Kaspar Stieler
Barockdichter, Dramatiker und Lexikograf (1632–1707)
Kaspar Stieler (1632–1707), seit 1705 geadelt als Kaspar von Stieler, ist eine typische und zugleich besonders aufschlussreiche Figur der gelehrten Barockkultur: Er schreibt Lyrik, Dramen und Festspieltexte, arbeitet in der höfischen Verwaltung als Sekretär, und er tritt als Sprachdenker und Lexikograf hervor. Gerade diese Mehrfachrolle macht ihn für den Lyrik Atlas interessant, weil sie zeigt, wie eng im 17. Jahrhundert Dichtung, Rhetorik, Amtspraxis und Sprachpflege ineinandergreifen.
Seine wichtigste Nachwirkung verdankt Stieler dem monumentalen Wörterbuch Der teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder Teutscher Sprachschatz (1691), das als Großunternehmen der deutschen Lexikographie gilt und zugleich ein Dokument barocker Sprachideologie ist: Wortschatz soll nicht nur gesammelt, sondern normiert, „gereinigt“ und in seinen Bildungsmöglichkeiten systematisch erschlossen werden.
- 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
- 2. Literarisch-historische Einordnung
- 3. Werkprofil (Auswahl) und Arbeitsfelder
- 4. Themen und Motive
- 5. Sprachliche und formale Eigenart
- 6. Bedeutung und Nachwirkung
- 7. Kaspar Stieler im Lyrik Atlas
1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
Stieler wird in Erfurt geboren und bleibt der Stadt auch als Sterbeort verbunden. Seine Ausbildung ist auffällig breit: Er studiert zunächst Medizin, erweitert dies jedoch um juristische, theologische und rhetorische Interessen. Früh sammelt er Erfahrungen, die für sein späteres Profil entscheidend werden: Tätigkeit als Hauslehrer, Reisen, militärische Teilnahme an zeitgenössischen Konflikten und schließlich die Arbeit als Sekretär an mitteldeutschen Fürstenhöfen. Ab 1689 zieht er sich aus dem Sekretariatsdienst zurück, lebt wieder in Erfurt als Privatgelehrter und wird 1705 in den erblichen Adelsstand erhoben.
Für die kulturelle Einordnung zentral ist seine Aufnahme in die Fruchtbringende Gesellschaft (1668), eine der wichtigsten Sprach- und Gelehrtengesellschaften des 17. Jahrhunderts. Stielers Gesellschaftsname „der Spate“ (mit Motto und Emblem) markiert ihn als Akteur einer Sprachpolitik, die das Deutsche als Kultursprache ausbauen und standardisieren will.
2. Literarisch-historische Einordnung
Literaturgeschichtlich steht Stieler im deutschen Barock, jedoch nicht als „reiner“ Lyriker, sondern als Autor einer Gelehrten- und Funktionsliteratur, die poetische und praktische Register kombiniert. Sein Werk ist von barocker Rhetorik- und Affektkultur geprägt, zugleich aber von einem normierenden Sprachinteresse, das die langfristige Entwicklung zur deutschen Standardsprache begleitet. In Stielers Schreiben erscheint Sprache als ein gestaltbares, regelbares und produktives System: Dichtung liefert Beispiele und Klang, Lexikographie und Sprachlehre liefern Ordnung und Zugriff.
Damit ist Stieler eine Scharnierfigur zwischen Poetologie und Sprachwissenschaft avant la lettre. Seine Texte zeigen, dass „Literatur“ im 17. Jahrhundert häufig als Teil einer umfassenden Kulturtechnik verstanden wird: Schreiben ist Repräsentation (Hof), Kommunikation (Sekretariat), Überlieferung (Festspiel), Belehrung (Gebrauchsschrift) und ästhetische Form (Lyrik) zugleich.
3. Werkprofil (Auswahl) und Arbeitsfelder
- Lyrik: Die Geharnschte Venus (1660) als frühes Profil im Feld barocker Lied- und Liebeslyrik, teils in kriegsnaher Rahmung.
- Fest- und Bühnentexte: Rudolstädter Festspiele (1665–1667) sowie weitere dramatische Arbeiten im Umfeld höfischer Repräsentation.
- Poetologische Schrift: Die Dichtkunst des Spaten (Autograph 1685) als Reflexions- und Lehrtext zur Dichtung.
- Lexikographie: Der teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder Teutscher Sprachschatz (1691) als Großwörterbuchprojekt.
- Medien- und Zeitdiagnostik: Zeitungs Lust und Nutz (1695) als bemerkenswerter Beitrag zur zeitgenössischen Publizistik- und Medienreflexion.
- Kanzlei- und Sekretariatsliteratur: mehrere Handbücher und Musterwerke, die Stielers Erfahrung als Sekretär in praktische Schreibformen überführen.
4. Themen und Motive
- Sprachpflege und Wortbildung: das Deutsche als ausbaufähiger Wortschatz, der geordnet, erweitert und „verdeutscht“ werden soll.
- Rhetorik und Formbewusstsein: Schreiben als Kunst der Wirkung, die Affekte lenkt und soziale Situationen strukturiert.
- Hof, Amt und Öffentlichkeit: Sekretariat, Brief- und Kanzleistil als kulturelle Praxis; Literatur als Bestandteil institutioneller Kommunikation.
- Fest und Spiel: Dramatisches als Repräsentation und Gemeinschaftsform.
- Krieg und Zeitläufte: krisenhafte Gegenwart als Erfahrungshorizont, der Tonlagen von Lied, Satire und Kommentar mitprägt.
5. Sprachliche und formale Eigenart
Stielers barocke Schreibweise arbeitet mit rhetorischer Verdichtung, Klangführung und einem ausgeprägten Sinn für Situationsangemessenheit. In der Lyrik kann dies bis zur kunstvollen Liedstrophe reichen, die Affekt und Pointe eng führt; im dramatischen und festspielhaften Schreiben dominieren repräsentative, oft zeremonielle Register.
Im Wörterbuchprojekt zeigt sich eine andere Form von Stil: Ordnung wird zur ästhetischen und kulturellen Leistung. Stieler fixiert Wortformen, markiert grammatische Eigenschaften und interessiert sich besonders für Wortbildungsmechanismen. Diese Kombination aus Systematisierungswillen und produktiver Wortbildung spiegelt einen barocken Zugriff auf Sprache, der Sprache nicht als bloßes Abbild, sondern als gestaltbares Instrument kultureller Selbstbehauptung versteht.
6. Bedeutung und Nachwirkung
Stielers anhaltende Bedeutung liegt erstens in der Lexikographie: Sein Sprachschatz markiert einen frühen Höhepunkt umfangreicher deutscher Wortschatzsammlung und steht in der Entwicklungslinie, die später zur modernen Wörterbuchkultur führt. Zweitens ist er als Mitglied und Mitdenker der Fruchtbringenden Gesellschaft für die Geschichte der deutschen Sprachpflege wichtig, weil hier Normierungsinteressen, Purismusdebatten und Standardisierungspraktiken institutionell gebündelt werden.
Für die Literaturgeschichte ist Stieler zudem ein instruktiver Fall, weil er zeigt, wie Barockautorschaft oft „hybrid“ ist: Nicht die reine Gattungskarriere steht im Zentrum, sondern das Zusammenspiel von Amt, Gelehrsamkeit, literarischer Produktion und medialer Reflexion. Diese Breite macht ihn heute besonders anschlussfähig für kulturgeschichtliche Lektüren.
7. Kaspar Stieler im Lyrik Atlas
Im Lyrik Atlas eröffnet Stieler zwei Lektüreperspektiven, die einander ergänzen. Zum einen ist er ein Autor barocker Form- und Rhetorikkultur, an dem sich Liedton, Affektsteuerung und repräsentative Schreibweisen exemplarisch untersuchen lassen. Zum anderen ist er ein Schlüsselautor für die Frage, wie Sprache selbst zum Gegenstand literarischer und kultureller Praxis wird: Wörterbuch, Sprachpflege und Wortbildung sind bei Stieler nicht Nebensachen, sondern Ausdruck einer Epoche, die „Deutsch“ als Kultursprache bewusst herstellen will.