolle. Die Entstehung einer geordneten Welt kann mit der Trennung ursprünglicher Wasserbereiche oder mit der Begrenzung chaotischer Wassermächte verbunden sein.
Im babylonischen Enuma Elisch besiegt Marduk Tiamat und teilt ihren Körper, um daraus kosmische Bereiche zu bilden. Auch dort gehört eine vertikale Gliederung des Kosmos zur Schöpfungsvorstellung.
Genesis 1 verwendet verwandte kosmologische Fragestellungen, erzählt sie jedoch anders. Die Wasser werden nicht als Göttin dargestellt. Gott muss keinen kosmischen Gegner töten und gewinnt seine Herrschaft nicht erst im Kampf.
Elohim spricht, macht und scheidet. Seine Souveränität wird nicht durch einen dramatischen Sieg über eine konkurrierende Gottheit erwiesen, sondern vorausgesetzt.
Gemeinsamer kultureller Horizont
Die Gemeinsamkeiten mit anderen altorientalischen Texten zeigen, dass Genesis in einem gemeinsamen antiken Vorstellungsraum steht. Daraus folgt jedoch nicht, dass jeder einzelne Satz unmittelbar aus einem bestimmten mesopotamischen Text kopiert wurde.
Historisch sinnvoll ist es, sowohl gemeinsame Motive als auch charakteristische theologische Unterschiede wahrzunehmen.
Jüdische Rezeption
Raschi: „Gott machte die Feste“
Raschi erklärt וַיַּעַשׂ אֱלֹהִים אֶת־הָרָקִיעַ dahin, dass Gott die Feste an ihrem Platz in den richtigen beziehungsweise stabilen Zustand setzte.
Das „Machen“ wird damit nicht primär als erstmalige Hervorbringung aus absolutem Nichtsein ausgelegt, sondern als Einrichten und Stabilisieren innerhalb der Schöpfungsordnung.
Raschi: „oberhalb der Feste“
Besondere Aufmerksamkeit widmet Raschi dem Ausdruck מֵעַל לָרָקִיעַ. Der Text sage nicht einfach, dass die Wasser „auf“ der Feste lägen, sondern dass sie „oberhalb“ von ihr seien.
Nach der von ihm übernommenen midraschischen Tradition befinden sich die oberen Wasser daher mit Abstand über dem Raqia und werden durch Gottes Wort in ihrer Position gehalten.
Bereschit Rabbah
Bereschit Rabbah formuliert diese Vorstellung besonders anschaulich. Zwischen Erde und Raqia und zwischen Raqia und oberen Wassern wird ein räumlicher Abstand angenommen.
Die oberen Wasser seien nicht unmittelbar auf die Feste gelegt. Sie „hängen“ vielmehr oberhalb aufgrund des göttlichen Ausspruchs. Als ihre „Frucht“ wird in einer rabbinischen Deutung der Regen bezeichnet.
Ramban: עשה als Zurichten
Ramban erklärt die Sprache des „Machens“ als Zurichten einer Sache auf ihre erforderliche Form beziehungsweise Proportion. Der Raqia erhält damit seine kosmische Gestalt und Funktion.
Ramban: וַיְהִי־כֵן
Ramban fragt ausdrücklich, warum nach dem detaillierten Bericht „Gott machte … und schied …“ zusätzlich noch „und es geschah so“ steht.
Seine Erklärung lautet, dass die Formel die Dauerhaftigkeit des eingerichteten Zustands betont: Die Ordnung blieb entsprechend bestehen.
Damit wird aus der scheinbaren Wiederholung eine theologische Aussage über die Stabilität der Schöpfungsordnung.
Ibn Esra
Ibn Esra behandelt unter anderem die grammatischen Möglichkeiten der Konstruktion „zwischen … und …“ und verbindet וַיְהִי־כֵן nach der von Ramban referierten Auslegung enger mit dem folgenden Vers.
Die unterschiedlichen mittelalterlichen Erklärungen zeigen, dass selbst kurze Formeln grammatisch und literarisch verschieden gegliedert werden konnten.
Warum fehlt „dass es gut war“?
Raschi übernimmt die rabbinische Erklärung, dass am zweiten Tag die Arbeit an den Wassern noch nicht vollendet war. Erst am dritten Tag werden die unteren Wasser gesammelt.
Eine noch nicht abgeschlossene Arbeit könne deshalb noch nicht in ihrer Vollendung als „gut“ bezeichnet werden. Am dritten Tag erscheint die Gutheißungsformel dann zweimal: einmal für die Vollendung des Wasserwerkes und einmal für das Werk des dritten Tages.
Septuaginta und Vulgata
Septuaginta
Die Septuaginta gibt Genesis 1,7 sinngemäß folgendermaßen wieder:
καὶ ἐποίησεν ὁ θεὸς τὸ στερέωμα, καὶ διεχώρισεν ὁ θεὸς ἀνὰ μέσον τοῦ ὕδατος, ὃ ἦν ὑποκάτω τοῦ στερεώματος, καὶ ἀνὰ μέσον τοῦ ὕδατος τοῦ ἐπάνω τοῦ στερεώματος· καὶ ἐγένετο οὕτως.
ἐποίησεν entspricht dem hebräischen וַיַּעַשׂ und bedeutet „machte“.
στερέωμα gibt רָקִיעַ wieder und betont Festigkeit beziehungsweise Stabilität.
διεχώρισεν bedeutet „trennte, schied“ und entspricht funktional וַיַּבְדֵּל.
Die abschließende Formel καὶ ἐγένετο οὕτως bedeutet „und es geschah so“.
Vulgata
Die lateinische Tradition gibt den Vers mit der bekannten Terminologie des firmamentum wieder. Das lateinische Wort hat die westliche Vorstellung eines Firmaments nachhaltig geprägt.
Auch in der lateinischen Fassung bleibt die Struktur erhalten: Gott macht das Firmament, trennt die unteren und oberen Wasser und bestätigt den geschaffenen Zustand.
Wirkungsgeschichte der Übersetzungen
Durch στερέωμα und firmamentum wurde der Aspekt der Festigkeit stärker hervorgehoben als durch moderne Übersetzungen wie „Ausdehnung“.
Diese Übersetzungsgeschichte ist für die christliche Kosmologie von der Antike bis in die frühe Neuzeit von erheblicher Bedeutung.
Christliche Rezeption
Basilius von Caesarea
Basilius behandelt Genesis 1,6–8 ausführlich in seiner dritten Hexaemeron-Homilie. Er macht auf die Abfolge aufmerksam: Zuerst spricht Gott „Es werde eine Feste“, anschließend heißt es nicht einfach nur „und es geschah“, sondern ausdrücklich „Gott machte die Feste und schied die Wasser“.
Für Basilius unterstreicht dies die aktive schöpferische Macht Gottes. Der göttliche Befehl und die göttliche Ausführung widersprechen sich nicht, sondern beschreiben unterschiedliche Aspekte desselben Schöpfungshandelns.
Basilius warnt zugleich davor, die materielle Beschaffenheit des Firmaments mit übermäßiger Spekulation bestimmen zu wollen. Die Schrift sage genug über seine Funktion, ohne alle naturphilosophischen Fragen zu beantworten.
Obere Wasser bei Basilius
Basilius nimmt die biblische Aussage von Wassern oberhalb des Firmaments ernst, versucht sie aber im Horizont spätantiker Naturphilosophie zu verstehen.
Seine Erklärungen sind ein wichtiges Zeugnis frühchristlicher Kosmologie, dürfen jedoch nicht mit moderner Naturwissenschaft gleichgesetzt werden.
Augustinus
Augustinus kennt verschiedene Auslegungen der Wasser oberhalb des Firmaments. Einige christliche Interpreten bezogen die oberen und unteren Wasser allegorisch auf Engel, geistige Wirklichkeiten oder Menschengruppen.
Augustinus berichtet solche Deutungen, ohne die historische kosmologische Ebene einfach aufzuheben.
Für ihn ist außerdem wichtig, dass auch das Wasser von Gott geschaffen ist. Aus der Tatsache, dass Genesis nicht ausdrücklich sagt „Gott sprach: Es werde Wasser“, darf nicht geschlossen werden, Wasser existiere unabhängig vom Schöpfer.
Thomas von Aquin
Die mittelalterliche christliche Theologie diskutiert die „Wasser über dem Firmament“ weiterhin intensiv. Thomas von Aquin stellt in der Summa theologiae verschiedene naturphilosophische Einwände und traditionelle Erklärungen zusammen.
Dies zeigt, wie lange Genesis 1,7 nicht nur als theologischer, sondern auch als kosmologischer Referenztext behandelt wurde.
Theologische Interpretation
Gottes Wort wird Wirklichkeit
Genesis 1,7 ist die erzählte Antwort auf Genesis 1,6. Der göttliche Befehl wird vollständig umgesetzt.
Die Formel וַיְהִי־כֵן bringt diese Übereinstimmung von göttlichem Willen und geschaffener Wirklichkeit prägnant zum Ausdruck.
Schöpfung bedeutet Ordnung
Der Vers zeigt besonders deutlich, dass Schöpfung im ersten Genesisbericht nicht ausschließlich Hervorbringung aus Nichtsein bedeutet. Gott richtet Bereiche ein und setzt Grenzen.
Die Welt wird zum Kosmos, indem sie geordnet wird.
Grenzen sind Voraussetzung von Leben
Die Trennung der Wasser schafft Raum. Dieser Raum wird in den folgenden Tagen zum Bereich von Gestirnen, Vögeln und schließlich zur Voraussetzung der bewohnbaren Erde.
Grenze ist damit nicht primär Einschränkung, sondern Lebensbedingung.
Gott steht über den kosmischen Bereichen
Obere Wasser, untere Wasser und Firmament sind allesamt Teile der geschaffenen Welt. Gott ist mit keinem dieser Bereiche identisch.
Der Vers bewahrt damit die grundlegende Unterscheidung von Schöpfer und Schöpfung.
Wasser besitzt keine autonome Macht
Die Wassermassen werden im Text nicht personifiziert und leisten keinen Widerstand. Ihre räumliche Ordnung folgt Gottes Handlung.
Damit unterscheidet sich die Darstellung von Kosmogonien, in denen Wasser als rivalisierende göttliche Macht erscheint.
Einheit und Differenz
Vor der Scheidung bildet das Wasser eine umfassende Größe; nach der Scheidung existieren zwei Wasserbereiche. Dennoch bleiben beide derselben Schöpfung zugehörig.
Der Text zeigt damit erneut, dass Einheit und Differenz keine Gegensätze sein müssen. Eine geordnete Einheit kann gerade durch Differenzierung entstehen.
Stabilität der Welt
Die traditionelle jüdische Auslegung von וַיְהִי־כֵן als Hinweis auf dauerhaftes Bestehen macht eine weitere theologische Dimension sichtbar: Die Welt ist nicht nur geschaffen, sondern in einer beständigen Ordnung erhalten.
Schöpfung und Erhaltung können dadurch eng miteinander verbunden werden.
Das fehlende „dass es gut war“
Genesis 1,7 enthält keine Formel כִּי־טוֹב, „dass es gut war“. Auch am Abschluss des zweiten Tages in Genesis 1,8 fehlt diese Bewertung.
Das ist innerhalb der ansonsten stark formelhaften Schöpfungserzählung auffällig.
Rabbinische Erklärung
Raschi und Bereschit Rabbah erklären das Fehlen damit, dass das Werk der Wasser noch nicht abgeschlossen ist. Zwar sind die oberen und unteren Wasser getrennt, doch die unteren Wasser bedecken weiterhin den unteren Weltbereich.
Erst am dritten Tag werden sie gesammelt und das trockene Land tritt hervor.
Darum erscheint „dass es gut war“ nach traditioneller Erklärung am dritten Tag zweimal: einmal für die nun vollendete Wasserordnung und einmal für das neue Werk des dritten Tages.
Literarische Bedeutung
Auch ohne diese traditionelle Erklärung zeigt die Textstruktur eine enge Verbindung von zweitem und drittem Tag. Der zweite Tag schafft vertikale Gliederung; der dritte vollendet die räumliche Ordnung der unteren Welt.
Die Tage sind daher nicht völlig isolierte Schöpfungsmodule, sondern Teile eines zusammenhängenden Ordnungsprozesses.
Grenzen der Aussage
Genesis 1,7 beschreibt keine moderne wissenschaftliche Schichtung von Atmosphäre, Troposphäre, Stratosphäre und Weltraum.
Der Raqia ist im Text der antike kosmische Trennbereich zwischen oberen und unteren Wassern. Eine unmittelbare Gleichsetzung mit der modernen Atmosphäre verfälscht diese historische Funktion.
Der Vers sagt auch nicht ausdrücklich, aus welchem Material die Feste besteht. Weder Metall noch Glas, Eis oder eine andere konkrete Substanz werden genannt.
Ebenso wenig lässt sich aus den „oberen Wassern“ eine moderne Theorie einer Wasserdampfhülle oder eines kosmischen Wasserreservoirs ableiten.
Die rabbinische Vorstellung, die oberen Wasser seien mit Abstand über dem Raqia durch Gottes Wort aufgehängt, gehört zur klassischen Rezeptionsgeschichte und sollte nicht mit einer naturwissenschaftlichen Aussage des hebräischen Verses verwechselt werden.
Auch die christlichen allegorischen Interpretationen der oberen Wasser als Engel oder geistliche Wirklichkeiten sind spätere theologische Auslegungen.
Schließlich beweist das Verb עשה nicht, dass der Raqia notwendig aus bereits vorhandener materieller Substanz „gebaut“ wurde. Ebenso wenig bedeutet ברא an anderen Stellen automatisch eine technisch-philosophische Schöpfung aus absolutem Nichts. Die Verben müssen in ihrem jeweiligen Kontext ausgelegt werden.
Gesamtinterpretation
Genesis 1,7 ist die ausdrückliche Ausführung des in Genesis 1,6 formulierten göttlichen Befehls. Gott וַיַּעַשׂ, „macht“, den רָקִיעַ und וַיַּבְדֵּל, „scheidet“, die Wassermassen voneinander.
Die räumliche Struktur wird nun ausdrücklich formuliert: Eine Wassermasse befindet sich מִתַּחַת לָרָקִיעַ, unterhalb der Feste, eine andere מֵעַל לָרָקִיעַ, oberhalb der Feste. Der Raqia fungiert damit als kosmischer Grenzbereich.
Grammatisch besteht die Aussage aus zwei fortschreitenden Handlungen – Machen und Scheiden – sowie der abschließenden Erfüllungsformel וַיְהִי־כֵן, „und es geschah so“. Gottes Wort aus Vers 6 und die Wirklichkeit von Vers 7 entsprechen einander.
Das Verb עשה bezeichnet hier nicht notwendig eine philosophisch vom Verb ברא streng getrennte Art des Schaffens. Raschi und Ramban verstehen das „Machen“ insbesondere als Einrichten beziehungsweise Zurichten des Raqia auf seinen vorgesehenen Zustand und seine Funktion.
Historisch gehört der Vers zu einer antiken Kosmologie, in der Wasser oberhalb und unterhalb des Himmels gedacht werden. Dieses Weltmodell sollte als solches ernst genommen und weder mit moderner Atmosphärenphysik harmonisiert noch als naturwissenschaftliche Beschreibung gelesen werden.
Im altorientalischen Vergleich teilt Genesis die Vorstellung, dass kosmische Ordnung mit der Begrenzung beziehungsweise Trennung ursprünglicher Wasser verbunden ist. Der entscheidende Unterschied der Erzählung liegt darin, dass die Wasser nicht als rivalisierende Gottheit auftreten. Elohim muss sie nicht besiegen; er ordnet sie souverän.
Die jüdische Rezeption vertieft besonders die räumlichen Formulierungen. Raschi und Bereschit Rabbah beachten, dass die oberen Wasser „oberhalb“ und nicht unmittelbar „auf“ der Feste liegen, und entwickeln daraus das Bild von Wassern, die durch Gottes Wort gehalten werden. Ramban deutet וַיְהִי־כֵן als Hinweis auf den dauerhaften Bestand dieser Ordnung.
Die christliche Tradition wurde durch die Übersetzungen στερέωμα und firmamentum geprägt. Basilius behandelt das Firmament als eigenständigen geschaffenen Bereich und betont sowohl den göttlichen Befehl als auch dessen aktive Ausführung; Augustinus diskutiert neben kosmologischen auch allegorische Interpretationen der oberen und unteren Wasser.
Der theologische Kern des Verses liegt schließlich in der schöpferischen Kraft der Grenze: Gott macht die Welt bewohnbar, indem er Bereiche voneinander unterscheidet. Die Wasser verschwinden nicht; sie erhalten ihren Platz. Der Raqia schafft zwischen ihnen geordneten Raum. Aus einer noch von Wasser dominierten Anfangswelt entsteht Schritt für Schritt ein gegliederter Kosmos.
Externe Quellen und weiterführende Literatur
Sefaria – Genesis 1,7 – hebräischer Bibeltext und jüdische Kommentierungstraditionen.
Sefaria – Raschi zu Genesis 1,7 – Auslegung von „Gott machte die Feste“ als Einrichten beziehungsweise Stabilisieren.
Sefaria – Raschi zu „oberhalb der Feste“ – rabbinische Deutung der oberen Wasser sowie Erklärung des fehlenden „dass es gut war“ am zweiten Tag.
Sefaria – Ramban/Nachmanides zu Genesis 1,7 – Deutung von עשה und וַיְהִי־כֵן sowie Auseinandersetzung mit Ibn Esra und Bereschit Rabbah.
Sefaria – Bereschit Rabbah 4,6 – rabbinische Diskussion des Abstandes zwischen Firmament und oberen Wassern und ihrer Erhaltung durch Gottes Wort.
Septuaginta – Genesis 1 – griechische Fassung mit στερέωμα und διεχώρισεν.
Nova Vulgata – Genesis – lateinische Tradition mit firmamentum.
Yale Bible Study – Creation – wissenschaftliche Einführung zur priesterlichen Schöpfungserzählung, zur Scheidung der oberen und unteren Wasser und zur literarischen Struktur von Genesis 1.
Yale Bible Study – Genesis Introduction – historisch-kritische Einordnung von Genesis 1,1–2,4a als priesterlich geprägte Komposition.
Yale Bible Study – The Flood – Analyse der Flut als Aufhebung der zuvor geschaffenen Ordnung der oberen und unteren Wasser.
Basilius von Caesarea – Hexaemeron, Homilie III – frühchristliche Auslegung des Firmaments, seiner Herstellung und der Scheidung der Wasser.
Augustinus – De civitate Dei XI – Diskussion der Wasser über dem Firmament und verschiedener allegorischer Auslegungen.
Thomas von Aquin – Summa theologiae I, q. 68 – mittelalterliche Diskussion des Firmaments und der Wasser oberhalb des Firmaments.