Salomon Gessner – Porträt (18. Jahrhundert)
Salomon Gessner: europäisch gelesener Autor der pastoralen „Idylle“ und zugleich Bildkünstler, Illustrator und Verleger.

Salomon Gessner (1730–1788) ist eine zentrale Figur des deutschsprachigen 18. Jahrhunderts an der Schnittstelle von Literatur, Bildkunst und Medienpraxis. Er wird europaweit berühmt durch seine Idyllen und durch die prosaisch-epische Dichtung Der Tod Abels: Texte, die eine arkadische, pastoral stilisierte Welt entwerfen und dabei Empfindung, Naturanschauung und moralische Ideale in einer charakteristischen poetischen Prosa bündeln.

Gessner ist jedoch nicht nur Dichter. Er arbeitet als Maler, Zeichner und Radierer, gestaltet Bücher und Illustrationen und wirkt in Zürich zugleich als Verleger und kommunaler Amtsträger. Diese Mehrfachrolle ist für den Lyrik Atlas besonders produktiv: Bei Gessner lässt sich exemplarisch zeigen, wie „Literatur“ im 18. Jahrhundert als Gesamtkunst der Vermittlung funktioniert, also als Zusammenspiel von Text, Bild, Druck, Format und Öffentlichkeit.

  1. 1. Biographische und kulturelle Ausgangslage
  2. 2. Literarisch-historische Einordnung
  3. 3. Werkprofil (Auswahl) und Schlüsselpublikationen
  4. 4. Themen und Motive
  5. 5. Sprachliche und formale Eigenart
  6. 6. Bedeutung und Nachwirkung
  7. 7. Salomon Gessner im Lyrik Atlas

1. Biographische und kulturelle Ausgangslage

Gessner wird am 1. April 1730 in Zürich geboren und stirbt dort am 2. März 1788. Er entstammt einem Zürcher Verleger- und Buchdruckermilieu, wird aber zunächst nicht als „Gelehrter“ sichtbar, sondern als junger Mann, der sich zwischen kaufmännischer Ausbildung, Buchhandel, Kunst und Geselligkeit orientiert. 1749 geht er zur Ausbildung nach Berlin, bricht den buchhändlerischen Weg jedoch ab und wendet sich intensiv der Malkunst zu; Ende 1750 kehrt er nach Zürich zurück und findet dort Anschluss an lebendige literarische Zirkel, unter anderem in enger Bekanntschaft mit Christoph Martin Wieland.

In den folgenden Jahrzehnten verbindet er künstlerische Produktion mit Verlagspraxis: Er wird Teilhaber des bedeutenden Zürcher Verlagshauses Orell, Geßner & Cie. (später Orell, Geßner, Füßli & Cie.), illustriert und gestaltet Publikationen, übernimmt städtische Ämter (u. a. als Mitglied des Inneren Rats und als Obervogt) und steht damit für eine bürgerlich-städtische Kultur, in der Kunst, Öffentlichkeit und Verwaltung nicht strikt getrennt sind. 1780 begründet er die Zürcher Zeitung, aus der später die Neue Zürcher Zeitung hervorgeht.

2. Literarisch-historische Einordnung

Literaturgeschichtlich gilt Gessner als einer der erfolgreichsten Vertreter einer literarischen Rokoko- und Empfindsamkeitskultur, die das Ideal eines „goldenen Zeitalters“ in pastoral-idyllischen Bildern vergegenwärtigt. Die Idylle ist bei ihm nicht bloß antike Nachahmung, sondern eine zeitgenössische Projektionsform: Sie setzt Unschuld, Einfalt, Herzensgüte und Naturharmonie gegen eine als komplex und moralisch überfrachtet empfundene Gegenwart.

Bemerkenswert ist dabei die Formentscheidung für „poetische Prosa“. Gessner sucht eine musikalische, rhythmisch empfindungsnahe Prosa, die zwischen erzählender Skizze und lyrischer Verdichtung oszilliert. Zeitgenössisch wird dies als neuartig empfunden, und gerade diese „sanfte Modernität“ erklärt, warum seine Texte weit über die Schweiz hinaus gelesen und übersetzt werden.

3. Werkprofil (Auswahl) und Schlüsselpublikationen

  • Daphnis (1754): frühe Station im pastoral geprägten Werkaufbau.
  • Idyllen (Erstausgabe 1756; weitere Ausgaben/Erweiterungen 1758 ff.): Kernwerk der pastoralen Prosa, das den europäischen Erfolg begründet.
  • Der Tod Abels (1758): prosaisch-epische Dichtung, die im 18. Jahrhundert außerordentlich breit rezipiert wird.
  • Brief über die Landschaftsmalerei an Herrn Füßlin (1770): kunsttheoretischer Text, der Naturstudium, Künstlerpraxis und Gattungsbewertung reflektiert.
  • Werke / Schriften (u. a. 1762; repräsentative Ausgaben 1777/78): verlegerisch und typographisch anspruchsvoll ausgestattete Editionen, in denen Text und Bild zusammenarbeiten.

4. Themen und Motive

  • Arkadien und „goldenes Zeitalter“: Schäferwelt als Idealbild konfliktarmer Ordnung.
  • Naturanschauung: Landschaft nicht als Hintergrund, sondern als seelischer Resonanzraum.
  • Empfindung und Milde: Szenen sind häufig als „Empfindungsaugenblicke“ komponiert, die moralische Intuition erzeugen.
  • Unschuld und Einfachheit: Tugend wird weniger argumentiert als atmosphärisch vorgeführt.
  • Grenze zur Wehmut: Idylle ist bei Gessner oft von sanfter Melancholie unterlegt, die das Ideal bereits als fragile Konstruktion zeigt.

5. Sprachliche und formale Eigenart

Gessners bekannteste Texte sind formal durch eine kontrollierte Einfachheit geprägt, die „Natürlichkeit“ erzeugen soll, ohne naiv zu sein. Die Prosa wird rhythmisiert, Bildfelder werden sparsam, aber anmutig gesetzt, und die Szenen folgen weniger dramatischer Konfliktlogik als einer Abfolge von Stimmungen, Blicken und kurzen moralischen Scharnieren. Gerade dadurch entsteht eine Sprache, die im 18. Jahrhundert als neu und „musikalisch“ wahrgenommen wird.

Hinzu kommt die enge Verbindung von Text und Bild. Gessner ist selbst Illustrator und Radierer; viele Ausgaben stehen deshalb für eine poetische Medienform, in der Buchgestaltung und Vignetten Teil der Wirkung sind. Wer Gessner liest, liest immer auch eine Poetik des Gedruckten: Die Idylle wird durch Format, Ornament und Bildbeigaben als ästhetische Welt hergestellt.

6. Bedeutung und Nachwirkung

Gessner zählt zu den europaweit wirksamsten deutschsprachigen Autoren seiner Generation. Seine Idyllen und Der Tod Abels werden in zahlreiche Sprachen übertragen und prägen über Jahrzehnte den Geschmack für pastoral-empfindsame Literatur. Gleichzeitig verschiebt sich sein Rang in der späteren Literaturgeschichte: Im 19. Jahrhundert wird die Idylle häufig als „zu mild“ und als Gegenwelt ohne gesellschaftliche Härte gelesen, während die Forschung stärker die Medien- und Kulturfunktion betont, also die Frage, wie Gessner eine ästhetische Lebensform des 18. Jahrhunderts modelliert.

7. Salomon Gessner im Lyrik Atlas

Im Lyrik Atlas ist Gessner aus drei Gründen besonders ergiebig. Erstens ist er ein Leitfall für poetische Prosa, die zwischen lyrischer Verdichtung und erzählender Szene vermittelt. Zweitens bietet er eine klare Gattungsfrage: Wie konstruiert die Idylle „Natur“ als kulturelles Ideal, und welche moralischen Implikationen trägt diese Konstruktion? Drittens lässt sich bei Gessner Textanalyse ideal mit Material- und Medienanalyse verbinden, weil seine Editionen, Illustrationen und Verlagspraxis zeigen, wie Literatur als gestaltete Öffentlichkeit funktioniert.