Christiana Mariana von Ziegler – Kupferstich (18. Jahrhundert)
Christiana Mariana von Ziegler: Leipziger Autorin der Frühaufklärung, deren Texte Johann Sebastian Bach 1725 in neun Kantaten vertonte.

Christiana Mariana von Ziegler (1695–1760) gehört zu den prägenden Autorinnen der deutschen Frühaufklärung, weil sich an ihr Literatur als öffentliche Praxis besonders deutlich zeigt. Sie schreibt nicht nur Gedichte und moralische Prosatexte, sondern etabliert im Leipziger Romanushaus einen literarisch-musikalischen Salon, der als Begegnungsraum von Gelehrsamkeit, Kunst und städtischer Repräsentation wirkt. Zugleich ist sie eine zentrale Figur der Musik- und Textgeschichte: Johann Sebastian Bach vertont 1725 neun ihrer geistlichen Kantatentexte und führt sie in Leipzig auf.

Ihr Profil verbindet damit drei Ebenen: erstens die Autorin, die in gebundener und ungebundener Rede publiziert; zweitens die Akteurin einer entstehenden literarischen Öffentlichkeit (Zeitschrift, Salon, Gesellschaft); drittens die kulturhistorisch hochsignifikante Ausnahmefigur weiblicher Anerkennung, denn 1733 erhält sie von der Universität Wittenberg die Dichterkrone als Poeta laureata. Gerade diese Konstellation macht Ziegler für den Lyrik Atlas besonders ergiebig: Man kann an ihr zugleich Textverfahren, Institutionengeschichte und Geschlechterordnung der Aufklärung präzise sichtbar machen.

  1. 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
  2. 2. Literarisch-historische Einordnung
  3. 3. Werkprofil (Auswahl) und Schlüsselpublikationen
  4. 4. Themen und Motive
  5. 5. Sprachliche und formale Eigenart
  6. 6. Bedeutung und Nachwirkung
  7. 7. Christiana Mariana von Ziegler im Lyrik Atlas

1. Biographische und kulturelle Ausgangslage

Ziegler wird am 28. Juni 1695 in Leipzig als Christiana Mariana Romanus geboren und stirbt am 1. Mai 1760 in Frankfurt (Oder). Sie entstammt einer Leipziger Juristen- und Bürgermeisterfamilie; ihr Vater Franz Conrad Romanus ist zeitweise Bürgermeister der Stadt. Ihre frühen Lebensjahre sind durch familiäre Krisen geprägt, insbesondere durch die Inhaftierung des Vaters, die in der Zeitgenossenschaft als Skandal wahrgenommen wird. Biographisch bedeutsam sind zudem ihre frühen Ehen und Verluste: Nach dem Tod ihres zweiten Mannes (1722) sowie dem Verlust der Kinder beginnt ihre intensive literarische Produktivität, die eng mit dem Rückzug ins Leipziger Romanushaus und der dortigen Salonbildung verbunden ist.

Im Romanushaus entsteht ab 1723 ein literarisch-musikalischer Salon, der Ziegler zur Knotenfigur eines städtischen Intellektuellenmilieus macht. Zu den prominenten Bezugspunkten zählen Johann Sebastian Bach und Johann Christoph Gottsched. Ziegler publiziert unter Pseudonymen in Gottscheds moralischer Wochenschrift Die vernünftigen Tadlerinnen und wird 1730 als erstes und einziges weibliches Mitglied in die Leipziger Deutsche Gesellschaft aufgenommen. Am 17. Oktober 1733 erhält sie von der Universität Wittenberg die kaiserlich privilegierte Dichterkrone als Poeta laureata. 1741 heiratet sie Wolf Balthasar Adolph von Steinwehr und zieht nach Frankfurt (Oder); danach tritt sie literarisch vor allem noch mit Übersetzungen hervor.

2. Literarisch-historische Einordnung

Literaturgeschichtlich gehört Ziegler zur deutschen Frühaufklärung und ist zugleich eine Grenzfigur zwischen Gelegenheitsdichtung, moralischer Prosa und musikalischer Textkultur. Sie steht in einem Umfeld, in dem sich literarische Normen, Sprach- und Stilfragen sowie gesellschaftliche Rollenerwartungen institutionell organisieren (Gesellschaften, Wochenschriften, Preisaufgaben). Die Besonderheit liegt darin, dass Ziegler diese Strukturen nicht nur nutzt, sondern in ihnen sichtbar wird: Als Frau in einer männlich dominierten Gelehrtenöffentlichkeit ist ihre Anerkennung stets prekär, und gerade deshalb sind Krönung, Preisvergaben und Mitgliedschaft historisch so aufschlussreich.

Hinzu kommt die Musikdimension: Ihre Kantatentexte für Bach zeigen, wie sehr frühaufklärerische Frömmigkeit, poetische Rhetorik und liturgische Praxis ineinandergreifen. Ziegler wird damit zu einer Autorin, an der Literatur nicht als isolierter Text, sondern als Aufführungs- und Kommunikationsform greifbar wird.

3. Werkprofil (Auswahl) und Schlüsselpublikationen

  • Versuch in gebundener Schreib-Art (1728): Sammlung, die u. a. die Kantatentexte und weitere Dichtungen bündelt.
  • In gebundener Schreib-Art: Anderer und letzter Theil (1729): Fortsetzung/zweiter Teil, der die Publikationslinie stabilisiert.
  • Moralische und vermischte Sendschreiben (1731): Prosatexte, die moralische Reflexion und gesellschaftliche Beobachtung verbinden.
  • Vermischete Schriften in gebundener und ungebundener Rede (1739): späte Sammlung, die die Spannweite von Lyrik und Prosa sichtbar macht.
  • Neun Kantatentexte für Johann Sebastian Bach (1725): Texte, die Bach nach Ostern 1725 vertont und in Leipzig aufführt.

4. Themen und Motive

  • Frömmigkeit und Affektlenkung: religiöse Redeformen, die Trost, Prüfung und Hoffnung in poetischer Rhetorik organisieren.
  • Moralische Urteilskraft: Sendbrief- und Wochenschrift-Nähe; Kritik sozialer Unvernunft, Eitelkeit und Rollenspiel.
  • Öffentlichkeit und Anerkennung: Literatur als soziale Praxis (Salon, Gesellschaft, Preis, Krönung) und als Aushandlung von Autorität.
  • Geschlechterordnung: Texte, die weibliche Kompetenz behaupten, und Konstellationen, in denen Anerkennung zugleich Konflikt erzeugt.
  • Städtische Kultur Leipzigs: bürgerliche Repräsentation, Musikleben, Buch- und Zeitschriftenöffentlichkeit als Resonanzraum.

5. Sprachliche und formale Eigenart

Ziegler arbeitet mit einem Formenspektrum, das für die Frühaufklärung typisch und zugleich bei ihr besonders deutlich kommunikativ ausgerichtet ist. In der gebundenen Rede nutzt sie rhetorische Steigerung, Antithese und theologisch grundierte Bildfelder, um Affekte zu führen und liturgische Situationen sprachlich zu tragen. In der ungebundenen Rede der Sendschreiben tritt ein stärker argumentierender Ton hervor: Beobachtung, Pointe und moralische Einordnung greifen ineinander, ohne die Adressatenbindung (das Schreiben „an“ jemanden) aufzugeben.

Gerade in den Kantatentexten zeigt sich die spezifische Kunst dieser Autorin: Der Text muss zugleich dicht genug sein, um theologisch zu markieren, und offen genug, um musikalische Ausdeutung zu ermöglichen. Ziegler liefert dafür eine Sprache, die zwischen biblischer Anspielung, innerer Bewegung und klarer Aussage oszilliert.

6. Bedeutung und Nachwirkung

Ziegler wirkt auf mehreren Ebenen nach. In der Musikgeschichte bleibt sie als wichtigste Textlieferantin Bachs im Frühjahr 1725 präsent; ihre Kantatentexte sind Teil des Bach-Kanons und damit dauerhaft rezipiert. In der Literaturgeschichte gewinnt sie zunehmend Profil als Autorin einer bürgerlichen Frühaufklärung, die Öffentlichkeit nicht nur beschreibt, sondern herstellt. Besonders beachtet wird heute ihr Leipziger Salon als frühe Plattform einer literarisch-musikalischen Stadtkultur sowie die kulturpolitische Bedeutung der Dichterkrönung, die Anerkennung und Abwehrreaktionen zugleich provoziert.

7. Christiana Mariana von Ziegler im Lyrik Atlas

Im Lyrik Atlas ist Ziegler ein idealer Fall, um Textanalyse mit Medien- und Institutionsgeschichte zu verbinden. Erstens lassen sich die Kantatentexte als Gebrauchslyrik im hohen Sinn lesen: Wie werden liturgische Situationen sprachlich strukturiert, welche Bildfelder sind musikfähig, und wie wird Affekt in Argument übersetzt? Zweitens bietet die Salon- und Gesellschaftskonstellation einen Zugang zur Öffentlichkeitslogik der Frühaufklärung: Widmung, Preis, Pseudonym und Publikationsrahmen sind nicht Beiwerk, sondern Bestandteil der Textfunktion. Drittens erlaubt Ziegler eine präzise Rollen- und Anerkennungsanalyse, weil an ihrer Person sichtbar wird, wie weibliche Autorschaft im 18. Jahrhundert zugleich ermöglicht, markiert und angefochten wird.