ab olim

Grundbedeutung

ab olim ist eine temporale lateinische Fügung mit der Grundbedeutung „seit langem“, „von alters her“, „schon seit früher Zeit“, „seit jeher“. Je nach Kontext kann sie außerdem retrospektiv mit „seit damals“, „von früher her“, „vor langer Zeit“, „ehemals“ oder „von jeher“ wiedergegeben werden. Die Verbindung bezeichnet typischerweise einen zeitlichen Ausgangspunkt, der in einer nicht näher bestimmten, deutlich zurückliegenden Vergangenheit liegt. Häufig ist dabei nicht nur die Vergangenheit selbst gemeint, sondern eine zeitliche Erstreckung von jener Vergangenheit bis zu einem späteren Bezugspunkt oder bis zur Gegenwart.

Die semantische Struktur ergibt sich aus der Verbindung von ab „von, von … her; von … an“ und ōlim „einst, ehemals, vor Zeiten; schon lange“. Während ōlim allein einen entfernten Zeitpunkt in Vergangenheit oder, in bestimmten klassischen Verwendungen, sogar Zukunft bezeichnen kann, legt ab den Blick auf diesen Zeitpunkt als Ausgangspunkt. Das zeitliche Verhältnis wird damit ähnlich konzipiert wie eine räumliche Bewegung: Ein Zustand oder eine Entwicklung reicht „von damals her“ bis in eine spätere Zeit.

Besonders deutlich wird diese Struktur in der spätlateinischen Formulierung ab olim … usque nunc, wörtlich „von einst her … bis jetzt“. Hier werden Ausgangs- und Endpunkt der Zeitspanne ausdrücklich genannt. Das Deutsche gibt diese Konstruktion am natürlichsten mit „von alters her bis heute“, „seit alter Zeit bis heute“ oder „seit langem bis in die Gegenwart“ wieder.

Die Verbindung ist sprachgeschichtlich bemerkenswert, weil ab im klassischen Latein regulär eine Präposition mit Ablativ ist, während ōlim ein unveränderliches Adverb darstellt. Ab olim ist somit keine gewöhnliche klassische Präpositionalgruppe aus Präposition und nominalem Ablativ, sondern eine Verbindung Präposition + Adverb. Solche analytischen Fügungen werden im Spät- und Mittellatein erheblich produktiver.

Wortart

ab olim ist als Gesamtfügung ein temporaler adverbialer Ausdruck beziehungsweise eine adverbiale Präpositionalfügung. Die Verbindung kann syntaktisch die Funktion einer Zeitbestimmung erfüllen und beantwortet Fragen wie „seit wann?“, „wie lange schon?“ oder, in stärker retrospektivem Gebrauch, „seit welcher früheren Zeit?“.

Der erste Bestandteil ab ist seinem Ursprung und seinem normalen grammatischen Verhalten nach eine Präposition. Im klassischen Latein regiert sie den Ablativ und bezeichnet räumlichen, zeitlichen oder übertragenen Ausgang. Der zweite Bestandteil ōlim ist ein Adverb und deshalb indeklinabel. In ab olim folgt auf die Präposition folglich kein nominaler Ablativ, sondern ein temporales Adverb.

Diese Struktur ist gerade sprachgeschichtlich von Bedeutung. Im klassischen Normsystem besteht ein starker Zusammenhang zwischen Präposition und Kasusrektion. Spätlateinisch und mittellateinisch entstehen dagegen zunehmend Konstruktionen, in denen Präpositionen mit Adverbien oder anderen ursprünglich nicht nominalen Elementen verbunden werden. ab olim gehört zu diesem Ausbau analytischer temporaler Ausdrucksmittel.

Als lexikographisches Lemma lässt sich die Verbindung daher weder einfach als Präposition noch als einzelnes Adverb klassifizieren. Zweckmäßig ist die Bezeichnung temporale adverbiale Fügung, gegebenenfalls mit dem Zusatz spät- und mittellateinisch.

Aussprache

In einer an der rekonstruierten klassischen Aussprache orientierten Lesung kann die Verbindung als ab ōlim gesprochen werden. Das o von ōlim ist lang. Der Akzent liegt im zweisilbigen ōlim auf der ersten Silbe. Eine breite phonologische Wiedergabe ist ungefähr /ab ˈoːlim/.

Bei einer engeren Rekonstruktion klassischer Aussprache ist zu berücksichtigen, dass wortfinales -m im Lateinischen keine einfache moderne Aussprache mit voll artikuliertem [m] besitzen muss, sondern mit Nasalisierung des vorausgehenden Vokals verbunden werden kann. Für das selbständige Lemma ōlim werden daher phonetische Rekonstruktionen mit nasalisiertem Auslaut angesetzt. Für ein Sprachlexikon ist es jedoch sinnvoll, zwischen einer leicht lesbaren phonologischen Angabe und detaillierter historischer Phonetik zu unterscheiden.

Noch wichtiger ist bei ab olim, dass die als feste beziehungsweise charakteristische Fügung belegten Zeugnisse überwiegend nicht aus der klassischen Hochsprache Ciceros und Caesars stammen. Egerias Gebrauch gehört in das späte 4. Jahrhundert, derjenige des Jordanes in das 6. Jahrhundert. Für diese Sprachstufen waren bereits Veränderungen des lateinischen Quantitäts- und Akzentsystems im Gang. Eine einzige phonetische Transkription kann deshalb nicht sämtliche historisch belegten Realisierungen der Fügung repräsentieren.

In kirchenlateinischer, italienisch geprägter Aussprache wird die klassische quantitative Opposition nicht systematisch bewahrt. Die traditionelle Schreibung ab olim beziehungsweise philologisch quantifiziert ab ōlim bleibt davon unabhängig.

Grammatik

Lemma ab olim
Wortart der Gesamtfügung temporale adverbiale Fügung
Struktur Präposition + Adverb
Bestandteil ab Präposition „von, von … her; von … an“
Bestandteil olim Temporaladverb „einst, ehemals; schon lange“
Flexion Gesamtfügung unveränderlich
Normale Rektion von ab Ablativ
Besonderheit in ab olim steht nach ab kein nominaler Ablativ, sondern das indeklinable Adverb olim
Satzfunktion temporale Adverbialbestimmung
Leitfrage seit wann?; seit wie langer Zeit?
Zeitrelation entfernter vergangener Ausgangspunkt mit Bezug auf einen späteren Zeitpunkt
Typische Erweiterung ab olim … usque nunc
Hauptübersetzung seit langem; von alters her; seit jeher

Grammatisch ist die Verbindung deshalb besonders interessant, weil sie die klassische Rektion von ab formal überschreitet. In regulären klassischen Fügungen steht nach ab ein Ablativ, etwa ab urbe „von der Stadt“, ab initio „vom Anfang an“ oder ab illo tempore „seit jener Zeit“. Ōlim besitzt jedoch keine Kasusform, weil es ein Adverb ist.

Die Funktion von ab bleibt semantisch trotzdem transparent: Es markiert einen Ausgangspunkt. Ōlim liefert die zeitliche Bestimmung dieses Ausgangspunktes als eine unbestimmte, weit zurückliegende Vergangenheit. Die Verbindung kann deshalb semantisch ungefähr als verkürzte analytische Entsprechung von „von einer längst vergangenen Zeit her“ verstanden werden.

Spät- und mittellateinisch ist diese Verbindung kein isoliertes Phänomen. Mit zunehmender analytischer Strukturierung des Lateinischen werden Präpositionen häufiger vor adverbiale Elemente gesetzt. ab olim gehört somit in denselben allgemeinen Entwicklungskomplex wie andere sekundäre präpositionale und adverbiale Fügungen.

Orthographie

Die gewöhnliche Schreibweise lautet ab olim, getrennt und ohne Bindestrich. In philologisch quantifizierenden Darstellungen kann ab ōlim geschrieben werden, weil das erste o des Adverbs lang ist. Das Makron gehört jedoch nicht zur notwendigen historischen Schreibweise und wird in Editionen lateinischer Texte normalerweise nur verwendet, wenn Vokalquantitäten ausdrücklich ausgezeichnet werden.

Eine Zusammenschreibung abolim entspricht nicht der üblichen lexikographischen Behandlung der historischen Fügung. Gerade die grammatische Struktur aus ab und olim sollte in einem Sprachlexikon durch Getrenntschreibung sichtbar bleiben.

Steht die Fügung am Satzanfang, erscheint selbstverständlich Ab olim. Innerhalb eines Satzes wird sie gewöhnlich kleingeschrieben. Satzzeichen hängen von ihrer syntaktischen Einbindung ab und gehören nicht zur festen Form des Ausdrucks.

Die Schreibung ist von abōlim mit einer vermeintlich durchgehenden Quantitätsmarkierung oder von einem konstruierten Kompositum *abolim zu unterscheiden. Historisch liegt eine syntaktische Verbindung und keine reguläre lateinische Zusammensetzung vor.

Gebrauch

Ein besonders früher und aufschlussreicher spätlateinischer Beleg findet sich bei Egeria. Sie bezeichnet ein berühmtes Heiligtum der heiligen Euphemia als ab olim mihi notum iam, also sinngemäß „mir schon seit langem bekannt“. Die Verbindung drückt hier keine bloß abgeschlossene Vergangenheit aus. Der frühere Beginn des Wissenszustandes reicht bis zum erzählten Zeitpunkt fort. Gerade dieser Beleg zeigt den durativ-resultativen beziehungsweise kontinuativen Charakter von ab olim.

Bei Jordanes begegnet in der Vorrede der Getica die besonders deutliche Konstruktion ab olim … usque nunc. Die Geschichte der Goten soll „von alters her bis jetzt“ durch Generationen und Könige hindurch verfolgt werden. Ab olim markiert hier den fernen historischen Ausgangspunkt, usque nunc den gegenwärtigen Endpunkt. Die gesamte Konstruktion bildet damit eine geschlossene temporale Strecke.

Im mittelalterlichen Urkunden- und Rechtslatein wird ab olim besonders geeignet, lang bestehende Verhältnisse, frühere Rechtslagen, alte Gewohnheiten, frühere Besitzstände oder lange zurückliegende Beziehungen zu bezeichnen. Du Cange glossiert die Verbindung mit jam pridem, also „schon seit langem“, und verweist auf mehrfaches Vorkommen in der von Thomas Rymer herausgegebenen englischen Urkundensammlung.

Im neulateinischen und späteren juristischen Traditionswortschatz kann ab olim auch stärker retrospektiv als „ehemals“, „vor langer Zeit“, „in früheren Zeiten“ verstanden werden. Die genaue deutsche Wiedergabe hängt daher davon ab, ob eine Fortdauer bis zum Bezugspunkt ausdrücklich oder nur eine alte Vergangenheit bezeichnet wird.

Bedeutungsbereich

Der zentrale Bedeutungsbereich ist die zeitliche Herkunft aus einer entfernten Vergangenheit. Die Fügung verbindet dabei zwei semantische Komponenten: ab liefert die Vorstellung eines Ausgangspunktes, olim lokalisiert diesen Ausgangspunkt in einer unbestimmten früheren Zeit. Daraus ergibt sich als prototypische Gesamtbedeutung „von früher her“ beziehungsweise „seit langer Zeit“.

Eine erste Verwendungsweise ist kontinuativ: Ein Zustand begann lange vor dem jeweiligen Bezugspunkt und besteht dort noch. Egerias „mir seit langem bekannt“ gehört zu diesem Typ. Deutsche Entsprechungen sind „seit langem“, „schon lange“, „seit geraumer Zeit“ oder „von jeher“.

Eine zweite Verwendungsweise ist historisch-durativ. Eine Entwicklung wird von einer fernen Vergangenheit bis zu einem ausdrücklich genannten Endpunkt verfolgt. Jordanes' ab olim … usque nunc ist hierfür besonders charakteristisch. Deutsch passen „von alters her bis heute“ oder „von alter Zeit an bis jetzt“.

Eine dritte Verwendungsweise ist retrospektiv. Besonders in späterem juristischem und gelehrtem Latein kann der Ausdruck eine weit zurückliegende frühere Zeit bezeichnen, ohne dass die Fortdauer semantisch im Vordergrund steht. Dann sind Übersetzungen wie „ehemals“, „früher“, „vor langer Zeit“ oder „in alter Zeit“ möglich.

Zwischen diesen Lesarten besteht keine scharfe lexikalische Grenze. Sie entstehen aus derselben Grundstruktur und werden durch Tempus, Aspekt, Satzkontext und mögliche Endpunktangaben wie usque nunc genauer bestimmt.

Lexikon

ab olim ist eine spätlateinisch und besonders mittel- sowie neulateinisch verbreitete temporale Fügung aus der Präposition ab und dem Adverb ōlim. Ihre Hauptbedeutung lautet „seit langem“, „von alters her“, „schon seit früher Zeit“. Sekundär kann sie, insbesondere in dokumentarischem und juristischem Gebrauch, auch „vor langer Zeit“, „ehemals“ oder „in früheren Zeiten“ bedeuten.

Die Fügung ist nicht nach dem regulären klassischen Muster ab + Ablativ gebildet. Ōlim ist ein indeklinables Temporaladverb. Ab olim gehört daher zu einer Gruppe analytischer Konstruktionen, in denen eine Präposition unmittelbar mit einem Adverb verbunden wird. Die Zunahme solcher Fügungen gilt als charakteristisches Merkmal des späteren Lateins und des Übergangs zu stärker analytischen Ausdrucksweisen.

Die Verbindung ist bereits in Egerias Itinerarium aus dem späten 4. Jahrhundert belegt: ab olim mihi notum iam bezeichnet etwas, das der Sprecherin „schon seit langem bekannt“ war. Dieser Beleg ist für die semantische Analyse besonders wichtig, weil die Fortdauer des Zustandes ausdrücklich durch iam und den Kontext unterstützt wird.

Im 6. Jahrhundert verwendet Jordanes die Konstruktion in seiner Getica: ab olim … usque nunc. Hier ist das räumliche Grundschema von ab vollständig temporalisiert: Der entfernte vergangene Zeitraum fungiert als Ausgangspunkt einer historischen Bewegung, die bis „jetzt“ reicht.

Die ältere klassische Sprache benötigt ab olim nicht, um „einst“ oder „seit langem“ auszudrücken, denn ōlim selbst verfügt bereits über ein breites temporales Bedeutungsspektrum. Es kann „einst, ehemals“, „schon lange“, in bestimmten Kontexten „je, jemals“ und sogar „dereinst“ bedeuten. Die Hinzufügung von ab macht die Ausgangspunktrelation expliziter.

Gerade deshalb ist ab olim sprachgeschichtlich aufschlussreich. Eine Bedeutung, die das klassische Latein weitgehend durch ein einfaches Adverb oder durch synthetischere Konstruktionen ausdrücken konnte, wird durch eine explizite präpositionale Markierung analytisch profiliert. Damit fügt sich die Verbindung in langfristige Entwicklungen ein, die auch für die Herausbildung der romanischen Sprachen von Bedeutung sind.

Im Mittellatein ist der Ausdruck ausreichend etabliert, um bei Du Cange als eigener lexikographischer Eintrag AB OLIM zu erscheinen. Seine Erklärung jam pridem bestätigt, dass die zentrale mittelalterliche Lesart „schon seit langem“ beziehungsweise „seit geraumer Zeit“ lautet.

Spätere Wörterbücher lateinischer Rechts- und Traditionssprache führen die Formel ebenfalls weiter. Dort verschiebt sich die englische oder französische Wiedergabe teilweise zu „formerly“, „in times past“, „of old“ beziehungsweise „depuis longtemps“. Dieser Übersetzungsbereich spiegelt die bereits im Lateinischen vorhandene Übergangszone zwischen fortdauernder Vergangenheit und bloßer Rückschau.

Etymologie

Lemma ab olim
Struktur ab + ōlim
ab alte lateinische Präposition mit der Grundbedeutung „von … weg, von … her“
Ältere Form von ab ap; daneben historische Varianten ab, abs, ā, af
Grundbedeutung von ab räumlicher Ausgangspunkt und Entfernung
ōlim altes Temporaladverb „damals, einst, ehemals“
Historischer Stamm von olim verbunden mit den älteren Demonstrativformen olle, ollus und dem späteren ille
Ursprüngliche Vorstellung von olim „zu jener entfernten Zeit“
Gesamtentwicklung „von jener fernen Zeit her“ → „seit langem, von alters her“

Die Etymologie der Gesamtfügung ist kompositionell transparent. ab gehört zu den ältesten lateinischen Präpositionen und bezeichnet ursprünglich eine Bewegung oder Relation von einem Ausgangspunkt weg. Dieselbe semantische Grundstruktur liegt noch in Verwendungen wie ab urbe „von der Stadt“ oder temporal ab initio „vom Anfang an“ vor.

Ōlim gehört zu einer alten deiktischen Wortfamilie, die mit archaischen Formen wie olle und ollus sowie dem später dominierenden Demonstrativpronomen ille zusammenhängt. Die ursprüngliche Vorstellung lässt sich ungefähr als „zu jener entfernten Zeit“ beschreiben. Die räumlich-deiktische Ferne des Demonstrativstammes wurde dabei auf zeitliche Ferne übertragen.

Die ältere grammatische und etymologische Literatur beschreibt die genaue morphologische Bildung von ōlim nicht völlig einheitlich. Besonders verbreitet ist die Analyse über den alten demonstrativen Stamm ol-/oll- und eine adverbiale beziehungsweise lokativische Bildung auf -im. Für die Bedeutungsentwicklung ist diese Detailfrage weniger entscheidend als die gesicherte Verbindung mit dem System der Ferndeixis.

In ab olim werden damit zwei ursprünglich deiktische Konzepte kombiniert: ab markiert die Quelle, olim die zeitliche Ferne. Wörtlich lässt sich die historische Semantik ungefähr mit „von jener fernen Zeit her“ wiedergeben. Daraus ergeben sich zwanglos „seit langem“ und „von alters her“.

Wortgeschichte

Die Wortgeschichte der Fügung muss von der wesentlich älteren Geschichte ihrer beiden Bestandteile getrennt werden. ab ist bereits ein elementares Funktionswort des frühen und klassischen Lateins. ōlim gehört ebenfalls zum alten und klassischen Wortschatz und ist bei frühen Autoren wie Plautus sowie später bei Cicero, Horaz, Vergil, Tacitus und zahlreichen anderen Schriftstellern gut belegt.

Das klassische ōlim besitzt selbst ein ungewöhnlich breites temporales Spektrum. Es kann einen unbestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit bezeichnen: „einst, ehemals“. Es kann außerdem, besonders in späterem klassischen und nachklassischem Gebrauch, „schon lange“ bedeuten. In poetischen und bestimmten anderen Zusammenhängen kann es sogar auf die Zukunft weisen: „dereinst, eines Tages“. Der semantische Kern liegt deshalb weniger in „Vergangenheit“ als in zeitlicher Ferne beziehungsweise Unbestimmtheit.

Die zusätzliche Konstruktion ab olim macht aus dieser unspezifischen Fernzeit einen ausdrücklich markierten Ausgangspunkt. Ein sicherer spätantiker Beleg findet sich im Itinerarium Egeriae des späten 4. Jahrhunderts. Egerias Latein ist für die Sprachgeschichte besonders wertvoll, weil es zahlreiche Entwicklungen der späteren Umgangs- und Gebrauchssprache erkennen lässt.

Im 6. Jahrhundert belegt Jordanes die Fügung in einem historiographischen Kontext. Seine Formel ab olim … usque nunc zeigt bereits eine vollständig ausgebaute temporale Rahmenkonstruktion: ferner Ausgangspunkt einerseits, Gegenwart als Endpunkt andererseits.

Im Mittelalter nimmt die Zahl präpositionaler und analytischer Adverbialfügungen erheblich zu. ab olim gehört in diesen größeren syntaktischen Prozess. Gerade die Verbindung einer Präposition mit einem bereits adverbialen Ausdruck zeigt, dass die Präposition zunehmend als expliziter Relationsträger eingesetzt werden kann, auch wenn die klassische Kasusrektion strukturell nicht mehr unmittelbar sichtbar ist.

In der Urkundensprache wird die Formel besonders brauchbar, weil mittelalterliche Rechtsakte häufig den zeitlichen Bestand von Rechten, Pflichten, Privilegien, Zuständen oder Beziehungen beschreiben müssen. Die Bedeutung „seit langem“ beziehungsweise „von alters her“ eignet sich hierfür hervorragend. Du Cange dokumentiert entsprechend mehrfachen urkundlichen Gebrauch.

Im gelehrten und juristischen Neulatein bleibt die Wendung verständlich und wird in Sammlungen lateinischer Rechtsausdrücke tradiert. Dort kann die kontinuative Komponente teilweise verblassen, sodass Übersetzungen wie „ehemals“ oder „in früherer Zeit“ häufiger werden.

Historische Einordnung

ab olim ist nicht als typisches Idiom der klassischen Prosa des 1. Jahrhunderts v. Chr. zu klassifizieren. Für die klassische Sprache ist vor allem das einfache ōlim charakteristisch. Die Verbindung mit ab gewinnt in späteren Sprachstufen besondere Bedeutung.

Der Egeria-Beleg zeigt, dass die Konstruktion spätestens im späten 4. Jahrhundert vorhanden ist. Damit gehört sie bereits in das Spätlatein und kann nicht ausschließlich als mittelalterliche Neubildung gelten. Ihre Verwendung passt jedoch zu Entwicklungen, die im Mittellatein erheblich produktiver werden.

Jordanes bestätigt den Ausdruck im 6. Jahrhundert in historiographischer Prosa. Der Kontext ab olim … usque nunc zeigt, dass die Fügung nicht bloß ein zufälliger umgangssprachlicher Solezismus war, sondern als verständliches Mittel komplexer zeitlicher Gliederung verwendet werden konnte.

Für das Mittellatein wird ab olim zu einem anschaulichen Beispiel der Tendenz, präpositionale Wendungen auszubauen. A. G. Rigg führt die Verbindung in seiner Darstellung mittelalterlicher lateinischer Morphologie und Syntax ausdrücklich unter den vermehrt auftretenden präpositionalen Fügungen und gibt als Bedeutung „from long ago“ an.

Der Ausdruck steht damit an einer sprachhistorisch interessanten Schnittstelle: Seine beiden Bestandteile sind uralt und klassisch, die konkrete Kombination ist dagegen besonders kennzeichnend für die zunehmende analytische Struktur des späteren Lateins.

Antonyme

Ein streng lexikalisches Antonym zu ab olim existiert nicht. Die Fügung bezeichnet einen zeitlichen Ausgangspunkt in ferner Vergangenheit; ihre Opposition entsteht deshalb eher innerhalb eines Systems temporaler Perspektiven als durch ein einzelnes Gegenwort.

Ein funktionales Gegenstück kann ex nunc beziehungsweise a nunc „von jetzt an“ darstellen. Während ab olim die Geltung oder Entwicklung aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit herleitet, setzt ex nunc beziehungsweise a nunc den Ausgangspunkt in die unmittelbare Gegenwart.

Auch deinceps „von nun an, weiterhin“ und in posterum „für die Zukunft, künftig“ können im jeweiligen Kontext einen zeitlichen Gegenpol bilden. Diese Beziehungen sind jedoch keine Antonymie im strengen lexikologischen Sinn.

Synonyme und bedeutungsverwandte Ausdrücke

ōlim – „einst, ehemals; schon lange; dereinst“; das zugrunde liegende Temporaladverb mit erheblich breiterem Bedeutungsspektrum als ab olim.

iam prīdem – „schon längst, schon seit langem“; besonders enge funktionale Entsprechung zur kontinuativen Bedeutung von ab olim.

prīdem – „vor langer Zeit, längst“; bezeichnet eine weiter zurückliegende Vergangenheit.

diū – „lange, lange Zeit“; drückt Dauer aus, ohne selbst notwendig einen fernen Ausgangspunkt zu markieren.

ab antīquō – „von alters her, seit alter Zeit“; semantisch besonders nahe, grammatisch jedoch regulär mit substantiviertem beziehungsweise adverbial verwendetem Ablativ.

ab initiō – „von Anfang an“; bezeichnet ebenfalls einen zeitlichen Ausgangspunkt, bestimmt diesen aber als Beginn und nicht lediglich als ferne Vergangenheit.

ā principiō – „vom Anfang an“; bedeutungsverwandte temporale Ausgangskonstruktion.

ex antīquō – „von alters her, nach alter Gewohnheit“; besonders in historischen und institutionellen Kontexten verwandt.

iam diū – „schon lange“; konzentriert sich stärker auf die bisherige Dauer eines Zustandes.

quondam – „einst, ehemals“; bezeichnet primär einen früheren Zustand, gewöhnlich ohne die in ab olim mögliche Vorstellung einer Fortdauer bis zum Bezugspunkt.

Abgrenzung

Von ōlim allein unterscheidet sich ab olim durch die explizite Ausgangspunktmarkierung. Ōlim kann einfach „einst“ bedeuten und damit einen abgeschlossenen früheren Zustand bezeichnen. Ab olim legt dagegen strukturell die Vorstellung „von jener früheren Zeit her“ nahe und eignet sich deshalb besonders für „seit langem“ und „von alters her“.

Von ab initiō unterscheidet sich die Fügung dadurch, dass initium einen sachlich bestimmten Anfang bezeichnet. Ab olim nennt dagegen gerade keinen präzisen Beginn. Der Ausgangspunkt bleibt zeitlich fern und unbestimmt.

Von ab antīquō unterscheidet sich ab olim vor allem grammatisch. Antiquō kann in einer regulären Ablativkonstruktion stehen; olim ist ein Adverb. Die beiden Ausdrücke können im Deutschen dennoch häufig gleichermaßen als „von alters her“ wiedergegeben werden.

Von iam prīdem unterscheidet sich ab olim durch die räumlich-temporale Quellenstruktur von ab. Iam pridem bedeutet unmittelbar „schon längst“, während ab olim die Dauer konzeptuell von einem entfernten Ausgangspunkt her organisiert.

Von abhinc ist die Wendung ebenfalls zu trennen. Abhinc berechnet eine Distanz von einem deiktischen Bezugspunkt, etwa „vor drei Jahren“, während ab olim gerade keinen numerisch bestimmten Abstand ausdrückt.

Kontext

ab olim begegnet besonders dort, wo die lange zeitliche Vorgeschichte eines Zustandes hervorgehoben werden soll. Das kann Wissen und Bekanntheit betreffen, wie bei Egerias ab olim mihi notum, also „mir seit langem bekannt“. Ebenso können Institutionen, Rechte, Gewohnheiten oder historische Entwicklungen als seit alter Zeit bestehend beschrieben werden.

In historiographischem Kontext kann die Fügung eine weit zurückreichende Erzählachse eröffnen. Jordanes verwendet sie genau in dieser Funktion: Die Geschichte soll aus ferner Vergangenheit bis zur eigenen Gegenwart verfolgt werden. Ab olim erfüllt damit beinahe eine Gliederungsfunktion für den historischen Zeitraum.

Im diplomatischen und juristischen Mittellatein eignet sich der Ausdruck für die Behauptung, ein Zustand bestehe bereits lange oder habe einen alten Ursprung. Gerade in Rechtskontexten besitzt das Alter eines Anspruchs, einer Gewohnheit oder eines institutionellen Verhältnisses argumentative Bedeutung. Die zeitliche Unbestimmtheit von olim kann dabei sogar funktional sein: Entscheidend ist nicht unbedingt ein datierbarer Beginn, sondern die Vorstellung beträchtlichen Alters.

In neulateinischem gelehrtem Gebrauch kann der Ausdruck stärker antiquarisch oder historisierend wirken. Hier kann die Übersetzung „ehemals“ oder „in früheren Zeiten“ genügen, wenn keine fortdauernde Geltung gemeint ist.

Kollokationen und Kookkurrenzen

ab olim … usque nunc – „von alters her bis jetzt“; besonders transparente Konstruktion mit ausdrücklicher Angabe von Ausgangs- und Endpunkt.

ab olim mihi notum – „mir seit langem bekannt“; Verbindung mit einem Zustandsprädikat, bei dem die Dauer bis zum Bezugspunkt hervorgehoben wird.

ab olim notum – „seit langem bekannt“; allgemein verwendbares Muster für einen bereits lange bestehenden Kenntnisstand.

ab olim constitutum – „seit alters festgesetzt/eingerichtet“; besonders für institutionelle und normative Zusammenhänge naheliegend.

ab olim observatum – „von alters her beachtet/eingehalten“; geeignet für Gewohnheiten, Normen und Bräuche.

ab olim possessum – „seit langem besessen“; typischer semantischer Kontext für urkundliche beziehungsweise rechtliche Aussagen über langen Besitz.

ab olim inter … – mittelalterlich in der Einleitung bereits länger bestehender Beziehungen oder Verhältnisse belegt.

Die Fügung verbindet sich besonders natürlich mit Prädikaten, die einen länger fortbestehenden Zustand ausdrücken: bekannt sein, bestehen, gelten, besitzen, beobachten, anerkennen, eingerichtet sein oder überliefert sein. Sie kann jedoch auch eine ganze historische Aussage temporal rahmen.

Oberbegriff

sprachlicher Ausdruck → Mehrwortverbindung → adverbiale Fügung → temporale Adverbialbestimmung → Ausgangspunktbestimmung der Vergangenheit → ab olim.

Grammatisch lässt sich eine zweite Hierarchie formulieren: Präpositionalfügung → Präposition + Adverb → spät-/mittellateinische analytische Temporalfügung → ab olim.

Semantisch gehört die Verbindung zum Oberfeld Zeit → Vergangenheit → zeitliche Ferne → zeitlicher Ausgangspunkt → Fortdauer aus entfernter Vergangenheit.

Unterbegriffe

Als einzelne Phrase besitzt ab olim keine Unterbegriffe im streng taxonomischen Sinn. Für die Bedeutungsanalyse können jedoch verschiedene funktionale Verwendungstypen unterschieden werden.

Kontinuatives ab olim bezeichnet einen Zustand, der lange zuvor begonnen hat und am Bezugspunkt noch besteht: „seit langem“. Egerias Ausdruck ab olim mihi notum gehört in diese Gruppe.

Historisch-extensives ab olim bezeichnet den Beginn eines langen geschichtlichen Zeitraums und wird besonders deutlich mit einem Endpunkt kombiniert: ab olim … usque nunc.

Institutionell-traditionales ab olim bezeichnet etwas, das „von alters her“ besteht, etwa Rechte, Bräuche, Besitzverhältnisse oder institutionelle Zustände.

Retrospektives ab olim hebt lediglich die Ferne eines früheren Zustandes hervor und kann mit „ehemals“, „vor langer Zeit“ oder „in früheren Zeiten“ übersetzt werden.

Wortfamilie

Eine Wortfamilie der gesamten Fügung ab olim existiert nicht im gewöhnlichen morphologischen Sinn, da es sich nicht um ein einzelnes abgeleitetes Wort handelt. Die beiden Bestandteile gehören jedoch jeweils zu größeren historischen und semantischen Zusammenhängen.

ab gehört zur Familie der Ausgangs- und Trennungsausdrücke und ist zugleich als Präfix beziehungsweise Präverb außerordentlich produktiv. Dazu gehören unter anderem abeō „weggehen“, absum „abwesend sein“ und abdūcō „wegführen“.

ōlim gehört historisch in den deiktischen Zusammenhang des alten Demonstrativstammes ol-/oll-, der mit Formen wie ollus, olle und schließlich ille verbunden ist. Semantisch gehören außerdem temporale Fernausdrücke wie quondam, pridem und aliquando zum weiteren Bedeutungsfeld.

Sprachgeschichtlich besonders wichtig ist nicht eine morphologische Wortfamilie von ab olim, sondern eine Konstruktionsfamilie temporaler Wendungen mit Präpositionen: ab initio, ab antiquo, ab aeterno, ex tunc, a principio und verwandte Bildungen.

Wortbildung

ab olim ist keine Wortbildung im engeren Sinn, sondern eine syntaktische beziehungsweise phraseologische Verbindung zweier selbständiger Wörter. Weder wird ein neues Wort durch Ableitung gebildet noch liegt ein reguläres Kompositum vor.

Sprachgeschichtlich ist die Fügung dennoch ein wichtiger Fall von sekundärer Adverbialisierung und analytischer Konstruktion. Eine bereits adverbiale Zeitangabe wird durch eine Präposition zusätzlich relational markiert. Dadurch wird die Ausgangspunktbedeutung explizit, die bei olim allein nur aus dem Kontext hervorgehen würde.

Eine solche Entwicklung kann als Teil der allgemeinen Tendenz verstanden werden, syntaktische Beziehungen zunehmend durch eigenständige Funktionswörter sichtbar zu machen. Das spätere Latein erweitert die Verwendung von Präpositionen erheblich; entsprechende Strukturen wirken in unterschiedlicher Form in die romanische Sprachentwicklung hinein.

Eine vollständige Lexikalisierung zu einem einzigen Wort ist bei ab olim jedoch nicht eingetreten. Die Bestandteile bleiben formal selbständig und semantisch transparent.

Polysemie

Die Fügung besitzt keine extreme Polysemie, aber mehrere eng miteinander verbundene temporale Lesarten. Der semantische Mittelpunkt ist stets eine entfernte Vergangenheit als Ausgangspunkt.

In der Lesart „seit langem“ reicht ein in der Vergangenheit begonnener Zustand bis zum Bezugspunkt fort. Diese Interpretation ist aspektuell besonders stark und entspricht dem Egeria-Beleg.

In der Lesart „von alters her“ steht weniger die messbare Dauer als die Altertümlichkeit beziehungsweise Tradition eines Zustandes im Mittelpunkt. Diese Bedeutung ist für historische, institutionelle und rechtliche Texte besonders geeignet.

In der Lesart „seit jeher“ kann der Anfang so weit zurückliegen oder so unbestimmt sein, dass er praktisch nicht mehr konkretisiert wird. Die Wendung erhält dadurch eine generalisierende Wirkung.

In der Lesart „ehemals, vor langer Zeit“ kann die Fortdauer in den Hintergrund treten. Dieser Wert ist besonders in späteren juristischen Wörterbüchern und Übersetzungstraditionen sichtbar. Er nähert ab olim dem einfachen olim an.

Es handelt sich weniger um voneinander unabhängige lexikalische Bedeutungen als um unterschiedliche perspektivische Ausprägungen desselben Zeitmodells.

Homonyme und Homographe

Für die Gesamtfügung ab olim bestehen keine bedeutsamen lateinischen Homonyme. Die beiden Bestandteile können jedoch unabhängig voneinander andere Verwendungsweisen besitzen.

ab ist die gewöhnliche lateinische Präposition „von, von … her“ und kann außerhalb der hier behandelten Fügung zahlreiche räumliche, kausale, agentive und temporale Beziehungen ausdrücken. Eine isolierte Suche nach ab hat deshalb keinerlei Aussagekraft über die Häufigkeit von ab olim.

ōlim besitzt ein erheblich weiteres Bedeutungsspektrum als die Gesamtfügung. Neben „einst, ehemals“ kann es klassisch auch auf einen zukünftigen unbestimmten Zeitpunkt weisen. Diese zukünftige Bedeutung ist für ab olim aufgrund der mit ab markierten Herkunft aus einer zurückliegenden Zeit nicht charakteristisch.

In der französischen Rechts- und Verwaltungsgeschichte bezeichnet les Olim außerdem die alten Register des Pariser Parlaments. Dieser neuzeitliche französische substantivische Gebrauch ist historisch aus lateinisch olim hervorgegangen, stellt aber kein Homonym der lateinischen Fügung ab olim dar.

Redewendungen und Sprichwörter

Ein eigentliches Sprichwort mit ab olim ist nicht charakteristisch. Die Wendung selbst besitzt jedoch teilweise formelhaften Charakter und tritt in wiederkehrenden zeitlichen Konstruktionen auf.

ab olim usque nunc – „von alters her bis jetzt“, „seit alter Zeit bis heute“; besonders klare Formel einer vom fernen Vergangenen bis zur Gegenwart reichenden Zeitspanne.

ab olim mihi notum – „mir seit langem bekannt“; spätlateinisch belegtes Muster für einen lange bestehenden Wissenszustand.

ab olim notum – „seit langem bekannt“; später ohne notwendige Personenangabe verwendbares Muster.

ab olim observatum – „von alters her beobachtet/eingehalten“; charakteristisch für Normen und Bräuche.

ab olim constitutum – „seit alters eingerichtet/festgesetzt“; geeignet für institutionelle und rechtliche Traditionen.

Die formelhafte Wirkung beruht weniger auf einem sprichwörtlichen Bild als auf der wiederkehrenden dokumentarischen Funktion, das hohe Alter eines Zustandes hervorzuheben.

Metaphern

Die semantische Struktur von ab olim beruht auf einer grundlegenden konzeptuellen Metapher: Zeit wird als Raum beziehungsweise als Weg verstanden. Die Präposition ab bezeichnet ursprünglich räumliche Entfernung von einem Ausgangspunkt. In der temporalen Konstruktion wird eine vergangene Zeit wie ein Ort behandelt, von dem aus sich ein Zustand bis in eine spätere Gegenwart erstreckt.

Jordanes' ab olim … usque nunc macht diese räumliche Struktur besonders sichtbar. Es gibt einen Ausgangspunkt „einst“ und einen Endpunkt „jetzt“; zwischen beiden erstreckt sich die historische Entwicklung wie ein Weg.

Die Metaphorik ist allerdings stark grammatikalisiert. Ein spätlateinischer oder mittelalterlicher Schreiber musste die Wendung nicht als bewusstes poetisches Bild empfinden. Sprachwissenschaftlich bleibt die zugrunde liegende Raum-Zeit-Projektion dennoch erkennbar.

Metonymie

Metonymisch kann olim eine nicht näher definierte entfernte Vergangenheit für eine ganze historische Epoche oder Tradition stehen lassen. Statt einen konkreten Zeitpunkt zu nennen, verweist das Adverb auf „frühere Zeiten“ als zusammengefassten Erfahrungsraum.

In ab olim kann dieser unbestimmte entfernte Zeitpunkt dadurch für die gesamte lange Dauer eines Zustandes stehen. Der Ausgangspunkt repräsentiert dann gewissermaßen die Tradition, die von dort bis zum Bezugspunkt reicht.

Besonders im urkundlichen Gebrauch ist diese Unbestimmtheit funktional. „Von alters her“ muss keinen historisch exakt datierbaren Beginn bezeichnen; das hohe Alter und die Kontinuität einer Rechtslage können wichtiger sein als ein konkretes Anfangsdatum.

Register und Sprachstufe

ab olim ist vor allem dem Spätlatein, Mittellatein und späteren gelehrten beziehungsweise juristischen Latein zuzuordnen. Für streng klassizistische Prosa ist die Wendung nicht die naheliegendste Wahl. Ein klassischer Autor konnte die entsprechenden Bedeutungen durch olim, iam pridem, diu, ab antiquo oder andere reguläre Konstruktionen ausdrücken.

Der Egeria-Beleg zeigt einen spätlateinischen Gebrauch in einer relativ unmittelbaren, stark von der gesprochenen Sprache und biblischem Latein beeinflussten Prosa. Bei Jordanes erscheint dieselbe Struktur später in historiographischer Schriftsprache.

Im Mittelalter ist die Wendung besonders mit historiographischem, kirchlichem, diplomatischem und juristischem Latein vereinbar. Die Aufnahme bei Du Cange bestätigt ihre Zugehörigkeit zum Wortschatz der mittleren und niederen Latinität.

In neulateinischen Rechtslexika kann ab olim schließlich als traditionssprachliche feste lateinische Wendung erscheinen. In einem heutigen lateinischen Text wirkt sie entsprechend historisierend beziehungsweise gelehrt.

Regionale Varianten

Eine eindeutige geographische Zuordnung von ab olim zu einer einzelnen lateinischen Region lässt sich aus der Beleglage nicht begründen. Egeria steht wahrscheinlich in einem westlichen, möglicherweise hispanischen kulturellen Zusammenhang; daraus folgt jedoch nicht, dass die Konstruktion ein Hispanismus wäre.

Jordanes verwendet die Fügung in einem völlig anderen spätantiken literarischen und geographischen Milieu. Mittelalterliche urkundliche Belege treten wiederum in unterschiedlichen europäischen Zusammenhängen auf. Diese Verteilung spricht eher für eine überregionale Entwicklung des späteren Lateins als für eine klar lokalisierbare Dialektform.

Unterschiede bestehen stärker nach Epoche, Textsorte und Register als nach Region. Die zunehmende Verbindung von Präpositionen mit Adverbien ist ein allgemeineres spät- und mittellateinisches Strukturphänomen.

Aktuelle Statistik

Lemma ab olim
Ausdruckstyp temporale adverbiale Fügung
Hauptbedeutung seit langem; von alters her
Klassisch nicht charakteristische Standardfügung; olim allein ist klassisch
Spätlatein sicher belegt
Egeria Beleg im Itinerarium, spätes 4. Jahrhundert
Jordanes Beleg in der Getica, 6. Jahrhundert
Mittellatein belegt und lexikographisch als eigene Fügung erfasst
Du Cange eigenes Lemma AB OLIM: jam pridem; depuis longtemps
Neulatein/juristische Traditionssprache weiter überliefert
Exakte universelle Trefferzahl nicht sinnvoll ohne festgelegtes und normalisiertes Korpus anzugeben
Stand September 2026

Eine belastbare universelle Häufigkeitszahl für ab olim existiert nicht. Die relevanten Korpora unterscheiden sich erheblich hinsichtlich Zeitraum, Textsorte, Editionsweise und Vollständigkeit. Eine Zahl aus einem spätlateinischen Korpus wäre beispielsweise nicht unmittelbar mit einer mittelalterlichen Urkundensammlung oder einem neulateinischen Rechtskorpus vergleichbar.

Die qualitative Statistik ist dagegen eindeutig. Ōlim allein ist ein häufiges und klassisches Adverb; ab olim ist eine wesentlich seltenere sekundäre Fügung. Sie ist spätestens im späten 4. Jahrhundert sicher belegt, im 6. Jahrhundert historiographisch nachweisbar und im mittelalterlichen Latein so etabliert, dass Du Cange ihr einen eigenen Wörterbucheintrag widmet.

Die Fügung ist daher als selten gegenüber olim, aber sprachgeschichtlich klar und über mehrere Epochen hinweg belegt zu charakterisieren.

Häufigkeit und Statistik

Lemma ab olim
Absolute Häufigkeit korpusabhängig; keine seriöse universale Gesamtzahl
Relative Häufigkeit gegenüber olim deutlich geringer
Klassisches Latein selten beziehungsweise nicht charakteristisch
Spätlatein mehrfach dokumentierter Konstruktionstyp
Mittellatein etablierter präpositional-adverbialer Ausdruck
Dokumentarisches Latein besonders geeigneter Gebrauch für lange bestehende Zustände und Verhältnisse
Semantischer Schwerpunkt seit langem; von alters her
Typisches Kookkurrenzmuster ab olim … usque nunc
Statistisches Problem Variierende Korpora, Schreibweisen und Zeitstufen verhindern eine allgemein gültige Prozentangabe

Statistisch muss streng zwischen der Häufigkeit von olim und derjenigen der Mehrwortfügung ab olim unterschieden werden. Eine Suche nach olim erfasst eine große Zahl klassischer und nachklassischer Stellen, von denen nur ein kleiner Teil die Präposition ab enthält.

Für eine methodisch belastbare Quantifizierung wäre eine exakte Phrasensuche in einem fest definierten Korpus notwendig. Anschließend müssten Editionsvarianten, Interpunktion, mögliche Zeilenumbrüche und orthographische Normalisierung berücksichtigt werden. Erst danach ließen sich relative Werte pro Million Wörter oder pro Autor sinnvoll vergleichen.

Die bisherige Belegverteilung erlaubt dennoch eine klare historische Aussage: ab olim ist gegenüber dem einfachen olim sekundär, im klassischen Kernlatein nicht zentral, im Spätlatein sicher vorhanden und im Mittellatein Teil eines produktiver werdenden Systems analytischer Präpositionalfügungen.

Wortbildung als Erstglied

ab olim ist selbst kein produktives Erstglied eines lateinischen Kompositums. Es handelt sich um eine syntaktische Phrase und nicht um ein Präfix.

Strukturell gehört die Fügung jedoch zu einer größeren Reihe von Ausdrücken, die mit ab beginnen und einen zeitlichen Ausgangspunkt bezeichnen. Dazu gehören ab initiō „von Anfang an“, ab antīquō „von alters her“, ab aeternō „von Ewigkeit her“ und andere entsprechende Konstruktionen.

In diesem Sinn kann ab + Zeitbestimmung als produktives syntaktisches Muster betrachtet werden. ab olim ist eine besondere Realisierung dieses Musters, weil an der zweiten Stelle kein ablativisches Nomen oder Adjektiv, sondern ein Adverb steht.

Wortbildung als Letztglied

ōlim ist innerhalb der Phrase das zweite Glied, bildet aber kein produktives morphologisches Letztglied. Eine regelmäßige Reihe lateinischer Komposita auf -olim existiert nicht.

Die Bedeutung entsteht nicht durch Komposition, sondern durch die syntaktische Verbindung des Temporaladverbs mit ab. Das Adverb bewahrt seine zeitliche Grundbedeutung, während die Präposition daraus einen expliziten Ausgangspunkt macht.

Für das Lexikon ist deshalb festzuhalten: keine reguläre Wortbildung mit ab olim als Erstglied und keine produktive Komposition mit olim als Letztglied; vielmehr phraseologische beziehungsweise syntaktische Verbindung.

Übersetzungen

Lemma ab olim
Deutsch seit langem; von alters her; seit jeher; von früher her; je nach Kontext ehemals, vor langer Zeit
Altgriechisch ἐκ παλαιοῦ; πάλαι – von alters her, seit langem
Lateinisch iam pridem; ab antiquo; iam diu; je nach Kontext olim
Italienisch da lungo tempo; da tempo antico; da sempre; je nach Kontext anticamente
Französisch depuis longtemps; de longue date; depuis toujours; je nach Kontext autrefois
Spanisch desde hace mucho tiempo; desde antiguo; desde siempre; je nach Kontext antiguamente
Englisch for a long time; from long ago; of old; from of old; je nach Kontext formerly, in times past

Die Übersetzung „seit langem“ ist besonders geeignet, wenn der in der Vergangenheit begonnene Zustand bis zum jeweiligen Bezugspunkt fortbesteht. Für Egerias ab olim mihi notum ist diese Wiedergabe natürlicher als bloßes „ehemals bekannt“.

„Von alters her“ eignet sich besonders für historische, institutionelle und traditionelle Zustände. Bei Jordanes' ab olim … usque nunc entspricht „von alters her … bis heute“ sehr genau der zeitlichen Struktur des Originals.

„Seit jeher“ kann verwendet werden, wenn der konkrete Anfang vollständig in unbestimmter Vergangenheit verschwindet und vor allem die lange Tradition ausgedrückt werden soll. Die Übersetzung ist allerdings stärker generalisierend als das lateinische Original und sollte daher vom Kontext abhängig gemacht werden.

„Ehemals“, „früher“ und „vor langer Zeit“ kommen insbesondere dann in Betracht, wenn keine Fortdauer gemeint ist. Diese Wiedergaben nähern die Fügung semantisch dem einfachen olim an und sind vor allem in späterer juristischer Übersetzungstradition verbreitet.

Als altgriechische funktionale Entsprechung ist ἐκ παλαιοῦ besonders passend. Der Ausdruck bedeutet „von alters her“ beziehungsweise „seit alter Zeit“ und ist bereits in klassischem Griechisch belegt. Er entspricht der Quellenstruktur von ab olim genauer als das bloße Adverb πάλαι.