August von Platen
Klassizistischer Lyriker und Dramatiker des 19. Jahrhunderts (1796–1835)
August von Platen (1796–1835) zählt zu den großen Formkünstlern der deutschen Lyrik im 19. Jahrhundert. In seinen Sonetten, Oden und Ghaselen verbindet er strenge metrische Disziplin mit einer oft melancholischen, von Fremdheits- und Exilerfahrung geprägten Innerlichkeit. Als Dramatiker und Reisender, der einen Großteil seines Lebens außerhalb Deutschlands – insbesondere in Italien und im Mittelmeerraum – verbringt, steht er zugleich für ein kosmopolitisches autorenbewusstes Selbstverständnis jenseits nationaler Engführungen.
Platens Biographie ist die eines aristokratischen Außenseiters: Er stammt aus verarmtem fränkischem Adel, wird bayerischer Offizier, studiert in Würzburg und Erlangen, bricht jedoch die militärische Laufbahn ab und entscheidet sich für ein Leben als Dichter und freier Schriftsteller. Ein immer wieder thematisiertes Moment seines Lebens ist die Spannung zwischen sozialem Rang, künstlerischem Ehrgeiz und einer nicht offen lebbaren Sexualität; diese Spannung schlägt sich in Motiven von Vereinsamung, Stolz und Distanz nieder.
- 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
- 2. Literarisch-historische Einordnung
- 3. Themen und Motive
- 4. Sprachliche und formale Eigenart
- 5. Bedeutung und Nachwirkung
- 6. Platen im Lyrik Atlas
1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
Platen wird am 24. Oktober 1796 in Ansbach geboren. Seine Jugend ist von häufigen Ortswechseln und einer eher kargen finanziellen Situation geprägt. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Ansbach tritt er in den bayerischen Militärdienst ein, erkennt jedoch bald, dass seine Begabung eher im geistigen und dichterischen Bereich liegt. Studien in Würzburg und Erlangen führen ihn in die literarische und akademische Szene der Zeit ein; hier entstehen erste Gedichte und dramatische Versuche.
Entscheidend wird der Schritt nach Italien: Seit Anfang der 1820er Jahre verbringt Platen immer längere Zeit im Süden, bis er sich schließlich dauerhaft im Mittelmeerraum niederlässt. Aufenthalte in Verona, Neapel, Palermo und Syrakus prägen sein Schreiben und sein Selbstbild als europäischer, nicht bloß nationaler Dichter. Die Rückkehr nach Deutschland bleibt episodisch; Platen erlebt das deutsche Literaturleben zunehmend als provinziell und ihm selbst gegenüber feindlich eingestellt – eine Erfahrung, die im berühmten literarischen Konflikt mit Heinrich Heine kulminiert.
Platen stirbt am 5. Dezember 1835 in Syrakus an einer Typhuserkrankung. Er wird dort begraben; das Grab in Sizilien wird im 19. und 20. Jahrhundert zu einem symbolischen Ort einer „exilierten“ deutschen Klassizismus-Variante.
2. Literarisch-historische Einordnung
Platens Werk steht quer zu den gängigen Epochenschablonen. Er ist ein Zeitsgenosse des Biedermeier und des politischen Vormärz, ästhetisch aber stark vom Klassizismus und von antiken Formen geprägt. Seine Sonette und Oden folgen streng regulierten metrischen und strophischen Schemata; zugleich wendet er sich in den Ghaselen orientalistischen Formen zu, die er mit deutscher Sprache und europäischer Motivik verbindet. Formtraditionen werden nicht imitierend übernommen, sondern durch Variation und Konzentration in eine eigene Signatur überführt.
Als Dramatiker verfasst Platen u. a. die Dramen Der gläserne Pantoffel, Die verhängnißvolle Gabel und das satirische Lustspiel Der romantische Oedipus, in dem er mit Schärfe gegen Tendenzen des Spätromantischen polemisiert. Seine theoretischen und polemischen Schriften zeigen ihn als streitbaren, normbewussten Autor, der an ästhetischer Strenge und an einem hohen Begriff von dichterischer Würde festhält – auch auf Kosten von Popularität.
3. Themen und Motive
- Italien und der Süden: Landschaften, Städte und Lichtverhältnisse des Mittelmeerraums bilden eine zentrale Bildwelt. Italien erscheint als Raum von Schönheit, Freiheit und klassischer Harmonie – zugleich aber auch als Ort innerer Exilierung.
- Stolz, Würde, Einsamkeit: Das lyrische Ich bewegt sich häufig zwischen aristokratischem Stolz und tiefer Einsamkeit. Die Erfahrung, unverstanden und isoliert zu sein, wird in idealisierte Vorstellungen von Würde und Form sublimiert.
- Liebe und unerfülltes Begehren: Liebesgedichte und versteckte Anspielungen verhandeln unerfüllbare oder gesellschaftlich nicht akzeptierte Beziehungsformen. Das Motiv des nicht einlösbaren Verlangens strukturiert viele Texte.
- Form und Gesetz: Formstrenge erscheint nicht nur als ästhetische Entscheidung, sondern als existentielles Rückgrat in einer als chaotisch, vulgär oder feindlich empfundenen Welt.
- Polemik und Kritik: In satirischen Gedichten und in Prosa wendet sich Platen gegen literarische Modeerscheinungen, gegen Schlampigkeit des Verses und gegen das, was er als moralische und ästhetische Verwahrlosung seiner Zeitgenossen wahrnimmt.
4. Sprachliche und formale Eigenart
Platens Lyrik ist durch eine außerordentliche formale Geschlossenheit gekennzeichnet. Das Sonett wird bei ihm zur bevorzugten Form konzentrierter Reflexion; Reimführung, Rhythmus und syntaktische Struktur sind präzise austariert. Die Ghaselen übertragen die Reim- und Wiederholungsstrukturen der persisch-arabischen Form in die deutsche Sprache und erzeugen so einen spezifischen, kreisenden Bewegungsrhythmus, in dem Motive variierend wiederkehren.
Sprachlich verbindet Platen eine gehobene, klassische Diktion mit bildkräftigen, oft sehr sinnlichen Natur- und Körperbildern. Die Metaphorik ist kontrolliert, nie überladen; pathosfähige Ausdrucksweisen werden häufig durch ironische oder selbstreflexive Einschübe gebrochen. In dramatischen und satirischen Texten tritt eine schneidende, bisweilen verletzende Schärfe hinzu, die den Autor als bewussten Grenzgänger zwischen aristokratischer Distanz und polemischer Aggression zeigt.
5. Bedeutung und Nachwirkung
Zu Lebzeiten bleibt Platens Wirkung begrenzt; seine strenge Formkunst und seine aristokratische Haltung finden zwar Bewunderer, stoßen aber auch auf Widerstand. Der literarische Streit mit Heine, der Platen in den Bädern von Lucca scharf angreift und dabei die (damals skandalisierten) Aspekte seiner Sexualität gegen ihn wendet, trägt zur Konturierung eines Bildes des „isolierten Klassizisten“ bei, das lange wirksam bleibt.
Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erfährt Platen eine Phase starker Wertschätzung, insbesondere als Meister des Sonetts und als Vorbild formbewusster Lyrik. Spätere Forschung hat sein Werk unter ästhetischen, biographischen und geschlechtergeschichtlichen Perspektiven neu gelesen. Heute gilt er als eine wichtige, eigensinnige Stimme der deutschen Lyrik zwischen Klassik, Romantik und Moderne.
6. Platen im Lyrik Atlas
Im Lyrik Atlas steht August von Platen für eine Poetik der Form: Lyrik als streng gebautes, zugleich hoch sensibles Medium, in dem persönliche Fremdheitserfahrung, Exil und nicht einlösbare Sehnsucht in klassische Strukturen übersetzt werden. Seine Sonette und Ghaselen markieren Knotenpunkte, an denen sich Fragen von Metrik, Formtradition, Subjektivität und kultureller Topographie (Italienbild, Exilerfahrung) kreuzen.
Von Platen aus führen Linien zur Tradition des Sonetts von der Renaissance bis zur Moderne, zur orientalistischen Lyrik, zu Heine und den literarischen Polemiken des Vormärz, zur Geschichte homosexueller Subjektivität in der Literatur sowie zu späteren Formkünstlern der Lyrik. Innerhalb der Autorengalerie macht er sichtbar, wie eng ästhetische Strenge und existentieller Ernst miteinander verbunden sein können.