Friedrich Christoph Weisser – Porträt (Titelbild einer Ausgabe von 1822)
Friedrich Christoph Weisser in einem zeitgenössischen Porträt (gemeinfrei; bitte lokal auf wilgoe.de spiegeln).

Friedrich Christoph Weisser (1761–1836) gehört zu jenen Autorinnen und Autoren, die die literarische Öffentlichkeit des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts nicht durch ein einzelnes „Hauptwerk“, sondern durch eine breite, bewegliche Produktionsweise prägen: Satire, Epigramm, Novellistik, Anekdote und Märchenbearbeitung stehen bei ihm nebeneinander. Seine Texte verbinden unterhaltende Formen mit sozialer Beobachtung, moralischer Pointe und einem ausgeprägten Sinn für literarische Rollenprosa.

Weisser ist zudem als Herausgeber epigrammatischer Sammlungen und als Bearbeiter älterer Stoffe präsent: Besonders bekannt wurde seine Übertragung bzw. Neufassung von Grimmelshausens Simplicissimus „im Gewande des neunzehnten Jahrhunderts“. Damit steht er exemplarisch für eine Literaturpraxis, die Tradition als Material versteht und zugleich die Bedingungen moderner Autorschaft reflektiert.

  1. 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
  2. 2. Literarisch-historische Einordnung
  3. 3. Themen und Motive
  4. 4. Sprachliche und formale Eigenart
  5. 5. Bedeutung und Nachwirkung
  6. 6. Friedrich Christoph Weisser im Lyrik Atlas

1. Biographische und kulturelle Ausgangslage

Weisser wird am 7. März 1761 in Stuttgart geboren und stirbt dort am 9. Januar 1836. Er entstammt einem bürgerlichen Milieu (Sohn eines Buchbindermeisters) und ist zugleich in die Bildungs- und Verwaltungskultur Württembergs eingebunden. Neben der literarischen Arbeit führt er eine Laufbahn im Staatsdienst; in den Normdaten erscheint er auch als Oberfinanzrat. Früh publiziert er Prosatexte in Periodika; später folgen Buchausgaben sowie mehrbändige Sammel- und Werkausgaben.

2. Literarisch-historische Einordnung

Literaturgeschichtlich bewegt sich Weisser im Übergangsfeld zwischen Spätaufklärung, Empfindsamkeit, frühen romantischen Nachwirkungen und der sich formierenden Biedermeier-Öffentlichkeit. Charakteristisch ist weniger eine programmatische Poetik als eine praxisnahe, marktorientierte und zugleich gelehrte Schreibweise: Weisser nutzt etablierte Gattungen (Romanze, Novelle, Anekdote, Satire) und kombiniert sie mit editorischen und kompilatorischen Verfahren. Seine Arbeit an Stofftraditionen – von orientalischen Märchen bis zur Barockprosa – zeigt eine Form kultureller „Übersetzung“, die Aktualisierung, Vereinfachung und zeitgenössische Pointierung einschließt.

3. Themen und Motive

  • Satire und Gesellschaftsblick: Alltagsmoral, Moden, Eitelkeiten, Rollenverhalten, Sprach- und Stilmasken.
  • Epigrammatische Pointierung: Kürze, Pointe, moralischer oder sozialer „Stich“; Nähe zu Anthologie- und Sammelkultur.
  • Erzählte Kleinformen: Novellen, Anekdoten, „Scherz und Ernst“ als Grundbewegung der Darstellung.
  • Stoff- und Traditionsarbeit: Nacherzählungen (u. a. Tausendundeiner Nacht) und Bearbeitungen (u. a. Grimmelshausen).
  • Autorschaft und Buchmarkt: Reflexionen über Druck, Nachdruck und literarische Öffentlichkeit.

Werke (Auswahl): Acht Romanzen (1804), Kleine Satyren und Tändeleyen (1805), Tausendundeiner Nacht, Mährchen der Scheherezade (1809–1812), Über den Büchernachdruck (1820), Schalkheit und Einfalt … (1822).

4. Sprachliche und formale Eigenart

Weissers Stärke liegt in der beweglichen Form: Er arbeitet mit Pointen, Kontrasten und einem schnellen Wechsel zwischen ironischer Distanz und erzählerischer Anschaulichkeit. In satirischen und epigrammatischen Partien dominiert die Zuspitzung; in den Erzähltexten das Verfahren der kleinen Szene, die eine soziale oder moralische Diagnose im Miniaturformat liefert. Die Bearbeitungen älterer Texte zielen weniger auf philologische Treue als auf Lesbarkeit, Tempo und zeitgenössische Anschlussfähigkeit.

5. Bedeutung und Nachwirkung

Weisser ist heute vor allem als Vertreter einer breiten, populären und zugleich literarisch versierten Schreibkultur sichtbar. Seine editorischen Unternehmungen und seine Mitwirkung an epigrammatischen Sammlungen dokumentieren die Bedeutung von Anthologien für Kanonbildung und literarischen Geschmack. Seine Simplicissimus-Bearbeitung steht exemplarisch für die fortlaufende Aneignung der Barockliteratur im 19. Jahrhundert. Im regionalen Horizont Württembergs gehört er zur literarischen Topographie Stuttgarts, die Verwaltung, Bildung und Schriftkultur eng miteinander verschränkt.

6. Friedrich Christoph Weisser im Lyrik Atlas

Im Lyrik Atlas ist Weisser besonders dort interessant, wo sich die poetische Kleinform als Diagnoseinstrument einer Zeit zeigt: Satire, Epigramm und Anekdote modellieren gesellschaftliche Normen, Sprachhaltungen und Rollenbilder mit kompakter Schärfe. Ebenso aufschlussreich ist sein Umgang mit Tradition als Material – die Modernisierung älterer Stoffe macht sichtbar, wie literarische Überlieferung im langen 19. Jahrhundert durch Auswahl, Kürzung, Umformung und Neukontextualisierung fortgeschrieben wird.