abacinare

Grundbedeutung

abacinare, auch abbacinare, ist ein mittellateinisches transitives Verb mit der Grundbedeutung „blenden, des Augenlichts berauben, blind machen“. Das Wort bezeichnet insbesondere eine als Strafe oder politische Gewaltmaßnahme vollzogene Blendung. In der mittelalterlichen lexikographischen und historiographischen Tradition wird der Ausdruck besonders mit einer Methode verbunden, bei der den Augen des Betroffenen starke Hitze beziehungsweise der intensive Schein eines erhitzten metallenen Gegenstandes ausgesetzt wird. Du Cange nennt ausdrücklich glühendes Eisen sowie eine erhitzte eiserne oder bronzene Schale beziehungsweise ein Becken.

Die präziseste deutsche Grundübersetzung lautet daher „blenden“ beziehungsweise „des Augenlichts berauben“. Soll die historisch besondere Verfahrensbedeutung ausdrücklich wiedergegeben werden, kann ausführlicher „durch starke Hitze beziehungsweise ein glühendes Metallgefäß blenden“ gesagt werden. Nicht jeder Beleg des Verbs beschreibt allerdings die technische Durchführung der Blendung; in erzählenden Quellen kann abacinare schlicht das Ergebnis „blind machen“ ausdrücken, ohne das angewandte Verfahren näher zu erläutern.

Die semantische Spezialisierung unterscheidet abacinare von allgemeineren lateinischen Verben wie excaecare „blind machen“. Während excaecare bereits klassisch und in verschiedensten konkreten und übertragenen Zusammenhängen verwendbar ist, gehört abacinare zum historischen Straf-, Gewalt- und Chronikwortschatz des Mittelalters und ist wesentlich enger mit der physischen Beraubung der Sehkraft verbunden.

Im späteren Italienischen entwickelt abbacinare über die historische Bedeutung hinaus die allgemeinere Bedeutung „blenden, stark blenden, die Sehkraft vorübergehend beeinträchtigen“, etwa durch grelles Licht, und anschließend auch figurative Bedeutungen wie „verwirren, betören, täuschen“. Für das eigentliche mittellateinische abacinare sollte diese moderne semantische Erweiterung jedoch nicht ohne Beleg rückprojiziert werden.

Wortart

abacinare ist ein Verb, genauer ein transitives Verb der ersten Konjugation. Als lexikographische Grundform kann abacino, abacinare, abacinavi, abacinatum angesetzt werden; daneben steht die orthographische Variante abbacino, abbacinare.

Das Verb verlangt in seinem prototypischen Gebrauch ein persönliches Akkusativobjekt: Jemand abacinat aliquem, „jemand blendet jemanden“. Der Betroffene ist also das direkte Objekt der Handlung. Historische Belege zeigen besonders die dritte Person Singular des Perfekts, etwa abacinavit „er blendete / ließ blenden“.

Das Partizip Perfekt Passiv abacinatus beziehungsweise abbacinatus bedeutet „geblendet, des Augenlichts beraubt“. Gerade diese Partizipialform besitzt in mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Historiographie größere Bedeutung, weil Personen rückblickend als durch eine solche Maßnahme erblindet beschrieben werden.

Semantisch gehört das Verb zu den Verben der körperlichen Schädigung, genauer zu den Verben der Beeinträchtigung beziehungsweise Zerstörung des Sehvermögens. In rechts- und kulturgeschichtlichem Zusammenhang gehört es zugleich zum Wortfeld körperlicher Strafmaßnahmen.

Aussprache

Da abacinare kein charakteristisches Verb des klassischen Lateins ist, sondern dem mittelalterlichen Latein angehört, besitzt eine „klassische Aussprache“ nur den Wert einer rückprojizierten schulphilologischen Rekonstruktion. Nach klassischen Lautregeln wäre abacinare ungefähr als [a.ba.kiˈnaː.re] anzusetzen. Die Silbengliederung lautet a-ba-ci-na-re; der lange Vokal der Infinitivendung -āre bewirkt den Akzent auf der vorletzten Silbe.

Das c vor i wäre in einer klassizierenden Aussprache als [k] zu realisieren. In mittelalterlichen regionalen Aussprachetraditionen entwickelte sich das lateinische c vor Vorderzungenvokalen jedoch unterschiedlich. Gerade im italienischen Sprachraum, der für die Wortgeschichte besonders wichtig ist, wurde es palatalisiert. Die historische tatsächliche Aussprache eines Schreibers oder Sprechers kann daher von der klassizierenden Form erheblich abgewichen sein.

Die Variante abbacinare enthält graphisch ein doppeltes b. Im italienischen beziehungsweise italoromanischen Bereich entspricht dies einer geminierten Konsonantenstruktur. Im international gebrauchten Mittellatein muss die orthographische Gemination jedoch nicht in jeder Region identisch gesprochen worden sein.

Für das Wörterbuch sollte deshalb zwischen einer normalisierten schulphilologischen Lautung und der realen mittelalterlichen Aussprachegeschichte unterschieden werden. Eine einzige IPA-Form kann die geographisch und chronologisch stark variierende mittellateinische Lautung nicht vollständig repräsentieren.

Grammatik

Lemma abacinare
Lexikographische Grundform abacino, abacinare, abacinavi, abacinatum
Nebenform abbacino, abbacinare
Wortart Verb
Konjugation 1. Konjugation
Valenz transitiv
Akkusativobjekt die geblendete Person
Präsens 1. Person Singular abacino
Infinitiv Präsens Aktiv abacinare
Infinitiv Präsens Passiv abacinari
Perfekt 1. Person Singular abacinavi
3. Person Singular Perfekt abacinavit
Supinum abacinatum
Partizip Perfekt Passiv abacinatus, -a, -um
Grundbedeutung blenden; des Augenlichts berauben
Sprachstufe Mittellatein

Die morphologische Struktur entspricht einem regelmäßig gebildeten Verb der ersten Konjugation. Für die historische Lexikographie ist jedoch zu beachten, dass ein vollständig durch alle Tempora und Modi belegtes Paradigma nicht vorausgesetzt werden darf. Viele Formen lassen sich regulär bilden, während die tatsächliche schriftliche Überlieferung sich auf einen kleinen Ausschnitt konzentriert.

Besonders sicher und historisch relevant sind Formen wie abacinavit „er blendete“ sowie abacinatus „geblendet“. Daneben ist der passive Infinitiv abacinari lexikographisch problemlos ableitbar und wurde in späterer gelehrter Sprache selbst fast substantivisch zur Benennung des Vorgangs aufgefasst.

Der passive Gebrauch ist sachlich naheliegend, da mittelalterliche Chroniken häufig vom Schicksal einer Person berichten: jemand sei geblendet worden, habe sein Augenlicht verloren oder sei auf Befehl eines Herrschers einer solchen Bestrafung unterzogen worden. Entsprechend gehört abacinatus zu den zentralen Formen der Wortgeschichte.

Orthographie

Die wichtigsten Schreibweisen sind abacinare und abbacinare. Du Cange setzt ABACINARE als Lemma und nennt Abbacinare unmittelbar als Variante. Die Doppelung des b entspricht insbesondere der italienischen Form abbacinare, die bis in die moderne Sprache fortlebt.

Die Schreibvariation ist charakteristisch für mittellateinische Wörter, die in engem Kontakt mit romanischen Volkssprachen stehen. Mittelalterliches Latein besitzt keine überall zentral geregelte Orthographie, und bei jüngeren, regional geprägten Wörtern können latinierte und volkssprachlich beeinflusste Schreibweisen nebeneinander auftreten.

Die Form abacinare sollte nicht mit abacino als vermeintlich anderem Lexem verwechselt werden. Abacino ist die erste Person Singular Präsens desselben Verbs und zugleich eine mögliche Wörterbuchansetzungsform nach lateinischer lexikographischer Tradition.

Ebenso muss abacinare von Wörtern der Familie abacus getrennt werden. Die graphische Nähe am Wortanfang ist zufällig; die historische Ableitungsbasis des mittelalterlichen Verbs wird mit bacinum/bacino „Becken, Schale“ verbunden.

Gebrauch

Der typische Gebrauch von abacinare findet sich in mittelalterlichen Chroniken und historischen Darstellungen, wenn die körperliche Blendung eines politischen Gegners, Gefangenen oder Thronkonkurrenten beschrieben wird. Blendung besaß im Mittelalter und besonders in byzantinischen und mediterranen Herrschaftskontexten eine spezifische politische Funktion: Ein körperlich dauerhaft geschädigter Rivale konnte als für bestimmte Herrschaftsrollen ungeeignet gelten, ohne dass er notwendigerweise getötet werden musste.

Ein von Du Cange angeführter Beleg aus der Chroniktradition Andrea Dandolos lautet sinngemäß: Nach Tancreds Tod habe Heinrich das Königreich wiedergewonnen und die Söhne Tancreds geblendet, während die Töchter freigelassen worden seien. Der entscheidende lateinische Ausdruck lautet filios Tancredi abacinavit. Dieser Beleg ist lexikalisch besonders wichtig, unabhängig davon, wie einzelne historische Details der Chronikerzählung zu bewerten sind.

Ein weiterer Traditionskomplex betrifft den venezianischen Dogen Enrico Dandolo. Spätere Quellen behaupten, er sei bei den Byzantinern geblendet beziehungsweise beinahe geblendet worden; eine von Hofmann zitierte Formulierung lautet a Graecis forte abacinatus quasi visum amisit. Diese Erzählung ist historisch umstritten und darf deshalb nicht als gesicherter biographischer Vorgang behandelt werden. Für die Wortgeschichte zeigt sie jedoch, wie abacinatus verstanden wurde: als durch eine Blendungsmaßnahme erheblich in der Sehkraft geschädigt.

Du Cange sammelt darüber hinaus Erzählungen, in denen erhitzte Becken, Schalen oder Metallplatten vor die Augen gehalten worden sein sollen. Solche historiographischen Berichte dokumentieren das mittelalterliche Verständnis des Wortes; sie sind nicht automatisch als technisch exakte Protokolle tatsächlich vollzogener Verfahren zu lesen.

Bedeutungsbereich

Der Bedeutungsbereich ist wesentlich enger als derjenige des allgemeinen excaecare. Im Zentrum steht die vorsätzliche physische Beraubung oder schwere Beeinträchtigung des Sehvermögens. Typischerweise geschieht dies als Strafe, politische Ausschaltung oder Gewaltmaßnahme.

Innerhalb dieses Kernbereichs können zwei Intensitätsstufen unterschieden werden. Das Verb kann vollständige Erblindung bezeichnen. Historische Kommentatoren lassen daneben auch eine schwere Verminderung der Sehkraft zu, bei der der Betroffene nicht völlig blind geworden sei. Gerade bei der Dandolo-Tradition wurde aus Formulierungen wie quasi visum amisit geschlossen, dass nicht notwendigerweise völlige Blindheit gemeint sein müsse.

Die technische Methode ist semantisch eng mit dem Wort verbunden, aber nicht in jedem einzelnen Satz obligatorisch mitausgesagt. Ein Chronist kann abacinavit verwenden, ohne das Instrument oder Verfahren zu nennen. Die Handlungskomponente „blenden“ bleibt zentral; die Assoziation mit erhitztem Metall gehört zur historisch-etymologischen Spezifizierung.

Die späteren italienischen Bedeutungen „durch Licht blenden“, „die Wahrnehmung beeinträchtigen“, „verwirren, betören“ zeigen eine semantische Erweiterung vom dauerhaften physischen Verlust der Sehkraft zur vorübergehenden visuellen Überreizung und schließlich zur geistigen Verblendung. Für das mittellateinische Lemma sind diese jüngeren Bedeutungen nur wortgeschichtlich, nicht als gleichrangige Hauptbedeutungen anzusetzen.

Lexikon

abacinare, auch abbacinare: mittellateinisches transitives Verb „blenden, blind machen, des Augenlichts berauben“, besonders als Bezeichnung einer körperlichen Straf- oder Gewaltmaßnahme. Du Cange definiert das Wort mit oculis privare, excaecare und verbindet es insbesondere mit der Verwendung von glühendem Eisen beziehungsweise einer erhitzten eisernen oder bronzenen Schale.

Das Wort gehört nicht zum klassischen lateinischen Grundwortschatz. Für die üblichen Bedeutungen „blind machen“ und „des Sehvermögens berauben“ standen dem klassischen und spätantiken Latein bereits caecare, excaecare, oculis privare, luminibus orbare und weitere Wendungen zur Verfügung. Abacinare entsteht dagegen in einem mittelalterlichen kulturellen und romanisch-lateinischen Sprachmilieu.

Der etymologische Kern wird traditionell mit bacinum beziehungsweise italienisch bacino „Becken, Schale“ verbunden. Du Cange erklärt, dass eine erhitzte eiserne oder bronzene pelvis, die im Italienischen und Französischen seiner Zeit als bacinum beziehungsweise entsprechendes romanisches Wort bezeichnet werde, zur Blendung vor die Augen gebracht worden sei. Genau von diesem Gegenstand leite sich nach seiner Erklärung die Benennung ab.

Auch die moderne italienische Lexikographie führt abbacinare auf bacino zurück. Die genaue Richtung des mittelalterlichen Entlehnungsvorgangs ist allerdings schwieriger zu bestimmen. Möglich ist sowohl eine mittellateinische Neubildung auf einer romanischen Gefäßbezeichnung als auch eine Latinisierung eines bereits volkssprachlich entstandenen italienischen Verbs. Latein und frühe italienische Varietäten standen gerade in Chronik- und Verwaltungssprache in engem wechselseitigem Kontakt.

Der historische Beleg filios Tancredi abacinavit zeigt einen prototypischen Gebrauch: Das direkte Objekt bezeichnet Personen, denen auf Befehl eines Herrschers die Sehkraft genommen wird. Der Kontext ist politische Repression. Das Verb bezeichnet dabei den Vorgang beziehungsweise das Veranlassen des Vorgangs, ohne im Satz selbst die konkrete technische Ausführung zu nennen.

Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Lexikographie verbindet den Ausdruck mit mehreren historischen oder legendären Blendungserzählungen. Dazu gehören die Gefangenschaft Roberts von der Normandie, die Überlieferung über Herzog Tassilo sowie besonders die Dandolo-Tradition. Diese Berichte sind quellenkritisch unterschiedlich zuverlässig. Für die Sprachgeschichte sind sie dennoch wichtig, weil sie zeigen, welche Vorstellung frühneuzeitliche Gelehrte mit abacinare verbanden.

Die Geschichte Enrico Dandolos verdient besondere Vorsicht. Spätere venezianische Autoren führen seine Sehbehinderung auf eine byzantinische Blendung zurück und beschreiben dabei teilweise eine erhitzte Metallplatte. Die moderne Geschichtsforschung betrachtet Einzelheiten dieser Überlieferung skeptisch. Das Wörterbuch sollte daher zwischen Beleg für den Wortgebrauch und historischer Faktizität des erzählten Ereignisses unterscheiden.

In der italienischen Sprache blieb abbacinare wesentlich lebendiger als sein mittellateinisches Gegenstück. Der historische Strafsinn „mit einem glühenden Metallgefäß blenden“ ist noch lexikographisch erhalten, daneben entwickelte sich die allgemeinere Bedeutung „durch starkes Licht blenden“. Daraus entstanden figurative Bedeutungen wie „täuschen, verwirren, betören“.

Der lateinische Ausdruck wirkte außerdem in andere gelehrte Sprachen weiter. Englisch abacinate wurde als seltenes historisches Verb übernommen. Im Deutschen existiert die veraltete gelehrte Bildung abazinieren für eine Blendung durch eine glühende Metallplatte. Diese späteren Entlehnungen gehören weniger zum lebendigen Alltagswortschatz als zur historischen Straf- und Wörterbuchterminologie.

Lexikographisch ist abacinare daher am treffendsten als seltenes mittellateinisches Fach- und Chronikverb des Straf- und Gewaltwortschatzes zu beschreiben. Seine Bedeutung ist klarer als seine genaue morphologische Entstehung: Sicher ist die Verbindung mit der Wortfamilie des romanischen „Beckens“, während die genaue Präfixanalyse und Entlehnungsrichtung vorsichtiger zu beurteilen sind.

Etymologie

Lemma abacinare
Nebenform abbacinare
Sprachstufe Mittellatein
Unmittelbare Basis bacinum / bacino „Becken, Schale, metallene Schüssel“
Italienische Entsprechung abbacinare
Traditionelle Präfixanalyse ab- + bacinum beziehungsweise romanische Bildung zu bacino
Moderne italienische Analyse a-/ad- + bacino + -are
Grundvorstellung mit einem Becken beziehungsweise einer erhitzten Schale blenden
Bedeutungsentwicklung mittels erhitzten Metalls blenden → allgemein blenden → in den romanischen Fortsetzungen auch „durch Licht blenden“ und figurativ „verwirren“
Genauere Entlehnungsrichtung nicht völlig sicher; enger mittellateinisch-italienischer Kontakt

Du Canges klassische Erklärung leitet abacinare von einem Wort bacinum für „Becken, Schale“ ab. Das Objekt wird unmittelbar mit dem beschriebenen Blendungsverfahren verbunden: Eine erhitzte eiserne oder bronzene Schale werde den Augen gegenübergestellt. Die Bezeichnung der Handlung entsteht somit metonymisch aus dem Instrument beziehungsweise Gegenstand der Handlung.

Das italienische bacino bezeichnet ein Becken, eine Schüssel oder schalenförmiges Gefäß. Die moderne italienische Lexikographie analysiert abbacinare als Ableitung zu bacino mit einem verbbildenden Präfix beziehungsweise einer verbalen Ableitungsstruktur. Diese Erklärung bestätigt den Sachzusammenhang, macht aber deutlich, dass die alte Analyse als einfaches lateinisches ab- + bacinum nicht die einzige denkbare morphologische Interpretation ist.

Für das mittellateinische Wort ist außerdem die Frage der Entlehnungsrichtung offen. Es könnte sich um eine im Lateinischen aus einem romanischen Substantiv gebildete Form handeln; ebenso ist denkbar, dass ein volkssprachliches italienisches abbacinare in die lateinische Chroniksprache zurücklatinisiert wurde. Bei mittelalterlichen Wörtern aus Italien ist eine klare Einbahnstraße zwischen Latein und Volkssprache oft künstlich, weil beide Sprachformen parallel in denselben schriftkundigen Milieus verwendet wurden.

Das zugrunde liegende Wort bacino beziehungsweise spätlateinisch rekonstruierbares baccinum/bacinum wird selbst häufig mit einer älteren Gefäßbezeichnung verbunden; die weitere Etymologie wird in modernen romanistischen Wörterbüchern nicht durchgängig identisch erklärt. Für das Lemma abacinare ist die unmittelbare Ableitung von der Gefäßbezeichnung ausreichend sicher, während eine weiter zurückreichende Etymologie vorsichtig behandelt werden sollte.

Wortgeschichte

Abacinare gehört nicht zur klassischen Latinität. Das Verb entsteht in einer Epoche, in der das geschriebene Latein Europas zunehmend neue Wörter aus Verwaltung, Recht, Technik und den romanischen Volkssprachen aufnimmt. Seine Geschichte ist daher ein charakteristisches Beispiel für den offenen Wortschatz des Mittellateins.

Ein zentraler historischer Beleg wird von Du Cange aus einer Chronik Andrea Dandolos angeführt. Im Zusammenhang mit der Eroberung des normannischen Königreichs Sizilien durch Kaiser Heinrich VI. heißt es, er habe die Söhne Tancreds abacinavit. Der Beleg dokumentiert eindeutig die Bedeutung „blenden“ und zeigt die Verwendung eines regelmäßigen Verbs der ersten Konjugation.

Die Wortgeschichte verbindet sich früh mit dem italienischen abbacinare. Mittelalterliche italienische Chronisten verwenden das Verb ebenfalls für politische Blendungsstrafen. Besonders bekannt wurde die Überlieferung über Petrus de Vinea, dessen Blendung in späteren italienischen Chroniken mit abbacinare bezeichnet wird.

Frühneuzeitliche Gelehrte wie Du Cange und Hofmann machten den Ausdruck zu einem eigenen Gegenstand historischer Lexikographie. Sie sammelten nicht nur Wortbelege, sondern ganze Berichte über unterschiedliche Arten der Blendung. Damit wurde abacinare zu einem kulturhistorischen Stichwort für mittelalterliche Strafpraxis.

Im Italienischen löste sich das Verb später von der ausschließlich strafrechtlichen Bedeutung. Abbacinare konnte nun auch eine starke Lichtwirkung bezeichnen, die das Sehen vorübergehend beeinträchtigt. Von dort war der Übergang zum übertragenen „verblenden, täuschen, beeindrucken“ semantisch naheliegend.

Im Lateinischen selbst entwickelte sich das Wort dagegen nicht zu einem allgemeinen Hochfrequenzverb. Es blieb ein Randwort der historischen, chronikalischen und lexikographischen Überlieferung. Seine Bekanntheit in neuzeitlichen europäischen Wörterbüchern ist daher größer als seine tatsächliche Frequenz in mittelalterlichen Textkorpora.

Historische Einordnung

Die Bedeutung von abacinare lässt sich nur vor dem Hintergrund mittelalterlicher Blendungsstrafen vollständig verstehen. Die vorsätzliche Beraubung des Sehvermögens war in unterschiedlichen antiken und mittelalterlichen Gesellschaften als körperliche Strafe oder politisches Ausschaltungsmittel bekannt. Besonders gut dokumentiert ist ihre politische Funktion im Byzantinischen Reich, doch entsprechende Praktiken und Erzählungen finden sich auch im lateinischen Westen.

Die Blendung konnte gegenüber der Tötung als eine Form der dauerhaften politischen Ausschaltung erscheinen. Ein Thronprätendent, Heerführer oder hochrangiger Gegner wurde körperlich gezeichnet und in seiner gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Die konkrete rechtliche und politische Bedeutung unterschied sich je nach Epoche und Herrschaftssystem.

Abacinare bezeichnet dabei nur eine bestimmte lexikalische Ausprägung des viel älteren Sachverhalts. Die Praxis des Blendens existierte lange vor dem Wort. Bereits klassische lateinische und griechische Texte kennen Ausdrücke für das Ausstechen oder Zerstören der Augen; das mittellateinische Verb ist daher keine Benennung des Beginns der Praxis, sondern eine jüngere sprachliche Spezialisierung.

Frühneuzeitliche Lexikographen verbanden mit abacinare insbesondere die Blendung durch Hitze oder intensiven Glanz eines erhitzten Metallgegenstandes. Ihre Berichte vermischen dabei antike Beispiele, mittelalterliche Chronikerzählungen, Reiseberichte und gelehrte Deutungen. Die einzelnen historischen Fälle müssen daher quellenkritisch getrennt werden.

Für die Sprachgeschichte ist dieser quellenkritische Vorbehalt zentral: Dass ein frühneuzeitliches Wörterbuch eine Person als Beispiel für abacinatus nennt, beweist zuverlässig die damalige Bedeutung des Wortes, aber nicht automatisch die historische Genauigkeit der zugrunde liegenden Blendungserzählung.

Antonyme

Ein strenges lexikalisches Antonym zu abacinare existiert nicht. „Jemanden blenden“ bezeichnet eine irreversible oder schwerwiegende körperliche Schädigung; das Gegenteil wäre sachlich die Bewahrung oder Wiederherstellung des Sehvermögens, nicht jedoch ein festes einzelnes Gegenverb.

Als kontextuelle Gegenbegriffe kommen illuminare „erleuchten“ oder Verbindungen wie visum restituere „das Sehvermögen wiederherstellen“ in Betracht. Diese sind jedoch keine Antonyme im strengen lexikologischen Sinn.

Auch videre „sehen“ steht nicht in unmittelbarer Antonymie zu abacinare, weil das eine einen Zustand beziehungsweise Wahrnehmungsvorgang und das andere eine kausative Handlung bezeichnet.

Synonyme und bedeutungsverwandte Ausdrücke

excaecare – blind machen, blenden; wesentlich allgemeiner und bereits im älteren Latein gebräuchlich.

caecare – blind machen, das Sehvermögen beeinträchtigen; allgemeines kausatives Verb zu caecus „blind“.

exoculare – die Augen nehmen beziehungsweise blenden; besonders körperlich-konkrete Bedeutung.

oculis privare – „der Augen beziehungsweise des Sehvermögens berauben“; klassische und gelehrte Umschreibung.

luminibus orbare – „des Augenlichts berauben“; idiomatische lateinische Umschreibung.

oculos eruere – „die Augen herausreißen/ausstechen“; bezeichnet eine konkrete mechanische Form der Blendung und ist daher nicht völlig synonym.

oculos effodere – „die Augen ausstechen“; körperlich spezifischer als abacinare.

oculorum aciem praestringere – „das Sehvermögen blenden“; besonders für vorübergehende Blendwirkung und deshalb semantisch nur teilweise verwandt.

Abgrenzung

Von excaecare ist abacinare vor allem durch Sprachstufe und Spezialisierungsgrad zu unterscheiden. Excaecare gehört zum allgemeineren lateinischen Wortschatz und kann sowohl körperliche Blindheit als auch übertragenes Verblenden, Verdunkeln oder Verstopfen bezeichnen. Abacinare ist ein mittelalterliches Spezialverb für eine körperliche Blendung.

Von exoculare beziehungsweise den Wendungen oculos eruere und oculos effodere unterscheidet es sich hinsichtlich der vorgestellten Durchführung. Diese Ausdrücke können ein tatsächliches Entfernen oder mechanisches Zerstören der Augen bezeichnen. Abacinare wird dagegen traditionell gerade mit einer Blendung verbunden, bei der die Augen nicht notwendig herausgenommen werden.

Vom italienischen abbacinare ist das Lemma sprachhistorisch zu unterscheiden, obwohl beide Formen engstens zusammenhängen. Das italienische Wort entwickelte zusätzliche neuere Bedeutungen wie „durch grelles Licht blenden“ und figurativ „verwirren, täuschen“. Diese Bedeutungen gehören nicht automatisch zum mittellateinischen Verb.

Vom deutschen abazinieren und englischen abacinate unterscheidet sich das lateinische Wort als historische Ausgangs- beziehungsweise Vermittlungsform. Die neueren Wörter sind gelehrte Entlehnungen und kein Beleg dafür, dass abacinare

Kontext

Der prototypische Kontext ist eine historische Erzählung über Bestrafung oder politische Ausschaltung. Das Subjekt ist häufig ein Herrscher oder eine Person, die den Befehl zur Blendung ausführt beziehungsweise ausführen lässt; das Akkusativobjekt bezeichnet den Betroffenen.

Typisch sind Kontexte mit Wörtern wie rex, imperator, dux, poena, oculus, lumen, visus und excaecare.

In beschreibenden Erklärungen treten außerdem Wörter für die angenommenen Hilfsmittel auf: ferrum „Eisen“, pelvis „Becken, Schale“, aes „Bronze/Kupfer“, candens „glühend“ sowie bacinum „Becken“.

Im passiven Kontext kann eine Person schlicht als abacinatus bezeichnet werden. Dann rückt nicht die Handlung, sondern der daraus entstandene Zustand beziehungsweise die biographische Folge in den Vordergrund.

Kollokationen und Kookkurrenzen

aliquem abacinare – jemanden blenden; elementare transitive Konstruktion.

filios abacinare – die Söhne blenden; historisch durch den von Du Cange zitierten Chronikbeleg charakteristisch.

oculis privare – des Augenlichts berauben; lexikographische Bedeutungsparaphrase.

luminibus privare/orbare – des Augenlichts berauben; bedeutungsverwandte traditionelle Umschreibung.

ferrum candens – glühendes Eisen; in der frühneuzeitlichen Erklärung des Blendungsverfahrens.

pelvis ferrea – eiserne Schale beziehungsweise Metallbecken; mit der traditionellen Etymologie verbunden.

pelvis aerea – bronzene beziehungsweise kupferne Schale; ebenfalls in der lexikographischen Beschreibung genannt.

abacinatus quasi visum amisit – „geblendet, sodass er gleichsam das Sehvermögen verlor“; charakteristische Beschreibung aus der Dandolo-Tradition.

Oberbegriff

sprachliche Einheit → Wort → Verb → transitives Verb → kausatives Veränderungsverb → Verb körperlicher Schädigung → Verb der Schädigung des Sehvermögens → mittelalterliches Straf- und Gewaltverb → abacinare.

Semantisch lässt sich die Hierarchie auch als Handlung → körperliche Gewalt → Verstümmelung beziehungsweise dauerhafte Sinnesbeeinträchtigung → Blendung → abacinare beschreiben.

Sprachhistorisch gehört das Lemma zu Mittellatein → romanisch beeinflusster Wortschatz → historische Rechts- und Chroniksprache → abacinare.

Unterbegriffe

Das Verb besitzt keine lexikalisch fest etablierten Unterbegriffe im eigentlichen taxonomischen Sinn. Die Quellen und spätere Lexikographie lassen jedoch unterschiedliche Realisierungstypen der bezeichneten Handlung erkennen.

Vollständige Blendung bezeichnet den vollständigen Verlust der Sehkraft. Dies ist der prototypische Ergebniswert von abacinare.

Partielle Blendung beziehungsweise schwere Sehschädigung ist dort anzusetzen, wo die Überlieferung ausdrücklich nur von einer starken Verringerung des Sehvermögens spricht. Frühneuzeitliche Kommentatoren verwenden gerade die Dandolo-Tradition zur Unterscheidung zwischen vollständiger und unvollständiger Erblindung.

Hitze- beziehungsweise Glanzblendung bezeichnet die traditionell mit dem Wort verbundene Methode, bei der ein stark erhitzter metallener Gegenstand verwendet worden sein soll. Sie ist keine grammatische Unterbedeutung, sondern eine historische Ausführungsform.

Wortfamilie

Zum unmittelbaren lateinischen beziehungsweise gelehrt-neulateinischen Umfeld gehören abacino als finite Grundform, abacinare als Infinitiv und abacinatus als Partizip Perfekt Passiv. Die Variante mit Doppelkonsonant bildet entsprechend abbacino, abbacinare, abbacinatus.

bacinum – „Becken, Schale“; traditionell als nominale etymologische Grundlage des Verbs angesetzt.

bacinus – Neben- beziehungsweise historische Form im Wortfeld der Gefäßbezeichnungen.

abacinatus – „geblendet, des Augenlichts beraubt“; besonders wichtiger historiographischer Partizipialgebrauch.

In jüngeren europäischen Sprachen gehören italienisch abbacinare, italienisch abbacinamento, englisch abacinate und abacination sowie deutsch veraltet abazinieren in den weiteren rezeptionsgeschichtlichen Zusammenhang.

Wortbildung

Synchron lässt sich abacinare als ein Verb auf -are analysieren, dessen nominale Basis im Wortfeld bacinum/bacino „Becken, Schale“ liegt. Die Bildung bezeichnet ursprünglich eine mit einem solchen Gegenstand ausgeführte Handlung.

Schwieriger ist die Interpretation des Wortanfangs a-/ab-/abb-. Ältere gelehrte Wörterbücher analysieren das Wort teilweise im Sinn von ab- plus bacinum. Die italienische Etymologie erklärt abbacinare dagegen regelmäßig als Ableitung aus bacino mit dem romanischen verbbildenden Präfix a-/ad- und dem Infinitivsuffix -are.

Aus sprachhistorischer Sicht ist daher Vorsicht geboten, das mittellateinische abacinare wie ein klassisches Präfixverb mit dem lateinischen Trennungspräfix ab- zu behandeln. Seine Entstehung gehört vielmehr in den Übergangsraum zwischen mittellateinischer und romanischer Wortbildung.

Semantisch liegt eine instrumentale denominative Verbbildung nahe: Der Name des verwendeten Gegenstandes wird zur Basis des Verbs für die damit ausgeführte Handlung. Vergleichbare Bildungen sind in romanischen Sprachen außerordentlich produktiv.

Polysemie

Innerhalb des eigentlichen mittellateinischen Gebrauchs ist abacinare semantisch relativ eng. Der Kern lautet „blenden, des Augenlichts berauben“. Unterschiede bestehen hauptsächlich im Grad der verursachten Sehschädigung und in der Frage, ob das traditionelle spezielle Verfahren mitgedacht wird.

Eine ausgeprägtere Polysemie entsteht erst in der italienischen Fortsetzung abbacinare. Dort kann das Verb neben der historischen dauerhaften Blendung auch eine vorübergehende visuelle Beeinträchtigung durch helles Licht ausdrücken. Aus der visuellen Bedeutung entwickelt sich schließlich die figurative Bedeutung „den klaren Verstand trüben, täuschen, durch äußeren Glanz verführen“.

Diese Entwicklung folgt einem verbreiteten metaphorischen Muster: physisches Sehen → geistiges Erkennen. Wer visuell geblendet ist, kann nicht klar sehen; wer geistig „geblendet“ ist, kann nicht klar urteilen.

Für das lateinische Lemma sollten diese jüngeren romanischen Bedeutungen als Fortentwicklung dokumentiert, aber nicht als gleichwertige mittelalterliche Hauptbedeutungen geführt werden.

Homonyme und Homographe

Ein eigenständiges lateinisches Homonym abacinare mit völlig anderer Etymologie ist nicht sicher belegt. Die Form ist aufgrund ihrer Seltenheit und charakteristischen Wortgestalt weitgehend eindeutig.

abbacinare ist kein Homonym, sondern orthographische beziehungsweise sprachgeschichtlich eng verwandte Variante. Ebenso ist abacino kein anderes Wort, sondern die finite Grundform desselben Verbs.

Von abacinari ist lediglich morphologisch zu unterscheiden: abacinari ist der passive Infinitiv „geblendet werden“, kein selbständiges Lexem.

Formal ähnliche Wörter der abacus-Familie sowie Abacaenum, Abacistum oder andere Lemmata auf abac- stehen etymologisch in keinem Zusammenhang mit dem Verb.

Redewendungen und Sprichwörter

Für abacinare sind keine lateinischen Sprichwörter im eigentlichen Sinn bekannt. Das Wort gehört einem sehr speziellen historischen Bedeutungsbereich an und entwickelte keine verbreitete lateinische Phraseologie.

Formelhaften Charakter besitzen hingegen historiographische Konstruktionen wie aliquem abacinare „jemanden blenden“ und das Partizip abacinatus zur Beschreibung eines geblendeten politischen Akteurs.

Die Wendung oculis privare tritt in Wörterbüchern als unmittelbare Paraphrase auf und kann funktional als interpretierende Formel des Lemmas betrachtet werden, ist aber keine aus abacinare entstandene Redewendung.

In der italienischen Weiterentwicklung entstehen dagegen freiere und bildliche Verbindungen mit Licht, Glanz und geistiger Verblendung. Diese gehören zur italienischen Phraseologie, nicht zur nachweisbaren mittellateinischen Redewendungstradition.

Metaphern

Die Grundbedeutung von abacinare ist zunächst nicht metaphorisch, sondern bezeichnet konkrete körperliche Schädigung. Die spätere Entwicklung des italienischen abbacinare zeigt jedoch zwei wichtige metaphorische Schritte.

Erstens wird die dauerhafte gewaltsame Blendung auf die vorübergehende Blendwirkung starken Lichts übertragen. Ein greller Lichtreiz „blendet“ die Augen, obwohl keine dauerhafte körperliche Zerstörung stattfinden muss.

Zweitens wird die visuelle Blendung auf geistige Urteilsfähigkeit übertragen. Ideen, Versprechungen, Schönheit, Reichtum oder äußere Erscheinungen können einen Menschen „blenden“, sodass er nicht mehr vernünftig urteilt. Grundlage ist die verbreitete konzeptuelle Metapher Erkennen ist Sehen.

Diese metaphorischen Bedeutungen sind für die romanische Wortgeschichte wichtig, sollten aber im mittellateinischen Artikel chronologisch ausdrücklich als spätere Entwicklung gekennzeichnet werden.

Metonymie

Die Entstehung des Wortes selbst kann als instrumentale metonymische beziehungsweise denominative Benennung verstanden werden. Der Name des verwendeten Gegenstandes, bacinum/bacino „Becken, Schale“, liefert die Bezeichnung für die mit diesem Gegenstand verbundene Handlung.

Das semantische Verhältnis lautet damit ungefähr Instrument → Handlung mit dem Instrument. Ein Gegenstand, der nach der traditionellen Erklärung bei einer besonderen Form der Blendung eingesetzt wurde, wird zur sprachlichen Basis des Verbs „blenden“.

Eine weitere metonymische Verkürzung liegt darin, dass abacinare in einem historischen Satz das gesamte Geschehen der Blendung bezeichnen kann, ohne Instrument, Täter, technische Durchführung und körperliche Folge einzeln auszuführen. Ein einzelnes Verb fasst den komplexen Strafvorgang zusammen.

Register und Sprachstufe

abacinare gehört zum Mittellatein und ist dort ein seltenes, vor allem historiographisches und rechts-/kulturgeschichtlich relevantes Verb. Es ist nicht als normales klassisches lateinisches Verb anzusetzen.

Registermäßig steht es besonders in Chroniken, politischen Erzählungen und späterer historischer Lexikographie. Es bezeichnet einen Sachverhalt, der in Darstellungen dynastischer Konflikte, Gefangenschaft und körperlicher Bestrafung vorkommt.

In der frühneuzeitlichen Latinität wird das Wort zunehmend antiquarisch: Gelehrte verwenden oder erklären es, wenn sie mittelalterliche Quellen kommentieren. Du Canges ausführliche Behandlung ist dafür charakteristisch.

Im modernen Latein wäre abacinare ein ausgesprochen historisierendes Wort. Für neutrales „blenden“ würde man je nach gemeinter Bedeutung eher klassische beziehungsweise allgemein verständliche Ausdrücke wie excaecare wählen.

Regionale Varianten

Die wichtigste Variation ist die Gegenüberstellung von abacinare und abbacinare. Die Form mit Doppel-b steht dem Italienischen abbacinare besonders nahe und spiegelt den engen Zusammenhang des Wortes mit dem italienischsprachigen Raum.

Eine scharfe geographische Grenze zwischen den beiden lateinischen Schreibungen lässt sich nicht ansetzen. Mittelalterliche Schreibpraxis, Abschriftentradition und die jeweilige Nähe zur Volkssprache können die Graphie beeinflussen.

Italienisch abbacinare entwickelte sich als lebendiges einzelsprachliches Wort weiter und besitzt heute zusätzliche Bedeutungen. Französisch und andere romanische Sprachen verwenden für den alltäglichen Begriff andere Wörter; der historische Latinismus kann dort nur in gelehrten Zusammenhängen auftreten.

Englisch abacinate und deutsch veraltet abazinieren sind neuere gelehrte Entlehnungen und keine regionalen Varianten des Mittellateinischen im engeren Sinn.

Aktuelle Statistik

Lemma abacinare
Nebenform abbacinare
Wortart transitives Verb
Konjugation 1. Konjugation
Sprachstufe Mittellatein
Klassisches Latein nicht als reguläres klassisches Lemma belegt
Du Cange eigenes Lemma ABACINARE mit Variante Abbacinare
Blaise im mittelalterlich-lateinischen Wörterbuchbestand erfasst
Historischer Kernbeleg abacinavit in mittelalterlicher Chroniküberlieferung
Moderne italienische Fortsetzung abbacinare
Allgemeine Häufigkeit sehr selten
Produktiver moderner lateinischer Gebrauch nicht üblich
Stand September 2026

Eine exakte universelle Tokenzahl für abacinare wäre methodisch nicht sinnvoll. Das Wort gehört nicht zu einem einheitlichen klassischen Textkorpus, sondern verteilt sich auf mittelalterliche Chroniken, Handschriften, Editionen und frühneuzeitliche Zitate mittelalterlicher Quellen.

Zusätzlich erschweren die Varianten abacinare und abbacinare jede einfache automatische Zählung. Für eine seriöse quantitative Untersuchung müssten außerdem sämtliche flektierten Formen wie abacinavit, abacinatus, abacinari und Varianten mit Doppel-b lemmatisiert zusammengeführt werden.

Qualitativ ist die Situation eindeutig: Das Verb gehört zum sehr seltenen mittellateinischen Wortschatz. Seine lexikographische Bekanntheit ist erheblich größer als seine tatsächliche Textfrequenz.

Häufigkeit und Statistik

Lemma abacinare
Häufigkeitsklasse sehr selten
Chronologischer Schwerpunkt hohes und spätes Mittelalter; frühneuzeitliche lexikographische Rezeption
Textsorten Chronistik, Historiographie, historische Lexikographie
Häufige historische Form abacinavit
Wichtige Partizipialform abacinatus / abbacinatus
Wichtigste orthographische Variation einfaches b / Doppel-b
Klassische Autoren kein charakteristischer Gebrauch
Mittelalterliche Wörterbücher belegt
Moderne historische Wörterbücher als seltenes beziehungsweise historisches Wort fortgeführt
Statistische Hauptprobleme geringe Belegdichte, Schreibvarianten, flektierte Formen und wiederholte frühneuzeitliche Zitate derselben mittelalterlichen Belege

Für eine Frequenzstatistik ist besonders wichtig, Primärbelege und Wiederholungsbelege zu unterscheiden. Ein mittelalterlicher Satz kann in Du Cange, Hofmann, Muratori und zahlreichen späteren Wörterbüchern wiederholt zitiert werden. Eine reine digitale Treffermenge würde dann viele scheinbare Vorkommen erzeugen, obwohl alle auf dieselbe historische Textstelle zurückgehen.

Entsprechend darf die häufige Sichtbarkeit von filios Tancredi abacinavit in digitalisierten Wörterbüchern nicht als hohe mittelalterliche Gebrauchshäufigkeit missverstanden werden. Sie zeigt vor allem die kanonische Stellung dieses Belegs in der Lexikographie.

Eine quantitative wissenschaftliche Untersuchung müsste deshalb nach Handschrift beziehungsweise Werk, Datum und unabhängigem Textzeugen deduplizieren. Ohne eine solche Untersuchung ist die qualitative Angabe „sehr selten“ zuverlässiger als eine absolute Zahl.

Wortbildung als Erstglied

abacinare ist kein produktives Erstglied lateinischer Komposita. Der vollständige Infinitiv fungiert nicht als Präfix oder Kompositionsglied.

Der Stamm abacin- bildet jedoch reguläre Flexions- und Ableitungsformen des Verbs: abacino, abacinat, abacinavit, abacinatus und weitere Formen. Dies ist Flexion beziehungsweise verbale Derivation und keine Komposition.

In jüngeren europäischen Sprachen können gelehrte Ableitungen wie englisch abacination auftreten. Diese gehören zur Rezeptionsgeschichte und nicht zu einer produktiven mittellateinischen Kompositionsreihe.

Wortbildung als Letztglied

Auch als Letztglied lateinischer Komposita ist abacinare nicht produktiv. Die Sequenz -acinare besitzt hier keinen selbständigen morphologischen Status.

Insbesondere darf das Wort nicht in beliebige Bestandteile nach rein graphischer Ähnlichkeit zerlegt werden. Die historische Basis liegt in der Gefäßbezeichnung bacinum/bacino und der daraus entstandenen verbalen Bildung.

Für das Lexikon ist daher festzuhalten: keine produktive Wortbildung mit abacinare als Erst- oder Letztglied; produktiv sind lediglich die regulären Flexionsformen und spätere einzelsprachliche Ableitungen.

Übersetzungen

Lemma abacinare
Deutsch blenden; des Augenlichts berauben; historisch: durch starke Hitze beziehungsweise erhitztes Metall blenden
Altgriechisch τυφλόω; stärker ἐκτυφλόω – blind machen, völlig blenden
Lateinisch excaecare; caecare; oculis privare; luminibus orbare
Italienisch abbacinare; historisch „accecare“, später auch „abbagliare“
Französisch aveugler; priver de la vue
Spanisch cegar; privar de la vista
Englisch to blind; historical/rare: to abacinate

Die beste deutsche Grundübersetzung ist „blenden“, wenn aus dem Zusammenhang deutlich wird, dass eine dauerhafte körperliche Beraubung des Sehvermögens gemeint ist. Da „blenden“ im heutigen Deutschen auch eine bloß vorübergehende Lichtwirkung bedeuten kann, ist in historischen Texten häufig „des Augenlichts berauben“ eindeutiger.

Altgriechisch τυφλόω ist die allgemeine Entsprechung „blind machen“. ἐκτυφλόω kann stärker „völlig blind machen“ bedeuten und entspricht daher dem Ergebniswert vieler mittelalterlicher abacinare-Belege besonders gut.

Lateinisch excaecare ist der wichtigste allgemeinsprachliche Vergleichsausdruck. Die Wendungen oculis privare und luminibus orbare geben die Bedeutung besonders eindeutig wieder und entsprechen zudem der traditionellen lexikographischen Erklärung des mittellateinischen Lemmas.