abächzen
Lexikon
abächzen ist ein heute veraltetes, überwiegend reflexiv verwendetes Verb mit der Bedeutung, sich durch wiederholtes Ächzen, Seufzen, Klagen oder angestrengtes Mühen bis zur Ermattung beziehungsweise Erschöpfung zu bringen. Die typische Verbindung lautet sich abächzen. Johann Christoph Adelung erklärt das Wort als „sich durch Seufzen oder Ächzen entkräften“ und kennzeichnet es als Ausdruck des „gemeinen Lebens“, also nach damaliger Terminologie als Wort der gewöhnlichen, nicht gehobenen Alltagssprache. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm bestimmt sich abächzen entsprechend über sich abachen: sich durch Ächzen abmatten. Der Bedeutungsnukleus ist damit nicht bloß das Hervorbringen eines einzelnen Ächzlautes, sondern die Vorstellung einer fortgesetzten körperlichen oder seelischen Beanspruchung, deren hörbarer Ausdruck das Ächzen ist und die schließlich zur Entkräftung führt.
Das Verb verbindet somit zwei eng gekoppelte Bedeutungskomponenten. Das Grundverb ächzen bezeichnet das gepresste, stoßweise Ausatmen beziehungsweise Hervorbringen kurzer klagender Laute, vor allem bei Schmerzen, schwerer körperlicher Anstrengung oder Belastung. Das Erstglied ab- trägt in sich abächzen dagegen keine räumliche Bedeutung wie in abfahren oder absteigen, sondern eine resultative beziehungsweise erschöpfende Funktion: Die Handlung wird so lange oder so intensiv ausgeübt, dass die Kräfte des Handelnden aufgezehrt werden. Eine Person, die sich „abächzt“, ächzt demnach nicht lediglich, sondern ächzt beziehungsweise müht sich bis zur Ermattung. In heutiger Sprache lässt sich der Ausdruck je nach Kontext durch sich abmühen, sich abplagen, sich abquälen oder sich erschöpfen wiedergeben.
Die ältere Wörterbuchdefinition lässt einen weiteren Bedeutungsumfang erkennen als die moderne, gelegentlich anzutreffende Erklärung „sich bei etwas bis zur Erschöpfung anstrengen und ächzen“. Adelungs ausdrückliche Verbindung mit Seufzen und die lateinische Erklärung des Grimm’schen Wörterbuchs zu der Nebenform sich abachen, consumi planctu, weisen auch auf seelisches Leiden, Klage und Gram. Man konnte sich dem älteren Sprachgefühl nach also nicht nur unter einer körperlichen Last oder mühsamen Tätigkeit abächzen, sondern ebenso durch fortgesetztes Seufzen und Klagen gleichsam aufzehren. Ein deutsch-schwedisches Wörterbuch des frühen 20. Jahrhunderts gibt sich abächzen noch sinngemäß als „sich vor Kummer zugrunde oder zu Tode grämen“ wieder. Die Bedeutungsmitte liegt deshalb allgemeiner im Sich-entkräften durch ächzendes oder seufzendes Leiden als ausschließlich in schwerer Arbeit.
Innerhalb der älteren deutschen Wortbildung gehört abächzen zu einer größeren Gruppe reflexiver ab--Verben, bei denen das Erstglied das Aufzehren der eigenen körperlichen oder seelischen Kräfte ausdrückt. Vergleichbar sind sich abarbeiten „sich durch Arbeit entkräften“, sich abgrämen, sich abhärmen, sich abkümmern, sich abseufzen und historisch auch sich ablachen im Sinne eines Lachens bis zur Ermattung. Das Präverb ab- kennzeichnet in diesen Verbindungen eine Art Endpunkt oder Verbrauch: Die durch das Grundverb bezeichnete Tätigkeit wirkt so lange auf das Subjekt zurück, bis dessen Kraft vermindert oder erschöpft ist. Dieses Wortbildungsmuster war im älteren Neuhochdeutschen produktiver als im heutigen Standarddeutsch.
Die traditionelle grammatische Angabe verb. reg. recipr. ist aus der älteren Wörterbuchsprache zu erklären. Verb. reg. bedeutet regelmäßiges Verb; recipr. steht für reciprocum, womit ältere Grammatiker ein rückbezügliches, also reflexives Verb bezeichneten. Das Wort reziprok wird in der heutigen Grammatik dagegen enger für wechselseitige Beziehungen wie einander helfen verwendet. Bei sich abächzen besteht keine solche Gegenseitigkeit: Das Reflexivpronomen bezieht sich auf das Subjekt zurück, das durch sein eigenes Ächzen, Seufzen oder angestrengtes Tun entkräftet wird.
Als regelmäßiges schwaches und trennbares Verb bildet abächzen Formen wie ich ächze mich ab, er ächzte sich ab und sie hat sich abgeächzt. Ein Sprachratgeber von Theodor Heinsius aus dem 19. Jahrhundert gibt entsprechend das Beispiel ich habe mich ganz abgeächzt. Die Form zeigt zugleich die typische Struktur eines Partikelverbs: Im Infinitiv stehen ab und ächzen zusammengeschrieben, im finiten Hauptsatz wird ab abgetrennt, und im Partizip II tritt ge- zwischen Partikel und Verbstamm. Da das Wort inzwischen veraltet ist, begegnen solche Formen heute fast nur noch bei der Wiedergabe historischer Sprache, in Wörterbüchern oder bewusst archaisierender Rede.
Als ältere Nebenform ist abachen belegt. Das Grimm’sche Wörterbuch führt sich abachen mit der Bedeutung „sich durch Ächzen abmatten“ an und erklärt sich abächzen schlicht als dasselbe. Die Beziehung der beiden Formen entspricht derjenigen zwischen älterem achen und ächzen. Beide beruhen auf derselben lautnachahmenden beziehungsweise interjektionsnahen Wortfamilie um ach. Abachen ist deshalb nicht als inhaltlich deutlich anderes Verb zu verstehen, sondern als historische lautliche beziehungsweise morphologische Nebenbildung.
Von abächzen zu unterscheiden ist das heute weiterhin gebräuchliche einfache ächzen. Dieses kann auch einmaliges oder wiederholtes Stöhnen unter körperlicher Belastung bezeichnen, ohne dass eine Erschöpfung als Ergebnis mitgemeint sein muss. Zudem hat ächzen übertragene Verwendungen entwickelt: Eine Wirtschaft kann „unter Belastungen ächzen“, eine Konstruktion oder Tür kann aufgrund mechanischer Beanspruchung „ächzen“. Für abächzen sind solche modernen übertragenen Sachverwendungen nicht in vergleichbarer Weise lexikographisch etabliert. Sein historischer Gebrauch ist personbezogen und reflexiv auf die Entkräftung des Betroffenen ausgerichtet.
Ebenso wenig sollte sich abächzen vorschnell mit sich abarbeiten gleichgesetzt werden. Beide Wörter können die Vorstellung großer Anstrengung und eintretender Erschöpfung teilen, doch abächzen enthält zusätzlich die akustische und affektive Komponente des Ächzens, Stöhnens oder Seufzens. Historisch konnte gerade diese Lautäußerung, nicht eine bestimmte Arbeit, das semantische Zentrum bilden. Eine angemessene moderne Umschreibung lautet deshalb je nach Kontext „sich unter Ächzen bis zur Erschöpfung abmühen“ oder „sich durch Ächzen und Seufzen entkräften“.
Im heutigen deutschen Allgemeinwortschatz ist abächzen praktisch außer Gebrauch geraten. Neuere lexikographische Sammlungen kennzeichnen es ausdrücklich als veraltet. Seine Bedeutung bleibt jedoch sprachgeschichtlich aufschlussreich, weil es sowohl die ältere Produktivität resultativ-erschöpfender ab--Bildungen als auch eine inzwischen ungewohnte semantische Verbindung von hörbarer Klage und körperlich-seelischer Entkräftung dokumentiert. Der Ausdruck gehört damit zu einer Gruppe von Verben, deren einzelne Bestandteile im heutigen Deutsch lebendig geblieben sind, deren konkrete Gesamtbildung aber aus dem aktiven Standardwortschatz verschwunden ist.
Etymologie
abächzen ist aus dem trennbaren Wortbildungselement ab- und ächzen gebildet. Das ab- bezeichnet hier nicht ein räumliches „weg“, sondern das Fortführen einer Tätigkeit bis zu einem erschöpfenden Ergebnis. Vergleichbare resultative Bildungen zeigen, dass dieses Bedeutungsmuster im älteren Deutschen regelmäßig eingesetzt wurde, um eine durch das Grundverb verursachte Entkräftung auszudrücken.
Das Grundverb ächzen ist bereits mittelhochdeutsch als achzen, echzen und in erweiterten Formen belegt. Der Duden erklärt seine ursprüngliche Bedeutung als „oft Ach sagen“. Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen führt die Wortfamilie auf die primäre Interjektion ach beziehungsweise älteres ah zurück. Schon ein althochdeutsches beziehungsweise frühmittelhochdeutsches Substantiv achizôt bezeichnet „Ächzen“. Die Verbbildung enthält eine ältere laut- beziehungsweise intensitätsbildende Erweiterung, wie sie auch bei anderen aus Interjektionen entstandenen Verben vorkommt. Semantisch entwickelte sich aus dem wiederholten Ausrufen von „ach!“ die Bedeutung „seufzen, stöhnen, ächzen“.
Neben den Formen mit -z- bestand bereits im Mittelhochdeutschen beziehungsweise in den Mundarten das einfachere Verb achen. Das Grimm’sche Wörterbuch verzeichnet dementsprechend sowohl sich abachen als auch sich abächzen. Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen bestätigt ebenfalls das Nebeneinander von Formen wie achzen, echzen und achen. Die Nebenform abachen ist somit keine entstellte moderne Schreibung von abächzen, sondern gehört zu einer alten formalen Variation derselben Wortfamilie.
Die Gesamtbedeutung von sich abächzen ergibt sich aus der Verbindung dieser beiden Bestandteile: Das Ächzen beziehungsweise klagende „Ach“-Sagen wird durch ab- auf einen erschöpfenden Endzustand bezogen. Das Wort bedeutet daher historisch ungefähr „sich durch fortgesetztes Ächzen aufzehren“. Der Bedeutungswandel betrifft weniger das Grundverb als den Verlust der gesamten Bildung aus dem aktiven Wortschatz; ächzen ist bis heute allgemein gebräuchlich, während abächzen nur noch historisch oder lexikographisch begegnet.
Synonyme
abachen – historische Nebenform; im Deutschen Wörterbuch unmittelbar als bedeutungsgleich mit sich abächzen behandelt.
sich abseufzen – sehr nahes historisches Synonym; Adelung erklärt es als „sich durch Seufzen oder Gram entkräften“. Es hebt stärker das Seufzen und seelische Leiden hervor.
sich abmühen – heutige allgemeine Entsprechung für das Sichanstrengen bis zu großer Ermüdung; die besondere Komponente des hörbaren Ächzens fehlt.
sich abplagen – bedeutungsnah bei schwerer, anhaltender Anstrengung und Mühsal; gegenüber abächzen stärker auf die belastende Tätigkeit als auf ihre lautliche Begleiterscheinung bezogen.
sich abquälen – passende Umschreibung, wenn Leiden und große Mühe im Vordergrund stehen; kann körperliche wie seelische Belastung bezeichnen.
sich abarbeiten – historisch und modern bedeutungsnah, wenn die Entkräftung durch fortgesetzte Arbeit entsteht. Es ist jedoch kein uneingeschränktes Synonym, da abächzen auch durch Seufzen, Gram oder Leiden verursachte Entkräftung bezeichnen kann.
sich erschöpfen und ermatten geben den resultierenden Zustand wieder, enthalten aber weder die Vorstellung des Ächzens noch notwendig den längeren Vorgang des Sichaufreibens.
stöhnen, seufzen und ächzen bezeichnen die Lautäußerung selbst. Sie sind deshalb nur Teilentsprechungen und enthalten für sich genommen nicht die in abächzen ausgedrückte Entkräftung.
externe links
Wiktionary – abächzen – dokumentiert das veraltete reflexive Verb, seine Flexion, die Nebenform abachen und die Bedeutung „sich bis zur Erschöpfung anstrengen und ächzen“.
Duden – ächzen – gegenwartssprachlicher Wörterbuchartikel zum Grundverb mit Bedeutung, Synonymen und der Herleitung aus mittelhochdeutsch echzen, achzen „Ach sagen“.
Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen – achizôt – wissenschaftliche Untersuchung der alten Wortfamilie von ächzen, ihrer Herleitung aus der Interjektion ach/ah sowie der Varianten achzen, echzen und achen.
Frühneuhochdeutsches Wörterbuch – ächzen – historische Belege für ächzen, achzen und achitzen in den Bedeutungen „stöhnen, seufzen, ächzen“.
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm – ächzen – historischer Wörterbuchartikel zur Wortfamilie; das Deutsche Wörterbuch verzeichnet außerdem sich abachen und sich abächzen als bedeutungsgleiche Bildungen.
Theodor Heinsius – Der Deutsche Rathgeber, 9. Auflage, 1850 – historischer Sprachratgeber mit dem Beleg „Abächzen, ich habe mich ganz abgeächzt“ und parallelen reflexiven Erschöpfungsbildungen wie sich abarbeiten.
Tysk-svensk ordbok – abächzen – deutsch-schwedisches Wörterbuch des 20. Jahrhunderts, das den reflexiven Gebrauch noch dokumentiert und die starke Bedeutung der seelischen Entkräftung erkennen lässt.
Wort – Satz – Sprache – sprachwissenschaftliche Darstellung, die Sich Abächzen unter den frühen Lemmata von Adelungs Wörterbuch aufführt und den Schwund zahlreicher solcher Wörter aus dem modernen Gebrauch untersucht.
Operone – historische Lexikonartikel zu Abächzen und Abseufzen – digitalisierte beziehungsweise zusammengeführte historische Wörterbuchtexte mit der Adelung-Definition „sich durch Seufzen oder Ächzen entkräften“.
dict.cc – sich abächzen – modernes zweisprachiges Wörterbuch, das die Verbindung ausdrücklich als veraltet kennzeichnet und mit „sich erschöpfen“ wiedergibt.