Gottlieb Konrad Pfeffel – historisches Porträt
Gottlieb Konrad Pfeffel, bekannter Fabel- und Lehrdichter des 18. Jahrhunderts.

Gottlieb Konrad Pfeffel (1736–1809) gehört zu den prägenden Gestalten der deutschsprachigen Aufklärung im Elsass. Bekannt wird er als Autor von Fabeln, Erzählgedichten und bürgerlicher Lehrdichtung, die Moral, Anstand und praktische Lebensklugheit in knapper, pointierter Form vermitteln. Seine Texte verbinden das Erbe der französischen Fabeltradition (La Fontaine) mit einer aufklärerisch-pädagogischen Zielsetzung, wie sie in deutschen Zeitschriften und Almanachen jener Zeit große Verbreitung findet.

Pfeffel erblindet bereits als junger Mann vollständig und bleibt dennoch literarisch und gesellschaftlich aktiv: Er arbeitet als Hauslehrer, später als Herausgeber, Übersetzer und Vermittler zwischen deutscher, französischer und schweizerischer Gelehrtenkultur. In Colmar gründet und leitet er eine Erziehungsanstalt, wird städtischer Rat und ist eng mit dem Bildungs- und Vereinsleben des Oberrheins verflochten.

  1. 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
  2. 2. Literarisch-historische Einordnung
  3. 3. Themen und Motive
  4. 4. Sprachliche und formale Eigenart
  5. 5. Bedeutung und Nachwirkung
  6. 6. Pfeffel im Lyrik Atlas

1. Biographische und kulturelle Ausgangslage

Pfeffel wird am 28. Juni 1736 in Straßburg geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums und ersten Studien in Theologie und Rechtswissenschaften zieht er 1751 nach Halle. Eine Augenkrankheit führt 1758 zur völligen Erblindung. In der Folge wendet er sich verstärkt der Literatur und der pädagogischen Arbeit zu, zunächst als Hauslehrer, bald aber auch als Autor von Gedichten, Übersetzungen und Prosastücken.

Seit den 1760er Jahren lebt er überwiegend in Colmar. Dort gründet er eine Erziehungsanstalt, bildet junge Adlige und Bürgerliche aus und wird zu einer anerkannten Gestalt des öffentlichen Lebens. Reisen nach der Schweiz, nach Holland und ins Reich erweitern seinen Bekanntenkreis; Kontakte zu aufklärerischen Publizisten, Pfarrern und Gelehrten prägen sein Denken und Schreiben.

2. Literarisch-historische Einordnung

Pfeffel steht im Horizont der Aufklärung und Empfindsamkeit, zugleich aber in der Tradition der Fabel und der moralisch-didaktischen Lyrik. Seine Fabeln, Idyllen und Erzählgedichte präsentieren in kurzen, oft humorvollen Szenen menschliche Schwächen, soziale Typen und alltägliche Konflikte. Moralische Einsicht und praktische Vernunft sollen aus der Pointe erwachsen – nicht durch Predigt, sondern durch anschauliches Beispiel.

Seine Texte erscheinen in Almanachen, Lese- und Moralblättern und sprechen ein breites bürgerliches Publikum an. Daneben übersetzt Pfeffel aus dem Französischen und Englischen und trägt so zur Vermittlung internationaler Literatur in den deutschen Sprachraum bei.

3. Themen und Motive

  • Menschliche Schwächen und Tugenden: Eitelkeit, Geiz, Heuchelei, Trägheit und Dünkel werden satirisch vorgeführt; ihnen stehen Tugenden wie Ehrlichkeit, Mäßigung und bürgerliche Anständigkeit gegenüber.
  • Bürgerliche Welt und Alltag: Pfeffel interessiert sich für die kleinen Szenen des täglichen Lebens – Familie, Nachbarschaft, Beruf, Amt – und leitet aus ihnen moralische Einsichten ab.
  • Toleranz und Vernunft: Die Texte werben für Maß, Humanität und das Ideal aufklärerisch-vernünftigen Handelns.
  • Humor und Milde: Bei aller Satire bleibt der Ton meist gelassen; moralische Belehrung wird durch Witz und leichte Ironie abgefedert.

4. Sprachliche und formale Eigenart

Pfeffels Sprache ist klar, übersichtlich und auf Verständlichkeit angelegt. Er bevorzugt gereimte, regelmäßig gebaute Verse und strophische Formen, in denen die Handlung oder Beobachtung zügig vorangetrieben und am Schluss pointiert wird. Die Bildlichkeit ist anschaulich, oft aus Natur, Tierwelt und Alltag gewonnen.

Typisch ist der dramaturgische Bau der Fabel: Exposition – Handlung – überraschende Wendung – moralische Pointe. Der moralische Satz wird nicht abstrakt vorangestellt, sondern ergibt sich aus dem Geschehen. So verbindet sich literarische Unterhaltsamkeit mit ethischer Selbsterziehung – ein Kernanliegen der bürgerlichen Aufklärung.

5. Bedeutung und Nachwirkung

Zu Lebzeiten genießt Pfeffel hohes Ansehen, insbesondere im Oberrheinraum. Seine Fabeln und Gedichte werden vielfach nachgedruckt und gehören zur Schullektüre. Auch als Pädagoge, Übersetzer und Vermittler zwischen deutscher und französischer Kultur ist er bedeutend.

Im 19. Jahrhundert verblasst sein Ruhm im Schatten neuer literarischer Bewegungen. Die neuere Forschung hat Pfeffel jedoch als wichtige Stimme der Aufklärung, als Vertreter einer bürgerlich geerdeten Moralpoetik und als Beispiel für literarische Produktivität trotz körperlicher Einschränkung neu in den Blick genommen.

6. Pfeffel im Lyrik Atlas

Im Lyrik Atlas steht Gottlieb Konrad Pfeffel für die aufklärerische Fabel- und Lehrdichtung, in der Moral, Witz und Alltagsbeobachtung eine Einheit bilden. Seine Texte zeigen, wie Dichtung zur Schulung der Aufmerksamkeit und der Urteilskraft beitragen kann – nicht durch pathetische Erhabenheit, sondern durch anschauliche Miniaturen des menschlichen Lebens.

Von Pfeffel führen Linien zur europäischen Fabeltradition, zur bürgerlichen Moralpoetik des 18. Jahrhunderts, zu Almanach- und Zeitschriftenkultur und zur deutsch-französischen Literaturvermittlung im Elsass. Er markiert damit einen charakteristischen Knotenpunkt der Aufklärungsliteratur.