Abagtha

Lexikon

Abagtha ist ein männlicher biblischer Vorname und eine historische Schreibvariante von Abagta. Der Name bezeichnet im Buch Ester einen der sieben Hofbediensteten des persischen Königs Ahasveros. Abagtha erscheint im hebräischen Bibeltext nur ein einziges Mal, in Ester 1,10. Dort steht er in der Reihe Mehuman, Bistha beziehungsweise Bista, Harbona, Bigtha beziehungsweise Bigta, Abagtha, Sethar beziehungsweise Setar und Charkas beziehungsweise Karkas. Über seine persönliche Herkunft, Familie, Lebensdaten oder weitere Laufbahn berichtet der Text nichts. Der Name ist deshalb ausschließlich durch diese kurze Hofszene überliefert.

Der erzählerische Zusammenhang ist das große Fest des Königs in Susa. Nach Ester 1 veranstaltet Ahasveros zunächst ein langes Fest für die politischen und militärischen Eliten seines Reiches und anschließend ein siebentägiges Gelage. Königin Waschti richtet gleichzeitig ein eigenes Fest für die Frauen aus. Am siebten Tag befiehlt der vom Wein heiter gewordene König seinen sieben Hofbediensteten, Waschti mit der königlichen Krone vor die Festgesellschaft zu bringen, damit ihre Schönheit gezeigt werde. Abagtha gehört zu dieser Siebenergruppe. Waschti verweigert den Befehl; daraus entwickelt sich der Konflikt, der im weiteren Verlauf zu ihrer Absetzung und schließlich zur Erhebung Esters zur Königin führt.

Abagtha erhält innerhalb dieser Episode keine individuelle Handlung und keine eigene Rede. Der Text nennt lediglich seinen Namen innerhalb der Gruppe, die den königlichen Auftrag ausführen soll. Aussagen darüber, Abagtha habe Waschti persönlich bewacht, eine besondere Beziehung zum König besessen oder bei ihrer Absetzung eine entscheidende Rolle gespielt, lassen sich aus Ester 1 nicht ableiten. Seine literarische Funktion besteht darin, zur unmittelbaren Hofumgebung des Königs zu gehören und gemeinsam mit den sechs anderen Bediensteten dessen Befehl zu übermitteln.

Der hebräische Text bezeichnet die sieben Männer als סָרִיסִים (sārîsîm), Singular sārîs. Dieses Wort kann sowohl einen Eunuchen im körperlichen Sinn als auch einen hochgestellten Hofbeamten bezeichnen. Deshalb schwankt die Wiedergabe in Bibelübersetzungen zwischen „Eunuchen“, „Kämmerern“, „Kammerherren“ und allgemeineren Amtsbezeichnungen. Die Lutherbibel 1912 nennt Abagtha und seine Kollegen „Kämmerer“, während zahlreiche moderne Übersetzungen „Eunuchen“ verwenden. Die historische Institution der Eunuchen ist für den achämenidischen Hof gut belegt; zugleich lässt die semantische Breite des hebräischen Wortes bei einem einzelnen Namensträger keine weitergehende körperliche Aussage mit völliger Sicherheit zu.

Für den persischen Hof selbst waren Eunuchen beziehungsweise entsprechend bezeichnete Hofdiener wichtige Vertrauenspersonen. Antike Quellen berichten von ihrer Tätigkeit als persönliche Diener, Boten, Wächter, Verwalter und Angehörige des inneren Hofes. Die Encyclopaedia Iranica nennt ausdrücklich die sieben in Ester 1,10 erwähnten Eunuchen, die dem König persönlich dienten, und stellt diese Nachricht in den größeren Zusammenhang achämenidischer Hofpraxis. Abagthas Einordnung als Mitglied dieser Gruppe passt daher grundsätzlich in das erzählte persische Hofmilieu, auch wenn seine individuelle historische Existenz außerhalb des Esterbuches nicht nachgewiesen werden kann.

Die gelegentliche Behauptung, Abagtha sei ausdrücklich ein „Diener der Frauen“ oder ein Wächter des königlichen Harems gewesen, ist dagegen zu bestimmt. Ester 1,10 sagt, dass die sieben Männer „vor dem König“ dienten. Andere Hofeunuchen des Esterbuches erhalten ausdrücklich spezialisierte Funktionen: Hegai ist für die Frauen zuständig, Schaaschgas für die Nebenfrauen. Eine vergleichbare Amtsbeschreibung fehlt bei Abagtha. Dass gerade diese Männer den Auftrag erhielten, Waschti zu holen, erlaubt keine sichere Rekonstruktion eines dauerhaften speziellen Frauenamtes.

Abagtha ist außerdem von Bigtha beziehungsweise Bigta zu unterscheiden. Beide Namen stehen in Ester 1,10 unmittelbar nebeneinander und bezeichnen zwei verschiedene Personen. Ebenfalls nicht identisch ist Bigthana beziehungsweise Bigtan, einer der beiden Hofbeamten, deren Anschlagsplan gegen Ahasveros später von Mordechai entdeckt wird. Die lautliche Ähnlichkeit hat zu etymologischen Vergleichsversuchen geführt, darf aber nicht zu einer Gleichsetzung der Figuren führen.

Die deutsche Form Abagtha gehört vor allem einer älteren Bibel- und Transkriptionstradition an. Die Lutherbibel von 1912 schreibt in Ester 1,10 ausdrücklich Abagtha; ebenso begegnet diese Form in älteren Elberfelder Ausgaben und zahlreichen englischen Bibeln als Abagtha. Neuere deutsche Übersetzungen bevorzugen dagegen vielfach Abagta. Beide Schreibweisen geben denselben hebräischen Namen אֲבַגְתָא wieder und bezeichnen dieselbe Person.

Die unterschiedliche Schreibung beruht im Wesentlichen auf unterschiedlichen Verfahren zur Wiedergabe der hebräischen Konsonanten. Die wissenschaftliche Umschrift kann die Form etwa als ʾĂḇaḡṯā wiedergeben. Das Zeichen ṯ bezeichnet dabei eine spirantisierte beziehungsweise frikative Aussprache des hebräischen Buchstabens Taw in der traditionellen tiberischen Aussprache. Ältere europäische Transkriptionen gaben solche Laute häufig durch th wieder. Neuere deutsche Bibelübersetzungen vereinfachen den Namen dagegen zu Abagta. Das h in Abagtha ist somit kein eigener Namensbestandteil.

Die Textgeschichte des Esterbuches zeigt darüber hinaus, dass die Namen der Hofbeamten keineswegs in allen alten Fassungen stabil überliefert wurden. Die griechische Estertradition besitzt teilweise eine stark abweichende Namensliste. In einer wichtigen Septuaginta-Tradition erscheinen anstelle der hebräischen Namen Formen wie Haman, Bazan, Tharra, Boraze, Zatholtha, Abataza und Tharaba. Andere griechische oder von ihnen beeinflusste Fassungen stehen wiederum näher am hebräischen Text. Diese Unterschiede zeigen, wie schwierig die Übertragung fremder iranischer beziehungsweise orientalischer Personennamen zwischen hebräischer, griechischer und später lateinischer Schrifttradition war.

Auch die lateinische Vulgata bietet eine eigene Namenform. In Ester 1,10 lautet die entsprechende Folge unter anderem Bagatha et Abgatha. Die mittelalterliche lateinische Bibeltradition trug damit ebenfalls zur europäischen Vielfalt der Schreibweisen bei. Für deutschsprachige historische Texte muss deshalb jeweils geprüft werden, welche Bibelausgabe oder welche lateinische beziehungsweise griechische Vorlage zugrunde liegt. Die Varianten Abagtha, Abagta und Abgatha sind keine Belege für verschiedene Personen.

Der König Ahasveros wird aufgrund der sprachlichen Form seines hebräischen Namens gewöhnlich mit dem achämenidischen König Xerxes I. identifiziert, der von 486 bis 465 v. Chr. regierte. Hebräisch Aḥašweroš lässt sich überzeugend mit altpersisch Xšayāršā verbinden, das im Griechischen als Xerxēs erscheint. Daher wird Abagtha in Bibellexika häufig als Hofbeamter beziehungsweise Eunuch „des Xerxes“ bezeichnet. Diese Identifikation des Königs ist sprachhistorisch plausibel, bedeutet aber nicht, dass Abagtha selbst durch achämenidische Urkunden oder andere zeitgenössische Quellen unabhängig bestätigt wäre.

Das Esterbuch verbindet erkennbare Elemente persischer Hofkultur mit einer literarischen Erzählung, deren historische Einordnung in der Forschung umstritten ist. Die Encyclopaedia Iranica weist darauf hin, dass mehrere Namen des Werkes tatsächlich iranischen Charakter besitzen. Zugleich lassen sich zentrale Ereignisse der Erzählung nicht unabhängig aus persischen Quellen belegen. Für Abagtha bedeutet dies: Er ist sicher eine biblische Figur im erzählten persischen Hofmilieu; ob ihm eine konkrete historische Person am Hof Xerxes’ I. entspricht, bleibt unbelegt.

Als deutscher Vorname ist Abagtha nur randständig. Die Form erscheint in deutschsprachigen Namenssammlungen und Wörterbuchkategorien, weil biblische Eigennamen grundsätzlich als Vornamen lexikographisch aufgenommen werden können. Eine verbreitete neuzeitliche oder gegenwärtige Vergabetradition im Deutschen ist daraus jedoch nicht abzuleiten. Anders als David, Samuel oder Daniel blieb Abagtha im deutschsprachigen Raum wesentlich an die Bibelüberlieferung gebunden.

Lexikographisch ist es daher sinnvoll, Abagtha als eigenen Stichwortzugang zu führen, zugleich aber unmittelbar auf Abagta zu verweisen. Die beiden Lemmata unterscheiden sich nicht in ihrer referentiellen Bedeutung, sondern in ihrer graphischen Tradition: Abagtha repräsentiert eine ältere beziehungsweise international weiterhin verbreitete Transkriptionsform, Abagta die in vielen jüngeren deutschen Bibelfassungen bevorzugte Schreibweise.

Etymologie

Abagtha geht auf den hebräischen Eigennamen אֲבַגְתָא zurück. Das klassische hebräische Wörterbuch von Brown, Driver und Briggs klassifiziert ihn als männlichen Eigennamen und stellt ihn ausdrücklich in einen wahrscheinlich persischen Zusammenhang. Eine sichere ursprüngliche Bedeutung gibt das Wörterbuch nicht an. Bereits die traditionelle Lexikographie behandelt den Namen somit als fremden, im Hebräischen selbst nicht durchsichtig erklärbaren Hofnamen.

Für eine iranische Herkunft spricht der Kontext des Esterbuches. Mehrere Personennamen innerhalb der Listen persischer Hofbeamter lassen sich zumindest grundsätzlich mit iranischen Namenbildungen vergleichen. Die Encyclopaedia Iranica bestätigt, dass in den Eunuchenlisten mehrere iranische Namen vorkommen, warnt zugleich aber vor zu großer etymologischer Sicherheit: Seit dem 19. und 20. Jahrhundert wurden zahlreiche Rekonstruktionen vorgeschlagen, von denen keine Gesamtdeutung aller Namen vollständig überzeugt.

Eine verbreitete ältere Erklärung deutet Abagtha als „glücklich“, „wohlhabend“ oder „der Begünstigte“ und verbindet den Namen mit iranischem beziehungsweise avestischem Wortmaterial. Auch moderne Bibelenzyklopädien führen „happy“, „prosperous“ oder „fortunate“ ausdrücklich nur als vorgeschlagene Bedeutungen an. Diese Übersetzungen eignen sich daher nicht als definitive Namensbedeutung.

Eine zweite Erklärung verbindet Abagtha mit dem unmittelbar benachbarten Namen Bigtha und mit altiranischen Namenbildungen um baga- „Gott“. In diesem Umfeld ist ein Name wie altpersisch Bagadāta sinngemäß als „von Gott gegeben“ analysierbar. Daraus entstand die traditionelle Übersetzung von Abagtha als „Gottgegeben“. Die lautliche und morphologische Verbindung gerade der Form Abagtha mit Bagadāta ist jedoch nicht so eindeutig, dass diese Übersetzung als gesichert gelten könnte.

Ältere Bibelnamenlexika bieten darüber hinaus zum Teil volksetymologische Erklärungen wie „Vater der Kelter“ beziehungsweise „Vater der Weinpresse“, indem sie den Namen mit hebräischen Bestandteilen in Verbindung bringen. Gegen eine solche Erklärung spricht, dass der Name im Esterbuch in einem persischen Hofkontext steht und von der maßgeblichen hebräischen Lexikographie gerade als fremder Eigenname behandelt wird. Eine hebräische Zerlegung nach ähnlich klingenden Wortbestandteilen ist daher methodisch schwächer als die iranischen Erklärungsansätze.

Die vorsichtigste etymologische Bestimmung lautet deshalb: Abagtha ist die ältere deutsche beziehungsweise internationale Transkriptionsform eines wahrscheinlich iranischen Personennamens unbekannter sicherer Bedeutung. „Gottgegeben“, „glücklich“ und „wohlhabend“ sind historische beziehungsweise moderne Erklärungsversuche, keine abschließend gesicherten Übersetzungen.

Die Schreibdifferenz zwischen Abagtha und Abagta betrifft nicht die Etymologie, sondern die Umschrift. Das th gibt eine traditionelle Aussprache beziehungsweise Transliteration des hebräischen Taw ohne Dagesch wieder. In vereinfachter moderner deutscher Umschrift wird dieser Konsonant als t wiedergegeben. Daher stehen Abagtha und Abagta etymologisch und referentiell vollständig auf derselben Grundlage.

Synonyme

Personennamen besitzen im strengen Sinn keine Synonyme. Bei Abagtha handelt es sich vielmehr um verschiedene historische Schreib- und Namensvarianten desselben biblischen Namens.

Abagta – heute in zahlreichen deutschen Bibelübersetzungen bevorzugte Form; bezeichnet dieselbe Person wie Abagtha.

אֲבַגְתָא – hebräische Form des masoretischen Textes von Ester 1,10.

ʾĂḇaḡṯā beziehungsweise ʾăḇaḡṯā – wissenschaftliche lateinische Umschriften der hebräischen Namensform.

Abgatha – Form der lateinischen Vulgata beziehungsweise davon beeinflusster Überlieferungen.

Abageta – seltene deutsche beziehungsweise übersetzungsgeschichtliche Nebenform.

Abataza – stark abweichende Namenform in einem Zweig der griechischen Esterüberlieferung; eher textgeschichtliche Entsprechung als gewöhnliches deutsches Namenssynonym.

Bigtha beziehungsweise Bigta ist kein Synonym. Ester 1,10 nennt Bigtha und Abagtha nebeneinander als zwei verschiedene Hofbedienstete.

Bigthana beziehungsweise Bigtan ist ebenfalls kein Synonym, sondern bezeichnet einen anderen Hofbeamten im Esterbuch.

externe links

Lutherbibel 1912 – Ester 1 – historische deutsche Bibelübersetzung mit der Schreibweise Abagtha in Ester 1,10 und der traditionellen Bezeichnung der sieben Männer als Kämmerer.

Bibelkommentare – Ester 1,10 mit Interlineartext – stellt die moderne Form Abagta dem hebräischen Grundtext אֲבַגְתָא und der Transliteration ʾăbagthâ gegenüber.

Sefaria – Esther 1,10 – hebräischer masoretischer Primärtext mit dem Namen אֲבַגְתָא im Zusammenhang der sieben königlichen Hofbediensteten.

Brown-Driver-Briggs / Bible Hub – אֲבַגְתָא – hebräischer Lexikoneintrag zu Abagtha als männlichem Eigennamen, dem einzigen Beleg in Ester 1,10 und der wahrscheinlichen persischen Herkunft.

Bible Hub – Strong’s Hebrew 5: Abagtha – Konkordanznachweis des einzigen Vorkommens des hebräischen Namens im Alten Testament.

Encyclopedia of the Bible – Abagtha – wissenschaftlich orientierter Kurzartikel, der die Herkunft und genaue Bedeutung des Namens als unsicher bezeichnet und „glücklich, wohlhabend, begünstigt“ nur als vorgeschlagene iranische Deutungen nennt.

Jewish Encyclopedia – Abagtha – historischer Fachlexikoneintrag zum Hofbeamten des Ahasveros mit vorsichtiger Einordnung des Namens als wahrscheinlich persisch.

Encyclopaedia Iranica – Esther, Book of – grundlegende iranistische Untersuchung des Esterbuches; bestätigt mehrere iranische Namen in den Hoflisten, bewertet die zahlreichen vorgeschlagenen Einzelableitungen jedoch als nicht vollständig überzeugend.

Encyclopaedia Iranica – Eunuchs – wissenschaftlicher Überblick zur Stellung und Funktion von Eunuchen im achämenidischen Persien mit ausdrücklichem Hinweis auf die sieben Hofeunuchen aus Ester 1,10.

Encyclopaedia Iranica – Courts and Courtiers I: Median and Achaemenid Periods – Darstellung der Organisation des achämenidischen Hofes, des königlichen Harems und der Funktionen von Eunuchen.

Bible Gateway – Greek Esther 1,10 – Vergleich verschiedener Fassungen der griechischen Esterüberlieferung; dokumentiert sowohl Formen nahe Abagtha als auch die stark abweichende Variante Abataza.

Biblia Sacra Vulgata – Esther 1,10 – lateinische Texttradition mit der Namensform Abgatha innerhalb der Liste der sieben königlichen Eunuchen.

Smith’s Bible Dictionary – Abagtha – historischer Bibellexikoneintrag mit der traditionellen, aber etymologisch nicht gesicherten Deutung „God-given“.

BiblicalTraining – Abagtha – vereint ältere Bibelenzyklopädieartikel und dokumentiert sowohl den einzigen biblischen Beleg als auch die Unsicherheit der Namensbedeutung.

Einsichten über die Heilige Schrift – Abagtha – deutschsprachige Darstellung zur älteren Namensform und zur Bedeutungsbreite des hebräischen Ausdrucks sārîs zwischen Hofbeamtem und Eunuchen.

Wiktionary – Kategorie männliche deutsche Vornamen – lexikographische Kategorisierung, die sowohl Abagta als auch Abagtha als männliche Vornamen erfasst.