Philipp von Zesen
Barockdichter, Romanautor und Sprachreformer (1619–1689)
Philipp von Zesen (1619–1689) ist eine Schlüsselgestalt der deutschen Barockliteratur, weil sich an seinem Werk die Verbindung von Literaturproduktion und Sprachpolitik exemplarisch beobachten lässt. Er gilt als einer der ersten deutschen Berufsschriftsteller: Zesen versucht, durch Schreiben, Übersetzen und verlegernahe Arbeit dauerhaft zu leben, und gerät damit in die typischen Abhängigkeiten der frühneuzeitlichen Literaturöffentlichkeit. Zugleich tritt er als programmatischer Sprachpurist und Orthographiereformer hervor, der die deutsche Literatursprache durch Neologismen, Verdeutschungen und ein eigenwilliges Schreibsystem zu erneuern sucht.
Literarisch ist Zesen nicht auf eine Gattung festzulegen. Er schreibt Lyrik und geistliche Dichtung, arbeitet als Übersetzer und Korrektor (insbesondere im niederländischen Buchmarkt) und veröffentlicht Prosatexte, die frühneuzeitliche Selbstdeutung, Erbauung und Weltkenntnis verbinden. Sein autobiographisch grundierter Roman Adriatische Rosemund (1645) wird häufig als ein früher „großer“ deutscher Barockroman hervorgehoben. Parallel dazu prägt Zesen die Sprachgeschichte: Zu seinen bekanntesten Wortschöpfungen zählen Eindeutschungen wie Leidenschaft (für „Passion“) oder Anschrift (für „Adresse“) – Beispiele, die bis heute als Chiffre seines Sprachprogramms zirkulieren.
- 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
- 2. Literarisch-historische Einordnung
- 3. Themen und Motive
- 4. Sprachliche und formale Eigenart
- 5. Bedeutung und Nachwirkung
- 6. Philipp von Zesen im Lyrik Atlas
1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
Zesen wird am 8. Oktober 1619 in Priorau bei Dessau geboren und stirbt am 13. November 1689 in Hamburg. Er ist Sohn eines lutherischen Pastors und erhält eine ausgeprägte humanistische Schulbildung; später studiert er Rhetorik und Poetik in Wittenberg. Seit den 1640er Jahren bewegt er sich zwischen Hamburg und den Niederlanden, arbeitet für Verleger (u. a. als Übersetzer und Korrektor) und reist in verschiedene europäische Länder. Diese transnationale Praxis ist für sein Profil entscheidend: Zesen steht in einem Sprach- und Buchverkehr, der das Deutsche mit dem Niederländischen, Lateinischen und Französischen vergleicht und Reformprojekte befeuert.
Kulturhistorisch besonders wichtig ist Zesens Einbindung in literarische Gesellschaften. Er wird 1649 in die Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen und führt dort den Gesellschaftsnamen Der Wohlsetzende; 1653 wird er vom Kaiser geadelt. Darüber hinaus wird er als Gründer bzw. Organisator einer eigenen Sprachgesellschaft, der Deutschgesinnten Genossenschaft, genannt (Gesellschaftsname: Der Färtige). In diesen Rollen verbindet sich Autorschaft mit Institutionen kultureller Normbildung.
2. Literarisch-historische Einordnung
Literaturgeschichtlich gehört Zesen zum deutschen Barock, doch seine Bedeutung reicht über die barocke Stilkultur hinaus. Während ein Teil der Barockpoetik auf Glanz, Emblem und rhetorische Überfülle setzt, verschiebt Zesen den Akzent auf Sprachformung und Sprachnorm: Er will das Deutsche als vollwertige Literatursprache stärken, fremdsprachliche Übernahmen begrenzen und begriffsbildende Kraft aus dem Inneren des Deutschen heraus entfalten. Damit steht er an einer Schnittstelle von Dichtung, Philologie, Orthographiereform und frühneuzeitlicher Sprachpolitik.
Zugleich ist Zesen für die Geschichte der Prosa wichtig, weil er Roman- und Erzählformen mit Selbstdeutung, Weltbeschreibung und erbaulichen Elementen verbindet. Die Barockprosa erscheint bei ihm weniger als „reine Fiktion“ denn als Mischform aus Lebenswissen, moralischer Orientierung und ästhetischer Gestaltung.
3. Themen und Motive
- Sprachreinheit und Sprachbildung: Verdeutschung, Neologismus, Orthographiereform, Normierungsanspruch.
- Frömmigkeit und Erbauung: biblische Stoffe, geistliche Semantik und kirchenliednahe Verfahren.
- Welt- und Reiseerfahrung: transnationale Horizonte (Hamburg, Niederlande, europäische Reisen) als Erfahrungsraum.
- Autorschaft und Öffentlichkeit: Schreiben als Beruf, Abhängigkeit vom Markt, vom Mäzenatentum und von Druckzusammenhängen.
- Roman als Lebens- und Weltwissen: Erzählprosa als Medium von Orientierung, Selbstprüfung und sozialer Beobachtung.
4. Sprachliche und formale Eigenart
Zesens Stil ist doppelt kodiert. Einerseits steht er in barocker Rhetoriktradition, arbeitet mit emblematischer Bildlichkeit, mit formbewusster Verskunst und mit einer Affinität zur kunstvollen Periodik. Andererseits ist er als Sprachreformer gerade dort markant, wo er bestehende Wörter vermeidet, neue Bildungen vorschlägt oder Schreibweisen systematisch verändert. Diese Eingriffe sind nicht nur kurioses Beiwerk, sondern Teil einer Poetik, die Literatur als Sprachlabor begreift: Dichtung soll nicht nur „schön sprechen“, sondern das Sprechen selbst erneuern.
Die Wirkung solcher Verfahren ist ambivalent. Manche Wortschöpfungen setzen sich dauerhaft durch, andere bleiben als historische Kuriosität lesbar. Gerade diese Ambivalenz macht Zesen interessant, weil sie die Frage nach Akzeptanz, Publikum und Sprachautorität früh sichtbar werden lässt: Sprachreform ist stets auch eine Auseinandersetzung um kulturelle Macht.
5. Bedeutung und Nachwirkung
Zesen wirkt in drei Richtungen. Erstens literaturgeschichtlich als produktiver Barockautor, der Roman, Lyrik und geistliche Formen bespielt. Zweitens sprachgeschichtlich als prominenter Vertreter des frühneuzeitlichen Sprachpurismus, dessen Vorschläge bis heute im kulturellen Gedächtnis präsent sind. Drittens institutionsgeschichtlich über die Sprachgesellschaften, in denen Normen des „guten“ Deutschen ausgehandelt werden. In der späteren Rezeption wird Zesen häufig auf die Rolle des Worterfinders reduziert; für eine angemessene Würdigung ist jedoch entscheidend, dass diese Sprachpolitik in ein breites literarisches Werk eingelassen ist.
6. Philipp von Zesen im Lyrik Atlas
Im Lyrik Atlas ist Zesen besonders dort ergiebig, wo sich Textanalyse mit Sprachgeschichte verbindet. Zwei Perspektiven sind leitend: erstens die Mikroanalyse der Wortbildung (Verdeutschung, Neologismus, metaphorische Konstruktion) und zweitens die Poetik der Norm (wie Gesellschaften, Vorreden, Orthographiekonzepte und Publikationspraxis literarische Autorität herstellen). Wer Zesen liest, kann präzise zeigen, wie frühneuzeitliche Literatur zugleich ästhetische Form und kulturpolitisches Handeln ist.