Abraham Gotthelf Kästner
Mathematiker · Aufklärer · Epigrammdichter (1719–1800)
Abraham Gotthelf Kästner (1719–1800) verbindet in exemplarischer Weise aufklärerische Gelehrsamkeit mit dichterischer Pointenlust. Als Mathematikprofessor in Göttingen prägt er die Wissenschaftsgeschichte ebenso wie die literarische Kultur des 18. Jahrhunderts: vor allem durch seine zahlreichen, oft scharf zugespitzten Epigramme, in denen Moral, Vernunft und Witz zu präzisen Miniaturen verschmelzen.
Kästners Dichtung gehört zu jener Seite der Aufklärung, die weniger auf Rührung und Empfindsamkeit setzt, sondern auf nüchterne Beobachtung, ironische Distanz und kritische Urteilskraft. Er ist ein Autor, der Fehler, Laster und Torheiten seiner Zeit mit präziser Klinge seziert – ohne dabei die Maßstäbe der Vernunft aus dem Blick zu verlieren.
- 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
- 2. Literarisch-historische Einordnung
- 3. Themen und Motive
- 4. Sprachliche und formale Eigenart
- 5. Bedeutung und Nachwirkung
- 6. Kästner im Lyrik Atlas
1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
Kästner studiert und lehrt Mathematik und Physik, wird Professor in Göttingen und entwickelt dort eine große Wirkung als Lehrer und Organisator der aufklärerischen Wissenschaftskultur. Parallel schreibt er Gedichte, Epigramme und moralische Reflexionen, die im Gelehrtenmilieu zirkulieren und bald gedruckt erscheinen.
2. Literarisch-historische Einordnung
Er gehört zur zweiten Hälfte der Aufklärung und steht in der Tradition der rationalen Moraldichtung. Während empfindsame Autoren die Innerlichkeit und das Gefühl betonen, hält Kästner an klaren Regeln, nüchterner Argumentation und knapper Pointierung fest.
3. Themen und Motive
- Vernunft und Moral als Maßstab des Lebens
- Kritik an Dummheit, Eitelkeit und Heuchelei
- Religion in aufgeklärtem, reflektiertem Sinn
- Selbstbeschränkung, Maß und geistige Redlichkeit
4. Sprachliche und formale Eigenart
Kästners bevorzugte Form ist das Epigramm: kurz, präzise, zugespitzt, meist mit überraschender Pointe. Seine Sprache ist klar, logisch aufgebaut und vermeidet übermäßige Emotionalität. Stattdessen dominiert ein trockener, mitunter schneidender Witz.
5. Bedeutung und Nachwirkung
Kästner zählt zu den bedeutendsten deutschen Epigrammatikern. Seine Texte wurden vielfach zitiert und prägten die ästhetische Kultur der Aufklärung entscheidend mit. Zugleich steht er für eine Literaturauffassung, die dichterische Form und moralische Urteilskraft eng miteinander verbindet.
6. Kästner im Lyrik Atlas
Im Lyrik Atlas steht Kästner vor allem für die Tradition der aufklärerischen Reflexions- und Epigrammdichtung, in der Vernunft, Witz und moralische Haltung literarisch Gestalt gewinnen.
Orientierende Werkfelder:
- Epigramme und moralische Kurzdichtungen
- reflektierende Gelegenheitsdichtung
- poetische Texte im Umfeld der Göttinger Aufklärung