Abagta
Lexikon
Abagta ist ein männlicher biblischer Vorname und Eigenname. Bekannt ist er ausschließlich durch das Buch Ester des Alten Testaments. Dort bezeichnet er einen der sieben männlichen Hofbediensteten des persischen Königs Ahasveros, die in Ester 1,10 unmittelbar vor dem König Dienst tun. Der hebräische Text nennt die sieben Männer Mehuman, Biseta, Harbona, Bigta, Abagta, Setar und Karkas. Abagta steht somit an fünfter Stelle der Aufzählung. Über seine Herkunft, sein Alter, seine Familie, seine weitere Laufbahn oder sein persönliches Verhältnis zum König enthält der Bibeltext keine Angaben. Der Name ist daher lexikographisch wesentlich besser belegt als die Biographie seines Trägers.
Die sieben Hofbediensteten werden im hebräischen Text als סָרִיסִים (sārîsîm) bezeichnet. Das Singularwort sārîs kann einen Eunuchen, aber auch einen königlichen Hofbeamten oder Amtsträger bezeichnen. Moderne deutsche Übersetzungen wie die Einheitsübersetzung 2016 und die Elberfelder Bibel geben das Wort in Ester 1,10 mit „Eunuchen“ wieder, während ältere Lutherfassungen und andere Übersetzungen zum Teil „Kämmerer“ oder „Kammerherren“ verwenden. Deshalb ist „Eunuch“ die wahrscheinlichste und im heutigen Übersetzungsgebrauch übliche Bezeichnung, doch lässt sich allein aus dem deutschen Wort „Kämmerer“ weder körperliche Kastration ausschließen noch beweisen. Die hebräische Amtsbezeichnung besitzt einen weiteren historischen Bedeutungsbereich als das moderne deutsche Wort Eunuch.
Der erzählerische Zusammenhang ist das große Festmahl am Hof von Susa. Nach Ester 1 veranstaltet Ahasveros zunächst ein langes Fest für Würdenträger seines Reiches und anschließend ein siebentägiges Gelage für die Bewohner des Palastbezirks. Königin Waschti richtet gleichzeitig ein Fest für die Frauen aus. Am siebten Tag, als der König vom Wein angeheitert ist, befiehlt er den sieben Eunuchen, Waschti mit ihrer königlichen Krone vor ihn zu bringen, damit die Anwesenden ihre Schönheit sehen können. Abagta gehört somit zu der Gruppe, die den königlichen Befehl übermitteln soll. Waschti weigert sich, zu erscheinen; diese Verweigerung löst den Konflikt aus, der schließlich zu ihrer Absetzung und später zur Erhebung Esters zur Königin führt.
Abagta hat innerhalb dieser Erzählung keine eigenständige Rede und keine individuell beschriebene Handlung. Der Text sagt lediglich, dass der König den sieben Männern den Auftrag erteilt und dass Waschti dem durch die Eunuchen übermittelten Befehl nicht folgt. Es wäre daher unbelegt, Abagta eine besondere Verantwortung für Waschtis Absetzung, eine eigene politische Haltung oder eine bestimmte Stellung innerhalb der Gruppe zuzuschreiben. Seine Funktion besteht erzählerisch darin, die unmittelbare Hofumgebung des Königs sichtbar zu machen und die Weitergabe des königlichen Befehls an Waschti zu vermitteln.
Auch die verbreitete Behauptung, Abagta sei speziell ein „Diener der Frauen“ oder ein Wächter des königlichen Harems gewesen, geht über Ester 1,10 hinaus. Der Vers beschreibt die sieben Männer vielmehr als solche, die „vor dem König“ beziehungsweise persönlich beim König dienten. Dass Eunuchen an altorientalischen Höfen häufig mit dem inneren Palast und teilweise mit Frauenbereichen verbunden waren, erlaubt keine sichere Bestimmung der individuellen Amtsaufgabe Abagtas. Im selben Esterbuch erscheinen weitere Eunuchen mit ausdrücklich bezeichneten Funktionen, etwa Hegai als Aufseher über die Frauen und Schaaschgas als Aufseher über die Nebenfrauen. Eine entsprechende Funktionsangabe fehlt bei Abagta.
Abagta ist ebenso wenig mit Bigta gleichzusetzen. Beide Namen stehen unmittelbar nebeneinander in Ester 1,10 und bezeichnen zwei verschiedene Mitglieder derselben Siebenergruppe. Das Esterbuch nennt später außerdem Bigtan beziehungsweise je nach Übersetzung Bigthan oder Bigtana, einen der beiden Hofbeamten, die einen Anschlag gegen den König planen. Wegen der sprachlichen Ähnlichkeit sind Beziehungen zwischen den Namen Bigta, Bigtan und Abagta etymologisch erwogen worden; innerhalb der Erzählung handelt es sich jedoch um verschiedene Personen.
Die sieben Eunuchen aus Ester 1,10 dürfen ferner nicht mit den sieben persischen und medischen Fürsten aus Ester 1,14 verwechselt werden. Letztere werden als Karschena, Schetar, Admata, Tarsis, Meres, Marsena und Memuchan bezeichnet und gehören zu den höchsten Ratgebern des Königs. Die beiden Siebenergruppen erfüllen unterschiedliche erzählerische und höfische Funktionen: Abagta und seine sechs Kollegen führen einen persönlichen königlichen Auftrag aus; die sieben Fürsten beraten den König anschließend über die rechtlichen und politischen Folgen von Waschtis Weigerung.
Die historische Einordnung des Königs ist ebenfalls differenziert zu behandeln. Der hebräische Text nennt ihn אֲחַשְׁוֵרוֹשׁ (Aḥašweroš), deutsch traditionell Ahasveros. Dieser Name lässt sich sprachlich überzeugend mit dem altpersischen Königsnamen Xšayāršā verbinden, der im Griechischen als Xerxes erscheint. Deshalb wird der Ahasveros des hebräischen Esterbuches meist mit Xerxes I., König des Achämenidenreiches von 486 bis 465 v. Chr., identifiziert. Die griechische Esterfassung bezeichnet den König dagegen als Artaxerxes. Die Überlieferung ist somit nicht in allen Textfassungen identisch.
Aus der plausiblen Identifikation des Königs folgt nicht, dass Abagta als historisch unabhängig nachgewiesener Hofbeamter Xerxes’ I. gelten kann. Außerhalb des Esterbuches ist kein sicherer zeitgenössischer Beleg für genau diese Person bekannt. Die historische Bewertung des Esterbuches ist in der Forschung umstritten. Seine Darstellung enthält zahlreiche Kenntnisse beziehungsweise Erinnerungen an achämenidische Hofkultur, persische Namen und Verhältnisse in Susa, zugleich lässt sich die erzählte Handlung als Ganzes nicht durch zeitgenössische persische Quellen bestätigen. Abagta sollte deshalb präzise als biblische Figur im erzählten achämenidischen Hofmilieu bezeichnet werden, nicht als unabhängig dokumentierter historischer Beamter.
Für die Einordnung des Namens ist das persisch-iranische Umfeld dennoch wichtig. Das Esterbuch enthält zahlreiche Personennamen, die iranisch beziehungsweise mit dem achämenidischen Kulturraum vereinbar sind. Die Encyclopaedia Iranica weist ausdrücklich darauf hin, dass gerade die Listen der Hofeunuchen und der Söhne Hamans mehrere iranische Namen enthalten. Gleichzeitig warnt sie davor, jede ältere vorgeschlagene Herleitung als gesichert anzusehen: Verschiedene Iranisten und Bibelwissenschaftler haben die Namen unterschiedlich rekonstruiert, ohne für sämtliche Formen eine allgemein akzeptierte Lösung zu erreichen.
Auch die Textüberlieferung mahnt zur Vorsicht. Im masoretischen hebräischen Text lautet die Namensform אֲבַגְתָא. Die griechische Überlieferung des Esterbuches weicht bei der gesamten Liste der sieben Hofbediensteten teilweise erheblich vom Hebräischen ab; in einer wichtigen griechischen Texttradition stehen andere Namensformen, darunter Abataza. Solche Unterschiede können durch Übersetzung, Abschrift, unterschiedliche Vorlagen oder Versuche entstanden sein, fremdartige iranische Namen in griechischer Schrift wiederzugeben. Für die deutsche Form Abagta ist deshalb der masoretische hebräische Text die unmittelbare Grundlage.
In deutschen Bibelübersetzungen hat sich heute überwiegend die Schreibweise Abagta etabliert. Die Lutherbibel 2017, die Einheitsübersetzung 2016, die Elberfelder Bibel und mehrere weitere moderne Übersetzungen verwenden diese Form. Ältere Ausgaben und internationale Übersetzungen schreiben häufig Abagtha. Die unterschiedliche Wiedergabe betrifft insbesondere die Transliteration des hebräischen Konsonanten ת in der betreffenden Namenstradition; sie bezeichnet keine zweite biblische Person.
Als deutscher Vorname ist Abagta lexikographisch erfassbar, gehört jedoch nicht zum verbreiteten gegenwärtigen deutschen Rufnamenschatz. Seine Stellung beruht vor allem auf der Übernahme biblischer Eigennamen in deutsche Bibelübersetzungen und Namensverzeichnisse. Anders als Namen wie David, Daniel oder Ester entwickelte Abagta keine nennenswerte allgemeine Namenstradition im deutschsprachigen Raum. Die Klassifizierung als deutscher männlicher Vorname bedeutet daher in erster Linie, dass die deutsche Sprachtradition diesen biblischen Personennamen verwendet, nicht dass er als moderner Rufname häufig vergeben würde.
Etymologie
Abagta gibt hebräisch אֲבַגְתָא wieder. Der Name ist im Hebräischen selbst nicht transparent und wird von den maßgeblichen hebräischen Lexika als Fremdname behandelt. Das klassische Brown-Driver-Briggs-Lexikon bezeichnet ihn als männlichen Eigennamen und stellt ihn in den persischen Zusammenhang, unter anderem durch den Vergleich mit Bigta. Schon daraus folgt, dass eine Erklärung aus gewöhnlichen hebräischen Wortbestandteilen methodisch wenig überzeugend ist.
Die ältere Namenliteratur bietet mehrere voneinander abweichende Übersetzungen. Besonders häufig begegnen Bedeutungen wie „der Glückliche“, „der Begünstigte“ oder „der vom Glück Begünstigte“. Die International Standard Bible Encyclopedia nannte beispielsweise „fortunate one“ als mögliche Erklärung. Andere ältere Bibelwörterbücher geben „God-given“, also „von Gott gegeben“, an. Wieder andere populäre Namenslexika haben völlig andere Deutungen vorgeschlagen. Diese Uneinheitlichkeit ist selbst ein Hinweis darauf, dass keine dieser Übersetzungen als sicher gelten kann.
Eine iranische Erklärung versucht Abagta mit den im Esterbuch vorkommenden Namen Bigta und Bigtan und letztlich mit altiranischen Bildungen um baga- „Gott“ zu verbinden. Für verwandte iranische Personennamen ist beispielsweise eine Bildung Bagadāta „von Gott gegeben“ gut verständlich. In neuerer Literatur wurde deshalb erwogen, auch Abagta gehöre in diesen Namenkreis. Die konkrete lautliche Herleitung der hebräischen Form ist jedoch nicht so sicher, dass daraus ohne Vorbehalt die deutsche Namensbedeutung „Gottgegeben“ abgeleitet werden könnte.
Eine andere vorgeschlagene Erklärung verbindet den Namen mit einem iranischen beziehungsweise avestischen Ausdruck, der ungefähr „glücklich, begünstigt“ bedeutet. Daher stammen Übersetzungen wie „der Glückliche“ oder „der Begünstigte“. Auch diese Herleitung ist nicht allgemein anerkannt. Die Encyclopaedia Iranica kommt bei einer Gesamtbeurteilung der iranischen Personennamen des Esterbuches ausdrücklich zu dem Ergebnis, dass zwar mehrere Namen der Hoflisten iranisch wirken, die zahlreichen vorgeschlagenen Detailerklärungen aber nicht vollständig befriedigen.
Die wissenschaftlich vorsichtigste etymologische Angabe lautet daher: Abagta ist wahrscheinlich ein iranischer beziehungsweise persischer Personenname; seine genaue ursprüngliche Form und Bedeutung sind nicht sicher geklärt. Die traditionellen Übersetzungen „der Glückliche“ und „Gottgegeben“ sollten als etymologische Hypothesen gekennzeichnet und nicht als feststehende Namensbedeutungen präsentiert werden.
Die deutsche Schreibform Abagta beruht auf der biblischen Überlieferung. Älteres Abagtha spiegelt eine andere Transkriptionskonvention wider und ist besonders in älteren Bibelübersetzungen sowie im Englischen verbreitet. Beide Formen gehen auf denselben Namen zurück. Eine Herleitung der Schreibvariante -tha aus einem eigenständigen deutschen oder griechischen Namensbestandteil wäre falsch.
Synonyme
Personennamen besitzen im strengen lexikographischen Sinn keine Synonyme. Bei Abagta bestehen jedoch mehrere Namensvarianten und unterschiedliche Transkriptionsformen.
Abagtha – ältere und international verbreitete Schreibvariante; in älteren deutschen Bibelausgaben und zahlreichen englischen Übersetzungen belegt.
אֲבַגְתָא – hebräische Namensform des masoretischen Textes von Ester 1,10 und Ausgangspunkt der heutigen deutschen Form Abagta.
Abagtha beziehungsweise wissenschaftlich ʾĂḇaḡtā – unterschiedliche lateinische Umschriften der hebräischen Form; die genaue Umschrift hängt vom verwendeten Transliterationssystem ab.
Abataza – eine abweichende Form innerhalb der griechischen Esterüberlieferung. Wegen der erheblichen Unterschiede der gesamten griechischen Namensliste ist sie besser als textgeschichtliche Variante denn als gewöhnliches deutsches Namenssynonym zu behandeln.
Bigta ist kein Synonym. Obwohl die Namen etymologisch miteinander in Beziehung gebracht worden sind, bezeichnet Ester 1,10 Bigta und Abagta ausdrücklich als zwei verschiedene Personen.
Bigtan beziehungsweise Bigthan ist ebenfalls kein Synonym. Er erscheint an anderer Stelle des Esterbuches als eigenständiger Hofbeamter.
externe links
Deutsche Bibelgesellschaft – Ester 1, Einheitsübersetzung 2016 – deutscher Bibeltext mit der Form Abagta in Ester 1,10 und der Bezeichnung der sieben Hofbediensteten als Eunuchen.
Deutsche Bibelgesellschaft – Ester 1, Lutherbibel 1984 – ältere deutsche Bibelfassung mit Abagta und der traditionellen Wiedergabe der Hofbediensteten als Kämmerer.
Bibleserver – Ester 1,10 im Übersetzungsvergleich – parallele Darstellung zahlreicher deutscher Bibelübersetzungen; dokumentiert die moderne Form Abagta und ältere Varianten wie Abagtha.
Sefaria – Esther 1,10 – hebräischer masoretischer Text mit אֲבַגְתָא sowie englischer Übersetzung und Kontext der sieben königlichen Eunuchen.
Mechon-Mamre – Esther 1, hebräisch und englisch – vollständiger hebräischer Primärtext des ersten Esterkapitels mit der Namensform אֲבַגְתָא.
Encyclopaedia Iranica – Esther, Book of – wissenschaftlicher Überblick zum persisch-iranischen Hintergrund des Esterbuches, zur Datierung, zum Ahasveros-Namen und zu den iranischen Personennamen einschließlich der Eunuchenlisten.
Encyclopaedia Iranica – Ahasuerus – wissenschaftliche Untersuchung des Königsnamens und seiner Beziehung zum altpersischen Xšayāršā, griechisch Xerxes.
Encyclopaedia Iranica – Xerxes I: The Name – iranistische Analyse des altpersischen Namens Xšayāršā und seiner Wiedergabe in aramäischen, hebräischen, babylonischen und griechischen Quellen.
Encyclopaedia Iranica – Iranian Personal Names – grundlegender Überblick über altiranische Personennamen und ihre Überlieferung in aramäischen und biblischen Texten des achämenidischen Kulturraums.
Encyclopaedia Iranica – Bible I: As a Source for Median and Achaemenid History – quellenkritische Einordnung des Esterbuches zwischen literarischer Erzählung und Kenntnissen über persische Hofkultur.
Jewish Encyclopedia – Abagtha – historischer Lexikonartikel, der Abagta als Hofbeamten des Ahasveros bezeichnet und den Namen wahrscheinlich persischer Herkunft nennt.
Encyclopedia of the Bible – Abagtha – ausführlicherer Artikel mit Ester 1,10, der Zuordnung zum Hof des Ahasveros beziehungsweise Xerxes und der ausdrücklichen Feststellung, dass Herkunft und genaue Bedeutung des Namens unsicher sind.
Brown-Driver-Briggs / Bible Hub – אֲבַגְתָא – hebräischer Lexikoneintrag zum männlichen Eigennamen Abagta, seinem einzigen biblischen Vorkommen und seiner wahrscheinlichen persischen Zugehörigkeit.
Brown-Driver-Briggs / Bible Hub – סָרִיס – hebräischer Lexikoneintrag zur Amtsbezeichnung sārîs „Eunuch, Hofbeamter“, die in Ester 1,10 für Abagta und seine sechs Kollegen verwendet wird.
Bible Hub – Kommentare zu Ester 1,10 – Sammlung historischer exegetischer Kommentare mit Hinweisen auf die stark schwankenden Namensformen in den alten Übersetzungen und die unsichere Herkunft der Hofnamen.
Bible Gateway – Greek Esther 1,10 – Vergleich der griechischen Esterüberlieferung mit ihren deutlich abweichenden Namen der sieben Hofeunuchen.
Jewish Encyclopedia – Abagtha – knapper früher wissenschaftlicher Nachweis des Namens als wahrscheinlich persisch und der Person als Kämmerer beziehungsweise Hofbeamter des Ahasveros.
Wikipedia – Abagta – deutschsprachiger Überblick zum biblischen Namen, zu Schreibvarianten und älteren etymologischen Erklärungsversuchen; wegen teilweise weitergehender Etymologisierung mit den fachwissenschaftlichen Quellen zu vergleichen.