אֲבַדּוֹן
hebräisch - deutsch
Grundbedeutung
Transliteration: abaddon
אֲבַדּוֹן bezeichnet im biblischen Hebräisch Verderben, Vernichtung, vollständigen Untergang und, durch räumliche Konkretisierung dieser abstrakten Bedeutung, den Ort beziehungsweise Bereich des Verderbens innerhalb oder im Umfeld des Scheol. Die traditionelle Wiedergabe Abaddon behandelt das Wort dabei nahezu wie einen Eigennamen.
Das Bedeutungszentrum geht unmittelbar von der Wurzel א־ב־ד aus. Das Verb אָבַד bedeutet „verloren gehen, zugrunde gehen, verschwinden“. אֲבַדּוֹן bezeichnet demgegenüber nicht einen einzelnen Vorgang des Verlierens, sondern den Zustand vollständiger Vernichtung oder den Bereich, in dem das Zugrundegehen seinen endgültigen Ausdruck findet.
Im biblischen Gebrauch steht אֲבַדּוֹן auffällig häufig parallel zu Begriffen aus dem Bedeutungsfeld Tod und Totenreich. In Ijob 26,6 erscheint Abaddon neben שְׁאוֹל Scheol; in Ijob 28,22 neben מָוֶת „Tod“; in Psalm 88,12 beziehungsweise je nach Verszählung 88,11 in unmittelbarer Parallelität zu קֶבֶר „Grab“; in Sprüche 15,11 wiederum zusammen mit Scheol. Dadurch wird deutlich, dass der Ausdruck mehr bezeichnet als abstrakte „Zerstörung“: Er kann als personifizierter oder räumlich vorgestellter Bereich des Todes verstanden werden.
Gleichzeitig darf diese räumliche Bedeutung nicht zu konkret aufgefasst werden. Abaddon ist im hebräischen Bibeltext keine geographisch lokalisierbare Unterweltsregion mit ausgearbeiteter Topographie. Die Texte verwenden das Wort poetisch und weisheitlich als Bezeichnung eines Bereichs äußersten Verderbens. Brown–Driver–Briggs spricht deshalb vorsichtig von einem Abstraktum, das nahezu zum Eigennamen eines „Ortes des Verderbens“ geworden ist.
Erst in späterer jüdischer und besonders christlicher Rezeptionsgeschichte wird Abaddon stärker personifiziert. Offenbarung 9,11 nennt den „Engel des Abgrunds“ auf Hebräisch beziehungsweise in hebräischer Namensform Ἀβαδδών und gibt als griechische Entsprechung Ἀπολλύων „der Vernichter“ an. Diese spätere Personifizierung darf jedoch nicht rückwirkend als Grundbedeutung der hebräischen Bibelstellen angesetzt werden.
Wortart
Die grammatische Klassifikation von אֲבַדּוֹן hängt davon ab, ob man seine morphologische Herkunft oder seine semantische Funktion im biblischen Text hervorhebt. Strong H11 klassifiziert das Wort als Proper Name Location, also als Orts-Eigenname. Diese Einordnung spiegelt die konkretisierte Bedeutung „Abaddon, Ort des Verderbens“ wider.
Brown–Driver–Briggs ist differenzierter und bezeichnet אֲבַדּוֹן als abstraktes Substantiv, das nahezu einem Eigennamen entspricht. Das Wörterbuch vermerkt beim Genus ein Fragezeichen und behandelt die Form als „Destruction, Ruin, Abaddon“. Diese Vorsicht ist grammatisch sinnvoll, weil die wenigen Bibelstellen kaum ein vollständiges Genus- oder Flexionsparadigma erkennen lassen.
Moderne hebräische Wörterbücher führen אֲבַדּוֹן dagegen gewöhnlich als maskulines Substantiv mit der Bedeutung „Vernichtung, Verwüstung, Verderben“. Pealim führt es als Substantiv der Wurzel א־ב־ד und gibt nur eine Singularform an.
Für einen historischen Lexikoneintrag empfiehlt sich daher die kombinierte Klassifikation: biblisch-hebräisches Abstraktnomen, räumlich konkretisiert und nahezu als Eigenname eines Verderbensortes verwendet; Proper Name Location; modernes Hebräisch: maskulines Substantiv.
Aussprache
Die verbreitetere internationale Transliteration ist Abaddon. Wissenschaftlich kann die Form als ʾăḇaddōn wiedergegeben werden.
Die moderne israelische Aussprache lautet ungefähr avadon, IPA /(ʔ)a.vaˈdon/. Die Betonung liegt auf der letzten Silbe.
Das anlautende Alef trägt Chataf-Patach. Das folgende Bet besitzt kein Dagesch und wird im modernen Hebräisch daher als /v/ ausgesprochen. Dalet trägt Dagesch; historisch bezeichnet dies eine Verdoppelung beziehungsweise Gemination des Konsonanten. Das moderne israelische Hebräisch realisiert diese Konsonantenlänge gewöhnlich nicht mehr, weshalb avaddon orthographisch-historisch genauer, avadon dagegen phonetisch moderner ist.
Das וֹ bezeichnet Cholem male und damit /o/. Das abschließende Nun wird als /n/ ausgesprochen. Die internationale Namensform Abaddon bewahrt dagegen ältere beziehungsweise konventionelle Transliterationswerte mit b und verdoppeltem d.
Grammatik
| Lemma | אֲבַדּוֹן |
|---|---|
| Transliteration | abaddown; verbreitet Abaddon |
| Wissenschaftliche Transliteration | ʾăḇaddōn |
| Moderne Aussprache | avadon |
| Wurzel | א־ב־ד |
| Strong | H11 |
| Strong-Klassifikation | Proper Name Location |
| BDB-Klassifikation | Abstraktnomen, nahezu Eigenname eines Ortes des Verderbens; Genus unsicher |
| Moderne lexikographische Klassifikation | Substantiv, maskulin |
| Numerus im biblischen Hebräisch | Singular |
| Status absolutus | אֲבַדּוֹן |
| Status constructus | im biblischen Paradigma nicht belegt |
| Plural im biblischen Hebräisch | nicht belegt |
| Possessivsuffixe | nicht belegt |
| Grundbedeutung | Vernichtung, Verderben, Untergang |
| Räumlich konkretisierte Bedeutung | Ort/Bereich des Verderbens, Abaddon |
| Voll ausgeschriebene biblische Belege | 5 |
| Zusätzlicher Qere-Beleg | Sprüche 27,20: אֲבַדּוֹ |
| Literarischer Bereich | ausschließlich Weisheits- und Psalmenliteratur |
Orthographie
Die vollständig punktierte Form lautet אֲבַדּוֹן. Sie besteht aus den Konsonanten א־ב־ד־ו־ן. Alef trägt Chataf-Patach, Bet Patach, Dalet Dagesch und das folgende Waw Cholem.
Unpunktiert wird das Wort אבדון geschrieben. Diese Form ist im modernen Hebräisch eindeutig genug, weil die Endung ־ון sie von den kürzeren Ableitungen אבד, אבדה und אובדן unterscheidet.
Besonders wichtig ist die Unterscheidung von אָבְדָן beziehungsweise modern meist אובדן „Verlust, Untergang“. Beide Wörter stammen aus derselben Wurzel, besitzen aber verschiedene morphologische Strukturen und unterschiedliche Gebrauchsprofile.
In Sprüche 27,20 liegt eine textkritische Sonderform vor. Das Ketiv schreibt וַאֲבַדֹּה, während das Qere וַאֲבַדּוֹ liest. BDB ordnet diese verkürzte beziehungsweise abweichende Form dem Lexem אֲבַדּוֹן zu. Dieser Vers ist deshalb bei der Frequenzzählung gesondert zu behandeln.
Gebrauch
אֲבַדּוֹן gehört im biblischen Hebräisch ausschließlich zur Weisheitsliteratur und verwandten poetischen Texten. Das Wort erscheint im Buch Ijob, im Psalter und im Buch der Sprüche. Es fehlt vollständig in den erzählenden Geschichtsbüchern, im Pentateuch, in der klassischen Prophetie und in den Rechtstexten.
In Ijob 26,6 heißt es, Scheol liege nackt vor Gott und Abaddon habe keine Bedeckung. Der Vers betont die absolute Erkenntnis Gottes: Selbst die verborgensten Bereiche des Todes sind vor ihm nicht verborgen.
Ijob 28,22 personifiziert אֲבַדּוֹן וָמָוֶת, „Abaddon und Tod“. Beide sagen, sie hätten von der Weisheit nur ein Gerücht gehört. Das Verderben erscheint damit als sprechende Größe innerhalb der poetischen Darstellung.
In Ijob 31,12 bezeichnet עַד־אֲבַדּוֹן den äußersten Endpunkt einer vernichtenden Wirkung: Das beschriebene Feuer „frisst bis zum Abaddon“ beziehungsweise „bis zur Vernichtung“ und würde den ganzen Ertrag entwurzeln.
Psalm 88,12 fragt, ob Gottes Treue בָּאֲבַדּוֹן, „im Abaddon/im Verderben“, verkündet werde. Die Präposition ב־ verstärkt hier den räumlichen Charakter: Abaddon erscheint als Bereich, in dem sich die Toten befinden.
Sprüche 15,11 stellt שְׁאוֹל וַאֲבַדּוֹן unmittelbar nebeneinander. Wenn selbst Scheol und Abaddon vor JHWH offenliegen, dann umso mehr die Herzen der Menschen. Der Begriff dient hier wiederum zur Steigerung göttlicher Erkenntnis.
Sprüche 27,20 wiederholt dieselbe Verbindung in textkritisch abweichender Form: Scheol und Abaddon werden niemals satt. Hier steht die unersättliche Totenwelt als Vergleich für die unersättlichen Augen des Menschen.
Bedeutungsbereich
Der Bedeutungsbereich lässt sich in vier miteinander verbundene Ebenen gliedern. Die erste und etymologisch grundlegende Ebene ist Vernichtung beziehungsweise Untergang. אֲבַדּוֹן bezeichnet das vollständige Aufhören, die Beseitigung oder das Verderben.
Die zweite Ebene ist der Zustand des Vernichtetseins. Das Wort kann damit nicht nur den Vorgang, sondern auch dessen endgültiges Ergebnis ausdrücken.
Die dritte Ebene ist räumlich: Aus „Verderben“ wird „Ort des Verderbens“. Diese Entwicklung ist besonders in den Verbindungen mit Scheol, Grab und Tod sichtbar.
Die vierte Ebene ist personifizierend. In Ijob 28,22 können Abaddon und Tod sprechen. Eine ursprünglich abstrakte oder räumliche Größe erhält damit Eigenschaften eines handelnden Wesens.
Diese Ebenen sind nicht als vier voneinander getrennte Lexeme zu verstehen. Vielmehr bildet das Wort ein semantisches Kontinuum: Vernichtung → Zustand des Untergangs → Bereich des Verderbens → personifiziertes Verderben.
Lexikon
אֲבַדּוֹן ist einer der charakteristischen Unterweltsbegriffe der biblischen Weisheitsliteratur. Seine Bedeutung lässt sich nur angemessen bestimmen, wenn man ihn nicht isoliert, sondern innerhalb des semantischen Netzwerkes von שְׁאוֹל Scheol, מָוֶת Tod und קֶבֶר Grab betrachtet.
Besonders Ijob 26,6 und Sprüche 15,11 setzen Scheol und Abaddon parallel. Daraus folgt jedoch nicht zwingend, dass beide Wörter vollkommen synonym sind. Scheol bezeichnet gewöhnlich den umfassenderen Bereich der Toten. Abaddon akzentuiert stärker den Aspekt des Untergangs, Verfalls und endgültigen Verderbens innerhalb dieser Todesvorstellung.
BDB beschreibt deshalb Abaddon als „place of ruin in Sheol for lost or ruined dead“. Diese Formulierung versucht, die räumliche Konkretisierung ernst zu nehmen, ohne daraus eine präzise Unterweltsgeographie zu konstruieren. Die biblischen Texte erklären nirgends, wo Abaddon innerhalb des Scheol liege, wie dieser Bereich strukturiert sei oder welche Bewohner ihm exklusiv zugeordnet würden.
Ijob 26,6 nutzt Abaddon vor allem rhetorisch. Wenn selbst Scheol „nackt“ ist und Abaddon keine Bedeckung besitzt, kann sich vor Gott nichts verbergen. Der Vers ist daher keine geographische Beschreibung der Unterwelt, sondern eine Aussage über göttliche Erkenntnis.
Ijob 28,22 entwickelt die Personifikation stärker. Abaddon und Tod sprechen und berichten, sie hätten von der Weisheit nur gehört. Das Gedicht über die Unerreichbarkeit der Weisheit lässt selbst die äußersten Bereiche menschlicher Existenz und Nichtexistenz als unzureichende Wissensquellen erscheinen.
Ijob 31,12 zeigt dagegen, dass אֲבַדּוֹן auch ohne unmittelbare Unterweltsbeschreibung als abstrakter Endpunkt verstanden werden kann. Ein vernichtendes Feuer „frisst bis zum Abaddon“. Die Wendung bedeutet sinngemäß „bis zur völligen Vernichtung“.
Psalm 88 verknüpft Grab und Abaddon in einer Klage über die Nähe des Todes. Die Frage, ob Gottes Treue im Abaddon verkündet werde, setzt voraus, dass dieser Bereich als Gegenwelt zum öffentlichen Lob Gottes unter den Lebenden gedacht wird.
In Sprüche 15,11 und 27,20 tritt Abaddon schließlich als fest mit Scheol verbundener Ausdruck auf. Die Weisheitstradition verwendet die Unterwelt dabei zur Beschreibung göttlicher Allwissenheit beziehungsweise menschlicher Unersättlichkeit.
Damit ist die Strong-Klassifikation „Proper Name Location“ zwar verständlich, aber zu schematisch. אֲבַדּוֹן verhält sich im hebräischen Bibeltext eher wie ein Abstraktum, das durch wiederholte räumliche und personifizierende Verwendung nahezu zum Eigennamen geworden ist.
Diese Unterscheidung ist auch für die spätere Rezeptionsgeschichte entscheidend. In Offenbarung 9,11 wird aus dem hebräischen Traditionswort ein wirklicher Personenname: Der Engel des Abgrunds heißt Ἀβαδδών, und der griechische Text erklärt den Namen durch Ἀπολλύων, „Vernichter“. Diese Gestalt ist eine spätere Apokalyptisierung und Personifizierung des älteren hebräischen Begriffs.
Etymologie
| Lemma | אֲבַדּוֹן |
|---|---|
| Wurzel | א־ב־ד |
| Verbale Basis | אָבַד – verloren gehen, verschwinden, zugrunde gehen |
| Wortbildung | Ableitung mit ־וֹן / ־ון |
| Grundbedeutung | Vernichtung, Verderben, Untergang |
| Konkrete Weiterentwicklung | Ort/Bereich des Verderbens |
| Strong-Deutung | intensive Bildung zu אָבַד; abstrakt „perishing“, konkret „Hades“ |
| BDB | Abstraktum, nahezu Eigenname „Destruction, Ruin, Abaddon“ |
| Aramäische/Syrische Vergleichsformen | verwandte Bildungen der Wurzel אבד im Bedeutungsfeld Untergang |
| Griechische Rezeptionsform | Ἀβαδδών – Abaddon |
| Griechische Bedeutungsentsprechung in Offenbarung 9,11 | Ἀπολλύων – „Vernichter“ |
אֲבַדּוֹן ist eine Ableitung der Wurzel א־ב־ד. Der verbale Ausgangspunkt ist אָבַד „verloren gehen, zugrunde gehen“. Die Nominalbildung mit ־וֹן erzeugt eine intensivierte beziehungsweise substantivierte Bezeichnung des durch die Wurzel ausgedrückten Zustands.
Der semantische Weg ist transparent: „zugrunde gehen“ → „Untergang/Vernichtung“ → „Bereich des Untergangs“. Es ist daher nicht notwendig, für Abaddon eine fremdsprachige Etymologie anzusetzen.
Strong charakterisiert die Bildung als intensive Ableitung aus אָבַד und unterscheidet zwischen abstraktem „perishing“ und konkretem „Hades“. Diese Terminologie gibt den Bedeutungswandel von einem Vorgang zu einem räumlich gedachten Bereich wieder.
BDB zieht außerdem syrische beziehungsweise aramäische Vergleichsformen heran. Entscheidend ist dabei jedoch weniger eine unmittelbare Entlehnung als die Zugehörigkeit zur gemeinsamen semitischen Wurzelfamilie.
Wortgeschichte
In der Hebräischen Bibel gehört אֲבַדּוֹן ausschließlich zum poetisch-weisheitlichen Wortschatz. Die vollständig ausgeschriebene Form ist fünfmal belegt: dreimal im Buch Ijob, einmal in Psalm 88 und einmal in Sprüche 15. Sprüche 27,20 enthält zusätzlich eine textkritisch verkürzte Qere-Form, die BDB derselben lexikalischen Einheit zuordnet.
Bereits innerhalb dieser wenigen Belege entwickelt sich das Wort vom Abstraktum zur räumlichen Vorstellung. Ijob 31,12 kann noch relativ abstrakt „bis zur völligen Vernichtung“ verstanden werden. Ijob 26,6, Psalm 88 und die Sprüchetexte behandeln Abaddon dagegen deutlich als Bereich des Todes.
Die jüdische Literatur nach der biblischen Zeit führt den Unterweltsbegriff fort und entwickelt teilweise differenziertere Vorstellungen verschiedener Bereiche von Gehinnom, Scheol und Verderben. Dabei können ältere poetische Ausdrücke stärker systematisiert werden, als dies im biblischen Text selbst geschieht.
Auch die Qumrantexte belegen אבדון. Das Qumran-Digital-Lexikon führt die Bedeutung „Ort des Verderbens“ beziehungsweise „Totenreich, Unterwelt“ und dokumentiert neben singularischen Belegen sogar pluralische Formen im Qumran-Hebräischen. Damit zeigt sich, dass die Wortfamilie nach der biblischen Periode weiter produktiv blieb.
Im griechischsprachigen Christentum erhält der Begriff in Offenbarung 9,11 eine neue Funktion. Ἀβαδδών ist dort ausdrücklich der Name des Engels des Abgrunds. Der griechische Parallelname Ἀπολλύων bedeutet „Vernichter“ und macht die hebräische Etymologie semantisch transparent.
In späterer christlicher Literatur und Kunst entwickelte sich Abaddon daher vielfach zu einer dämonischen beziehungsweise engelhaften Gestalt. Diese Personalisierung gehört zur Rezeptionsgeschichte und ist von der älteren hebräischen Bedeutung „Verderben/Ort des Verderbens“ zu unterscheiden.
Im modernen Hebräisch lebt אֲבַדּוֹן außerdem wieder als gewöhnliches literarisches Substantiv „Vernichtung, Verwüstung, Untergang“ fort. Wendungen wie הלך לאבדון „dem Untergang entgegengehen/zugrunde gehen“ zeigen, dass der Ausdruck nicht ausschließlich als religiöser Eigenname verstanden wird.
Historische Einordnung
Die alttestamentlichen Belege konzentrieren sich auf die biblische Weisheitsliteratur. Diese literarische Einordnung ist bedeutsam, weil gerade Ijob und Sprüche stark über Tod, Grenzen menschlicher Erkenntnis, Vergänglichkeit und göttliche Allwissenheit reflektieren.
Abaddon ist deshalb weniger Teil einer systematischen biblischen „Unterweltslehre“ als ein poetischer Begriff, mit dem der äußerste Bereich von Tod und Verderben bezeichnet wird.
Religionsgeschichtlich steht das Wort in einer Phase, in der Scheol als gemeinsamer Bereich der Toten vorgestellt wird, zugleich aber innerhalb der poetischen Sprache Differenzierungen wie Scheol, Grab, Tod und Abaddon nebeneinandertreten können.
Die spätere apokalyptische Literatur verstärkt die Personifikation. Offenbarung 9,11 markiert einen deutlich späteren Entwicklungsschritt: Aus dem hebräischen Verderbensbegriff wird der Eigenname eines Engels des Abgrunds.
Die historische Einordnung muss deshalb mindestens drei Ebenen auseinanderhalten: biblisch-hebräisches Abstraktum beziehungsweise Unterweltsbezeichnung, spätjüdische Weiterentwicklung des Unterweltswortschatzes und christlich-apokalyptische Personifikation als Abaddon/Apollyon.
Antonyme
Ein festes lexikalisches Antonym zu אֲבַדּוֹן ist nicht überliefert. Mehrere semantische Gegenbegriffe sind jedoch klar erkennbar.
חַיִּים – chajjim – Leben; elementarer Gegensatz zu Tod und Untergang.
יְשׁוּעָה – jeschua – Rettung, Heil; Gegenpol zur Vernichtung.
Fortbestand – Gegensatz zum endgültigen Zugrundegehen.
Erhaltung – Bewahrung vor Vernichtung.
Heil – im theologischen Bedeutungsbereich Gegenkonzept zu Verderben.
Schöpfung – konzeptueller Gegensatz zu vollständiger Zerstörung und Auflösung.
Synonyme
אָבְדָן – avdan – Verlust, Untergang, Vernichtung.
אֲבַדֹּה – abaddoh – textkritische Sonderform in Sprüche 27,20; Verderben, Vernichtung.
אֹבֵד – obed – biblisches Abstraktnomen „Untergang, Vernichtung“.
כִּלָּיוֹן – kilayon – vollständiger Untergang, Vernichtung.
חֻרְבָּן – churban – Zerstörung, Verwüstung, Untergang.
הֶרֶס – heres – Zerstörung.
שְׁמָד – shmad – Vernichtung, Ausrottung.
שְׁאוֹל – scheol – Totenreich; häufig parallel, aber nicht vollständig synonym.
מָוֶת – mavet – Tod; in Ijob 28,22 parallel zu Abaddon.
Abgrenzung
אֲבַדּוֹן ist zunächst von אָבְדָן zu unterscheiden. Beide bedeuten „Untergang/Verlust“, doch אָבְדָן ist im späteren und modernen Hebräisch das neutralere Wort für Verlust, während אֲבַדּוֹן stärkere Konnotationen völliger Vernichtung, Verderbens und Unterwelt besitzt.
Von אֲבֵדָה „verlorene Sache“ unterscheidet sich Abaddon besonders deutlich. אֲבֵדָה kann einen noch vorhandenen und wiederauffindbaren Gegenstand bezeichnen; אֲבַדּוֹן bezeichnet endgültigen Untergang.
Von אֲבַדֹּה ist אֲבַדּוֹן formal verschieden, doch Sprüche 27,20 verbindet beide textkritisch. Das Ketiv אֲבַדֹּה und das Qere אֲבַדּוֹ gehören nach BDB in den lexikalischen Bereich von Abaddon.
Von שְׁאוֹל Scheol ist אֲבַדּוֹן nicht einfach als vollständiges Synonym zu behandeln. Scheol bezeichnet allgemeiner die Totenwelt; Abaddon hebt den Aspekt von Zerstörung, Verderben und Untergang hervor und kann als Bereich innerhalb beziehungsweise als poetische Konkretisierung dieser Totenwelt erscheinen.
Von Gehinnom beziehungsweise Gehenna ist Abaddon ebenfalls zu unterscheiden. Gehenna entwickelt in späterer jüdischer und christlicher Tradition eine spezifische Vorstellung von Strafort und Gericht. Die biblischen אֲבַדּוֹן-Belege setzen diese spätere Vorstellung nicht voraus.
Schließlich ist der biblisch-hebräische Begriff von der Gestalt Abaddon in Offenbarung 9,11 zu trennen. Dort handelt es sich ausdrücklich um den Namen eines Engels des Abgrunds. Diese Personifizierung ist im hebräischen Bibelkorpus nicht belegt.
Kontext
| Ijob 26,6 | Abaddon liegt ebenso offen vor Gott wie Scheol; Motiv göttlicher Allwissenheit |
|---|---|
| Ijob 28,22 | Abaddon und Tod werden personifiziert und sprechen über die Weisheit |
| Ijob 31,12 | „bis zum Abaddon“ – bis zur vollständigen Vernichtung |
| Psalm 88,12 | Frage, ob Gottes Treue „im Abaddon“ verkündet werde |
| Sprüche 15,11 | Scheol und Abaddon liegen vor JHWH offen |
| Sprüche 27,20 | textkritische Qere-Variante אֲבַדּוֹ; Scheol und Abaddon werden niemals satt |
| Biblische Textgattung | Weisheitsliteratur und Psalmendichtung |
| Religionsgeschichtlicher Bereich | Tod, Totenreich, Verderben, Unterwelt |
| Spätere christliche Rezeption | Offenbarung 9,11: Name des Engels des Abgrunds |
| Moderner hebräischer Gebrauch | Vernichtung, Verwüstung, Untergang, Verhängnis |
Kollokationen und Kookkurrenzen
| שְׁאוֹל וַאֲבַדּוֹן | Scheol und Abaddon; Sprüche 15,11 |
|---|---|
| אֲבַדּוֹן וָמָוֶת | Abaddon und Tod; Ijob 28,22 |
| לָאֲבַדּוֹן | für/zum Abaddon; Ijob 26,6 |
| עַד־אֲבַדּוֹן | bis zum Abaddon / bis zur völligen Vernichtung; Ijob 31,12 |
| בָּאֲבַדּוֹן | im Abaddon; Psalm 88,12 |
| קֶבֶר ... אֲבַדּוֹן | Grab – Abaddon; paralleles Bedeutungsfeld in Psalm 88 |
| מָוֶת ... אֲבַדּוֹן | Tod – Abaddon; paralleles Bedeutungsfeld in Ijob 28 |
| הָלַךְ לָאֲבַדּוֹן | zugrunde gehen, der Vernichtung anheimfallen; späterer und moderner idiomatischer Gebrauch |
| לִקְרַאת אֲבַדּוֹן | dem Untergang entgegen |
| סַף אֲבַדּוֹן | Schwelle/Rand des Untergangs; moderne metaphorische Verbindung |
Oberbegriff
Lexikalisch:
Sprache → semitische Sprachen → nordwestsemitische Sprachen → Hebräisch → biblisches Hebräisch → Substantiv/eigennameähnliche Bezeichnung → אֲבַדּוֹן.
Semantisch:
Existenzverlust → Untergang → Vernichtung → אֲבַדּוֹן.
Religionsgeschichtlich:
Jenseitsvorstellung → Totenreich → Scheol → Bereich des Verderbens → Abaddon.
Rezeptionsgeschichtlich:
Apokalyptik → Abgrund → Engel des Abgrunds → Abaddon/Apollyon.
Unterbegriffe
אֲבַדּוֹן besitzt keine eigentlichen lexikalischen Unterbegriffe. Sein Bedeutungsfeld lässt sich jedoch in mehrere sachliche Ausprägungen gliedern.
Vernichtung – abstrakter Vorgang beziehungsweise Endzustand.
Verderben – negativer Endzustand.
Untergang – Verlust der Existenz oder des Bestandes.
Ort des Verderbens – räumliche Konkretisierung.
Totenreich – weiterer religionsgeschichtlicher Bereich.
personifiziertes Verderben – poetische beziehungsweise spätere apokalyptische Entwicklung.
Wortfamilie
אָבַד – abad – verloren gehen, zugrunde gehen, verschwinden.
אֲבַד – abad – biblisch-aramäisch: zugrunde gehen; kausativ vernichten.
אֹבֵד – obed – Untergang, Vernichtung.
אֲבֵדָה – abedah – verlorene Sache, Fundsache; später Verlust.
אֲבַדֹּה – abaddoh – Verderben; Ketiv-Sonderform Sprüche 27,20.
אָבְדָן – avdan – Verlust, Untergang.
אָבוּד – avud – verloren, hoffnungslos.
אִיבּוּד – ibud – Verlust, Verschwinden, Beseitigung.
אִבֵּד – ibed – verlor, vernichtete.
הֶאֱבִיד – he'evid – vernichtete, richtete zugrunde.
Wortbildung
אֲבַדּוֹן ist eine substantivische Ableitung aus der Wurzel א־ב־ד. Die Endung ־וֹן beziehungsweise unpunktiert ־ון dient im Hebräischen und verwandten semitischen Bildungen häufig zur Nominalisierung und kann je nach Wortklasse abstrakte, intensive oder räumliche Bedeutungen unterstützen.
Bei אֲבַדּוֹן führt die Bildung von der verbalen Vorstellung „zugrunde gehen“ zu einem intensiven Nomen „vollständiger Untergang/Vernichtung“. Durch Kontext und wiederholte Verbindung mit Scheol erhält das Nomen anschließend eine räumliche Interpretation „Ort des Verderbens“.
Die semantische Entwicklung kann schematisch wiedergegeben werden:
אָבַד „zugrunde gehen“ → אֲבַדּוֹן „Vernichtung, Verderben“ → „Bereich/Ort des Verderbens“ → rezeptionsgeschichtlich „Abaddon“ als personifizierte Gestalt.
Die spätere Personifikation ist dabei keine reguläre Wortbildungsstufe, sondern eine semantisch-religionsgeschichtliche Reanalyse.
Polysemie
1. Vernichtung: vollständige Beseitigung beziehungsweise Zerstörung.
2. Untergang: endgültiger Verlust des Bestandes.
3. Verderben: negativer Endzustand oder Zustand völliger Zerrüttung.
4. Ort des Verderbens: räumliche Konkretisierung innerhalb der Unterweltsvorstellung.
5. Abaddon: eigennameähnliche Bezeichnung dieses Bereichs.
6. personifiziertes Verderben: poetische Personifikation, besonders Ijob 28,22.
7. Engel des Abgrunds: spätere christlich-apokalyptische Bedeutung in Offenbarung 9,11; nicht Teil des ursprünglichen hebräischen Bibelgebrauchs.
8. modernes „Verhängnis, Untergang“: literarischer und metaphorischer Gebrauch im modernen Hebräisch.
Homonyme und Homographe
Ein unabhängiges hebräisches Homonym gleicher Punktierung ist nicht etabliert. Die wichtigsten Verwechslungsfälle entstehen vielmehr innerhalb derselben Wurzelfamilie.
אָבְדָן und אֲבַדּוֹן sind semantisch eng verwandt, aber morphologisch verschiedene Nomina. Unpunktiert unterscheiden sie sich als אובדן beziehungsweise אבדון.
אֲבַדֹּה aus Sprüche 27,20 ist textkritisch mit Abaddon verbunden, aber graphisch nicht identisch.
Die griechische Form Ἀβαδδών ist kein griechisches Homonym, sondern eine Transkription beziehungsweise Übernahme des hebräischen Namens.
Der moderne Gebrauch von „Abaddon“ als Name fiktionaler Figuren, Filme, Spiele, Musikgruppen oder sonstiger Werke gehört zur kulturellen Rezeption und bildet keine neue hebräische Homonymie des biblischen Wortes.
Redewendungen und Sprichwörter
הָלַךְ לָאֲבַדּוֹן – „zugrunde gehen“, „dem Untergang anheimfallen“, wörtlich „zum Abaddon gehen“.
הוֹלֵךְ לָאֲבַדּוֹן – „geht dem Untergang entgegen“.
לִקְרַאת אֲבַדּוֹן – „dem Untergang entgegen“.
עַל סַף אֲבַדּוֹן – „am Rand des Untergangs“, „unmittelbar vor der Vernichtung“.
שְׁאוֹל וַאֲבַדּוֹן – biblische feste Parallelverbindung „Scheol und Abaddon“.
אֲבַדּוֹן וָמָוֶת – biblische Parallelverbindung „Abaddon und Tod“.
Ein eigentlicher volkstümlicher Sprichwortbestand um das Wort ist nicht ausgeprägt. Seine phraseologische Produktivität ist vor allem literarisch, religiös und rhetorisch.
Metaphern
Eine zentrale Metapher lautet VERNICHTUNG IST EIN ORT. Ein abstraktes Ereignis wird als räumlicher Bereich konzeptualisiert, in den Menschen gelangen können beziehungsweise in dem sich die Toten befinden.
In Ijob 26,6 erscheint die Metapher VERBORGENHEIT IST BEDECKUNG. Abaddon „hat keine Bedeckung“ vor Gott: Selbst der verborgenste Todesbereich ist seiner Erkenntnis offen.
In Sprüche 27,20 entsteht die Metapher TOD IST HUNGER. Scheol und Abaddon können nicht satt werden. Das unbegrenzte Aufnehmen von Toten wird als unstillbarer Appetit dargestellt.
Diese Vorstellung wird unmittelbar auf menschliches Begehren übertragen: BEGEHREN IST UNERSÄTTLICHER HUNGER. Die Augen des Menschen sind ebenso wenig satt wie die Totenwelt.
Ijob 28,22 verwendet die Metapher beziehungsweise Personifikation VERDERBEN UND TOD SIND SPRECHENDE WESEN. Selbst die äußersten Bereiche des Todes verfügen nur über indirektes Wissen von der Weisheit.
Metonymie
Die wichtigste metonymische Entwicklung führt vom Vorgang der Vernichtung zum Ort, an dem Vernichtung beziehungsweise Tod gedacht wird. Der abstrakte Zustand bezeichnet seinen angenommenen räumlichen Bereich.
Umgekehrt kann „Abaddon“ als Ortsbezeichnung metonymisch für Tod, Verderben oder die Gesamtheit der darin befindlichen Toten stehen.
In späterer Rezeptionsgeschichte führt ein weiterer metonymisch-personifizierender Schritt vom „Bereich des Verderbens“ zu einer Gestalt, die diesen Bereich repräsentiert. Offenbarung 9,11 macht daraus ausdrücklich den Engel des Abgrunds.
Register und Sprachstufe
Im biblischen Hebräisch gehört אֲבַדּוֹן zum gehobenen poetischen und weisheitssprachlichen Register. Seine Beschränkung auf Ijob, Psalmen und Sprüche ist auffällig und zeigt, dass es kein alltäglicher Grundbegriff für „Tod“ war.
Im Qumran-Hebräischen und späteren jüdischen Sprachstufen bleibt der Ausdruck im religiösen und eschatologischen Wortfeld verfügbar.
Im modernen Hebräisch ist אֲבַדּוֹן weiterhin verständlich und als Substantiv „Vernichtung, Verwüstung, Untergang“ lexikographisch belegt. Der Gebrauch wirkt jedoch meist stärker, literarischer und dramatischer als das neutralere אָבְדָן beziehungsweise אובדן „Verlust“.
Die religiöse Bedeutung „Abaddon, Bereich des Verderbens“ wirkt bibelsprachlich. Die christliche Personennamensbedeutung „Abaddon, Engel des Abgrunds“ gehört nicht zum normalen jüdisch-hebräischen Alltagsgebrauch, ist aber durch internationale religiöse und populärkulturelle Rezeption bekannt.
Regionale Varianten
Die wichtigste Variation betrifft Aussprachetraditionen. Die moderne israelische Aussprache lautet avadon. Eine wissenschaftlich-tiberische Rekonstruktion wird ungefähr ʾăḇaddōn transkribiert.
Aschkenasische, sephardische, mizrachische und jemenitische Traditionen können Chataf-Patach, Bet ohne Dagesch, Cholem und die historische Gemination des Dalet unterschiedlich realisieren.
Die international verbreitete Form Abaddon folgt nicht der modernen israelischen Aussprache, sondern einer älteren transliteratorischen Tradition.
Im Griechischen des Neuen Testaments steht Ἀβαδδών. Daraus entstanden zahlreiche europäische Formen wie deutsch und englisch Abaddon, französisch Abaddon, spanisch Abadón und russisch Аваддон.
Häufigkeit und aktuelle Statistik
| Strong-Nummer | H11 |
|---|---|
| Voll ausgeschriebene Form אֲבַדּוֹן | 5 biblische Belege |
| Ijob | 3 Belege: Ijob 26,6; 28,22; 31,12 |
| Psalmen | 1 Beleg: Psalm 88,12 nach hebräischer Verszählung; in manchen Übersetzungen 88,11 |
| Sprüche | 1 voller Beleg: Sprüche 15,11 |
| Zusätzliche textkritische Stelle | Sprüche 27,20 mit Ketiv וַאֲבַדֹּה und Qere וַאֲבַדּוֹ |
| BDB-Gesamtzusammenhang | 6 einschlägige Weisheitsstellen einschließlich Sprüche 27,20 |
| Textgattung | ausschließlich Weisheits- und Psalmendichtung |
| Numerus im biblischen Hebräisch | durchweg Singular |
| Qumran-Hebräisch | auch außerhalb des masoretischen Bibelkorpus belegt; Qumran-Digital dokumentiert zusätzlich pluralische Formen |
| Modernes Hebräisch | weiterhin als literarisches Substantiv „Vernichtung, Verwüstung“ gebräuchlich |
Die Zahl muss methodisch erläutert werden. Strong-Konkordanzen zählen für H11 gewöhnlich fünf Vorkommen der vollständig ausgeschriebenen Form. BDB behandelt zusätzlich Sprüche 27,20 als zum selben Lexem gehörende Qere-Variante und spricht daher faktisch von sechs einschlägigen Stellen.
Eine Angabe „sechsmal אֲבַדּוֹן“ wäre deshalb orthographisch ungenau, weil Sprüche 27,20 nicht die vollständige Form אֲבַדּוֹן schreibt beziehungsweise liest. Präziser ist: fünf Vollbelege plus eine textkritisch zugehörige Qere-Stelle.
Das Qumran-Hebräisch erweitert das Bild. Dort ist אבדון ebenfalls belegt, und die Qumran-Lexikographie dokumentiert sogar Pluralformen, die im masoretischen Bibeltext fehlen. Dies zeigt, dass das Wort in späteren historischen Varietäten morphologisch produktiver sein konnte als die fünf beziehungsweise sechs biblischen Kontexte vermuten lassen.
Wortbildung als Erstglied
אֲבַדּוֹן ist weder im biblischen noch im modernen Standardhebräisch ein regulär produktives Erstglied von Komposita. Es fungiert primär als selbständiges Nomen.
Moderne Ausdrücke können אבדון attributiv oder in Status-constructus-artigen Verbindungen verwenden, etwa in literarischen Formulierungen über „Untergangsszenarien“ oder „Untergangsvisionen“. Eine feste produktive Reihe nach dem Muster אבדון־X ist jedoch nicht mit der Produktivität gewöhnlicher Fachpräfixe vergleichbar.
Für neutrale Fachterminologie des Verlustes wird wesentlich häufiger אובדן־ zu אָבְדָן verwendet.
Wortbildung als Letztglied
Als echtes produktives Letztglied ist אֲבַדּוֹן ebenfalls nicht etabliert. Verbindungen wie שְׁאוֹל וַאֲבַדּוֹן sind syntaktische Koordinationen und keine Komposita.
Auch moderne Wortgruppen, in denen אבדון an zweiter Stelle steht, behalten das Wort als selbständiges Substantiv. Die historische Wortbildung des Lemmas selbst erfolgt über die Wurzel א־ב־ד und die Nominalbildung auf ־ון, nicht durch Komposition.
Übersetzungen
| Deutsch | Abaddon; Verderben; Vernichtung; Ort des Verderbens |
|---|---|
| Albanisch | Abaddon; shkatërrim; vend i shkatërrimit |
| Arabisch | أبدون / أبَدّون; هلاك; موضع الهلاك |
| Bengalisch | আবদ্দোন; বিনাশ; ধ্বংসের স্থান |
| Bulgarisch | Авадон; гибел; място на погибелта |
| Chinesisch | 亚巴顿 / 亞巴頓; 毁灭; 毁灭之地 |
| Dänisch | Abaddon; undergang; ødelæggelsens sted |
| Englisch | Abaddon; destruction; perdition; place of destruction |
| Estnisch | Abaddon; häving; hukatuse paik |
| Finnisch | Abaddon; tuho; kadotuksen paikka |
| Französisch | Abaddon; destruction; perdition; lieu de perdition |
| Griechisch | Ἀβαδδών; καταστροφή; τόπος ἀπωλείας |
| Hindi | अबद्दोन; विनाश; विनाश का स्थान |
| Indonesisch | Abadon; kebinasaan; tempat kebinasaan |
| Irisch | Abadón; scrios; áit an scriosta |
| Italienisch | Abaddon; distruzione; perdizione; luogo di perdizione |
| Japanisch | アバドン; 滅亡; 滅びの場所 |
| Kroatisch | Abadon; propast; mjesto propasti |
| Lettisch | Abadons; iznīcība; pazušanas vieta |
| Litauisch | Abadonas; pražūtis; pražūties vieta |
| Maltesisch | Abaddon; qerda; post il-qerda |
| Niederländisch | Abaddon; ondergang; verderf; plaats van verderf |
| Norwegisch | Abaddon; undergang; ødeleggelsens sted |
| Polnisch | Abaddon; zagłada; miejsce zagłady |
| Portugiesisch | Abadom; destruição; perdição; lugar de perdição |
| Rumänisch | Abadon; pierzare; loc al pierzării |
| Russisch | Аваддон; гибель; место погибели |
| Schwedisch | Abaddon; undergång; fördärvets plats |
| Slowakisch | Abaddon; záhuba; miesto záhuby |
| Slowenisch | Abadon; poguba; kraj pogube |
| Spanisch | Abadón; destrucción; perdición; lugar de perdición |
| Tschechisch | Abaddon; záhuba; místo záhuby |
| Türkisch | Abaddon; helâk; yıkım; helâk yeri |
| Ukrainisch | Аваддон; загибель; місце загибелі |
| Ungarisch | Abaddon; pusztulás; a pusztulás helye |
| Urdu | ابدّون; ہلاکت; ہلاکت کی جگہ |
| Walisisch | Abaddon; dinistr; man dinistr |
Bei den Übersetzungen ist zwischen Transliteration und Bedeutungsübersetzung zu unterscheiden. „Abaddon“ bewahrt den eigennameähnlichen Charakter des hebräischen Ausdrucks. „Vernichtung“, „Verderben“ oder „Ort des Verderbens“ machen dagegen seine Etymologie und Funktion verständlich.
Die Wiedergabe „Hölle“ sollte nur mit Vorsicht verwendet werden. Sie kann in späteren religiösen Traditionen angemessen sein, importiert aber Vorstellungen eines ausgebildeten Strafortes, die nicht in allen biblisch-hebräischen Belegen vorausgesetzt werden.
externe links
Bible Hub – Strong H11: אֲבַדּוֹן – Strong- und BDB-Eintrag mit der Klassifikation „Proper Name Location“, den Bedeutungen „destruction, ruin, Abaddon“ und den biblischen Belegen.
Bible Hub – Strong H11, ausführliche Konkordanz – Belegübersicht zu Ijob, Psalmen und Sprüche sowie BDB-Kommentar zur Beziehung von Abaddon und Scheol.
OpenBible – Strong H11 אֲבַדּוֹן – lexikographische Zusammenstellung von Strong und Brown–Driver–Briggs.
Pealim – אֲבַדּוֹן – modernes hebräisches Wörterbuch mit Aussprache avadon, Wurzel א־ב־ד und Bedeutung „destruction, devastation“.
Pealim – avadon – englischsprachiger moderner Wörterbucheintrag mit der Einordnung in die Wortfamilie von אבד.
Qumran-Digital Lexikon – אבדון – wissenschaftlicher Artikel zur Bedeutung „Ort des Verderbens, Totenreich, Unterwelt“ und zu biblisch-hebräischen, mittelhebräischen sowie Qumran-Belegen.
Hebräisches Wiktionary – אבדון – moderner hebräischer Eintrag mit der Bedeutung „Vernichtung, Untergang“ und festen Verbindungen.
Milog – אבדון – modernes Wörterbuch mit den Bedeutungen vollständige Vernichtung, Untergang und religiöser Verderbensort.
Sefaria – Ijob 26,6 – Abaddon parallel zu Scheol: selbst der Todesbereich ist vor Gott nicht verborgen.
Sefaria – Ijob 28,22 – Personifikation „Abaddon und Tod“ im Weisheitsgedicht.
Sefaria – Ijob 31,12 – Verwendung von עַד־אֲבַדּוֹן im Sinn vollständiger Vernichtung.
Sefaria – Psalm 88,12 – Frage nach Gottes Treue „im Abaddon“; Verbindung mit Grab und Totenreich.
Sefaria – Sprüche 15,11 – Verbindung שְׁאוֹל וַאֲבַדּוֹן „Scheol und Abaddon“.
Sefaria – Sprüche 27,20 – textkritisch relevante Parallelstelle mit Scheol und der verkürzten Abaddon-Form.
Bible Hub – Ijob 26,6, hebräische Textanalyse – Wort-für-Wort-Analyse des Belegs לָאֲבַדּוֹן.
Bible Hub – Ijob 28,22, hebräische Textanalyse – Analyse der Verbindung אֲבַדּוֹן וָמָוֶת.
Bible Hub – Sprüche 15,11, hebräische Textanalyse – morphologische Analyse der Verbindung שְׁאוֹל וַאֲבַדּוֹן.
Greek Bible – Offenbarung 9,11 – griechischer Text mit Ἀβαδδών als hebräischem Namen des Engels des Abgrunds und Ἀπολλύων als griechischer Entsprechung.
Bible Hub – Offenbarung 9,11, griechische Textanalyse – morphologische Analyse von Ἀβαδδών und der späteren christlich-apokalyptischen Personifikation.