Christian Graf zu Stolberg – Porträt (Kupferstich, 18. Jahrhundert)
Christian zu Stolberg-Stolberg: Lyriker des Hainbundes und Übersetzer aus dem Altgriechischen.

Christian Graf zu Stolberg (1748–1821), genauer Christian zu Stolberg-Stolberg, gehört in den engeren Kreis jener Autoren, bei denen sich die Literatur der 1770er Jahre als Verbindung von poetischer Erregung, Freundschaftsbünden, antiker Bildung und politisch-moralischer Selbstbehauptung zeigt. Als Mitglied des Göttinger Hainbundes steht er im Resonanzraum von Sturm und Drang und Klopstock-Verehrung; als Übersetzer aus dem Altgriechischen vertritt er zugleich eine klassizistisch gebändigte, philologisch orientierte Seite der Epoche.

Charakteristisch ist dabei die Doppelrolle des Autors: Stolberg ist nicht nur Lyriker, sondern auch Verwaltungsbeamter im dänischen Dienst. Diese Verschränkung von Amts- und Literaturlaufbahn macht ihn kulturhistorisch besonders lesbar, weil sie zeigt, wie Dichtung, Bildung und staatliche Funktion in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts häufig nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Formen bürgerlich-adliger Selbstbeschreibung auftreten.

  1. 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
  2. 2. Literarisch-historische Einordnung
  3. 3. Werkprofil (Auswahl)
  4. 4. Themen und Motive
  5. 5. Sprachliche und formale Eigenart
  6. 6. Bedeutung und Nachwirkung
  7. 7. Christian Graf zu Stolberg im Lyrik Atlas

1. Biographische und kulturelle Ausgangslage

Stolberg wird 1748 in Hamburg geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters übernimmt Friedrich Gottlieb Klopstock eine prägende, auch biographisch wirksame Mentorrolle für die Geschwister. Christian studiert ab 1770 zusammen mit seinem Bruder Friedrich Leopold in Halle Jura und Literatur und wechselt 1772 nach Göttingen; dort wird er 1772 Mitglied des Göttinger Hainbundes und beteiligt sich am Göttinger Musenalmanach.

1774 wird Stolberg als Kammerherr an den Hof nach Kopenhagen berufen, gibt die Stellung jedoch bald wieder auf und unternimmt 1775 eine längere Schweizreise, u. a. zusammen mit seinem Bruder und Goethe. Ab 1777 wirkt er als Amtmann in Tremsbüttel, wo er ein neues Schloss errichten und einen Landschaftsgarten anlegen lässt. Später lebt er auf Schloss Windeby; seit 1806 ist er Gerichtsrat am Schleswigschen Landgericht. Er stirbt 1821 auf Schloss Windeby bei Eckernförde.

2. Literarisch-historische Einordnung

Literaturgeschichtlich ist Stolberg im Umfeld von Sturm und Drang und Hainbund zu verorten: Der Hainbund verbindet Freundschafts- und Bundesrhetorik mit Naturkult, Freiheitssemantik und Klopstock-orientierter Hymnik. Bei Stolberg tritt dazu ein ausgeprägter Übersetzungs- und Antikenbezug, der den „Aufbruch“ der Zeit zugleich in philologischer und metrischer Disziplin bindet.

Damit wird Stolberg zu einer Scharnierfigur zwischen bündischer Erregungslyrik und klassizistischer Bildungsarbeit: Die spontane, gemeinschafts- und affektbezogene Poetik des Hainbundes steht neben einem Projekt der Aneignung griechischer Dichtung, das weniger auf Originalität als auf Übertragung, Formtreue und kulturelle Vermittlung zielt.

3. Werkprofil (Auswahl)

  • Gedichte der Brüder Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg (1779, mit Friedrich Leopold): frühe Bündelung der Hainbund-Nähe und des gemeinschaftlichen Auftretens.
  • Otanes (Drama, 1786): ein politisch akzentuiertes Bühnenstück, das republikanische/monarchische Fragen im historischen Stoff verhandelt.
  • Sophokles (Übersetzungen, 1787): zentraler Baustein seines Übersetzerprofils (Altgriechisch ins Deutsche).
  • Belsazar (Drama, 1788): biblisches Trauerspiel im Horizont zeitgenössischer Chor- und Erhabenheitsästhetik.
  • Die Weiße Frau (1814): späterer Balladenzyklus, der genealogische und sagenhafte Stoffe in einen Familien- und Erinnerungshorizont rückt.

4. Themen und Motive

  • Bund, Freundschaft, Geselligkeit: Literatur als gemeinschaftsstiftende Praxis (Hainbund, Almanachkultur).
  • Freiheit und politische Symbolik: republikanische Motive, Tell- und Freiheitsmythen, moralische Urteilshaltungen.
  • Antike und Übersetzung: Aneignung griechischer Dichtung als Bildungs- und Formprojekt.
  • Natur und Empfindung: Landschaft nicht als Kulisse, sondern als Resonanzraum der Selbstdeutung.
  • Religiöse und biblische Stoffe: Erhabenheits- und Chorformen, die „große“ Geschichte in pathetische Rede überführen.
  • Adel und Amt: Selbstbeschreibung zwischen Standesethos, Verwaltungsfunktion und literarischem Prestige.

5. Sprachliche und formale Eigenart

Stolbergs Lyrik bewegt sich häufig im Feld einer klopstocknahen Tonlage: pathetische Anrufung, hymnische Steigerung und ein Gestus der moralischen Selbstverpflichtung prägen die Sprechhaltung. Zugleich zeigt sich eine starke Formorientierung, die nicht zuletzt aus dem Übersetzerprofil resultiert: Vers, Metrum und rhetorische Ordnung sind nicht bloße Mittel, sondern Ausweis von Bildung und kultureller Legitimation.

In den Übersetzungen tritt die Spannung zwischen Treue und poetischer Eigenständigkeit hervor. Stolberg zielt weniger auf freie Nachdichtung als auf eine Übertragung, die die Autorität des antiken Textes sichtbar hält. Dadurch entsteht ein Stil, der bisweilen bewusst „streng“ wirkt, aber gerade in dieser Strenge eine kulturgeschichtliche Aussage hat: Übersetzen ist hier ein Bildungsakt und eine Form von Traditionspolitik.

6. Bedeutung und Nachwirkung

Stolbergs Nachwirkung liegt vor allem in drei Bereichen. Erstens ist er als Hainbund-Autor Teil einer Konstellation, die für die literarische Selbstorganisierung der 1770er Jahre zentral ist. Zweitens liefert er mit seinen Sophokles-Übertragungen ein markantes Beispiel für die altphilologische Übersetzungsarbeit der Zeit und damit für die klassische Grundierung der deutschen Literaturkultur. Drittens ist seine Biographie (Kopenhagen, Tremsbüttel, Windeby) ein gutes Dokument dafür, wie literarische Produktion im 18. Jahrhundert häufig in Amts- und Standesformen eingebettet bleibt.

Die spätere Kanonbildung stellt zumeist den Bruder Friedrich Leopold stärker heraus; gerade deshalb lohnt die genaue Lektüre von Christian Stolberg als „zweite Stimme“ einer berühmten Doppelkonstellation. Sie macht Unterschiede in Temperament, Übersetzungsinteresse und literarischer Rollenwahl präzise sichtbar.

7. Christian Graf zu Stolberg im Lyrik Atlas

Im Lyrik Atlas ist Stolberg besonders dort produktiv, wo Literatur als Netzwerk und als kulturelle Praxis untersucht wird: Hainbund, Almanachöffentlichkeit, Mentorfiguren (Klopstock) und Reiseerfahrung bilden ein dichtes Feld literarischer Sozialformen. Hinzu kommt das Übersetzerprofil, an dem sich zeigen lässt, wie stark sich die Poetik um 1780 aus dem Spannungsverhältnis von Erregungsästhetik (Sturm und Drang) und klassischer Formbindung (Antike, Metrik, Philologie) speist.