Johannes Plavius
Danziger Sonettist, Kasuallyriker und Poetikautor (um 1600–nach 1630)
Johannes Plavius (um 1600–nach 1630) gehört zu den markanten, lange zeit aber fast vergessenen Stimmen der deutschen Barocklyrik. Seine Lebensdaten bleiben unsicher; greifbar wird er in Danzig, wo er als Magister, Privatgelehrter und Kasuallyriker auftritt und 1630 den Band Treugedichte. Trawr=gedichte. Lehrsonnette veröffentlicht – eine der bedeutenden Sonettsammlungen des 17. Jahrhunderts. Neben den Gelegenheitsgedichten zu Hochzeit und Tod stehen darin christlich-stoische Lehrsonette, die das Sonett als ernsthafte, lehrhafte Form im deutschsprachigen Raum etablieren helfen.
Plavius ist zugleich Theoretiker: Mit der lateinischen Institutio poetica compendiosissima und den Praecepta logicalia beteiligt er sich an der frühneuzeitlichen Reflexion über Logik und Poetik. In Danzig bewegt er sich im Umfeld von Gelehrten wie Peter Crüger, Johann Georg Moeresius und dem jungen Michael Albinus und steht über Vermittlung auch mit Martin Opitz und der Schlesischen Dichterschule in Verbindung.
- 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
- 2. Literarisch-historische Einordnung
- 3. Themen und Motive
- 4. Sprachliche und formale Eigenart
- 5. Bedeutung und Nachwirkung
- 6. Plavius im Lyrik Atlas
1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
Über Herkunft und frühe Jahre von Johannes Plavius ist nur wenig mit Sicherheit bekannt. Er bezeichnet sich in eigenen Schriften als „M. Johannes Plavius Nehusâ Thüringus“, was auf eine Herkunft aus Thüringen – wahrscheinlich Neuhausen – schließen lässt; gelegentlich taucht auch die Namensform „Johannes Plauen“ auf, aus der man einen Bezug zum sächsischen Plauen abgeleitet hat. Um 1621 ist ein „Johannes Plavius Tyrigotanus“ in den Matrikelbüchern der Universität Frankfurt/Oder nachweisbar, vermutlich identisch mit dem späteren Dichter. Spätestens Mitte der 1620er Jahre hält er sich in Danzig auf, wo er als Magister auftritt. :contentReference[oaicite:0]{index=0}
In Danzig arbeitet Plavius als Privatlehrer und betreibt vermutlich eine kleine Lateinschule. Zeitgenössische Berichte (u. a. Michael Albinus) erwähnen die „Institution“ des M. Johannes Plavius. Zugleich bemüht er sich als Gelegenheitsdichter um Gönner in der reichen Hanse- und Hafenstadt: Epithalamien (Hochzeitsgedichte) und Trauergedichte für Bürgerfamilien und Geistliche sichern ihm Einkommen und Ansehen. Seine lateinischen Traktate zur Logik (1628) und Poetik (1629) präsentieren ihn als Gelehrten, der im humanistischen Bildungskanon fest verankert ist. Nach dem Erscheinen der Treugedichte. Trawr=gedichte. Lehrsonnette 1630 verliert sich seine Spur; Zeit und Ort seines Todes sind unbekannt, doch dürfte er nach 1630, wahrscheinlich in Danzig, gestorben sein. :contentReference[oaicite:1]{index=1}
2. Literarisch-historische Einordnung
Plavius gehört zur Generation nach Martin Opitz und bewegt sich im Spannungsfeld von späthumanistischer Gelehrtendichtung und frühbarocker Kasual- und Lehrlyrik. Sein Werk steht in engem Zusammenhang mit der Danziger Barockkultur: In der Hafen- und Handelsstadt entsteht im frühen 17. Jahrhundert ein dichterischer Kreis, in dem Gelegenheitsdichtung, Gelehrtendisput und städtische Repräsentation eng verschränkt sind. Plavius’ deutschsprachige Gedichte sind in dieses Umfeld eingebunden und zugleich mit der überregionalen Sonetttradition vernetzt. :contentReference[oaicite:2]{index=2}
Mit seinem Zyklus von hundert Lehrsonetten, die unter der Überschrift des ersten Sonetts „Sey in der that ein Christe“ zusammengefasst werden können, entwickelt Plavius eine charakteristische Form christlich-stoischer Morallyrik. Die einzelnen Sonette tragen imperative Titel, die häufig biblischen Geboten entnommen sind („Liebe“, „Gleübe“, „Hoffe“ u. a.) und die Sonette als meditative, den Leser direkt ansprechende Bedenk- und Übungstexte ausweisen. Daneben erneuert Plavius antike Odenformen – sein „Deutsches Sapphicum“ gilt als frühe sapphische Ode in deutscher Sprache – und experimentiert mit daktylischen Versen, die in der deutschen Lyrik seiner Zeit noch nicht selbstverständlich sind. :contentReference[oaicite:3]{index=3}
3. Themen und Motive
- Treue, Ehe, Bund: Die Treugedichte (Hochzeitsgedichte) entfalten eine Bildwelt der ehelichen Liebe als göttlich gestifteter Ordnung. Treue erscheint als wechselseitige Pflicht, als lebenslanger Bund und als sozial-religiöse Institution, die Individuen und Stadtgesellschaft zusammenhält.
- Tod, Vergänglichkeit, Trost: Die Trawr=gedichte stellen Sterben, Verlust und Endlichkeit ins Zentrum. Vanitas-Motive (Blume, Schatten, Rauch) verbinden sich mit einer tröstenden, christlich fundierten Hoffnung auf Auferstehung und himmlische Heimat.
- Christlich-stoische Ethik: Die Lehrsonette verhandeln Tugenden wie Liebe, Demut, Geduld, Glaube, Hoffnung, Mäßigung. Biblische Gebote werden mit stoischer Gelassenheit und Selbsterziehung verbunden; der Leser ist zur inneren Arbeit an sich selbst aufgefordert.
- Stadt- und Bürgerwelt: Viele Gedichte sind konkret adressiert – an Ratsherren, Gelehrte, Pfarrer, Bürgerfamilien. Die Dichtung spiegelt eine Stadtgesellschaft, in der Frömmigkeit, Bildung und bürgerliche Repräsentation eng zusammengehören.
- Selbstverständnis des Dichters: Widmungen und Vorreden umkreisen das Bild des gelehrten Dichters als moralischem Berater, Trostspender und Sprachkünstler, der antike und zeitgenössische Formen im Dienst der städtischen Gemeinschaft nutzt.
4. Sprachliche und formale Eigenart
Plavius ist ein hochreflektierter Formdichter. Das Sonett dient ihm nicht nur als modische Form, sondern als strukturierende Matrix lehrhafter, erbaulicher Rede: These, Entfaltung, Zuspitzung und Pointe sind in der streng gegliederten Sonettform besonders deutlich zu modellieren. Seine Lehrsonette verbinden die rhetorische Strenge des Barock (Antithesen, Parallelismen, steigernde Reihungen) mit einer vergleichsweise klaren, gut lesbaren Diktion.
In den Treu- und Trauergedichten nutzt Plavius eine reichhaltige, aber kontrollierte Bildsprache. Besonders auffällig ist seine Neigung zu Diminutivformen („Röselein“, „Wängelein“ u. Ä.), die bereits frühe Kritiker wie Gottfried Wilhelm Sacer und Erdmann Neumeister spöttisch hervorgehoben haben, die aber zugleich eine pointierte Affektsteuerung erlauben: Einzug von Zartheit, Verletzlichkeit und Nähe in die streng gebaute Form. In der Oden- und Daktylusdichtung tritt Plavius als experimentierfreudiger Handwerker auf, der antike Formmuster im Deutschen erprobt und dabei metrische Freiheiten in Kauf nimmt. :contentReference[oaicite:4]{index=4}
5. Bedeutung und Nachwirkung
Zeitgenössisch ist Plavius im Danziger und darüber hinaus im deutschsprachigen Dichterraum durchaus präsent. Ein Brief Johann Mochingers an Martin Opitz (1629) empfiehlt Plavius ausdrücklich als „Verehrer und Nachahmer“ des schlesischen Poeta laureatus. In der Folge wird er von Andreas Gryphius, Ernst Christoph Homburg, Georg Philipp Harsdörffer, Andreas Tscherning, Philipp von Zesen und anderen genannt, zitiert und nachgeahmt. Vor allem seine Sonette und Lehrgedichte wirken in den Diskurs um Moral, Frömmigkeit und Sonettform hinein. :contentReference[oaicite:5]{index=5}
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts kehrt sich der Ton: Dichter wie Sacer und Neumeister distanzieren sich von seiner metrischen Flexibilität und der diminutiven Bildwelt; Plavius gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Erst die Barockforschung des 20. Jahrhunderts – u. a. Heinz Kindermann und später Achim Aurnhammer – entdeckt ihn als wichtigen Sonettisten und Theoretiker wieder. Heute gilt Plavius als Beispiel einer „bekannten unbekannten“ Figur: biographisch nur in Fragmenten greifbar, literarisch jedoch in zentralen Entwicklungen des barocken Sonetts und der Danziger Stadtliteratur verankert. :contentReference[oaicite:6]{index=6}
6. Plavius im Lyrik Atlas
Im Lyrik Atlas steht Johannes Plavius für eine barocke Morallyrik aus dem Geist des Humanismus: Sonette, Treue- und Trauergedichte, die christliche und stoische Traditionsbestände kreuzen, städtische Lebenswelten spiegeln und zugleich poetische Formexperimente darstellen. Seine Texte zeigen, wie eng Kasualdichtung, Poetik und Sonettform in der frühen Neuzeit miteinander verbunden sind.
Von Plavius aus führen Linien zur Schlesischen Dichterschule um Opitz und Gryphius, zur Danziger Barockdichtung, zur europäischen Fabel- und Lehrtradition, zur Geschichte des Sonetts und zur frühneuzeitlichen Poetik in lateinischer und deutscher Sprache. Innerhalb der Autorengalerie macht er sichtbar, dass auch scheinbar randständige Figuren entscheidende Impulse für Form- und Gattungsgeschichte geben können – und dass Stadtliteratur, Theologie, Philosophie und pädagogischer Alltag im 17. Jahrhundert dichter verschränkt sind, als es der Kanon lange vermuten ließ.