Hans Aßmann Freiherr von Abschatz: »Ihr Augen/ eure Blicke«
Das Gedicht inszeniert eine apostrophische Selbstansprache, in der das lyrische Ich seine eigenen Augen und deren „Blicke“ ermahnt, weil sie als verräterische Zeichen der Liebe „in Verdacht“ geraten könnten, und sie zugleich als Boten einsetzt, um bei Amaranthen (der Geliebten) heimlich Zustimmung, Gegengunst und die Möglichkeit körperlicher Nähe zu erkunden.
Im Zentrum steht die Spannung zwischen Affekt und Kontrolle: Der Blick soll begehren, aber nicht kompromittieren; er soll schreiben, was der Mund nicht offen sagen darf, und dennoch verlässlich zurückmelden, ob Amaranthens Blicke „sonder Heucheley“ dem Herzen nahekommen, sodass das Ich seine „auffgelegte Schuld“ (die Last des Begehrens und der Werbungsrisiken) willig trägt, wenn ihre Huld der „Sold“ seiner Blicke wird.
Typisch barock ist die kunstvolle Personifikation der Augen als eigenmächtige Akteure und die Verbindung von Liebesrhetorik mit einer fast juristisch anmutenden Verdachts- und Schuldsemantik; aus dieser Mischung entsteht eine elegante, zugleich nervöse Blickpoetik, in der Sprache die sozialen Gefahren der Werbung ebenso präzise markiert wie die Hoffnung auf erwiderte Nähe.
I. Beschreibung des Gedichts
1. Formale Grundstruktur
Das Gedicht liegt in einer klar gegliederten, strophischen Form vor: Es umfasst 6 Strophen zu je 5 Versen, also insgesamt 30 Verse. Die Fünfzeiler sind jeweils als geschlossene Einheiten gebaut, die am Ende häufig eine bündelnde Aussage oder Pointe tragen. Vom Gedichttyp her deutet sich ein galantes Liebesgedicht bzw. ein Blickgedicht an, das die barocke Tradition der personifizierten Körperorgane (Augen, Blicke) aufnimmt und diese als Akteure einer Werbungs- und Geheimnisszene inszeniert. Zugleich hat der Text Züge einer Apostrophe und einer kleinen Liebesinstruktion: Das Ich erteilt seinen Augen Anweisungen und nutzt sie als Boteninstanz.
Dominant ist ein kurzzeiliges, liedhaftes Versmaß, das im Bereich des vierhebigen Jambus (mit wechselnden Auftakten) anzusiedeln ist, wie er für barocke galante Strophenformen sehr typisch ist. Die Verse wirken insgesamt rhythmisch regelmäßig, weil sie durchgehend auf eine gut sprechbare, gleichmäßige Bewegungsfigur zielen und in den Strophen wiederholt ähnliche Satz- und Akzentmuster zeigen. Zugleich wird das Schema stellenweise durch syntaktische Verdichtung, durch Schrägstrich-Zäsuren und durch Eigen- und Fremdwortgruppen sichtbar strapaziert, etwa wenn in knapper Folge Imperative und Prädikate gesetzt werden („Nehmt euch … in Acht“, „Entdeckt nicht …“, „Lasst sie … wissen“, „Bringt mir … zurücke“) oder wenn komplexe Ergänzungen den Vers „überfüllen“ (z. B. in V. 16–20 mit mehrteiligen Bedingungs- und Relativkonstruktionen). Solche Stellen erzeugen ein leichtes „Drängen“ im Takt, das zur thematischen Nervosität (Verdacht, Heimlichkeit, Erkundung) passt.
Ein deutlicher metrischer Bruch im Sinn eines bewussten Aussteigens aus dem Versmaß ist nicht zwingend, aber es gibt rhetorische Reibungen, die metrisch spürbar werden können: besonders dort, wo die Zeilen durch Namen und Komposita („Rosen-Wangen“, „Amaranthen“, „Stralen Fahrt“) oder durch Einschübe („sonder Heucheley“) akzentuell anders gewichtet werden müssen. Gerade diese Reibungen sind funktional: Sie markieren semantische Knotenpunkte.
Jede Strophe folgt einem sehr klaren Reimschema: Der 1. Vers reimt auf den 2. Vers, der 3. Vers reimt auf den 4. und 5. Vers. Formal ergibt sich damit das Schema a a b b b (Fünfzeiler mit Paarreim plus dreifachem Schlussreim). Diese Anlage wird im gesamten Gedicht auffallend konsequent durchgehalten und erzeugt eine starke strophische Geschlossenheit.
Auffällige Unreinheiten sind weniger als „Fehler“ zu verstehen, sondern als Folge historischer Orthographie und Lautung. Reimpaare wie „Blicke/Verdacht“ sind natürlich keine, sondern hier reimt „Blicke“ auf „Ungelücke“ (V. 1/3), während „Verdacht/macht/Acht“ den dreifachen Schlussreim der Strophe bildet (V. 2/4/5). Insgesamt arbeitet das Gedicht mit klangnahen, eindeutigen Endreimen („Blicke/Ungelücke“, „Verdacht/macht/Acht“, „spielt/gefühlet“, „Art/paart“, „allein/Schein/ein“, „wissen/vergunt/kund“, „zurücke/sey/bey“, „tragen/klagen“, „Schuld/Huld/Sold“). Kleine Reibungen können sich aus der historischen Vokalqualität („gefühlet“) oder aus Konsonantenangleichungen ergeben; funktional stärken diese Reime jedoch den Eindruck einer kontrollierten, kunstvollen Werbungsrede.
Satzbau und Zeilenbau greifen eng ineinander, aber der Text arbeitet systematisch mit Enjambements, um Bewegung zu erzeugen. Bereits die erste Strophe zeigt, wie die Warnung in die nächste Zeile „hinüberzieht“ („Nehmt euch für Ungelücke/ / Das eure Künheit macht/ / Hinfort genau in Acht“). Ähnlich in Strophe 2: Der behauptete Bericht („Man saget/ daß ihr spielt“) entfaltet sich über mehrere Zeilen, bevor er in den Schlussreimkomplex mündet („… eurer Stralen Fahrt / Auff Rosen-Wangen paart“). Strophe 3 und 4 treiben diese Technik stärker, weil die imperativische Instruktion in fortlaufenden Sätzen über Zeilengrenzen hinweg geführt wird („Entdeckt nicht Unbekandten/ / Was ihr itzund allein / / Solt … / … schreiben ein“; „Lasst sie von ferne wissen/ / Was dieser treue Mund/ / Im Fall …“).
Harte Zeilensprünge entstehen vor allem dort, wo der Schrägstrich eine Zäsur setzt und die Zeile wie in Befehlsmodule zerlegt. Das erhöht das Tempo und wirkt wie ein innerer Taktgeber: Die Lesebewegung wird nicht nur vom Metrum, sondern von der Befehlslogik getrieben. Insgesamt entsteht ein geschäftiger, kontrollierter Redefluss, der zur Thematik passt: Der Blick soll heimlich handeln, erkunden, melden.
Wiederkehrend sind vor allem drei Muster. Erstens das stabile Strophenschema (aa bbb), das jede Strophe wie einen abgeschlossenen Arbeitsschritt wirken lässt: Warnung, Bericht über Gerede, Instruktion zur Geheimhaltung, Instruktion zur Fernmitteilung, Rückbericht, schließlich die Bereitschaft, die „Schuld“ zu tragen. Zweitens die starke Präsenz von Imperativen („Nehmt“, „Entdeckt nicht“, „Lasst“, „Bringt“) und von adressierter Körperinstanz („Ihr Augen/ eure Blicke“), wodurch das Gedicht durchgängig als Selbstregie des Ich organisiert ist. Drittens die Semantik des Verdachts und der Evidenz, die formal durch Reimwörter (Verdacht/Acht; allein/ein; kund; bey; Schuld/Huld/Sold) immer wieder in die Strophenenden hineingezogen wird und die inhaltliche Leitfrage bündelt: Wie kann Liebe sich zeigen, ohne sich zu verraten?
Diese Muster erzeugen Kohärenz, weil sie das Gedicht als Abfolge von Kontrollakten lesbar machen: Der Blick wird diszipliniert, um die Leidenschaft gesellschaftlich handhabbar zu machen.
Die Form bestätigt das gattungstypische Erwartungsschema galanter Barocklyrik deutlich. Die gleichmäßige Strophik, die konsequenten Reime und die Pointe am Strophenende entsprechen einer Dichtung, die Affekte nicht roh ausstellt, sondern in Formdisziplin und Rhetorik überführt. Zugleich wird das Erwartungsschema in einem Punkt kreativ verschoben: Statt einer direkten Anrede an die Geliebte richtet sich das Gedicht primär an die eigenen Augen. Damit wird die Liebeskommunikation auf eine indirekte Ebene gehoben: Der Blick wird zur Bühne und zum Boten. Diese Verschiebung ist kein Bruch mit der Gattung, sondern eine barock typische Variation innerhalb des galanten Repertoires: Die Form bleibt kontrolliert, aber das Kommunikationsmodell wird raffinierter, weil die Liebe über Zeichen (Blicke) und nicht über offene Rede verhandelt wird.
2. Sprechsituation
Es spricht ein deutlich erkennbares lyrisches Ich, das seine eigene Liebessituation reflektiert und steuert. Die Stimme ist als galanter Liebender konturiert, der sich in einer gesellschaftlich heiklen Werbungs- und Beobachtungslage befindet: Er steht „in Verdacht“, muss seine Zeichen kontrollieren, möchte aber zugleich erkunden, ob die Geliebte erwidert. Die Individualisierung ist mittelstark: Einerseits treten konkrete Eigennamen auf („Amaranthen“), und das Ich spricht von „dieser treue Mund“ sowie von „meiner Blicke Sold“, was eine personale Kontur erzeugt. Andererseits bleibt das Ich im Rahmen der barocken Rollenlyrik typisiert: Es ist weniger ein biographisches Individuum als die literarische Figur des Liebenden, der zwischen Affekt und sozialer Disziplin laviert.
Die primäre Adresse sind nicht die Geliebte selbst, sondern die eigenen Augen und Blicke: „Ihr Augen/ eure Blicke“. Das Gedicht ist als Apostrophe an ein Körperorgan gebaut, das als eigenständiger Akteur behandelt wird. Sekundär richtet sich der Text indirekt an Amaranthen, weil die Augen als Boten zu ihr gesandt werden sollen und der „treue Mund“ (im Fall des Küssens) als potenzieller Vollzugspunkt erscheint. Darüber hinaus gibt es eine dritte, implizite Adressatenschicht: die soziale Umwelt („Man saget“), deren Gerede und Verdacht das Ich antizipiert und gegen die es seine Zeichenpolitik absichert.
Die Sprechhaltung ist eine Mischung aus Ermahnung, Instruktion und vorsichtiger Werbung. Das Ich spricht in einem kontrollierten, fast strategischen Ton: Es warnt („Nehmt euch … in Acht“), verbietet („Entdeckt nicht …“), ordnet an („Lasst sie … wissen“, „Bringt mir Bericht zurücke“), und es kalkuliert Risiken („Verdacht“, „Unglücke“, „auffgelegte Schuld“). Diese Haltung zeigt ein Selbst, das sein Begehren nicht nur empfindet, sondern als soziale Handlung planen muss. Gleichzeitig bleibt der Ton galant: Die Rede ist von „Rosen-Wangen“, „Huld“, „treuem Mund“, also von höfisch-poetischer Werbungssemantik.
Explizit wird keine konkrete Szene (Ort, Datum) ausgestellt, doch implizit liegt eine Situation vor, in der Blicke bereits beobachtet und potenziell als Liebeszeichen gedeutet werden („Gerathen in Verdacht“, „Man saget“). Räumlich wird eine Distanzsituation gesetzt: Das Ich ist offenbar nicht in unmittelbarer Intimität mit Amaranthen, sondern auf Blickkontakt und Fernkommunikation angewiesen („Lasst sie von ferne wissen“, „Bringt mir Bericht zurücke“). Zeitlich wird eine Abfolge nahegelegt: Zunächst die Warnung vor Verdacht, dann die Beschreibung des Geredes, dann die geheime „Schreib“-Operation ins Herz, dann die Erkundung und Rückmeldung. Es ist also ein zeitlich prozessuales Arrangement, das einem Werbungs- oder Hofkontext entspricht, in dem direkte Rede riskant ist.
Die Perspektive ist primär eine Innenperspektive des Ich, das sein eigenes Zeichenhandeln reflektiert und reguliert. Zugleich wird die Perspektive mehrfach verschoben: Erstens in eine Außenperspektive der Öffentlichkeit („Man saget“), in der die Augen wie von außen bewertet werden. Zweitens in eine Botenperspektive, in der die Augen als handelnde Instanz zur Geliebten gehen und dort etwas „ins Herz schreiben“ sollen. Drittens in eine Rückkopplungsperspektive, wenn das Ich von den Augen Bericht verlangt („Bringt mir Bericht zurücke“). Diese Perspektivwechsel sind zentral: Das Gedicht ist weniger Momentaufnahme als ein Kommunikationsdiagramm, in dem Blick, Gerede, Botschaft und Rückmeldung ein System bilden.
Zwischen Sprecher und primärem Gegenüber (Augen/Blicke) besteht ein Verhältnis von Herrschaft und Unzuverlässigkeit: Das Ich versucht, die Augen zu kontrollieren, weil sie als eigenmächtig gelten und den Liebenden verraten können. Die Augen werden wie eigenständige Akteure angesprochen, deren „Künheit“ Unglück stiften könnte. Dadurch entsteht eine innere Spannung: Das Ich ist zugleich Befehlender und Gefährdeter.
Zum sekundären Gegenüber (Amaranthen) ist das Verhältnis von Werbung, Hoffnung und Risiko geprägt. Das Ich begehrt Nähe (bis hin zur Küssfantasie), will aber nicht als aufdringlich oder heuchlerisch erscheinen; deshalb soll geprüft werden, ob ihre Blicke „sonder Heucheley“ dem Herzen nahe sind. Amaranthen erscheint als Instanz der möglichen Gnade („Huld“) und der möglichen Belohnung („Sold“), während das Ich bereit ist, die „Schuld“ der Werbung zu tragen. Insgesamt ist das Verhältnis asymmetrisch: Der Sprecher wirbt und wartet auf Zeichen der Erwiderung, zugleich aber versucht er, diese Asymmetrie durch strategische Blickkommunikation zu steuern.
3. Aufbau und innere Bewegung
Die Ausgangssituation ist eine Lage des Verdachts und der Selbstkontrolle. Das Ich eröffnet nicht mit einem offenen Liebesgeständnis, sondern mit einer Warnung an die eigenen Augen: „Ihr Augen/ eure Blicke / Gerathen in Verdacht“. Damit ist von Beginn an ein sozialer Druck gesetzt: Blicke werden beobachtet, gedeutet und potenziell als Liebeszeichen kompromittierend gelesen. Der Zustand des Ich ist entsprechend nervös-diszipliniert: Es fühlt sich in seiner Innerlichkeit gefährdet, weil die äußeren Zeichen (Blicke) sich verselbständigen könnten. Zugleich ist bereits Begehren präsent, aber als kontrollbedürftige Energie, nicht als freie Hingabe.
Trotz der gleichförmigen Strophik lassen sich drei größere Sinnabschnitte erkennen, die sich inhaltlich klar voneinander abheben:
(1) Strophen 1–2: Diagnose und Gefahrenlage. In Strophe 1 wird der Verdacht etabliert und die Augen zur Vorsicht gemahnt; Strophe 2 referiert das Gerede („Man saget“) und entwirft die Möglichkeit, dass die Blicke nach „verliebter Art“ spielen. Diese beiden Strophen markieren das Problem: Blick als unkontrollierbares Zeichen im Raum sozialer Beobachtung.
(2) Strophen 3–4: Strategische Instruktion und verdeckte Mitteilung. In Strophe 3 folgt das Verbot der Entdeckung („Entdeckt nicht Unbekandten …“), zugleich die poetische Kernoperation: die Augen sollen Amaranthen „ins Herz schreiben“. Strophe 4 ergänzt die Strategie, indem die Augen aus der Ferne wissen lassen sollen, was der „treue Mund“ im Fall eines Kusses kundtun würde. Hier wird die Blickkommunikation als Ersatz- und Vorform körperlicher Nähe ausgearbeitet.
(3) Strophen 5–6: Rückmeldung, Prüfung der Erwiderung und Selbstpositionierung. In Strophe 5 verlangt das Ich Bericht und will wissen, ob Amaranthens Blicke „sonder Heucheley“ dem Herzen nahen. Strophe 6 formuliert die Konsequenz: Das Ich trägt die „auffgelegte Schuld“, klagt nicht über Unrecht, wenn Amaranthens Huld der Sold seiner Blicke ist. Dieser Abschnitt transformiert das Spiel in eine Ethik der Bereitschaft und in eine Art Vertragslogik von Blick und Lohn.
Der erste deutliche Umschlag liegt zwischen Strophe 2 und 3: Von der Diagnose des Geredes („Man saget“) wechselt das Gedicht in eine aktive Steuerung des Geschehens („Entdeckt nicht …“, „Sollt … schreiben ein“). Das ist der Übergang von passivem Ausgesetztsein zur strategischen Handlung.
Eine Kulmination liegt in Strophe 4, weil hier die Blickstrategie in die Nähe des Körperlichen gerät: Der „treue Mund“ und die Möglichkeit des Kusses werden als hypothetischer Vollzug eingeführt. Das ist ein Intensitätsgipfel, weil das Gedicht die distanzierte Blickkommunikation plötzlich an den Rand realer Intimität führt.
Ein zweiter Umschlag erfolgt in Strophe 5: Die Perspektive kippt von der Sendung zur Prüfung. Nun geht es nicht mehr nur darum, Zeichen zu senden, sondern darum, die Erwiderung und ihre Echtheit („sonder Heucheley“) zu verifizieren. Der abschließende Kulminationspunkt liegt in Strophe 6, wo das Ich sein Selbstverhältnis fixiert: Es akzeptiert Schuld und Risiko und deutet die Liebe als Lohn- und Treueordnung („Sold“).
Ja, die Bewegung verläuft vom Ausgangspol Verdacht und Gefährdung (Blicke als kompromittierende Zeichen) zum Gegenpol kontrollierter Werbung und selbstbewusster Akzeptanz (Blicke als legitime „Sold“-Instanz). Sprachlich vollzieht sich dieser Weg durch die Verschiebung von Warn- und Diagnoseverben („gerathen“, „nehmt euch in Acht“, „man saget“) zu Handlungs- und Steuerungsverben („entdeckt nicht“, „sollt … schreiben“, „lasst … wissen“, „bringt … bericht“). Bildlich wird der Weg vor allem durch die Metaphorik des Schreibens ins Herz getragen: Der Blick wird zum Schreibinstrument, das eine innere Botschaft ins Innere der Geliebten einschreibt. Am Ende wird das Bildfeld in eine quasi-ökonomische Semantik überführt („Sold“), wodurch der Weg von riskanter Sichtbarkeit zu geordneter Anerkennung geschlossen wird.
Es gibt eine klare Rahmenbewegung, die den Text zusammenhält: Am Anfang stehen „Augen/Blicke“ als gefährliche Zeichen im Blick der Öffentlichkeit; am Ende stehen wieder „Blicke“, nun jedoch als Instanz eines gerechten Ausgleichs („meiner Blicke Sold“). Damit entsteht eine Spiegelung: Der Blick, der zunächst Verdacht erzeugt, wird zuletzt als legitime Währung der Liebe gedeutet. Ebenso greift Strophe 5 die Blick-Thematik der ersten Strophen auf, aber mit umgekehrter Blickrichtung: Nicht mehr „die Welt“ schaut auf die Blicke des Ich, sondern das Ich schaut (durch seine Blicke) auf die Blicke der Geliebten.
Eine offene, fragmentarische Struktur liegt nicht vor; die Strophen wirken eher wie Schritte eines Plans. Offen bleibt allerdings die tatsächliche Antwort Amaranthens: Das Gedicht endet nicht mit Erfüllung, sondern mit einer Bereitschaftserklärung. Diese Offenheit ist inhaltlich gewollt und entspricht dem Werbungsmodus: Das Ergebnis steht aus, das Ich stellt sich aber innerlich darauf ein.
Äußere Gliederung und innere Kurve stützen sich deutlich. Die stabile Strophik (aa bbb) wirkt wie ein ordnender Rahmen, in dem eine innere Bewegung von Unruhe zu kontrollierter Entschlossenheit nachvollziehbar wird. Jede Strophe schließt in einem dreifachen Schlussreim ab, was die Gedanken jeweils bündelt und dem Text einen Schrittcharakter gibt. Zugleich entsteht eine für die Deutung wichtige Spannung: Die Form suggeriert Ruhe und Beherrschung, während der Inhalt von Verdacht, Unglück, Heimlichkeit und Prüfdrang getrieben ist. Genau diese Spannung ist barock typisch: Affekt wird nicht „frei“ ausgeschüttet, sondern in eine Formdisziplin gezwungen, die die gesellschaftliche Gefährlichkeit der Leidenschaft sichtbar macht und zugleich ästhetisch kontrolliert.
4. Tonlage, Stimmung, affektive Konstellation
Die Grundstimmung ist eine Mischung aus galanter Werbungsenergie und vorsichtiger Anspannung. Das Gedicht trägt einen eleganten, höfisch kontrollierten Ton, doch unter dieser Oberfläche liegt Nervosität: Die Blicke „gerathen in Verdacht“, und das Ich muss sich gegen „Unglücke“ und gegen das Gerede („Man saget“) absichern. Damit ist die Stimmung nicht pastoral-heiter, sondern eher wach, kalkulierend, gespannt – eine Liebesstimmung, die ihre soziale Gefährdung bereits mitführt.
Die Stimmung ist insgesamt stabil in ihrer Grundhaltung der kontrollierten Werbung, verschiebt sich aber in Nuancen. Sie beginnt mit warnender Strenge und Vorsicht (Strophe 1), wird dann durch den Verweis auf Gerede und Verdacht leicht gereizt oder defensiv (Strophe 2), kippt in aktiv-strategische Planung (Strophen 3–5) und endet in einer Art resignativ-entschlossener Selbstfassung (Strophe 6: Schuld tragen, nicht klagen). Die Beweglichkeit liegt weniger in abrupten Stimmungssprüngen als in einer graduellen Verschiebung von Alarm zu Plan zu Akzeptanz.
Das Ich ist geprägt von Begehren, das jedoch nicht frei ausströmt, sondern in Selbstdisziplin und Selbstüberwachung umschlägt. Es spürt die Kraft des Blicks als verräterische Instanz und begegnet sich selbst daher in einer Haltung der Kontrolle: Die Augen werden ermahnt, dürfen nicht „Unbekandten“ entdecken, sollen nur „dunckler Farben Schein“ ins Herz schreiben. Diese Selbstbeziehung ist typisch barock: Leidenschaft ist da, aber sie wird als potenziell gefährliche Energie behandelt, die reguliert werden muss.
Gleichzeitig zeigt sich Hoffnung – nicht naiv, sondern als prüfende Erwartung. Das Ich möchte Bericht, möchte wissen, „was zu erwarten sey“, und sucht Sicherheit gegen Selbsttäuschung („sonder Heucheley“). Hinzu kommt eine Haltung von Treue und Bereitschaft: „dieser treue Mund“, „mit Willen tragen“, „nicht über Unrecht klagen“. Das Ich entwirft sich als Liebender, der nicht nur begehrt, sondern moralisch standhalten will, selbst wenn die Lage ihn belastet („auffgelegte Schuld“).
Die Beziehung zur Geliebten (Amaranthen) ist durch Distanz und Vermittlung geprägt. Affektiv ist sie zärtlich-werbend (Rosen-Wangen, Huld), aber sie ist nicht unmittelbar dialogisch, sondern indirekt: Der Blick soll schreiben, der Mund soll nur im hypothetischen Kussfall „kund“ tun, und das Ich verlangt Rückmeldung über ihre Blicke. Dadurch entsteht eine Beziehung, die als Zeichenverkehr organisiert ist. Die Geliebte erscheint zugleich als Instanz, von der Anerkennung und Lohn ausgehen („Huld“, „Sold“), was die Beziehung asymmetrisch macht: Das Ich wirbt, hofft und prüft; die Geliebte ist diejenige, die erwidern oder verweigern kann.
Ein wichtiges affektives Moment ist die Angst vor Unechtheit: Das Ich verlangt, dass ihre Blicke „sonder Heucheley“ dem Herzen nahen. Damit wird das Gegenüber nicht nur begehrt, sondern auch auf Authentizität hin getestet. Die Liebe will nicht bloß Zeichen, sondern wahre, nicht heuchlerische Zeichen.
Expliziter Humor fehlt, doch es gibt eine feine Selbstreflexion und eine leichte Ironie der Situation. Dass das Ich seine eigenen Augen wie eigenmächtige Personen ermahnen muss, hat ein Moment von kontrollierter Komik: Der Liebende führt einen inneren Disziplinardialog mit einem Körperorgan, als könne er sich selbst nur über diese Umwege regieren. Auch die Rede vom „Verdacht“ und von „auffgelegter Schuld“ überträgt eine juristisch-moralische Semantik in den Bereich der galanten Blickkommunikation; darin liegt eine subtile Selbstrelativierung, weil Liebeswerbung wie ein Delikt behandelt wird, das man strategisch managen muss. Diese zweite Ebene ist nicht spöttisch, sondern eher: Das Ich weiß um die Künstlichkeit und Gefährlichkeit des Spiels und reflektiert sie, ohne das Spiel aufzugeben.
Ton und Bildwelt korrespondieren eng. Die Bildwelt ist einerseits zart-galant (Augen, Strahlen, Rosen-Wangen, Huld), andererseits technisch-strategisch (Verdacht, Achtung, Bericht, Urteil/Erwartung, Schuld, Sold). Genau diese Doppelung spiegelt die Tonlage: Eleganz und Nervosität, Zärtlichkeit und Kontrolle. Die Metapher des Schreibens ins Herz verbindet beide Seiten besonders prägnant: Sie ist ein poetisch zarter Akt, aber zugleich eine heimliche Operation unter Beobachtungsdruck. Ebenso passt die Ökonomie-Metaphorik („Sold“) zum kalkulierenden, geordneten Ton am Ende: Die Liebe wird als Austausch von Blick und Huld gefasst, und der Ton wird entsprechend sachlich-fest, ohne die galante Oberfläche zu verlieren.
II. Analyse
Block A – Existentielle und psychologisch-affektive Dimension
Sichtbar wird zunächst der Grundtrieb des Eros, genauer: der Wunsch nach Nähe, Erwiderung und – im Horizont der Strophen 4 – sogar nach körperlicher Intimität (Kuss). Dieser Liebestrieb erscheint jedoch nicht als ungebrochene Lust, sondern als riskante Energie, die soziale Folgen haben kann. Daraus entsteht als Gegenkraft eine ausgeprägte Angst vor Entdeckung und vor sozialem Schaden: Die Blicke „gerathen in Verdacht“, und das Ich warnt vor „Unglücke“, die aus der „Künheit“ der Augen entstehen könnten. Die Tiefenerfahrung liegt damit in einer barock typischen Konstellation: Liebe ist nicht nur privat, sondern öffentlich lesbar und daher existentiell gefährdet.
Hinzu kommt eine zweite Angst: die Angst vor Selbsttäuschung bzw. vor unechter Erwiderung. Das Ich will wissen, ob Amaranthens Blicke „sonder Heucheley“ dem Herzen nahen. Hier wird die Liebessituation als Erkenntnisproblem erfahren: Nicht nur die Welt könnte den Liebenden missverstehen; auch der Liebende könnte die Geliebte falsch lesen. Diese Spannung – zwischen dem Wunsch nach Zeichen und dem Misstrauen gegen Zeichen – ist ein psychologischer Kern des Gedichts.
Der Mensch zeigt sich als affektbestimmt, indem der Affekt den Körper zum Zeichenapparat macht. Nicht der Mund, nicht das kontrollierte Wort, sondern die Augen und Blicke sind die Träger der Leidenschaft. Das Ich muss seine Augen ermahnen, weil sie offenbar spontaner reagieren als der Wille es erlaubt. Gerade diese Notwendigkeit, den Blick zu disziplinieren, zeigt, dass der Affekt stärker ist als die souveräne Selbststeuerung: Das Begehren „arbeitet“ im Körper und wird in der sozialen Wahrnehmung sichtbar.
Gleichzeitig ist Affekt hier nicht bloß Trieb, sondern wird in eine Handlungsstrategie überführt: Der Blick soll nicht nur verraten, sondern gezielt „ins Hertze schreiben“, „von ferne wissen“ lassen, Bericht bringen und Erwiderung prüfen. Affekt bestimmt das Handeln, aber das Handeln ist zugleich der Versuch, Affekt zu kontrollieren und produktiv zu machen. Der Mensch erscheint damit als Wesen, das im Affekt steht und ihn dennoch in Formen organisiert.
Die zentrale Ambivalenz ist die zwischen Offenbarung und Verbergung. Das Ich will, dass die Geliebte die Botschaft versteht („ins Hertze schreiben“), aber es will nicht, dass „Unbekandten“ etwas entdeckt wird. Es wünscht Nähe und Küssbarkeit, aber es arbeitet zugleich mit Distanz („von ferne“) und mit indirekter Kommunikation. Diese Ambivalenz ist nicht bloß taktisch, sondern psychologisch: Das Ich ist hin- und hergerissen zwischen dem Drang, sich mitzuteilen, und der Angst vor den Folgen der Mitteilung.
Eine zweite Ambivalenz betrifft die Wertung der eigenen Lage. Einerseits ist der Blick verdächtig und kann Unglück stiften; andererseits wird er am Ende positiv umgedeutet als legitime „Währung“ („Sold“), die durch Amaranthens Huld entlohnt werden könnte. Das Ich schwankt damit zwischen Schuldgefühl („auffgelegte Schuld“) und Selbstrechtfertigung (nicht über Unrecht klagen, wenn Huld der Sold ist). Es nimmt seine Leidenschaft zugleich als Last und als berechtigte, durch Treue gedeckte Forderung wahr.
Die affektive Bewegung formt das Gegenüber in zwei Richtungen zugleich: als begehrtes Ideal und als prüfungsbedürftige Instanz. Amaranthen erscheint in galanten Bildern („Rosen-Wangen“, „Huld“), was die idealisierende Wahrnehmung zeigt. Gleichzeitig wird sie zum Objekt einer Echtheitsprüfung: Ihre Blicke sollen ohne Heuchelei dem Herzen nahe sein. Das Ich sieht die Geliebte also nicht nur als schön und gnädig, sondern auch als potenziell zweideutig, zumindest im Sinne der Unsicherheit, ob Zeichen wirklich Gefühle tragen.
Darüber hinaus prägt der Affekt die Wahrnehmung als Erwartungs- und Prognosemodus: Das Ich will „Bericht“, will wissen, „was zu erwarten sey“. Die Geliebte wird dadurch zur Zukunftsinstanz, die über die Richtung der eigenen Existenz entscheidet. Nicht zuletzt erscheint das Gegenüber als Macht der Zuteilung: Amaranthens Huld kann zum „Sold“ werden. Die Liebe des Ich ist damit psychologisch eine Mischung aus Sehnsucht, Hoffnung, Misstrauen und Bereitschaft zur Selbstbelastung – und genau diese Mischung modelliert das Bild der Geliebten.
Block B – Theologische, moralische und erkenntnistheoretische Dimension
Explizite religiöse Semantik tritt im Gedicht nicht hervor; es gibt weder Gebetsformeln noch direkte Verweise auf Gott, Himmel, Jenseits oder Heil. Dennoch lassen sich metaphysische Konnotationen indirekt erkennen, weil der Text eine Welt entwirft, in der Affekte sich in Zeichen einschreiben und damit eine Art unsichtbare Wahrheit sichtbar machen. Die Augen sind nicht nur Organe, sondern Träger einer tieferen Bedeutung; der Blick „schreibt“ ins Herz, und Strahlen, Farben und Nähe/Distanz erscheinen als Medien, durch die Inneres in eine lesbare Ordnung tritt. Diese Vorstellung einer semiotischen Durchlässigkeit – dass innerer Zustand in äußeren Zeichen objektivierbar ist – trägt einen metaphysischen Zug, insofern sie das Subjekt als in einem Sinnzusammenhang stehend denkt, der über bloß willkürliche Kommunikation hinausgeht.
Zudem berührt die Rede vom „Hertze“ eine lange Tradition (auch in religiösen Kontexten) des Herzens als innerem Sitz von Wahrheit und Gesinnung. Wenn die Blicke „ins Hertze schreiben“, wird Liebe als eine Art Einschreibung in den innersten Raum des Menschen vorgestellt. Die Konnotation bleibt jedoch eindeutig im Bereich der Liebes- und Affektpoetik, nicht in einer theologischen Heilsordnung.
Ja, das Gedicht ist moralisch deutlich gerahmt, allerdings nicht im Sinn eines Tugendlehrgedichts, sondern als Ethik der Werbung unter sozialer Beobachtung. Die zentrale Konfliktzone liegt zwischen Begehren und sozialer Norm. Der Verdacht („Gerathen in Verdacht“) zeigt, dass Liebeszeichen als riskant gelten; das Ich muss die Augen zur Vorsicht anhalten, um „Unglücke“ zu vermeiden. Damit ist ein ethischer Horizont gesetzt, in dem Diskretion, Maß und Selbstkontrolle als Tugenden fungieren.
Ein zweiter moralischer Brennpunkt ist die Frage nach Aufrichtigkeit und Heuchelei. Das Ich verlangt ausdrücklich, dass Amaranthens Blicke „sonder Heucheley“ dem Herzen nahen. Das ist eine ethische Forderung nach Authentizität, die das Liebesverhältnis moralisch auflädt: Nicht jedes Zeichen ist wahr, nicht jede Zuwendung ist ehrlich. Gerade weil die Kommunikation indirekt über Blicke läuft, wächst das Risiko des Spiels und der Simulation – und damit die moralische Sensibilität für Wahrhaftigkeit.
Hinzu kommt die auffällige Semantik von Schuld und Unrecht (Strophe 6). Das Ich erklärt, es wolle die „auffgelegte Schuld“ tragen und „nicht über Unrecht klagen“. Liebe erscheint damit als Zustand, der Schuldähnliches erzeugt: entweder weil Werben als Grenzüberschreitung empfunden wird, oder weil der Liebende die Last des Begehrens als selbstverschuldet annimmt. Zugleich wird diese Schuld durch eine Art Gerechtigkeitslogik relativiert: Wenn Amaranthens Huld der „Sold“ der Blicke ist, wird aus Schuld ein legitimer Preis der Werbung. Genau darin liegt eine ethische Spannung: Liebe schwankt zwischen Selbstbelastung (Schuld) und Selbstrechtfertigung (Sold).
Erkenntnis wird im Gedicht als Zeichenlesen und als Indizienlogik modelliert. Nicht das direkte Wort (Bekenntnis) ist der primäre Erkenntnisweg, sondern der Blick als Zeichenmedium. Die Augen sollen „Bericht“ bringen, und das Ich will wissen, „was zu erwarten sey“. Erkenntnis ist damit prognostisch und interpretativ: Sie entsteht aus Beobachtung, aus Rückmeldung, aus dem Deuten von Blicken.
Wichtig ist außerdem, dass Erkenntnis hier nicht neutral, sondern affektiv gebunden ist. Das Ich sucht Gewissheit über die Erwiderung, weil sein Begehren davon abhängt. Zugleich ist Erkenntnis gefährdet durch Gerede und Täuschung: „Man saget“ steht für soziale Fremddeutung, „Heucheley“ für mögliche Falschzeichen. Damit erscheint menschliche Erkenntnis als unsicherer Prozess, der zwischen äußerer Zuschreibung, innerer Hoffnung und der Notwendigkeit kritischer Prüfung vermittelt.
Schließlich wird Erkenntnis als etwas dargestellt, das durch Sprache und poetische Setzungen hergestellt wird: Wenn die Blicke „ins Hertze schreiben“, dann erzeugt das Gedicht ein Modell, in dem Erkenntnis nicht nur gefunden, sondern performativ erzeugt wird – durch die Organisation der Zeichen, durch die Disziplinierung des Blicks und durch die geplante Rückkopplung. Erkenntnis ist hier also ein Resultat von rhetorischer und emotionaler Praxis.
Block C – Form, Sprache und rhetorische Gestaltung
Die Bildsprache ist weniger ornamental als funktional: Sie schafft ein System, in dem Liebe als Zeichenverkehr organisiert wird. Zentral ist die Metapher, dass die Blicke „ins Hertze schreiben“. Damit wird der Blick zum Schreibwerkzeug, das Inneres in Inneres überträgt, ohne den Umweg über offene Rede. Das Bild verbindet Kommunikation und Affekt: Das „Herz“ steht als Sitz der Gesinnung, das „Schreiben“ für dauerhafte Einschreibung, die sich dem flüchtigen Wort entzieht. Damit wird die Liebe zugleich geheim und wirksam: Sie soll nicht „Unbekandten“ offenbar werden, aber sie soll bei Amaranthen eine innere Spur hinterlassen.
Ebenfalls wichtig sind Symbolworte aus dem Feld der Optik: „Augen“, „Blicke“, „Stralen“, „Farben“, „Schein“. Diese Wörter bilden eine Semantik der Sichtbarkeit, die im Gedicht doppelt codiert ist: Sichtbarkeit ist Gefahr (Verdacht) und Chance (Botschaft). Die „Rosen-Wangen“ sind ein typisches galantes Bild, das Schönheit und Begehrenswürdigkeit signalisiert und zugleich den Blick als „Stralen Fahrt“ an ein körperliches Ziel bindet. Schließlich wirkt „Verdacht“ als Schlüsselwort einer quasi-juristischen Metaphorik, die Liebe als delikates, potenziell kompromittierendes Ereignis rahmt, während „Schuld“, „Unrecht“ und „Sold“ die Bildwelt in Richtung moralischer und ökonomischer Deutung öffnen (Liebe als Last und als Lohnordnung).
Die Imperative sind die zentrale Antriebsmaschine des Gedichts. „Nehmt euch … in Acht“, „Entdeckt nicht“, „Lasst … wissen“, „Bringt … Bericht“: Diese Befehle machen aus der Liebesrede eine Instruktionsrede. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Liebe hier nicht spontan, sondern als kontrollierter Vollzug gedacht wird. Die Befehlsform verschärft zudem die innere Spaltung des Ich: Es spricht zu sich selbst (zu den eigenen Augen) wie zu einem unzuverlässigen Gegenüber, das diszipliniert werden muss.
Wiederholungen wirken vor allem leitmotivisch über Wortfelder: die wiederkehrende Blicksemantik („Augen“, „Blicke“, „Stralen“), die wiederkehrende Kontrollsemantik („Achtung“, „Verdacht“, „Entdeckt nicht“) und die wiederkehrende Rückkopplungslogik (Bericht, Erwartung, Urteil über Echtheit). Syntaktisch beschleunigt der Text besonders in Strophen 3–5, weil mehrere Imperative und Ergänzungen in kurzer Folge gesetzt werden und Enjambements den Satz über mehrere Zeilen treiben. Brechungen entstehen durch die Schrägstriche, die als harte Zäsuren Befehle und Teilsätze abtrennen und so eine taktende, modulare Rede erzeugen. Diese modulare Syntax passt zur strategischen Liebeslage: Das Ich denkt in Handlungsschritten.
Die Klanggestaltung unterstützt die galante Beweglichkeit. Bereits die Anfangszeilen bündeln helle, scharfe Klangwerte („Ihr Augen/ eure Blicke“), die zur Optiksemantik passen. Alliterative oder klangnahe Paarungen treten punktuell hervor (etwa in der Nähe von „Blicke“/„Verdacht“ als thematischer Kontrast, oder in den dichten Reimgruppen „Verdacht/macht/Acht“), wodurch die Strophenenden akustisch „versiegelt“ wirken. Assonanzen und Binnenrhythmen ergeben sich zudem aus den wiederholten kurzen Funktionswörtern und den regelmäßigen Akzentmustern des liedhaften Verses; sie erzeugen einen gleichmäßigen Sprechfluss, der die strategische Rede nicht zerfallen lässt.
Besonders prägend ist der Reim als Klanggerüst: Das Schema aa bbb erzeugt pro Strophe eine klare akustische Dramaturgie: Zuerst ein Paarreim als Auftakt, dann ein dreifacher Schlussreim als Verdichtung. Dadurch werden Schlüsselbegriffe im Schlussreimfeld akustisch hervorgehoben (z. B. Verdacht/macht/Acht; allein/Schein/ein; kund; bey; Schuld/Huld/Sold). Der Klang macht damit semantische Knoten hörbar.
Die Sprache erzeugt vor allem Druck und Enge, allerdings in eleganter Form. Druck entsteht durch die Verdachtslage, durch die Imperativkette und durch die Vielzahl an Kontrollsignalen: Der Blick muss sich „in Acht“ nehmen, darf nichts „entdecken“, soll heimlich schreiben und zugleich berichten. Diese Verdichtung von Aufgaben erzeugt eine innere Enge: Liebe ist hier nicht freier Raum, sondern ein Feld von Risiken und Regeln.
Weite entsteht nur punktuell, etwa in der Bildlichkeit von „Stralen Fahrt“ oder in der Vorstellung, dass der Blick sich über Distanz hinweg als Bote bewegt („von ferne wissen“). Diese Weite ist jedoch sofort wieder funktional eingebunden und dient der heimlichen Kommunikation. Ekstase im Sinn ungebremster Leidenschaft wird gerade vermieden; der Text arbeitet nicht mit Ausbrüchen, sondern mit beherrschter Intensität. Ruhe erzeugt die formale Regelmäßigkeit von Strophik und Reim: Die äußere Ordnung stabilisiert die Rede, während der Inhalt die Nervosität liefert. So entsteht eine charakteristische barocke Spannung: formale Ruhe bei affektiver Unruhe.
Block D – Mensch, Welt und anthropologische Grundfigur
Der Mensch erscheint als zeichenproduzierendes Affektwesen, das nicht nur fühlt, sondern in seinem Fühlen unweigerlich sichtbar wird. Das Gedicht macht deutlich, dass Innerlichkeit nicht im Inneren bleibt: Augen und Blicke verraten, werden „in Verdacht“ gezogen, erzeugen Gerede und werden zum Medium einer heimlichen Botschaft. Der Mensch ist daher zugleich handelnd und ausgesetzt: Er kann seine Zeichen regulieren (Imperative, Kontrolle), aber er steht zugleich unter Beobachtung und Deutung durch andere („Man saget“). Die Selbstwahrnehmung ist nicht autonom, sondern von sozialen Spiegelungen mitgeprägt.
Zugleich wird der Mensch als strategisches Wesen dargestellt. Das Ich plant, instruiert, verbietet, lässt berichten, prüft Echtheit. Liebe ist nicht nur Erlebnis, sondern eine Praxis, die in Regeln und Schritte übersetzt wird. Der Mensch ist damit weder reine Natur noch reine Vernunft: Er ist eine Mischfigur aus Begehren, Selbstdisziplin und sozialer Klugheit.
Das Gegenüber (Amaranthen) ist die entscheidende Instanz, an der das Ich seine eigene Identität und Legitimation ausrichtet. Der Sprecher definiert sich als Liebender nicht aus innerer Gewissheit allein, sondern aus dem erwarteten Spiegel der Erwiderung: Er will wissen, ob ihre Blicke „sonder Heucheley“ dem Herzen nahen. Amaranthen ist damit Prüfstein und Richterin zugleich: Ihre Blickantwort entscheidet, ob das eigene Begehren als berechtigt, erwidert und „belohnt“ gelten darf.
Außerdem wirkt das Gegenüber als Quelle einer normativen Ordnung. Wenn am Ende Amaranthens „Huld“ der „Sold“ der Blicke wird, dann wird Selbstdeutung in eine Art Anerkennungsverhältnis überführt: Das Ich versteht sich als treu, leidensbereit, nicht klagend – aber diese Selbstbeschreibung stabilisiert sich erst, wenn das Gegenüber als gnädige, nicht heuchlerische Instanz gedacht werden kann. Der Mensch gewinnt im Gedicht sein Selbst also im Spiegel der geliebten, zugleich gefürchteten Entscheidungsmacht des Du.
Mehrere Leitfiguren sind deutlich:
(a) Der Mensch als „Blickwesen“. Nicht das Wort, sondern der Blick ist das primäre Medium des Selbst. Der Blick ist Ausdruck, Gefahr, Bote und Währung. Damit wird eine Anthropologie sichtbar, in der Körperzeichen eine eigene Wahrheit besitzen und Kommunikation häufig vor der Sprache beginnt.
(b) Der Mensch als „Disziplinierter“. Das Ich spricht zu seinen Augen wie zu einem unzuverlässigen Teil seiner selbst. Diese innere Spaltung (Befehlender vs. Befehlsempfänger) ist eine Leitfigur frühneuzeitlicher Selbstführung: Der Mensch muss sich regieren, weil Affekte sich verselbständigen.
(c) Der Mensch als „soziales“ Wesen. „Man saget“ zeigt, dass die Umwelt permanent interpretiert. Der Mensch lebt nicht in reiner Innerlichkeit, sondern in einem Feld von Zuschreibung, Verdacht und Ruf.
(d) Der Mensch als „Vertragspartner“ der Liebe. Die Semantik von Schuld, Unrecht, Sold und Huld führt eine Leitfigur ein, in der Liebe als Austausch- und Anerkennungsverhältnis begriffen wird: Zeichen werden investiert, Erwiderung wird erwartet, Last wird getragen.
Im Verhältnis zu Grenzen zeigt sich der Mensch als jemand, der die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit permanent austariert. Begehren drängt zur Offenbarung (Blicke, Strahlen), aber die soziale Grenze (Verdacht, Unglück) zwingt zur Verschleierung und indirekten Mitteilung. Das Gedicht macht diese Grenzarbeit selbst zum Thema: Nicht die Liebe an sich, sondern die Form ihres Ausdrucks ist der Kampfplatz.
Im Verhältnis zum Begehren ist der Mensch zugleich hingezogen und beherrschend. Der Blick soll auf „Rosen-Wangen“ zielen, der Mund träumt vom Kuss; zugleich wird das Begehren in Anweisungen, Verbote und Prüfungen übersetzt. Begehren wird dadurch nicht negiert, sondern in eine kontrollierte Praxis verwandelt.
Im Verhältnis zur Sinnsuche zeigt sich, dass Sinn hier als Gewissheit der Erwiderung erscheint. Der Sprecher sucht nicht abstrakten Lebenssinn, sondern Sinn im konkreten Liebesverhältnis: Ist die Zuneigung echt? Was ist zu erwarten? Lohnt sich die Last? Die Sinnfrage ist also eine Frage nach der Wahrheit der Zeichen und nach der Legitimität des eigenen Begehrens. Das Gedicht beantwortet sie nicht durch Erfüllung, sondern durch eine Haltung: Der Liebende ist bereit, die Schuld zu tragen und nicht zu klagen, wenn Huld und Blick in ein stimmiges Verhältnis treten. Sinn ist damit als geordnete Bindung gedacht, nicht als ekstatische Entgrenzung.
Block E – Kontexte, Geschichte und Intertexte
Im Hintergrund steht vor allem die Tradition der barocken galanten Liebeslyrik, die Begehren nicht als unmittelbares Bekenntnis, sondern als kunstvoll regulierte, gesellschaftlich beobachtete Kommunikation entwirft. Das Gedicht knüpft dabei an den europäischen Petrarkismus an, in dem der Blick der Geliebten und die Augen des Liebenden als zentrale Medien der Affekterfahrung fungieren, zugleich aber in eine rhetorische Ordnung (Topik, Reimdisziplin, Pointe) gezwungen werden. Ebenso ist die Opitzsche Normierungmetaphorisch dichten Augen- und Blickrhetorik der Zeit lesen (vom „Strahlen“-Vokabular bis zur Gefahr des Verrats), wie sie in unterschiedlichen Ausprägungen bei der schlesischen und nachschlesischen Liebeslyrik begegnet.
Gleichzeitig arbeitet das Gedicht mit einem frühneuzeitlichen Modell von Kommunikation, das an Emblem- und Zeichenkultur erinnert: Nicht nur Wörter, sondern Körperzeichen, Farben, Blicke und Gesten gelten als lesbare Signaturen, die im sozialen Raum Bedeutungen produzieren. In diesem Sinn ist der Text auch in der Tradition der Rollenlyrik verankert, in der das lyrische Ich als typisierte Figur (der werbende, vorsichtige Liebende) spricht und die soziale Bühne des Begehrens mitreflektiert.
Intertextuell anschlussfähig ist vor allem das Motiv der Augen als Akteure: Augen „spielen“, „strahlen“, „paarten“ sich an „Rosen-Wangen“ und müssen zugleich diszipliniert werden, weil sie als signa amoris gelten, also als verräterische Liebeszeichen. Dazu gehört das klassische Motiv des Liebesblicks als Pfeil/Strahl (hier: „Stralen Fahrt“), das bis in antike und petrarkistische Muster zurückführt, ebenso wie die Vorstellung, dass Liebe nicht primär im Wort, sondern in der Sichtbarkeit des Körpers entsteht und kommuniziert. Ein weiteres starkes Motiv ist die Heimlichkeit: Das Gedicht organisiert Werbung als verdeckte Operation, in der die Botschaft nicht offen ausgesprochen, sondern in „dunckler Farben Schein“ ins Herz „geschrieben“ werden soll; solche Chiffrier- und Geheimhaltungslogiken sind in der galanten Dichtung weit verbreitet, weil sie das Spiel zwischen Öffentlichkeit und Privatheit poetisch produktiv machen.
Schließlich ist die Schlussmetaphorik von Schuld/Unrecht und Sold/Huld als Motivkomplex bemerkenswert. Sie verknüpft Liebeswerbung mit einem quasi-juridischen und ökonomischen Vokabular, das im Barock häufig dazu dient, Leidenschaft als Verhältnis von Last und Gegenleistung zu modellieren: Der Liebende „trägt“ etwas, „klagt“ nicht, hofft aber auf „Huld“ als Entgelt. Intertextuell lässt sich das mit Traditionen verbinden, in denen Liebe als Dienst, Knechtschaft, Vertrag oder Lohnordnung erscheint (Dienstmetaphorik, Minne-Nachklänge, barocke Hof- und Dienstsemantik).
Mythisch liegt der Anschluss über die Eros-/Cupid-Topik nahe, auch wenn der Gott nicht genannt wird: Strahlen, Blicke, Verwundung und die Macht des Begehrens gehören in die Bildfamilie des mythologischen Liebesangriffs, bei dem der Blick als Träger des Affekts fungiert. Philosophisch lässt sich das Gedicht an frühneuzeitliche Vorstellungen von Affektsteuerung und Selbstregierung anbinden: Der Mensch erscheint als innerlich geteilt (das Ich kommandiert die Augen) und als Wesen, das seine Passionen durch Regeln, Vorsicht und strategische Kommunikation zu bändigen versucht.
Biblische Anschlussstellen sind weniger als direkte Allusionen zu verstehen, eher als strukturelle Resonanzen: Die Metapher, etwas „ins Herz zu schreiben“, erinnert an lange Traditionslinien, in denen das Herz als Ort der inneren Einschreibung von Wahrheit, Gesinnung und Bindung gedacht wird. Im Gedicht ist diese Einschreibung jedoch ausdrücklich erotisch-galant funktionalisiert; gerade diese Umcodierung zeigt, wie frühneuzeitliche Symbolsprachen zwischen religiösen und weltlichen Kontexten zirkulieren konnten, ohne dass der Text selbst in eine geistliche Semantik kippt.
Im Horizont der Barockepoche wirkt das Gedicht als exemplarische Miniatur einer Liebeswelt, in der Affekt stets schon von sozialer Beobachtung und Rhetorik begleitet ist: Das „Man saget“ etabliert Öffentlichkeit, der „Verdacht“ setzt eine normative Gefahr, und die Lösung besteht nicht in romantischer Innerlichkeit, sondern in einer kunstvollen, indirekten Zeichenpraxis. Gerade die Verbindung von zarter Bildlichkeit („Rosen-Wangen“, Strahlen, Farben) mit kontrollierenden Begriffen („Achtung“, „Heucheley“, „Schuld“, „Sold“) ist barocktypisch, weil sie die Doppelbindung des Subjekts zeigt: Es begehrt und muss zugleich rechnen.
Im mutmaßlichen Zusammenhang von Abschatz’ Liebesgedichten (die häufig mit konventionalisierten Namen wie Phyllis oder Amaranth arbeiten und galante Szenen über Zeichen, Boten, Verdacht, Dienst und Treue entfalten) wirkt „Ihr Augen/ eure Blicke“ wie eine konzentrierte Ausformulierung einer poetischen Kernkompetenz: Abschatz organisiert Liebeserfahrung als Kommunikationsdramaturgie, in der nicht ein Ereignis erzählt, sondern ein Verfahren vorgeführt wird. Damit reiht sich das Gedicht überzeugend in eine Schreibweise ein, die weniger auf singuläre „Erlebnisschilderung“ als auf rhetorisch gebaute Affektlogik zielt: Das Ich zeigt, wie Liebe im Medium der Zeichen entsteht, sich gefährdet, sich verschleiert und dennoch auf Anerkennung hofft.
Block F – Ästhetik, Sprache und poetologisch-theologische Schlussreflexion
Die ästhetische Leitidee ist eine Poetik der indirekten Mitteilung, die Liebe nicht als unmittelbares Bekenntnis, sondern als kunstvoll organisierten Zeichenverkehr inszeniert. Das Gedicht baut eine kleine Bühne, auf der die Augen als eigenständige Akteure auftreten: Sie sind zugleich Verdachtsmoment, Botendienst und Prüfapparat. Ästhetisch entsteht daraus ein Doppelreiz: einerseits die galante Bildwelt (Strahlen, Rosen-Wangen, dunkle Farben), andererseits die strategische, fast administrative Regie (Achtung, Bericht, Erwartung, Heuchelei-Prüfung). Das Gedicht will nicht „schwärmen“, sondern zeigen, wie Schwärmen gesellschaftlich funktioniert.
Die konsequente Strophik und das strenge Reimschema tragen diese Idee, weil sie Affekt in Formdisziplin überführen. Der Text erzeugt Schönheit gerade dadurch, dass er das Begehren nicht entgrenzt, sondern in eine kontrollierte Ordnung presst. Ästhetik ist hier: Affektbeherrschung als Formkunst. Der Leser erlebt, wie Leidenschaft in Regeln übersetzt wird, und genau diese Übersetzung ist der eigentliche ästhetische Gegenstand.
Die Sprache bildet nicht nur ab, sie vollzieht. Das Gedicht ist performativ, weil es in Imperativen und Setzungen eine Handlung herstellt: Es ermahnt, verbietet, beauftragt, organisiert Rückmeldung und bestimmt Kriterien der Echtheit („sonder Heucheley“). Dadurch entsteht ein Kommunikationsraum, den es außerhalb der Rede nicht gäbe. Die Sprache ist nicht bloß Beschreibung eines Liebeszustands, sondern die Maschinerie der Liebe selbst: Sie diszipliniert den Blick, strukturiert Erwartung, erzeugt Prüfverfahren und entwirft die Logik von Lohn und Last.
Besonders deutlich wird das im Bild „ins Hertze schreiben“. Hier schafft die Sprache eine neue Wirklichkeit: Der Blick wird als Schreibinstrument definiert, und damit wird das Unsagbare (die Liebe) in eine alternative Medialität überführt. Das Gedicht erzeugt eine Welt, in der der Blick tatsächlich „schreiben“ kann, und genau diese poetische Setzung macht die heimliche Werbung denkbar und plausibel. Sprache ist somit schöpferisch, weil sie Umwege erfindet, die soziale Grenzen umgehen.
Die finale Aussage lautet: Gefühl wird im sozialen Raum erst durch Zeichen wirklich, aber Zeichen sind zugleich gefährdet und gefährdend. Das Gedicht zeigt, dass Liebe nicht einfach „im Inneren“ existiert, sondern sich über Blick, Rede, Gerede und Gegenblick realisiert. Gerade deshalb muss sie kontrolliert werden; der Affekt zwingt zur Sichtbarkeit, die Sichtbarkeit zwingt zur Strategie. Dichtung erscheint hier als das Medium, das diese Spannung nicht nur ausdrückt, sondern produktiv macht.
Poetologisch lässt sich daraus gewinnen, dass Dichtung im Barock eine Kunst des Formwerdens von Affekt ist: Sie übersetzt Begehren in Regeln, Rhythmus, Reim und rhetorische Abläufe, ohne den Affekt zu zerstören. Sie macht ihn vielmehr präziser, lesbarer und kommunikationsfähig. In einem weiteren, beinahe „theologischen“ Sinn – nicht als Bekenntnis, sondern als Struktur – behauptet der Text eine Welt, in der Inneres und Äußeres aufeinander bezogen sind: Das Herz ist beschreibbar, der Blick ist bedeutsam, Wahrheit muss geprüft werden. Dichtung ist damit ein Verfahren, das Unsichtbares sichtbar macht, ohne es der plumpen Offenheit preiszugeben, und das die fragile Wahrheit der Liebe gerade in der Kunst der Vermittlung bewahrt.
III. Vers-für-Vers-Kommentar
Strophe 2
Vers 6: „Man saget/ daß ihr spielt“
Beschreibung: Das lyrische Ich berichtet von Gerede: „Man“ behauptet, die Augen/Blicke würden „spielen“. Die Aussage wird als Hörensagen eingeführt.
Analyse: Der unbestimmte Sprecher „Man“ etabliert eine anonyme Öffentlichkeit und macht deutlich, dass die Blicke sozial beobachtet und gedeutet werden. „saget“ markiert das Medium des Gerüchts: Nicht die Tat selbst, sondern das darüber kursierende Urteil wird zum Problem. Das Verb „spielt“ ist doppeldeutig: Es kann kokettes, lockeres Blickspiel meinen, aber auch ein strategisches „Spiel“ mit Affekten, das nicht ganz ernst ist. Der Schrägstrich setzt eine Zäsur, die die Redeweise beinahe protokollarisch wirken lässt: Aussage – Inhalt – Konsequenz. Formal fungiert der Vers als Fortführung der Verdachtslage aus Strophe 1, jetzt nicht als Warnung, sondern als Begründung durch Fremddeutung.
Interpretation: Psychologisch zeigt sich hier die Verletzlichkeit des Liebenden gegenüber sozialer Zuschreibung. Selbst wenn das Ich sich innerlich anders erlebt, kann die Außenwelt sein Blickverhalten als „Spiel“ interpretieren. Damit wird Liebe als sozialer Tatbestand sichtbar: Sie entsteht auch im Blick der anderen, nicht nur im Inneren. Zugleich legt „spielt“ nahe, dass die Situation moralisch prekär ist: Wer „spielt“, ist möglicherweise nicht treu oder nicht ernsthaft – ein Verdacht, den das Ich abwehren will.
Vers 7: „Nach der Verliebten Art/“
Beschreibung: Das Gerede wird präzisiert: Die Blicke sollen „nach der Verliebten Art“ spielen, also wie es bei Verliebten üblich ist.
Analyse: Die Wendung „der Verliebten Art“ ist eine typisierende Formel. Sie ordnet das Verhalten in ein gesellschaftlich bekanntes Muster ein: Verliebte verraten sich durch bestimmte Zeichen, und das „Spiel“ der Blicke gehört dazu. Der Schrägstrich am Versende wirkt wie eine kleine Zäsur, die die Formulierung als Etikett ausstellt. Im Strophenbau (aa bbb) steht dieser Vers als zweiter a-Vers und bereitet den Gegenakzent in Vers 8 vor („wiewohl ichs nie gefühlet“): Das Ich wird sich vom öffentlichen Urteil distanzieren.
Interpretation: Der Vers zeigt, dass das Ich in einer Kultur lebt, in der Liebe nicht nur Gefühl, sondern erlernbare, erkennbare „Art“ ist. Das ist für die Deutung wichtig: Der Sprecher fürchtet nicht nur Entdeckung, sondern die Einordnung in eine Kategorie. „Verliebten Art“ wird zur sozialen Schablone, gegen die das Ich seine eigene innere Erfahrung absetzt.
Vers 8: „Wiewohl ichs nie gefühlet/“
Beschreibung: Das Ich widerspricht oder relativiert das Gerede: Es habe das angebliche Spiel der eigenen Blicke nie so empfunden.
Analyse: „Wiewohl“ eröffnet eine concessive Struktur: Obwohl die Leute es sagen, erlebt das Ich es anders. Der Vers ist ein Moment der Innenperspektive, der die Außenperspektive („Man saget“) konterkariert. „nie gefühlet“ setzt auf Erfahrung und Innensicherheit, doch die Formulierung ist auch defensiv: Das Ich behauptet nicht „es ist nicht so“, sondern „ich habe es nicht so gefühlt“. Damit bleibt eine Unsicherheit im Raum, die zur Grundspannung des Gedichts passt: Zeichen können mehr bedeuten, als das Bewusstsein des Ich wahrhaben will. Das Enjambement führt in die nächste Zeile, wodurch der Widerspruch nicht abgeschlossen, sondern in eine Beschreibung der Blickwirkung überführt wird.
Interpretation: Dieser Vers macht die innere Ambivalenz sichtbar: Das Ich möchte sich als kontrolliert und unschuldig begreifen, zugleich gerät es durch das Gerede in Zweifel. Psychologisch ist dies ein klassischer Moment der Selbstbeobachtung: Das Ich prüft seine eigenen Zeichen und erlebt eine Kluft zwischen innerem Erleben und äußerer Lesbarkeit. Das „nie“ wirkt wie Abwehr – als müsse das Ich sich gegen die Möglichkeit schützen, dass seine Augen tatsächlich „verliebt“ sprechen.
Vers 9: „Und eurer Stralen Fahrt“
Beschreibung: Das Ich beschreibt die Blicke bildhaft als „Strahlen“, deren „Fahrt“ (Bewegung) auf etwas gerichtet ist.
Analyse: Mit „Stralen“ wird ein klassisches Optik- und Liebesbild aktiviert: Der Blick als Lichtstrahl, der ausgeht, trifft, berührt und verwundet. „Fahrt“ dynamisiert das Bild: Der Blick ist nicht statisch, sondern ein Weg, eine Bewegung, beinahe ein Flug. Der Vers setzt damit eine poetische Gegenwelt zum Gerede: Statt sozialer Etikettierung erscheint der Blick als naturhafte, energetische Kraft. Zugleich ist die Konstruktion grammatisch abhängig von Vers 8 („wiewohl ichs nie gefühlet … und …“), was bedeutet: Das Ich hat nicht gefühlt, dass seine Strahlen so wirken – aber gerade indem es diese Wirkung benennt, bestätigt es sie indirekt. Der Vers gehört zum Schlussreimfeld (paart) nur mittelbar, arbeitet aber inhaltlich auf die Zielstelle des Blicks hin.
Interpretation: Die Bildwahl zeigt, dass das Ich die Macht des Blicks kennt, selbst wenn es sie nicht als „Spiel“ empfindet. Der Blick wird als Kraft vorgestellt, die sich auf den Körper der Geliebten richtet. Damit verschiebt sich die Strophe von der Debatte über Gerede zur konkreten Liebesbewegung: Die Augen sind nicht nur verdächtig, sie sind tatsächlich auf etwas Schönes, Begehrtes aus.
Vers 10: „Auff Rosen-Wangen paart.“
Beschreibung: Die Strahlenfahrt wird auf ein Ziel bezogen: Sie paart sich mit „Rosen-Wangen“, also mit dem errötenden, schönen Gesicht der Geliebten.
Analyse: „Rosen-Wangen“ ist ein klassisches galantes Schönheitsattribut; es verbindet Farbe (Rot, Leben, Jugend) mit einem floralen Symbol der Liebe. Das Verb „paart“ ist besonders markant: Es sexualisiert bzw. erotisiert die Blickbewegung, indem es den Blickkontakt als Vereinigung, als Paarung fasst. Damit wird das „Spiel“ der Blicke aus Vers 6 in eine tiefere, körpernahe Dimension übersetzt: Was die Leute „Spiel“ nennen, kann als tatsächliche Bindungsbewegung gelesen werden. Der Vers schließt die Strophe und gibt ihr im dreifachen Schlussreimfeld (Art/paart) einen pointierten Abschluss. Klanglich bringt „paart“ eine harte Endlichkeit, die die Bewegung der Strahlen abrupt fixiert.
Interpretation: Der Schlussvers entlarvt die Unschuldbehauptung teilweise: Selbst wenn das Ich „nie gefühlet“ hat, dass es nach „Verliebten Art“ spielt, beschreibt es doch eine Blickbewegung, die sich ganz eindeutig an die Körperlichkeit der Geliebten bindet. Die Strophe zeigt damit den Kernkonflikt des Gedichts: Das Ich will Kontrolle und Unauffälligkeit, aber der Blick strebt zur Vereinigung. Die „Rosen-Wangen“ markieren das Begehren, das im Blick bereits körperlich wird, ohne dass der Mund spricht.
Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe
Die zweite Strophe vertieft und konkretisiert die in Strophe 1 eröffnete Verdachtslage, indem sie den sozialen Mechanismus der Deutung ausstellt. Mit „Man saget“ tritt eine anonyme Öffentlichkeit auf, die die Blicke des Ich in ein bekanntes Muster einordnet: „nach der Verliebten Art“ zu spielen. Damit wird deutlich, dass Liebe in dieser Welt nicht nur empfunden, sondern vor allem gelesen wird. Der Blick ist ein öffentliches Zeichen, das andere nach Regeln interpretieren, und dieses Interpretationswissen erzeugt den Druck, den das Ich zu Beginn als Gefahr benennt.
Gegen dieses Fremdurteil setzt das Ich eine Innenperspektive: „Wiewohl ichs nie gefühlet“. Doch die Formulierung ist nicht triumphal, sondern defensiv. Sie behauptet ein Nicht-Fühlen, nicht ein Nicht-Sein; dadurch bleibt eine Unsicherheit bestehen, die psychologisch höchst aufschlussreich ist. Gerade in dem Moment, in dem das Ich seine Unschuld beteuert, kippt die Strophe in eine bildhafte Beschreibung der Blickwirkung: „eurer Stralen Fahrt / auff Rosen-Wangen paart“. Die Blicke werden als Strahlen verstanden, also als energetische, zielgerichtete Bewegungen, die sich mit der Schönheit der Geliebten verbinden.
In dieser Bildwendung liegt die eigentliche Pointe: Die Öffentlichkeit nennt es „Spiel“, das Ich nennt es nicht einmal „Gefühl“ – und doch ist die Blickbewegung im Bild bereits eine Art Vereinigung („paart“). Die Strophe macht damit sichtbar, warum das Verdachtsproblem entsteht: Weil der Blick eine Wahrheit trägt, die sich weder vollständig kontrollieren noch vollständig leugnen lässt. Was als oberflächliches Spiel erscheinen mag, hat in der Logik des Gedichts eine tiefe Affektbindung. Strophe 2 bildet so die Brücke vom sozialen Gerede zur inneren Liebesbewegung und bereitet die nächsten Strophen vor, in denen der Blick nicht nur verdächtigt, sondern gezielt als Bote und Schreibinstrument eingesetzt werden soll.
Strophe 3
Vers 11: „Entdeckt nicht Unbekandten“
Beschreibung: Das lyrische Ich erteilt ein Verbot: Die Augen/Blicke sollen „Unbekannten“ nichts entdecken, also nichts offenbaren oder verraten.
Analyse: Der Vers steht im Imperativ und setzt damit die Regieform fort. „Entdeckt“ ist doppeldeutig: Es kann „enthüllen“ (ein Geheimnis preisgeben) und zugleich „erblicken“ (sichtbar machen durch Blick) bedeuten. Die „Unbekandten“ sind die Außenwelt, jene unbestimmten Dritten, vor deren Beobachtung das Ich sich schützen will. Durch die Negation („nicht“) wird aus dem Blick ein kontrollbedürftiges Medium: Sehen ist nicht neutral, sondern sozial folgenreich. Der Schrägstrich fehlt hier, doch die Kürze des Verses wirkt selbst wie eine Zäsur: ein striktes Verbot als Auftakt der Strophe.
Interpretation: Der Vers verdichtet die Grundspannung des Gedichts: Liebe soll kommuniziert werden, aber nicht öffentlich. Das Ich will seine Innerlichkeit nicht der anonymen Deutung preisgeben. Zugleich zeigt die Doppeldeutigkeit von „entdecken“, dass der Blick zugleich Gefahr und Werkzeug ist: Er kann verraten, aber auch gezielt eingesetzt werden. Psychologisch ist dies der Moment, in dem die Defensive in eine Strategie umschlägt: Nicht mehr nur Vorsicht, sondern gezielte Geheimhaltung.
Vers 12: „Was ihr itzund allein“
Beschreibung: Der Vers leitet eine Einschränkung ein: Es gibt etwas, das die Augen „jetzt“ ausschließlich tun sollen.
Analyse: „itzund“ (jetzt) markiert den Augenblick und signalisiert eine aktuelle, dringliche Situation. „allein“ ist exklusiv: Die Augen dürfen sich nicht zerstreuen, sondern sind auf eine einzige Aufgabe festgelegt. Grammatisch ist der Vers ein Vorspann, der den Inhalt erst in den folgenden Zeilen ausführt („was ihr … solt …“). Dadurch entsteht ein Spannungsaufbau: Die Leser werden in eine Erwartung geführt, was dieses exklusiv zu bewahrende Geheimnis ist. Formal wirkt der Vers wie eine Verengung des Blickfeldes: Der Blick soll nicht frei schweifen, sondern fokussiert werden.
Interpretation: Der Vers zeigt die Intensität des Liebesprojekts: Das Ich bündelt seine ganze Zeichenpolitik auf ein einziges Ziel. Liebe erscheint hier als Konzentration und Ausschließlichkeit. Das „Jetzt“ trägt außerdem den Charakter einer Schwelle: Nachdem Strophe 1–2 Verdacht und Gerede beschrieben haben, wird nun eine konkrete, unmittelbare Handlung angesetzt.
Vers 13: „Solt meiner Amaranthen/“
Beschreibung: Die exklusive Zielperson wird genannt: Amaranthen (die Geliebte) ist diejenige, für die die Augen handeln sollen.
Analyse: Der Konjunktiv bzw. die Soll-Form („Solt“) ist normativ: Es ist nicht Wunsch, sondern Vorschrift. „meiner Amaranthen“ ist zugleich Besitzmarkierung und zarte Nennung in konventionalisiertem Namen. „Amaranth“ ist als poetischer Name traditionell aufgeladen (Blume, Unvergänglichkeit), was einen semantischen Hof von Beständigkeit, Schönheit und idealisierter Liebe eröffnet, ohne dass dies explizit ausformuliert werden müsste. Der Schrägstrich am Ende markiert eine Zäsur, die den Namen herausstellt und als Knotenpunkt der Strophe setzt.
Interpretation: Mit der Nennung Amaranthens wird die bisherige Blickdisziplinierung (nicht verraten, nicht öffentlich) in eine positive Richtung gewendet: Das Blickhandeln bekommt Sinn und Ziel. Der Vers deutet zudem eine exklusive Bindung an („meiner“), die in Spannung zur Öffentlichkeit steht: Der Liebende will Zugehörigkeit, aber er muss sie im Modus der Heimlichkeit betreiben.
Vers 14: „Durch dunckler Farben Schein“
Beschreibung: Das Wie der Mitteilung wird beschrieben: Die Botschaft soll durch den „Schein dunkler Farben“ vermittelt werden.
Analyse: Der Ausdruck ist komplex und höchst poetisch. „Schein“ verweist auf Sichtbarkeit, aber nicht als klare Offenbarung, sondern als Erscheinung, Schimmer, Andeutung. „dunckler Farben“ legt eine Semantik der Verschattung nahe: Die Botschaft soll nicht in hellen, eindeutigen Zeichen auftreten, sondern in gedämpfter, schwerer, chiffrierter Form. Damit wird der Blick als Medium einer verschlüsselten Kommunikation entworfen. „Farben“ können dabei sowohl wörtlich (Blick, Erröten, Mimik) als auch übertragen (Stimmung, Affektfärbung) verstanden werden. Der Vers erzeugt einen ästhetischen Kontrast: Strahlen (Strophe 2) waren hell und dynamisch; nun wird der Blick in eine dunkle, kontrollierte Chiffre überführt.
Interpretation: Der Vers beschreibt eine Poetik der Diskretion: Liebe soll sichtbar sein, aber nur so, dass sie für die Richtige lesbar bleibt. Psychologisch entspricht das dem Wunsch, intim zu kommunizieren, ohne sich zu kompromittieren. Zugleich gewinnt der Blick hier eine künstlerische Funktion: Er wird nicht bloß Ausdruck, sondern ein bewusst gestaltetes Zeichen, ein „Schein“, der Bedeutung trägt, ohne offen zu sein.
Vers 15: „Ins Hertze schreiben ein.“
Beschreibung: Die Augen sollen etwas in das Herz Amaranthens „einschreiben“. Der Vers formuliert das Ziel der heimlichen Mitteilung.
Analyse: „schreiben“ ist die zentrale Metapher des Gedichts: Der Blick wird zu einer Schrift, das Herz zur Tafel, die Botschaft zur Einschreibung. Das Verb „einschreiben“ verstärkt die Dauer: Es geht nicht um flüchtiges Zeichen, sondern um eine bleibende Spur. Die Präposition „ins“ markiert den innersten Ort: nicht in den Kopf, nicht ins Ohr, sondern in das Herz. Damit wird die Blickkommunikation als unmittelbarer Weg zur Innerlichkeit konzipiert. Der Vers schließt die Strophe und bündelt im Reimfeld („allein/Schein/ein“) die zentrale Idee: Exklusivität („allein“), Verschattung („Schein“), Einschreibung („ein“). Formal wirkt die Schlusszeile wie eine Zielpunktformel, die das Verfahren in einem einzigen Bild fixiert.
Interpretation: In der Interpretation ist dies der Moment, in dem das Gedicht seine poetische Kernbehauptung ausspricht: Liebe kann ohne Worte wirken, wenn der Blick als Schrift die innere Person erreicht. Der Liebende sucht nicht nur Aufmerksamkeit, sondern innere Zustimmung und Bindung. Das „Herz-Schreiben“ ist zugleich Werbungsstrategie und poetologische Selbstreflexion: Der Text selbst will ins Herz schreiben, nicht nur die Blicke. Damit spiegelt die Metapher die Wirkung, die das Gedicht beim Leser intendiert.
Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe
Die dritte Strophe ist der strategische Kern des Gedichts, weil sie die Blickregie aus der defensiven Vorsicht (Strophe 1) und der Auseinandersetzung mit Gerede (Strophe 2) in eine konkrete, positive Handlung überführt: Die Augen sollen nicht einfach nur vorsichtig sein, sondern sie sollen eine geheime Botschaft zustellen. Der Auftakt „Entdeckt nicht Unbekandten“ verschärft die Grenze zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Der Blick darf nicht „enthüllen“ und nicht „verraten“; er muss selektiv werden. Damit wird die Liebe als eine Praxis der Grenzziehung definiert: Es gibt Zeichen, die nur für die Geliebte bestimmt sind.
Diese Exklusivität wird mit „itzund allein“ und „Solt meiner Amaranthen“ fokussiert: Das Blickhandeln erhält ein einziges, klares Ziel. Zugleich zeigt die Nennung Amaranthens, dass das Ich nicht in abstrakter Angst verharrt, sondern in geordneter Werbung handelt. Besonders bedeutend ist dann die Formulierung „durch dunckler Farben Schein“, die die Ästhetik der Heimlichkeit ausarbeitet. Der Blick soll nicht in hellen Strahlen prahlen, sondern im gedämpften Schimmer, in einer chiffrierten Sichtbarkeit, die für Dritte unverständlich bleibt. Liebe wird hier als semiotische Kunst gedacht: Sie erfindet Zeichen, die zugleich sichtbar und verborgen sind.
Im Schlussvers „Ins Hertze schreiben ein“ kulminiert dieses Verfahren in einer starken Metapher. Der Blick wird zur Schrift, das Herz zur inneren Tafel, und die Liebesbotschaft zur Einschreibung. Damit wird der Wunsch nach Bindung radikal innerlich gefasst: Nicht die äußere Aufmerksamkeit, sondern die innere Zustimmung ist das Ziel. Zugleich hat die Metapher eine poetologische Selbstspiegelung: Das Gedicht vollzieht, was es beschreibt. Es ist selbst eine „Schrift ins Herz“, die die Logik der heimlichen, aber wirksamen Mitteilung performativ vorführt. Die Strophe zeigt daher Liebe als Kunst der indirekten, dennoch eindringlichen Kommunikation – eine barocke Strategie, in der Diskretion nicht Verzicht bedeutet, sondern raffinierte Intensivierung.
Strophe 4
Vers 16: „Lasst sie von ferne wissen/“
Beschreibung: Das lyrische Ich erteilt eine neue Anweisung: Die Augen/Blicke sollen Amaranthen „aus der Ferne“ etwas wissen lassen.
Analyse: Der Imperativ „Lasst“ führt die Regieform konsequent fort, verschiebt aber die Funktion der Augen: Nach der heimlichen Einschreibung ins Herz (Strophe 3) geht es nun um eine gezielte Mitteilung, die als Wissen formuliert ist. „von ferne“ markiert die Distanzsituation und macht deutlich, dass direkte Kommunikation (Nähe, Gespräch) nicht gegeben oder nicht erlaubt ist. Die Zeile arbeitet syntaktisch auf eine Objektbestimmung hin („was …“), die sich über mehrere Verse entfaltet; dadurch wird ein Erwartungsraum geöffnet. Gleichzeitig trägt der Schrägstrich eine Zäsur, die die Fernmitteilung als kontrollierten Schritt ausweist: Die Liebe wird in Etappen organisiert.
Interpretation: Der Vers macht die Liebeslage als soziale und räumliche Begrenzung sichtbar: Das Ich muss über Zeichen kommunizieren, weil unmittelbare Nähe entweder fehlt oder riskant ist. Zugleich erscheint die Liebe hier als „Wissensvermittlung“: Nicht nur Gefühl soll übertragen werden, sondern eine klare Information über Absicht und Treue. Das Ich will, dass die Geliebte nicht nur ahnt, sondern versteht.
Vers 17: „Was dieser treue Mund/“
Beschreibung: Das Ich benennt den Inhalt der Fernmitteilung: Es geht um das, was „dieser treue Mund“ tun oder sagen würde.
Analyse: Mit „dieser“ wird der Mund demonstrativ in Szene gesetzt, als wäre er in der unmittelbaren Präsenz des Sprechers greifbar. Der Mund erscheint als zweite Kommunikationsinstanz neben den Augen: Augen senden Zeichen, der Mund wäre der Ort direkter Rede oder körperlicher Nähe. Das Attribut „treue“ moralisiert und legitimiert die Werbungsabsicht: Der Mund ist nicht verführerisch-falsch, sondern zuverlässig, bindungsfähig. Formal ist der Vers Teil der Fortsetzungssyntax („Lasst sie … wissen, was …“), wodurch die Strophe eine einzige, lange Mitteilungsformel bildet.
Interpretation: Der Vers zeigt, dass das Ich seine Werbung moralisch absichert. Es will nicht als Spieler erscheinen, sondern als treuer Liebender. Der Mund steht dabei nicht nur für Worte, sondern für die Möglichkeit der Intimität. Indem das Gedicht den Mund ausdrücklich als „treu“ bezeichnet, wird die geplante Nähe von vornherein in eine Treueordnung gestellt, nicht in bloßes Begehren.
Vers 18: „Im Fall sie zu beküssen“
Beschreibung: Eine Bedingung wird eingeführt: Es geht um den Fall, dass der Mund die Geliebte küssen dürfte.
Analyse: „Im Fall“ setzt eine hypothetische Konstruktion. Der Kuss erscheint nicht als gegebene Realität, sondern als Möglichkeit, die von Zustimmung und Erlaubnis abhängt. „zu beküssen“ ist als Infinitivkonstruktion elegant umschrieben; der Kuss wird nicht drastisch, sondern galant formuliert. Der Vers führt das Gedicht an eine Schwelle von Körperlichkeit, ohne die Diskretion aufzugeben: Der Kuss bleibt Bedingung, nicht Vollzug. Zugleich ist er der höchste Intensitätspunkt der bisher entfalteten Kommunikationskette: Vom Verdacht (Strophe 1) über Gerede (Strophe 2) und Herzschrift (Strophe 3) führt diese Zeile zur leibhaften Nähe.
Interpretation: Psychologisch ist der Vers ein Moment der Wunschverdichtung: Der Liebende denkt die äußerste Konsequenz seiner Werbung, aber er darf sie nicht direkt fordern. Deshalb erscheint der Kuss als hypothetische Erlaubnissituation. Das legt ein Verhältnis nahe, das von Respekt und zugleich von Sehnsucht geprägt ist. Der Kuss wird als Prüfungsschwelle vorgestellt: Wenn er „vergunt“ wäre, würde sich zeigen, was der Mund wirklich ist – treu, bindend, bekennend.
Vers 19: „Ihm möchte seyn vergunt/“
Beschreibung: Der Vers präzisiert die Hypothese: Der Kuss müsste dem Mund „vergönnt“, also erlaubt oder gewährt werden.
Analyse: „vergunt“ (vergönnt) ist ein Schlüsselwort, weil es die Liebesszene in eine Ordnung von Gabe und Erlaubnis stellt. Der Kuss ist nicht Besitz, sondern Gunst. Grammatisch ist die Konstruktion vorsichtig („möchte“): Sie setzt den Wunsch, aber sie bleibt im Konjunktiv des Möglichen. Dadurch wird die Werbung als höflich-zurückhaltend markiert. Im Strophenreim ist dieser Vers Teil des Schlussreimfelds (Mund/vergunt/kund), das die Aussage akustisch bündelt: Mund – Gunst – Kundgabe. Die Reimkette macht aus der Hypothese eine strophische Logik.
Interpretation: Der Vers zeigt ein zentrales Machtverhältnis: Die Geliebte besitzt die Autorität der Gewährung. Das Ich muss sich dem Prinzip der Gunst unterstellen. Gleichzeitig wird dadurch die Erotik nicht entwertet, sondern aufgewertet: Gerade weil der Kuss Gunst ist, wird er kostbar und bedeutungsvoll. Für die Interpretation ist wichtig, dass Liebe hier nicht als Durchsetzung, sondern als Bitte um Erlaubnis und als Anerkennungsverhältnis erscheint.
Vers 20: „Ihr würde machen kund.“
Beschreibung: Der Schlussvers formuliert die Botschaft: Der Mund würde der Geliebten etwas „kund“ machen, also offenbaren oder mitteilen.
Analyse: „kund machen“ ist eine klassische Formulierung für Offenbarung und Mitteilung. Der Vers schließt die Strophe mit einer Pointe: Die Augen sollen aus der Ferne wissen lassen, was der Mund in der Nähe kundmachen würde. Damit entsteht eine Doppelstruktur der Kommunikation: Fernzeichen (Blick) sollen die Nahrede (Mund) antizipieren. Der Konjunktiv („würde“) hält die Szene im Modus des Möglichkeitsraums; die Intimität bleibt hypothetisch und doch inhaltlich sehr konkret. Der Schlussreim „kund“ rundet die Reimgruppe ab und macht die Strophe zu einer geschlossenen Mitteilungseinheit.
Interpretation: Der Vers verdeutlicht, dass der Kern des Begehrens nicht bloß körperliche Nähe ist, sondern die Sehnsucht nach einem Moment der Wahrheit: In der Kussnähe würde der Mund etwas aussprechen oder erweisen, das im Fernmodus nur angedeutet werden kann. Zugleich zeigt sich hier die poetische Raffinesse des Gedichts: Es lässt die Intimität nicht stattfinden, aber es lässt sie als Möglichkeit „sprechen“, indem es sie in eine konditionale Kundgabe übersetzt. Das Begehren wird dadurch zugleich gezähmt und intensiviert.
Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe
Die vierte Strophe erweitert die in Strophe 3 entwickelte Poetik der Heimlichkeit um eine zweite, noch heiklere Dimension: Sie führt die Blickkommunikation an die Schwelle körperlicher Intimität. Während die vorherige Strophe den Blick als „Schrift“ ins Herz entwarf, organisiert Strophe 4 den Blick als Fernbote, der eine mögliche Nahhandlung des Mundes vorwegnimmt. „Lasst sie von ferne wissen“ setzt eine Distanzlage als Normalzustand und macht deutlich, dass Liebe hier im Medium der Zeichen existieren muss, weil direkte Nähe nicht frei verfügbar ist.
Inhaltlich gewinnt die Strophe ihre Spannung aus dem Kontrast zwischen Ferne und Mund. Der Mund ist das Organ unmittelbarer Nähe, der Ort, an dem Rede und Körper zusammenfallen könnten. Indem er als „treu“ qualifiziert wird, wird der erotische Wunsch moralisch legitimiert: Es geht nicht um flüchtige Verführung, sondern um eine Nähe, die sich als treu ausweisen möchte. Der Kuss wird dann als hypothetischer Grenzfall eingeführt: „Im Fall sie zu beküssen / Ihm möchte seyn vergunt“. Die Formulierung verschiebt die Erotik in den Modus der Gunst. Sie macht aus Intimität eine Gabe, die nur durch Zustimmung möglich wird. Gerade diese Unterordnung unter das Prinzip der Vergönnung steigert die Bedeutung des Kusses: Er wäre nicht nur Lust, sondern ein Zeichen der Anerkennung.
Der Schluss „Ihr würde machen kund“ schließt die Strophe als Kommunikationsfigur: Die Augen sollen übermitteln, was der Mund bei gewährter Nähe offenbaren würde. Damit wird die gesamte Liebeswerbung als Antizipation einer Wahrheitsszene entworfen: Der Liebende lebt in Zeichen, weil der entscheidende Vollzug aussteht; er versucht dennoch, durch Blicke vorab zu klären, ob dieser Vollzug möglich sein könnte. Strophe 4 ist daher ein Kulminationspunkt der affektiven Dramaturgie: Sie zeigt, wie das Ich seine Sehnsucht in kontrollierte Formen gießt und gerade dadurch die Intensität der ersehnten Nähe poetisch steigert.
Strophe 5
Vers 21: „Bringt mir Bericht zurücke/“
Beschreibung: Das lyrische Ich fordert die Augen/Blicke auf, ihm eine Rückmeldung zu bringen. Die Augen sollen als Boten fungieren und „Bericht“ erstatten.
Analyse: Der Imperativ „Bringt“ setzt die Instruktionsrhetorik fort, verschiebt jedoch den Kommunikationsfluss: Nach dem Senden (ins Herz schreiben, von ferne wissen lassen) folgt nun die Rückkopplung. „Bericht“ ist ein auffallend sachlich-administratives Wort; es verleiht der Liebeslage einen quasi amtlichen Ton und markiert Liebe als Problem der Information und Auswertung. „zurücke“ akzentuiert den Botencharakter: Die Augen sollen weggehen und wiederkommen, also einen Kreis der Kommunikation schließen. Der Schrägstrich fungiert als Zäsur, die den Befehl klar absetzt und den Strophenbeginn energisch macht.
Interpretation: Psychologisch zeigt sich hier ein Bedürfnis nach Gewissheit. Das Ich kann die Spannung der Unklarheit nicht ertragen und will Wissen statt bloßer Hoffnung. Zugleich wird die Liebe als kontrolliertes Verfahren sichtbar: Der Liebende organisiert nicht nur Zeichen, sondern er verlangt Resultate. Die Augen werden zu Instrumenten einer inneren „Beweisführung“ für oder gegen Erwiderung.
Vers 22: „Was zu erwarten sey/“
Beschreibung: Das Ich präzisiert den Inhalt des Berichts: Es will wissen, was es künftig erwarten darf.
Analyse: „zu erwarten“ ist eine Zukunftskategorie; der Blickbericht soll eine Prognose liefern. Der Konjunktiv „sey“ hält die Aussage im Möglichkeitsmodus, denn Erwartungen sind nicht sicher, sondern abhängig von Zeichen und Deutung. Der Vers bleibt bewusst allgemein und erzeugt dadurch Spannung: Erwartet werden kann Gunst, Erwiderung, Ablehnung, Schweigen. Formal gehört der Vers zum Paarreim mit Vers 21 (zurücke/…-ücke), wodurch der Strophenauftakt akustisch zusammengezogen wird: Botenauftrag und Erwartungsfrage bilden eine Einheit.
Interpretation: Der Vers zeigt die existenzielle Logik des Liebenden: Liebe wird zur Zukunftsfrage. Das Ich sucht nicht bloß momentane Bestätigung, sondern eine Richtungsentscheidung. Dadurch erhält das Gedicht eine anthropologische Tiefe: Der Mensch will im Affekt nicht nur fühlen, sondern die Zukunft sichern und Sinn aus der Reaktion des Anderen gewinnen.
Vers 23: „Und ob auch ihre Blicke“
Beschreibung: Das Ich benennt das entscheidende Indiz: Es geht um die Blicke der Geliebten, die als Antwortzeichen gelesen werden sollen.
Analyse: Der Vers verschiebt den Fokus: Bisher ging es um die Augen des Ich, nun um die Augen des Gegenübers. Das „Und ob auch“ führt eine Prüfstruktur ein; es ist die Sprache eines Tests. „ihre Blicke“ spiegelt „eure Blicke“ aus Strophe 1: Der Text konstruiert damit ein Gegen-Blick-System, in dem Zeichen auf Zeichen antworten. Formal leitet der Vers das dreifache Schlussreimfeld ein (Blicke/Heucheley/bey) und macht deutlich, dass die Pointe der Strophe in der Echtheitsfrage liegen wird.
Interpretation: Die Liebe wird hier als Dialog der Zeichen dargestellt. Das Ich kann nicht in sich selbst abschließen, sondern braucht den Gegenblick als Spiegel, als Bestätigung oder Widerlegung. Zugleich zeigt die Fixierung auf „Blicke“, dass die Kommunikation weiterhin indirekt bleibt: Nicht ein Wort der Geliebten wird erwartet, sondern ein Zeichen, das gedeutet werden muss.
Vers 24: „Sich/ sonder Heucheley/“
Beschreibung: Das Kriterium wird genannt: Die Blicke der Geliebten sollen ohne Heuchelei sein, also nicht vorgetäuscht oder verlogen.
Analyse: „Heucheley“ ist ein stark moralisch aufgeladenes Wort. Es bringt eine Ethik der Wahrhaftigkeit in die Blickkommunikation ein und zeigt zugleich, wie fragil Zeichen sind: Blicke können gespielt, simuliert, missverständlich sein. Der Schrägstrich nach „Sich“ setzt eine harte Zäsur und betont das Reflexive: Es geht um die Bewegung der Blicke, wie sie sich selbst „richten“ oder „wenden“. Die Einschaltung „sonder Heucheley“ ist wie eine Prüfplombe, die das Ganze absichert. Im Reimfeld bindet „Heucheley“ die Strophe in eine klangliche Dreiergruppe, wodurch die Echtheitsforderung nicht nur semantisch, sondern akustisch hervorgehoben wird.
Interpretation: Dieser Vers zeigt die Angst des Ich vor Täuschung und Selbsttäuschung. Gerade weil die Kommunikation im Medium des Blicks läuft, wächst das Misstrauen: Zeichen könnten trügen. Der Liebende verlangt nicht nur Erwiderung, sondern ehrliche Erwiderung. Damit wird die Liebe als moralisch riskantes Erkenntnisfeld gezeigt: Man kann sich in Zeichen verlieren, wenn sie nicht wahr sind.
Vers 25: „Dem Hertzen nahen bey.“
Beschreibung: Das Zielkriterium wird präzisiert: Die Blicke sollen dem Herzen nahe sein, also aus innerer Bewegung kommen und innerlich treffen.
Analyse: Die Formulierung verbindet Blick und Herz als zwei Ebenen: das sichtbare Zeichen und die unsichtbare Innerlichkeit. „Dem Hertzen“ kann sowohl das Herz des Ich (seine Hoffnung) als auch das Herz der Geliebten (ihre Gesinnung) evozieren; entscheidend ist die Idee der inneren Nähe. „nahen bey“ verstärkt die Annäherung, es ist eine doppelte Näheformel, die die Intensität steigert. Im Reimfeld mit „Blicke/Heucheley/bey“ entsteht eine semantische Kette: Blick – Echtheit – Herznähe. Dadurch wird die Strophe als Prüfungsgang gebaut: Nicht irgendein Blick zählt, sondern der wahre Blick, der dem Herzen nahekommt.
Interpretation: Der Schlussvers formuliert den Wunsch nach einer Antwort, die nicht bloß sozial höflich, sondern innerlich bindend ist. Das Ich sucht nicht die Oberfläche des Umgangs, sondern das Herzzeichen. Damit führt die Strophe die in Strophe 3 begonnene Herzsemantik fort: Dort sollten die eigenen Blicke ins Herz schreiben; hier sollen die fremden Blicke zeigen, ob sie dem Herzen nahe sind. Liebe wird als gegenseitige Innerlichkeitsnähe entworfen, die jedoch nur über Zeichen erschlossen werden kann.
Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe
Die fünfte Strophe ist die Schaltstelle der Rückmeldung und damit der entscheidende Prüfpunkt in der Kommunikationsdramaturgie des Gedichts. Nachdem die Augen zuvor diszipliniert, als heimliche Schriftsetzer (Strophe 3) und als Fernboten der möglichen Mundnähe (Strophe 4) eingesetzt wurden, verlangt das Ich nun ein Ergebnis: „Bringt mir Bericht zurücke“. Liebe wird hier als Verfahren entworfen, das nicht im Senden aufgeht, sondern eine Rückkopplung braucht. Der Liebende will nicht im Zeichenmodus verharren, sondern er will wissen, „was zu erwarten sey“.
Inhaltlich verschiebt sich der Blickfokus auf das Gegenüber: „ob auch ihre Blicke“. Damit wird die Liebe als Dialog der Zeichen sichtbar. Der Liebende bleibt in Distanz, aber er sucht den Gegenblick als Antwort. Entscheidend ist jedoch nicht irgendeine Antwort, sondern die Echtheit: „sonder Heucheley“. Mit diesem Wort tritt eine moralische Schärfe ein. Das Gedicht zeigt, dass die indirekte Blickkommunikation besonders anfällig für Täuschung ist: Blicke können gespielt, höflich, missverständlich sein. Deshalb verlangt das Ich ein Zeichen, das nicht bloß Oberfläche ist, sondern innerlich fundiert.
Der Schluss „Dem Hertzen nahen bey“ bündelt diese Sehnsucht nach Innerlichkeit. Der Liebende möchte, dass der Blick des Gegenübers dem Herzen nahe ist, also dass er aus echter Zuneigung kommt und echte Nähe eröffnet. Damit korrespondiert die Strophe mit dem Herz-Schreiben der vorherigen Strophe: Was das Ich ins Herz schreiben wollte, soll nun als Herznähe zurückscheinen. Insgesamt zeigt Strophe 5 eine barock präzise Affektökonomie: Aus Vorsicht und Geheimhaltung wird ein Prüfverfahren, das Wahrheit von Spiel scheiden soll. Liebe erscheint als Erkenntnisproblem, das ethisch aufgeladen ist: Nicht nur Erwiderung zählt, sondern die wahrhaftige Erwiderung, die den Schritt aus dem Zeichenlabor in eine echte Bindung vorbereitet.
Strophe 6
Vers 26: „Ich will mit Willen tragen“
Beschreibung: Das lyrische Ich formuliert eine Selbstverpflichtung: Es will etwas „mit Willen“ tragen, also bewusst und freiwillig erdulden.
Analyse: Der Vers markiert einen deutlichen Perspektivwechsel: Nach den Anweisungen an die Augen (Imperative) tritt nun das Ich selbst in den Vordergrund und spricht in der ersten Person über seine Haltung. „will … mit Willen“ ist eine bewusste Verdopplung, die die Entschlossenheit performativ verstärkt. Das Verb „tragen“ gehört in die Semantik von Last, Pflicht und geduldigem Ertragen; es stellt Liebe als Bürde dar, die nicht abgeworfen, sondern angenommen wird. Formell eröffnet der Vers eine ethisch gefärbte Schlussstrophe: Die Handlung (Boten, Zeichen, Prüfung) mündet in eine Haltung.
Interpretation: Psychologisch ist dies der Moment der Selbstfassung. Das Ich entscheidet sich, die Konsequenzen seiner Liebe zu übernehmen, unabhängig vom Ausgang. Damit wird die Liebe nicht nur als Affekt, sondern als Willensakt verstanden: Der Liebende macht sich verantwortlich für das, was die Leidenschaft an Risiken und Schmerzen erzeugt.
Vers 27: „Die auffgelegte Schuld/“
Beschreibung: Der Gegenstand des Tragens wird benannt: eine „aufgelegte Schuld“, also eine zugemessene oder auferlegte Schuld.
Analyse: „auffgelegt“ klingt nach äußerer Instanz: Schuld wird nicht nur empfunden, sondern wie eine Last auferlegt, fast wie eine Strafe oder Abgabe. Damit tritt eine juristisch-moralische Semantik offen hervor. Unklar bleibt bewusst, worin die Schuld besteht: im verdächtigen Blickspiel, in der Liebesabsicht, im sozialen Risiko, vielleicht sogar in der Anmaßung zu begehren. Gerade diese Unbestimmtheit macht das Wort stark: Es zieht die gesamte vorherige Verdachtslogik in einen moralischen Horizont. Der Schrägstrich setzt eine Zäsur, die das Wort „Schuld“ wie einen Stempel herausstellt.
Interpretation: In der Deutung zeigt sich hier ein barockes Grundgefühl: Leidenschaft steht leicht unter Schuldverdacht, weil sie Normen, Reputation und Ordnung gefährdet. Das Ich akzeptiert diese moralische Belastung, statt sie abzuwehren. Damit gewinnt die Liebe eine Dimension von Buße oder Selbstdisziplin, ohne dass sie religiös wird: Es geht um die Anerkennung der eigenen Verstrickung.
Vers 28: „Nicht über Unrecht klagen/“
Beschreibung: Das Ich erklärt, es werde nicht über Unrecht klagen. Es verzichtet auf Beschwerde und Opferpose.
Analyse: Der Vers setzt eine negative Selbstregel: Nicht klagen. „Unrecht“ verstärkt die juristische Semantik und stellt die Situation in ein Gerechtigkeitsregister. Das Ich könnte sich als ungerecht behandelt empfinden (etwa durch Gerede, Verdacht, Distanz, verweigerte Erwiderung), aber es entscheidet sich gegen Klage. Damit wird eine Haltung der Selbstbeherrschung und Würde formuliert. Formal bildet der Vers mit Vers 26 den Paarreim (tragen/klagen) und erzeugt so eine innere Parallelität: Tragen statt Klagen. Die Reimstruktur macht aus der Haltung eine strophische Maxime.
Interpretation: Der Verzicht auf Klage zeigt, dass der Liebende seine Liebe nicht als Anspruch durchsetzen will, sondern als Risiko annimmt. Es ist eine Art stoischer Zug: Wer liebt, nimmt die Möglichkeit von Ungerechtigkeit in Kauf. Gleichzeitig enthält der Vers auch eine stille Selbstrechtfertigung: Wenn das Ich nicht klagt, wirkt es moralisch überlegen und treu – und kann gerade dadurch auf Huld hoffen.
Vers 29: „Wo Amaranthens Huld“
Beschreibung: Es wird eine Bedingung oder Konstellation gesetzt: Dort, wo Amaranthens Huld (Gunst, Wohlwollen) vorhanden ist.
Analyse: „Wo“ kann konditional („wenn“) gelesen werden: Nicht zu klagen gilt in dem Fall, dass Huld als Ausgleich erscheint. „Huld“ ist ein klassisches galantes Schlüsselwort und bezeichnet eine Gnade innerhalb höfischer und erotischer Ordnung. Es rückt Amaranthen in die Rolle der Zuteilenden: Sie kann Huld gewähren oder verweigern. Der Vers leitet das Schlussreimfeld ein (Huld/Sold) und bereitet die ökonomische Metaphorik vor, die die Strophe pointiert abschließt.
Interpretation: Der Vers zeigt, dass die Haltung des Ich nicht reiner Verzicht ist, sondern auf Anerkennung zielt. Huld ist die ersehnte Antwort, die die „Schuld“ und das „Unrecht“ in eine positive Ordnung überführen könnte. Damit wird Amaranthen zur Instanz, die die Liebeslage moralisch und existenziell entscheidet: Ihre Huld kann Last in Sinn verwandeln.
Vers 30: „Ist meiner Blicke Sold.“
Beschreibung: Der Schlussvers definiert ein Verhältnis: Amaranthens Huld ist der „Sold“ (Lohn) für die Blicke des Ich.
Analyse: „Sold“ ist ein auffallend sachlich-ökonomisches Wort und zugleich ein Dienstwort: Es erinnert an Militär- oder Hofdienstbezahlung. Damit wird Liebe als Dienst- und Austauschverhältnis modelliert. Wichtig ist, dass der „Sold“ nicht Geld meint, sondern Anerkennung: Huld ist die Vergeltung für Blicktreue. Der Vers bindet das ganze Gedicht an sein Grundmedium zurück: an die Blicke. Was am Anfang „in Verdacht“ geriet, wird am Ende als „Leistung“ begriffen, die entlohnt werden kann. Formal ist die Schlusszeile die Pointe des ganzen Textes, weil sie das anfängliche Problem (Verdacht) in eine Legitimationslogik überführt: Der Blick ist nicht nur Gefahr, sondern Einsatz.
Interpretation: Der Vers schließt das Gedicht mit einer doppelten Deutung der Liebe: Sie ist Last (Schuld) und zugleich Vertrag (Sold). Das Ich akzeptiert die Belastung, weil es darauf hofft, dass Amaranthens Huld sie rechtfertigt. Anthropologisch zeigt sich hier eine Liebesauffassung, die Anerkennung und Gegenleistung braucht: Nicht im Sinne von Kälte, sondern im Sinne einer Ordnung, die dem Liebenden erlaubt, seine riskante Zeichenpraxis als sinnvoll zu begreifen.
Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe
Die sechste Strophe bildet den ethischen und poetologischen Schlussstein des Gedichts, indem sie die zuvor entfaltete Zeichenstrategie in eine Haltung der Selbstverantwortung überführt. Auffällig ist der Perspektivwechsel: Nicht mehr die Augen werden kommandiert, sondern das Ich spricht über sich selbst. Damit wird deutlich, dass die ganze Blickregie letztlich auf eine innere Entscheidung zielt: Der Liebende will seine Liebe nicht nur geschickt kommunizieren, sondern er will sie als Last und Verpflichtung annehmen.
Mit „Ich will mit Willen tragen / Die auffgelegte Schuld“ wird Liebe in die Semantik von Schuld und Bürde hineingestellt. Diese Schuld ist nicht präzisiert, und gerade dadurch umfasst sie die gesamte prekäre Lage: das Verdächtigwerden, das Gerede, die Gefahr, durch Zeichen zu viel zu sagen, und möglicherweise auch die innere Anmaßung, überhaupt zu begehren. Das Ich nimmt diese Belastung nicht als Fremdunrecht, sondern als Teil seiner Liebesexistenz an. Der folgende Vers „Nicht über Unrecht klagen“ macht daraus eine Ethik der Würde: Der Liebende verzichtet auf Jammer und Beschwerde, er nimmt die Risiken des Affekts als seine eigene Sache.
Gleichzeitig kippt die Strophe nicht in bloße Resignation. Mit „Wo Amaranthens Huld / Ist meiner Blicke Sold“ wird eine Gegenordnung gesetzt: Amaranthens Gunst kann die Last nicht aufheben, aber sie kann sie rechtfertigen und verwandeln. Der Begriff „Sold“ bringt eine Dienst- und Austauschmetaphorik ins Spiel, die das Gedicht an sein zentrales Medium zurückbindet: den Blick. Was am Anfang als gefährlicher, verdächtiger Blick erschien, wird am Ende als Einsatz verstanden, der eine Vergeltung in Form von Huld finden könnte. Damit schließt sich der Kreis: Der Blick, der Verdacht erzeugt, ist zugleich das Medium, durch das Anerkennung möglich wird.
Insgesamt formuliert die Schlussstrophe eine barock präzise Synthese: Liebe ist ein Zustand, der Schuldähnliches erzeugt, weil er in soziale und moralische Spannungsfelder hineinragt, doch der Liebende kann diese Spannung tragen, wenn die Erwiderung als Huld erscheint. So endet das Gedicht nicht mit Erfüllung, sondern mit einer gefassten, selbstdisziplinierten Bereitschaft: Der Liebende hält seine Position, nimmt die Last an und vertraut darauf, dass die Zeichenordnung der Liebe – Blick gegen Huld – sich als gerecht erweisen könnte.
Strophe 6
Vers 26: „Ich will mit Willen tragen“
Beschreibung: Das lyrische Ich formuliert eine entschlossene Selbstzusage: Es will etwas bewusst und freiwillig „tragen“.
Analyse: Der Vers verschiebt den Textmodus von der Blick-Regie (Imperative an die Augen) zur Selbstregie des Ich. Die Verdopplung „will mit Willen“ intensiviert die Volitionsgeste und macht aus dem Satz eine programmatische Haltung. „tragen“ gehört in eine Semantik von Last, Pflicht, Geduld und Standhaftigkeit; es rahmt die Liebeslage nicht als bloßes Gefühl, sondern als zu übernehmende Bürde. Im Strophenbau wird hier zudem eine Schlussbewegung vorbereitet: Der Text zielt auf eine ethische, nicht mehr nur strategische Lösung.
Interpretation: Der Vers markiert die Selbstdisziplin des Liebenden. Er akzeptiert, dass seine Liebe mit Belastungen verbunden ist, und entscheidet sich aktiv, diese nicht abzuschütteln. Damit wird Liebe als Willensakt erkennbar: Der Affekt wird nicht geleugnet, aber in eine Haltung der Verantwortung überführt.
Vers 27: „Die auffgelegte Schuld/“
Beschreibung: Das, was getragen werden soll, wird benannt: eine „aufgelegte Schuld“, also eine zugemessene oder auferlegte Schuld.
Analyse: „auffgelegte“ suggeriert eine äußere Setzung: Schuld liegt nicht nur im Inneren als Reuegefühl, sondern erscheint wie eine Last, die von außen (Konvention, Gerede, Moralordnung) auf das Ich gelegt wird. Der Begriff „Schuld“ verschärft die zuvor angedeutete juristische Semantik („Verdacht“) und macht aus der Liebessituation eine moralisch prekäre Konstellation. Die Zäsur durch den Schrägstrich isoliert den Ausdruck, sodass „Schuld“ als Strophenkern hervortritt.
Interpretation: Das Ich erkennt an, dass seine Liebe – oder zumindest ihre Zeichen (Blick, Werbung, mögliche Intimität) – in einer Ordnung steht, die sie als verfehlungsnah bewertet. Diese Anerkennung kann als barocke Selbstzucht gelesen werden: Leidenschaft ist kraftvoll, aber sie verlangt, dass der Liebende die Folgen (Schuldzuweisung, Verdachtsdruck) mitträgt, statt sie abzuwehren.
Vers 28: „Nicht über Unrecht klagen/“
Beschreibung: Das Ich beschließt, nicht über „Unrecht“ zu klagen, also keine Beschwerde zu führen, auch wenn es sich ungerecht behandelt fühlen könnte.
Analyse: „Unrecht“ setzt die juristisch-moralische Begrifflichkeit fort und legt nahe, dass es objektive oder subjektive Gründe für Klage gäbe (Gerede, Verdacht, Distanz, verweigerte Erwiderung). Der Vers ist als Negationssatz eine Disziplinformel: Nicht klagen. Im Reimfeld verbindet er sich mit Vers 26 (tragen/klagen) und bildet damit eine strophische Maxime: Der Liebende trägt, er klagt nicht. Diese Reimkopplung erzeugt nicht nur Klang, sondern eine innere Argumentation: Das Tragen soll gerade dadurch glaubwürdig werden, dass es ohne Klage geschieht.
Interpretation: Der Vers zeigt eine Haltung von Würde und Selbstbeherrschung. Das Ich will seine Liebe nicht als Anspruch durchsetzen und nicht in eine Opferrolle kippen. Es nimmt die Spannung der Situation an, ohne sie in Anklage zu verwandeln. Damit gewinnt die Liebe eine moralische Qualität: Treue zeigt sich nicht in Erfolg, sondern im Nicht-Klagen.
Vers 29: „Wo Amaranthens Huld“
Beschreibung: Eine Bedingung oder Konstellation wird gesetzt: Dort, wo Amaranthens Huld (Gunst, Wohlwollen) vorhanden ist.
Analyse: „Wo“ ist semantisch offen: Es kann lokal („dort, wo“) oder konditional („wenn“) gelesen werden. In beiden Fällen wird Amaranthen als Instanz der Zuteilung aufgerufen: „Huld“ ist ein Schlüsselwort höfischer Galanterie und bezeichnet eine Gnade, die nicht erzwingbar ist. Damit wird die Liebessituation in eine Asymmetrie gestellt: Der Liebende kann tragen und verzichten, aber die entscheidende Wendung hängt an der Huld des Gegenübers. Der Vers führt zugleich in das Schlussreimfeld, das mit „Sold“ endet und die Strophe pointiert abschließt.
Interpretation: Amaranthens Huld erscheint als das, was die gesamte Belastung des Ich sinnvoll machen kann. Ohne Huld wäre das Tragen nur Schmerz; mit Huld wird es als treuer Einsatz gerechtfertigt. Der Vers legt daher eine Anerkennungslogik offen: Der Liebende lebt von der Hoffnung, dass das Gegenüber seine Zeichen und seine Haltung wahrnimmt und erwidert.
Vers 30: „Ist meiner Blicke Sold.“
Beschreibung: Der Schlussvers definiert das Verhältnis: Amaranthens Huld ist der „Sold“ (Lohn) für die Blicke des Ich.
Analyse: „Sold“ ist ein ökonomisch-dienstliches Wort und setzt die Liebe in eine Austauschlogik: Blickleistung gegen Huld. Dabei ist „Sold“ nicht materielle Bezahlung, sondern symbolische Vergeltung – Anerkennung, Erwiderung, Gunst. Der Vers schließt den Kreis zum Anfang: Die Blicke, die „in Verdacht“ gerieten, werden nun als legitimer Einsatz gefasst, der einen Lohn verdienen kann. Das ist rhetorisch eine starke Umwertung: Aus dem Verdachtsmoment wird eine Leistungsmetapher. Klanglich wirkt „Huld/Sold“ wie ein hartes, endgültiges Schluss-Paar, das die Strophe und das Gedicht abrundet.
Interpretation: Der Vers bringt die Ambivalenz der Liebe auf eine Formel: Liebe ist Last und zugleich Vertrag. Der Liebende will die Schuld tragen und nicht klagen, weil er darauf setzt, dass Amaranthens Huld diese Last rechtfertigt. Anthropologisch zeigt sich hier ein Bedürfnis nach Sinn und Ausgleich: Der Mensch erträgt affektive Belastung, wenn sie in eine Anerkennungsordnung überführt werden kann.
Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe
Die sechste Strophe bündelt das Gedicht zu einer Schlussreflexion, in der aus der zuvor entfalteten Blickstrategie eine Ethik der Liebe wird. Das Ich tritt nun nicht mehr als Regisseur seiner Augen auf, sondern als Subjekt, das seine Lage bejaht: „Ich will mit Willen tragen“. Diese Willensverdopplung ist entscheidend, weil sie Liebe als bewusste Haltung ausweist. Der Liebende akzeptiert, dass sein Begehren in einer sozialen Ordnung steht, die Verdacht erzeugt und Schuldzuweisungen nahelegt. Statt diese Ordnung zu beklagen, übernimmt er die Last als „auffgelegte Schuld“.
„Nicht über Unrecht klagen“ ist dabei nicht bloße Resignation, sondern eine Form der Selbstbeherrschung und Würde. Das Ich setzt dem möglichen Gefühl der Ungerechtigkeit (Gerede, Distanz, unklare Erwiderung) eine Haltung entgegen, die den Affekt nicht in Anklage, sondern in Standhaftigkeit verwandelt. In dieser Haltung spiegelt sich eine barocke Liebeslogik: Wer liebt, trägt und leidet, ohne sich durch Klage selbst zu entwerten.
Gleichzeitig eröffnet die Strophe eine Gegenordnung, die die Last nicht aufhebt, aber deutet: „Wo Amaranthens Huld / Ist meiner Blicke Sold.“ Mit „Huld“ wird die erhoffte Erwiderung als Gunst gedacht, die nicht erzwingbar ist; mit „Sold“ wird diese Gunst als Vergeltung eines Dienstes modelliert. Der Blick – zunächst gefährlich und verdächtig – erscheint nun als Einsatz, als Leistung, die sich in Anerkennung verwandeln könnte. Der Schluss formuliert damit eine Synthese: Liebe ist eine riskante, schuldnahe Verstrickung, die der Liebende willentlich trägt, weil er hofft, dass die Gunst des Gegenübers diese Verstrickung in eine sinnvolle, gerechte Austauschordnung überführt. Das Gedicht endet nicht mit Erfüllung, sondern mit einer gefassten Bereitschaft, die Spannung der Liebe auszuhalten und sie als Ordnung von Zeichen, Last und Anerkennung zu verstehen.
IV. Deutung und Gesamtschau
1. Grundthese der Deutung
Das Gedicht entwirft Liebe als regelgeleitete Zeichenpraxis im Spannungsfeld von Innerlichkeit und Öffentlichkeit: Der Blick ist zugleich verräterisches Symptom und gezielt eingesetztes Kommunikationsinstrument. Aus der sozialen Gefahr des „Verdachts“ entwickelt das lyrische Ich eine Strategie der diskreten Mitteilung (Blick als Bote und „Schrift“), die auf eine Antwort des Gegenübers zielt, jedoch durch ein ethisches Prüfverfahren (Echtheit statt „Heucheley“) abgesichert werden muss. Der Schluss fasst diese Liebeslage als Last und Anerkennungsordnung: Der Liebende trägt „Schuld“ ohne Klage, weil Amaranthens Huld als legitimer „Sold“ seiner Blicke erhofft wird.
2. Verzahnung der Ebenen und Deutungsstränge
Die Deutung gewinnt ihre Schärfe aus der engen Verschränkung mehrerer Ebenen, die sich im Gedicht gegenseitig stützen und zugleich Spannung erzeugen. Auf der kommunikativen Ebene wird ein vollständiger Kreislauf aufgebaut: (1) Gefahr der Sichtbarkeit und soziale Deutung („Man saget“, „Verdacht“), (2) Regulierung des Zeichens (Achtung, Verbot des „Entdeckens“), (3) gezielte Sendung (Blicke sollen „ins Hertze schreiben“ und „von ferne wissen“ lassen), (4) Rückkopplung (Bericht, Erwartung), (5) Evaluierung (Heuchelei-Prüfung, Herznähe). Die Liebe erscheint dadurch weniger als Ereignis denn als Verfahren, das mit den Mitteln des Blicks operiert.
Auf der psychologisch-affektiven Ebene zeigt sich eine innere Spaltung des Ich: Es spricht zu seinen Augen wie zu einem eigenmächtigen Teil, den es disziplinieren muss. Dadurch wird Leidenschaft als etwas sichtbar, das sich dem Bewusstsein entzieht und doch kontrolliert werden soll. Das Begehren drängt zur Nähe (Kuss-Hypothese, Rosen-Wangen), wird aber in Diskretion und Prüfregeln überführt. Die Spannung liegt darin, dass die Intensität des Wunsches gerade durch den Verzicht auf direkte Rede gesteigert wird: Die Indirektheit erzeugt eine besondere Verdichtung.
Auf der moralisch-erkenntnistheoretischen Ebene wird die Zeichenpraxis normativ gerahmt. Der Verdacht verweist auf soziale Normen; „Heucheley“ markiert die Gefahr falscher Zeichen; „Schuld“ und „Unrecht“ zeigen, dass Liebe als schuldnahe Verstrickung erfahren werden kann. Das Ich sucht daher nicht bloß Erwiderung, sondern wahre Erwiderung, die dem „Hertzen“ nahe ist. Erkenntnis entsteht als Deutung von Indizien, und diese Deutung muss moralisch abgesichert werden.
Auf der rhetorisch-formalen Ebene spiegelt sich diese Ordnung in der Strophik selbst: Das strenge Reimgerüst (je Strophe klare Reimblöcke) stabilisiert eine innere Unruhe. Die Imperative erzeugen Druck und Handlungstakt, während die Bildsprache (Strahlen, dunkler Farben Schein, Herzschrift) den Affekt in poetische Medien übersetzt. Form wird damit zum Modell der Selbstregierung: Sie gibt dem Begehren eine kontrollierte Gestalt.
Schließlich bindet die Schlussmetaphorik die Ebenen zusammen: Aus der problematischen Sichtbarkeit der Blicke wird eine Dienst- und Anerkennungslogik (Blicke als Einsatz, Huld als Sold). Hier verschmelzen Sozialität, Ethik und Affekt: Der Liebende kann tragen und nicht klagen, wenn die Zeichenordnung in Anerkennung mündet. Damit ist die ganze Gedichtbewegung als Transformation lesbar: vom Verdacht zur legitimen Hoffnung.
3. Anthropologische oder poetologische Schlussaussage
Anthropologisch behauptet das Gedicht, dass der Mensch ein zeichenhaftes und zugleich selbstregierendes Wesen ist: Er kann seine Affekte nicht vollständig verbergen, weil sie sich im Blick ausdrücken, aber er kann sie durch Regeln, Diskretion und strategische Kommunikation formen. Liebe ist darum kein bloßer Innenzustand, sondern ein sozialer, moralisch riskanter Vollzug, in dem Wahrheit als Echtheit von Zeichen geprüft werden muss.
Poetologisch lässt sich daraus gewinnen: Dichtung ist die Kunst, Unsagbares in vermittelnde Zeichen zu übersetzen. Die Metapher der „Herzschrift“ macht sichtbar, was das Gedicht selbst leistet: Es erzeugt einen Raum, in dem Blick, Farbe, Herz und Gunst zu einer semiotischen Ordnung werden. Sprache bildet nicht nur Gefühle ab, sondern vollzieht sie als geformte, kontrollierte Intensität. So steht am Ende eine barock präzise Pointe: Nicht die Entgrenzung, sondern die disziplinierte Indirektheit macht Liebe kommunikabel und bewahrt ihre Wahrheit gegen die Gefahren von Gerede und Heuchelei.
V. Editorische Angaben
Autor: Hans Aßmann Freiherr von Abschatz
Gedicht: »Ihr Augen/ eure Blicke«
Genre: Liebesgedicht (galant-epistolare Dienst- und Tugendlyrik des Barock)
Erstdruck: In: Hans Aßmann Freiherr von Abschatz, Poetische Übersetzungen und Gedichte (hrsg. Christian Gryphius), Leipzig und Breslau: Christian Bauch, 1704.
Zyklus / Sammlung: Anemons und Adonis Blumen.
Edition: TextGrid Digitale Bibliothek (TEI-Edition), PID: hdl:11858/00-1734-0000-0001-D11B-C (Ausgabegrundlage laut Metadaten: Bern 1970).
VI. Gedichttext
Ihr Augen/ eure Blicke
Ihr Augen/ eure Blicke1
Gerathen in Verdacht:2
Nehmt euch für Ungelücke/3
Das eure Künheit macht/4
Hinfort genau in Acht.5
Man saget/ daß ihr spielt6
Nach der Verliebten Art/7
Wiewohl ichs nie gefühlet/8
Und eurer Stralen Fahrt9
Auff Rosen-Wangen paart.10
Entdeckt nicht Unbekandten11
Was ihr itzund allein12
Solt meiner Amaranthen/13
Durch dunckler Farben Schein14
Ins Hertze schreiben ein.15
Lasst sie von ferne wissen/16
Was dieser treue Mund/17
Im Fall sie zu beküssen18
Ihm möchte seyn vergunt/19
Ihr würde machen kund.20
Bringt mir Bericht zurücke/21
Was zu erwarten sey/22
Und ob auch ihre Blicke23
Sich/ sonder Heucheley/24
Dem Hertzen nahen bey.25
Ich will mit Willen tragen26
Die auffgelegte Schuld/27
Nicht über Unrecht klagen/28
Wo Amaranthens Huld29
Ist meiner Blicke Sold.30
Strophe 1
Vers 1: „Ihr Augen/ eure Blicke“
Beschreibung: Das lyrische Ich eröffnet mit einer direkten Anrede an die eigenen Augen und Blicke. Es stellt sie als angesprochene Instanz in den Mittelpunkt.
Analyse: Die Apostrophe ist ein klassisches Mittel galanter Barocklyrik: Ein Körperorgan wird personifiziert und als eigenständiger Akteur behandelt. Der Schrägstrich wirkt wie eine Zäsur, die „Augen“ und „Blicke“ nicht nur aufzählt, sondern als zwei Aspekte desselben Zeichensystems trennt: Augen als Organ, Blick als Handlung. Schon in der ersten Zeile etabliert der Text damit das Grundmodell: Liebe wird nicht primär über Worte, sondern über sichtbare Zeichen verhandelt. Der Parallelismus („Ihr …/ eure …“) verstärkt die rhetorische Geschlossenheit und gibt dem Auftakt eine kommandierende, ordnende Energie.
Interpretation: Die Eröffnung signalisiert eine innere Spaltung: Das Ich spricht zu sich selbst, als müsste es einen unzuverlässigen Teil der eigenen Person disziplinieren. Psychologisch deutet sich an, dass die Blicke nicht frei verfügbar sind, sondern etwas verraten könnten, was das Ich noch nicht offen aussprechen will. Zugleich wird der Blick als entscheidendes Medium der Liebeskommunikation gesetzt, was bereits auf die späteren Instruktionen (Blick als Bote, als Schreibinstrument) vorausweist.
Vers 2: „Gerathen in Verdacht:“
Beschreibung: Die Augen/Blicke stehen unter Verdacht. Der Vers formuliert eine soziale Gefahrenlage, die zugleich als Begründung der folgenden Mahnung dient.
Analyse: „Gerathen“ markiert einen Prozess: Der Verdacht ist nicht einfach da, er entsteht, und zwar möglicherweise aus der beobachteten Blickpraxis. Der Begriff „Verdacht“ bringt eine juristisch-moralische Semantik ins Liebesfeld und setzt Öffentlichkeit voraus: Verdacht entsteht nur dort, wo andere beobachten und urteilen. Der Doppelpunkt öffnet inhaltlich die Konsequenz: Aus dem Verdacht folgt eine Anweisung. Formal wirkt der Vers wie ein Alarmzeichen, das die Strophe in eine Handlungslogik zwingt.
Interpretation: Der Vers macht deutlich, dass die Liebe nicht im geschützten Innenraum bleibt, sondern im sozialen Raum lesbar wird. Das Ich erlebt seine eigenen Zeichen als potenziell kompromittierend. In der Verdachtslage steckt zudem eine barock typische Erfahrung: Nicht die Wahrheit an sich entscheidet, sondern die Sichtbarkeit und Deutung von Zeichen. Liebe ist daher nicht nur Gefühl, sondern Risiko.
Vers 3: „Nehmt euch für Ungelücke/“
Beschreibung: Das Ich gibt einen Befehl: Die Augen sollen sich vor Unglück in Acht nehmen. Der Vers leitet eine Schutz- und Vorsichtsbewegung ein.
Analyse: Der Imperativ „Nehmt euch“ richtet sich an die personifizierten Augen und hebt sie damit endgültig in die Rolle von Handlungsträgern. „für Ungelücke“ benennt die drohende Konsequenz, bleibt aber inhaltlich offen: Unglück kann sozialer Schaden (Ruf, Blamage), Liebeskränkung oder ein Scheitern der Werbung bedeuten. Das Enjambement am Versende treibt die Aussage weiter und erzeugt den Eindruck, dass der Grund des Unglücks im nächsten Vers präzisiert wird. Klanglich stützt der Reim mit Vers 1 („Blicke/Ungelücke“) den Auftakt: Schon die Reimbindung zeigt, dass Blick und Gefahr untrennbar gekoppelt sind.
Interpretation: Der Vers offenbart das Selbstverhältnis des Ich als defensiv-strategisch: Es will nicht primär bekennen, sondern Schaden vermeiden. Damit wird die Liebe sofort als Grenzgeschehen markiert, das zwischen Wunsch und Furcht steht. Die Augen sollen nicht nur schauen, sondern verantwortlich handeln, was die ganze Strophe als Disziplinierungsakt lesbar macht.
Vers 4: „Das eure Künheit macht/“
Beschreibung: Das drohende Unglück wird erklärt: Es entsteht durch die „Künheit“ (Kühnheit) der Augen/Blicke.
Analyse: Der Relativanschluss („Das …“) bindet den Vers eng an den vorherigen und macht die Begründungslogik deutlich. „Künheit“ personifiziert die Blicke als vorwitzig, zu offen, zu mutig – als würden sie mehr zeigen, als sozial erlaubt ist. Der Begriff trägt eine doppelte Wertung: Kühnheit ist eigentlich positiv (Mut), wird hier aber zur Gefahr, weil sie Indiskretion und Verrat impliziert. Der Vers steht im Reimfeld mit Vers 2 und 5 („Verdacht/macht/Acht“) und arbeitet damit auf einen strophischen Schluss zu, der semantisch wie akustisch bündelt.
Interpretation: Der Vers legt nahe, dass das Ich sich selbst nicht vollständig traut. Nicht äußere Feinde sind die Hauptgefahr, sondern die eigene spontane Leidenschaft, die sich im Blick unkontrolliert ausdrücken könnte. „Kühnheit“ bezeichnet also die innere Versuchung, sich zu zeigen. Damit wird das Gedicht von Beginn an als Psychodrama der Selbstkontrolle lesbar: Das Ich muss seine Zeichen beherrschen, um seine Liebe überhaupt sozial möglich zu machen.
Vers 5: „Hinfort genau in Acht.“
Beschreibung: Der Schlussvers ordnet an, künftig sehr genau achtzugeben. Er schließt die Strophe als prägnante Disziplinformel.
Analyse: „Hinfort“ markiert einen Umschlag in die Zukunft: Ab jetzt gilt eine neue Regel. „genau“ verstärkt die Präzision des Kontrollbedarfs; es reicht nicht, allgemein vorsichtig zu sein, sondern die Blickbewegung muss fein reguliert werden. Der Ausdruck „in Acht“ schließt die Warnlogik ab und wirkt wie ein strophisches Siegel. Im dreifachen Schlussreimfeld (Verdacht/macht/Acht) wird die gesamte Strophe akustisch verdichtet: Verdacht ist die Lage, „macht“ ist die Ursache (Kühnheit), „Acht“ ist die Konsequenz (Kontrolle). Diese Kausalreihe ist in den Reim eingebaut.
Interpretation: Der Vers setzt den Grundton des ganzen Gedichts: Liebe ist nicht nur Sehnsucht, sondern eine Aufgabe der Selbstregierung. Das Ich etabliert eine Ethik der Diskretion, die das spätere Verfahren vorbereitet: Wenn der Blick kontrolliert werden muss, kann er zugleich zum gezielt eingesetzten Werkzeug werden. Die Strophe ist daher nicht bloße Warnung, sondern die Grundlegung einer poetischen Strategie: Blicke sollen nicht verschwinden, sondern richtig funktionieren.
Ausführliche Gesamtdeutung der Strophe
Die erste Strophe fungiert als programmatischer Auftakt und setzt mit maximaler Klarheit die Konfliktlage, aus der das ganze Gedicht seine Bewegung gewinnt. Indem das Ich seine eigenen Augen und Blicke direkt anspricht, etabliert es eine innere Spaltung: Der Liebende ist nicht eins mit seinen Zeichen, sondern muss sie wie ein eigenmächtiges Gegenüber beaufsichtigen. Diese Personifikation ist nicht bloß dekorativ, sondern strukturell: Sie erlaubt es, Liebe als Problem der Sichtbarkeit zu inszenieren. Nicht das Herz wird zuerst genannt, nicht der Name der Geliebten, sondern das Medium, das Liebe in die Öffentlichkeit trägt: der Blick.
Mit „Gerathen in Verdacht“ wird der soziale Raum sofort mitgedacht. Liebe steht hier nicht in romantischer Innerlichkeit, sondern im Horizont von Beobachtung, Gerede und Deutung. Der Verdacht ist das Symptom dafür, dass der Blick bereits „spricht“, bevor der Mund spricht. Genau daraus erwächst die Notwendigkeit einer Blickethik: Die Augen sollen sich vor „Unglücke“ hüten, die ihre „Künheit“ erzeugt. Kühnheit ist dabei ambivalent: Sie ist Mut der Leidenschaft, aber zugleich Indiskretion, die den Liebenden kompromittieren kann. In der Schlusszeile „Hinfort genau in Acht“ wird diese Ambivalenz in eine klare Disziplinforderung überführt: Ab jetzt gilt Vorsicht als Regel.
Strophisch bündelt der dreifache Schlussreim (Verdacht/macht/Acht) die innere Logik zu einer fast syllogistischen Kette: Es gibt eine Verdachtslage, es gibt eine Ursache im eigenen Zeichenverhalten, und es gibt die Konsequenz, künftig kontrolliert zu agieren. Damit ist die erste Strophe nicht nur Einleitung, sondern bereits ein Mini-Modell des gesamten Gedichts: Sie zeigt, wie Affekt in den Blick drängt, wie der Blick soziale Gefahr erzeugt und wie das Ich versucht, diese Gefahr durch Form, Regel und strategische Selbstführung zu bändigen.