Abackern
Lexikon
abackern ist in seiner älteren, heute weitgehend veralteten Bedeutung ein landwirtschaftliches Verb für das Abtrennen oder Entziehen eines Stückes Boden durch Ackern beziehungsweise Pflügen. Johann Christoph Adelung definiert das Wort als „durch ackern oder pflügen absondern, entziehen“ und erläutert es mit Verbindungen wie einem eine Furche oder ein Stück Feld abackern. Das Verb bezeichnet in diesem älteren Gebrauch also nicht einfach die gewöhnliche Bearbeitung eines Ackers, sondern eine Grenzveränderung: Beim Pflügen wird ein Streifen Boden, eine Furche, ein Teil des Ackerrains oder ein anderes Stück Land von einer Fläche abgetrennt und einer angrenzenden Fläche zugeschlagen. Der Vorgang konnte absichtlich oder unbeabsichtigt erfolgen. Im Unterschied zu beackern, das lediglich die landwirtschaftliche Bearbeitung einer Fläche bezeichnet, enthält abackern in dieser Bedeutung daher ausdrücklich die Vorstellung des Wegnehmens beziehungsweise Abtrennens.
Besonders anschaulich wird die ursprüngliche Bedeutung an benachbarten Grundstücken. Zwischen zwei Äckern lag traditionell häufig ein Rain, eine unbebaute oder nur teilweise bearbeitete Grenzfläche. Führte ein Pflüger die Pflugschar zu weit über die eigene Grenze, konnte er vom Rain oder sogar vom Grundstück des Nachbarn Erdreich „abackern“. Wiederholtes Pflügen konnte eine solche Grenze allmählich verschieben. Das Wort berührt deshalb nicht nur die Geschichte des Ackerbaus, sondern auch die ländliche Besitz- und Grenzordnung. Das Abpflügen eines fremden Bodenstreifens konnte als tatsächlicher Eingriff in fremden Besitz verstanden werden. Die älteren Wörterbuchdefinitionen verbinden folgerichtig die konkrete Bodenbearbeitung mit dem Ergebnis des Entziehens: Der Boden wird nicht lediglich bewegt, sondern dem bisherigen Besitzbereich entzogen.
Das Bayerische Wörterbuch bewahrt diesen alten Bedeutungsbereich in zahlreichen Mundartbelegen. Für Oberbayern, Niederbayern, die Oberpfalz, Oberfranken, Mittelfranken und Schwaben ist abackern im Sinne von „wegpflügen“ beziehungsweise „von angrenzendem Grund wegpflügen“ dokumentiert. Die Belege beziehen sich besonders auf einen Rain oder einen erhöhten Grenzstreifen, von dem ein Nachbar beim Pflügen einen Teil wegnimmt. Damit zeigt die Dialektüberlieferung, dass die von Adelung beschriebene Bedeutung keineswegs nur eine abstrakte Wörterbuchbildung war, sondern bis in die neuere bäuerliche Alltagssprache fortlebte.
Aus dem konkreten Abtrennen durch Pflügen entwickelte sich bereits früh eine übertragene Bedeutung: jemandem etwas abackern konnte allgemein heißen, jemandem etwas wegzunehmen, abzugewinnen oder aus dessen Besitz in den eigenen zu überführen. Die zugrunde liegende Metapher bleibt durchsichtig. Wie der Pflüger beim Überschreiten einer Grundstücksgrenze einen Bodenstreifen dem eigenen Acker zuschlägt, so „ackert“ jemand im übertragenen Sinn einem anderen etwas ab. Historische Wörterbücher stellen diese Bedeutung daher in die Nähe von abnehmen, abjagen und entziehen. Dabei muss nicht mehr tatsächlich ein Acker oder Grundstück betroffen sein; der landwirtschaftliche Vorgang liefert lediglich das sprachliche Bild für eine Besitzverschiebung.
Die Dialekte kennen daneben mehrere Bedeutungen, die nicht sämtlich unmittelbar aus der hochsprachlichen historischen Definition Adelungs hervorgehen. Im Bayerischen Wörterbuch bezeichnet abackern regional auch das Einebnen durch Pflügen. Ein erhöhter Teil eines Feldes, ein Ackerbuckel oder ein zu hoch geratenes Beet kann so lange gepflügt werden, bis das Relief flacher geworden ist. Hier bedeutet ab- nicht primär „einem anderen wegnehmen“, sondern „durch die im Grundverb bezeichnete Tätigkeit vermindern oder beseitigen“. Die Wortbildung entspricht damit anderen ab--Verben, bei denen ein Zustand oder eine Erhebung schrittweise reduziert wird.
Eine weitere regionale Bedeutung ist bergab pflügen. In diesem Gebrauch besitzt ab- die alte räumliche Bedeutung „abwärts“. Das Verb bezeichnet dann die Richtung der Pflugarbeit auf einem geneigten Gelände. Diese Bedeutung gehört zu einem anderen semantischen Zweig als das Wegpflügen vom Nachbargrund: Beim einen geht es um die Entfernung von einer Grenze, beim anderen um eine Bewegung beziehungsweise Arbeitsrichtung nach unten. Dass beide unter derselben Wortform erscheinen, erklärt sich aus der großen Bedeutungsbreite des deutschen Wortbildungselements ab-.
In bairischen Mundarten ist außerdem die Bedeutung mit dem Pflügen fertig werden, zu Ende pflügen gut belegt. Eine Äußerung wie ich habe abgeackert konnte besagen, dass die Pflugarbeiten für den betreffenden Arbeitsabschnitt oder für die Jahreszeit abgeschlossen waren. Das Bayerische Wörterbuch ordnet diesen Gebrauch einer resultativen Funktion von ab- zu: Die durch das Grundverb bezeichnete Tätigkeit wird bis zum Ende durchgeführt. Vergleichbar sind Bildungen, in denen ab- nicht eine Richtung, sondern einen vollendeten Arbeitsprozess bezeichnet. Regional konnte abackern sogar für das Abernten gebraucht werden, beispielsweise beim Einbringen von Kartoffeln. Diese Bedeutung ist jedoch mundartlich und darf nicht zur allgemeinen historischen Hauptbedeutung des Wortes erhoben werden.
Die ältere Angabe verb. reg. act. kennzeichnet genau die bei Adelung im Mittelpunkt stehende Konstruktion. Verb. reg. bedeutet regelmäßiges Verb; act. steht für activum, hier also einen aktiven und transitiven Gebrauch. Ein Satz wie er ackerte seinem Nachbarn eine Furche ab enthält ein Akkusativobjekt – die Furche – und zusätzlich die Person, der der betreffende Boden entzogen wird. Nach heutiger Terminologie ist abackern in dieser Bedeutung ein regelmäßiges beziehungsweise schwaches, trennbares Verb: ich ackere ab, ich ackerte ab, ich habe abgeackert; mit zu lautet der Infinitiv abzuackern.
Von diesem historischen transitiven Verb ist der heute wesentlich verständlichere reflexive Gebrauch sich abackern zu unterscheiden. Er bedeutet „sich sehr abmühen, schwer arbeiten, sich durch Arbeit erschöpfen“. Moderne Synonymwörterbücher stellen sich abackern zu sich abarbeiten, sich abmühen, sich abplagen, sich abschinden und schuften und kennzeichnen die Wendung als umgangssprachlich beziehungsweise salopp. Auch das Bayerische Wörterbuch dokumentiert den reflexiven Gebrauch mundartlich als „sich plagen, schwer arbeiten“. Hier bezeichnet ab- einen resultativen Verbrauch der eigenen Kräfte, ähnlich wie in sich abarbeiten. Diese Bedeutung ist semantisch mit dem schweren körperlichen Ackern verbunden, aber nicht identisch mit der alten transitiven Bedeutung „durch Pflügen entziehen“.
Auch abrackern muss von abackern unterschieden werden. Das heute gebräuchliche sich abrackern bedeutet ebenfalls „sich abmühen, sich abarbeiten“ und ist dem modernen reflexiven sich abackern sehr ähnlich. Die Wörter unterscheiden sich jedoch in ihrer Bildung: abackern enthält unmittelbar das Verb ackern, während abrackern zu rackern gehört. Die lautliche Ähnlichkeit hat ihre Bedeutungen im modernen Sprachgefühl zusätzlich angenähert, rechtfertigt aber keine etymologische Gleichsetzung.
Für die historische Interpretation ist deshalb eine klare Bedeutungsordnung sinnvoll. Die älteste lexikographisch zentrale Bedeutung ist durch Pflügen absondern und dadurch entziehen. Daraus erklärt sich unmittelbar die übertragene Bedeutung des Wegnehmens aus fremdem Besitz. Daneben haben sich regional selbständige landwirtschaftliche Bedeutungen wie Einebnen, Bergabpflügen, Zu-Ende-Pflügen und Abernten entwickelt. Der moderne reflexive Gebrauch „sich schwer abarbeiten“ bildet schließlich einen weiteren, resultativ-intensivierenden Zweig. Das Wort ist damit ein gutes Beispiel dafür, wie ein scheinbar einfaches landwirtschaftliches Partikelverb in verschiedenen Dialekten und historischen Sprachstufen unterschiedliche Funktionen des Elements ab- ausbilden konnte.
Etymologie
abackern ist aus ab- und ackern gebildet. In der ältesten zentralen Bedeutung besitzt ab- seine separative Funktion „weg-, von etwas ab-, von einem Ganzen abtrennen“. Ackern bezeichnet die Bodenbearbeitung, ursprünglich insbesondere das Pflügen. Abackern bedeutet daher wörtlich zunächst „durch Ackern beziehungsweise Pflügen abtrennen“. Diese Wortbildungsstruktur entspricht unmittelbar dem älteren Synonym abpflügen.
Das Grundverb ackern ist bereits mittelhochdeutsch als ackern beziehungsweise eckern belegt und bedeutet „pflügen, beackern, das Feld bestellen“. Es ist vom Substantiv Acker abgeleitet. Auch im Frühneuhochdeutschen bezeichnet ackern in erster Linie das Pflügen und, in weiterem Sinn, die Feldbestellung. Die heutige umgangssprachliche Bedeutung „schwer arbeiten“ ist eine metaphorische Erweiterung dieser körperlich anspruchsvollen landwirtschaftlichen Tätigkeit.
Acker gehört zum ältesten germanischen Wortschatz. Die historischen Formen umfassen unter anderem althochdeutsch ackar, mittelhochdeutsch acker, gotisch akrs und altenglisch æcer. Verwandt sind lateinisch ager „Feld, Ackerland“ und griechisch agrós „Feld, Land“. Die Wortfamilie wird auf indogermanisch *agro-s zurückgeführt, das seinerseits mit einer Wurzel der Bedeutung „treiben, führen, bewegen“ verbunden wird. Die ursprüngliche Bedeutungsentwicklung wird mit dem Treiben von Vieh auf freies Land beziehungsweise vor den Pflug in Zusammenhang gebracht.
Die verschiedenen späteren Bedeutungen von abackern entstehen durch unterschiedliche Funktionen von ab-. Beim Wegpflügen bezeichnet es Trennung; beim Bergabpflügen eine Abwärtsrichtung; beim Einebnen eine Verringerung; beim Zu-Ende-Pflügen den Abschluss eines Vorgangs; bei sich abackern schließlich das Ausführen einer Tätigkeit bis zur Erschöpfung. Die Bedeutungsvielfalt ist daher nicht zufällig, sondern entspricht allgemein belegten semantischen Funktionen des deutschen ab-.
Die historische Schreibweise Abackern mit großem Anfangsbuchstaben in Wörterbuchlemmata wie bei Adelung ist keine besondere orthographische Form des Verbs. Verben werden im fortlaufenden heutigen Deutsch kleingeschrieben: abackern. Die Großschreibung in älteren Wörterbuchüberschriften folgt der damaligen lexikographischen Typographie beziehungsweise der Gestaltung des Stichworts.
Synonyme
abpflügen – das engste historische Synonym der Hauptbedeutung; bezeichnet das Abtrennen beziehungsweise Wegnehmen eines Bodenstücks mit dem Pflug.
wegpflügen – sachlich genaue Umschreibung für das Entfernen von Erdreich oder eines Grenzstreifens durch Pflügen, besonders in den mundartlichen Belegen.
entziehen – übergeordnete Entsprechung, wenn der durch das Pflügen verursachte Besitzverlust im Mittelpunkt steht; enthält selbst keine landwirtschaftliche Bedeutung.
abnehmen – bedeutungsnah für die übertragene Verwendung „jemandem etwas abackern“, also jemandem etwas wegnehmen.
abjagen – historisch und übertragen bedeutungsnah für das Erlangen einer Sache auf Kosten eines anderen; stärker auf Wettbewerb oder gewaltsames beziehungsweise energisches Entziehen bezogen.
abernten – nur für den regional belegten Gebrauch von abackern im Sinne des vollständigen Aberntens, beispielsweise von Kartoffeln; kein Synonym der historischen Hauptbedeutung.
fertigpflügen und zu Ende pflügen – Entsprechungen der mundartlichen Bedeutung „mit dem Ackern fertig werden“.
sich abarbeiten, sich abmühen, sich abplagen, sich abschinden und schuften – Synonyme des heutigen beziehungsweise regionalen reflexiven sich abackern „schwer arbeiten“; sie gehören nicht zur alten transitiven Hauptbedeutung.
sich abrackern – im heutigen Sprachgebrauch besonders nah an reflexivem sich abackern, etymologisch jedoch eine andere Bildung zu rackern.
externe links
Adelung – Abackern – historischer Wörterbucheintrag mit der Definition „durch ackern oder pflügen absondern, entziehen“ und dem Beispiel des Abackerns einer Furche oder eines Stückes Feld.
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm – abackern – historischer Wörterbuchartikel zur eigentlichen und übertragenen Bedeutung des Verbs.
Wiktionary – abackern – Überblick über die veraltete transitive Bedeutung, die übertragene Verwendung, Flexion und historische Wörterbuchquellen.
Bayerns Dialekte Online – abackern – ausführlicher Artikel des Bayerischen Wörterbuchs mit Belegen für Wegpflügen, Einebnen, Bergabpflügen, Zu-Ende-Pflügen, Abernten, Wegnehmen und reflexivem „sich plagen“.
Bayerisches Wörterbuch – Wörterliste zum Ackern – dokumentiert die systematische dialektologische Erhebung von abackern für Grenzüberpflügen, Einebnen, Abschluss des Pflügens und übertragenes Wegnehmen.
Bayerns Dialekte Online – ab – beschreibt die verschiedenen semantischen Funktionen von ab-, darunter räumliche Entfernung und resultativen Abschluss; abackern wird ausdrücklich für „fertig werden mit dem Pflügen“ angeführt.
Duden – ackern – moderner Wörterbucheintrag zum Grundverb mit den Bedeutungen „den Acker bestellen“, „mit dem Pflug bearbeiten“ und übertragen „mühselig arbeiten“.
Duden – Synonyme zu ackern – Übersicht über landwirtschaftliche und übertragene Entsprechungen wie pflügen, den Acker bestellen, sich abarbeiten und schuften.
Frühneuhochdeutsches Wörterbuch – ackern – historische Darstellung von ackern in der Bedeutung „pflügen, das Feld bestellen“ mit frühneuhochdeutschen Belegen.
Gerhard Köbler – Mittelhochdeutsches Wörterbuch: ackeren, ackern – dokumentiert mittelhochdeutsch ackern, eckern für „ackern, beackern, pflügen“ und verweist auf Bildungen mit abe-.
Duden – abrackern – moderner Wörterbuchartikel zum ähnlich klingenden, aber anders gebildeten Verb sich abrackern „sich abmühen, abarbeiten“.
Operone – historische Lexikonartikel – digitalisierte Sammlung älterer Lexikoneinträge; enthält Adelungs Artikel „Abackern, verb. reg. act.“ mit der traditionellen Definition und Beispielen.
Wiktionary – Flexion: abackern – vollständige Formenübersicht des regelmäßigen trennbaren Verbs mit abzuackern und abgeackert.