ab

Lexikon

ab ist als Adverb ein sehr altes deutsches Richtungs- und Zustandswort mit der Grundvorstellung der Entfernung von einem Ausgangspunkt. Seine zentrale Bedeutung lautet „weg, fort, entfernt“. Diese erscheint besonders deutlich in räumlichen Verwendungen wie weit ab liegen, links ab, zwei Kilometer ab oder weit vom Weg ab. Anders als die gleichlautende Präposition ab regiert das Adverb dabei kein von ihm abhängiges Substantiv in einem bestimmten Kasus, sondern bezeichnet selbständig eine Richtung, Entfernung oder räumliche Lage. In weit vom Dorf ab ist beispielsweise ab das Richtungs- beziehungsweise Entfernungsadverb, während vom Dorf die Bezugsgröße nennt. Die räumliche Grundbedeutung lässt sich mit weg, fort oder entfernt umschreiben, wobei ab stärker als entfernt die Vorstellung einer Orientierung von einem Bezugspunkt weg bewahrt.

Besonders charakteristisch ist der elliptische Gebrauch in Aufforderungen. Äußerungen wie ab nach Hause!, ab ins Bett! oder einfach ab! fordern jemanden auf, sich von seinem gegenwärtigen Ort zu entfernen beziehungsweise sich unverzüglich zum genannten Ziel zu begeben. Das Adverb verbindet dabei die alte Bedeutung „fort, weg“ mit einem starken Aufforderungscharakter. Auch die traditionelle Bühnenanweisung ab gehört hierher: Sie bedeutet, dass eine Bühnenfigur abgeht und die Spielfläche verlässt. Solche Verwendungen zeigen besonders deutlich, dass das Wort grammatisch ohne ein regiertes Objekt vollständig sein kann. Die Bewegungsrichtung wird entweder allein aus der Situation erschlossen oder durch eine weitere Richtungsangabe wie ins Bett, nach Hause oder durch die Mitte präzisiert.

Eine spezielle fachsprachliche beziehungsweise elliptische Verwendung findet sich im Verkehrswesen. Angaben wie Darmstadt ab 7.30 Uhr kennzeichnen die Abfahrt von einem genannten Ort zu einer bestimmten Zeit. Hier entspricht ab ungefähr „Abfahrt“ oder „fährt ab“. Der Gebrauch ist von der Präposition in einer Verbindung wie ab Darmstadt zu unterscheiden: Bei Darmstadt ab 7.30 Uhr steht der Ortsname selbständig, und ab fungiert als verkürzte Angabe des Wegfahrens. Die Konstruktion gehört zur stark verdichteten Sprache von Fahrplänen und Verkehrsangaben und bewahrt die Vorstellung des Sichentfernens besonders unmittelbar.

Aus der allgemeinen Richtung „weg“ entwickelt sich die speziellere Bedeutung „herunter, hinunter, nieder“. Sie begegnet vor allem in traditionellen Kommandos und elliptischen Aufforderungen wie Gewehr ab! oder Helm ab!. Gemeint ist jeweils, dass ein Gegenstand aus seiner erhöhten oder getragenen Position heruntergenommen wird. Auch die feste Verbindung Hut ab! beruht auf dieser Struktur, hat sich jedoch zusätzlich zu einer übertragenen Anerkennungsformel entwickelt. Das Adverb benennt in solchen Fällen nicht mehr nur eine Entfernung schlechthin, sondern eine gerichtete Entfernung nach unten beziehungsweise von einer getragenen Position weg. Die Bedeutungen „fort“ und „herunter“ sind deshalb nicht unabhängig voneinander, sondern unterschiedliche räumliche Konkretisierungen derselben Grundvorstellung.

Ein weiterer wichtiger Gebrauch liegt in Verbindungen mit sein. In Sätzen wie der Knopf ist ab, die Farbe ist ab oder der Henkel ist ab bezeichnet ab das Ergebnis eines Ablösungsvorgangs: Etwas, das zuvor befestigt oder mit einer Oberfläche verbunden war, ist nun abgetrennt, losgelöst oder nicht mehr vorhanden. Die Verbindung ab sein wird getrennt geschrieben und ist besonders in der gesprochenen Sprache geläufig. Das Adverb drückt hier keine aktuelle Bewegung aus, sondern einen resultierenden Zustand. Semantisch besteht dennoch eine klare Beziehung zur Richtungsbedeutung: Was „ab“ ist, hat sich von seinem früheren Bezugspunkt entfernt beziehungsweise die Verbindung zu ihm verloren.

Umgangssprachlich besitzt ab sein außerdem die übertragene Bedeutung „sehr erschöpft, mit den Kräften am Ende sein“. Wer nach großer körperlicher oder psychischer Anstrengung sagt, er sei „völlig ab“, bezeichnet damit einen Zustand erheblicher Erschöpfung. Diese Verwendung lässt sich als metaphorische Erweiterung des resultativen Bedeutungsbereichs verstehen: Die Person wird bildlich als nicht mehr voll funktionsfähig beziehungsweise als ihrer Kraft beraubt charakterisiert. Dieser Gebrauch ist deutlich umgangssprachlich und darf nicht mit der räumlichen oder gegenständlichen Bedeutung von ab sein gleichgesetzt werden.

Eine besondere Stellung nehmen die festen adverbialen Verbindungen ab und zu und ab und an ein. Beide bedeuten heute „gelegentlich, manchmal, von Zeit zu Zeit“. Bei ab und zu ist die ursprüngliche räumliche Vorstellung im gegenwärtigen Sprachgefühl weitgehend verblasst. Historisch konnte die Verbindung jedoch auch eine wechselnde Bewegung bezeichnen, etwa ein Fortgehen und Wiederkommen, ähnlich „aus und ein“. Aus einer Vorstellung wiederholter wechselnder Bewegung entwickelte sich die zeitliche Bedeutung des gelegentlichen Auftretens. Ab und an ist besonders im norddeutschen Sprachraum verbreitet, inzwischen jedoch weit über diesen hinaus verständlich. In beiden Fügungen ist ab Bestandteil einer lexikalisierten adverbialen Wortgruppe und kann nicht ohne Bedeutungsveränderung isoliert ersetzt werden.

Auch in auf und ab steht ab in einer festen koordinierenden Verbindung. Die Fügung kann eine wiederholte vertikale Bewegung nach oben und unten bezeichnen, etwa wenn ein Gegenstand auf und ab schwingt, oder eine Bewegung hin und her, wenn jemand in einem Raum auf und ab geht. Substantiviert bezeichnet das Auf und Ab zudem einen ständigen Wechsel, beispielsweise zwischen Erfolg und Misserfolg oder günstigen und ungünstigen Entwicklungen. In dieser Verbindung tritt der ursprüngliche Gegensatz von auf „nach oben“ und ab „nach unten, weg“ besonders deutlich hervor.

Grammatisch muss das selbständige Adverb von ab- als Bestandteil trennbarer Partikelverben unterschieden werden. In abfahren, abfallen, abnehmen, abschneiden oder abreisen ist ab- eine gebundene beziehungsweise verbale Partikel, die zusammen mit dem Verb eine lexikalische Einheit bildet. Bei finiten trennbaren Formen erscheint sie zwar äußerlich selbständig am Satzende – der Zug fährt ab –, bleibt aber grammatisch Bestandteil des Verbs abfahren. In der Knopf ist ab oder weit vom Weg ab liegt dagegen das selbständige Adverb vor. Diese Unterscheidung ist für die lexikographische Analyse wesentlich, obwohl Adverb und Verbpartikel historisch aus derselben Richtungsangabe hervorgegangen sind.

Etymologie

ab gehört zu den ältesten erhaltenen Funktionswörtern des Deutschen. Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen belegt althochdeutsch aba, ab bereits zugleich als Präposition, Adverb und präverbales Element mit der Bedeutung „von, von … weg“. Im Mittelhochdeutschen erscheinen abe und ab; daraus entwickelte sich unmittelbar die neuhochdeutsche Form. Die heutige adverbiale Bedeutung „weg, fort“ ist damit keine jüngere Abkürzung aus Verben wie abgehen oder abfahren, sondern setzt eine bereits im ältesten überlieferten Deutsch selbständig gebrauchte Richtungsangabe fort.

Die germanische Wortfamilie ist weit verbreitet. Entsprechungen sind altsächsisch af, mittelniederdeutsch af, ave, altfriesisch of, af, altenglisch of, æf, altnordisch af und gotisch af. Im heutigen Niederländischen besteht af, im Schwedischen und Norwegischen av; auch englisch of und off gehören historisch in diesen Zusammenhang. Die unterschiedlichen heutigen grammatischen Funktionen dieser Wörter dürfen allerdings nicht einfach gleichgesetzt werden. Gemeinsam ist ihnen die aus der älteren Sprachstufe überlieferte Vorstellung von Entfernung, Trennung oder Bewegung von etwas weg.

Noch weiter zurück führt die Wortgeschichte zu indogermanisch *apo mit der Grundbedeutung „weg, von … weg“. Unmittelbare Verwandte sind unter anderem altindisch ápa „weg, fort“, altgriechisch apó „von, weg“ und lateinisch ab „von, weg von“. Die semantische Kontinuität ist bemerkenswert: Von der rekonstruierten indogermanischen Partikel über germanisch *af beziehungsweise die althochdeutschen Formen bis zum heutigen deutschen Adverb bleibt der Begriff der Entfernung von einem Bezugspunkt erhalten.

Schon die älteste deutsche Sprachstufe zeigt außerdem, wie eng der selbständige adverbiale Gebrauch mit Verbindungen zu Verben verbunden war. Besonders aufschlussreich ist althochdeutsch aba sîn. Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen weist dafür die Bedeutung „nicht vorhanden sein, fehlen“ nach; mittelhochdeutsch abe sîn konnte unter anderem „abtreten, aufgehoben sein“ bedeuten, während spätere Sprachstufen weitere Bedeutungen entwickelten. Die heutige umgangssprachliche Verbindung ab sein in Sätzen wie der Knopf ist ab gehört somit in eine sehr alte Tradition von Verbindungen eines Richtungsadverbs mit sein, auch wenn die einzelnen Bedeutungen sich über die Jahrhunderte verändert haben.

Die moderne Bedeutungsstruktur lässt sich insgesamt aus der alten Raumvorstellung erklären. Aus „weg von einem Punkt“ entstehen einerseits die Bedeutungen „fort, entfernt“ und die Aufforderung zum Weggehen, andererseits „herunter“ als gerichtete Entfernung aus einer erhöhten Position. Aus dem vollzogenen Entfernen entwickelt sich der resultative Zustand „abgetrennt, losgelöst“. Die zahlreichen Bildungen mit ab- in der deutschen Verbal- und Nominalwortbildung beruhen auf demselben historischen Kern, gehören synchron jedoch nicht sämtlich zum Adverb ab.

Synonyme

weg ist für die zentrale räumliche Bedeutung das engste allgemeinsprachliche Synonym. Ab nach Hause! lässt sich etwa durch „weg“ beziehungsweise „los, nach Hause“ umschreiben. Weg besitzt allerdings zahlreiche eigene Bedeutungen und kann ab nicht in allen festen Wendungen ersetzen.

fort entspricht ab besonders in der Bedeutung „von einem Ort weg“. Es ist gegenüber dem häufig sehr knappen und elliptischen ab stilistisch selbständiger und teilweise gehobener. In einer Bühnenanweisung oder einem Kommando sind die beiden Wörter deshalb nicht stets austauschbar.

entfernt ist bedeutungsnah, wenn ab eine räumliche Distanz bezeichnet, etwa in weit ab von bewohnten Gebieten. Das Adjektiv beziehungsweise Adverb entfernt bezeichnet stärker den bestehenden Abstand, während ab historisch und semantisch stärker die Orientierung vom Bezugspunkt weg enthält.

herunter, hinunter und nieder sind nur für die richtungsbezogene Bedeutung synonym, insbesondere in Aufforderungen und Kommandos. Sie entsprechen dem ab von Gewehr ab! oder vergleichbaren Verbindungen, nicht aber dem ab in weit vom Weg ab oder der Knopf ist ab.

abgetrennt, losgelöst, lose und abgegangen sind bedeutungsnah, wenn ab mit sein einen resultierenden Zustand bezeichnet. Der Knopf ist ab kann etwa durch „der Knopf ist abgegangen“ oder „der Knopf hat sich gelöst“ paraphrasiert werden.

Für ab und zu und ab und an gelten dagegen gelegentlich, manchmal, bisweilen, zuweilen, dann und wann und von Zeit zu Zeit als Synonyme der gesamten festen Verbindung. Sie sind keine Synonyme des isolierten Adverbs ab.

externe links

Duden – ab, Adverb – maßgeblicher Wörterbucheintrag zu den Bedeutungen „weg, fort, entfernt“, „herunter, hinunter, nieder“, „losgelöst, abgetrennt“ sowie zu den Verbindungen ab und zu und ab und an.

Duden – ab sein – eigener Eintrag zur umgangssprachlichen Verbindung mit den Bedeutungen „entfernt sein“, „abgetrennt sein, fehlen“ und „sehr erschöpft sein“.

Duden – Synonyme zu ab – Zusammenstellung bedeutungsnaher Wörter wie weg, fort, entfernt, herunter, abgetrennt und losgelöst.

Duden – auf und ab – Wörterbuchangabe zur festen Verbindung für eine wiederholte Auf- und Abwärtsbewegung beziehungsweise eine Bewegung hin und her.

Duden – das Auf und Ab – Eintrag zur Substantivierung der adverbialen Verbindung und ihrer übertragenen Bedeutung eines fortgesetzten Wechsels.

Duden – Gewehr – dokumentiert das traditionelle Kommando Gewehr ab! und damit den adverbialen Gebrauch von ab in der Bedeutung „herunter, nieder“.

Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen – aba, ab – grundlegende wissenschaftliche Etymologie von althochdeutsch aba, ab als Präposition, Adverb und Präverb „von, von … weg“ mit germanischen und indogermanischen Vergleichsformen.

Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen – aba sîn – wissenschaftliche Untersuchung der bereits althochdeutsch belegten Verbindung von aba mit sein und ihrer Entwicklung in späteren Sprachstufen.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm – ab – umfangreicher historischer Wörterbuchartikel zur Entwicklung und Bedeutungsbreite von ab.

Mittelhochdeutsches Handwörterbuch von Matthias Lexer – ab, abe – historische Belege zu mittelhochdeutsch ab und abe und ihren räumlichen beziehungsweise adverbialen Funktionen.

Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache – ab – lexikographischer Zugang zu Bedeutung, Wortgeschichte, Verwendungsbelegen und Wortverbindungen des Lemmas.

Wiktionary – ab – Überblick über den adverbialen Gebrauch, feste Verbindungen, Synonyme und die historische Verwandtschaft mit germanischen und indogermanischen Formen.

Langenscheidt – ab – Gegenüberstellung der verschiedenen adverbialen Bedeutungen, darunter „weg, fort“, „herunter“ und ab sein im Sinne von „losgelöst sein“.