Abadan
Lexikon
Abadan war von 2002 bis 2013 der amtliche Name einer Stadt im Ahal welaýaty im Südwesten Turkmenistans, unmittelbar westlich der Hauptstadt Aşgabat. Der Ort hieß zuvor Büzmeýin, in der russischsprachigen sowjetischen Überlieferung meist Bezmein beziehungsweise Bezmeyn. Die Bezeichnung Abadan gehört damit nur zu einer begrenzten Phase der Ortsgeschichte. Seit der administrativen Eingliederung in Aşgabat 2013 besteht Abadan nicht mehr als selbständige Stadt des Ahal welaýaty; nach einer weiteren Verwaltungsreform von 2018 wird für den betreffenden urbanen Raum wieder der historische Name Büzmeýin verwendet. In einem gegenwartsbezogenen geographischen Lexikon muss Abadan daher als historischer Ortsname gekennzeichnet werden.
Der Ort liegt am nördlichen Fuß des Kopet-Dag in der Übergangszone zwischen dem Gebirge und der trockenen Ebene nördlich davon, ungefähr zwanzig bis fünfundzwanzig Kilometer westlich beziehungsweise nordwestlich des Zentrums von Aşgabat. Südlich erhebt sich das Gebirge, jenseits dessen die Grenze zum Iran verläuft. Diese Lage bestimmte sowohl die ältere Siedlungsgeschichte als auch die moderne Funktion Büzmeýins beziehungsweise Abadans als westlicher Industrie- und Verkehrsstandort der Hauptstadtregion. Die Eisenbahnverbindung von Aşgabat in Richtung Türkmenbaşy führt durch den Ort; hinzu kommen wichtige Straßenverbindungen des westlichen Hauptstadtgebiets.
Die häufig anzutreffende Angabe, die Stadt sei „1963 gegründet“ worden, ist zu präzisieren. 1963 bezeichnet die Verleihung des Stadtstatus, nicht den Beginn menschlicher Besiedlung. Büzmeýin bestand bereits zuvor als Siedlung und entwickelte sich während der Sowjetzeit zunächst zum städtischen beziehungsweise industriellen Ort. Turkmenische amtliche Darstellungen zur Geschichte Aşgabats beschreiben, wie Ende der 1950er Jahre große und teilweise emissionsintensive Betriebe bewusst außerhalb der damaligen Hauptstadtgrenzen errichtet wurden. Rund fünfzehn bis zwanzig Kilometer westlich Aşgabats entstand dadurch ein bedeutender industrieller Satellitenstandort um Büzmeýin.
Für diese Entwicklung waren vor allem Baustoffindustrie und Energiewirtschaft maßgeblich. Zu den prägenden Anlagen gehörten ein Zementwerk, Betriebe für Stahl- und Spannbetonerzeugnisse sowie die große Büzmeýiner Kraftwerksanlage. Das Kraftwerk wurde 1957 in Betrieb genommen und entwickelte sich zu einem wichtigen Bestandteil der turkmenischen Stromversorgung. Später wurde es durch Gasturbinenanlagen modernisiert und während der Phase des Ortsnamens Abadan entsprechend als Abadan-Kraftwerk bezeichnet. Nach der Rückkehr zum historischen Ortsnamen begegnet heute wieder die Bezeichnung Büzmeýin State Power Plant.
Neben Energie- und Baustoffbetrieben entstanden weitere Produktionsstätten. Dazu gehörten beziehungsweise gehören Betriebe zur Herstellung von Betonfertigteilen, Rohren und Baumaterialien, eine Teppichproduktion und verschiedene Konsumgüterbetriebe. Der industrielle Charakter unterscheidet Büzmeýin deutlich vom repräsentativen Verwaltungs- und Regierungszentrum des heutigen Aşgabat. Durch die Eingemeindung wurde dieser ehemals außerhalb liegende Industriestandort Bestandteil der Hauptstadt und bildet heute einen wesentlichen Teil ihrer westlichen Wirtschafts- und Gewerbezonen.
Im Oktober 2002 erhielt Büzmeýin während der Präsidentschaft Saparmyrat Nyýazows den neuen Namen Abadan. Die Umbenennung gehörte zu einer umfangreichen post sowjetischen Neuordnung turkmenischer Ortsnamen. Der neue Name war positiv konnotiert und sollte Vorstellungen von Gedeihen, Wohlstand und Entwicklung ausdrücken. Er ersetzte damit einen historisch gewachsenen Ortsnamen, dessen Herkunft komplexer und nicht ohne Weiteres aus dem modernen Turkmenischen verständlich ist. In zeitgenössischen Darstellungen wurde Abadan entsprechend als programmatischer Name einer prosperierenden beziehungsweise wohlgeordneten Stadt präsentiert.
Während dieser Namensphase wurde Abadan administrativ weiterhin dem Ahal welaýaty zugerechnet. Die Stadt lag zwar bereits funktional im unmittelbaren Einzugsbereich Aşgabats, war aber eine eigenständige administrative Einheit. Angaben zu ihrer damaligen Bevölkerung schwanken je nach Quelle und Bezugsjahr; für die Zeit um 2009/2010 werden häufig etwas über 42.000 Einwohner, in allgemeineren Darstellungen rund 50.000 Einwohner genannt. Diese historischen Zahlen dürfen nicht mit heutigen Einwohnerangaben des Büzmeýin-Etraps verglichen werden, weil dessen heutige Grenzen durch spätere Eingemeindungen und Verwaltungsreformen erheblich verändert wurden.
Ein schweres Ereignis der Zeit unter dem Namen Abadan waren die Explosionen vom 7. Juli 2011. Nach der später veröffentlichten amtlichen Darstellung entzündeten sich bei großer Hitze pyrotechnische Erzeugnisse; das Feuer griff anschließend auf ein Militärlager mit älterer Munition über. Die Regierung gab schließlich den Tod von dreizehn Zivilpersonen und zwei Soldaten bekannt. Menschenrechtsorganisationen und unabhängige Medien berichteten dagegen von einer wesentlich größeren Munitionskatastrophe, erheblichen Zerstörungen und einer starken Beschränkung der Informationsweitergabe. Human Rights Watch kritisierte insbesondere die Abriegelung des Gebietes sowie die zeitweise Einschränkung von Mobilfunk- und Internetverbindungen. Weit höhere Opferzahlen, die damals von oppositionellen Quellen verbreitet wurden, konnten unabhängig nicht zuverlässig bestätigt werden und dürfen daher nicht als gesicherte Tatsachen angegeben werden.
Die Katastrophe führte zu umfangreichen Wiederaufbauarbeiten. Die damalige Staatsführung kündigte eine weitgehende Neugestaltung Abadans an, beschädigte Wohnhäuser und Infrastruktur wurden erneuert beziehungsweise ersetzt. Dadurch veränderte sich das Erscheinungsbild des Ortes zusätzlich. Die Entwicklung dieser Jahre lässt sich deshalb nicht allein als gewöhnliches Wachstum einer Industriestadt beschreiben, sondern wurde durch staatlich gesteuerte Stadtplanung und den Wiederaufbau nach dem Explosionsunglück wesentlich mitbestimmt.
Eine grundlegende administrative Veränderung erfolgte 2013. Mit einem Beschluss zur Erweiterung Aşgabats wurden die Gebiete der Stadt Abadan aus dem Ahal welaýaty herausgelöst und der Hauptstadt zugeschlagen. Insgesamt wurden zusammen mit weiteren angrenzenden Gebieten 37.654 Hektar in das Territorium Aşgabats aufgenommen. Die selbständige Stadt Abadan wurde aus dem Verzeichnis der administrativ-territorialen Einheiten gestrichen. Gleichzeitig entstand innerhalb Aşgabats ein neuer Abadan-Etrap. Ab diesem Zeitpunkt war „Abadan“ somit nicht mehr die Bezeichnung einer selbständigen Stadt der Provinz Ahal, sondern die eines Hauptstadtbezirks beziehungsweise des darin liegenden ehemaligen Stadtgebiets.
Die Verwaltungsreform von 2018 beendete auch diese Phase. Das turkmenische Parlament hob den Abadan-Etrap und den Ruhabat-Etrap Aşgabats auf und verteilte ihre Gebiete auf neu zugeschnittene Hauptstadtbezirke. Zugleich wurde der damalige Archabil-Etrap in Büzmeýin-Etrap umbenannt. Dadurch kehrte der historische Name Büzmeýin in die offizielle Verwaltungsterminologie zurück. Dabei ist zu beachten, dass der heutige Büzmeýin-Etrap nicht einfach in allen Grenzen mit der ehemaligen Stadt Abadan oder dem früheren Abadan-Etrap identisch ist; die Reform von 2018 verband die Namensänderung mit einer territorialen Neuordnung.
Aktuelle amtliche turkmenische Veröffentlichungen sprechen konsequent vom Büzmeýin-Etrap der Stadt Aşgabat. Dort befinden sich weiterhin bedeutende Industrie- und Energieanlagen. 2022 wurde beispielsweise ein modernes Zentrum für Reparatur und Wartung von Kraftwerksausrüstung eröffnet, das insbesondere Gasturbinen und zugehörige Anlagen wartet. Auch neue Wohnbauten und soziale Infrastruktur werden errichtet; für 2026 sind unter anderem neue Schulen, ein Kindergarten und ein Gesundheitszentrum im Büzmeýin-Etrap dokumentiert. Der ehemalige Industriestadtstandort ist damit heute fest in die bauliche und administrative Entwicklung der Hauptstadt integriert.
Lexikographisch muss daher zwischen drei aufeinanderfolgenden Zuständen unterschieden werden: Büzmeýin war der historische und bis 2002 amtliche Name der Stadt; Abadan bezeichnete sie von 2002 bis zur Eingemeindung 2013 und anschließend bis 2018 einen Aşgabat zugeordneten Etrap; Büzmeýin ist seit 2018 erneut die offizielle Bezeichnung im heutigen Hauptstadtgebiet. Die Aussage „Abadan ist eine Stadt in der Provinz Ahal“ trifft somit nur auf den Zeitraum von 2002 bis 2013 zu.
Etymologie
Der Ortsname Abadan wurde dem turkmenischen Büzmeýin erst 2002 als amtlicher Name verliehen. Er gehört zur persisch-iranischen Wortfamilie ābād beziehungsweise ābādān, die Bedeutungen wie „bewohnt“, „kultiviert“, „entwickelt“, „blühend“ und „wohlhabend“ trägt. Als Ortsname besitzt Abadan daher eine deutlich positive semantische Komponente und lässt sich sinngemäß als „blühender“, „gedeihender“ oder „wohlhabender Ort“ verstehen.
Das zugrunde liegende persische ābād geht auf mittelpersisch āpāt „entwickelt, blühend, bewohnt, kultiviert“ zurück. Die Encyclopaedia Iranica führt diese Form auf altiranisch ā „zu, hin“ und die Wurzel pā- „schützen“ zurück. Damit ist eine häufig anzutreffende volksetymologische Zerlegung in persisch āb „Wasser“ und ein nachgestelltes Bildungselement sprachgeschichtlich nicht zutreffend. Die Wortfamilie bezeichnet vielmehr ursprünglich einen geschützten, entwickelten beziehungsweise bewohnten Ort.
Für den turkmenischen Ortsnamen war diese Bedeutung gerade deshalb geeignet, weil Abadan 2002 nicht aus einer allmählichen historischen Lautentwicklung des lokalen Namens hervorging, sondern als neuer programmatischer Name vergeben wurde. Das vorherige Büzmeýin und das neue Abadan sind folglich nicht zwei sprachgeschichtliche Entwicklungsstufen desselben Wortes. Es handelt sich um zwei etymologisch verschiedene Namen, die nacheinander denselben Ort bezeichneten.
Der Name Büzmeýin ist wesentlich älter. Seine genaue Herkunft wird in turkmenischer toponymischer Literatur unterschiedlich erklärt und mit älteren Siedlungs-, Weinbau- und Handelsverhältnissen im Gebiet westlich Aşgabats in Zusammenhang gebracht. Für den Lexikoneintrag Abadan ist entscheidend, dass die Rückkehr zu Büzmeýin 2018 ausdrücklich Teil einer staatlichen Politik zur Wiederherstellung historischer Ortsnamen war. Der Name Abadan stellt daher heute eine abgeschlossene historische Benennungsphase dar.
Mit der iranischen Stadt Abadan in Chuzestan besteht zwar eine Gleichheit der modernen lateinischen Schreibweise und eine Verbindung zur selben persisch-iranischen Wortfamilie, doch handelt es sich um zwei verschiedene Toponyme mit unterschiedlicher Geschichte. Der Name der iranischen Stadt besitzt eine wesentlich ältere und etymologisch komplexe Überlieferung, während das turkmenische Abadan nachweislich eine moderne Umbenennung des Jahres 2002 war. Aus der Namensgleichheit darf daher keine historische Verbindung zwischen beiden Städten abgeleitet werden.
Synonyme
Geographische Eigennamen besitzen im strengen Sinn keine Synonyme. Bei Abadan sind jedoch historische und heutige Namen desselben beziehungsweise des territorial nachfolgenden Siedlungsraums zu unterscheiden.
Büzmeýin – historischer Name vor 2002 und seit 2018 wieder amtlich verwendete Bezeichnung; heute Name eines Stadtgebiets und Etraps von Aşgabat.
Bezmein beziehungsweise Bezmeyn – traditionelle russische Wiedergabe von Büzmeýin, besonders in sowjetischer und älterer russischsprachiger Literatur.
Abadan – amtlicher Ortsname von 2002 bis 2013 und anschließend Name eines Aşgabater Etraps bis 2018; heute historisch.
Abadan-Etrap – von 2013 bis 2018 bestehende Verwaltungseinheit innerhalb Aşgabats; nicht vollständig mit der vorherigen Stadt oder dem heutigen Büzmeýin-Etrap gleichzusetzen.
Büzmeýin-Etrap – heutige Verwaltungseinheit der Hauptstadt Aşgabat. Aufgrund der Grenzneuordnung von 2018 kein bloßer Namensersatz des früheren Abadan-Etraps, sondern territorial neu organisiert.
externe links
Turkmenistan – Aşgabat erhielt neue Gebiete, 27. Mai 2013 – amtliche Veröffentlichung zur Eingliederung der Stadt Abadan in Aşgabat, zur Ausgliederung aus dem Ahal welaýaty und zur Bildung des Abadan-Etraps.
Turkmenistan – National Parliament Makes Amendments to the Administrative and Territorial Division of Ashgabat, 5. Januar 2018 – amtlicher Beschluss über die Aufhebung der Etraps Abadan und Ruhabat und die Einführung der Bezeichnung Büzmeýin für einen Hauptstadtbezirk.
Turkmenistan – Renaming and Structural Reorganization of Areas of Ahal Velayat and Ashgabat – amtliche Darstellung der administrativen Neuordnung von 2018 und der Aufhebung der Abadan-Verwaltung.
Turkmenistan – Wiederherstellung historischer Ortsnamen – amtlicher Bericht zur Verwaltungsreform von 2018 und zur politischen Begründung der Rückkehr historischer Bezeichnungen.
Turkmenistan – Geschichte Aşgabats: Tragödie und Wiederaufbau – amtliche historische Darstellung zur Entstehung des Industrie-Satelliten Büzmeýin Ende der 1950er Jahre mit Zementwerk, Stahlbetonproduktion und Kraftwerk.
Turkmenistan – Power Equipment Repair and Service Centre in Büzmeýin – amtliche Beschreibung des 2022 eröffneten Energieanlagen-Wartungszentrums im heutigen Büzmeýin-Etrap von Aşgabat.
Turkmenistan – Power Energy of Turkmenistan: Points of Growth – Darstellung der gegenwärtigen energiewirtschaftlichen Bedeutung des Kraftwerksstandorts Büzmeýin.
Turkmenistan – Ahal–Balkan Energy System – amtlicher Beitrag mit Angaben zu industrieller Infrastruktur und Produktion von Betonbauteilen im Büzmeýin-Etrap.
Turkmenistan – Neue Schulen und Gesundheitseinrichtungen im Büzmeýin-Etrap, 2026 – aktuelle amtliche Quelle, die den heutigen administrativen Status als Etrap der Hauptstadt Aşgabat bestätigt.
Turkmenistan – Neue Wohnhäuser im Büzmeýin-Etrap, 2025 – aktuelle Darstellung der städtebaulichen Weiterentwicklung des ehemaligen Abadan-Gebiets innerhalb Aşgabats.
Human Rights Watch – World Report 2012: Turkmenistan – unabhängige Darstellung der Explosionen von Abadan im Juli 2011 und Kritik an der Informationssperre nach dem Ereignis.
Radio Free Europe/Radio Liberty – Turkmenistan Says 15 People Killed in Blasts – zeitgenössischer Bericht über die offiziell bekanntgegebenen 13 zivilen und zwei militärischen Todesopfer sowie die Explosion eines Munitionslagers.
Eurasianet – Government Admits 15 Deaths in Weapons Depot Explosion in Abadan – zeitgenössische Gegenüberstellung der amtlichen Darstellung und unabhängiger Berichte zur Katastrophe von 2011.
Encyclopaedia Iranica – ĀBĀDĪ – wissenschaftliche Etymologie der persischen Wortfamilie ābād „bewohnt, entwickelt, blühend“ mit Herleitung aus dem Mittelpersischen und Korrektur der volksetymologischen Verbindung mit āb „Wasser“.
Turkmenistan – Sachly Dursunova: A Worthy Daughter of Her Motherland – aktuelle amtliche Quelle, die Büzmeýin bereits als ältere Siedlungsbezeichnung für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts dokumentiert und damit zeigt, dass 1963 nicht als eigentliche Ortsgründung verstanden werden darf.